Schwabe Magazin Ausgabe 2015 / 2

Gastbeitrag
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© Basler Papiermühle
Beitragsreihe der Basler Papiermühle zur Buchstadt Basel
Das Goldene Zeitalter des Basler Buchdrucks
von Martin Kluge, Basler Papiermühle
Hätte man in Basel jemanden vor 500 Jahren auf der
Strasse nach dem Weg zu den Basler Humanisten gefragt, wäre die Antwort wahrscheinlich ernüchternd
ausgefallen. Weitgehend unbemerkt frönten sie ihrem
freien Geist in hochgebildeten Gelehrtenzirkeln hinter verschlossenen Türen. Wer waren also die Gelehrten und ihre Drucker, die Basel zu einem Buchdruckzen­trum im 15. Jahrhundert machten?
Als Johannes von Ragusa, Legat der Römischen Kurie,
am 23. Juli 1431 das Basler Konzil eröffnete, blickte die
Welt nach Basel. In einem letzten Anlauf sollte durch
das Konzil die Einheit der Kirche wiederhergestellt werden, bevor sie in den Wirren der Reformationszeit gänzlich auseinanderbrach. Zu dieser Zeit war Basel mit seinen rund 8’000 bis 10’000 Einwohnern noch weit davon
entfernt, als kulturelles oder intellektuelles Zentrum
wahrgenommen zu werden. Ernüchtert berichtete damals der italienische Humanist Enea Silvio Piccolomini
bei einem Konzilbesuch über die Stadt: «Für die Wissenschaften und schönen Künste haben sie nichts übrig und
von Cicero oder einem anderen Redner haben sie noch
nie etwas gehört. Auch um die Werke der Dichter kümmern sie sich nicht. Sie betreiben nur Grammatik und
Dialektik.» Doch das Konzil brachte die Wende. Zahlreiche Handschriften für theologische und politische Disputationen gelangten zu dieser Zeit nach Basel, und aus
einer für die Konzilsteilnehmer eingerichteten Hohen
Schule entstand später die Basler Universität als erste
auf dem Gebiet der heutigen Schweiz. Für den Aufstieg
Basels zu einer gelehrten Bücherstadt waren nun alle
Voraussetzungen gegeben. In dieses Umfeld kam Berthold Ruppel (?–1494/95), ein Geselle Gutenbergs, nach
Basel und druckte 1468 sein erstes Werk. Ihm folgten
bis zum Jahr 1500 rund 70 Drucker; etwa 580 Werke
wurden bis dahin in Basel herausgegeben.
Druckerverleger auf eigenes Risiko
Das neu entstandene Buchdruckerhandwerk war ausgesprochen prestigeträchtig und bot gute Aufstiegschancen. Doch so verlockend das Gewerbe schien, so
riskant war es durch seine Kapitalintensivität. Die Drucker waren Handwerker und Verleger zugleich und trugen das gesamte finanzielle Risiko alleine. Für die Edition
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Gastbeitrag
Seite vorher: Bibelkonkordanz,
Basel, Johannes Froben, 1526.
Winkelhaken aus Holz
und Bein, Zürich, um 1700.
Dahinter Druckballen.
eines antiken Werks, dessen Herausgabe ein gutes Geschäft versprach, musste zunächst aus verschiedenen
handschriftlichen Überlieferungen die definitive Druckvorlage erstellt werden. Dafür brauchte es geschulte
Spezialisten, die honoriert werden wollten. Für den Druck
mussten ausreichend neue Schriften gegossen und
gros­se Mengen Papier eingekauft werden. Vor allem der
Papierankauf stellte eine grosse Investition dar, die rund
die Hälfte der später zu erwartenden Einnahmen schon
im Vorfeld verschlang. Der Aufwand war immens, leicht
überstiegen die vorauszuzahlenden Kosten den Wert
eines Stadthauses. Wurde die Auflage zu hoch eingeschätzt, konnte es leicht passieren, dass der ausbleibende Verkauf die hohen Vorausinvestitionen nicht deckte.
Die ersten Drucker in Basel
Die erste Generation der Basler Drucker um Berthold
Ruppel orientierte sich bei der Herausgabe ihrer Bücher
eng an den Institutionen, die schon das ganze Mittelalter
hindurch mit Büchern zu tun hatten: Kirchen und Klöster.
Einer dieser Drucker war Michael Wenssler (vor 1462–
© Daniel Schvarcz
humanistisches Gesicht. Einer dieser humanistischen
Grössen war Sebastian Brant (1457–1521). Er unterrichtete
sowohl in der artistischen wie auch in der juristischen
Fakultät und gab systematisch, verteilt auf die wichtigsten
Druckereien der Stadt, den Corpus Iuris Canonici, die massgeblichen Schriften des Kirchenrechts, heraus. Sein wohl
bekanntestes Werk ist das Narrenschiff, gedruckt bei
Johann Bergmann von Olpe im Jahr 1494. Diese mit über
hundert Holzschnitten illustrierte Moralsatire, die der
gesamten damaligen Gesellschaft den Spiegel vorhielt,
erwies sich als erfolgreichstes deutschsprachiges Buch
der Vorreformationszeit.
In Umgangssprache verfasst, sprach das Narrenschiff
auch eine neue kaufkräftige Kundschaft an, die sich zunehmend für Bücher zu interessieren begann: die städtischen Patrizier und wohlhabenden Kaufleute der Stadt.
Ihre Lateinkenntnisse waren in der Regel bescheiden,
ihr Interesse an Wissen hingegen gross. Schnell entpupp­
ten sich Werke wie der Gart der Gesundheit, das erste
illus­
trierte deutschsprachige Kräuterbuch (erstmals
1485 in Mainz, bereits 1486 bei Michael Furter in Basel
«Obwohl Mainz die Druckkunst erfunden hat, hat sie Basel eigentlich aus dem Dreck gezogen.»
(Artem pressuare quanquam Moguncia finxit, e limo traxit hanc Basilea tamen).
Michael Wenssler, 1472
nach 1499). Er kam 1462 als Student an die gerade erst
gegründete Universität und druckte ab 1474 für ebendiesen Markt. Bald schon wurde er zu einem der bedeutendsten und reichsten Drucker der Stadt. Doch das kapital­
intensive Geschäft barg seine Risiken und Wenssler verkalkulierte sich gründlich. Bankrott floh er 1491 aus der
Stadt und musste Haus und Druckerei zurücklassen.
Einen sicheren Absatz versprach auch die Universität,
die durch ihre Entstehung aus dem Konzil heraus stark
auf das Kirchenrecht und die theologische Fakultät ausgerichtet war. Durch einige ihrer Professoren erhielt
sie in der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts ein neues,
gedruckt), oder Hartmann Schedels Weltchronik zu
wah­ren Bestsellern im ausgehenden 15. Jahrhundert.
So druckte Johannes Amerbach (1440–1513) in Basel
auch deutschsprachige Almanache, Kalenderblätter
und Andachts­literatur wie das Zeitglöcklein des Leben und
Leidens Christi.
Humanistische Drucke in Basel
Johannes Amerbach war es auch, der als erster Drucker
in Basel humanistische Autoren in sein Verlagsprogramm
mit aufnahm und dazu nach italienischem Vorbild eine
Antiqua-Schrift verwendete. Er gilt als der Wegbereiter
Gastbeitrag
© Roland Schmid
des Humanismus in Basel. Aus der Werkstatt Amerbachs
am Totengässlein, die sich dort befand, wo heute das
Pharmazie-Historische Museum untergebracht ist, ging
schliesslich einer der bedeutendsten Basler Drucker
des Humanismus hervor, Johannes Froben (1460–1527).
Er übernahm 1507 die Druckerei «im Sessel», wie die
Liegenschaft heute noch heisst, und betrieb sie unter
eigenem Namen weiter. Viel Geld gab Froben für Künstler
wie Urs Graf und Hans Holbein aus, die in seiner Werkstatt Zierleisten, Titeleinfassungen und Initialen fertigten. Für seine hochqualitative Buchgestaltung gilt Froben
heute für viele als «Fürst unter den Buchdruckern des
16. Jahrhunderts».
Besonderen Aufwind bekam das Druckgeschäft mit
der Ankunft Erasmus’ von Rotterdam in Basel, der bald
schon eine enge Freundschaft zu Johannes Froben
pflegte. «Wie die Bienen fliegen wir auf den bunten Wie-
Historische Druckerstube
mit Gutenberg-Holzpresse.
sen der Wissenschaft umher und schwelgen bald in den
Gärten der Philosophen, bald auf den Auen des Hesiod
und Theokrit, bald am homerschen Quell», beschrieb
Gerardus Listrius, ein Mitarbeiter aus Frobens Druckerei, die Arbeit dieser Jahre. Bald schon zogen die Gelehrtenzirkel im Umfeld der Drucker weit bedeutendere
Gelehrte an als die noch junge Universität. Der freie,
huma­nistisch geprägte Geist der Stadt war auf seinem
Höhepunkt angekommen, Basel laut dem Mediziner
Oswal­d Bär zur «inexhausta librorum mater», zur un­
ersättlichen Mutter der Bücher aufgestiegen.
Die einzelnen Arbeitsschritte der Buchherstellung vom
Schöpfen der Papiere, dem Giessen der Schriften und der
Arbeit am Setzkasten lassen sich erleben und ausprobieren, ganz ohne verlegerisches Risiko – bei einem Besuch in der Basler Papiermühle.
Basler Papiermühle –
Schweizerisches Museum für Papier,
Schrift und Druck
Verteilt auf vier Stockwerke, bietet das Museum eine
faszinierende Atmosphäre mit einer Mischung aus
Ausstellung und Produktionswerkstätten. Als Besonderheit des Papiermuseums haben die Besucher Ge­
legenheit, sich in der «weissen» oder «schwarzen»
Kunst zu versuchen. Das selbst geschöpfte Blatt Papier,
eigene Versuche in der Handsetzerei und Schreibver­
suche mit Tinte und Federkiel gehören bei jedem Museumsbesuch dazu.
www.papiermuseum.ch
Basler Papiermühle, St. Alban-Tal 37, 4052 Basel
061 225 90 90, [email protected]
Öffnungszeiten Di–Fr, So 11–17 Uhr; Sa 13–17 Uhr
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© Daniel Schvarcz