„Ich habe Angst vor der Scham und schäme mich meiner Angst“

44. LÜBECKER PSYCHOTHERAPIETAGE 2015
UNVERSCHÄMT
Dipl.-Psych. O. Bohlen
Bad Segeberg
„Ich habe Angst vor der Scham und schäme
mich meiner Angst“
- Kognitiv-emotional-behaviorale Therapie der sozialen Angststörung -
44. LÜBECKER PSYCHOTHERAPIETAGE 2015
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Inhalte Vortrag „Soziale Angststörung“
1. Klassische Methoden und aktueller Stand der KVT bei Sozialer
Phobie
2. Bislang erreichte Wirksamkeit der Psychotherapie
3. Gegenwärtige Forschung zum Störungsbild (SOPHO-Net)
4. Schnittstellen kognitiv-behavioraler und psychodynamischer
Therapie
5. Integration moderner Methoden der Familie der
Verhaltenstherapien i. S. einer differenziellen Binnenindikation
6. Zum Verhältnis von Scham und Angst bei der Sozialen
Angststörung (Fallbeispiel)
26.09.2015
Dipl.-Psych. O. Bohlen
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Die Soziale Phobie ist eine häufige, chronisch
verlaufende und schwer beeinträchtigende Störung.
(Leichsenring et al. 2009, S.117)
Social anxiety disorder demands increased recognition,
so that sufferers receive the treatment they need, in
order to improve their quality of life through better social
functioning.
(Lépine & Pélissolo, 2000, P.87)
26.09.2015
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Symptomatik, Diagnostik
Begrifflichkeiten
Soziale Angststörung / Soziale Phobie
(Diskrete) Soziale Phobie: Befürchtungen, Angstsymptome und
Vermeidungsverhalten in umschriebenen Situationen (z.B. Befürchtung durch
Schwitzen im beruflichen Kontext negativ aufzufallen).
(Generalisierte) Soziale Angststörung: Befürchtungen, Angstsymptome und
Vermeidungsverhalten in vielen sozialen Kontexten mit starker Einengung des
Bewegungsspielraumes.
In der ICD 10 wird noch der Begriff der „Sozialen Phobien“ verwendet, im
DSM V der der „Sozialen Angststörung“
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Epidemiologie
Gesundheitsberichterstattung des Bundes (2004)
12-Monats-Prävalenz: ca. 2% (USA ca. 7%)
26.09.2015
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26.09.2015
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Epidemiologie
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Symptomatik, Diagnostik
Die Sozialphobie als blinder Fleck?
Pöhlmann¹ et al., 2009
613 Patienten machten u.a. Angaben zur psychischen Symptombelastung,
körperlichen Symptomatik und sozialen Beeinträchtigung.
Die Diagnose Sozialphobie wurde durch ein standardisiertes diagnostisches
Interview (DIA-X,Wittchen u. Pfister 1997) gestellt.
Ergebnisse:
 Eine Sozialphobie lag bei 25% der klinischen Stichprobe vor.
 Die Komorbidität war bei Sozialphobikern signifikant höher als bei anderen
Patienten (4.18 vs. 2.41 Diagnosen).
 Sozialphobiker wiesen durchschnittlich bei Aufnahme signifikant höhere
Symptombelastungen und körperliche, psychische und soziale
Beeinträchtigungen auf als andere Patienten.
 Symptombelastung der Sozialphobiker war auch nach der Therapie und ein
Jahr nach der Entlassung noch wesentlich höher als die anderer Patienten.
¹Universitätsklinik für Psychotherapie und Psychosomatik, Technische Universität Dresden.
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Symptomatik, Diagnostik
Diskussion der Studie
•
In der untersuchten Stichprobe wurde die Sozialphobie
unterdiagnostiziert.
•
Sozialphobiker sind komorbider und sowohl vor als auch nach der
Therapie stärker belastet und eingeschränkt als andere Patienten.
•
Möglicherweise sind (bei generalisierter) sozialer Phobie eine
längere Behandlung und/oder störungsspezifische
Behandlungselemente notwendig, um diese komplexe
Patientengruppe effektiver behandeln zu können.
Quelle: Z Psychosom Med Psychother 55/2009, 180–188
26.09.2015
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Videobeispiel
Quelle
https://www.youtube.com/watch?v=0Lx7rcF2Tys
26.09.2015
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Videobeispiel
Es ist bekannt, dass sich schüchterne, sozial ängstliche und
sich wenig behauptende Menschen häufig in… (Parallel-)
Welten zurückziehen, wo sie endlich jene perfekte
Performance erzielen können, die ihnen im realen Leben
versagt bleibt.
(M. Hilgers, 2012: Scham - Gesichter eines Affekts)
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Störungsmodell in der klassischen VT
Verhalten
Soziale Performanz
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Vermeidung
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Überblick klassische Methoden bei sozialer Phobie
Behandlungsmodule und Interventionstechniken
Darstellung des Störungsmodells
(Psychoedukation) und individuelle Validierung
Identifikation und Modifikation dysfunktionaler
Gedanken
Rollenspiele und Verhaltensexperimente (mit
Video-feedback)
Konfrontationsverfahren in vivo
Förderung der Selbstsicherheit über positive
Selbstverbalisationen
Techniken zur Reduktion der Grundanspannung
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Klassisches Habituationsmodell
Angstausmaß
B
Exposition führt bei Sozialer
Phobie nur begrenzt zur
Habituation (vgl. Ginzburg &
Stangier, 2012, S.134))
Vermeidung
A
C
Habituation
Zeit
20.10.2015
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Klassische Methoden der VT
Behandlungserfolge
*
Kaum Studien zu
Langzeiteffekten, so dass
keine Effektstärken
berechnet werden
konnten
*
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Chohen´s d
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Klassische Methoden der VT
Fazit
Die Kognitive Verhaltenstherapie gilt insgesamt als der empirisch am
besten abgesicherte psychologische Therapieansatz bei Sozialer Phobie.
Dennoch zeigen die Metaanalysen, dass die Wirksamkeit begrenzt ist:
•
Psychopharmakotherapie ist zumindest als Akutbehandlung der
klassischen kognitiven Verhaltenstherapie überlegen.
•
Der Anteil von Patienten, die von der Behandlung profitieren, liegt nur
bei 40 bis 60% (Heimberg et al., 1998).
•
Eine Kombination von Exposition und kognitiver Umstrukturierung war
nicht effektiver als Exposition allein. (-> Aufmerksamkeitsprozesse
und Verzerrungen der Informationsverarbeitung fanden keine
ausreichende Berücksichtigung.)
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Das erweiterte Modell von Clark & Wells (1995)
Situation
Frühere
Lernerfahrungen
Nachträgliche Verarbeitung
Aktivierung kognitiver
Schemata
Wahrnehmung sozialer
Bedrohung
Selbstaufmerksamkeit
Verarbeitung des Selbst als
soziales Objekt
Sicherheitsverhalten
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Angstsymptome
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Das erweiterte Modell der KVT
Aufmerksamkeitslenkung und Sicherheitsverhalten
•
Durch den selektiven Aufmerksamkeitsfokus nehmen die Betroffenen
ihre Umwelt verzerrt wahr. Wichtige Informationen werden nicht
berücksichtigt... (Clark & McManus, 2002) und soziale Unsicherheit
nimmt zu.
•
Durch den Einsatz von Sicherheitsverhalten können keine neuen
Erfahrungen gemacht werden, die die sozialphobischen Befürchtungen
widerlegen könnten (Plasencia, Alden & Taylor, 2011).
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Das erweiterte Modell der KVT
Implikationen für das Vorgehen in
der Praxis
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Das erweiterte Modell der KVT
Exploration der Aufmerksamkeitslenkung (Selbstfokussierung)
D. M. Ginzburg, U. Stangier (2012) Kognitive Verhaltenstherapie bei Sozialer Phobie, S. 131 - S. 142
26.09.2015
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Das erweiterte Modell der KVT
Verbreitendes Training der Aufmerksamkeitslenkung
Studien zeigen, dass ein gezieltes Aufmerksamkeitstraining bereits einen Einfluss
auf die Reduktion der vegetativen Angstsymptome und ängstliche Erwartungen
bzw. Überzeugungen hat (Wells, White & Carter, 1997).
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Das erweiterte Modell der KVT
Exploration: Sicherheitsverhalten
D. M. Ginzburg, U. Stangier (2012) Kognitive Verhaltenstherapie bei Sozialer Phobie, S. 131 - S. 142
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Das erweiterte Modell der KVT
Um dem Patienten Gelegenheit zu geben, die Auswirkungen von
Selbstaufmerksamkeit und Sicherheitsverhalten auf die Angst zu
überprüfen, werden diese Prozesse im Anschluss an
Rollenspiele/Expositionen mit Hilfe von Videofeedback analysiert.
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Das erweiterte Modell der KVT
Beispiel Exposition: Eine Unterhaltung mit einer der Patientin /
dem Patienten unbekannten Person führen*
• Erste Gesprächssituation: Instruktion, die individuellen
Sicherheitsverhaltensweisen (z.B. Vermeiden von Blickkontakt,
schnelles Sprechen) so einzusetzen wie sonst auch (SV+).
Gleichzeitige Konzentration auf eigene Gefühle und Vorstellungsbilder
(Aufmerksamkeitsfokus nach innen).
• Zweite Gesprächssituation: Instruktion, das Sicherheitsverhalten so
weit wie möglich zu unterlassen (SV–). Die Aufmerksamkeit nach
außen, auf den Interaktionspartner, richten.
*Aus: Ginzburg D (2015). Der Umgang mit Sicherheitsverhalten bei der Kognitiven Therapie der
Sozialen Phobie. Verhaltenstherapie & Verhaltensmedizin, 36 (2), 163-176
26.09.2015
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Das erweiterte Modell der KVT
Beispiel: Auswertung zum Rollenspiel mit
Sicherheitsverhalten und Selbstaufmerksamkeit
(Nachträgliche Einschätzung des Patienten auf einer Skala von 0-10)
26.09.2015
Dipl.-Psych. O. Bohlen
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Das erweiterte Modell der KVT
In der Regel kommen Patienten zu dem Schluss, dass das
Sicherheitsverhalten und die Ausrichtung der Aufmerksamkeit nach
innen nicht helfen, die Angst zu reduzieren.
• Analog zum Experiment, bei dem eine Gesprächssituation im
Therapiezimmer hergestellt wird, sucht der Patient In-vivoSituationen auf, um angstbesetzte Hypothesen zu hinterfragen.
26.09.2015
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Das erweiterte Modell der KVT
Ergebnisse
•
Die kognitive Therapie nach dem Modell von Clark und Wells
wurde in den letzten Jahren in sieben* randomisierten,
kontrollierten Therapiestudien evaluiert. (Effektstärken bis zu d=
2.14 nach Behandlung und d= 2.53 im Follow-up.)
*(Borge et al., 2008; Clark et al., 2003; Clark et al., 2006; Hoffart, Borge, Sexton & Clark, 2009;
Stangier, Schramm, Heidenreich, Berger & Clark, 2011; Mörtberg, Clark, Sundin & Aberg, 2007;
Stangier, Heidenreich, Peitz, Lauterbach & Clark, 2003).
•
26.09.2015
Dabei wies der Therapieansatz signifikant günstigere
Ergebnisse auf als ein Serotonin-Wiederaufnahmehemmer
(Fluoxetin) plus Selbstexposition (Clark et al., 2003) und auch
als traditionelle habituationsorientierte Exposition (Clark et al.,
2006).
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Das erweiterte Modell der KVT
Fazit
•
Berücksichtigt man die Störung der Informationsverarbeitung von
Patienten mit Sozialer Phobie, so lassen sich mit der kognitivbehavioralen Therapie deutliche weitere Verbesserungen der
sozialphobischen Symptomatik erreichen.
•
Das klassische Konfrontationsrational (Habituationsmodell der Angst)
wird im Rahmen von Verhaltensexperimenten und Expositionen um den
Aspekt der Überprüfung und Neubewertung von Erwartungen und
Überzeugungen ergänzt.
•
Das psychotherapeutische Vorgehen steht dabei im Einklang mit
neurobiologischen Modellen zum Einfluss kognitiver Prozesse auf die
Emotionsverarbeitung.
26.09.2015
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Aktuelle Forschung zur Sozialen Phobie: VT und TP im
Vergleich – Forschungsprojekt SOPHO-Net
Eine MulticenterStudie
26.09.2015
Dipl.-Psych. O. Bohlen
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UNVERSCHÄMT
Gegenwärtige Forschung zum Störungsbild
Teilprojekte
Vergleich Kognitivbehaviorale Therapie (CBT)
und Psychodynamische
Kurzeittherapie (STPP)
CBT (n=209), PDT (n=207), WL (n=79)
30 individual 50-min sessions
( Leichsenring et al., 2009)
20.10.2015
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Gegenwärtige Forschung zum Störungsbild
Ausgewählte Merkmale Teilprojekt A (Therapievergleich)
und A1-1 (2-Jahres-Follow-Up)
•
Fünf Zentren mit jeweils beiden Therapierichtungen (Bochum,
Dresden, Frankfurt, Göttingen, Mainz)
•
Große Stichprobe: 495 SKID-diagnostizierte Patienten
•
Unabhängiges Datenmanagement und – monitoring (KKS Heidelberg)
•
Umfangreiche Trainings in den Therapieverfahren
•
Kontrolle der Adhärenz (Therapietreue)
20.10.2015
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Gegenwärtige Forschung zum Störungsbild
Manualisierte Behandlungsprogramme für Kognitive
Verhaltenstherapie und Psychodynamische Therapie
•
Die eingesetzte CBT-Methode basiert auf Clarks kognitiver Therapie
welche sich (wie oben gezeigt) in mehreren Studien bereits als wirksam
erwiesen hat.
•
Im Rahmen des SOPHO-Net Projektes wurde ein Behandlungsmanual
für die STPP (Short Term Psychodynamic Psychotherapy) der Sozialen
Phobie entwickelt, das auf Luborskys Supportiv-Expressiver Therapie
basiert.
26.09.2015
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Schnittstellen und trennende Merkmale KVT/PDT
Schnittstellen kognitiv-behavioraler und psychodynamischer Therapie
Annäherung der PDT an die KVT in der Sopho Net-Studie:
•
Anwendung als Kurzzeittherapie (max. 30 Sitzungen)
•
Manualisierung des Therapieablaufs
•
Explizite Zielorientierung der supportiv-expressiven Therapie (SET)
•
Expliziter Einbezug von Psychoedukation und (Selbst-) Exposition
20.10.2015
Dipl.-Psych. O. Bohlen
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Schnittstellen und trennende Merkmale KVT/PDT
Spezifikation psychodynamischer Psychotherapie für die Behandlung
der sozialen Phobie (Leichsenring et al., 2008*)
5 Phasen (Prinzipien) der Therapie
1 Psychoedukation: Information über Erkrankung und Symptome
2 Zentrales Beziehungskonfliktthema (ZBKT): Fokussierung auf
den Affekt der Scham und dessen Rolle für die soziale Phobie
3 Erwartungen an sich selbst: Konfrontation mit den überhöhten
Ansprüchen
4 Selbstexposition: Ermutigung, sich der angstauslösenden
Situationen aktiv auszusetzen, anstatt sie zu vermeiden
5 Selbstabwertung und soziale Defizite: Präskriptionen/positive
Selbstansprache und Berücksichtigung realer Einschränkungen
sozialer Fähigkeiten
*In Anlehnung an Hoffmann, 2002
20.10.2015
Dipl.-Psych. O. Bohlen
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Schnittstellen und trennende Merkmale KVT/PDT
Trennende (?) Merkmale KVT und PDT
Zentrales Element der STPP (Short Term Psychodynamic Psychotherapy)
der Sozialen Phobie ist die Bearbeitung der Scham, welcher eine
wesentliche Rolle bei Entwicklung und Aufrechterhaltung der Symptomatik
zugesprochen wird:
•
Der Wunsch nach Aufmerksamkeit und Bestätigung geht mit biografisch
bedingter Scham und der Antizipation von Demütigung einher (ZBKT)
•
Die Scham kann bewusst (offen) oder unbewusst (verdeckt) sein
•
Es wird erwartet, dass sich die Angst vor Demütigung in der
therapeutischen Übertragungs-Gegenübertragungs-Konstellation
wiederholen kann
20.10.2015
Dipl.-Psych. O. Bohlen
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UNVERSCHÄMT
Schnittstellen und trennende Merkmale KVT/PDT
Zentrale Elemente der Kognitiv-behavioralen Therapie der Sozialen
Phobie:
•
Identifikation und Modifikation dysfunktionaler sozialer Befürchtungen
•
Exposition (Reduktion von Vermeidung) unter Berücksichtigung von
Selbstfokussierung und Sicherheitsverhalten
•
Erweiterung des sozialen Handlungsspielraumes außerhalb der
Therapie
20.10.2015
Dipl.-Psych. O. Bohlen
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44. LÜBECKER PSYCHOTHERAPIETAGE 2015
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Gegenwärtige Forschung zum Störungsbild
Ergebnisse
Leichsenring et al., (2014)
20.10.2015
Dipl.-Psych. O. Bohlen
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44. LÜBECKER PSYCHOTHERAPIETAGE 2015
UNVERSCHÄMT
Fazit
•
Es existieren sowohl verhaltenstherapeutische als auch
psychodynamische Methoden, für die sich gute Erfolge bei der
Behandlung Sozialer Angststörungen nachweisen lassen
•
Unterschiedliche zentrale Behandlungselemente können an der
Wirkung der Therapie beteiligt sein
•
In Hinblick auf die Remissionsraten sind weitere Verbesserungen
bzw. Erweiterungen bestehender Behandlungsmöglichkeiten
wünschenswert
26.09.2015
Dipl.-Psych. O. Bohlen
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UNVERSCHÄMT
Kognitiv-emotional-behaviorale Therapie
Integration transdiagnostischer und emotionsfokussierter Konzepte
in die Verhaltenstherapie der Sozialen Angststörung
In transdiagnostischen Behandlungsansätzen der „3. Welle der VT" geht
es weniger um störungsspezifische Intervention im Sinne von Manualen,
sondern um die Betonung lerngeschichtlich entwickelter Muster des
Denkens und der Beziehungsgestaltung sowie um eine förderliche
therapeutische Haltung.
Hierzu gehören z.B.:
 Acceptance & Commitment Therapie nach HAYES)
 Achtsamkeitsbasierte Therapieansätze nach KABAT-ZINN
 Emotionsfokussierte Therapie nach GREENBERG
 Schematherapie nach YOUNG
20.10.2015
Dipl.-Psych. O. Bohlen
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UNVERSCHÄMT
Kognitiv-emotional-behaviorale Therapie
Definition „emotionales Schema“ (Emotionsfokussierte Therapie)
Ein emotionales Schema besteht in:
 einem schemarelevanten Stimulus (z. B. Kritik),
 einem Grundbedürfnis (z. B. Bindung, Selbstwert),
 impliziten Erinnerungen an frühere Situationen
 hieraus entspringenden Bewertungen des Stimulus in Form einer
Emotion
 Kognitionen, Körperempfindungen und Handlungsimpulsen.
Aus: Lammers, 2006
20.10.2015
Dipl.-Psych. O. Bohlen
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44. LÜBECKER PSYCHOTHERAPIETAGE 2015
UNVERSCHÄMT
Schematherapie
Die Schematherapie (1990, 1999) nach J. YOUNG (Schüler von A.
BECK) wurde aus der Kognitiven Therapie heraus für Patienten mit
tiefer in der Persönlichkeit verankerten emotionalen Problemen
entwickelt
Jeffrey Young
26.09.2015
Dipl.-Psych. O. Bohlen
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44. LÜBECKER PSYCHOTHERAPIETAGE 2015
UNVERSCHÄMT
Schematherapeutische Behandlungselemente
Das Modus-Konzept in der Schematherapie
• Neben der Arbeit mit den Schemata , entwickelte YOUNG (2005) den
Schemamodusansatz insbesondere für Persönlichkeitsstörungen.
• Ein Schemamodus ist definiert als der in der jeweiligen Situation in einer
Person aktuell vorherrschende Gesamtzustand, mit allen aktivierten
Schemata (einschließlich erlebter Emotionen) und
Bewältigungsstrategien.
26.09.2015
Dipl.-Psych. O. Bohlen
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44. LÜBECKER PSYCHOTHERAPIETAGE 2015
UNVERSCHÄMT
•
Schematherapeutische Behandlungselemente
Die Individuellen Schemata bzw. Schemamodi werden im Rahmen einer
schematherapeutischen Fallkonzeption identifiziert, aus der Forschung ergeben sich
zusätzliche Hinweise für typische Konstellationen (vgl. Arntz, 2011)
Beispiel: Schema-Modi bei vermeidender Persönlichkeit und Sozialer Angststörung
Kind-Modi
Unterlegenes Kind
Zustand, in dem die Person die Unterlegenheit der Kindheit
wieder erlebt.
Verlassenes Kind
Zustand, in dem die Person die Verlassenheit fühlt oder Angst
hat, dass sich diese wiederholen könnte.
Internalisierte Eltern-Modi
Strafender Elternmodus
Verinnerlichte bestrafende Aussagen (der
Eltern/Bezugspersonen) bezüglich Bedürfnissen, Emotionen,
Fähigkeiten. Führt zu Schuldgefühlen.
Fordernder Elternmodus
Verinnerlichte überhöhte Erwartungen bezüglich
Leistungsfähigkeit, sozialem Status und moralischer Werte.
Nichterfüllung dieser Standards führt zu Schamgefühlen.
20.10.2015
Dipl.-Psych. O. Bohlen
42
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UNVERSCHÄMT
•
Schematherapeutische Behandlungselemente
Dysfunktionale Bewältigungsstrategien dienen dazu, die Auseinandersetzung mit
negativen Gefühlen (wie z.B. Angst, Scham, Minderwertigkeit) umgehen, bzw. sich vor
den gefürchteten Emotionen schützen zu können, begünstigen aber gleichzeitig die
klinische Symptomatik.
Beispiel: Die drei Formen der Schemabewältigungsreaktion
Erduldung/Unterwerfung
Vermeidung
Sich in ein Schema fügen, als
Wahrheit akzeptieren und sich
so verhalten
Das Leben so arrangieren, Das Schema bekämpfen dem
dass ein Schema oder die man sich so verhält, sei das
damit verbundenen
Gegenteil der Fall
Emotionen nicht aktiviert
werden
Unterordnung als
Überlebensstrategie
Vermeidung als
Überlebensstrategie
Anstrengung als
Überlebensstrategie
 Soziales
Rückzugsverhalten
 Überhöhte Ansprüche
 Ertragen von unberechtigter
Kritik
20.10.2015
Dipl.-Psych. O. Bohlen
Überkompensation
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44. LÜBECKER PSYCHOTHERAPIETAGE 2015
UNVERSCHÄMT
•
Schematherapeutische Behandlungselemente
Die Schematherapie bezieht immer die gesunden Anteile ein und nutzt sie für
die Entwicklung und Veränderung in der Behandlung.
Beispiel: Schema-Modi bei vermeidender Persönlichkeit und Sozialer Angststörung
Gesunde Modi
Gesunder Erwachsener
Zustand in dem die Person sich und andere in einer
ausbalancierten und reifen Weise sorgt (kommt zum Beispiel
in die Therapie).
Glückliches kind
Zustand in dem die Person spielerisch und froh sein kann.
(Dieser Zustand ist bei Cluster C Patienten schwach
ausgebildet).
20.10.2015
Dipl.-Psych. O. Bohlen
44
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UNVERSCHÄMT
Schematherapeutische Behandlungselemente
Ziele der Schematherapie
20.10.2015
•
Aufspüren der Kindmodi und emotionales Durcharbeiten von
(traumatischen) Kindheitserinnerungen
•
Strafende und fordernde Elternmodi durch gesunde
Einstellungen gegenüber Gefühlen und Bedürfnissen sowie
gesunde Standards und moralische Einstellung ersetzen
•
Stärkung und Weiterentwicklung der gesunden erwachsenen
Seite, so dass dysfunktionale Bewältigung nicht notwendig ist
Dipl.-Psych. O. Bohlen
45
44. LÜBECKER PSYCHOTHERAPIETAGE 2015
UNVERSCHÄMT
Fallvignette:
•
41-jährige Patientin, Frau L., z.Z. arbeitsunfähig
•
Erster stationärer Aufenthalt in SK (2009): TP-Behandlung
•
Zweiter stationärer Aufenthalt in SK (2015): VT-Behandlung
•
Diagnosen: (Generalisierte) Soziale Angststörung; Rezidivierende depressive
Störung; Persönlichkeitsstörung mit ängstlich-vermeidenden und
dependenten Zügen
•
Keine stabilen partnerschaftlichen Beziehungen, defizitäres
Assertionsverhalten, Selbstwertproblematik
•
2 Kinder (heute erwachsen)
•
Vereinnahmende, teils kritisierende, teils überprotektive, psychisch erkrankte
und suizidale Mutter (2014 verstorben). Beziehung zum Vater in der Kindheit
eng, war aber keine Hilfe, phasenweise Alkoholabusus
26.09.2015
Dipl.-Psych. O. Bohlen
46
44. LÜBECKER PSYCHOTHERAPIETAGE 2015
UNVERSCHÄMT
Elternmodi
Modus-Modell
Frau L.
Strafend
Schematherapeutische Behandlungselemente
Kindmodi
Verletzlich
• Alles, was ich tue, ist falsch!
(Mutter, die stets unzufrieden,
nachtragend, pessimistisch war.)
• Ängstlich (Suizidalität der Mutter)
• Einsam (Abwesenheit des Vaters)
• Beschämt (Eigenes „Versagen“,
Alkoholkonsum des Vaters)
Fordernd
• Ich muss eine gute Tochter,
Mutter, Partnerin sein!
(Mutter, die zugleich kritisierte und
Unterstützung einforderte.)
Bewältigungsmodi
Vermeidung/Unterwerfung
• Umgehen sozialer Situation, die mit
Bewertung einhergehen könnten
• Nichtwahrnehmung eigener Bedürfnisse
Gesunder Erwachsenenmodus
• Gymnasium besucht
• 2 Kinder großgezogen
• Erfolgreiche
Bankkauffrau
Erduldung
Selbstabwertung
Überkompensation
Überhöhte Ansprüche an sich selbst
20.10.2015
Dipl.-Psych. O. Bohlen
47
44. LÜBECKER PSYCHOTHERAPIETAGE 2015
UNVERSCHÄMT
Angst und Scham bei sozialer Angststörung
Angst vor der Scham
Angst
Scham
Scham wegen empfundener
Minderwertigkeit
(Selbstwertdefizit)
Angst vor Verlust von
Bezugspersonen
(Unsichere/Verstrickte Bindung)
Befürchtung, den eignen
Ansprüchen nicht gerecht
werden zu können
Scham in Bezug auf die eigenen
Wünsche und Bedürfnisse
(die nicht zugestanden werden)
Scham hinsichtlich der
Verhaltensweisen primärer
Bezugspersonen
(„Familienscham“)
Angst, negativ
bewertet zu werden
Schämen wegen der Angst
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Dipl.-Psych. O. Bohlen
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44. LÜBECKER PSYCHOTHERAPIETAGE 2015
UNVERSCHÄMT
Schematherapeutische Behandlungselemente
Fallbeispiel: Ausgewählte erlebnisorientierte Interventionen
•
Diagnostische Imagination: Identifikation von lerngeschichtlich relevanten
Szenen mit Bezug auf das relevante Thema oder Gefühl (Nutzung von
„Affektbrücken“)
Die junge Nicole wird kritisiert, weil sie mit einem Freund unterwegs ist, während
die Mutter krank im Bett liegt… sie schämt sich und fühlt sich schuldig.
•
Imaginatives Überschreiben: Nachträgliche Bewältigung belastender
Situationen durch Imagination von Alternativ-Verhalten, initial unter Einbezug
einer Hilfsperson (Therapeut)
Die Hilfsperson relativiert die Kritik der Mutter und setzt sich für die Bedürfnisse des
Kindes ein.
•
Stuhldialog: Verlegung der “inneren Bühne“ nach außen, Bekämpfung des
strafenden Elternmodus
Der dysfunktionale Elternmodus wird widerlegt, begrenzt, notfalls „vom Platz
gewiesen“.
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Dipl.-Psych. O. Bohlen
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UNVERSCHÄMT
Abschlussbemerkung
„Es könnte sein, dass die „soziale oder Leistungssituation“…
eigentlich von den meisten Menschen gefürchtet wird, auch
wenn der größere Teil von ihnen ausreichend gut damit
zurecht kommt.“
Zitiert nach Hoffmann, 2002
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Dipl.-Psych. O. Bohlen
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UNVERSCHÄMT
Ich wünsche uns eine angeregte Diskussion...
Vielen Dank !
Dipl.-Psych. O. Bohlen
Bad Segeberg