Ein Don Juan der 50er

Datum: 28.09.2015
Bieler Tagblatt
2501 Biel
032/ 321 91 11
www.bielertagblatt.ch
Medienart: Print
Medientyp: Tages- und Wochenpresse
Auflage: 21'739
Erscheinungsweise: 6x wöchentlich
Themen-Nr.: 833.009
Abo-Nr.: 833009
Seite: 14
Fläche: 59'398 mm²
Ein Don Juan der 50er-Jahre
Musik Mit «Le Comte Ory» von Gioachino Rossini ist das Theater Orchester Biel Solothurn in die neue
Opernsaison gestartet.
Evangelikale Ervveckungszeremonie:Ory, als heilsbringende «Eremit» verkleidet, hypnotisiert und bezirzt die Damenwelt . Freund Raimbaud (links) unterstützt wacker. Sabine
Peter König
1828 lebte Gioachino Rossini (1792 - Schwaches Libretto
1868) bereits in Paris. Er hatte fast Der Kern der Handlung ist nicht schwer
40 Opern geschrieben - und immer noch zu vermitteln: Ein adliger Lüstling ä la
40 Jahre zu leben. Drei Jahre vorher Don Giovanni (hier: der Graf Ory) stellt
hatte er zur Krönung von Charles X. eine der Gräfin Adele zu Formoutiers nach.
Oper geschrieben, die nach nur vier Auf- Echte Konkurrenz erwächst Ory ausgeführungen in der Versenkung ver- rechnet in der Person seines Pagen Iso-
man getrost ausblenden, der Abend funk-
werden, «Le Comte Ory». Jahrzehnte- Gräfin nicht verheiratet? Bei ihr ist es
lang als Rarität gehandelt, ist das Werk «nur» der Bruder, der im Krieg ist. Wem
heute etwas öfter auf der Bühne anzutref- wessen Gefühle wirklich gehören, wer
fen. Das ist gut so, denn das eher schwa- warum und wer am Schluss mit wem,
che Libretto hat Rossini veredelt mit bleibt unklar, ist aber letztlich unerhebeiner wunderbar melodienreichen Parti- lich. Das (dank neuer Übertitel-Bildschirme gut verfolgbare) Textbuch kann
tur.
sung gefunden, sein «Ory» spielt um
tioniert dank moderater Aktualisierung
und sorgfältig choreografierter Situationskomik gleichwohl bestens.
Moderate Aktualisierung
Es ist ja nicht so, dass Religionskriege
oder Kriege überhaupt einer fernen Verschwand, «Il Viaggio a Reims». Musika- lier. Hintergrund sind die Kreuzzüge, die gangenheit angehören, im Gegenteil. Sie
sind aktueller denn je, höchstens die
lisch gehört sie zum Besten, was Rossini
je komponiert hat. So lag es nahe, für Männer sind weg und die Frauen allein. Konstellationen haben sich etwas gewansein nächstes Projekt einen guten Teil So weit, so klar. Doch man kann es wen- delt. Die Geschichte lässt sich also gut in
dieser Musik wiederzuverwenden. Dieses den, wie man will, die Story bleibt andere Epochen verlagern. Pierre-EmProjekt sollte Rossinis zweitletzte Oper schwach: Weshalb ist die junge, hübsche manuel Rousseau hat eine elegante Lö-
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1960. Da Rousseau neben der Regie auch
für Bühnenbild und Kostüme zeichnet,
kommen die miefige Endfünfziger daher
wie aus einem Guss: Ein schäbiges Zwei-
sternehotel, der Zeit entsprechend mit
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ist längst bekannt. Denn obwohl auch
Rossini aus Italien stammt, steht sein
spätes Opernschaffen stilistisch klar in
der französischen Tradition. Eleganz,
zirzt er die Damenwelt. Nach Kräften Feuer und Witz der Partitur bringen
viel Personal. Ory (mit leider oft forciertem Tenor: Enrico Iviglia) ist als heilsbringender «Eremit» verkleidet. In Soutane und Klebebart hypnotisiert und be-
unterstützt Orys Freund Raimbaud diese Zambelli und das präzise harmonierende
evangelikale Erweckungszeremonie. Die- Sinfonieorchester Biel Solothurn vorser allerdings könnte sich noch so gut züglich zur Geltung. Gut disponiert und
verkleiden solche baritonale Stimm- für einmal gross genug besetzt ist auch
kraft und Mimik können nur Michele der von Valentin Vassilev betreute Chor,
Govi gehören. Selbst diese Stütze so man- im «Comte Ory» von erheblicher Bedeucher Bieler Aufführung steht aber im tung. Nicht zu vergessen Susannah HaSchatten zweier Frauen: Perrine Mado- berfeld als junggouvernantenhafte Raeuf als Adele gibt ihr Bieler Debüt mit gonde und Eric Martin-Bonnet als soleuchtend-farbenreichem, satten Sopran. nor-solider Erzieher Orys (wo er natürAuch ihre Erscheinung - sie trägt ein lich auf verlorenem Posten steht). Fazit:
umwerfendes, knallrotes Kostüm im Stile Während der Belcanto im nahen Bern
eines Pariser Mannequins jener Epoche - seit Jahrzehnten obstinat negiert wird,
hebt sie ab. Kaum nach steht ihr Marion bleibt er in der Bieler Oper ein sicherer
Grange in der Hosenrolle des Pagen Iso- Wert.
lier:Auch sie kombiniert stimmliche BrilMit dem «Ory» wird der langen Reihe
lanz mit eindringlicher Präsenz. Ihre rarer Entdeckungen eine weitere hinzuRolle ist insofern dankbar, als fast nur bei gefügt. Und sollten die gerade vom StadtIsolier klar ist, welche Gefühle diese Per- rat beschlossenen Sparmassnahmen rason hat.
dikale Spielplankürzungen erfordern:
Perlende Musik
Wieso nicht nächste Saison im Dekor
des ersten Aktes «Il Viaggio a Reims»
Doch wie gesagt, geht es im «Ory» vor al- aufführen? Das würde prima funktionielem um die Musik, und diese ist in besten ren.
Händen. Dass Marco Zambelli nicht nur
«italienische» Musik zu dirigieren weiss, Info: vvww.tobs.ch.
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