Der Junge auf dem Schulhof

Beate Wichmann 18.11.2015
Der Junge auf dem Schulhof
Heute sind wir über den Schulhof gegangen. Das war lustig. Wir haben gelernt,
was eine Litfaßsäule ist. Zugegebenermaßen ist das nicht das wichtigste Wort,
was man nach sechs Wochen in Deutschland lernen muss. Aber da steht nun
mal auf unserem Schulhof eine Litfaßsäule und die ist mit Graffitis besprüht.
Mit ganz besonderen Graffitis: mit den Initialen unserer SchülerInnen. Die
Anfangsbuchstaben sind bunt und sehr kreativ gestaltet. Da haben wir neben
der Geschichte der Litfaßsäule als Anschlageort für Werbung vor 100 Jahren in
Berlin gleich noch die Kultur an unserer Schule durch Kunstprojekte selbst das
eigene Umfeld zu gestalten und die Farben gelernt. Rot, Grün, Blau, Grau und
Gelb, Weiß und Schwarz. Und dann noch die Bänke aufgesucht: aufstehen und
hinsetzen und aufstehen und hinsetzen. Und dann haben wir Frau Fröhlich
zugewinkt und ich habe den selbsterklärenden Namen kommentiert. Ich wette
ja, die neuen SchülerInnen nennen Sie nun immer Frau Happy und irgendwie
ist es so. Happy sind die neuen Kinder in ganz wenigen Momenten. Diese zu
schaffen, das ist so befriedigend. Dann strahlen Sie, wenn sie Übungen am
Computer machen und die Ampel „grün“ zeigt. Wie schön das ist. Lachen,
Erfolge, Fortschritte, so fröhlich und so unmittelbar, ganz berauschend. Und
dann gleich wieder die Angst, das Fremde und Neue zu sehen und die Nacht
vor Augen zu haben. Am Abend wird es kalt sein. Diese Kinder wohnen in
einer riesigen Halle, diese Halle ist schon für Konzerte zu heruntergekommen
und alt. Jetzt wohnen da viele Menschen und es ist kalt. Es sind Trennwände
zwischen den Wohnbereichen. Es ist nachts kalt. Und das, obwohl der Winter
erst noch kommt...
Aber unser Weg über den Schulhof hat noch mehr zu bieten. Ein großer LKW
brachte neue Glasvitrinen. Wir konnten mit dem Hausmeister sprechen und die
neuen Vokabeln von Höflichkeit einüben: Guten Tag. Das ist Herr Hempel. Er
ist der Hausmeister.
Dann saß ein Junge auf dem Schulhof. Er hat, weil er Religion besucht, eine
Stunde frei. Wir haben die Zuordnung über Religionen vorgenommen. Darüber,
dass heute Buß- und Bettag sei und dass wir am kommenden Sonntag der Toten
gedenken. Er war freundlich und überrascht, später habe ich erfahren, dass er
heute früh einen Beutel voller Schulmaterialien mitgebracht hat. Das
Zusammentreffen hatte genau den Richtigen getroffen. Und überhaupt,
natürlich treffen die Kinder aufeinander. Die aufgeheizte Stimmung in den
Elternhäusern ist an den Kindern nicht spurlos vorübergezogen. Und doch, es
ist eine Freude! In der großen Pause kommen Kinder angerannt und fragen:
,,Sind das die neuen Schüler?“ Und ich antworte: ,,Ja. Redet miteinander.“
Ohne große Erklärung stellen sich die Kinder vor und sind manchmal albern,
aber nie unwillig. Die kindliche Neugier ist so erfrischend, die gleichen Kinder
sind manchmal so desinteressiert. Und hier sehen sie trotz ihrer bei der AFD
marschierenden Eltern sofort den Menschen. Es ist so viel Menschlichkeit zu
sehen, so viel Vertrauen wird gesät. Da mache ich mir doch über die Zukunft
keine Sorgen.
Dann auch noch der Besuch in der Turnhalle. Die Räume, die nach zu vielen
Hormonen duften, machen auf die SchülerInnen einen guten Eindruck.
Lustigerweise dreht einer gleich den Wasserhahn auf. Wie viele Wasserhähne
waren wohl auf dem Weg von Syrien für diesen Jungen? Wie viele haben nicht
funktioniert, wie viel Durst, Hunger und Kälte waren Erlebnisse in diesem
jungen Leben.
Zwischendurch kommt Frau Kortus hereingefahren und wünscht mir „Viel
Spaß“ Ich denke erst: Spaß? Und merke sofort, sie hat recht: Es macht riesige
Freude.
Das wird klar, als ich an der gegenüberliegenden Kirche die
Granatsplittereinschläge zeige. Ich erzähle, dass vor 70 Jahren hier an der
Turnhalle eine Bombe eingeschlagen ist und dort, wo die Turnhalle heute steht
eine andere Schule zerstörte einen Krater hinterließ. Die Kinder verstehen in
dem Moment auch ohne Dolmetscherin. Alltag von Bomben! Sie zeigen mir,
dass in Syrien die ganze Schule weg wäre. Die Bomben sind stärker geworden
in 70 Jahren, das ist uns klar und eben, dass wir Frieden wollen und es
beruhigend finden, hier zu sein.
Es ist also nicht traurig so mit den Jungs zu reden; sie kennen das, das Vertraute
schafft Vertrauen und es wird die Hoffnung auf ein anderes Leben klar. Wir
schauen auf die vorbeirauschenden Autos. Wir wiederholen die Farben, wir
sagen was ein Fahrrad ist und dass ein Mann eine Brille trägt. Dann kräht eine
Krähe „krah, krah“ – die Stunde ist herum. Einmal um die Schule und mit den
Augen dieser SchülerInnen gibt es so viel zu entdecken...