ExtraTipp Viersen vom 31. Januar 2016 - Waldniel

Schüler der Europaschule: Nicht vergessen, was geschehen ist.
Foto: Heike Ahlen
Ein Ort der Erinnerung
Schüler der Europaschule haben zum Holocaust-Gedenktag an die 99
Kinder erinnert, die zwischen 1940 und 1943 in der Kinderfachabteilung starben.
von Heike Ahlen
Schwalmtal (hei). E s ist still i n der
Kirche St. M a r i a e H i m m e l f a h r t i n der
Waldnieler Heide. Totenstill. O b w o h l
sie bis auf den letzten Platz besetzt ist,
könnte m a n eine Stecknadel fallen hören.
Vorne a m Altar stehen elf Jugendliche. Sie haben sich i n e i n e m Theaterprojekt mit der Geschichte Hosterts i n
der Zeit des Nationalsozialismus auseinander gesetzt. Alljährlich vor dem
Holocaust-Gedenktag a m 27. J a n u a r
ist das ein wichtiges T h e m a für die
Schüler der Europaschule. D e n n die
Schule hat seit 25 J a h r e n eine Patenschaft für die Gedenkstätte. Für den
Ort, a n dem die K i n d e r - u n d a u c h
die E r w a c h s e n e n - die dort vor über
70 Jahren starben, begraben vioirden.
Verhungert, umgebracht. N i c h t bei
allen K i n d e r n hat m a n die Todesursache später noch feststellerftönnen.
Die Ärzte und Pfieger der Kinderfachabteij^mg feiäben oftmals eine Lungen-
entzündung als Todesursache angegeben.
Für die elf Schüler, die d a n n i n das
intensive Theaterprojekt gingen, w u r de das G r a u e n i m m e r greifbarer. „Ich
glaube, ich k a n n das Gelände nie
m e h r betreten, ohne d a r a n z u denken", sagt L a r a .
D i e Schüler haben sich unter A n l e i tung v o n C r i s h a Ohler u n d Sjef v a n
der L i n d e n v o m Theater „mini-art"
aus Bedburg-Hau hineinversetzt i n die
Kinder, die aus i h r e n F a m i l i e n gerissen V e r d e n , w e i l sie als körperlich
oder geistig behindert galten. Sie haben Briefe geschrieben - Briefe der
K i n d e r a n ihre E l t e r n . Angst, Sehnsucht, Misstrauen, blanke Not. I n
Spielszenen lassen sie Ärzte z u Wort
k o m m e n , die E l t e r n über den M u n d
fahren, aber sie schlagen auch den Bogen i n die Gegenwart. Sie fragen sich
u n d die Besucher der Gedenkstunde,
w i e Ausgrenzung heute aussieht.
Vor a l l e m ihre Mitschüler, die
^schwer beeindruckt i n den Bänken sit-
zen, m e r k e n , dass es jeden T a g passiert. E r k e n n e n ihre eigenen Worte
u n d die vieler anderer: „Spasti", „Bastard", „Fettsack".
Später a n der Gedenkstätte sagt
Schulleiter Jakob Mülstroh, dass es ein
O r t der E r i n n e r u n g u n d der M a h n u n g
sei. „Wir müssen uns i m m e r wieder
bewusst m a c h e n , dass jeder M e n s c h
wertvoll ist." U n d deshalb haben die
Projektteilnehmer gemeinsam m i t
C r i s h a Ohler, Sjef v a n der L i n d e n u n d
ihrer L e h r e r i n A s t r i d Szymanski-Pape
für den Abschluss der Gedenkfeier 99
weiße Ballons besorgt u n d lassen sie
i n den H i m m e l steigen. Für jedes tote
K i n d einen.
FAKTEN
Dafür, dass das besondere Theaterprojekt'
zustande kommen konnte, haben das
Bündnis für Familien, die Volksbank Viersen, der Lions Clubs Viersen und die Bleichermühle mit Spenden gesorgt. Ein Dank
der Schule gilt auch der Kirchengemeinde
st. Mathias und insbesondere der Pfarvc
St. Maria-Himmelfahrt, deren Räume die
Schüler nutzen durften.