Nur mit einem Taschengeld begnügt Jeder Hügel, der sich

HISTORIE
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DONNERSTAG, 4. FEBRUAR 2016 | SEITE 16
Geschäfte und ihre
Werbung um 1915
Torgauer Hafenbrücke – ein Wahrzeichen
TORGAU. Da wäre zum Beispiel Richard
Gansauge, der Mechaniker aus der Leipziger Straße 32 in Torgau: Er besaß ein
„reichhaltiges Lager für Nähmaschinen
für Familien und Industrie, Fahrräder –
nur erstklassige Fabrikate, Vertreter der
Neckarsulmer Motorfahrzeuge.“
Gansauge installierte auch elektrische
Schwach- und Starkstromanlagen. Er hatte eine gut eingerichtete Werkstatt für mechanische Werke, elektrische, physikalische, medizinische Apparate und Instrumente sowie eine Spezialwerkstatt für
Nähmaschinen, Fahrräder und Motorfahrzeuge. Richard Gansauge war auch stolz
auf eine „Ermächtigung vom Königlichen
Regierungspräsidenten in Merseburg zur
Ausbildung von Kraftradführern.“
An der Ecke Bäckerstraße/Paradeplatz 1
besaß Max Hollender ein Juwelier-Geschäft. Er hatte ein „reiches Lager moderner Juwelen, Gold-, Silber- und Alfenidewaren, Brillantringe, Kolliers, Armbändern, Broschen und Ohrringen in allen
Preislagen.“ Die Firma Holländer fertigte
Trauringe an, gravierte sie nach Wunsch
und verkaufte „silberne und versilberte
Obst-, Dessert-, Fisch- und Tafelbestecke.“ In der Scheffelstraße 4 handelte Carl
Anton Rößler (Inhaber Georg Wasmuth)
mit Porzellan- und Glaswaren. Es war das
„älteste und größte Spezialgeschäft am
Platze“.
Willi Saare, der seine Garage beim Hotel
„Goldenes Schiff“ hatte, verfügte über einen öffentlichen Kraftdroschken-Betrieb
in Torgau. In einer Annonce hieß es:
„Empfehle meine Kraftdroschke gegen
mäßige Taxe zu allen Fahrten von und
nach der Bahn, engeren und weiteren Umgebung, Spazierfahrten, Visiten, Hochzeiten, Kindertaufen usw.“
In der Fischerstraße 10 war Fleischermeister Franz Birkholz und in der Spitalstraße
16 seit 1889 Franz Böttger mit seiner
Wurstfabrik und dem Versandgeschäft angesiedelt. Herr Böttger inseriert: „Sämtliche Waren werden unter meiner Aufsicht
gefertigt.“
Quelle: Führer durch Torgau und UmgeGünther Fiege
bung von 1914
TORGAU. Dieses historische Foto zeigt die Bauarbeiten an der Torgauer Hafenbrücke. Sie wurde im Zweiten
Weltkrieg zerstört und danach wieder hergerichtet. Die 800 Zentner schwere Brücke ist ebenfalls ein Wahrzei-
chen der Kreisstadt und wird gerade im Sommer von Hunderten Radfahrern auf dem Elberadweg genutzt.
Foto: TZ/Archiv
Jeder Hügel, der sich halbwegs anbot, wurde zum Schlittenfahren genutzt
Winterfreuden in vergangenen Zeiten: Kinder und Jugendliche übten sich im Wintersport / Auch kleinere Verletzungen blieben nicht aus
DOMMITZSCH. Wieder hat sich ein Winter
angemeldet. Da gehen manchmal die Gedanken zurück an die eigene Jugend. Was
tat die Jugend früher im Winter? Es gab
doch noch kein Fernsehen. Auch der Winter, wenn er nicht zu kalt war, wurde früher von uns Kindern viel im Freien verbracht; es wurde Wintersport getrieben.
Jeder größere Hügel der sich dazu eignete, wurde benutzt zum Schlitten fahren.
Kinder aus den „Ellern“ und der Grünen
Straße fuhren zum Beispiel von Hartmanns Mühle bis zum Grenzbach. Eine
ehemalige alte Sandgrube machte es möglich. Heute ist diese verfüllt und das Altenheim darauf erbaut. Die Seebergabfahrt, schon steiler und länger, war ebenfalls eine Schlittenabfahrt. Sie war aber
gefährlicher. Der Verkehr war zwar bei
weitem nicht so groß wie jetzt, aber Autos
und vor allem Pferdefuhrwerke schätzten
den glatt geschliffenen Weg am Berg
nicht. Der Ortspolizist war jedenfalls
schnell dabei, die Rodler zu vertreiben.
Und dann wurde auch noch gestreut. Die
beste Rodelstrecke im Ort befand sich am
Weg zum Osterberg. Hier wurden 3 ver-
schieden schwere Strecken gefahren.
Kleinere Kinder fuhren vom ersten Absatz.
Da war es nicht so lang, aber auch nicht
so steil. Die Abfahrt vom Osterbergweg
zum Bienengraben war schon etwas
schwieriger, noch schwerer zu schaffen
war die Abfahrt von der Ecke an dem Weg
zum Pumpenhaus der Molkerei. Gleich
der Beginn der Strecke war sehr steil und
erforderte schon Mut und Wagnis. Jahrelang wurde diese Abfahrt genutzt, bis eines Tages ein großer Betonmast für Stromkabel am Auslauf der Strecke errichtet
wurde. Gab es auch sonst schon leichtere
Unfälle, wurde die Gefahr jetzt noch größer und verboten wurde das Schlittenfahren auch noch. Es gab im Ort noch einige
andere kleine Abfahrten, aber keine war
wie diese. Eine andere Wintersportart war
das Schlittschuh fahren. Der Bienengraben staute im Winter sein Wasser und ließ
große Eisflächen unterhalb des Seeberges
entstehen. Dort konnten sich die Schlittschuhläufer austoben. Für die Jungen war
das eine Möglichkeit, Eishockey zu spielen, wobei zwar zwei Parteien aufgestellt
wurden, aber die Anzahl der Mitspieler
nicht begrenzt wurde; so viel wie vor Ort
waren, spielten mit. Jeder brachte seinen
meist schon im Herbst hergestellten Hockeyschläger mit; gekaufte Schläger sah
man selten. Leichte Verletzungen traten
bei diesen Spielen öfters auf. Man brach
auch mal ein, wobei außer Erkältungen
wenig passierte, denn das Wasser unter
dem Eis stand nicht hoch. Schwieriger
wurde es, wenn auch der Anger mit Eis
belegt war. Hier gab es meist einen höheren Wasserstand, was bei Einbrüchen sehr
erschwerend wirkte. Bei festem Eis hatte
man die Möglichkeit, bis zur Einmündung
des Schwarzen Wassers in die Elbe zu fahren. Das war jedoch meist gefährlich. Ich
erinnere mich, dass zwei Schüler, in den
30 iger Jahren das Eis der Elbe betreten
hatten, das sich im Aufbruch befand. Sie
wurden auf einer Eisscholle elbabwärts
mitgerissen und konnten erst vor Pretzsch
von der Scholle geholt werden. Solche Unarten wurden früher bestraft, nicht nur zu
Hause sondern auch in der Schule. Einige Lehrer nutzten hierzu einen Rohrstock,
der beschafft beim Korbmacher, immer
vorrätig war. Auch im März 1916 war der
Eis auf der Elbe 1982.
Foto: Archiv Hermann Förster
Anger , durch Hochwasser, zu einer schönen Eisfläche gefroren die fast bis zum
„Schwarzwasser“ reichte. Die blitzende
Fläche verführte einige Jungen, das Eis zu
testen. Die 6-jährigen Jungen St. und P.
befanden sich unter der Meute und probierten die Eisdicke bis zum Schwarzwasser, wo sie so dünn war, dass sie Einbrachen und unter die Eisdecke gerieten. Auf
ihr Schreien und das ihrer Freunde eilten
zwei Soldaten, die auf Urlaub waren und
sich in der Nähe befanden, herbei und zogen die zwei bewusstlosen Knaben aus
dem nassen Element. Sofort vorgenommene Wiederbelebungsversuche hatten zum
Glück Erfolg. Die Familien waren den Soldaten O. Döbelt und W. Korge, wie sie sich
denken können, sehr dankbar. Für die
dritte Sportart, Skifahren, gab es hier weniger Möglichkeiten. Zeitweise nutzten einige Dommitzscher den Weinberg zur Abfahrt, während Langlaufmöglichkeiten
selbst im Labaun und Gränigk genutzt
wurden. Und jetzt? Wenn die Kinder schon
wollten, wo finden sie die Möglichkeiten
für diese Sportarten? Quellen: Chronik,
Kirchenbücher.
Hermann Förster
Vom originalen Bestand beeindruckt
Nur mit einem Taschengeld begnügt
Buchpräsentation „Lutherstadt Wittenberg, Torgau und der Hausbau im 16. Jahrhundert“
Von den Nöten des Audenhainer Pfarrers Karl Jentzsch
WITTENBERG/TORGAU. Am Dienstag,
dem 9. Februar, findet um 17 Uhr in
Wittenberg, im Audimax der Leucorea
Collegienstr. 62, im Rahmen einer Gemeinschaftsveranstaltung des Arbeitskreises für Hausforschung, der Stiftung Leucorea und des Torgauer Geschichtsvereins die Buchpräsentation des 62. Bandes der Jahrbücher für
Hausforschung statt. Vorgestellt wird
der umfangreiche Band mit über 630
Seiten, der der Lutherstadt Wittenberg, Torgau und dem Hausbau der
Renaissance gewidmet ist.
Die hier veröffentlichten Beiträge
sind im Ergebnis einer Jahrestagung des Arbeitskreises für Hausforschung auf der Basis dort gehaltener Vorträge entstanden. Ein Tag
war als Tagesexkursion ganz der
Stadt Torgau gewidmet und erwies sich als viel zu kurz, um alle
herausragenden Sehenswürdigkeiten zu besichtigen. Zahlreiche
Wissenschaftler und Mitglieder
des Vereins waren von Torgau so
angetan, dass sie einen erneuten
Besuch versprachen.
Im vorliegenden Band wird in
einem Beitrag von Jürgen Her-
zog die Renaissancestadt Torgau
vorgestellt und dabei auf baugeschichtliche Aspekte besonders
eingegangen. Angelika Dülberg
hat einen Beitrag zu Wand- und
Deckenmalereien in Torgauer
Bürgerhäusern und im Schloss
Hartenfels geliefert. Der Bedeutung entsprechend stehen dabei
die Malereien im BürgermeisterRingenhain-Haus im Mittelpunkt.
Albrecht Sturm aus Pirna stellt in
einem weiteren Beitrag die Ergebnisse seiner bauarchäologischen
Untersuchungen im Spalatinhaus
und am Renaissancehaus Wintergrüne 4 vor.
Erfreulich und bemerkenswert ist in
diesem Zusammenhang, dass es sich
bei der erwähnten Jahrestagung und
bei der Publikation um eine Zusammenarbeit zwischen der Forschungsgruppe Ernestinisches Wittenberg
und dem Torgauer Geschichtsverein
handelt und so gemeinsam die beiden
wichtigsten Reformationsstätten im
kurfürstlichen Sachsen dem Arbeitskreis für Hausforschung vorgestellt
werden konnten. Die Buchpräsentation am 9. Februar ist öffentlich.
PI
AUDENHAIN. Wie im Artikel vom 21. Januar 2016 über den Audenhainer Pfarrer Karl
Jentzsch berichtet, wechselte er im Jahre
1864 von Audenhain nach Klitzschen. In
einem Brief an Hochwürden Herrn Superintendenten Hauptmann in Torgau vom 3.
Januar 1858 ersucht er diesen ganz ergebenst, sich beim hochwürdigen Consistorium in Magdeburg für eine Versetzung
resp. Verbesserung seiner Einkünfte sich
geneigtest verwenden zu wollen.
So schildert er in diesem Brief seine Situation in Audenhain und die Nöte die ihn
zu dieser Bitte veranlassten.
Im einzelnen führt er dazu aus, dass er
nun schon neunzehn Jahre in dieser Gemeinde im Amte ist, wovon er fünf Jahre
als Substitus seines seligen Vaters tätig
war, während welcher Zeit er sich zum
Besten seiner Geschwister nur mit einem
Taschengeld begnügt habe. Im weiteren
schreibt er, ich werde nun bald mein fünfzigstes Jahr antreten und habe noch fünf
unerzogene Kinder, drei Söhne und zwei
Töchter, die beiden ältesten Söhne sind
elf und neun Jahre alt. Meine Stelle gehört, wie Eurer Hochwürden bekannt ist,
zu den geringst dotierten in Ihrer Ephorie, obgleich das Dorf das größte und wohl
auch reichste derselben ist und die Ein-
künfte derselben mit der Zeit auch nicht
besser werden wie bei anderen Pfarrern
sondern geringer, weil der Weidenutz nur
aus 36 Morgen Ackerland geringer Qualität besteht, welche bei der jetzt zu Ende
gehenden Separation noch verkürzt und
zum Teil in wüstem Lande gegeben werden sollen, während andere Pfarreien das
doppelte und dreifache an Feld besitzen
und durch erhöhte Pächte immer einträglicher werden. Mein Einkommen beläuft
sich, je nach Getreidepreisen auf 600 Taler – 700 Taler, wobei die Wohnung zu 40
Taler veranschlagt ist. Ganz genau läßt
sich der Betrag bei derlei Stellen beim
besten Willen und der größten Gewissenhaftigkeit nicht angeben, weil was die Familie aus Garten, Feld und der Kuhnutzung verbraucht, mir genau berechnet
werden kann und dies durch Fleiß, Betriebsamkeit und Anstrengung der Familienmitglieder genommen wird und daher
nicht zum Amtseinkommen gehört.
Ich habe bisher eine Schwester in Leipzig
zu unterstützen gehabt und eine andere
unverheiratete noch bei mir im Hause. Wir
sind mit den Dienstboten täglich elf Personen zu Tische, es bleibt daher bei größter Sparsamkeit von Seiten meiner und
meiner Frau, wenn das Jahr um ist, nichts
übrig und ich habe bis jetzt weder, was
ich von meinen Geschwistern zum Studium geborgt, noch was ich bei der Übernahme der Pfarre meiner unversorgten
Schwester herauszugeben hatte, abzahlen können. Wenn nun meine beiden ältesten Söhne im nächsten Jahr auf das
Gymnasium gebracht werden sollen, sie
mögen künftig einem Stand sich widmen,
welcher es auch sei, so müssen sie doch
etwas lernen, so weiß ich nicht wie ich die
Kosten erschwingen soll und es erfüllt der
Gedanke daran mein Herz oft mit banger
Wehmut.
Aus diesen Gründen ersuche ich Eurer
Hochwürden nochmals inständig, obwohl
ich mit schwerem Herzen von der mir so
lieb gewordenen Gemeinde gehen werde, beim Hochlöblichen Consistorium auf
eine Versetzung für mich wieder aufs
Land, womöglich in die Nähe einer Parochialstadt, gütigst anzutragen.
Nach diesem Gesuch sind dann noch einmal sechs Jahre vergangen ehe Pfarrer
Karl Jentzsch im Jahre 1864 vom Consistorium die Zustimmung zum Wechsel
nach Klitzschen erhielt, wo er dann nur
noch wenige Jahre tätig war. Im Jahre
1872 beendete eine unheilbarere Krankheit sein Leben.
Harry Liebmann