RUSSICA PALATINA Skripten der Russischen Abteilung des Instituts für Übersetzen und Dolmetschen der Universität Heidelberg Nr. 42 - 2015 Herausgegeben von Jekatherina Lebedewa und Sigrid Freunek ISSN 0938-4103 © Institut für Übersetzen und Dolmetschen der Universität Heidelberg 2015 2 3 Sigrid Freunek Indirekte Rede und kosvennaja reč' in Alltagstexten, Literatur und Übersetzung – ein Vergleich Heidelberg 2015 4 5 Als ich vor Jahren auf einer Tagung in Nižnij Novgorod die These wagte, es sei auf Grund grammatik-typologischer Unterschiede häufig unmöglich, „Erlebte Rede“ verlustarm aus dem Deutschen ins Russische zu übertragen, schlug mir eine Welle der Empörung entgegen: Literarische Verfahren seien doch nicht mit grammatikalischen Kategorien gleichzusetzen, es gehe doch bei Übersetzungen nicht um die sprachliche Form, sondern um Inhalte auf der Textebene, noch dazu bei literarischen Texten, das Russische habe andere sprachliche Möglichkeiten, um genau dasselbe wie im Deutschen (und noch viel mehr) auszudrücken usw. Erstaunlich oft werden die einzelsprachlichen Grammatiken der Redewiedergabe (oder auch des Erzählens allgemein) für eine reine Formalität gehalten. Die Unterschiede auf der formalen Ebene scheinen auf der Ebene der Inhalte zu verschwinden, man drückt in verschiedenen Sprachen ganz einfach „dasselbe mit anderen Mitteln“ aus. Erzähltechnische Verfahren gelten als übereinzelsprachlich, sogar ihre Bezeichnungen werden unreflektiert oder stillschweigend auf anderssprachige Texte und Übersetzungen übertragen und angewendet. So diskutiert zum Beispiel VOGT in einer etwas älteren Ausgabe seiner Einführung in die Narratologie ausführlich die Gestaltung der Personenrede in Dostojevkijs Roman Prestuplenie i nakazanie und verwendet dabei auch die Termini „Indirekte Rede“ und „Direkte Rede“, wobei er vermutlich diejenige Indirekte Rede meint, die er in der von ihm herangezogenen deutschen Übersetzung gefunden hat (– es gibt mittlerweile an die zwanzig deutsche Übersetzungen dieses Werks) (vgl. 1998, 152). Der deutschen Indirekten Rede und der russischen kosvennaja reč' liegen unterschiedliche Grammatiken zugrunde. Erzeugen diese unterschiedlichen Formen wirklich identische Inhalte? Und: Können sie gleiche lit er ar is c he Inhalte erzeugen? 6 7 Inhalt 1 Kurze Begriffsbestimmung „Inhalt“........................................................... 8 2 Indirekte Redewiedergabe ....................................................................... 10 2.1 Die Grammatiken der deutschen Indireken Rede und der russischen kosvennaja reč'........................................................................................ 10 2.1.1 Grammatikalische Integration und Adaption: Deixis und Syntax ........10 2.1.2 Grammatikalische Zitierzeichen: „Indirektiv“ und Partikeln ................16 2.2 Inhalte der Indirekten Rede und kosvennaja reč' in Alltagstexten .... 23 2.2.1 Ideologische Distanzierung .........................................................................23 2.2.2 Inhaltliche Authentizität ...............................................................................24 2.3 Abgrenzung der Indirekten Rede/kosvennaja reč' von der Erlebten Rede/nesobstvenno-prjamaja reč' ........................................................... 25 2.4 Zwischenüberlegungen .................................................................... 34 3 Indirekte Rede/kosvennaja reč' in literarischen Werken: Inhalte ............. 35 3.1 Konventionelle Verwendungsweisen ............................................... 35 3.2 Artifizielle Verwendungsweisen am Beispiel der Skizze eines Verunglückten von Uwe Johnson ........................................................... 35 4 Indirekte Rede und kosvennaja reč': Vorkommen in literarischen Texten und Übersetzungen (19. und 20. Jh.) ........................................................... 39 5 Übersetzungsanalysen .............................................................................. 49 5.1 Die Vermessung der Welt von Daniel Kehlmann ............................. 49 5.1.1 Erzähltechnische Gestaltung und Inhalte der Vermessung der Welt .....49 5.1.2 Die Vermessung der Welt in ihrer russischen Übersetzung ...................50 5.2 Wäldchestag von Andreas Maier ...................................................... 55 5.2.1 Erzähltechnische Gestaltung .......................................................................55 5.2.2 Inhalte von Wäldchestag..............................................................................58 5.2.3 Wäldchestag in seiner russischen Übersetzung ........................................59 6 Ergebnisse ................................................................................................ 65 7 Literatur .................................................................................................... 66 7.1 Quellen ............................................................................................. 66 7.2 Sekundärliteratur ............................................................................. 68 8 1 Kurze Begriffsbestimmung „Inhalt“ Unter „Inhalt“ verstehe ich das mit einer Äußerung Gemeinte und Verstandene, wobei ich den Begriff insbesondere abgrenzen möchte von a. der B ed eut u n g, dem inhaltlichen P o te n ti al von Elementen des Sprachsystems, und b. der ( illo k ut io när e n) F u n kt io n und Sit u at io n sad ä q ua t he it einer Äußerung. Die drei Ebenen können zusammenfallen, tun es aber häufig nicht. Im Sprachvergleich zeigen sich die Systembedeutungen typischerweise unterschiedlich, die Funktionen und die Situationsadäquatheit gleich oder ähnlich. Die Inhalte, die von den oft unterschiedlichen Systembedeutungen erzeugt werden, escheinen der Erfahrung nach mal unterschiedlich, mal gleich. Zwei situationsadäquate oder funktionsgleiche („äquivalente“) Äußerungen: (1/1) Wenn ich in einer bestimmten Situation sage (oder schreibe) „Выздоравливайте!“ und in einer gleichen Situation „Gute Besserung!“, dann habe ich zwar verschiedenartige sprachliche Mittel verwendet (Imperativ vs. elliptischer Aussagesatz mit Objekt, Verb vs. Substantiv, Wörter mit unterschiedlicher lexikalischer Systembedeutung). Die (illokutionären) Funktionen der beiden Äußerungen sind aber gleich oder sehr ähnlich: Ich möchte der angesprochenen Person in einer Krankheitssituation höflich Mut zusprechen. Ich habe jeweils etwas zu der Situation perfekt Passendes gesagt und mein Gesprächspartner hat es auch als perfekt passend empfunden. Vermutlich habe ich aber auch dasselbe gemeint, und mein Gesprächspartner hat wohl auch dasselbe verstanden: „Ich wünsche Ihnen Genesung.“ Auch die Inhalte der beiden Äußerungen sind gleich oder sehr ähnlich. Andererseits: (1/2) Jedem Bilingualen ist die Situation bestens bekannt, dass er einen in der einen Sprache völlig geläufigen Inhalt in einer anderen Sprache nicht ausdrücken kann, jedenfalls nicht ohne ausschweifende (eventuell metasprachliche) Erklärungen. „Das ist eine Zumutung!“ ist eine Äußerung mit einem sehr spezifischen Inhalt. Wenn ich auf Russisch sage „Это безобразие!“, habe ich möglicherweise eine situationsadäquate und funktionsgleiche Äußerung getan, inhaltlich habe ich aber sicherlich nicht dasselbe gesagt. Als Übersetzer oder Dolmetscher hätte ich in so einem Fall der Forderung nach funktionaler Invarianz bzw. Äquivalenz vollkommen Genüge getan, der Forderung nach inhaltlicher Invarianz aber nicht. 9 Die Grundinhalte von Ausdrücken können aber auch weitere Inhalte auf höheren Ebenen schaffen, Textinhalte wie in folgendem Beispiel: (1/3) „Ich freue mich auf viele Gottesdienste mit Ihnen, in denen wir das Leben feiern und darin entdecken, was Jesus als grandioses Wort uns zugeMut-et hat: Das Reich Gottes ist schon mitten unter Euch. Ich freue mich auf ein Miteinander, das mutig und zuversichtlich die Fragen und Aufgaben angeht.“ 1 Inhalte dieser Art können in unterschiedlichem Maß sprachspezifisch sein. Häufig sind sie genau dann spezifisch, wenn schon die zugrundliegenden Strukturen und Inhalte spezifisch sind, wie im letzten Beispiel. Aber nicht nur lexikalische Formen, sondern auch grammatische können spezifische Inhalte schaffen. So können beispielsweise im Russischen verneinte Existenz-Sätze entweder mit Nominativ oder mit Genitiv konstruiert werden: (1/4) Почему Путин не был на саммите G7. [Warum Putin nicht auf dem G7-Gipfel war. (D.h. er war woanders)] (1/4‘) Почему Путина не было на дебатах. [Warum Putin nicht auf der Debatte war. (D.h. sie fand ohne ihn statt)] Der feine Unterschied „Abwesenheit aus der Sicht des Abwesenden“ und „Abwesenheit aus der Sicht der Anwesenden“ 2 ist ein Inhalt, der im Deutschen normalerweise nicht wiedergegeben wird. Eine funktionsadäquate Übersetzung ist möglich und einfach, eine inhaltlich invariante wäre dagegen schwierig. Gehören nun die Grammatiken der Redewiedergabe zu denjenigen unterschiedlichen Strukturen, die gleiche Inhalte schaffen, oder erzeugen sie verschiedene Inhalte? Im Folgenden (Kap. 2) werde ich zunächst kurz beschreiben, wie die verschiedenen Arten der Wiedergabe einer fremden Rede in den beiden Sprachen funktionieren. 1 Alle nicht anders gekennzeichneten Beispiele entstammen öffentlich zugänglichen Korpora, Original-Gebrauchstexten oder der Tagespresse. Nicht weiter bezeichnete Übersetzungen aus dem Russischen sind meine eigenen. 2 Vgl. hierzu z.B. die Arbeiten von Vladimir Borščev (BORSCHEV 2002) 10 2 Indirekte Redewiedergabe 2.1 Die Grammatiken der deutschen Indireken Rede und der russischen kosvennaja reč' Indirekte Redewiedergabe ist eine zitierte Rede (oder ein zitierter Bewusstseinsinhalt), also eine R ed e i n d e r R ed e. Aus der Sicht des Sprechers ist sie die Rede „eines anderen“, d.h. eine Rede, die einem zweiten Sprecher zugeordnet ist (dieser muss nicht unbedingt eine andere Person sein). Traditionell spricht man von „Indirekter Rede“ bzw. „kosvennaja reč'“ – in Abgrenzung von anderen Arten der Redewiedergabe –, wenn die „fremde“ Rede - gr a m ma ti ka li sc h i n d ie Red e d es Sp r e c her s i n t egr ier t ist, z.B. durch syntaktische Abhängigkeit von einer inquit-Formel, und - ideologisch klar von der Rede des Sprechers getrennt ist Das gilt gleichermaßen für die deutsche Indirekte Rede (IR) wie für die russische kosvennaja reč' (KR), wobei ihre formalen Seiten sich aber, wie im Folgenden deutlich werden wird, voneinander unterscheiden. 2.1.1 Grammatikalische Integration und Adaption: Deixis und Syntax Der Umgang eines Sprechers 1 mit der Rede eines Sprechers 2 wird durch die jeweilige Grammatik der Redewiedergabe widergespiegelt. Bei der indirekten Redewiedergabe stehen dabei die gr a m ma t i kal i sc he Ad ap t io n und I n te gr atio n der fremden Rede im Mittelpunkt. a. Deixis Die wichtigste Anpassung ist die Umpolung der Deiktika auf den Sprecher 1 als Origo der Deixis bzw. ihre Umwandlung in anaphorische Sprachmittel. Als deiktische Mittel betrachtet man - die Bezeichnungen der Sprecher, d.h. die Personenbezeichnungen und die dazugehörigen Pronomina sowie Zeit- und Ortsbestimmungen sowie das Tempus des Verbs 11 a.1 Zu den Personenbezeichnungen, Zeit- und Ortsbestimmungen: Obligatorisch ist dabei im Russischen wie im Deutschen nur die Umpolung der Sprecherbezeichnungen (z.B. von „ich“ auf „der Angeklagte“) und der dazugehörigen Prononima (z.B. von „ich“ auf „er“). Es handelt sich dabei fast immer um eine Eliminierung der Deixis (Pronomina der dritten Person oder auch andere Personenbezeichnungen sind anaphorische Sprachmittel), außer, wenn der Sprecher seine eigene Rede wiedergibt („ich“ bleibt „ich“) oder eine Rede, in der er selbst der Angesprochene ist (aus „du“ wird „ich“). Ohne diese Anpassung wirken IR und KR ungrammatisch. Die Umpolung der Orts- und Zeitbestimmungen (z.B. von „dieser“ auf „jener“ oder von „gestern“ auf „am Tag zuvor“) ist zwar nicht grammatikalisch verpflichtend. Eine indirekte Rede ohne diese Umpolung kann allerdings atypisch wirken und außerdem in Richtung erlebter Rede „abdriften“ (siehe auch weiter unten). Beispiele: Der Satz (2/1) [...]hat der Angeklagte erklärt, er sei am 10. Januar 2007 morgens um 8 Uhr von der Arbeit aus Rotenburg nach Hause gekommen. entspricht eher den Konventionen für die Gestaltung der IR und ist auch weniger missverständlich als (2/1‘) Der Angeklagte hatte behauptet, er sei vorgestern den ganzen Tag da gewesen. a.2 Zu den Tempora: Die Verwendung der Tempora ist laut Duden-Grammatik für die deutsche IR folgendermaßen geregelt: Bei Gleichzeitigkeit zum Tempus eines übergeordneten inquit-Satzes wird der Konjunktiv I im Präsens verwendet (z.B. „sei“), bei Nachzeitigkeit der Konjunktiv I Futur („werde sein“), bei Vorzeitigkeit der Konjunktiv I Perfekt („sei gewesen“, vgl. DUDEN 2009, 529ff.). Das Tempus in der wiedergegebenen Rede wird also ad ap t ier t und nimmt r ela ti v e Funktion an, nämlich durch die Verwendung des Konjunktivs und durch die Beschränkung auf die genannten Formen (d.h. ein Präteritum oder auch ein Plusquamperfekt in der fremden Rede muss z.B. durch das Perfekt ersetzt werden, jedenfalls im Standarddeutschen). 12 Beispiele für eindeutige Vorzeitigkeit durch Konjunktiv I Perfekt: (2/2) Aus Firmenkreisen verlautete, es sei neben den fachlichen Leistungen nicht zuletzt die Teamfähigkeit Reithofers gewesen, die für die Berufung auf den Chef-Posten mit ausschlaggebend gewesen sei [...] (2/3) Hartz hatte in seiner Vernehmung als Zeuge gesagt, dass er von Vergünstigungen gegenüber Betriebsräten keine Kenntnis gehabt habe. Beim Indikativ dagegen, der in der Umgangssprache bei IR möglich ist, können die Tempora entweder relativ oder deiktisch funktionieren (vgl. auch DUDEN 2009, 532). Es ist dann oft nicht eindeutig, ob es sich um fremde oder eigene Rede handelt. Außerdem bewirkt der Indikativ häufig uneindeutige Zeitverhältnisse, während der Konjunktiv, egal ob I oder II, immer relativ interpretiert wird: 3 (2/4) aber er hat doch gesagt er is in seiner heimat [relativ oder deiktisch?] (2/5) [Ich] hab dann gesacht ja des is ja jetz auch eng hier [Indirekte oder Direkte Rede?] weil da halt dieser weg dann zur hälfte fasch zugestellt war [relativ-gleichzeitig oder deiktisch als eigene Rede?][...] (2/6) Ich hab der Mama gesagt dass ich mit Essen fertig war. [Vorzeitig oder gleichzeitig oder deiktisch?] Eindeutig deiktisch, aber deswegen auch als eigene Rede zu verstehen: (2/7) Wir haben gesagt, dass bei dieser jahrelangen Mini-Mode korpulentere und ältere Personen das einfach nicht tragen können und sich zum Teil jahrelang nichts kaufen konnten weil man wenn man ein bißchen stärker oder aber auch ein bißchen länger ist, als ausgewachsener Mensch in diese Dinge nicht hineinkommt [...] Bewusster Wechsel zwischen Deixis und Relativität mittels Variation von Konjunktiv II und Indikativ: (2/8) meine Mutter meine Mutter hat immer behauptet sie hätte mich aufgeklärt [relativ - vorzeitig] sie sagt als ich meine Tage gekriegt hätte [dito], da hätte sie mir gesagt [dito] gut das weiß ich noch da hat sie mir gesagt [deiktisch, eigene Rede], daß ich jetzt Kinder kriegen kann [uneindeutig, eher relativ] des weiß ich noch. und sie behauptet ich sie hätte mir irgendwann mal 3 Und tatsächlich gilt der Konjunktiv im Deutschen als weitgehend „detemporalisiert“ (vgl. ROELCKE 1997, 105f.), was die These von seiner relativen Funktion in abhängigen Sätzen bekräftigt. 13 gesagt [relativ] wie das nun so richtig vor sich geht [uneindeutig, eher deiktisch]. nun das weiß ich nich mehr. also ich streite das also ab. Nach Analyse der Beispiele könnte man sogar vermuten, dass bei Verwendung des Indikativs im Zweifelsfall eher deiktisch interpretiert, also die Rede als eigene Rede verstanden würde. In der russischen KR finden wir nun genau diese Situation als Regel bzw. einzige Möglichkeit vor: Die Tempora (und Modi) einer zugrundeliegenden direkten Rede werden in der KR beibehalten. Die Funktion der Tempora kann entweder relativ („taxisch“) oder deiktisch sein, was zu ähnlichen Uneindeutigkeiten führen kann wie die deutsche IR mit Indikativ: (2/9) Владимир Даль утверждал, что писать «русский» с двумя «с» – неправильно, и писал с одной. [Vladimir Dal‘ war überzeugt, dass es falsch sei/ist, „russkij“ mit zwei „s“ zu schreiben, und schrieb es mit einem.] (2/10) Мама сказала что купит тебе айфон. [Mama hat gesagt, dass sie dir ein iPhone kaufen wird/kaufen würde.] Beide Male kann das Tempus in der KR entweder als deiktisch oder als relativ aufgefasst werden. Im zweiten Beispiel ist deswegen nicht klar, ob zum Redezeitpunkt das iPhone sicher noch nicht gekauft ist (deiktische Interpretation) oder aber vielleicht schon gekauft ist (relative Interpretation). Ein Beispiel mit ähnlichen sprachlichen Elementen aus der Literatur: (2/11) Миссис Дэллоуэй сказала, что сама купит цветы. (Virdžinija Vulf. Missis Dėllouėj, übers. v. E. Suric) 4 [Mrs. Dalloway sagte, sie werde die Blumen selbst kaufen.] Die Tatsache, dass es sich um einen narrativen Text handelt, legt auch im Russischen die relative Interpretation nahe. Diese „Tatsache“ muss man allerdings aus der Situation erschließen oder einfach wissen, da das Präteritum im Russischen – anders als im Deutschen – nicht als „narratives Tempus“ markiert ist. Formal gleicht der Beispielsatz deswegen dem vorhergehenden, nicht narrativ zu interpretierenden (der im Deutschen mit Perfekt stehen müsste). Als einzige ausschließlich relative und damit eindeutige Verwendungsweise eines russischen Tempus in der KR gilt der perfektive Aspekt Präteri- 4 Im Original: „Mrs. Dalloway said she would buy the flowers herself.” 14 tum in Abhängigkeit von einem Präteritum im Hauptsatz. In diesem Fall soll immer Vorzeitigkeit markiert werden: (2/12) Российский математик Григорий Перельман утверждал, что доказал гипотезу Пуанкаре. [Der russische Mathematiker Grigorij Perel’man hat behauptet, er habe die Poincaré-Vermutung bewiesen (hier eindeutig vorzeitig).] Dass das absolut immer so funktioniert, darf allerdings bezweifelt werden. Man stößt immer wieder auf Textpassagen, bei denen die temporalen Verhältnisse trotz der Verwendung von Präteritum pf. uneindeutig bleiben. So etwas fällt oft anlässlich einer Übersetzung ins Deutsche auf: (2/12) Начну с того, что роман «Мы» я прочитал первый раз (в советское время) по-английски. Русского варианта достать не мог. Друзья брали почитать. Помню, как я давал почитать роман своему другу Владимиру Кормеру. Мы решили пересечься на улице, но страх перед всевидящим оком был таков, что мы зашли в магазин, прислонили портфели к прилавку, будто передаем друг другу водку и закуску, и я передал ему «Мы». [...] Что же мы искали в этом романе, написанном в 1920-1921 гг. и появившемся тогда в печати лишь на Западе и в переводе? Мы были наслышаны о том, что это великая антиутопия, изображающая тоталитаризм, всю сталинскую систему, что следом за ним шли великие романы Хаксли «О дивный новый мир» и Оруэлла «1984», что Замятин проложил путь к созданию так называемой «антитоталитарной антиутопии». Ich fange damit an, dass ich den Roman „My“ zum ersten Mal (noch zu Sowjetzeiten) auf Englisch gelesen habe. Das russische Original war nicht aufzutreiben. Freunde liehen sich das Buch zum Lesen aus. Ich weiß noch, wie ich den Roman meinem Freund Vladimir Kormer übergab. Wir hatten zunächst vor, uns wie zufällig auf der Straße zu treffen, aber die Angst vor dem „allwissenden Auge“ war so groß, dass wir in einen Laden gingen, uns mit den Aktentaschen vor dem Körper dicht vor die Warenauslage stellten und so taten, also wollten wir Wodka und etwas zum Essen tauschen; und dabei schob ich ihm „My“ hinüber. [...] Was suchten wir eigentlich in diesem Buch, das 1920-1921 geschrieben worden war und damals nur im Westen und als Übersetzung gedruckt wurde/worden war? Wir hatten viel darüber gehört, dass es eine große Antiutopie sei (ist?), die den Totalitarismus und das ganze stalinistische System darstelle (darstellt?), dass ihm solche wichtigen Werke nachgefolgt seien/nachfolgten/nachgefolgt waren wie Huxleys „Brave New World“ und Orwells „1985“, dass Samjatin den Weg für die sogenannte „antitotalitaristische Antiutopie“ gebahnt habe/hatte/hat. 15 Zu Beginn des Berichts im Präteritum wird zunächst eine erzählte Zeit in der Vergangenheit des Verfassers festgelegt, nämlich der Zeitpunkt, zu dem er den Roman gelesen hat (wohl in den 70er Jahren). Das Buch ist aber schon einige Jahrzehnte früher geschrieben worden. Die Vorzeitigkeit wird dabei durch das Prät. pf. ausgedrückt, und zwar zunächst durch das Partizip „написанном“. Aber bereits das darauf folgende Partizip (ebenfalls Prät. pf.), „появившемся“, ist nicht mehr eindeutig interpretierbar: Ist das Buch noch in den 20er Jahren erschienen oder zur erzählten Zeit, also in den 70er Jahren? Auch das eingefügte „тогда“ („damals“), oft als Mittel zur Klärung der zeitlichen Verhältnisse eingesetzt, beseitigt hier nicht die Vagheit des Ausdrucks, da es sich auch auf die erzählte Zeit beziehen kann. Man kann den Satz nur eindeutig verstehen (und übersetzen), wenn man außertextuelles Wissen dafür bemüht: Die ersten Publikationen von „My“ im Ausland datieren tatsächlich noch in den 20er Jahren. So gesehen ist eigentlich auch das erste Partizip nur deswegen eindeutig als vorzeitig zu verstehen, weil eine Jahreszahl die zeitlichen Bezüge verdeutlicht. Weiter unten wird dann noch einmal deutlich, dass auch in der KR nicht ganz klar ist, ob relativ vorzeitig oder deiktisch interpretiert werden soll, auch und gerade beim pf. Prät. „проложил“. 5 Enthält die zitierte Rede gar keine anaphorischen/relativen sprachlichen Mittel, kann ihr Wortlaut unverändert bleiben. Die Identifikation als KR ist dann nur durch Metahinweise von Sprecher 1 möglich, insbesondere durch inquit-Formeln oder -Adverbiale und -Appositionen: (2/14) Свидетель: „Полицейский за рулем Mercedec был пьян.“ [Der Polizist am Steuer des Mercedes war betrunken.] (2/14‘) KR: По словам свидетеля, полицейский за рулем Mercedec был пьян. [Nach Angaben des Zeugen war der Polizist am Steuer des Mercedes betrunken.] 5 Ein ganz anderes Problem ist bei diesem Text übrigens die Wahl des Tempus im Deutschen. Der (schriftlich veröffentlichte) Text enthält zahlreiche sprechsprachliche Elemente und erinnert an eine mündlich konzipierte Erzählung. Im Deutschen wäre dafür eher das „deiktische Vergangenheitstempus“, das Perfekt passend. Mindestens im ersten Satz ist es beinahe obligatorisch, und zwar wegen der Abhängigkeit von einem Hauptsatz im Präsens. Ein Durchhalten des Perfekts in einem schriftlichen Text wirkt aber dann doch sehr auffällig, so dass man sich immer wieder zu einem Umspringen auf das „narrative“ Tempus Präteritum genötigt fühlt, was den Text aber stilistisch „hebt“. 16 b. Syntax Die Wiedergabe einer „Rede in der Rede“ findet syntaktisch ihren Ausdruck in der Unt er o r d n u n g, d.h. sie erscheint häufig als abhängiger Nebensatz. Übergeordnet ist dabei ein Satz mit einer inquit-Formel. Rede in der Rede kann aber auch mit einer präpositionalen und appositionellen Quellenangabe (z.B. „laut Aussagen von“ oder „wie verlautete“) konstruiert werden. 6 Dies ist, wie unten noch gezeigt werden wird, im Russischen häufig der Fall. Schließlich ist auch eine „freie“, d.h. syntaktisch ganz eigenständige indirekte Redewiedergabe möglich. Diese findet man häufig in deutschen Texten. 2.1.2 Grammatikalische Zitierzeichen: „Indirektiv“ und Partikeln a. „Indirektiv“ Anders als im Russischen gibt es im Deutschen für die IR ein grammatikalisches Zitierzeichen, den Konjunktiv I, der fast immer eine eindeutige Kennzeichnung der IR erlaubt. Es gibt hiervon nur zwei Ausnahmen: - Konjunktiv I kann formal nicht vom Indikativ unterschieden werden. In diesem Fall muss der Konjunktiv II verwendet werden. Konjunktiv I (oder II) erfüllen in der zitierten Rede bereits eine andere Funktion (Optativ, Irrealis). In diesem Fall ist die Verwendung des Konjunktivs als Zitierzeichen nicht möglich. Dieses Zitierzeichen ermöglicht auch die eindeutige Kennzeichnung der sogenannten fr e ie n i nd ir e kt e n Red e, also einer indirekten Rede ohne inquit-Formeln, wie in folgendem Beispiel: (2/15) Herr Oberbürgermeister Jensen hatte dem Stadtrat einige Mitteilungen zu unterbreiten. - NPD-Wahlplakate für die anstehende Bundestagswahl - Plakatierung in der Stadt 6 Sowohl in der russischen als auch in der deutschen Grammatikschreibung und Sprachpflege findet man häufig die Meinung, es handele sich hierbei nicht um (eine echte) indirekte Redewiedergabe. Und tatsächlich stehen diese Konstruktionen im Deutschen auch mit dem Indikativ. 17 Er und andere, so Herr Oberbürgermeister Jensen, seien kürzlich häufig darauf angesprochen worden, dass in den letzten Tagen Wahlplakate in der Fußgängerzone, insbesondere NPD-Plakate im Bereich der Porta-Nigra, angebracht gewesen seien. ∗ Am Freitagvormittag habe man Hinweise auf dieses nicht den Regeln entsprechende Aufhängen von Plakaten erhalten. Die Verwaltung habe sofort reagiert und der NPD eine entsprechende Verfügung erteilt, dass sie bis Montag die Plakate abzunehmen habe. Die entsprechenden Verordnungen sähen vor, dass eine angemessene Frist zur Beseitigung eingeräumt werde.[…] [Auszug aus einem Sitzungsprotokoll] ∗ Hier beginnt die freie IR, die sich in diesem Text noch über mehrere Absätze fortsetzt. Ein solches „Durchhalten“ der freien IR, teilweise über mehrere Absätze hinweg ist für deutsche Gebrauchstexte sehr typisch. Im Russischen ist eine freie indirekte Redewiedergabe ebenfalls möglich. Da es aber kein vergleichbares Zitierzeichen gibt, kann sie nur aus dem Kontext oder auf der ideologischen Ebene als solche eindeutig identifiziert werden. Sie wird deswegen eher vermieden. Ein typisches Beispiel für die Gestaltung einer Redewiedergabe in einem russischen journalistischen Text: (2/16) «Мы приняли решение повысить проходной балл, – рассказывает ректор Российского государственного гуманитарного университета Ефим Пивовар. – Минимум 50 по всем предметам, только по математике не ниже 45». Он отметил, # что взятый показатель выше, чем средний по Москве. ∴По словам Пивовара, после обнаружения у высших школ «признаков неэффективности» каждый вуз стремится поднять уровень качества абитуриентов. Вузы опубликуют проходные баллы 1 июня. « Hier beginnt eine direkte Rede mit eingefügter inquit-Formel. # Hier beginnt eine syntaktisch abhängige KR. ∴Hier beginnt eine KR, die mit einer Präpositionalphrase gekennzeichnet ist. Mit dem neuen Absatz würde dann die Rede wieder als Autorenrede interpretiert werden. (2/16‘) „Wir haben entschieden, den Numerus Clausus zu erhöhen“, berichtet der Rektor der Russischen Staatlichen Geisteswissenschaftlichen Universität Efim Pivovar. „Mindestens 50 Punkte in allen Fächern, nur in Mathematik mindestens 45“. Er merkte an, # dass dieser Numerus Clausus höher sei als der Moskauer Durchschnitt. ∴Nach den Worten Pivovars seien nach 18 Aufdeckung einiger „Anzeichen von Ineffektivität“ alle Hochschulen jetzt bestrebt, die Qualität der Studienanfänger zu erhöhen. Die Mindestnoten werden von den Hochschulen am 1. Juni veröffentlicht. Hier ist es eindeutig, wie die Redewiedergabe interpretiert werden muss. Im weiteren Verlauf desselben Texts kann man allerdings sehen, dass es im Russischen leicht zu Uneindeutigkeiten kommen kann: (2/17) ∴По словам экспертов, 2013-й – скорее всего, последний год, когда вузы будут учитывать только результаты ЕГЭ. ? Уже к следующему году приёмные комиссии начнут оценивать учебные достижения абитуриента в целом. Критерием станет либо средний балл аттестата, либо некое «портфолио», где зафиксированы образовательные успехи, гадает издание. ? Ab dieser Stelle ist nicht eindeutig, ob es sich immer noch um die „Worte der Fachleute“ handelt oder um eigene Rede des Autors. (2/17‘) Nach den Worten von Fachleuten würden die Hochschulen 2013 wahrscheinlich zum letzten Mal ausschließlich die Ergebnisse des Zentralabiturs berücksichtigen. Bereits im nächsten Jahr werden/würden sie beginnen, die Schulleistungen der Studienbewerber insgesamt mit in die Bewertung einzubeziehen… Der deutsche „Indirektheitskonjunktiv“ oder „Indirektiv“, wie er von manchen Autoren genannt wird (z.B. von Weinrich in seiner Textgrammatik der deutschen Sprache), ist aber nicht hundertprozentig grammatikalisiert. In der Alltagssprache und den substandardlichen Varietäten des Deutschen wird er weniger verwendet. Stattdessen wird bei IR hier entweder auf den Indikativ zurückgegriffen oder auf den Konjunktiv II. In den zugänglichen Kopora findet man häufig eine „bunte Mischung“ aus allen drei Möglichkeiten: (2/18) A: das is ja mit den fahrrädern hier irgendwie versteh ich nich wo die alle herkommen und so hat sich so n bisschen äh B: aber sie hat eigentlich drauf angspielt dass die uns ghörn oder A: ja schon B: es waren aber nich alles also es war meins stand zum beispiel nich da A: ja sie hat ja auch behauptet es wären unsere gar nich nachgefragt wem die gehören B: und dann hab ich gesacht ja das sei jetz auch ich wollte irgendwie ne n bisschen freundlich sein hab dann gesacht ja des äh is ja jetz auch eng hier weil da halt dieser weg dann zur hälfte fasch zugestellt war und irgendwie [...] 19 Ein Beispiel aus einem sprechsprachlich gestalteten literarischen Text: (2/19) Wie ihr Gepäck gekommen ist, war ich auf der Bahn, und der Stationsdiener hat gesagt, > es ist lauter Juchtenleder, die müssen viel Gerstl haben. [...] Am andern Tag habe ich den Arthur gesehen. Er war aber nicht so groß wie ich und hat lange Haare gehabt bis auf die Schultern und ganz dünne Füße. [...] Sein Papa hat gerufen: „Wo geht ihr denn hin, ihr Jungens?“ Da habe ich ihm gesagt, # dass wir das Schiff im Rafenauer seinem Weiher schwimmen lassen. (Ludwig Thoma, Lausbubengeschichten, 1905) Die IR in diesem Text ist folgendermaßen zu interpretieren: > als direkte Rede # als deiktisch auf den (hier fiktiven) Redemoment bezogen. Das legt auch das Tempus des Hauptsatzes nahe: Das deutsche Perfekt funktioniert eher deiktisch, deswegen wirkt es in diesem schriftlichen narrativen Text auffällig. Schon eine flüchtige Durchsicht von Sprachdaten der DGD legt jedoch nahe, dass dieser „Mischung“ durchaus eine Systematik zugrundeliegt. Zunächst scheint in der gesprochenen Sprache der Konjunktiv II zu überwiegen. Je formeller die Situation (Klassenzimmer, Interview), desto häufiger wird auch Konjunktiv I verwendet. Die Verwendung des Indikativs dagegen markiert häufig einen Wechsel von indirekter zu direkter oder eigener Redewiedergabe, führt also meist zu einer deiktischen Interpretation. (Vgl. auch die Beispiele 2/7, 2/8, 2/18) Für die schriftsprachlichen Varietäten des Deutschen scheint der Indirektiv aber obligatorisch zu sein, wobei der Grad der Verpflichtung je nach Textsorte variiert. Z.B. ist er in kanzleisprachlichen und juristischen Texten (die eine eindeutige Zuordnung des Gesagten zu einem Sprecher verlangen), aber auch in publizistischen Texten sehr hoch. Im DUDEN wird die Verwendung des Konjunktivs zumindest für die freie IR als „notwendig“ bezeichnet (vgl. 2009, 532). Ob diese „Verpflichtung“ oder „Notwendigkeit“ eine grammatikalische Norm ist oder eher eine Textsortenkonvention, ist schwer zu entscheiden. Empfindet der kompetente Rezipient einen Verstoß gegen die Grammatik oder „nur“ einen Stilbruch, wenn der Konjunktiv in einem solchen Text nicht verwendet wird? Nach meinem Dafürhalten besitzt der Indirektiv innerhalb der schriftsprachlichen Varietäten des Deutschen einen hohen Grad an Grammatizität. 20 b. Zitierzeichen „мол“, „дескать“ und „-де“ Auch das Russische verfügt über Zitierzeichen: Die Partikeln „мол“, „дескать“ und „-де“, alle drei ehemalige inquit-Formeln, fungieren als Signale für eine indirekte Redewiedergabe. Diese besitzen aber eine weitaus geringere Grammatizität als der deutsche Indirektiv. Außerdem sind diese Partikeln interessanterweise varietätenlinguistisch eher im unteren Bereich angesiedelt. Sie konnotieren Umgangssprache und können in hochsprachlichen Textsorten aus stilistischen Gründen gerade nicht verwendet werden. Hier einige Beispiele aus dem Nacional’nyj korpus russkogo jazyka (mündlich): (2/20) Вот пошёл разговор / мол / и на солнце есть пятна / Стругацкие / дескать / не идеальные писатели / но рядом поставить некого. (Дискуссия о научной фантастике) [Und dann ging das Gerede los, nach dem Motto: auch die Sonne hat Flecken. Die Strugackij-Brüder seien/wären/sind sicherlich keine idealen Schriftsteller, aber einen Vergleich gebe/gäbe/gibt es trotzdem nicht.] (2/21) Я вот старика Анта знаю много-много лет / и вдруг вижу / сидит талантливый человек и почему-то оправдывается / мол / я тоже имею отношение к литературе / а вот Стругацкие / они / между прочим / высоки… (Дискуссия о научной фантастике) [Ich kenne ja den guten alten Ant schon viele, viele Jahre und da sehe ich plötzlich: Sitzt da dieser begabte Mensch und rechtfertigt sich irgendwie: von wegen ich habe auch eine Beziehung zur Literatur. Aber die StrugackijBrüder, die stehen übrigens ganz oben…] (2/22) Как бы после такой антирекламы от нас не отвернулась вся демократическая общественность / мол / ваша фантастика / это литература коммунистического прошлого! (Дискуссия о научной фантастике) [Wenn bloß nach einer solchen Antireklame sich nicht die ganze demokratische Gesellschaft von uns abwendet, von wegen eure Fantasy, das ist ja eine Literatur aus der kommunistischen Vergangenheit!] (2/23) Решил что-то написать / что / мол / я больше не буду. (Беседа в Новосибирске) [Ich wollte was aufschreiben, dass das, ich sag mal, nicht wieder vorkommen wird.] 21 Beispiele aus literarischen Texten: (2/24) Телятница Дашка Путанка на работу не пришла. Рассказывали, что шумела вчера на всю деревню, – мол, к лешему этих и телят, ноги моей не будет в этом навознике, что, мол, у меня не семеро по лавкам, не стану ломить круглый год за двадцать рублей. (Vasilij Belov: Privyčnoe delo, 1966) (2/24‘) Die Kälberwärterin Dascha, die Schlunze genannt, war einfach nicht zur Arbeit erschienen. Gestern hatte sie durchs Dorf gelärmt, wußte jemand, sie habe es satt, im Mist zu waten, schließlich habe sie keine sieben Mäuler zu stopfen, daß sie sich für zwanzig Rubel das liebe lange Jahr abstrampeln müßte. (Vasilij Belov: Sind wir ja gewohnt, übers. v. Hilde Angarowa, 1978) (2/25) Говорят, граждане, в Америке бани отличные. Туда, например, гражданин придёт, скинет бельё в особый ящик и пойдёт себе мыться. Беспокоиться даже не будет — мол, кража или пропажа, номерка даже не возьмёт. Ну, может, иной беспокойный американец и скажет банщику: — Гуд бай,— дескать,— присмотри. (Michail Zoščenko: Banja, 1924) (2/25‘) In Amerika sollen die Bäder ausgezeichnet sein, liebe Leute. Da kommt zum Beispiel ein Bürger, packt seine Wäsche in einen Kasten und geht sich waschen. Nicht mal Sorgen macht er sich, daß was verschwindet oder geklaut wird, nicht mal ’ne Nummer nimmt er mit. Höchstens daß ein nervöser Amerikaner zum Badewärter sagt: „Gut bei, paß drauf auf.“ (Michail Sostschenko: Das Bad, übers. v. Thomas Reschke, 1986) Wie bereits an den Beispielen deutlich wurde, vermitteln diese Partikeln häufig noch weitere Inhalte. Beispielsweise werden sie gerne dazu verwendet, eine Rede zu markieren, die nie stattgefunden hat, aber so hätte stattfinden können oder sollen: (2/26) Когда Машкина зажимали, он мигал ему одним глазом, дескать: я с тобой. А другим глазом мигал своему начальнику Нефедову, дескать: я все понимаю, я с вами. (Viktoria Tokareva: Lošadi s kryljami, 2004) (2/26‘) Als Maschkin schikaniert wurde, zwinkerte er ihm mit einem Auge zu, als wolle er sagen: „Ich bin auf deiner Seite.“ Und mit dem anderen Auge zwinkerte er dem Chef, Nefedov, zu, als wolle er sagen: „Ich verstehe das alles, ich bin auf Ihrer Seite.“ 22 (2/27) – Ну как, капитан, дела? Гретому мёрзлого не понять. Пустой вопрос – дела как? – Да как? – поводит капитан плечами. – Наработался вот, еле спину распрямил. Ты, мол, закурить догодайся дать. (Aleksandr Solženicyn, Odin den’ Ivana Denisoviča, 1962) (2/27‘) „Na, Kapitän, wie geht’s?“ Wer im Warmen sitzt, kann einen Frierenden nicht verstehen. Dumme Frage – wie geht’s? „Wie soll’s gehen?“ sagt der Kapitän achselzuckend. „Ich habe mich abgeschuftet, kann den Rücken kaum wieder geradekriegen.“ Gib mir gefälligst was zu rauchen, heißt das. (Alexander Solschenizyn: Ein Tag des Iwan Denissowitsch, übers. v. C. Meng, 1982) Zusammenfassend kann man also folgende Unterschiede in den Grammatiken der indirekten Redewiedergabe für das Deutsche und Russische festhalten: Die deutsche IR und die russische KR unterscheiden sich besonders darin, dass das Deutsche im Gegensatz zum Russischen mit dem I nd ir e kt i v über ein starkes, für die Standard-, Schrift- und Literatursprache und – in Form des Konjunktiv II – sogar für die Umgangssprache relativ gut grammatikalisiertes grammatisches Zitierzeichen verfügt. Weil im Russischen ein solches Zeichen fehlt, können hier KR und PR homonym sein. Eine freie IR ist leichter zu konstruieren und über weite Strecken durchzuhalten als eine freie KR. Der Indirektiv schafft zudem in der deutschen IR eindeutige temporale Verhältnisse, da er nie deiktisch interpretiert werden kann. In der KR dagegen ist oft nicht sicher, ob ein Tempus relativ oder deiktisch gemeint ist. 23 2.2 Inhalte der Indirekten Rede und kosvennaja reč' in Alltagstexten 2.2.1 Ideologische Distanzierung Mit „Ideologie“ ist hier die i n n er e E i n s t el l u n g des Sprechers 1 zur Rede des Sprechers 2 gemeint, also die (unterste) i n h al t l i ch e Ebene der IR. Inhaltlich stehen IR/KR der Direkten Rede (DR) / prjamaja reč‘ (PR) wesentlich näher als der Erlebten Rede (ER) / nesobstvenno-prjamaja reč‘ (NPR). Denn indirekte Redewiedergabe ordnet die fremde Rede, genau wie direkte Redewiedergabe, in id eo lo g is c her H i n si c h t eindeutig der Origo 2 zu, während die Erlebte Redewiedergabe ihrem Wesen nach eine Verschmelzung oder Überlagerung der beiden Origines bewirkt. Der zentrale Effekt der ER, die ideologische Integration der fremden Rede in die eigene und damit eine Identifikation mit der Origo 2, findet bei indirekter Redewiedergabe gerade nicht statt. Die grammatikalischen Operationen (Umpolung der Deiktika, Unterordnung) und die Zitierzeichen bewirken also eine deutliche „Distanzierung“ der beiden Origines voneinander. Oder auch umgekehrt: Sie wirken dem „Risiko“ der Verschmelzung und Überlagerung der beiden Reden entgegen. Dieser Effekt, die Distanzierung des Sprechers 1 von der Rede des Sprechers 2, wird aber genau dann abgeschwächt, wenn die grammatischen Mittel nicht greifen oder wenn sie nicht vorhanden sind: Im Beispiel (2/3) aber er hat doch gesagt er is in seiner heimat gleicht die fremde Rede so sehr einer möglichen eigenen Rede, dass man kaum mehr von ideologischer Distanziertheit sprechen kann. Im Russischen, wo eine KR öfter nicht eindeutig zu identifizieren ist, wird deswegen unter Umständen auch weniger Distanz ausgedrückt. Zur Illustration noch einmal der letzte Absatz von Beispiel (2/13): Мы были наслышаны о том, что это великая антиутопия, изображающая тоталитаризм, всю сталинскую систему, что следом за ним шли великие романы Хаксли «О дивный новый мир» и Оруэлла «1984», что Замятин проложил путь к созданию так называемой «антитоталитарной антиутопии». Wir hatten viel darüber gehört, dass es eine große Antiutopie sei (ist?), die den Totalitarismus und das ganze stalinistische System darstelle (darstellt?), 24 dass ihm so wichtige Werke nachgefolgt seien (nachfolgten/nachgefolgt waren?) wie Huxleys „Brave New World“ und Orwells „1985“, dass Samjatin den Weg für die sogenannte „antitotalitaristische Antiutopie“ gebahnt habe (hatte/hat?). Die ideologische Distanzierung des Sprechers 1 vom Sprecher 2 bzw. seiner Aussage wird in den meisten Grammatiken als wichtigste (manchmal auch als einzige) Funktion der IR / KR genannt. In den deutschen Grammatiken wird diese Funktion oft auf die Verwendung des Konjunktivs zurückgeführt. Es gibt aber mindestens noch einen weiteren sehr wichtigen Inhalt von IR und KR, der im Folgenden beschrieben werden soll. 2.2.2 Inhaltliche Authentizität Der Wortlaut einer Rede kann bei indirekter Redewiedergabe deutlich verändert sein. Anpassungen und Abweichungen vom Wortlaut der zugrundeliegenden direkten Rede, auch solche, die nicht die deiktischen sprachlichen Mittel betreffen, sind je nach Textsorte üblich oder sogar soll-normal. Man könnte sogar sagen, es ist eine der Hauptfunktionen der indirekten Redewiedergabe, in Alltagstexten eine fr e md e R ed e ver k ür z t u nd au f d as W e se n tl ic he r ed u zi e r t, d ab e i ab er d e n no c h al s i n ha lt lic h au t he n ti sc h wiederzugeben. Dazu gehören Raffung oder Reduktion auf die wichtigsten Punkte, aber auch die Neutralisierung und Eliminierung von sprachlicher Variation, von Abweichungen, von emotionalen oder wertenden Elementen: (2/28) Im Prozess um den gewaltsamen Tod der Studentin T. hat ein Freund des Angeklagten ausgesagt, die 22-Jährige habe ihren Angreifer kurz vor dem Schlag beleidigt. Was hat der Zeuge genau gesagt? Paralleltexten zu diesem Fall kann man entnehmen, dass die „Beleidigung“ von ihm wörtlich wiedergegeben wurde: (2/28‘) [...] sagte der 18 Jahre alte Zeuge vor dem Landgericht Darmstadt, [...] sie habe M. mit den Worten provoziert: „Komm doch her, Du kleiner Hurensohn!“ Obwohl der Wortlaut nicht übereinstimmt, wird die IR in (2/28) als authentisch aufgefasst. 25 Die verschiedenen Arten der Authentizität bei direkter und indirekter Redewiedergabe kann man folgendermaßen auf den Punkt bringen: - direkte Rede: wo r t wö r t li c h es Zitieren - indirekte Rede: i n ha lt lic h k o r r e kte s Zitieren So ermöglichte es mir die Verwendung der IR im einleitenden Absatz zu dieser Studie, die Aussagen einiger Tagungsteilnehmer wiederzugeben und dabei die Rede mehrerer Personen innerhalb eines Satzes ohne Herausdifferenzierung einzelner Personen zusammenzufassen die einzelnen Aussagen zu kürzen und anders anzuordnen die einzelnen Aussagen ohne einen weiteren Hinweis in einer anderen Sprache wiederzugeben und dabei o h n e d e n A n s p r u c h d e r Wö r t l i c h k e i t d e n E f f e k t e i n e r i n h a l t l i c h a u t h e n t i s c h e n Wi e d e r g a b e zu erzielen. Dabei handelt es sich um einen „Gestus“, der natürlich auch dann funktioniert, wenn die implizierte Rede der Origo 2 nie stattgefunden hat, wie z.B. in fiktionalen Texten. 2.3 Abgrenzung der Indirekten Rede/kosvennaja reč' von der Erlebten Rede/nesobstvenno-prjamaja reč' Die Abgrenzung der IR/KR von der Erlebten Rede (ER) bzw. nesobstvenno-prjamaja reč' (NPR) ist um einiges schwieriger als ihre Abgrenzung von der Direkten Rede. Sowohl die deutsche ER als auch die russische NPR wurden und werden traditionell nicht im Rahmen der Grammatik erforscht, sondern gehören als Erzähltechniken zum Metier der Literaturwissenschaftler. Entsprechend werden sie auch fast ausschließlich in ihrer literarischen Form untersucht, obwohl erlebte Rede auch in Gebrauchstexten und in der mündlichen Rede verwendet wird. Es finden sich dementsprechend nur wenige Hinweise auf die Gr a m ma ti k der erlebten Redewiedergabe. 7 Ich werde im Folgenden zeigen, dass auch dieser Art der 7 Eine Ausnahme bildet hier der Sammelband von Dorothea Kullmann „Erlebte Rede und impressionistischer Stil. Europäische Erzählprosa im Vergleich mit ihren deutschen Übersetzungen.“ (1995). Bezüglich des Sprachenpaares RussischDeutsch findet man dort zwei sehr umfassende Studien zur Redewiedergabe in 18 deutschen Übersetzungen von „Prestuplenie i nakazanie“ von Ulrike Jekutsch (137-178) und Susanna Vykoupil (179-220). 26 Redewiedergabe grammatikalische, einzelsprachspezifische Gegebenheiten zugrunde liegen. 8 Wie bereits dargestellt kann man in grammatikalischer Hinsicht bei einer Rede in der Rede je nach der Gerichtetheit der deiktischen, anaphorischen/relativen oder – in einem weiteren Sinne – „egozentrischen“ 9 Mittel auf die Sprecher-origines folgende Unterscheidungen treffen: a. Völlige Trennung der Äußerungsebenen von Sprecher 1 und Sprecher 2 liegt vor, wenn innerhalb der Äußerung von Sprecher 2 (der fremden Rede) alle egozentrischen Mittel auf Sprecher 2 gerichtet sind. Es ergibt sich der Gestus der „Direkten Rede“, der wortwörtlichen Reproduktion der fremden Rede. b. Die Äußerungsebenen von Sprecher 1 und 2 sind in irgendeiner Form miteinander verknüpft: Es handelt sich dann um verschiedene Arten der ni c ht d ir e kt e n Red e wi ed er g ab e, eines Umgangs mit der fremden Rede, der keine formale Authentizität behauptet, sondern sich die Möglichkeit der ungefähren Übereinstimmung, Kürzung, Zusammenfassung, Reduktion auf das Wesentliche, Beeinflussung durch das Bewusstsein von Sprecher 1, Übersteigerung usw., also die Möglichkeit verschiedener Arten der Anpassung der fremden Rede oder Gedanken vorbehält. Während sich bei der direkten Redewiedergabe Sprecher 1 praktisch völlig zurückzieht (wie ein Erzähler in einer dramatisch gestalteten Dialogsequenz), bleibt er bei den verschiedenen Arten der nicht direkten Redewiedergabe immer in irgendeiner Form präsent. Die äußerste Grenze der Adaption der fremden Rede ist dann erreicht, wenn a ll e möglichen egozentrischen Sprachmittel auf Sprecher 1 verweisen; natürlich ist immer irgendein Signal zur Kennzeichnung der fremden Rede als fremd notwendig, z.B. eine inquit-Formel oder (im Deutschen) der Indirektiv; fehlt dieses Signal, wird eine solche Rede als eigene Rede des Sprechers 1 verstanden (vgl. Bsp. 2/7). 8 Vgl. zum Folgenden auch FREUNEK 2003 und 2007, 105ff. Als „egozentrisch“ werden alle sprachlichen Mittel verstanden, die auf eine Origo verweisen, also auch stilistische. 9 27 Gleichzeitig vermittelt die spezifische Art der Gerichtetheit egozentrischer Mittel der fremden Äußerung aber immer auch in id eo lo g i sc her Hinsicht eine ganz bestimmte in n er e E i ns te ll u n g des Sprechers 1 zur fremden Rede und deren Inhalt, die man als „Distanzierung“ oder „Identifikation“ charakterisieren kann: Den Effekt der völligen Distanzierung erzeugt eine Redewiedergabe, bei der all e egozentrischen Mittel der fremden Rede entweder nur auf Sprecher 2 oder nur auf Sprecher 1 gerichtet sind: Es entstehen die klassische Direkte Rede bzw. die klassische Indirekte Rede; bei beiden lässt Sprecher 1 die fremde Rede unbeteiligt als fr e md e Rede stehen und wirken, hält gewissermaßen Distanz. Den Effekt der I d en ti f i kat i o n oder in ne r e n B e tei li g u n g bewirkt eine Redewiedergabe, bei der ein Teil der egozentrischen Mittel aus der fremden Rede auf Sprecher 1, ein anderer auf Sprecher 2 gerichtet ist; geschieht dies auf eine ganz bestimmte Art und Weise, entsteht die k la ss is c he Er leb te Red e. 10 Zunächst ist wichtig, dass die klassische ER normalerweise keine inquitFormel enthalten darf, da diese zu stark an die Origo 1 binden würde. Eine entscheidende Bedeutung für das Deutsche hat aber die sogenannte „T e mp us tr a n sp o si tio n “. Damit ist gemeint, dass das Tempus der Rede 2 dem Tempus der Rede 1 angepasst wird, und zwar in folgender Weise: 10 Die hier vertretene Vorstellung, dass Erlebte Rede in der Literatur I d e n t i f i z i e r u n g des Erzählers mit der wiedergegebenen Rede oder dem wiedergegebenen fremden Bewusstsein ist, findet sich schon bei LERCH: „Der Autor empfindet das, was seine Personen sagen oder denken, wie wirkliche Tatsachen – so wie diese selbst das, was sie sagen oder denken, als tatsächlich empfinden“ (1928, 465; vgl. auch LERCH 1914 passim). Identifikation bedeutet dabei natürlich nicht unbedingt eine echte, ernst gemeinte „ideologische“ Identifikation (und schon gar nicht ideologische Identifikation des Au t o r s mit einer seiner Personen), sondern eher das Sichhineinversetzen in den anderen als Habitus, als Verfahren, dessen endgültige Funktion und Wirkung sich dann im Zusammenhang mit anderen Aspekten ergibt, z.B. mit der Intonation, wie bei der ironisierenden Erlebten Rede in der Umgangssprache, die sogar ideologische Distanzierung vermittelt (vgl. die Beispiele bei STEINBERG 1971, 10f.). Unter anderem deswegen wird die „Identifikationsthese“ auch von den meisten Autoren eher abgelehnt, nämlich mit dem Hinweis auf die sehr häufige Verwendung der Erlebten Rede mit ironischer oder sonstiger Brechung. Viele gehen daher von grundsätzlich verschiedenen Arten der Erlebten Rede aus (vgl. exemplarisch GÜNTHER 1928, COHN 1978, SCHMID 2003, 233ff.). 28 - Präsens wird zu Präteritum Futur wird zu Konjunktiv II („würde-Konjunktiv“) Präteritum und Perfekt werden zu Plusquamperfekt. Beispiele: (2/29) Aus: Morgen gehe ich ins Kino. Ich werde mir „Der weiße Hai“ ansehen. Wird: Morgen ging er ins Kino. Er würde sich „Der weiße Hai“ ansehen. (2/30) Aus: Gestern ist Schnee gefallen. Wird: Gestern war Schnee gefallen. Wichtig für die Konstruktion einer klassischen ER ist weiterhin, dass, wie in den obigen Beispielen, nur die Personaldeixis angepasst wird, die anderen deiktischen Mittel aber eben gerade ni c ht. Also nicht (2/29‘) Am folgenden Tag ging er ins Kino. (2/30‘) Am Tag zuvor war Schnee gefallen. Die deiktischen Orts- und Zeitbestimmungen werden nämlich gebraucht, um die Rede an die Origo 2 zu binden und um eine regelrechte „Rede“, ein artikuliertes Denken zu evozieren. Je nach Kontext könnten die Beispiele (2/29‘) und (2/30‘) als Personales Erzählen aufgefasst werden, nicht aber als Erlebte „Rede“. Man kann im Grunde sagen, dass die kla s si s c he deutsche ER grammatikalisch mit Hilfe dieser beiden Verfahren gebildet wird: T e mp us tr a n sp o si tio n u n d B eib e h al t u n g d er Or t s - u nd Ze it d ei kt i ka. Sie verfügt damit, genau wie IR, über eine eigene Gr a m ma ti k. Abweichungen von diesem Schema führen zu uneindeutigeren Formen der ER. Der Rezipient braucht dann andere Hinweise darauf, dass es sich um eine Rede in der Rede handeln soll. So wird in der Alltagssprache ER gar nicht selten verwendet, dabei aber meist ohne Tempustransposition. Häufig erscheint sie in einer ironischen Form und muss durch eine bestimmte Intonation gekennzeichnet werden. Bereits bei LERCH findet man Beispiele dafür: (2/31) Er ist mal wieder todkrank. (2/32) Ich bin natürlich an allem schuld. 29 Sogar in Gebrauchstexten kommt ER vor. VOGT diskutiert zum Beispiel eine Rede des Bundestagspräsidenten Philipp Jenninger, gehalten am 10.11.1988, die aufgrund angeblicher Uneindeutigkeiten bei der Verwendung von ER zu dessen Rücktritt am darauffolgenden Tag führte (vgl. 1998, 177). Die russische klassische NPR unterscheidet sich von der deutschen ER in einem entscheidendem Punkt: Es findet normalerweise k ei ne T e mp u s tr a n sp o s it io n statt. D.h.: Präsens bleibt Präsens, Präteritum bleibt Präteritum, Futur bleibt Futur. Das hat zur Folge, dass zwei einzelne Redeeinheiten in PR und NPR homonym sein können und es auch häufig sind. Beispiele: Nicht homonym, allerdings nur aufgrund der Anpassung der Personaldeixis erkennbar: (2/33) Завтра он пойдет в кино. Он посмотрит «Солярис». [Wörtlich: Morgen geht er ins Kino. Er wird sich „Solaris“ anschauen.] Aus: Завтра я пойду в кино. Я посмотрю «Солярис». [Wörtlich: Morgen gehe ich ins Kino. Ich werde mir „Solaris“ anschauen.] Die Personalanaphorik ist hier somit die einzige „Bindung“ an die Origo 1. Homonym: (2/34) Вчера выпал снег. 11 [Wörtlich: Gestern ist Schnee gefallen ODER fiel Schnee.] Aus: Вчера выпал снег. [Wörtlich: Gestern ist Schnee gefallen.] Die zeitlichen Bezüge des Tempus zu Origo 1 und Origo 2 können im Russischen nur mittels der relativen Nebenfunktion des Verbalaspekts hergestellt werden (vgl. Bsp. 2/12). Das Präteritum „выпал“ würde dann als vorzeitig zur den Tempora der Rede des Sprechers 1 verstanden werden. Da jedoch auch in der russischen klassischen NPR keine syntaktische Abhängigkeit von einem inquit-Verb bestehen darf, hängt die Interpretation von einem unmittelbaren Kontext im Präteritum ab. Eindeutig vorzeitig würde das Präteritum pf. verstanden, wenn eine anaphorische Zeitbestimmung verwendet würde: (2/34‘) Накануне выпал снег. [Wörtlich: Am Tag zuvor war Schnee gefallen.] Aber in diesem Fall würde man, ähnlich wie im Deutschen (Bsp. 2/28‘), keine „Rede“ heraushören, sondern allenfalls Personales Erzählen. 11 Vgl. zu diesem Beispiel auch PADUČEVA 1986, 335 30 Auch der PR steht die NPR sehr nahe: Wenn keine Personaldeixis enthalten ist, können die beiden Redewiedergaben homonym sein: (2/35) Письмо? Нынче утром Дуня получила какое-то письмо! (Fedor Dostoevskij, Prestuplenie i nakazanie) Handelt es sich um NPR oder PR? Im zweiten Fall würde man die Passage wohl als inneren Monolog bezeichnen, der sich von der NPR bzw. ER durch einen geringeren Grad bzw. eine andere Art der Identifikation unterscheidet. Im Vergleich zum Deutschen besitzt damit die russische NPR einen niedrigeren Grad an Eindeutigkeit. Es bestehen auch weniger Möglichkeiten, in einer Rede- oder Bewusstseinswiedergabe den Effekt der Identifikation zu erzeugen. Dazu kommt noch: Von einer fr e ie n KR ist die russische NPR grammatikalisch überhaupt nicht sicher zu unterscheiden, da es ja, wie oben ausführlich diskutiert, kein eindeutiges Signal zur Kennzeichnung der fr e ie n KR gibt, diese aber ebenfalls die Tempora beibehält. Die beiden Arten der Redewiedergabe können also nicht anhand grammatikalischer Merkmale voneinander unterschieden werden. Hinsichtlich ein und derselben Redeeinheit können sie ebenfalls homonym sein. Häufig ist es nur ein Verbum dicendi im Kontext, das eine Interpretation als (artikulierte) KR nahelegt bzw. ein Verbum putandi, das in Richtung NPR lenkt. Ein Beispiel für den seltenen Fall einer NPR mit Tempustransposition wäre der Titel der sowjetischen Erzählung von Boris Vasil’ev und des darauf basierenden Films von Jurij Kara (2/36) „Завтра была война“ (1984/1987) Die Interpretation als NPR ist hier eindeutig. [Deutscher Titel: „...und morgen war Krieg“] Der sehr ähnliche Titel eines älteren Films (2/37) „Если завтра война“ (Efim Dzigan, 1938) ist dagegen uneindeutig: Wenn morgen Krieg ist Wenn morgen Krieg wäre Wenn morgen Krieg gewesen wäre 31 Zwischen den „Extrempolen“ (Direkte Rede, Indirekte Rede, klassische Erlebte Rede, eigene Rede) sind zahlreiche Zwischenstufen möglich, die sich aus der unterschiedlichen Gerichtetheit und Kombination egozentrischer Mittel ergeben. Und die Wiedergabe fremder „Rede“ kann auch über die Rede oder Gedankenwelt hinaus ausgedehnt werden auf die Wiedergabe nicht verbaler Vorgänge in einem fremden Bewusstsein, sogar auf passive Vorgänge („fremde Wahrnehmung“). 12 Geht man noch einen Schritt weiter, gelangt man zu einer Art der Integration fremden Bewusstseins in die eigene Rede, die in der Narratologie (wohl nach einer terminologischen Idee von L. Spitzer) oft als „Ansteckung“ der Erzählerrede durch das Personenbewusstsein bezeichnet wird (SCHMID 2003, 230f.). Gemeint ist eine Erzählerrede, die nicht einen aktuellen, konkreten Bewusstseinsinhalt einer Person enthält, sondern allgemeine Aspekte dieses Bewusstseins, die einfach typisch für die Person sind (v.a. stilistische und ideologische, vgl. ebd. 231f.). Solche Phänomene der Stimmenüberlagerung, die über eine artikulierte fremde Rede hinausgehen, werden in der Narratologie bekanntlich mit metaphorischen Begriffen wie „Standpunkt“, „Blickwinkel“, „Erzählperspektive“, „point of view“, „točka zrenija“ erfasst. Eine längere oder durchgehende Überlagerung von eigenem und fremdem Standpunkt im Erzähltext nennt man „Personales Erzählen“ (im Russischen meist „nesobstvenno-avtorskoe povestvovanie“). Innerhalb einer längeren narrativen Struktur bilden eigene und fremde Redeeinheiten „Stimmen“ oder „Texte“, die normalerweise als Erzählerstimme oder „Erzählertext“ bzw. Personenstimmen oder „Personentexte“ identifi- 12 Viele Autoren unterscheiden gar nicht zwischen Erlebter Rede und Erlebter Wahrnehmung. So zählt SCHMID beide Arten fremden Bewusstseins zum „Personentext“: „Текст, в том смысле, в котором он здесь понимается, охватывает не только воплощенные уже в языке фенотипные речи, внешние или внутренние, но также и генотипные, глубинные субъектные планы, проявляющиеся в мыслях, в восприятиях или же только в идеологической точке зрения. Поэтому интерференция текстов встречается и там, где персонаж не говорит и даже не думает, а только воспринимает и оценивает отдельные аспекты действительности.“ (2003, 195f.; vgl. auch die Beispiele für „Erlebte Rede“, insbesondere ebd. 226) 32 ziert werden können. 13 Verschiedene Verfahren der Redewiedergabe stellen in einer solchen narrativen Struktur zugleich verschiedene Arten des Nebeneinanders oder der Überlagerung von Erzählertext(en) und Personentext(en) dar; Überlagerungen bezeichnet SCHMID nach einem Terminus von V. N. Vološinov „Textinterferenz“ (2003, 207 ff., 221ff.). Das Ergebnis dieses narrativischen Verfahrens nennt man in der Literaturwissenschaft meist „Polyphonie“ bzw. auf Deutsch „Vielstimmigkeit“. Polyphonie gilt bekanntlich als typisches Merkmal der russischen Literatur seit dem 19. Jh. und wurde von russischen Literaturwissenschaftlern anhand russischer Texte beschrieben. In Übersetzungstexten, die ja immer einseitig gebunden sind, machen sich dennoch häufig Verschiebungen bemerkbar, die auf die Verwendung der Tempora zurückzuführen sind, wie in folgendem Beispiel, in dem mehrere Erzählebenen oder „Texte“ (im oben beschriebenen Sinn) besonders kunstvoll ineinander verwoben sind: (2/38) Auch Glenn Gould, unser Freund und der wichtigste Klaviervirtuose des Jahrhunderts, ist nur einundfünfzig geworden, dachte ich beim Eintreten in das Gasthaus. Nur hat der sich nicht wie Wertheimer umgebracht, sondern ist, wie gesagt wird, eines natürlichen Todes gestorben. Viereinhalb Monate New York und immer wieder die Goldbergvariationen und Die Kunst der Fuge, viereinhalb Monate Klavierexerzitien, wie Glenn Gould immer wieder nur in Deutsch gesagt hat, dachte ich. Vor genau achtundzwanzig Jahren hatten wir in Leopoldskron gewohnt und bei Horowitz studiert und (was Wertheimer und mich betrifft, nicht aber Glenn Gould naturgemäß), während eines völlig verregneten Sommers von Horowitz mehr gelernt, als die acht Jahre Mozarteum und Wiener Akademie vorher. (Thomas Bernhard, Der Untergeher, 1983) 13 Ausgehend von den Theorien V. N. Vološinovs und M. M. Bachtins zur Polyphonie im Roman beschreibt SCHMID die Anwesenheit mehrerer Stimmen im narrativen Text als Anwesenheit zweier (oder mehrerer) „Texte“ (in Anlehnung an die Terminologie L. Doležels), des Narratortextes, der im Verlauf des Erzählens entsteht, und der Texte der Personen, die die Illusion erwecken, schon vorher dagewesen zu sein und vom Erzähler wiedergegeben zu werden (2003, 195). Die beiden Texte müssen, um als solche zu existieren, unterscheidende Merkmale tragen. Das können thematische, ideologische und grammatische Merkmale sein, aber auch „stilistische“. 33 Zu Beginn des bekannten Romans werden innerhalb der vier Absätze zwei Erzählzeiten und -texte aufgebaut: Der erste steht als klassisches Personales Erzählen im Präteritum („dachte ich“). Die als artikuliert vorgestellten Gedanken oder Worte des Ich-Erzählers auf dieser Zeitebene werden wie DR (im deiktischen Perfekt!) konstruiert („ist geworden, hat sich umgebracht, ist gestorben, gesagt hat“). Im vierten Absatz wird schließlich eine weitere Zeitebene eingeführt, eine zweite Erzähler-„Stimme“, die dann im Weiteren auch den größten Teil der Erzählung bestreitet und die eigentliche Handlung des Romans vermittelt. Aufgrund der temporalen Abhängigkeit von der ersten Zeitebene wird für diesen „Text“ das Plusquamperfekt verwendet („hatten gewohnt“). Die im Verlauf des Romans häufige Verwendung des Plusquamperfekts stärkt umgekehrt aber auch die fortgesetzte Präsenz der ersten Stimme, und das über den ganzen Roman hinweg. Immer bleibt deutlich, dass es sich um eine Rückblende handelt, immer wird dadurch (zusammen mit anderen Mitteln, z.B. dem Gebrauch der IR bei der Personenrede auf dieser Ebene) eine bestimmte Art der Distanz vom Erzählten gehalten. Die russische Übersetzung: (3/38‘) Тщательно продуманное самоубийство, а не спонтанный акт отчаяния, думал я. Гленн Гульд, наш друг и величайший пианист столетия, тоже дожил только до пятидесяти одного года, думал я, входя в гостиницу. Четыре с половиной месяца в Нью-Йорке — и без конца «Гольдбергвариации» и «Искусство фуги», четыре с половиной месяца сплошные клавирные экзерсисы, которые Гленн Гульд всегда называл только понемецки, Klavierexerzitien, думал я. Ровно двадцать восемь лет тому назад мы жили в Леопольдскроне и учились у Горовица, и мы (это касалось Вертхаймера и меня, но, естественно, не Гленна Гульда) всего за одно исключительно дождливое лето выучились у Горовица большему, чем за все предыдущие восемь лет в Моцартеуме и в Венской музыкальной академии. [Tomas Bernchard: Propaščij, übers. v. Aleksandr Markin] In der russischen Übersetzung funktioniert das zunächst ähnlich: Die erste Erzählebene steht klassisch im Präteritum („думал я“), in ihr stattfindende Gedanken und Rede werden als PR präsentiert. Für die temporale Konstruktion der zweiten Erzählebene oder -Stimme steht aber kein Tempus wie das deutsche Plusquamperfekt zur Verfügung. Das Erzählen auf dieser Ebene findet, genau wie das der ersten, im Präteritum statt („мы жили“). Die Erzählweise wird als personales Ich-Erzählen aufgefasst, womit eher Identifikation als Distanz erzielt wird, und das ebenfalls über den gesamten Roman hinweg. 34 2.4 Zwischenüberlegungen Hinsichtlich der Fragestellung dieser Studie kann man nun nach den obigen Diskussionen und Vergleichen einige Vermutungen anstellen: - Aufgrund des höheren grammatikalischen Differenzierungspotentials sind einzelne Redewiedergaben im Deutschen leichter identifizierbar und unterscheidbar als einzelne russische Redewiedergaben, sie sind e i nd e ut i ger . Diese Vermutung wurde bereits oben an einigen Beispielen aus Gebrauchstexten und literarischen Texten belegt. Dabei gilt das in besonderem Maß für die freie IR und die KR sowie ihre Abgrenzung von der ER bzw. NPR. Zudem: Die spezifischen I n h al te (Distanzierung, Identifikation, Authentizität) scheinen im Russischen weniger stark ausgeprägt zu sein. In deutschen Texten scheint die IR aus diesen Gründen p r ä s e n te r zu sein, es wird h ä u f i g er zur IR gegriffen als in russischen Texten. In deutschen literarischen Texten könnte die IR häufiger ho ch ar ti f izi el l verwendet werden. 35 3 Indirekte Rede/kosvennaja reč' in literarischen Werken: Inhalte 3.1 Konventionelle Verwendungsweisen Von IR/KR in Gebrauchstexten unterscheiden sich ihre literarischen Varianten nicht in ihren Grundinhalten (ideologische Distanzierung, inhaltliche Authentizität der Rede), sondern durch Möglichkeiten der artifiziellen Verwendung. Hier kann sie auch abweichend von den Konventionen (nicht von der Grammatik!) der alltäglichen IR verwendet werden, z.B. durch die Einbeziehung anderer sprachlicher Mittel oder indem die allgemeinsprachlichen Funktionen dieser Art der Redewiedergabe umgestaltet, übertrieben oder mit einem höheren Sinn versehen werden. Als konventionelle Verwendungsweisen werden meist die folgenden narrativischen Techniken genannt: - Rede als Teil der Erzählung (im Gegensatz zu szenischer Darstellung mit direkter Redewiedergabe) - Gestaltung von Hintergrund und Vordergrund, wobei die indirekte Rede einen Hintergrund erzeugt - Abwechslung, Verkürzung - Distanzierung, Identifikationsblockade (vgl. z.B. VOGT 2014, 144 ff.) 3.2 Artifizielle Verwendungsweisen am Beispiel der Skizze eines Verunglückten von Uwe Johnson Den artifizielleren Verwendungsweisen sind in literarischen Texten praktisch keine Grenzen gesetzt. Aber auch sie beruhen auf den Grundinhalten „authentische Wiedergabe“ und „Distanzierung“. Ich möchte eine solche Art der hoch artifiziellen Verwendung von IR anhand eines bekannten literarischen Textes demonstrieren, Uwe Johnsons 36 Skizze eines Verunglückten (1982), die nach meinen Recherchen bislang nicht ins Russische übersetzt wurde. 14 Kurze Inhaltsangabe: Der Text ist als Verteidigungsschrift oder -rede von Joe Hinterhand konzipiert, einem Schriftsteller, 1906 geboren, der 1933 von den Nazis ausgebürgert wird und in die USA emigriert. 1947 erfährt er, dass seine Frau ihn von Beginn der Ehe an mit einem Italiener, einem „Faschisten“ betrogen hat, woraufhin er sie tötet. Nach einer zehnjährigen Haftstrafe wird er 1957 entlassen und lebt von da an allein weiter in New York bis 1975. Die Skizze ist in zwölf Passagen gegliedert, alle bestehen überwiegend aus Erzählerrede, die größtenteils als IR präsentiert wird. Die Einleitung für diese Erzählerrede bildet ein einziger Satz, der die Erzählung als „die folgenden Berichtigungen, Ausführungen, Auskünfte und Nachträge“ ausgibt, offensichtlich posthum veröffentlicht. Von der fast ausschließlich indirekt wiedergegebenen Erzählerrede sind weitere Redewiedergaben abhängig, so dass Zitations-Ebenen höheren Grades entstehen. Als Beispiel hier der Beginn der Skizze: (3/1) Herr Dr. J. Hinterhand (1906-1975) gestattete seit Juni 1975 die folgenden Berichtigungen, Ausführungen, Auskünfte und Nachträge. 1 ∗ Nach seiner Entlassung aus dem Staatsgefängnis bei Ossining am Hudson, 1957, habe er in New York City als einen Wohnsitz sich fügen müssen, als ihm verbliebene Freunde, bei einem nahezu erzwungenen Besuch in ihrer Wohnung am Riverside Drive, ihn wie beiläufig für die Nacht unterbrachten in einem Gäste-Appartement, an dessen Wänden er gerettet Stücke aus seinem Besitz so aufgestellt fand, daß er einen Vorschlag erkennen mußte, einstweilen hier zu überleben. (PE) Was sie aus seiner Bücherei aufgestöbert hatten, es überzeugte ihn schon nach der Auswahl vom Gedächtnis ihrer Freundschaft; die Ausstattung mit eigenem Küchengelaß und Badezimmer versicherte ihn einer Geselligkeit nach jeweils seinen Wünschen; indem sie ihm einen Blick stifteten aus einem vierzehnten Stockwerk über den Riverside Park hinweg auf Hudson und Brücke und Steilufer gegenüber, hatten sie seine Bedürfnisse von ehedem so freundwillig erinnert, daß er ihnen das 14 Ob dieser Text überhaupt in eine andere Sprache übersetzt wurde, konnte im Rahmen dieser Studie nicht eruiert werden. 37 Recht zugestehen mußte an der Freude, die sie ihm und einander mit solchem Geschenk und Schutz zu bereiten gedachten. ∗2 Leider sei er schon damals, wie im Grunde seit 1947, ungeschickt gewesen, ihre Teilnahme an seiner Person zu vergelten mit Unbefangenheit im täglichen Umgang, auch weil ihnen seine Tat, oder vielmehr deren Vorgeschichte, als die Mitte seines Bewußtseins gegenwärtig war, all dieselbe Zeit aber tabu selbst für eine unschuldige Anspielung, zumal gegenüber einem Ehepaar, mit damals halbwüchsigen Kindern. Übrig bleibe Freundschaftshilfe. Der Text von Kapitel 1 beginnt in freier IR, gekennzeichnet durch den Indirektiv (∗). Mit dem zweiten Satz findet ein kurzer Wechsel zum Personalen Erzählen im Präteritum statt (PE), wonach bei ∗2 wieder zur freien IR zurückgekehrt wird. Dies ist die grundlegende Schreibart, die sich durch den ganzen Text zieht: Überwiegend freie IR mit gelegentlichen Passagen im Präteritum, die als Personales Erzählen aufgefasst werden können. Zitationen auf höheren Ebenen („Figurenrede“) werden entweder ebenfalls als IR oder aber auch als DR in den Text eingebaut: (3/2) ∗ Bald von fast allen mit dem Vornamen angesprochen, habe sie beim Verlassen des Lokals auf das Cheerio der anderen unbekümmert gerufen: > Cheerio! ∗2 Wozu er, mit seinen amerikanischen Angewohnheiten, anfangs zu schüchtern gewesen sei. Und auf die Frage, # was denn die Hinterhands, doch keine Juden dem Namen nach, aus Deutschland in diesen von allen Orten gebracht habe, (PE) antwortete sie: > My husband did it. Das hat mein Mann getan. In die Erzählerrede in freier IR (∗) ist eine DR (>) eingebaut. Nach Rückkehr zur freien IR (∗2) folgt eine von dieser abhängige IR (#). Diese wieder ist gefolgt von einer inquit-Formel im Präteritum (PE), die eine weitere DR (>) einleitet. Die Verwendung der IR schafft in diesem Text einen literarischen Inhalt, der auf den Grundinhalten der IR, Au t h e nt izi tä t und Di s ta nz ier t he it, basiert: Die Zitation des Joe Hinterhand in der indirekten Rede durch den Verfasser (Zitation 1) und diejenige in Hinterhands intradiegetischen Zitationen (Zitation 2) […] sollen die Authentizität und Richtigkeit der Position verstärken. (LAAK, 2011, S. 32) Das Zitat generiert Glaubwürdigkeit, zumindest aber Legitimität und Autorisierung des Gesagten. Es ist als seine Verteidigung, als seine Erklärung von ihm 38 und dadurch auch seiner selbst, aufzufassen. Die in indirekter Rede verfaßte Verteidigungsschrift der Skizze erzeugt biographische Relevanz. (ebd.) Dazu kommt die literarische Funktion der IR, im erzählenden Text Vie l st i m mi g k ei t zu organisieren: Die Skizze ist ein intertextuell angelegter, dadurch vielstimmiger bzw. multiperspektivischer, dazu mit wechselnder Stimme vorgetragener Verteidigungsmonolog, der verschiedene Textzeugen und Zitate, „Eideshelfer“, zur Konstitution einer Rechtfertigung Hinterhands heranzieht. (a.a.O, S. 33) Es handelt sich also bei der Skizze um eine hoch artifizielle, dabei aber doch typische Art und Weise der Verwendung von IR in einem deutschen literarischen Text. 39 4 Indirekte Rede und kosvennaja reč': Vorkommen in literarischen Texten und Übersetzungen (19. und 20. Jh.) Weniger deutliche, weniger eindeutige Markierungsmöglichkeiten der IR im Russischen legen die Vermutung nahe, dass dieses Mittel auch nicht genauso häufig verwendet wird. Eine „starke“, leicht interpretierbare Form wird wohl auch eher präsent sein, als eine „schwächere“, undifferenzierte. Eine Durchsicht verschiedener literarischer Texte von 1800 bis heute bestätigt diese Vermutung: Man findet IR in deutschen literarischen Originaltexten viel häufiger als KR in russischen. Zudem ist mir kein einziger russischer literarischer Text bekannt, bei dem die KR zu einem gestalterischen Leitprinzip gehören würde wie im oben besprochenen Text von Johnson (oder auch im Untergeher von Thomas Bernhard, vgl. Bsp. 2/36), wogegen man in der deutschen Literatur des Öfteren solchen Texten begegnet. 15 Bei den Üb er se tz u n ge n in beide Richtungen sieht die Sache natürlich etwas anders aus. Übersetzer schöpfen zwar wie Autoren aus dem Bestand der Zielsprache; sie sind aber ja gleichzeitig an die Strukturen und Inhalte 15 Eine wichtige Rolle spielt die IR beispielsweise in Die verlorene Ehre der Katharina Blum von Heinrich Böll (1974) oder Am Hang von Markus Werner (2004). In dem von VOGT 1998 genannten Prestuplenie i nakazanie findet man im ersten Teil des „Epilogs“ tatsächlich einige längere KR-Passagen (vgl. Bsp. 4/5); zum größten Teil besteht das Kapitel aber aus „berichteter Rede“, also einer Redewiedergabe, bei der die Stimme des Redenden fast völlig ausgeblendet ist: „Он рассказал до последней черты весь процесс убийства: разъяснил тайну заклада (деревянной дощечки с металлическою полоской), который оказался у убитой старухи в руках; рассказал подробно о том, как взял у убитой ключи, описал эти ключи, описал укладку и чем она была наполнена; даже исчислил некоторые из отдельных предметов, лежавших в ней; разъяснил загадку об убийстве Лизаветы; рассказал о том, как приходил и стучался Кох, а за ним студент, передав всё, что они между собой говорили; как он, преступник, сбежал потом с лестницы и слышал визг Миколки и Митьки; как он спрятался в пустой квартире, пришел домой, и в заключение указал камень на дворе, на Вознесенском проспекте, под воротами, под которым найдены были вещи и кошелек. Одним словом, дело вышло ясное.“ Der wichtigste Inhalt dieses Kapitels ist die Raffung und Reduktion auf das Wesentliche sowie das Umstellen auf die Außensicht, die in Kontrast zum gesamten restlichen Roman steht. 40 der Originaltexte gebunden. Das gilt zumindest für die literarische Übersetzung in der Neuzeit in Europa, deren bis heute gültigen Normen und Konventionen sich in den letzten drei Jahrhunderten entwickelt haben. Vom Übersetzer werden einerseits gefordert: - Treue zum Original in inhaltlicher Hinsicht Treue zum Original in kultureller Hinsicht Treue zum Original in formaler Hinsicht Im Gegensatz dazu werden andererseits gefordert: - Einhaltung der grammatikalischen Regeln der Zielsprache Einhaltung der Idiomatik und Konventionen Zielsprache Verzicht auf sprachliche Innovation und Originalität („Invisible Translator“), d.h. Einhaltung der Konventionen der Zielliteratur In diesem Spannungsfeld handeln Übersetzer, wobei die Tendenz jeweils natürlich mehr in die eine oder andere Richtung gehen kann. Für die Verwendung von IR und KR in Übersetzungen bedeutet die Bindung an das Original zunächst, dass in den russisch-deutschen weniger IR vorkommt als in den deutschen Originalen, in den deutsch-russischen Übersetzungen dagegen mehr KR enthalten ist als in russischen Originaltexten. Es könnte aber auch bedeuten, dass es auf der inhaltlichen Seite eventuell zu Varianzen kommt, die durch die Bindung an die Regeln und Konventionen der Zielsprache entstehen. Ich möchte dazu einige Beispiele genauer betrachten. (4/1) „Sie lebe hoch“, riefen alle durcheinander, und der alte Dörr schlug wieder mit seinem Knöchel ans Brett. Alle fanden, dass es ein feines Getränk sei, viel feiner als Punschextrakt, der im Sommer immer nach bittrer Zitrone schmecke, weil es meistens alte Flaschen seien, die schon, von Fastnacht an, im Ladenfenster in der grellen Sonne gestanden hätten. Kirschwasser aber, das sei was Gesundes und nie verdorben, und ehe man sich mit dem Bittermandelgift vergifte, da müßte man doch schon was Ordentliches einnehmen, wenigstens eine Flasche. Diese Bemerkung machte Frau Dörr, und der Alte, der es nicht darauf ankommen lassen wollte, vielleicht weil er diese hervorragendste Passion seiner Frau kannte, drang auf Aufbruch: Morgen sei auch noch ein Tag. (Theodor Fontane: Irrungen, Wirrungen, 1888) 41 (4/1‘) Многая лета,— вразброд подхватили остальные, а Дёрр снова ударил костяшками по подносу. Напиток, по общему мнению, получился хоть куда, гораздо благородней, чем пуншевый экстракт, который летом всегда разит прогорклым лимоном, и не диво — в продажу-то идут все больше старые бутылки, которые с самой масленицы торчат в витрине на солнцепеке. Зато вишневка — вещь полезная, она никогда не портится, а чтобы отравиться ядом горького миндаля, надо выпить бог весть сколько, уж никак не меньше целой бутылки. Эту тираду произнесла фрау Дёрр, и старик, хорошо осведомленный о слабостях своей жены и потому опасавшийся развития темы, перебил ее справедливым замечанием, что пора, мол, и честь знать. (Teodor Fontane: Puti – pereput’ja, übers. v. S. Fridljand, 1971) Ein solches, für das Deutsche überaus typische Geflecht von berichteter, direkter und indirekter Redewiedergabe lässt sich hier, wie man sieht, relativ unproblematisch ins Russische vermitteln. Lediglich an einer Stelle erscheint der russische Text etwas uneindeutiger als der deutsche: Der erste unterstrichene Satz ist nicht wie im Deutschen eindeutig als indirekt markiert, da im Russischen kein Zitierzeichen zur Verfügung steht. Die Markierung erfolgt aber unmittelbar danach, also an einer anderen Stelle, als Metahinweis. Der zweite unterstrichene Satzteil wurde eingefügt, um die Redeeinheit eindeutig einer bestimmten Person zuzuordnen, was im Deutschen durch den Indirektiv geschieht; außerdem konnte hier die Partikel „мол“ verwendet werden. Insgesamt wird die freie KR im Russischen durch sprachliche Elemente, die mündlich oder umgangssprachlich klingen sollen, auffälliger als (individuelle) Personenrede gestaltet (z.B. „хоть куда“, „в продажу-то“, „торчат в витрине“). Im Deutschen Text findet man ein umgangssprachliches „was“, allerdings erst in der „Bemerkung“ von Frau Dörr (ab „Kirschwasser aber...“). Die Hintergrund-Vordergrund-Gestaltung ist damit meiner Empfindung nach im Russischen weniger differenziert als im Deutschen. Inhaltliche Verschiebungen treten häufiger dann auf, wenn im Deutschen freie IR verwendet wird mit dem Indirektiv als einzige Markierung oder wenn in Zitationen weitere Zitationen eingebaut sind: (4/2) ∗ Er sei plötzlich auf einen noch viel seltsameren Gedanken verfallen und habe den Südhessen gefragt, #was er wohl glaube, warum er, Wiesner, hier gerade in dieser Gasse herumstehe. (Andreas Maier: Wäldchestag, 2002) ∗ Freie IR, # syntaktisch abhängige IR auf der nächsten Ebene 42 (4/2‘) Неожиданно для себя он вдруг запал на одну мысль, еще более странную, чем все остальные: он спросил южногессенца, # что тот думает, зачем он, Визнер, торчит здесь, в этом переулке. (Andreas Majer: Duchov den‘, übers. v. G. Kosarik, 2003) # syntaktisch abhängige IR auf der ersten Ebene In der russischen Übersetzung wird zwar die abhängige IR mittels KR wiedergegeben (#). Die IR der ersten Ebene (∗) aber würde wohl nicht, ja sie kann eigentlich gar nicht als KR interpretiert werden. Diese Rede ist eindeutig NPR bzw. einfach Personales Erzählen. Für die Übersetzung ins Deutsche ist festzustellen: Da man bei Verwendung der deutschen IR gezwungen ist, genauer zu differenzieren, kommt es bei russisch-deutschen Übersetzungen oft zu einer Situation, in der der Übersetzer eine Entscheidung zwischen verschiedenen möglichen Varianten treffen muss. Hierzu ein Beispiel aus Dostojewskijs Prestuplenie i nakazanie in zwei deutschen Übersetzungen: (4/3) Он не знал, да и не думал о том куда идти; он знал одно: «что все это надо кончить сегодня же, за один раз, сейчас же; что домой он иначе не воротится, потому что не хочет так жить». a. Er wußte nicht und dachte auch nicht nach, wohin er wollte; er wußte bloß eins, „daß all das heute noch, mit einem Schlag, sofort beendet werden muß!“, daß er anders nicht nach Hause zurückkehren werde, weil er „so nicht weiterleben will!“ (Fjodor Dostojewski: Schuld und Sühne, übers. v. E. K. Rahsin, 1919) b. Er wußte nicht und überlegte auch nicht, wohin er wollte; er wußte bloß eins: „Daß man das alles heute noch, mit einem Schlag, sofort beenden müsse; daß er nicht anders nach Hause zurückkehren werde, weil er so nicht weiterleben wollte.“ (Fjodor Dostojewski: Raskolnikov. Schuld und Sühne, übers. v. S. Geier, 1964) Möglich wäre aber auch: c. Er wusste nicht und dachte auch nicht nach, wohin er wollte; er wusste bloß eins: dass das ganze heute noch beendet werden musste, mit einem Schlag, jetzt sofort; dass er sonst nicht nach Hause zurückkehren würde, weil er so nicht weiterleben wollte. Am Original ist hier kaum endgültig zu entscheiden, um welche Art der Redewiedergabe es sich handelt: Die Personaldeixis ist, zumindest im zweiten Teilsatz, auf Origo 1 eingestellt. Es handelt sich also mindestens bei diesem Teilsatz eindeutig um eine Art der indirekten Redewiedergabe. Insgesamt steht die Rede in der Rede im Präsens und ist syntaktisch von einer inquit-Formel ab- 43 hängig (genauer gesagt von einem Verbum sciendi) im Präteritum. Das spricht für KR. Andererseits impliziert die Zeichensetzung eher eine direkte Redewiedergabe (PR). Für eine NPR schließlich spricht die Tatsache, dass es sich offensichtlich nicht um eine geäußerte Rede handelt, sondern um eine gedachte. Die deutschen Übersetzer können nicht eine ähnliche Vagheit schaffen, da die Redewiedergabe stärker differenziert werden muss und strenger reglementiert ist. Bei Rahsin (a.) steht der erste Teilsatz in einer IR mit Indikativ, was eine umgangssprachliche Färbung mit sich bringt; den zweiten Teilsatz konstruiert sie als klassische IR mit Konjunktiv I. Die Zeichensetzung der DR behält sie bei, was innovativ wirkt. Geier (b.) benutzt durchweg eine klassische IR mit Konjunktiv. Auch sie verwendet die Zeichensetzung der DR. Möglich wäre hier aber auch eine Variante wie c, die die ganze Rede als ER wiedergibt. Dazu muss man eigentlich nur das Präteritum verwenden. Was die inhaltliche Seite betrifft, so wird an diesen Beispielen deutlich, dass sich die deutschen Varianten auf verschiedenen Positionen zwischen szenischer Widergabe, Distanziertheit und Identifikation befinden, während im Original irgendwie alle diese Positionen (oder auch keine davon) enthalten zu sein scheinen. Ein weiteres Beispiel einer etwas längeren Passage kann das noch deutlicher machen: (4/4) – Признаюсь, этот ответ меня удивил, – мягко заговорил прокуратор, – боюсь, нет ли здесь недоразумения. Пилат объяснился. ∗Римская власть ничуть не покушается на права духовной власти, первосвященнику это хорошо известно, но в данном случае налицо явная ошибка. И в исправлении этой ошибки римская власть, конечно, заинтересована. ? В самом деле: преступления Вар-раввана и Га-Ноцри совершенно не сравнимы по тяжести. Если второй, явно сумасшедший человек, повинен в произнесении нелепых речей, смущавших народ в Ершалаиме и других некоторых местах, то первый отягощен гораздо значительнее. Мало того, что он позволил себе прямые призывы к мятежу, но он еще убил стража при попытках брать его. Вар-варран гораздо опаснее, нежели Га-Ноцри. 44 # В силу всего изложенного прокуратор просит первосвященника пересмотреть решение и оставить на свободе того из двух осужденных, кто менее вреден, а таким, без сомнения, является Га-Ноцри. Итак? 16 (Michail Bulgakov, Master i Margerita, 1966) Bei ∗ beginnt hier eine freie KR, die mindestens bis zum Absatz eindeutig als artikuliert vorgestellte KR gestaltet ist, wobei diese Eindeutigkeit vor allem das einleitende Verbum dicendi „объяснился“ gewährleistet. Ab ? ist aber zumindest fraglich, ob Pilatus nun weiter den Hohepriester direkt anspricht oder ob er jetzt eher in seinen Gedanken spricht. Es würde sich dann um eine NPR handeln. Dafür spräche die Setzung eines Absatzes. Dagegen spricht die Fortsetzung im folgenden Absatz „В силу всего изложенного…“ Ab # handelt es sich dann wieder eindeutig um eine artikulierte KR. Im Deutschen gibt es nun mehrere Möglichkeiten, diese Textpassage zu gestalten. Wenn man sich für eine durchgehende freie IR entscheidet, sieht das folgendermaßen aus: a. „Ich gestehe, daß diese Antwort mich erstaunt“, sagte er weich, „Ich fürchte, das ist ein Mißverständnis.“ Pilatus erklärte sich näher. Die römische Macht wolle keineswegs die Rechte der hiesigen geistlichen Macht antasten, das sei dem Hohenpriester auch wohlbekannt, aber in diesem Falle liege doch wohl ein Irrtum vor, an dessen Behebung die römische Macht selbstverständlich interessiert sei. In der Tat: die Verbrechen War-Rawwans und han-Nasris seien an Schwere gar nicht vergleichbar. Werde der letzere, ein offenkundig Verrückter, dummer Reden geziehen, die das Volk in Jerschalaim und in anderen Orten verwirrt hätten, so sei der erstere bedeutend schwerer belastet. Nicht genug, daß er sich offene Aufwiegelei habe zuschulden komme lassen, habe er zudem beim Versuch, ihn festzunehmen, einen Wächter getötet. War-Rawwan sei unvergleichlich gefährlicher als han-Nasri. Angesichts des Dargelegten bitte der Prokurator den Hohenpriester, den Beschluß zu überprüfen und denjenigen der beiden Verurteilten freizulassen, der minder gefährlich sei, ohne Zweifel han-Nasri. So sei es doch? (Michail Bulgakow, Der Meister und Margarita, übers. von Thomas Reschke, 1970) 16 Übrigens wird in diesem Text ungewöhnlich viel freie KR verwendet, und zwar in den Kapiteln, in denen die Worte und Ansprachen des Pilatus wiedergegeben werden. Passagenweise zieht sie sich sogar über mehrere Absätze. Bulgakow, zu Recht als einer der größten Meister der russischen Sprache gerühmt, nutzt dieses Instrument zur Raffung und Schaffung von Hintergrund-VordergrundKontrasten so brillant, dass die freie KR in diesem Text größtenteils völlig eindeutig interpretierbar ist. 45 Ein anderes Vorgehen finden wir in der Neuübersetzung von Alexander Nitzberg: b. – Ich muss gestehn, Eure Antwort überrascht mich zutiefst –, begann der Statthalter sanft, – und ich fürchte, ein Missverständnis liegt vor. Pilatus erklärte sich. Die römische Macht stellt keinesfalls die Macht der örtlichen Geistlichkeit infrage. Und der Hohepriester weiß das sehr wohl. Aber diesmal handelt es sich um einen offensichtlichen Fehler. Und natürlich ist die römische Macht an der Beseitigung dieses Fehlers interessiert. ? In der Tat: Die Verbrechen Bar-Rabbans und Ha-Nozris sind unvergleichlich in ihrer Schwere. Ist Letzterer zweifellos ein Irrer, dessen Schuld sich darin erschöpft, widersinnige Reden zu halten, die das Volk in Jerschalajim und an einigen anderen Orten empören, so wird Ersterer wesentlich mehr belastet. Nicht nur hat er ganz unverhohlen zur Rebellion aufgerufen, sondern auch noch bei dem Versuch, ihn zu ergreifen, eine Wache getötet. BarRabban ist also bei Weitem gefährlicher als Ha-Nozri. In Anbetracht alles Erwähnten bittet der Statthalter den Hohenpriester darum, die Entscheidung zu überprüfen und jenen Verurteilten freizulassen, von dem die geringste Gefahr ausgeht. Das aber ist gewiss Ha-Nozri. Nun also? … (Bulgakow, Michail: Meister und Margarita, übers. v. Alexander Nitzberg, 2012) Hier wird eine Indirekte Rede im Indikativ mit den Tempora der DR verwendet, wie im Russischen. Dass es sich um IR handeln soll und nicht um eine DR, geht grammatikalisch nur aus der Polung der Personenbezeichnung der Hohepriester auf Origo 1 hervor. Ab ? ähnelt die wiedergegebene Rede wie im Russischen stark einer DR. Fasst man aber die mittlere Passage als NPR auf, könnte die Übersetzung so aussehen: c. „Ich gestehe, dass diese Antwort mich erstaunt“, sagte er weich, „Ich fürchte, das ist ein Missverständnis.“ Pilatus erklärte sich näher. Die römische Macht wolle keineswegs die Rechte der hiesigen geistlichen Macht antasten, das sei dem Hohenpriester auch wohlbekannt, aber in diesem Falle liege doch wohl ein Irrtum vor, an dessen Behebung die römische Macht selbstverständlich interessiert sei. In der Tat: die Verbrechen War-Rawwans und han-Nasris waren an Schwere gar nicht vergleichbar. Wurde der letzere, ein offenkundig Verrückter, dummer Reden geziehen, die das Volk in Jerschalaim und in anderen Orten verwirrt hatten, so war der erstere bedeutend schwerer belastet. Nicht genug, daß er sich offene Aufwiegelei hatte zuschulden komme lassen, hatte er zu- 46 dem beim Versuch, ihn festzunehmen, einen Wächter getötet. War-Rawwan war unvergleichlich gefährlicher als han-Nasri. Angesichts des Dargelegten bitte der Prokurator den Hohenpriester, den Beschluss zu überprüfen und denjenigen der beiden Verurteilten freizulassen, der minder gefährlich sei, ohne Zweifel han-Nasri. So sei es doch? Allein durch die Tempustransposition, also die Verwendung des Präteritums entstünde eine klassische deutsche ER, die die ganze mittlere Passage eindeutig in die Gedankenwelt des Pilatus verlegen würde. Häufig hat (hätte) ein Übersetzer die Möglichkeit, die vielen inquitFormeln und „что“, die in einem russischen Text normalerweise eine längere KR-Passage markieren, einfach durch den Indirektiv allein zu ersetzen, sowohl in Gebrauchstexten als auch in der Literatur: (4/5) Соня беспрерывно сообщала, что он постоянно угрюм, несловоохотлив и даже почти нисколько не интересуется известиями, которые она ему сообщает каждый раз из получаемых ею писем; что он спрашивает иногда о матери [...] Сообщила она, что здоровье его удовлетворительно. Он ходит на работы, от которых не уклоняется и на которые не напрашивается. К пище почти равнодушен, но что эта пища, кроме воскресных и праздничных дней, так дурна, что наконец он с охотой принял от нее, Сони, несколько денег, чтобы завести у себя ежедневный чай; [...] Далее Соня сообщала, что помещение его в остроге общее со всеми; внутренности их казарм она не видала, но заключает, что там тесно, безобразно и нездорово; что он спит на нарах, подстилая под себя войлок, и другого ничего не хочет себе устроить. Но что живет он так грубо и бедно вовсе не по какому-нибудь предвзятому плану или намерению, а так просто от невнимания и наружного равнодушия к своей судьбе. [...] (Fedor Dostojevskij, Prestuplenie i nakazanie, 1866) Sonja berichtete gleichbleibend, daß er ständig düster und wortkarg sei und sich sogar kaum für die Neuigkeiten interessiere, die sie ihm aus den erhaltenen Briefen jedesmal mitteile; daß er sich dann und wann nach seiner Mutter erkundige; [...] Sie schrieb, seine Gesundheit gäbe keinen Anlaß zur Sorge. ∗ Er gehe zur Arbeit, drücke sich nicht, lege aber auch keinen besonderen Eifer an den Tag. Über die Anstaltskost äußere er sich beinahe gleichgültig, sie sei, außer an Sonn- und Feiertagen, so schlecht, daß er schließlich gern von ihr, Sonja etwas Geld angenommen habe, um eigenen Tee trinken zu können, [...] Weiter schrieb sie, er teile im Gefängnis einen Raum mit mehreren Sträflingen. ∗2 Das Innere der Kasernen – sie habe es nicht selbst gesehen – müsse eng, gräßlich und ungesund sein; er schlafe auf einer Prit- 47 sche mit einer Filzdecke als Unterlage und habe sich geweigert, etwas anderes anzunehmen. Er lebe aber keineswegs nach einem Plan oder mit Absicht so karg und ärmlich [...] (Fjodor Dostojewski: Verbrechen und Strafe, übers. v. S. Geier, 1996) Die ersten Passagen dieser seitenlangen KR konstruiert die Übersetzerin genau wie der russische Text mit sich immer wiederholenden syntaktisch abhängigen IR-Einheiten. Ab ∗2 verwendet sie freie IR, wie sie im Deutschen üblich ist. Eine andere Problematik kann bei der Übersetzung ins Deutsche dadurch entstehen, dass auch Entscheidungen hinsichtlich der st il is ti sc h e n Gestaltung einer indirekten Redewiedergabe getroffen werden müssen. Wie oben dargelegt, gibt es ja durchaus auch die Möglichkeit, IR mit Indikativ oder Konjunktiv II zu konstruieren oder anderweitig von den standardsprachlichen Regeln abzuweichen. Zur Illustration folgendes Beispiel aus einer Erzählung von Ljudmila Petruševskaja: (4/6) ...там у нас устроилась лаборанткой одна знакомая, Ленка Марчукайте, приходит, приносит утешительные новости, # что кандидат наук вот-вот рожает ребенка на стороне, на него готовится письмо тех родителей, на работе он в полной отключке, орет по телефону, а комната одна, и ни о какой энергетике нет слов. ∴ Пока готовят проект решения по передаче им опытно-испытательного верстака в подвале института на три часа ночного времени. (Ljudmila Petruševskaja: Svoj krug, 1988) # syntaktisch abhängige KR; ∗freie KR a. Eine Bekannte von uns, Lenka Marčukajte, hat dort als Laborantin angefangen. Immer wenn sie kommt, bringt sie tröstliche Neuigkeiten mit: daß der Doktor in den nächsten Tagen ein außereheliches Kind kriege, daß von den Eltern der werdenden Mutter ein Brief gegen ihn vorbereitet werde, daß er auf der Arbeit völlig geistesabwesend sei, daß er ins Telefon schreie, dabei sitzen alle in einem Zimmer, und daß an Energetik überhaupt nicht zu denken sei. Zur Zeit werde ein Projekt ausgearbeitet, ob man ihnen vielleicht für drei Stunden in der Nacht im Keller des Instituts eine Versuchsanlage zur Verfügung stellen sollte... (Ljudmila Petruschewskaja: Mein Kreis, übers. A. Leetz, 1992) Antje Leetz konstruiert weitgehend standardsprachliche IR mit dem Konjunktiv I (mit Ausnahme der allerletzten Verbform). Allerdings kombiniert sie ein umgangssprachliches Verb („kriegen“) mit dieser hochsprachlichen Form, was als Stilbruch empfunden wird. 48 Man könnte aber auch, und sogar in engerer Anlehnung ans Original, das ja zahlreiche umgangssprachliche Elemente enthält, im Deutschen eine „umgangssprachlichere“ IR konstruieren: b. ...eine Bekannte von uns hat da als Laborantin angefangen, Lenka Marčukajte, und die erzählt, wenn sie kommt, immer tröstliche Neuigkeiten, dass dieser Doktor soundso grade ein uneheliches Kind kriegt, dass die Eltern des Mädchens eine Beschwerde gegen ihn einreichen wollen, dass er bei der Arbeit völlig durchdreht, ins Telefon brüllt, wo sie doch alle in einem Raum sitzen, und von Energetik wäre überhaupt gar keine Rede. Im Moment wären sie damit beschäftigt, einen Antrag zu stellen, damit ihnen genehmigt würde, für drei Stunden nachts im Keller des Instituts ein Versuchsgerät zu benutzen. Die stilistische oder sprechsprachliche Markierung der IR durch die Verwendung von Indikativ und deiktischen Tempora in einem deutschen Originaltext kann dagegen im Russischen nicht oder nur mit anderen Mitteln nachempfunden werden, da eine solche Verwendung der Modi und Tempora ja im Russischen neutral ist: Werners Heinrich sagte, seine Mama hat ihm den Umgang mit mir verboten, weil ich so was Rohes in meinem Benehmen habe und weil ich doch bald davongejagt werde. Ich sagte zu Werners Heinrich, dass ich auf seine Mama pfeife, und ich bin froh, wenn ich nicht hin muss, weil es in seinem Zimmer so muffelt. Dann sagte er, ich bin ein gemeiner Kerl, und ich gab ihm eine feste auf die Backe und ich schmiss ihn an den Ofenschirm, dass er hinfiel. (Ludwig Thoma, Lausbubengeschichten, 1905) Генрих, сын министерского советника Вернера, сказал, что мать запретила ему водиться со мной, потому что в моём поведении есть этакая неотёсанность и меня скоро вообще выгонят из гимназии. Я сказал Вернерову Генриху, что я плевал на его мать и что я даже рад, что меня к нему не пустят, потому что у него в комнате воняет плесенью. Тогда он сказал, что я подлый тип, и я дал ему по роже и швырнул его на решетку камина, так что он упал. (Ljudvig Toma: Pochoždenija bavarskogo sorvanca, rasskazannye im samim, 2003) Durch die Kompensation mit umgangssprachlicher Lexik wird hier eine andere stilistische Markierung geschaffen als im Original: Der Tonfall wirkt nicht mehr unbeholfen, sondern grob. 49 5 Übersetzungsanalysen Wie sehen Übersetzungen ins Russische aus, wenn die Verwendung der IR in einem deutschen literarischen Text als gestalterisches Grundprinzip fungiert wie in dem oben diskutierten Text von Johnson? Anhand der russischen Übersetzungen zweier neuerer deutscher Werke aus dem 21. Jahrhundert lässt sich das sehr gut demonstrieren. 5.1 Die Vermessung der Welt von Daniel Kehlmann Der 2005 erschienene Roman Die Vermessung der Welt ist ein historischer Roman, in dem die etwa gleichzeitig verlaufenden Biographien des Mathematikers Gauß und des Naturforschers Humboldt kapitelweise abwechselnd erzählt werden. 5.1.1 Erzähltechnische Gestaltung und Inhalte der Vermessung der Welt Die Verwendung der IR ist in diesem Text insofern ein grundlegendes Gestaltungsprinzip, als der größte Teil der Figurenrede als IR wiedergegeben ist: (5/1) Zur Hochzeit kamen wenige Gäste [...] Während des sparsam zubereiteten Festmahls sprach Gauß' Vater darüber, dass man sich nicht beugen lassen dürfe, niemals, von keinem, dann erhob sich Zimmermann, öffnete den Mund, lächelte liebenswürdig in die Runde und setzte sich wieder. Bartels stieß Gauß an. Der stand auf, schluckte und sagte, er habe nicht erwartet, dass er etwas wie Glück finden würde, und im Grunde genommen glaube er auch jetzt nicht daran. Es komme ihm wie ein Rechenfehler vor, ein Irrtum, von dem er hoffe, keiner werde ihn aufdecken. Er nahm wieder Platz und wunderte sich über die fassungslosen Blicke. Leise fragte er Johanna, ob er etwas Falsches gesagt habe. Aber woher denn, antwortete sie. Genau diese Rede habe sie sich immer für ihre Hochzeit erträumt. Eine Stunde später waren die letzten Gäste gegangen und er und Johanna auf dem Weg nach Hause. Sie sprachen wenig. Plötzlich waren sie einander fremd. 50 Kehlmann selbst begründet diese Erzählweise folgendermaßen: Bei meiner Arbeit wurde mir schnell klar, dass das Problematische des historischen Erzählens ganz wesentlich in den Dialogen liegt. Eine direkte Rede behauptet inhärent, diese Worte und keine anderen seien gesagt worden. Abgesehen davon, dass man da beim Lesen sofort ein Gefühl von Anmaßung und Unrichtigkeit hat – denn selbst wenn einer sehr genau weiß, was passiert ist, weiß er nicht, was nun wirklich gesagt wurde, sogar bei Autobiografien wird man sofort skeptisch, wenn alte Leute Gespräche wiedergeben, die sie angeblich vor vierzig Jahren geführt haben –, entsteht bei einer so weit zurückliegenden Epoche das stilistische Problem, dass man sich entscheiden muss, ob man die Figuren in moderner Sprache reden lässt, vielleicht noch mit zeitgenössischem Slang vermischt, oder in altertümelnder. Beides finde ich schrecklich. Ich kam dann auf die Idee, diese Wahl zu umgehen und alle Dialoge in indirekter Rede zu schreiben, auch wenn es durchaus dramatisch zugespitzte Dialoge sind, die man normalerweise nicht indirekt schriebe; genau wie es mein schon erwähnter verrückter Historiker tun würde. Dadurch entsteht eine i r o n i s c h e S c h e i n a u t h e n t i z i t ä t , die eigentlich auf jeder Seite von neuem klarmacht, dass ich eben nicht vorgebe zu erzählen, wie es war. (Im Gespräch mit Walter Grond, zitiert nach: Volltext.net-Zeitung für Literatur, 31.08.05, Sperrdruck von mir) 5.1.2 Die Vermessung der Welt in ihrer russischen Übersetzung Nachdem Kehlmanns Buch in Deutschland schnell zum Bestseller geworden war und auch internationale Anerkennung erlangte, und nachdem der Autor mit mehreren Literatur-Preisen ausgezeichnet worden war, erschien im Jahr 2009 eine russische Übersetzung der Vermessung der Welt unter dem Titel Измеряя мир. Nach meinen Informationen handelte es sich dabei um eine Auftragsarbeit, d.h. der Petersburger Verlag Amfora hat die Übersetzung bei Galina Kosarik in Auftrag gegeben. Über die Problematik der Übersetzung eines Textes mit einer so spezifischen Gestaltung war man sich offenbar bewusst. Im Vorwort zum Roman heißt es nämlich in einer vorauseilenden Rechtfertigung: […] При всей необычайной легкости и даже игривости языка автор придерживается строгих правил, которые сам же для себя и установил. Так, он принципиально не использует кавычек, о чем не один раз упоминал в интервью, ссылаясь на высказывание Наполеона о том, что кавычки делают текст банальным. Кельман вообще не слишком жалует прямую речь, отдавая предпочтение косвенной. В русском тексте вы ни разу не встретите ка- 51 вычек, все диалоги оформлены весьма непривычным образом; в романе очень много косвенной речи, а прямую для удобства восприятия было решено выделить курсивом. Мы также не стали «украшать» и «причесывать» оригинал, подбирая синонимы к многочисленным «он» и «сказал», сохранив в переводе нарочитое однообразие местоимений и глаголов. Ведь книги Кельмана ориентированы, в первую очередь, на думающего читателя, и ничего лишнего или случайного в них нет. […] [Bei aller ungewöhnlichen Leichtigkeit und sogar Verspieltheit der Sprache hält sich der Autor doch an strenge Regeln, die er sich selbst auferlegt hat. So verwendet er prinzipiell niemals Anführungszeichen, was er immer wieder in seinen Interviews erwähnt, wobei er sich auf eine Aussage Napoleons bezieht, Anführungszeichen machten einen Text banal. Überhaupt hält Kehlmann nicht viel von direkter Rede, er bevorzugt die indirekte. Im russischen Text werden Sie kein einziges Anführungszeichen finden, alle Dialoge sind sehr ungewöhnlich gestaltet; im Roman gibt es sehr viel indirekte Rede, und zur besseren Leserlichkeit wurde für die direkte Rede entschieden, sie kursiv hervorzuheben. Wir haben auch nicht versucht, das Original zu „verzieren“ oder zu „glätten“ durch Synonyme für die zahlreichen „er“ und „sagte“, sondern haben die bewusste Eintönigkeit der Pronomina und Verben in der Übersetzung beibehalten. Schließlich sind die Bücher Kehlmanns in erster Linie an einen denkenden Leser gerichtet, und es gibt darin nichts Überflüssiges oder Zufälliges.] Ob die angekündigten Verfahren tatsächlich verwirklicht wurden und ob sie für eine Vermittlung der Schreibweise und vor allem ihrer inhaltlichen Seite ausreichten und geeignet waren, soll im Folgenden näher untersucht werden. Beispiel: (5/2) Bei ihrem ersten Mittagessen fragte ihn der Pastor, wie es in der Schule gehe. (#) Leidlich, antwortete er. (>) Der Pastor fragte, ob ihm das Lernen schwerfalle. (#) Er zog die Nase hoch und schüttelte den Kopf. Hüte dich, sagte der Pastor. (>) Gauß sah überrascht auf. Der Pastor blickte ihn streng an. Stolz sei eine Todsünde! (∗) За первым же обедом пастор спросил, как идут дела в школе. (#) Так себе, ответил он. (>) Пастор спросил, трудно ли ему учиться. (#) Мальчик, задрав нос, покачал головой. Остерегись, сказал пастор. (>) Гаусс удивленно посмотрел на него. Пастор уставил на него строгий взор. Гордыня — смертный грех! (>) 52 Gauß nickte. Das solle er nie vergessen, sagte der Pastor. Ein Leben lang nicht. (#) Wie klug man auch sei, man habe demütig zu bleiben. (∗) Warum? (>) Der Pastor bat um Verzeihung. Er habe wohl falsch verstanden. (∗) Nichts, sagte Gauß, gar nichts. (>) Doch, sagte der Pastor, er wolle das hören. (#) Er meine es rein theologisch, sagte Gauß. (#) Gott habe einen geschaffen, wie man sei, dann aber solle man sich ständig bei ihm dafür entschuldigen. (∗) Logisch sei das nicht. (∗) Гаусс кивнул. Об этом нельзя забывать, сказал пастор. (>) До конца жизни. Как ни умен человек, но ему потребно смирение. (>) Зачем?(>) Пастор выглядел изумленным. Что ты этим хотел сказать? (>) Ничего, сказал Гаусс, вовсе ничего.(>) Нет уж, я хотел бы услышать. (>) С точки зрения самой теологии, пояснил мальчик, (>) Бог создал человека таким, как он есть, однако получается, что человек должен теперь вечно перед ним извиняться.(>) Как-то нелогично. (>) Der Pastor äußerte die Vermutung, Пастор высказал предположение, dass etwas mit seinen Ohren nicht что у него что-то не в порядке с stimme. (#) ушами. (#) Nachdem die ersten vier Dialogrepliken analog zum deutschen Text konstruiert wurden (zwei Mal PR >, zwei Mal syntaktisch abhängige KR #), findet ab der unterstrichenen Stelle eine Änderung der Vorgehensweise statt: Von nun an werden die meist in freier IR (∗) gestalteten Redepassagen des Originals im Russischen ausschließlich (!) als PR (>) wiedergegeben. Während im deutschen Text zwei DR-Repliken acht IR-Repliken gegenüberstehen, besteht die russische Übersetzung aus zehn PR-Passagen. Erst mit der letzten Redeeinheit kehrt sie zu einer syntaktisch abhängigen KR (#) zurück. Die Interpretation so vieler Dialogpassagen als PR ist teilweise dem Fehlen einer Personaldeixis zuzuschreiben, die ja als einziges sprachliches Mittel eindeutig auf eine indirekte Redewiedergabe hinweisen würde. So ist z.B. „Гордыня — смертный грех!“ kaum als freie KR eindeutig erkennbar zu machen, da die Möglichkeit der Personaldeixis fehlt. Man könnte die Äußerung nur syntaktisch abhängig von einer inquit-Formel gestalten. An anderen Stellen wird aber auch bewusst eine PR-Personaldeixis produziert, z.B. „Что ты этим хотел сказать?“ Zudem wird die direkte Redewiedergabe auch da, wo sie vage bleiben könnte, noch unterstützt durch den Kursivdruck, der ja für diesen Text als Metazeichen für PR eingeführt wurde. 53 Ohne ihn hätte man an einigen Stellen auch offen lassen können, ob es sich um PR oder KR handeln solle. Diese Vorgehensweise zieht sich durch das ganze Buch. Man kann davon ausgehen, dass acht von zehn IR-Repliken des deutschen Originals im Russischen als PR gestaltet oder sogar durch Kursivschrift als solche markiert wurden, so dass kein Zweifel an der „Direktheit“ der Redewiedergabe aufkommen kann. Die „ironische Scheinauthentizität“ als wichtiges Gestaltungsprinzip des Romans ist somit in der russischen Übersetzung nicht oder kaum mehr vorhanden. Es gibt aber noch eine weitere Art der Verschiebung, der man in dieser Übersetzung des Öfteren begegnet. Dazu das folgende Beispiel: (5/3) Büttner griff mit unsicheren Händen nach dem Buch. Er könne sich auf etwas gefasst machen, jetzt werde er ihn befragen! (∗) Eine halbe Stunde später sah er Gauß mit leerer Miene an. Er wisse, dass er kein guter Lehrer sei. (∗, #) Er habe weder eine Berufung, noch besondere Fähigkeiten. (∗) Aber jetzt sei es soweit: Wenn Gauß nicht aufs Gymnasium komme, habe er umsonst gelebt. (∗) Бютнер нетвердой рукой раскрыл книгу. Ну, держись, сейчас он его кое о чем спросит! (∗) Спустя полчаса он ошалело уставился на Гаусса. Бютнер всегда знал (?), что он никудышный учитель. У него нет ни призвания, ни способностей к этому делу. Однако вот и его час настал: если Гаусс не поступит в гимназию, он будет считать, что прожил жизнь напрасно. Im Deutschen ist die Passage nach dem für den Roman typischen Schema verfasst: durchweg in der freien IR. Auch im Russischen beginnt der Absatz mit einer Passage in der freien KR. Ab (?) findet nun aber ein Wechsel in eine ganz andere Richtung statt: „Бютнер всегда знал“ kann im Russischen nicht als KR interpretiert werden, da jeglicher Hinweis darauf fehlt. Vielmehr versteht man diesen Satz nun überhaupt nicht mehr als Figurenrede, sondern als Erzählerrede. Dies und vor allem die Tatsache, dass es sich um ein Verbum sciendi handelt, bewirkt aber nun, dass alles Nachfolgende nicht mehr als artikulierte Rede verstanden wird, ja gar nicht werden kann. Die gesamte Passage wird als NPR aufgefasst, also als die Wiedergabe der inneren Gedankenwelt der Person, vermittelt durch einen personalen Erzähler. Auch dieses Phänomen – die Verschiebung von der IR/DR zu NPR – findet man in dieser Übersetzung immer wieder. Und dazu kann man mit Fug und Recht sagen, dass eine solche Textgestaltung die ursprüngliche Intention 54 nicht nur verschiebt oder eliminiert, sondern dass sie ihr sogar diametral entgegensteht: Denn es ist ja die Hauptfunktion der NPR, Identifikation zu erzeugen, ein Effekt, den Kehlmann durch seine Gestaltungsweise gerade zu vermeiden sucht. Insgesamt kann man also sagen, dass in dieser Übersetzung der literarische Hauptinhalt der IR, die „ironische Scheinauthentizität“, nicht oder kaum vermittelt wird. Größtenteils sind dafür die fehlenden Markierungsmöglichkeiten oder die Vagheit der russischen Redewiedergabe verantwortlich. Es gibt aber auch noch einen anderen Grund. Die Redeeinheiten sind kurz und einige ließen sich vielleicht durch ihre enge syntaktische Gebundenheit und Abhängigkeit von der Erzählerrede auch im Russischen eindeutig gestalten. Problematisch ist bei dieser Übersetzung die exzessive Verwendung der direkten Redewiedergabe durch PR, die noch dazu mit der Einführung eines auffälligen Metazeichens vereindeutigt, d.h. ihrer im Russischen möglichen Vagheit beraubt wird. Es scheint so, als hätte die Übersetzerin gerade dieser Vagheit oder auch der monotonen Wiederholung von inquitFormeln, von der sie in ihrem Vorwort spricht, entgegenwirken wollen. 55 5.2 Wäldchestag von Andreas Maier Die Handlung des in der Gegenwart spielenden Romans erstreckt sich über die drei Tage um Pfingsten, während derer die Beerdigung eines Einwohners einer nordhessischen Kleinstadt stattfindet. Als Erzähler treten zwei jüngere Einwohner des Ortes auf. Diese vermitteln neben ihren eigenen Gedanken und ihrer eigenen Rede auch die Reden zahlreicher anderer Personen, die in die Handlung eingebunden sind. Den übergeordneten erzählerischen Rahmen bildet ein Protokoll, das von einem Beamten aufgenommen wird. 5.2.1 Erzähltechnische Gestaltung Auch in dem im Jahr 2000 erschienenen Roman Wäldchestag von Andreas Maier ist die IR eines der wichtigsten gestalterischen Prinzipien. Dabei erscheint sie, anders als bei Kehlmann, durchweg im Erzählertext, während die Personenrede eher gemischt gestaltet ist. Das heißt, es gibt hier praktisch gar keinen Rahmen eigenen Sprechens, von dem die IR abhängig sein könnte – sie ist selbst dieser Rahmen. Quantitativ betrachtet findet man in Wäldchestag durchaus nicht wenige Redeeinheiten, die mit dem Indikativ konstruiert sind, wenn auch ihre Anzahl deutlich kleiner ist als die Konjunktivpassagen. Bei den meisten davon handelt es sich um DR-Passagen auf der obersten Ebene. Ansonsten befinden sie sich auf verschiedenen Zitationsebenen und wirken durch den Kontrast zum konjuntivischen Hintergrund hervorgehoben. Zur Illustration hier der Beginn des Romans: (5/4) Es ist, hat Schossau gesagt, als sei allem etwas entzogen worden, wie durch einen chemischen Vorgang, eine Substanz, die nicht mehr in den Dingen vorhanden sei, obgleich sie doch eigentlich in ihnen vorhanden sein müßte. ∗ Er könne auch überhaupt nicht sagen, wie er auf diesen Gedanken komme. Eine Substanz in den Dingen könne man nämlich nur dann vermissen, wenn sie vormals dagewesen sei, es sei aber, genau betrachtet, nichts in den Dingen nachweisbar, was auf eine vormalige Anwesenheit hindeuten würde. Genau betrachtet sei es das Wort nicht mehr, welches supretiv verfahre. Aber es verfahre nicht supretiv, es beschreibe lediglich, es beschreibe aber nicht die Dinge, sondern sein Gefühl. Meine Gedanken erlegen den Dingen keinerlei Notwendigkeit auf. Er, Schossau, denke diesen Satz in den 56 letzten Tagen immer wieder. Überhaupt denke er all das eben Angeführte immerfort. Vorhin auf dem Weg hierher habe er auf der Promenade unterhalb der Burg im Gezweig eines Rhododendronstrauchs gestanden und die rosigweißen Blüten betrachtet, und auch dort habe er das ihn erschlagende Gefühl gehabt, es sei diesem Rhododendron etwas entzogen, etwas in ihm fehle, und doch sei nicht der Strauch von diesem Mangel angegriffen, sondern er, Schossau. Meine Gedanken erlegen den Dingen keinerlei Notwendigkeit auf. Er habe sich auf die Bank unterhalb des Strauches setzen und für einen Augenblick das Gesicht in seinen Händen bergen müssen. Die eigentümliche Erzählweise wird durch einen überaus einfachen inquitMatrixsatz im deiktischen Perfekt („hat Schossau gesagt“) eingeleitet, von dem zunächst eine indirekte Rede im Indikativ (!) syntaktisch abhängig ist („es ist“). Von dieser Rede ist dann eine klassische IR abhängig („als sei allem etwas entzogen worden“). Ab ∗ steht durchweg freie IR bis hin zum kursiv hervorgehobenen Satz im Indikativ, der als DR aufgefasst wird. Danach wird die freie IR fortgesetzt bis zum Ende des Absatzes, noch einmal unterbrochen durch die Wiederholung des Satzes im Indikativ. Nach dem ersten Kursivsatz im Indikativ wird zudem der Name des Sprechers 1 (Erzählers?) wiederholt, so dass der Leser noch einmal an ihn „erinnert“ wird. Das findet auch im weiteren Verlauf immer wieder statt. Diese Erzählweise setzt sich durch den gesamten Roman so fort, wobei etwa in der Mitte (Kapitel II) die Sprecher-1- oder Erzählerstimme wechselt, womit auch eine Perspektivenänderung verbunden ist. Dieser Wechsel wird zu Beginn des Kapitels aber unvermittelt eingeführt, es steht von Anfang an freie IR, wodurch diese Rede theoretisch auch als abhängig von der Rede des Erzählers 1 verstanden werden könnte: (5/5) Wiesner habe sich von dem großen Eindruck, den Katja Mohr beim Frühschoppen des Schützenvereins auf ihn gemacht habe, nicht mehr lösen können. Im letzten Kapitel kommt schließlich wieder der erste Sprecher zu Wort, auch hier ohne ein grammatikalisches Signal. In die Rede 1 (Erzählertext?) – durchweg in freier IR – sind zahlreiche Redepassagen von Personen der Handlung eingebettet, teilweise voneinander abhängig, so dass an einigen Stellen mehrere verschiedene Zitationsebenen entstehen. Erzähltechnisch wird das unterschiedlich gestaltet. Die Redeeinheiten der Personen können wie die Erzählerrede in freier IR ste- 57 hen, oder auch syntaktisch abhängig, sie können aber auch als DR präsentiert werden, öfters sind sie sogar szenisch gestaltet. (5/6) Dann sei er aus dem Wald herausgelaufen. Oberhalb Florstadts habe Karl Munk auf einer Bank gesessen und die weiten Wiesen betrachtet, die im Sonnenlicht dagelegen hätten. >/# Das ist eine Art, das Pfingstfest zu verbringen, habe Munk gesagt, nein, # er könnte sich immer noch ärgern. ∗ Adomeit habe abschließend noch einmal allen eins auswischen wollen. Im Grunde sei er ein Störenfried gewesen, er, Munk, wisse, man solle über die Toten nichts Schlechtes reden, jaja. Er wolle auch gar nichts Schlechtes über Adomeit sagen. Jeder sei so, wie er sei. > Aber er hat diese Art an sich gehabt, keinen Menschen aus seiner Umgebung in Ruhe zu lassen, ∗ und es sei ein widerlicher Einfall von ihm gewesen, mittels eines Notars zu erwirken, daß die Beerdigung ausgerechnet an einem Sonntag, und auch noch am Pfingstsonntag, stattfindet. Die erste Redeeinheit einer Person im Roman wird ohne graphische Markierungen uneindeutig entweder als eine DR oder als IR mit Indikativ eingeführt (>/#), gefolgt von einer IR (#) die syntaktisch von einem inquit-Satz abhängt („habe Munk gesagt“, für IR spricht hier die geänderte Personaldeixis). Danach (∗) steht die Rede der Person durchweg in freier IR bis hin zu einer Passage in DR (>), jetzt ganz ohne Markierung. Eine noch abwechslungsreichere Gestaltung eines Dialogs findet man in folgendem Beispiel: (5/7) Frau Mohr habe ganz erstaunt geschaut, was ihre Tochter da sage, sie habe sogar den Kopf geschüttelt, so als verstehe sie es gar nicht, und habe einfach weitergeredet. ∗ Hundert Kilometer seien doch keine lange Fahrt, sie, Katja und Benno, hätten es doch als einen schönen Ausflug ansehen können. Sie hätten zuerst gemeinsam nach Heppenheim kommen können, und dann hätten sie alle zusammen, als Familie, gemeinsam mit dem Tante Lenchen hierherfahren können. > Katja: O ja, ein sehr schöner Ausflug. Die Mohr: Ja genau. ∗ Schön essen hätten sie gehen können, ein bißchen spazierengehen. Bei ∗ beginnt eine Personenrede in freier IR, die an der Stelle ? durch die Verwendung des Irrealis der Vergangenheit ihre grammatikalische Markierung verliert. Bei > schließlich beginnen DR-Passagen, die wie in einem szenischem Dialog gestaltet sind, wobei ab ∗ wieder die Personaldeixis für IR spricht. Man kann also sagen dass bei der Gestaltung der Redewiedergaben in diesem Text die Möglichkeiten des Deutschen voll ausgeschöpft werden, und das auf eine innovative, originelle Art und Weise. 58 5.2.2 Inhalte von Wäldchestag In allen Rezensionen zu Maiers Buch findet sich der Hinweis auf die Indirekte Rede bzw. den Konjunktiv. Dabei wird die Erzählweise in der Regel als ein Verfahren aufgefasst, - einer ausgesprochenen V iel st i m mi g k ei t einen Rahmen zu geben und - eine mö g lic h s t gr o ß e D i st a nzi er t h ei t des Erzählers von den Personen aufzubauen Hierzu zwei Beispiele aus der Presse: Es mag zunächst etwas kunstverkrampft wirken, dass ein Roman ganz in indirekter Rede erzählt wird, gut 300 Seiten im Konjunktiv. Aber die Idee trägt doch, weil die indirekte Rede alles in einen freundlichen Schleier hüllt und zugleich alles um- und einschließt. Ein großes Kontinuum baut sich auf, vor dem Wiesner und Schossau nur kapitulieren können, und doch hat jede Stimme in dem Wetterauer Gewirr ihren Ton. (Stephan Speicher, Alle Tage Schwadronage, Berliner Zeitung, 28.11.2000) Die Lieblingsform dieses Erzählers ist die indirekte Rede. Er betrachtet die Welt nicht wie sie ist, sondern wie sie sein könnte und über diesen Konjunktivzustand schwätzen und spekulieren Maiers Figuren was das Zeug hält. Ohne sich um aktuelle Stoffe bemühen zu müssen, bewegt sich Andreas Maier mit seiner Palaverliteratur sehr nah am Zeitgeistnerv unserer im Zerreden entschwindenden Wirklichkeit. Ein Redegebäude aus Konjunktivsätzen errichtete er in dem Roman „Wäldchestag“, der im Jahr 2000 erschien und den aus Bad Nauheim stammenden Debütanten schlagartig zu einem der renommiertesten und vielversprechendsten Autor seiner Generation machte. (Ursula März, Ungebremste Redelust, Deutschlandfunk 25.5.2005) In der literaturwissenschaftlichen Rezeption findet man neben zahlreichen Hinweisen auf eine Verbundenheit Maiers mit dem Werk Thomas Bernhards meist auch Hinweise auf die Schaffung einer ni h il i st is c he n Er zä hl er ha lt u n g: Der Konjunktiv der indirekten Rede ist nötig, wenn kein Autor spricht, sondern alles, was war, geschieht und gesehen wird, von verschiedenen Personen nacherzählt, reflektiert oder im Gespräch berichtet wird. So entsteht ein ähnlicher Duktus wie bei Thomas Bernhard, zumal auch Andreas Maier die Struktur mehrfacher Wiederholung als Provokation und Intensivierung schätzt. Von der Thematik her zeigt es eine Tendenz der neuen Literatur zur gewissenhaften Beschreibung der Realität von einem nicht wertenden Chronisten. (SCHAEFER 2001) 59 Das Thema des Verhältnisses von Sprache und Wirklichkeit findet seine formale Entsprechung im durchgehenden Gebrauch des Konjunktivs der indirekten Rede. Der Erzähler gibt nur wieder, was ihm von verschiedenen Personen berichtet wurde. So entsteht, was Maier „erzählte […] Erzählung“ nennt. Die Geschehnisse der drei Tage werden zu einem solchen Brei von Stimmen, Meinungen und Gerede, dass dadurch gerade die Nichtigkeit allen Redens deutlich wird. (HARBERS 2013, 205) Es handelt sich also um ein hochartifizielles narrativisches Verfahren, das auf einer hohen Inhaltsebene einen literarischen Sinn entfaltet. 5.2.3 Wäldchestag in seiner russischen Übersetzung Die russische Übersetzung von Wäldchestag erschien drei Jahre nach dem Original im Jahr 2003 unter dem Titel Duchov den‘ beim Moskauer Verlag AST-PRESS KNIGA. Die Veröffentlichung erfolgte im Rahmen der Reihe Zapadno-vostočnyj divan und wurde vom Goethe-Institut gefördert. Auch dieses Buch wurde von Galina Kosarik übersetzt. Und auch in diesem Buch findet man in einer kurzen Vorbemerkung der Übersetzerin einen Hinweis auf die Verwendung der IR: […] В необычной манере – в форме косвенной речи – рассказывается о людских взаимоотношениях в одном из «медвежьих углов» Германии […] [Auf eine ungewöhnliche Art – in Form der indirekten Rede – wird von den Beziehungen der Leute in einem deutschen „Provinznest“ erzählt.] Mehr als diese kurze Erwähnung findet man allerdings nicht. Die Übersetzung wird von vielen russischen Lesern abgelehnt. Sie wird als holperig und „unrussisch“ empfunden. Bei einer von mir besuchten Lesung in Nižnij Novgorod, bei der Auszüge aus Original und Übersetzung vorgetragen wurden, ging man sogar soweit, ganze Passagen umzuformulieren. 17 17 Im Gespräch mit einigen russischen Kollegen gewann ich allerdings den Eindruck, dass dies ohne Bezug auf die Gegebenheiten des Originals geschah. Die Übersetzung wurde nicht verbessert, sondern an die russischen literarischen Konventionen angepasst, d.h.: Die zaghaften Versuche der Übersetzerin, KR zu benutzen, wurden weitgehend eliminiert, so dass der Text ausschließlich als Personales Erzählen aufgefasst werden konnte. Weiterhin gewann ich den Eindruck, dass die IR im Deutschen auch von kompetenten Lesern und Kennern des Deutschen entweder gar nicht wahrgenommen wurde oder zumindest nicht mit der oben beschriebenen literarischen Funktion. 60 Betrachten wir zunächst den Anfang des Romans in seiner russischen Version: (5/4‘) Впечатление такое, сказал Шоссау, словно здесь чего-то не хватает, может, того, что стало невидимым, как при химической реакции, когда известной субстанции ни в одном веществе больше нет, хотя она по логике должна там присутствовать. ∗ Правда, он не может сказать, как подобная мысль пришла ему в голову. Одной из субстанций, строго говоря, может и недоставать в полученном химическом веществе, несмотря на то что она до этого наличествовала, но, по сути, если вдуматься, ничего уже нельзя обнаружить, что указывало бы на былое присутствие того, чего больше нет. Вот-вот, это больше нет и запутывает все дело, опираясь на ложные посылы. Да какие ложные посылы, это, в конце концов, всего лишь описательная фигура, указывающая не на что-то конкретное, а исключительно только на его ощущения. Мои мысли далеки от того, чтобы навязывать вещам необходимость. ?В последние дни эта мысль не оставляла его, Шоссау, ни на минуту, буквально преследовала его по пятам. Он все время думал о том, что только что было высказано. Идя, например, сюда, он остановился на променаде, чуть ниже замка, в зарослях рододендрона и принялся разглядывать бело-розовые цветки кустарника, но даже и там его не покидало убийственное ощущение, что рододендрону тоже чего-то недостает, будто и у него что-то отняли, но страдает от этого не куст, а он, Шоссау. Мои мысли далеки от того, чтобы навязывать вещам необходимость. ?2 Он опустился на скамейку и на какое-то мгновение закрыл лицо руками. Auch hier enthält der erste Satz eine inquit-Formel („сказал Шоссау“), von der eine KR syntaktisch abhängt, wobei die Abhängigkeit schon an dieser Stelle nicht eindeutig ist: Rein syntaktisch könnte es sich auch um eine PR mit eingeschobenem Inquit-Satz handeln. Der Leser wird so zwar auf die indirekte Lesart (KR) „eingestellt“, allerdings in weit schwächerem Maß als im deutschen Original. Bei ∗ beginnt dann wie im Originaltext eine freie KR, grammatikalisch nicht eindeutig von NPR abgrenzbar, aber durch das Modalwort „правда“, das ebenso wie das vorausgehende „сказал Шоссау“ ein artikuliertes Sprechen suggeriert, dann doch relativ stark vereindeutigt. Die freie KR geht dann weiter, wobei sie immer wieder durch sprachliche Mittel gestärkt wird, die artikuliertes Sprechen nahelegen. Bei ?, unmittelbar nach der hervorstechenden direkten Redewiedergabe (PR), kommt es erstmals zu einer Verschiebung hin zum Personalen Erzählen, was aber durch das eingeschobene „Шоссау“ sofort wieder rückgängig gemacht wird. Die „sprechsprachlichen“ Markierungs-Mittel wirken teilweise etwas umgangssprachlich, was dem Original zwar überhaupt nicht entspricht. Immerhin liest man aber den gesamten Absatz ziemlich eindeutig als KR. Erst 61 der allerletzte Satz (?2) ist dann tatsächlich uneindeutig und kann auch als NPR bzw. personales Erzählen aufgefasst werden. Dieses Prinzip funktioniert an sich recht gut: Die freie KR der Erzählerrede wird immer wieder gestärkt durch Elemente des mündlichen Sprechens. Auch die häufige Verwendung des Präsens trägt dazu bei, einer Lesart als Personales Erzählen entgegenzuwirken, denn das klassische Personale Erzählen (несобственно-авторская речь) findet im Russischen im Präteritum statt, während das Präsens ja für PR, KR und NPR verwendet wird, also für eine wirkliche Red e. Das Präsens kann aber nur solange verwendet werden, wie es aufgrund der zeitlichen Verhältnisse für die Erzählerrede indiziert ist. Dies ist auf den ersten Seiten des Romans der Fall, solange der Erzähler über allgemeine, gegenwärtige oder zeitlose Sachverhalte spricht. Sobald die Darstellung konkreter Vorgänge in der Vergangenheit beginnt, wird es schlagartig äußerst schwierig, das Prinzip „freie KR als Erzählerrede“ aufrechtzuerhalten: (5/8) In einiger Entfernung habe er einen unbekannten jungen Mann gesehen, der zielstrebig durch den Wald gelaufen sei, offenbar in Eile. Er sei genau unter die Galgeneiche gelaufen und dort stehengeblieben, sich umschauend. Schossau sei diese Verhaltensweise auffällig erschienen, so daß er sich hinter einer Baumgruppe zurückgezogen habe. Der Mann, dem Typus nach kein Wetterauer, sei vielleicht zwanzig gewesen, Schossau habe plötzlich gedacht, es handle sich möglicherweise um jemanden aus der Verwandtschaft Adomeits, den man an diesem Morgen bestattet hatte. Schossau habe sich aber nicht erinnern können, diesen Mann auf der Beerdigung gesehen zu haben. (5/8‘) На некотором расстоянии от себя он заметил незнакомого молодого человека, целеустремленно шагавшего по лесу и, очевидно, очень спешившего. Вот он быстро подошел к дубу-виселице, остановился словно вкопанный под толстым суком и огляделся вокруг. Шоссау его поведение показалось странным, на всякий случай он спрятался за деревьями. Мужчина, по внешнему виду не из местных, был не старше двадцати. Шоссау внезапно подумал, может, это кто из родственников Адомайта, которого они похоронили сегодня утром. Но Шоссау что-то не смог припомнить, чтобы видел этого человека при погребении. Ab dieser Stelle muss die russische Version eigentlich als Personales Erzählen aufgefasst werden. „Schuld“ ist zunächst das Verbum sentiendi „заметил“ im Präteritum und natürlich die Abwesenheit eines Hinweises auf eine Redewie- 62 dergabe. Auch hier wird versucht, mit umgangssprachlichen Elementen („вот“) ein artikuliertes Erzählen zu suggerieren, allerdings mit weitaus weniger Erfolg. Auch die Nennung des Eigennamens wirkt hier nicht ausreichend stark der „Personalisierung“ entgegen. Und selbst die Stelle „Но Шоссау что-то не смог припомнить“ tendiert viel stärker zu einem Personalen Erzählen als zu einer distanzierten, artikulierten Redewiedergabe. Wie wird nun die Vielstimmigkeit, die komplexe Darstellung der Figurenrede im Russischen vermittelt? Betrachten wir dazu die allererste Figurenrede des Romans: (5/9) ∗ Dennoch sei jedesmal seine Schwiegertochter aus Butzbach gekommen und habe ihm Suppe gebracht. > Ich brauche doch keine Suppe, habe er gesagt, das siehst du doch. Sie aber habe gesagt, # er sei krank, er müsse sich schonen, er solle sich in den Sessel setzen, eine Decke über seine Beine schlagen, solle die Ruhe, die er habe, nur zu seiner besseren Gesundheit genießen und warten, bis sie ihm die Suppe, die sie eigens für ihn gekocht habe, aufgewärmt habe. > Deine Lieblingssuppe. > Was ist denn meine Lieblingssuppe, habe Adomeit entgeistert gefragt. Fenchelsuppe. > Pfui Teufel, habe Adomeit gerufen (er selbst, Schossau, sei bei diesen Szenen oft zugegen gewesen). (5/9‘) ? Так нет же, каждый день из Бутцбаха приходила его невестка и приносила супчик. > Не нужно мне никакого супа, говорил он, вот, смотри сюда. А она каждый раз твердила свое: ∗ он болен и должен себя беречь, лучше всего сесть в кресло, закрыть ноги пледом и наслаждаться тишиной и покоем, глядишь, здоровье и поправится, сидел бы и дожидался, когда она придет и разогреет ему супчик, сваренный специально для него. > Твой любимый супчик. > Это какой же такой суп, потвоему, мой любимый, ? спрашивал с недоверием Адомайт. > А с фенхелем! Тьфу, гадость какая, ? восклицал Адомайт (он, Шоссау, частенько присутствовал при этих сценах). Die Personenrede wird an dieser Stelle (>) ohne irgendeine Markierung als DR eingeführt. Danach folgt eine abhängige IR (#), abhängig wohlgemerkt von der Erzählerrede in IR (∗), gefolgt von zwei weiteren DR-Passagen (>). Beim letzten Satz der Passage handelt es sich um einen Einschub des Erzählers, in dem er seine Mitwisserschaft begründet, also quasi um einen Meta-Kommentar. Dieser Kommentar stärkt die IR und ihre distanzierende Funktion. In der russischen Übersetzung wird der Dialog sehr ähnlich konstruiert, und es ergibt sich auch eine sehr ähnliche Wirkung. Lediglich an zwei Stellen (?) ist eine Fehlinterpretation überhaupt möglich, und sie betrifft nicht die Figurenrede, sondern den Erzählertext, der wieder ins personale Erzählen „abgleitet“. 63 Im weiteren Verlauf der Übersetzung wird immer deutlicher, dass das Abrutschen der Erzählerrede weg von der distanzierenden indirekten Redewiedergabe in ein Personales Erzählen hier das Hauptproblem darstellt. Ich will es anhand eines weiteren Beispiels aus der Mitte des Buches zeigen: (5/10) Er sei plötzlich auf einen noch viel seltsameren Gedanken verfallen und habe den Südhessen gefragt, was er wohl glaube, warum er, Wiesner, hier gerade in dieser Gasse herumstehe. Jetzt wird er antworten, habe er sich gesagt, du stehst hier herum, um zu rauchen, du stehst hier herum, um auf die Fenster des verstorbenen Adomeit zu schauen, oder auch: du stehst hier vermutlich völlig grundlos herum. Der Südhesse aber habe sofort und in völliger Offenheit gesagt, er glaube, Wiesner stehe deshalb hier herum, weil er auf ein Mädchen warte. Wiesner habe einen regelrechten Wutanfall über diese Äußerung bekommen [...] Er habe wieder Zigaretten geraucht und sich Gedanken über diesen Südhessen gemacht. Der Südhesse sei eine solche Person, die ihre Natürlichkeit völlig verloren habe, die überhaupt keine Unmittelbarkeit aufbringe, der Südhesse könne jedem nur unangenehm sein. (5/10‘) Неожиданно для себя он вдруг запал на одну мысль, еще более странную, чем все остальные: он спросил южногессенца, # что тот думает, # зачем он, Визнер, торчит здесь, в этом переулке. Сейчас он мне ответит, рассуждал про себя Визнер, > ты стоишь здесь, чтобы покурить и посмотреть на окна умершего Адомайта, или, может, так: предположительно ты стоишь здесь без всякой на то причины. Но южногессенец тотчас же сказал совершенно в открытую: ∗ он думает, # что Визнер стоит здесь так упорно, потому что ждет девушку. Услышав такой ответ, Визнер пришел в неописуемый гнев [...] Визнер опять закурил, и мысли его теперь уже целиком были заняты южногессенцем. Этот южак тот еще тип, можно сказать полностью утративший природную человеческую сущность, в нем вообще не осталось ни следа непосредственности в общении, он у каждого вызывает только неприятное ощущение. Wieder stellen die kurzen Dialogrepliken gar kein großes Problem dar: Sowohl die syntaktisch abhängigen KR-Passagen (#) als auch die PR (>) und sogar die freie KR (∗) werden eindeutig als solche interpretiert. Die Rede des Erzählers aber, die im Deutschen ja als artikulierte IR präsentiert wird, kann im Russischen nur als personales Erzählen im Präteritum aufgefasst werden (siehe die unterstrichenen Stellen). Und der allerletzte Satz der Passage („Этот южак тот еще тип…“) im Präsens ist dann eine klassische NPR (die hier allerdings nicht von einem inneren Mono- 64 log zu unterscheiden ist), vermittelt also die Gedankenwelt einer Person in identifzierender Art. Die Problematik der Redewiedergabe bei dieser Übersetzung betrifft also die Erzählerrede: Während im Originaltext durch freie IR ein Rahmen des distanzierten und distanzierenden Erzählens geschaffen wird, erzählt die Übersetzung weitgehend personal-identifizierend. An vielen Stellen geht das so weit, dass eine weitere Erzählerstimme entsteht, die den eigentlichen Erzähler-Figuren übergeordnet ist. Auch hier kann man also sagen, dass es bei der Übersetzung nicht nur zu Verschiebungen kommt, sondern der Effekt der Redewiedergabe dem im Original diametral entgegengesetzt ist. Die Üb er s et z u n g sc h a f ft d a s Ge ge n tei l d e s se n, wa s i m Or i g i na l i n te nd ier t i s t . Der Grund dafür ist hier allerdings kaum bei den Verfahren und Entscheidungen der Übersetzerin zu suchen. Das Russische bietet einfach nicht die Möglichkeit einer Redewiedergabegestaltung wie das Deutsche und kann dadurch eben auch den spezifischen Inhalt der IR in diesem Text nicht reproduzieren. 65 6 Ergebnisse Gegenstand dieser Studie waren die Fragen: Erzeugen die verschiedenen Grammatiken für die IR und KR wirklich id e nt i sc he I n hal te ? Und: Können sie immer gleiche l it er ar i sc h e Inhalte erzeugen? Die zwei diskutierten Übersetzungen haben es gezeigt: Zumindest die zweite Frage kann eindeutig verneint werden. Während bei der Kehlmann-Übersetzung noch die Entscheidungen der Übersetzerin einen Teil der inhaltlichen Verschiebungen verursachten, war es bei der Maier-Übersetzung ganz klar die Sprache selbst, die eine Invarianz auf der Inhalts- und Sinnebene unmöglich machte. Das Russische ist einfach nicht fähig, solche Inhalte zu produzieren, und zwar aufgrund gr a m ma ti k - t yp o lo g is c he r U nter s c hied e zum Deutschen: Denn letztlich sind diese Inhalte, wie gezeigt wurde, auf die Unterschiede in den Kategorien Mo d u s, T e mp u s u nd As p e kt und das Zusammenfunktionieren dieser Kategorien zurückzuführen. Das bedeutet natürlich nicht, dass das Russische „ärmer“ als das Deutsche wäre. Die Unterschiede machen sich ja nur aus dem verengten Blickwinkel der Übersetzung bemerkbar. Bei der Betrachtung russischer Originaltexte offenbaren sich Gestaltungsmöglichkeiten, die eben anders sind als die der deutschen Originaltexte und das Deutsche als weniger reich erscheinen lassen. Man denke nur an die Möglichkeiten der viel freieren Wortstellung, an die Knappheit und Prägnanz durch die größere Zahl an synthetischen Formen, die Vordergrund-Hintergrund-Modellierung durch Aspektualität, die Möglichkeiten einer sprechsprachlichen Gestaltung durch die überregionale Sprechsprache und vieles mehr. Eine stärkere Differenzierung muss auch nicht immer ein Vorteil für die literarischen Möglichkeiten einer Sprache sein. Differenzierung bedeutet ja, dass eine Auswahl aus einer größeren Menge an Möglichkeiten getroffen werden muss, während man bei Generalisierung alle diese Möglichkeiten gemeinsam meinen kann. Die Verfasser literarischer Texte schöpfen aus den Mitteln, die eine bestimmte Sprache bietet. So gesehen ist Übersetzung – literarische Übersetzung – eigentlich etwas Unnatürliches, zumindest, wenn von ihr das verlangt wird, was von ihr verlangt wird. 66 7 Literatur 7.1 Quellen 7.1.1 Literarische Texte Belov, Vasilij: Privyčnoe delo. Povesti i rasskazy. Moskva 2005 Below, Wassili: Sind wir ja gewohnt. Aus dem Russischen übersetzt von Hilde Angarowa. Berlin 1982 (Roman-Zeitung/Heft 389) Bernchard, Tomas: Propaščij. (Übers. v. Aleksandr Markin.) Inostrannaja literatura 2/2010 Bernhard, Thomas: Der Untergeher. Frankfurt a.M. 1983 Bulgakov, Michail Afanas’evič: Master i Margarita. Moskva 1990 (zuerst 1966) Bulgakow, Michail: Der Meister und Margarita. (Übers. von Thomas Reschke.) Frankfurt a.M., Hamburg 1970 Bulgakow, Michail: Meister und Margarita. (Übers. v. Alexander Nitzberg.) Berlin 2012 Dostoevskij, Fedor: Prestuplenie i nakazanie. Polnoe sobranie sočinenij v tridcati tomach. Leningrad 1972‒1990 (zuerst 1866) Dostojewski, Fjodor: Schuld und Sühne. (Übers. v. E. K. Rahsin.) 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