W. Tietz: Hirten, Bauern, Götter - H-Net

Werner Tietz. Hirten, Bauern, Götter: Eine Geschichte der römischen Landwirtschaft. München: C.H. Beck Verlag, 2015.
370 S., 28 Abb., 2 Karten. (gebunden), ISBN 978-3-406-68233-9.
Reviewed by Josephine Blei
Published on H-Soz-u-Kult (November, 2015)
W. Tietz: Hirten, Bauern, Götter
Im Gegensatz zu zahlreichen Detailstudien sind allgemeine und umfassende Überblickswerke zur Landwirtschaft in der römischen Antike noch immer rar gesät,
obwohl die Bedeutung der römischen Agrarwirtschaft
für die Gesamtwirtschaft und für sozialpolitische Entwicklungen lange erkannt ist und spätestens seit dem 21.
Jahrhundert auch nicht mehr in ihrer Leistungs- und Innovationsfähigkeit unterschätzt wird. Als einschlägiges
Hand- bzw. Studienbuch muss immer noch die Römische
Agrargeschichte von Dieter Flach herangezogen werden
Dieter Flach, Römische Agrargeschichte (Handbuch der
Altertumswissenschaft 3,9), München 1990. , die allerdings den Anspruch einer Gesamtgeschichte der Landwirtschaft des Römischen Reiches wegen ihres Schwerpunkts auf der Landwirtschaft im römischen Italien und
Africa nur im Ansatz erfüllt. Eine tatsächliche und aktuelle Gesamtdarstellung, die nicht als Teil einer allgemeinen Wirtschaftsgeschichte auftaucht oder nur einzelne
Aspekte der römischen Agrarökonomie berücksichtigt,
ist also ein echtes Desiderat.
sich Tietz dabei im Wesentlichen auf Italien, räumt aber
auch der Entwicklung in den gallisch-germanischen Provinzen sowie in Kleinasien kontrastierenden Platz ein.
Weniger ein wirtschaftshistorischer, sondern eher ein
kulturhistorischer Ansatz eröffnet dabei den Blick auf die
alltägliche Situation der Akteure des römischen Agrarsektors, wie auch der Titel Hirten, Bauern, Götter“ na”
helegt. Bauern und ihre Familien, Gutsbesitzer und Pächter, Verwalter und Sklaven – und damit deren Alltag im
sich stets wiederholenden Landwirtschaftsjahr – stehen
im Mittelpunkt. Die im Titel eigens herausgestellten Hirten und Götter nehmen allerdings nicht den Raum ein,
der impliziert wird. Die jeweiligen Kapitel (S. 134–145 u.
166–172) haben höchstens ergänzenden Charakter und
behandeln das Thema keineswegs ausschöpfend.
Um die Lebenssituation seiner Akteure nachzuzeichnen, schöpft Tietz aus dem reichhaltigen und doch auch
problematischen Quellenmaterial; alle Textstellen wurden eigens für das Buch neu übersetzt. Besonders die
Agrarschriftsteller, in hohem Maße aber auch bukolische
Dichtung und Prosa zieht Tietz als Gewähr für seine Ausführungen zum Alltagsleben auf dem Land heran. In der
Einleitung spricht Tietz explizit die Bedeutung epigraphischer und archäologischer Zeugnisse und die Möglichkeiten archäometrischer Untersuchungen an; gerade
letztere kommen aber manchmal zu kurz, vor allem bei
den quantitativen Überlegungen, die Tietz immer wieder
bietet. So widmet er den Weizenerträgen eines auf Subsistenz ausgerichteten Kleinbetriebs ausführliche und überzeugende Berechnungen (S. 154–157 u. 162–165); seine
theoretischen Überlegungen werden jedoch nicht durch
vorhandene empirische – etwa experimentalarchäologische – Ansätze und Studien bereichert. Zwar nicht auf
die italische Landwirtschaft bezogen, aber durchaus ei-
Seine Geschichte der römischen Landwirtschaft stellt
Werner Tietz in einem detailreichen und quellennahen
Überblick in chronologischer Ordnung in acht Kapiteln
dar. Ausgehend von der Sesshaftwerdung im italischen
Raum, über die Entwicklung des italischen Kleinbauerntums, die Ausprägung der Villen- und Latifundienwirtschaft seit den Punischen Kriegen und die staatlichen
Wirtschaftsformen der Kaiserzeit führt Tietz den Bogen
bis zur Transformation der Agrarwirtschaft in der Spätantike. Anders als die letzte deutschsprachige Monographie zur römischen Landwirtschaft von Ursula Heimberg
Ursula Heimberg, Villa rustica. Leben und Arbeiten auf
römischen Landgütern, Darmstadt 2011. , die sich ausschließlich mit dem Rheinland beschäftigt, konzentriert
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nen Vergleich wert: Felix Lang, Ernteerträge nördlich der
Alpen in römischer Zeit. Überlegungen zur Leistungsfähigkeit der Landwirtschaft und zu den Auswirkungen des
Butser Ancient Farm Project, in: Archäologisches Korrespondenzblatt 39 (2009), S. 393–407. Einfache praktische Erfahrungswerte scheinen nicht immer berücksichtigt worden zu sein: So werden sich wohl die wenigsten Kleingartenbesitzer der Behauptung, der am Haus
gelegene Garten könne ohne viel Zeitaufwand intensiv bewirtschaftet werden (S. 151), anschließen können.
Tietz selbst widerspricht dieser Aussage an anderer Stelle (S. 247).
derholungen auch einfachster Zusammenhänge; unerklärt erscheinen zwei ganz verschiedene Übersetzungen
derselben Stelle des pseudovergilischen Moretum (S. 152
u. 174).
Abgerundet wird die Darstellung durch insgesamt 30
in den Text eingebundene Abbildungen und Karten sowie einen ausführlichen Anhang, der neben einem Verzeichnis ausgewählter Literatur eine Liste der im Text
verwendeten antiken Maßeinheiten, ein Verzeichnis aller zitierten schriftlichen Quellen sowie ein im Wesentlichen deutschsprachige, aber auch einige lateinische Begriffe enthaltendes Register zu Flora und Fauna bietet.
Die Hinweise zu weiterführender Literatur fallen recht
selektiv aus. So ist es irritierend, dass im Punkt All”
gemeine Literatur“ das bereits erwähnte Handbuch von
Dieter Flach fehlt, dafür aber eine ganze Reihe von Untersuchungen aufgelistet ist, die man eher als Spezialstudien bezeichnen würde. Außerdem nicht genannt sind
etwa Peter Herz / Gerhard Waldherr (Hrsg.), Landwirtschaft im Imperium Romanum (= Pharos 14), St. Katharinen 2001 oder Karl-Wilhelm Weeber, Alltag im Alten
Rom. Das Landleben. Ein Lexikon, Düsseldorf 2000.
Bis auf recht häufige quantitative Exkurse – wie die
Berechnung der oben genannten Weizenerträge, Überlegungen zur Größe der Weinbauflächen der Villa von
Boscoreale (S. 222f.) oder die Kalkulation zur Investition
in Sklaven oder Tagelöhner (S. 290f.) – hat die Darstellung hauptsächlich qualitativen Charakter. Mit detailgenauer Akribie zeichnet Tietz das Leben der römischen
Bauern nach, widmet sich eingehend und mit Sachverstand der Flora und Fauna sowie der ländlichen, sozialen
und ökonomischen Umwelt. Die Erzählperspektive berücksichtigt stark die Sicht der ländlichen Akteure und
versetzt so den Leser in den Alltag, das Zusammenleben,
die Erfordernisse und Bedürfnisse, die Freuden und Nöte der Protagonisten. Trotz dieser narrativen, manchmal
etwas romantisierend wirkenden Nähe gelingt es Tietz,
die Entwicklung der römischen Landwirtschaft vor dem
Hintergrund der politischen und administrativen Strukturen der Republik und der frühen und mittleren Kaiserzeit nachzuvollziehen und die jeweiligen Wechselwirkungen herauszustellen. Hierbei führt der chronologische Aufbau und die Einzelbetrachtung verschiedener
landwirtschaftlicher Erwerbszweige zu zahlreichen Wie-
Bei der hier geäußerten Kritik bleibt freilich zu berücksichtigen, dass die Darstellung – ganz in der Tradition des Beck-Verlages – sich nicht an ein enges fachwissenschaftliches Publikum, sondern an eine breite Leserschaft richtet. Und so wird das Buch mit seiner gut
lesbaren Narrative und seiner Detailverliebtheit unbedingt dem im Klappentext geäußerten Anspruch gerecht,
die antike Welt verständlich zu machen; es bietet nicht
nur einen allgemein nachvollziehbaren und umfassenden
Überblick zur Geschichte der römischen Landwirtschaft,
sondern auch ein kurzweiliges Lesevergnügen für den
schon vorgebildeten Leser.
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Citation: Josephine Blei. Review of Tietz, Werner, Hirten, Bauern, Götter: Eine Geschichte der römischen Landwirtschaft. H-Soz-u-Kult, H-Net Reviews. November, 2015.
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