Leseprobe aus: „Die Seelenerrater: Dostojewski – Freud

Leseprobe aus:
„Die Seelenerrater:
Dostojewski – Freud – Nietzsche
Drei Betrachtungen aus dem Blickwinkel der
psychodynamischen Homöopathie“
von Dieter Elendt
ISBN 9783839131084
Bestehend aus:
1) Inhaltsverzeichnis
2) Smerdjakow aus Dostojewskis Werk „Die Brüder Karamasow“ (S. 108-113)
3) Nietzsches Vater (S. 173-176)
4) Freuds Herzerkrankung (S.281-285)
1) Inhaltsverzeichnis
Inhalt
1. Einführung
S.9
2. Fjodor M. Dostojewski
S.17
a) Dostojewski
S. 19
Verachtung gegenüber dem Unglücklichen (Kranken) und die Analyse –
Mitleid – Dostojewskis Wissen um die Seele des Menschen – Biografisches – „Ein Wolf, ein Wolf – kindliche Traumen – zum Tode verurteilt
und begnadigt – Zwischenstück über die Wahrheit in der Homöopathie
– Glaube und Zweifel – Homöopathische Repertorisation – welche Mittel? – Anhang: Dostojewskis Epilepsie – Mittelwahl
b) „Der Idiot“
S.51
„Die Darstellung eines „wahrhaft vollkommenen und schönen Menschen“ – Kindlichkeit – Ein Gegenbild zum „Man“ – erste Repertorisation – Myschkin und Rogoshin – Nastassja – Der Mordversuch und die
Epilepsie – Scheitern – Zweite homöopathische Betrachtung Myschkins
–Rogoshin und Nasstassja homöopathisch – Zusammenfassung
c) „Die Brüder Karamasow“
S.77
Dostojewskis Themen: Unschuld, Schuld und Sühne, Stolz und Demut,
Geld, die Frage nach Gott – Inhaltliches – der Ausgangspunkt der Brüder homöopathisch - Der Vater Fjodor: Ein Possenreißer – Gruschenka: verletzte Unschuld und Nachgiebigkeit – Katerina: verletzender
Stolz – Smerdjakow: Der Mörder – Iwan: Zweifel an Gott und Tötungswunsch gegen den Vater (?), Wahnsinn durch dieses Wissen – Dmitri:
unschuldig verurteilt und dennoch schuldig – Aljoscha: Nur scheinbar
unschuldig, dennoch Hoffnungsträger
d) „Die Dämonen“
S.132
Das Althergebrachte und die „neuen Ideen“ als Generationenkonflikt –
Kirillow: Selbstmord eines Epileptikers – Pjotrs „revolutionärer Katechismus“ – Stawrogin: Ein Kinderschänder und sein Judastod – Schatow: Das Opfer
3. Friedrich Nietzsche
S. 159
Dostojewski und Nietzsche: Mitleid, der Chor der vielen Stimmen –
Was krank macht, ist auch heilsam – Kindheit: Selbstdistanz und
Selbstbetrachtung – der Tod des Vaters – das Gespenst der Geisteskrankheit – Nietzsches Vater homöopathisch – erste homöopathische
Analyse Nietzsches – Nietzsche und die Musik – Zurückgezogenheit
und Selbstbezogenheit – Schule – Krankheiten: Augenleiden, Kopfschmerzen, womöglich Epilepsie? – Schulpforta – Bonn, Leipzig – ein
junger philologischer Professor – Die Geburt der Tragödie und das Ende der Professorenkarriere – Die Utopie der Freundschaft – Nietzsche
und Wagner – Zwischenstück: Sokrates und Nietzsche – Abschied vom
Mythos – Nietzsche und die Frauen – Das Dividuum namens Zarathustra – Zwischenstück: Die drei Verwandlungen – zweite homöopathische Analyse – Die Frage der Syphilis – Der Zusammenbruch und
seine homöopathische Analyse – Zusammenfassung
4. Sigmund Freud
S.259
Der Conquistador, der Arzt und der Wissenschaftler – die tiefe narzisstische Kränkung – Zwischenstück: Die großen Kränkungen – Freud,
sein Vater und Hannibal – Darwin und Goethe – Der unbestrittene
Liebling seiner Mutter – die zwei Geburtstage – erste homöopathische
Analyse – Krankheiten und deren Repertorisation – das exzessive Rauchen – der Beginn der Karriere – Anna O., der Beginn der Psychoanalyse – zweite homöopathische Analyse – Persönliche Beziehungen – Zwischenstück: Cipión und Berganza – Verliebt – Der Meister und seine
Bewegung – Zwischenstück: Der Moses des Michelangelo – Hass und
Liebe – zusammenfassende homöopathische Analyse – Krebs der
Mundhöhle – Carcinosinum und die Carcinosinie - Zusammenfassung
Anhang: Homöopathie und Psychoanalyse:
S.328
Die Lebenskraft und das Es – Das Simile-Prinzip und die Psychoanalyse
– Homöopathie und Bewusstwerdung – Eros, Thanatos und die Miasmen
Anhang: Dostojewski und die Vatertötung
Freuds Verachtung und wie wir es anders machen können
S.349
2) Smerdjakow (S. 108-113)
4) Smerdjakow
Das ist auf den ersten Blick der eigentliche Bösewicht. Er ermordet nicht nur
Fjodor, sondern er vernichtet auch Dmitri und Iwan, ersteren, indem er nicht
verhindert, dass dieser an seiner Stelle verurteilt wird, und Iwan, weil er ihm
den Mord gesteht, ihm aber deutlich macht, dass er dabei ja in seinem, Iwans
Auftrag gehandelt habe. In diesem Vernichtungswillen schreckt er nicht einmal
vom Suizid zurück, ja, der Suizid könnte zu seinem Plan gehört haben, denn,
wäre es ein Suizid aus Reue und Verzweiflung gewesen, so hätte er ein Geständnis geschrieben und Dmitri wäre sehr wahrscheinlich freigekommen. Das
ist natürlich nicht alles: Ich werde noch auf diesen Suizid zurückkommen.
Aber ich greife vor. Was für ein Mensch ist dieser Smerdjakow? Er ist der Sohn
einer geistig Behinderten, die bei seiner Geburt ums Leben kam. Sein Vater ist,
wie bereits gesagt wurde, möglicherweise Fjodor Pawlowitsch, auf dessen Anwesen er als Bediensteter lebt. Sein Name wurde ihm von Fjodor Pawlowitsch
gegeben und er bedeutet wie der Name seiner Mutter „der Stinkende“.
Tellenbach führt nachvollziehbar aus, dass dieser Smerdjakow der nach unten
weisenden Bedeutungsrichtung des Daseins entstammt, dem Dreck, in dem
seine Mutter lebte, die nur auf der Erde schlief, nur barfuss lief, der Sprache
nicht mächtig war, die aber dennoch in der Stadt einen gewissen Respekt genoß, wenn man sie als Gottesnärrin bezeichnete (was ja schließlich nichts anderes heißt, als dass sich in seiner Mutter schon der von Tellenbach aufgestellte
Gegensatz von Oben und Unten manifestiert hat). Eben schrieb ich von Katerina, deren Ort (nicht nur der soziale, sondern vor allem der psychologische) das
Oben ist. Beide, Katerina und Smerdjakow, werden maßgeblich dazu beitragen,
dass das Urteil gegen Dmitri gefällt wird, der sich sozusagen im „Zwischen“
befindet.
Wie mag sich jemand fühlen, der „der Stinkende“ genannt wird, dem (von Grigori) gesagt wird, er sei kein Mensch, sondern ... eine Ausgeburt von Badehüttenschweiß? Er wird sich ganz gewiss auch als ein Erniedrigter fühlen, als jemand, dessen Ort das „Unten“ ist. Daraus resultiert möglicherweise dreierlei:
Zum einen Hass auf das Oben, weiter Selbsthass (Ich hätte mit Handkuß erlaubt, mich im Mutterleib zu töten) und schließlich das Bestreben, „nach oben“
zu kommen.
Es gibt eine wichtige Szene im Leben von Smerdjakow. Als der Junge Bibelkritik übte mit der Frage, wenn Gott am ersten Tag der Schöpfung Tag und Nacht
erschaffen habe, aber Sonne, Mond und Sterne erst am vierten, wo denn dann
am ersten Tag das Licht hergekommen sei, erhielt er von Grigori mit voller
Wucht eine Ohnfeige. Wie immer nach solchen Verletzungen zog sich der Junge in eine Ecke zurück, diesmal bekam er aber eine Woche nach diesem Ge-
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schehen seinen ersten Anfall der Fallsucht. Dostojewski suggeriert mit diesem
Zusammenhang direkt eine psychogene Auslösung der Epilepsie. Der schon
erwähnte Tellenbach schlussfolgert aus der Tatsache, dass Dostojewski ausgerechnet Smerdjakow, einen Vertreter des „Unten“ an Epilepsie leiden lässt,
dass Dostojewski um die Dominanz dieses Unten in der Struktur eines bestimmten Typus von Epileptikern wusste. Er schreibt weiter:
Das ist kein vom Willen zugelassenes Böses – wie bei den großen
Schuften Shakespeares und Schillers –, sondern ein den Willen unfreiheitlich Determinierendes, gegen dessen Tendenz die oberen
Kräfte immer wieder Niederlagen erleiden.
Das ist verwirrend. Auf der einen Seite entsteht die Epilepsie aus einer emotionalen Verletzung, die mit dem Status des „Unten“ zu tun hat. Und dieses Unten kann auf nachvollziehbare Weise den Hass auf das „Oben“ zur Folge haben
und schließlich auch die böse Tat (so wie der Selbsthass die böse Tat gegen sich
selbst). Andererseits ist nach Tellenbach dieses Böse nicht vom Willen beherrschbar, es ist also ein absolutes, kein moralisches Böses. Wenn Dostojewski tatsächlich um diese Zusammenhänge der Epilepsie gewusst hat 24, dann
kann man verstehen, dass ihn das Problem des Bösen zeitlebens nicht losgelassen hat.
Interessanterweise verbietet daraufhin Fjodor Pawlowitsch seinem Diener Grigori, Smerdjakow jemals wieder zu züchtigen. Ahnt er die Gefahr? Und er
kümmert sich daraufhin etwas mehr um Smerdjakow.
Es müssen noch einige wichtige Einzelheiten erwähnt werden. Smerdjakow hat
als Kind oder Jugendlicher Katzen gequält und erdrosselt, sodann in einem
pseudo-christlichen Ritual beerdigt. Dann gab es Mäkligkeit beim Essen: Er
betrachtete das, was er auf die Gabel genommen hatte, lange, bevor er es in den
Mund steckte. Er war auch reinlichkeitsversessen (kein Wunder bei einem, der
„der Stinkende“ genannt wird und es nicht mehr sein will 25). Er wurde wegen
dieses merkwürdigen Verhaltens nach Moskau in eine Lehre als Koch geschickt, aber auch in Moskau behielt er seine Eigenschaften bei, schweigsam,
ungesellig und zurückgezogen zu sein. Es ist aber nicht so, daß er geradezu
scheu gewesen wäre und sich minderwertig gefühlt hätte, im Gegenteil, er
Das Problem geht selbstverständlich über die Epilepsie hinaus, es sagt allgemeiner, dass es überhaupt ein Böses in uns gibt, welches nicht immer vom Willen kontrolliert werden kann, auch vom
stärksten Willen und der stärksten moralischen Motivation nicht. Nirgends ist gesagt, dass die Epilepsie die einzige Kondition ist, die zu diesem verderblichen Kontrollverlust führen kann.
25 Man kann an Psorinum denken: Er entstammt dem Schmutz, wird „der Stinkende“ genannt, versucht aber, sich „reinzuwaschen“, ohne dass er wirkliche Aussicht auf Erfolg hätte.
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war hochmütig und schien alle zu verachten. Er scheint gegenüber seiner
Umwelt völlig fremd geblieben zu sein. Zerstreuungen wie das Theater ließen
ihn vollkommen gleichgültig.
Auch nach seiner Rückkehr aus Moskau hat sich nicht viel verändert, außer
seinem Aussehen: er war offenbar, was das Gesicht betrifft, „vor der Zeit gealtert“. Im Gegensatz dazu war er aber gut gekleidet und verwendete in der
nächsten Zeit alle Sorgfalt darauf, seine Kleidung in Ordnung zu halten, wohingegen er gegen Ende, als ihn Iwan das dritte Mal besucht, sehr nachlässig
geworden ist: Ein Zeichen seines psychischen Verfalls, dem auch ein physischer Verfall parallel geht.
Ein letzteres „Symptom“ sei noch erwähnt, bevor ich zu dem Geschehen des
Mordes komme, mit den Worten Dostojewskis:
Dabei geschah es dann und wann, daß Smerdjakow, im Hause oder
auf dem Hofe oder auf der Straße den Schritt verhielt und dann, in
Sinnen versunken, lange stehen blieb, manchmal zehn Minuten. Ein
Physiognomiker wäre, nachdem er ihn betrachtet hätte, zu dem
Schluss gelangt, daß von Denken und Sinnen hier keine Rede sein
könne, wohl aber von einer Art des Anschauens, der Kontemplation.
Smerdjakows Motivation für den Mord an seinem Vater (?) hat wohl etwas mit
den 3000 Rubeln zu tun, die Fjodor für Gruschenka bereitgelegt hat, für den
Fall, dass sie zu ihm kommt. Aber es gibt natürlich weitere Gründe. Der eine ist
der des Hasses „nach oben“, der im Roman so direkt und allgemein nicht zur
Sprache kommt, den man sich aber gut vorstellen kann. Als Vertreter dieses
„Oben“ ist der Vater natürlich hervorragend geeignet (und Smerdjakow sieht in
Fjodor seinen Vater). Ödipale Motive vermag ich allerdings hier nicht zu erkennen (ebenso wenig wie in dem wahrscheinlichen Mord an Dostojewskis
Vater durch seine Leibeigenen).
Ein weiterer Grund besteht in der besonderen Beziehung zwischen Smerdjakow und Iwan. Smerdjakow, der schon einmal in rationalistischer Manier die
Geschichte eines russischen Soldaten, der, in Gefangenschaft geraten, sich weigerte, den islamischen Glauben anzunehmen und dafür als Held gefeiert wurde, hinsichtlich ihres Gehaltes an Ehre und Moral angezweifelt hatte, folgt gern
den Argumenten Iwans, die ich nicht gern als atheistisch bezeichnen möchte.
Iwans Wenn Gott nicht existiert, dann ist alles erlaubt - Argument wird bei
Smerdjakow zu einer „Es ist alles erlaubt“ - Überzeugung, die Iwan so nie vertreten hat. Wenn man wie Smerdjakow keine innere Richtschnur hat für das,
was wirklich erlaubt ist (woher sollte er diese auch haben, wenn er sich ganz
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offenbar dieser Gesellschaft vollkommen entfremdet fühlt), und man dann
einen solchen Satz „Es ist alles erlaubt“ für sich ohne Zweifel und ohne Korrektur annehmen kann, wenn dann noch derjenige, der diesen Satz ausgesprochen
hat, Sinnbild des „Oben“ ist, zu dem man gern gelangen möchte (und das man
doch hasst), dann geht es bei einer solchen Tat – selbst bei einer solchen Tat
wie dem Vatermord – nicht mehr darum, dass sie vielleicht verdammenswert
wäre, sondern vielmehr nur noch darum, dass man nicht zur Rechenschaft
gezogen wird. Und hierfür sorgt Smerdjakow: Äußerlich, indem er als Alibi
einen epileptischen Anfall vortäuscht und auch sonst durchaus erfolgreich so
handelt, dass der Verdacht nicht auf ihn fällt und innerlich, indem er aus Äußerungen Iwans ihm gegenüber herauszulesen meint, dieser habe ihm den Auftrag zum Mord gegeben. Es bleibt in der Schwebe, ob es sich hier um eine
Wahnidee Smerdjakows handelt, oder ob er sozusagen die unbewussten tatsächlichen Wünsche Iwans so wahrgenommen hat, als hätte dieser sie ausgesprochen. Auch Iwan ist sich darüber im Zweifel, der schließlich seinen psychischen Zusammenbruch mit verursachen wird.
Für Smerdjakows Selbstmord gibt es aus meiner Sicht zwei mögliche Erklärungen, die sich durchaus auch überschneiden können. Die erste Erklärung besagt,
dass der Selbstmord die Vollendung der Rache ist: Durch diesen Selbstmord
nach dem Geständnis an Iwan hat er zum einen Dmitris Schicksal fast besiegelt, denn es gibt keinen Beweis mehr für Iwans Behauptung, Smerdjakow sei
der Mörder, und es fehlt nur noch die Beschuldigung Katerinas, um das Urteil
perfekt zu machen. Zu anderen hat er Iwan auf zweierlei Weise vernichtet, indem er Iwan selbst als Mörder dastehen lässt und indem er ihm eindeutig sagt,
dass Dmitri nicht der Mörder ist. Das kann Iwan nicht verkraften, er bricht
psychotisch zusammen.
Die andere Erklärung geht davon aus, dass Smerdjakow tatsächlich meinte,
Iwan habe ihm den Auftrag zum Mord gegeben, dass er aber nun erkennt, dass
das nicht so war und dass er sich deshalb tötet. Ich glaube nicht, dass eine der
beiden Erklärungen vollständig richtig ist, vielmehr vermischen sich Vorderund Hintergründiges, Bewusstes und Unbewusstes der beiden Personen und
diese Mischung führt dazu, dass beide psychisch dekompensieren.
Ich kann Smerdjakow nicht nur als den Bösen sehen. Zweifellos ist er es, aber
man muss dabei bedenken, dass er das Produkt seiner Geschichte ist, und man
muss auch sehen, dass dazu die Epilepsie kommt, die womöglich tatsächlich
die bewusste Kontrolle des Bösen erschwert. Insofern ist es wirklich sehr interessant, dass Smerdjakow einen epileptischen Anfall vortäuscht, um das Böse,
das er zu begehen beabsichtigt, zu vertuschen, dass er aber bald darauf einen
echten epileptischen Anfall bekommt.
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Repertorisation
1
Gemüt - Beschwerden durch - Beleidigungen,
Beschimpfungen
Gemüt - Beschwerden durch - Bestrafung
Gemüt - Sauberkeit, Reinlichkeit - Reinlichkeitswahn,
Putzwut
Gesicht - Ausdruck - alt aussehend
Gemüt - Ungesellig
Gemüt - Eitelkeit
Gemüt - Moralischem Empfinden; Mangel an
Gemüt - Haß - Rachsucht; Haß und
Gemüt - Hochmütig, arrogant
Gemüt - Blasphemie, Gotteslästerung
Gemüt - Entfremdet - Gesellschaft; von der
Gemüt - Geistesabwesend - verträumt
Gemüt - Grausamkeit - liebt es, Menschen und Tieren
Leid zuzufügen
Gemüt - Gleichgültigkeit, Apathie - Leiden; gegen –
anderer Menschen
Gemüt - Gleichgültigkeit, Apathie - Vergnügen; gegen
Gemüt - Religiöse Gemütsstörungen, Störungen in
bezug auf die Religiosität - Mangel an religiösem Gefühl
Gemüt - Sauberkeit, Reinlichkeit - Reinlichkeitswahn,
Putzwut
Gemüt - Töten, Verlangen zu
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anac.
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sulph.
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nat-m.
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ars.
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lyc.
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staph.
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merc.
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Diese Repertorisation weist an der ersten Stelle auf ein Mittel, bei welchem
man von der seelischen Seite her vor allem an hochpathologische, psychotische
Zustände denkt. Das scheint mir auf Smerdjakow zuzutreffen. Ich muss gestehen, dass ich mit dieser Repertorisation große Probleme hatte. Es befand sich
ständig Arsenicum album an der Spitze, obwohl ich aus meiner Erfahrung heraus meinte, dass es sich sehr wahrscheinlich nicht um Arsenicum album handelte. Auch Lycopodium und Sulphur schienen mir nicht die Mittel zu sein, um
die es gehen könnte. Diese Irrtümer in der Repertorisation und ihre Widersprüche zur Erfahrung kamen wahrscheinlich daher, dass es recht schwierig
ist, eine derart pathologische Psyche zu erfassen (wenn man nicht gerade Dostojewski heißt). Ich musste also bei der Repertorisation die verwendeten Rubriken immer wieder von ähnlichen abzugrenzen versuchen (was ja das tägliche
Brot des Homöopathen ist, auch wenn es sich nicht immer so schwierig gestaltet).
Mit dem letztendlichen Ergebnis – Anacardium orientale – bin ich aber sehr
einverstanden. Für Anacardium ist auf der einen Seite ein starkes Minderwertigkeitsgefühl charakteristisch, andererseits aber dann das Bestreben, aus dieser Minderwertigkeit herauszukommen, sich und anderen zu beweisen, dass
man doch jemand ist (analog zu den oben gebrauchten Worten „von unten
nach oben kommen“). Das kann mit recht unsinnigen Diskussionen einhergehen (siehe Smerdjakows Beitrag zum Problem des nicht zum Islam konvertierten christlichen Helden, der nur von vordergründigen Verstandestatsachen
113
3) Nietzsches Vater (173-176)
seine Emanzipationsversuche endgültig scheitern, da er als Kranker wieder in
die vollkommene Obhut seiner Mutter (und später der Schwester) zurückkehren muss.
Zwischenstück: Nietzsches Vater homöopathisch
Ich möchte mit der Krankheit beginnen, die dann schließlich auch zu seinem
Tode führte (sie wurde übrigens auch homöopathisch behandelt, offenbar ohne
Erfolg). Ich erwähnte bereits, dass der Treppensturz als Ursache möglicherweise von Nietzsches Schwester Elisabeth erfunden wurde, um den Makel einer
endogenen „Kopfkrankheit“ von der Familie abzuwenden. Im medizinischen
Sinne könnte allerdings der Treppensturz sehr wohl verantwortlich gewesen
sein. Ein subdurales Hämatom kann durchaus erst mehrere Wochen nach dem
Trauma Symptome erzeugen. Die ersten Symptome, die dann auftraten, waren
Kopfschmerzen und Magenbeschwerden, was zu einem subduralen Hämatom
ebenfalls passen könnte, aber natürlich auch bei einer Menge anderer Erkrankungen anzutreffen ist. Homöopathisch kann man mit diesen Informationen
ohne nähere Bestimmung rein gar nichts anfangen. Die offizielle TotenscheinDiagnose von Nietzsches Vater lautet „Gehirnerweichung“. In unserem heutigen Sinne ist Gehirnerweichung am ehesten die Folge eines Schlaganfalls.
Auch diese Diagnose ist wahrscheinlich. Ein Schlaganfall könnte durchaus
auch für den Treppensturz verantwortlich gewesen sein, ein zweiter dann für
die später beginnende Krankheit. Hierfür spricht auch, dass nach Angabe seiner Frau ihr Mann nie irrsinnig, sondern vollkommen bei Verstand war, dass
er nur die Gedanken nicht in Sätze zusammenbringen konnte. Das ist das Bild
einer Aphasie. Auch diese würde gut zu einer Apoplexie passen. Allerdings wird
uns nicht gelingen, diese beiden möglichen Ursachen wirklich sicher zu differenzieren. Bei der Obduktion fiel eine „Gehirngeschwulst“ auf. Auch ein Gehirntumor könnte natürlich die Symptome erklären.
Es gab vor dieser zum Tode führenden Erkrankung andere Symptome. Zwei
davon erscheinen mir besonders bedeutsam: Das eine ist das gelegentliche
Einschlafen einer Gesichtshälfte (leider habe ich nicht herausbekommen, welcher). Insbesondere beim Predigen fühlte sich eine Seite des Gesichtes wie gelähmt an. Es ist natürlich verführerisch, das als transitorische ischämische
Attacken zu deuten. Dem widerspricht allerdings, dass dieses Symptom situationsbedingt war und besonders beim Predigen auftrat. Geht es um das Sprechen oder geht es um eine bestimmte psychische Situation? Von einer durch
Sprechen ausgelösten Gesichtslähmung (eigentlich nur dem Gefühl einer Lähmung) bzw. Einschlafen des Gesichtes habe ich noch nichts gehört. Allenfalls
wäre die Rubrik „Gesicht - Verzerrung - Sprechen“ möglich. Wenn es sich al-
173
lerdings um ein psychosomatisches Geschehen handelt, so wären die „Beschwerden durch“-Rubriken geeignet, etwa Erwartungsspannung, seelische
Erregung, geistige Anstrengung. Die Entscheidung, um was es sich tatsächlich
gehandelt hat, fällt indes schwer.
Ein zweites erwähnenswertes Symptom ist das, was Franziska als die „Zustände“ ihres Mannes beschrieb. Er sei von Zeit zu Zeit im Stuhl zurückgesunken,
habe dann nichts gesprochen und starr geblickt. Hinterher habe er nichts
mehr davon gewusst. Es handelte sich also wahrscheinlich um Bewusstseinsstörungen, etwa im Sinne von Absencen. Sofern diese epileptischer Natur waren, könnte man wieder an Friedrich Nietzsches Äußerung denken, er habe bis
zum 17. Lebensjahr an epileptischen Zuständen gelitten, allerdings ohne Bewusstseinsverlust. Eine mögliche Repertoriumsrubrik wäre „Bewusstlosigkeit häufige kurze Anfälle von Bewusstlosigkeit“.
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Kopf - Gehirnerschütterung
Kopf - Verletzungen des Kopfes; nach
Kopf - Gehirnerweichung
Gesicht - Lähmung - eine Seite
Gemüt - Aphasie
Gesicht - Kribbeln
Gesicht - Gefühllosigkeit, Taubheit
Gemüt - Beschwerden durch - geistige Anstrengung
Gemüt - Beschwerden durch - Erwartungsspannung
Gemüt - Beschwerden durch - Erregung - Gemütes; des
kali-p.
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caust.
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sil.
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lach.
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Man bedenke, dass es sich bei den hier verwendeten Symptomen teilweise um
im Text genannte Mutmaßungen handelt! Die Repertorisation würde sich beispielsweise ändern, wenn die Kopfverletzung nicht als Causa angenommen
würde 35. Dennoch scheinen mir die beiden Mittel an der Spitze nicht unpassend zu sein.
Kalium phosphoricum zeichnet wie alle Kalium- Salze der Wertekonservatismus aus. Wie es scheint, ist Nietzsches Vater ist sehr obrigkeitshörig gewesen.
Er stand immer auf der Seite seines Königs, bedauerte etwa in der Märzrevolution 1848 die Demütigung des Königs unter Tränen, hatte aber kein Gefühl für
die Berechtigung dieser Erhebung durch die sozialen Probleme seiner Zeit. Mit
dem Anion der Phosphorsäure kommt die Schwäche hinzu, die sich etwa in
Beschwerden durch geistige Anstrengung, Überarbeitung, Erregung und ähnlichem äußert. Auch das könnte hypothetisch passen. Zu erwähnen ist in diesem
Zusammenhang noch, dass der Vater tatsächlich ein anderes Kalium-Salz erhielt (wenn auch in materieller Dosierung): Kalium iodatum. Bei diesem Arzneimittel ist eine starke syphilinische Seite vorhanden, tatsächlich wurde es zur
Bekämpfung der Syphilis verwendet. Damit soll nun nicht gesagt werden, dass
Nietzsches Vater an der Syphilis erkrankt war, aber das Thema der Syphilis
(der Syphilinie) ist irgendwie doch präsent und wird bei dem Sohn Friedrich
sehr viel deutlicher werden. Scholten schreibt zu Kalium iodatum, dessen
Thema sei, die Pflicht erfüllen zu müssen, um die Existenzberechtigung zu
erwerben, was auch zu Friedrich Nietzsche während seiner Zeit in Schulpforta
passen könnte. Aber dazu später.
Causticum passt auf andere Weise: Wie bereits bemerkt wurde, sind Causticum-Menschen solche, die sich in aufopfernder Weise für andere zur Verfügung stellen. In dieser Hinsicht könnte Causticum durchaus bei einem Pfarrer,
der seinen Beruf ernst nimmt, in die engere Wahl kommen. Die andere Seite
von Causticum scheint aber wiederum überhaupt nicht zu passen: Causticum
steht in der Rubrik „Anarchist“. Dieser Anarchismus hat viel mit Mitgefühl zu
tun, denn sie stellen sich tätig für andere Menschen zur Verfügung, wobei die
Gesetze und die herrschenden moralischen Vorstellungen überhaupt nicht
mehr interessieren. Diese zweite Seite von Causticum scheint es bei Nietzsches
Vater nicht gegeben zu haben. Ich finde es daher vom Symbolischen her sehr
interessant, dass er gerade beim Predigen die Lähmung einer Gesichtshälfte
35 Zu bemerken ist weiter, dass man statt der Rubrik „Gehirnerschütterung“ eigentlich die Unterrubrik „...Beschwerden nach“ verwenden müsste. In dieser steht jedoch nur Glonoinum, was schon nach
meinem Wissen unvollständig ist. Ebenso sollte nur eine der drei letzten Rubriken verwendet werden,
oder keine davon. Hier ist dargestellt, was möglich ist. Es gäbe aber, wenn man die Repertorisation
entsprechend verändert, kein wesentlich anderes Resultat. Caust und Kali-P blieben an der Spitze.
175
empfunden hat. Wie hat er eigentlich die aufbegehrende, ja, revolutionäre Seite
des Christentums empfunden, dieses „Ich aber sage Euch...“? Hat er sie bewusst wahrgenommen oder hat er sie verdrängt? Hat sie sich dann gerade
beim Predigen als die Lähmung einer Gesichts(!)hälfte ausgedrückt? Wenn ich
das schreibe, muss ich sofort wieder an zwei Gestalten Dostojewskis denken,
für die Caust in Frage kam: Aljoscha Karamasow und Kirillow.
Sein Sohn Friedrich wird das, was der Vater nicht gelebt hat, was in ihm gelähmt war, in den Vordergrund stellen. Das Aufbegehren, den Zweifel an den
überkommenen Werten. Gegen die christliche Religion, gegen Gott, gegen Autorität schlechthin, auch gegen den Vater, den er doch andererseits so verehrte!
Eine Zeitlang hatte ich tatsächlich auch für Friedrich Nietzsche Causticum
vermutet. Das stellte sich dann zwar als wahrscheinlich falsch heraus, weil zu
vieles gegen Causticum spricht, aber insgeheim liebäugle ich doch noch mit
diesem Gedanken. Bei allen diesen Vermutungen und Interpretationen sollte
man jedoch nicht aus den Augen verlieren, dass es sich bei der Krankheit von
Nietzsches Vater doch um eine Geisteskrankheit gehandelt haben könnte. Das
würde die hier angegebene Repertorisation stark in Frage stellen. Immerhin
würde das aber weder Kalium phosphoricum noch Causticum ausschließen.
Ende des Zwischenstücks
In Nietzsches Kindheit gibt es noch weitere Zeichen, die möglicherweise homöopathisch verwertbar sind, zum Beispiel das Hingezogensein zu Gewitter,
Sturm, Feuer, zu allem „Ungeheuren“. Tatsächlich scheint zuzutreffen, dass es
ihm als Kind trotz aller auch vorhandener Angst bei Gewitter und Sturm sehr
gut gegangen ist (später wird er eher das Gegenteil berichten). Zwar meint
Ross, die Beschreibung eines Spiels mit Feuerkugeln aus Pech, Schwefel und
Salpeter sei wahrscheinlich eine spätere Erfindung im Rahmen von Nietzsches
Selbststilisierung gewesen, ich sehe aber eigentlich keinen Grund, diese Aussage anzuzweifeln, zumal die Mischung von Pech, Schwefel und Salpeter in der
Tat interessante Effekte verspricht. In den Rubriken „Gemüt - Wetter - Gewitter. amel“ und „...liebt“ finden wir Sep und Carc, ebenso unter „... stürmisches
Wetter“ Carc. Letzteres Mittel findet sich auch unter „Gemüt - Feuer - anzünden...“ (neben einigen anderen Mitteln, die ich vor allem der Tuberkulinie zuordnen möchte). Abermals steht bei diesen Rubriken mit Carcinosinum ein
Mittel im Vordergrund, welches mit frühen psychischen Entwicklungsphasen
und deren Störungen in engem Zusammenhang steht.
Die bisher erwähnten Mittel sind Aurum, Lac humanum, Plutonium nitricum,
Causticum, Veratrum album und Carcinosinum. Das ist schon eine Auswahl,
die darauf schließen lässt, dass die Kindheit und Jugend von Nietzsche wahr-
176
4) Freuds Herzerkrankung
(S. 281-285)
Miasmatischen her ist hier ein deutlicher Gegensatz zu verzeichnen: Carcinosinum ist das zentrale Mittel der Carcinosinie, während Lachesis syphilinisch ist
oder der Grenze von Sykose zu Syphilinie zugeordnet werden kann.
Wenn ich diese an der Spitze der „Repertorisation“ stehenden Mittel ansehe, so
scheint es zwei bis drei Ebenen zu geben: Carcinosinum und Staphysagria stehen für die frühen Kränkungen bzw. Störungen, Nux-v und Lyc stehen für die
Reaktion Freuds hierauf (wobei ich, wie bereits gesagt, Nux-v bevorzugen würde) und Lachesis weist womöglich in die Zukunft (und womöglich auch in die
überindividuelle familiäre Vergangenheit), in die Syphilinie bzw. auf den Übergang von der Sykose in die Syphilinie, der sich, wie ich noch zeigen werde, bei
Sigmund Freud problematisch gestaltete.
Die dann noch folgenden Mittel scheiden aber – jedenfalls für diese Anfangssituation – recht eindeutig aus (mit Ausnahme von Sulphur, den ich aber ebensowenig in die engere Wahl einbeziehen möchte).
Neben der beschriebenen familiären Situation gab es in Sigmund Freuds Kindheit ein weiteres einschneidendes Trennungserlebnis, den Verlust des Ortes
seiner Kindheit, als die Familie zunächst nach Leipzig und dann nach Wien
umzog. Freud war vier Jahre. Zwar besserten sich in Wien die räumlichen Verhältnisse, später kam der Vater sogar zu einem gewissen Wohlstand, der es
erlaubte, das Sigmund seinen Interessen nachgehen konnte, man sollte aber
einen solch frühen Verlust der gewohnten Umgebung durchaus in den Kreis
von belastenden Ereignisse einbeziehen. Die Arbeit mit psychotherapeutischen
Patienten ergibt immer wieder, dass solche Erlebnisse bedeutend sein können
und in der Therapie nicht zu vernachlässigen sind. Es ist einfach ein weiteres
Trennungserlebnis, ein weiteres Erlebnis von Unsicherheit. Damit soll aber die
Beschreibung der Kindheitssituation ihr Ende finden.
Krankheiten
Da dies eine Arbeit ist, in der es in erster Linie um den homöopathischen Gesichtspunkt geht, müssen auch die Krankheiten Freuds Erwähnung finden. Es
ist nämlich nicht so, dass Freud, wie etwa Zweig meint, ein sehr gesunder
Mensch gewesen sei:
„Dieser große Arzt war bis zu seinem siebzigsten Jahre niemals ernstlich krank, dieser feinste Beobachter des Nervenspiels niemals nervös… Von eigener Erfahrung her kennt dieser Körper nicht einmal die
gewöhnlichsten , die alltäglichsten Störungen geistiger Arbeit und fast
nie Kopfschmerzen und Müdigkeit. Jahrzehntelang hat Freud nie einen
ärztlichen Kollegen zu Rate ziehen …müssen. (Stefan Zweig)
281
Nichts davon stimmt. Vielmehr war Freud auch vor der Krebserkrankung zeitweise ein kranker Mann. Er litt eine Zeitlang unter Herz-, Nasen- und Magenbeschwerden, hatte Migräne, zeitweise depressive Verstimmungen und war
nikotinsüchtig. Es ist auch nicht so, dass er deshalb selten Ärzte aufgesucht
hätte, vielmehr scheint er öfters bei mehreren Fachleuten Hilfe gesucht haben.
Dass das alles seine Arbeitsfähigkeit so wenig beeinträchtigt hat, ist verwunderlich. Die Magenbeschwerden und die Migräne können hier nicht weiter
berücksichtigt werden, weil man nicht genügend über sie weiß, um sie homöopathisch verwerten zu können. Ich beginne daher mit den Herzproblemen und
der Nikotinsucht und werde über die Krebserkrankung an späterer Stelle
schreiben.
Die Herzbeschwerden traten im Alter um die 40 auf, haben sich aber später
offenbar weitgehend zurückgebildet. Freuds deutlichste Beschreibung dieser
Beschwerden sei hier zitiert:
Bald nach der Entziehung kamen leidliche Tage... da kam plötzlich ein
großes Herzelend, größer als je beim Rauchen. Tollste Arrhythmie, beständige Herzspannung – Pressung – Brennung, heißes Laufen in den
linken Arm, etwas Dyspnoe von verdächtig organischer Mäßigung,
das alles eigentlich in Anfällen, d.h. über 2/3 des Tages in continuo erstreckt und dabei ein Druck auf die Stimmung, der sich in Ersatz der
gangbaren Beschäftigungsdelirien durch Toten- und Abschiedsmalereien äußerte. ... Ich erinnere mich auch sehr gut, daß die Arrhythmie
ziemlich plötzlich 1889 nach einem Influenzaanfall aufgetreten ist.
(nach Max Schur)
Die Symptome sind recht charakteristisch für Angina pectoris. Max Schur präferiert diese Hypothese. Die „tollste Arrhythmie“ muss allerdings nicht unbedingt zur Angina pectoris gehören. Sie kann einerseits Ursache für den Anginapectoris-Anfall sein, andererseits kann dieser aber auch durch durch die mit
ihm verbundene Angst zu einer Tachykardie/-arrhythmie führen. Die Hypothese eines entzündlichen Geschehens existierte ebenfalls schon zu Freuds
Zeiten (es war sogar seine eigene: siehe den Zusammenhang der Arrhythmie
mit dem Influenzaanfall).
Das starke Rauchen muss natürlich unbedingt in Betracht gezogen werden und
es war sehr wahrscheinlich ursächlich zumindest beteiligt. Dass Freud selbst
meinte, die Anfälle seien durch die Abstinenz eher schlimmer geworden, mag
stimmen. Verschlimmerungen melden Raucher, die versuchen, sich die Sucht
abzugewöhnen, immer wieder. Man kann den seelischen Stress der Abstinenz
282
verantwortlich machen. Man kann das aber auch als eine Schutzbehauptung
interpretieren, um sich das weitere Rauchen zu ermöglichen.
Gegen eine durch Koronarstenose bedingte Erkrankung (von der so genannten
Prinzmetal-Angina, die durch Koronarspasmen bedingt ist, abgesehen) spricht,
dass die Beschwerden wieder abklangen und Freud danach– so weit wir wissen
– bis ins hohe Alter keine bedeutenden Probleme dieser Art mehr hatte. Tatsächlich wäre also ein entzündliches Geschehen wie auch eine psychische
Überlagerung des Ganzen nicht auszuschließen. Das Ganze als eine so genannte Herzneurose zu betrachten und somit eine rein psychische Genese zu vermuten, erscheint mir aber doch ein wenig abwegig.
Repertorisation der Herzbeschwerden
Symptome Nr. 9 und 10 stammen aus einer hier nicht zitierten Beschreibung,
Symptome Nr. 6 und 7 sind spekulativ, aber doch wahrscheinlich.
1
2
3
4
5
6
7
8
Brust - Schmerz - Herz - brennend
Brust - Schmerz - Herz - erstreckt sich zu - Arm - links
Brust - Spannung
Brust - Hitze - Herzgegend, in der
Brust - Schmerz - Herzklopfen; bei
Brust - Angina pectoris - Tabak; durch
Brust - Herzklopfen - Tabak, durch
Gemüt - Furcht - Tod; vor dem - Herzens;
bei Beschwerden des
Brust - Beklemmung - Essen - nach - agg.
Brust - Herzklopfen - Essen - nach - agg.
9
10
38
16
69
48
8
8
23
13
34
49
acon. nux-v. phos. spig. sulph. rhus-t. arn. ars. verat. puls.
7/12 7/10 6/10 5/8
5/8
5/7
5/6 5/6
5/6
4/9
1
1
-
2
2
1
-
-
3
1
1
2
-
1
1
1
2
1
2
-
-
2
1
-
-
-
1
1
1
1
1
1
2
4
3
1
3
2
3
1
1
1
1
2
5
-
1
-
2
-
-
-
-
-
-
6
-
1
-
1
-
-
-
-
-
-
283
acon. nux-v. phos. spig. sulph. rhus-t. arn. ars. verat. puls.
7/12 7/10 6/10 5/8
5/8
5/7
5/6 5/6
5/6
4/9
7
1
2
1
2
-
-
-
1
1
-
8
3
-
-
-
-
-
2
-
-
-
9
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2
1
-
2
2
-
1
2
-
10
2
2
1
-
1
-
-
-
-
3
Ich weiß nicht, für welches Mittel ich mich entscheiden würde. Für Acon
spricht natürlich viel, aber man sollte auch bedenken, dass eines der bisher
diskutierten Mittel mit an vorderer Stelle steht: Nux-vomica. Es ist aber keinesfalls sicher, dass im akuten Falle das gleiche Mittel zur Anwendung kommt,
welches persönlichkeitsbezogen indiziert ist.
In diesem Zusammenhang muss natürlich auch über Freuds Nikotinsucht gesprochen werden. Man muss tatsächlich von Sucht sprechen, denn sein Zigarrenkonsum war enorm (ca. 20 pro Tag, was bedeutet, dass er pro Tag etwa 10
Stunden durchgängig geraucht haben muss) und es bereitete ihm, als er wegen
der Herzbeschwerden zur Nikotinabstinenz aufgefordert wurde, große Probleme, auf seine geliebten Zigarren zu verzichten. Selbst zu den Zeiten, als er bereits an dem Mundhöhlenkarzinom litt, konnte er nur zeitweise ohne Rauch
leben. Aus psychologischer bzw. psychoanalytischer Sicht ist es natürlich verlockend, diese Sucht als orale Bedürftigkeit zu interpretieren. Und es scheint
auch richtig zu sein.
...habe ich tatsächlich von damals an (es sind heute drei Wochen)
nichts Warmes mehr zwischen den Lippen gehabt.
(nach Max Schur)
Das schreibt Freud und macht damit deutlich, worum es ihm beim Rauchen
geht. Man ist mit dieser Formulierung irgendwie tatsächlich an die warme
Mutterbrust zwischen den Lippen erinnert. Kollbrunner macht die Sehnsucht,
die sich im Rauchen ausdrückt, noch deutlicher und lokalisiert sie sogar noch
vor dem Oralen:
Die tiefere Bedeutung des Rauchens bezieht sich auf die „vor-orale“
Welt, auf den Übergang zwischen dem Leben im Fruchtwasser und
dem Leben in der Luft. Bei der Geburt begegnen wir als erstes der Luft,
erst danach kommen die Milch und die Zärtlichkeit. Die Luft ist aber
kein Objekt, sondern ein Medium, das Nachfolge-Element des verlore-
284
nen Fruchtwassers, eine nicht einverleibbare Nahrung ... Deshalb erscheint es so, als drücke das süchtige Rauchen ein tiefes Misstrauen
aus, als wolle man sich mit der durch den inhalierten Rauch markierten Luft vergewissern, daß die Luft, die man lebensnotwendig braucht,
auch da ist.
(Kollbrunner)
Diese vor-orale Welt wäre in der hier verwendeten miasmatischen Nomenklatur die Carcinosinie bzw. dem Übergang zur Psora. Das Rauchen könnte in der
Tat aus der unbewussten Sehnsucht nach dieser „perfekten“ Welt stammen (sie
ist bekanntlich nicht immer perfekt, z.B. wenn die werdende Mutter raucht),
und es könnte sogar dazu dienen, diese wunderbare Welt nachzubilden, so gut
es eben geht. Leider ist die mit dem Rauch markierte Luft aber auch vergiftet.
Man kann ein Carcinom davon bekommen: von dem Versuch, die Sehnsucht
nach der Carcinosinie zu erfüllen!
Man sollte natürlich auch die phallische Symbolik gerade der Zigarre nicht
vergessen, die ich kaum näher erläutern muss, weil sie klar auf der Hand liegt.
Es ist nahe liegend, die Nikotinsucht auch mit dem homöopathischen Mittel
Nux-v in Verbindung zu bringen, denn Nux-v ist ja bekannt für sein Hingezogensein zu allen möglichen Suchtmitteln. Allerdings muss man dabei auch erwähnen, dass es ansonsten kaum Anhaltspunkte dafür gibt, dass Freud in anderer Weise suchtanfällig gewesen sei. Zwar gab es eine Zeit, in der Freud gelegentlich Kokain genommen hat. Das hat aber offenbar nicht zur Sucht geführt.
Dem Alkohol war Freud eher abgeneigt, weil er nach eigenen Worten ganz
dumm davon wurde (was auch gut zu Lachesis passen würde). Selbst bei den
starken Schmerzen seiner terminalen Krankheit weigerte er sich, stärkere Mittel als Aspirin einzunehmen. Für Nux-v wäre eher charakteristisch, dass es sich
nicht um eine einzelne Sucht handelt, sondern dass man verschiedene Mittel
mit psychotroper Wirkung verwendet. Auch schließt die Tatsache, dass Nux-v
wahrscheinlich das bekannteste Mittel bei Süchten ist, keineswegs andere Mittel aus. Von den bisher diskutierten Mitteln findet sich in der Rubrik „Allgemeines – Tabak – Verlangen“ neben Nux-v auch noch Staph (Carc nicht!). Ich
möchte jetzt wieder zur Biografie zurückkommen.
Freud als junger Erwachsener: Der Beginn der Karriere
Wie ich bereits erwähnt habe, ist eines der hervorstechenden Charaktermerkmale Freuds Ehrgeiz, sein Bestreben zu Ruhm und zu Geld zu kommen. Und
ich habe bereits die Vermutung geäußert, dass dazu zwei Gegebenheiten auslösend waren: Seine Rolle als Delegierter der Mutter und seine Konkurrenz mit
285