03 EIN RING, DER ALLES VERÄNDERT 02 RAUF AUF DIE

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RAUS AUS DEM
KRAWATTENBUNKER
Der technische Fortschritt, die Liberalisierung des
Welthandels und die zunehmende Verflechtung von
Wirtschaft, Recht, Politik und Kommunikation prägen nicht nur unser persönliches Leben, sondern
wirken sich auch immer mehr auf unser Arbeitsleben
aus.3 Besonders die fortschreitende Digitalisierung
der Arbeit, der Zugang zu intelligenten Kommunikations-Tools wie Skype, Facebook, Twitter und Co. und
Kollaboration wie GoogleGroups erschließen neue
Potenziale bei der Gestaltung und Organisation von
Arbeitsinhalten und -prozessen. Die Digitalisierung
erleichtert bzw. ermöglicht schon heute den Zugang
zu global verteilten Informationen, Wissen, Kompetenzen, Ressourcen, Arbeitspartnern und Märkten.4
Existierende Arbeitsprozesse lassen sich so immer effizienter, effektiver und in zeitlicher, örtlicher
und inhaltlicher Dimension flexibler gestalten. Diese
Flexibilisierung der Arbeitsprozesse trägt zur Entstehung neuer und vielfältiger Beschäftigungsmodelle bei, welche versuchen, sich durch dynamische
und offene Strukturen, an die neuen Arbeitsanforderungen anzupassen.5
“Arbeitnehmer befreien sich aus der Sklaverei
hierarchischer Pyramidenorganisationen und verabschieden sich von den altgedienten Patriarchen
und Patrons. Damit einhergehend verstärkt sich der
Trend zur Selbstständigkeit“.6 So werden Unternehmen in Zukunft in der Regel weniger festeingestellte
Mitarbeiter beschäftigen, sondern auf unabhängige
Projektmitarbeiter setzen, die auch kurzfristig engagiert werden können. Dies hat zur Folge, dass Selbständige, Freiberufler, Multijobber und temporär
Arbeitslose die neue Arbeitswelt prägen. Zudem
ersetzen flache, projektbezogene und netzwerkartige Organisationen klassische hierarchische Strukturen.7 Homeoffice, Bürogemeinschaften, mobile
Arbeitsplätze oder Coworking Spaces stellen dabei
aktuell mögliche Alternativen zum klassischen Büro
dar.8 Vor allem Letztere bieten für die IT- und Kreativbranche momentan eine attraktive, kostengünstige und flexible Möglichkeit, einer Erwerbstätigkeit nachzugehen. In Coworking Spaces teilen sich
mehrere Personen oder sogar kleine Firmen einen
gemeinsamen Arbeitsplatz.9 Diese Räume fungieren
dabei als Schmelztiegel der Kreativität: Durch die
Nähe und die Zusammenarbeit mit Gleichgesinnten
werden Synergien erzeugt, neue Kontakte geknüpft,
Ideen weiterentwickelt und Probleme gelöst.10
Auch werden die Grenzen zwischen Arbeit und
Freizeit durch Coworking Spaces immer weiter
aufgehoben. In diesem Zuge wird das Modell der
Work-Life-Balance inzwischen vom Work-Life-Flexibility-Ansatz abgelöst. Der Work-Life-Flexibility-Ansatz lässt die Grenzen zwischen Arbeit und Freizeit
verschwimmen.11 Der Stellenwert der Arbeit verschiebt sich dadurch von einem eher lebensstrukturierenden, zu einem zunehmend freier gestaltbaren
Element.12
Die Folge dieses Wandels in der Arbeitswelt ist
ein rasantes Wachstum von Coworking Spaces: Gab
es 2006 weltweit nur 30 solcher Räume,13 standen
Interessenten 2013 bereits 2.500 Coworking Spaces
zur Verfügung.14 Auch immer mehr Unternehmen
entdecken die Vorteile der Coworking Spaces als
Ideenschmieden für sich.15 Unternehmen werden
daher zukünftig verstärkt Arbeitnehmer in Coworking Spaces entsenden, um durch den dort stattfindenden Austausch neue Ideen zu generieren, welche
im Idealfall zu neuen Innovationen für das Unternehmen führen. So lassen bereits große Unternehmen
wie Otto, Shell, oder TUI einzelne Mitarbeiter oder
ganze Abteilungen temporär in Coworking Spaces
arbeiten.16
Zudem ermöglichen neue Vernetzungstechnologien wie Videokonferenzsysteme oder Social Media
Unternehmen eine gewisse Form des “internen”
Coworkings über Ländergrenzen hinaus, was eine
effizientere Kommunikation zwischen ihren global
verteilten Arbeitskräften ermöglicht und kosten- sowie zeitintensive Geschäftsreisen zu reduzieren ver-
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sucht.17 Diese neuen Technologien können allerdings
den persönlichen Kontakt und Austausch vor Ort
nicht vollständig ersetzen. Zwar verbessern diese
Tools die Kommunikation zwischen den Arbeitnehmern, eine aktive Interaktion ist jedoch nur eingeschränkt möglich.18
Neben den positiven Effekten von Coworking Spaces
auf die Innovationskraft von Mitarbeitern zeichnen
sich jedoch auch negative Aspekte ab. So geht mit
der Aussendung von Arbeitskräften in Coworking
Spaces auch ein Kontrollverlust für das Unternehmen einher, welcher mit dem Risiko eines Wissensabflusses verbunden ist.
Weiterentwicklungen wie das Unternehmen “The
Dark Horse” schließen diese Kette an Fluchtpunkten
aus dem klassischen Arbeitplatz und bilden eine Art
Kreislauf. Bei “The Dark Horse” handelt es sich um
ein gleichberechtigtes Gründer– bzw. Leitungsteam
von 30 Personen aus verschiedenen Fachgebieten,
welche zeitlich flexibel an einem unbestimmten Arbeitplatz arbeiten.19 So erfüllt “The Dark Horse”
einerseits typische Kriterien des Coworking Space,
zeigt jedoch andererseits Tendenzen eines klassischen Büros auf.
Trotz der negativen Aspekte von Coworking Spaces überwiegen die positiven Eigenschaften. Der
Optimalzustand für Arbeitnehmer und Arbeitgeber
wäre daher, die Benefits von Coworking Spaces und
dem klassischen Büro zu destillieren und zu vereinen. Neue Vernetzungstechnologien erleichtern zwar
die Kommunikation zwischen den Arbeitnehmern
und Arbeitgebern, ersetzen aber aufgrund eines zu
geringen Immersionsgrades noch nicht vollständig
die direkte Face-to-Face Kommunikation und Interaktion. Werden jedoch heutige technologische
Entwicklungen in die Zukunft fortgeschrieben, so
ist davon auszugehen, dass in rund 40 Jahren ein
Immersionsgrad erreicht ist, welcher der heutigen
Face-to-Face Kommunikation sehr nahe kommt oder
gar ebenbürtig ist.
Schenkt man dem Moore´schen Gesetz Glauben, so verdoppelt sich die Rechenleistung von Prozessoren alle 18 Monate.20 Der Futurist Raymond
Kurzweil geht gar davon aus, dass Rechenleistung
im Äquivalent von 1.000 US $ im Jahr 2050 der
Leistung aller menschlichen Gehirne auf der Erde
entspricht.21 Tatsächlich entspricht die Rechenleistung einer heutigen Playstation der Leistung eines
Militärcomputers aus dem Jahr 1996.22 Auf Basis
dieser Aussagen und Einschätzungen kann die These
aufgestellt werden, dass in ca. 40 Jahren die Technologie es ermöglicht, uns selbst zu digitalisieren,
um unabhängig von Zeit und Ort in virtuellen Coworking Spaces zu arbeiten und von ihnen zu profitieren.
02
RAUF AUF DIE
DIGITALE SPIELWIESE
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03
EIN RING,
DER ALLES VERÄNDERT
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ZUKUNFTSMUSIK
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DRUM PRÜFE WER
SICH EWIG BINDET...
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[1] Vgl. Friebe, Holm; Lobo, Sascha (2006): Wir nennen es Arbeit. Die digitale Bohème oder
Intelligentes Leben jenseits der Festanstellung. Heyne: München.
[2] Vgl. Lange, Bastian; Wellmann, Inga (2009): Neue Orte für Neues Arbeiten. Co-Working
Spaces. In: Lange, Bastian; Kalandides, Ares et al. (Hrsg.) (2009): Governance der Kreativwirtschaft. Diagnosen und Handlungsoptionen. transcript: Bielefeld.
[3] Vgl. Max-Planck-Gesellschaft (o.J.): Die Welt im Wandel - Herausforderung für die Gesellschaft (http://www.max-planck-science-gallery.de/20517/welt_im_wandel1; 22.12.14). Vgl. a.
Schürmann, Mathias (2013): Coworking Space; S. 12. Springer Gabler: Wiesbaden.
[4] Vgl. Übernationale Vereinigung für Kommunikationsforschung (Hrsg.) (2013): Arbeit in der
digitalen Welt (http://www.bmwi.de/BMWi/Redaktion/PDF/A/arbeit-in-der-digitalen-welt,property=pdf,bereich=bmwi2012,sprache=de,rwb=true.pdf; 31.12.14)
[5] Vgl. Übernationale Vereinigung für Kommunikationsforschung (Hrsg.) (2013): Arbeit in der
digitalen Welt (http://www.bmwi.de/BMWi/Redaktion/PDF/A/arbeit-in-der-digitalen-welt,property=pdf,bereich=bmwi2012,sprache=de,rwb=true.pdf; 31.12.14)
[6] Schürrmann, Matthias (2013): Coworking Space: Geschäftsmodell für Entrepreneure und
Wissensarbeiter, S.13. Springer Gabler: Wiesbaden
[7] Vgl. Schürrmann, Matthias (2013): Coworking Space: Geschäftsmodell für Entrepreneure
und Wissensarbeiter, S.20. Springer Gabler: Wiesbaden
[8] Vgl. Schürrmann, Matthias (2013): Coworking Space: Geschäftsmodell für Entrepreneure
und Wissensarbeiter, S.13. Springer Gabler: Wiesbaden
[9] Vgl. Weis, Christian (2013): Co-Working: Neue Arbeitsformen in der Gemeinschaft (http://
www.business-on.de/definition-co-working-co-working-neue-arbeitsformen-in-der-gemeinschaft-_id44435.html; 30.12.14)
[10] Vgl. Button, Beau (2013): Coworking - Is it just a fad or the future of Business?
(www.forbes.com/sites/adrianalopez/2013/04/25/coworking-is-it-just-a-fad-or-the-future-ofbusiness/; 22.12.14)
[11] Vgl. Schürmann, Mathias (2013): Coworking Space, S. 16. Springer Gabler: Wiesbaden.
[12] Vgl. Übernationale Vereinigung für Kommunikationsforschung (Hrsg.) (2013): Arbeit in der
digitalen Welt (http://www.bmwi.de/BMWi/Redaktion/PDF/A/arbeit-in-der-digitalen-welt,property=pdf,bereich=bmwi2012,sprache=de,rwb=true.pdf; 31.12.14)
[13] Vgl. Deskmag (o.J.): Coworking works; (http://blog.sqwiggle.com/coworking-trends-statistics/; 30.12.14)
[14] Vgl. Deskmag (2013): 4.5 new coworking spaces per work day (http://www.deskmag.com/
en/2500-coworking-spaces-4-5-per-day-741; 30.12.14)
[15] Vgl. Schürrmann, Matthias (2013): Coworking Space: Geschäftsmodell für Entrepreneure
und Wissensarbeiter, S.22. Springer Gabler: Wiesbaden
[16] Vgl. Merkel, Janet (2012): Auf der Suche nach Austausch: Digitale Nomaden und Coworking Spaces (http://www.goethe.de/ins/si/lju/kul/dus/guk/de10817261.htm; 03.01.14)
[17] Vgl. o. V. (2012): Videokonferenzen statt teurer Geschäftsreisen. (http://videokonferenzen.
wordpress.com/article/videokonferenzen-statt-teurer-geschaftsreisen/; 02.01.14)
[18] Vgl. Pennekamp, Johannes (2011): Geschäftsreisende sind die besten Entwicklungshelfer
(http://www.handelsblatt.com/politik/oekonomie/wissenswert/wissenstransfer-geschaeftsrei-
sende-sind-die-besten-entwicklungshelfer/4453856.html; 02.01.2014)
[19] Vgl. o.V. (2014, URL): Dark Horse: „Thank God it‘s Monday! http://youtu.be/5gzgDXF1Q2w,
abgerufen am 04.01.2015.
[20] Vgl. o.V. (2014 URL): Moore’s Law am Ende? - Grenzen der prozessortechnik erreicht
http://www.pc-magazin.de/ratgeber/moore-law-report-ende-2020-1938131.html, abgerufen am
04.01.2015.
[21] Vgl. Kurzweil, Raymond (2001, URL): The Law of Accelerating Returns. http://www.
kurzweilai.net/the-law-of-accelerating-returns, abgerufen am 04.01.2015.
[22] Vgl. Brynjolfsson, Erik (2013, URL): Erik Brynjolfsson: The key to growth? Race with the
machines. http://www.ted.com/talks/lawrence_lessig_we_the_people_and_the_republic_we_
must_reclaim?quote=2107, abgerufen am 04.01.2015.