Zum Artikel (SF 48/2015)

STERNENWOCHE
«Gefunden!»
Die Viertklässler
von Illnau suchen
Nepal auf der
Karte und lernen
die Lebens­
bedingungen der
nepalesischen
Kinder kennen.
«Noch mehr Geld für
die ‹Sternenwoche›»:
Fay und Mutter
Angela Lembo backen
Mailänderli.
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23.– EL AKTIO N
29.11
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.2015
«GUETSLI BACKEN
und am Fest verkaufen»
Die neunjährige FAY LEMBO ist eines von vielen tausend Kindern,
die an der «Sternenwoche» für Altersgenossen aus
Nepal sammeln. Unsere Autorin begleitet ihre Tochter und
lässt sich von ihrem Enthusiasmus anstecken.
Text Angela Lembo Fotos Gabi Vogt
F
ay sitzt am Frühstückstisch. Schweigend rührt sie in ihrer Milch. Dann
hält meine neunjährige Tochter unvermittelt inne und sagt: «Mami, ich will
noch nicht heiraten.» Welch seltsame Gedanken so früh am Morgen in diesem kleinen Hirn herumgeistern, denke ich und
sage beruhigend: «Das hat doch keine Eile,
du hast alle Zeit der Welt.» Fay nickt. «Ich
schon», sagt sie, «aber die Mädchen in Nepal nicht.» Als ich sie verwundert anschaue,
sprudeln die Worte aus ihr heraus und
fügen sich zu der Geschichte zusammen,
die sie gestern in der Schule gelesen hat.
Die elfjährige Laxmi wohnt mit ihren
Eltern in Nepal in ärmlichen Verhältnissen.
Für tagelangen Unterricht, wie Fay ihn
kennt, fehlen Geld und Zeit. Laxmi muss
zu Hause arbeiten, Feuer machen, Wasser
holen, kochen und putzen. Ihre drei Schwestern – die jüngste ist 16 – sind bereits verheiratet. «Die müssen dort so früh heiraten,
damit sie aus dem Haus sind und die Eltern
nicht mehr für sie zahlen müssen», sagt Fay
und reisst die Augen weit auf. «Stell dir
vor, Mami, Laxmi und ihre Familie gibt es
wirklich, das ist nicht erfunden.»
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Schweizer Familie 48/2015
Die Geschichte ist mir wohl bekannt.
Der Text dazu stammt aus der Feder meiner Kollegin Gabriela Meile. Sie hat Laxmi
getroffen, als sie kürzlich für die «Schweizer Familie» nach Nepal reiste. Dorthin soll
dieses Jahr der Erlös aus der Sammelaktion
«Sternenwoche» von Unicef Schweiz und
«Schweizer Familie» fliessen, damit benachteiligte Kinder zur Schule gehen können.
«Stell dir vor,
Mami, Laxmi und
ihre Familie gibt
es wirklich, das ist
nicht erfunden.»
Fay Lembo
Als Journalistin kenne ich die «Sternenwoche» seit vielen Jahren. Ich habe selber
schon über die kreativen Sammelideen von
Schweizer Kindern berichtet. Bislang allerdings nur aus einem professionellen Blickwinkel: Mit wem sollen wir reden? Was
wollen wir zeigen? Wie muss der Text verfasst sein, damit er die Leser berührt?
Diesmal ist es anders. Als Mutter einer
Tochter, die sich mit ihrer Klasse seit den
Herbstferien auf die «Sternenwoche» vorbereitet, bin ich nicht mehr bloss Beobachterin. Die Begeisterung, von der Kinder und
Eltern mir früher in Interviews berichtet
haben, erfasst jetzt auch mich. Immer häufiger befassen wir uns am Familientisch mit
den Lebensbedingungen in Nepal. Sinnieren über den Wert einer guten Bildung –
«ohne Schule keine Arbeit, kein Geld, kein
Zuhause», fasst Fay zusammen. Schmieden
Pläne, wie wir den Sammelbatzen der Schule erhöhen könnten – «Guetsli backen und
am Familienfest verkaufen!», sagt sie.
Vielseitige Auseinandersetzung
Aus Neugier setze ich mich in der einen
oder anderen Stunde ins Klassenzimmer in
Illnau ZH. Ich bin beeindruckt, wie vielseitig die Lehrerin das Thema in den Unterricht einfliessen lässt. So wie diesen Vormittag. Im Stundenplan steht «Mensch und
Umwelt». Die Schüler suchen auf einer
grossen Weltkarte das Land zwischen Tibet
und Indien. «Da, gefunden!», ruft Hennes
und zeigt mit dem Finger auf Nepal. «Gut», ➳
Fotos: Name
Schweizer Familie 48/2015
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STERNENWOCHE
MENSCHEN
«STERNENWOCHE»
Liebe Leserinnen,
liebe Leser
Schlüsselanhänger
in allen Formen und
Farben entstehen:
Im Werk­unterricht basteln die
Primarschüler hübsche Gegenstände
für die «Sternen­woche»-Sammelaktion.
Fay Lembo sägt
für ihren Schlüssel­
anhänger ein
Herz aus.
Für die «Sternenwoche» vor Ort:
Chefredaktor Daniel Dunkel
mit syrischen Flüchtlingskindern
in Jordanien, 2014.
Die «Schweizer Familie» hilft Kindern
in Not. Gemeinsam mit Unicef Schweiz
führen wir jedes Jahr im November die
«Sternenwoche» durch – eine humanitäre Aktion, an der Tausende von Kindern in der Schweiz für hilfsbedürftige
Kinder in der Welt sammeln.
2014 unterstützte die «Sternenwoche»
den Bau von Schulen und sanitären Anlagen für syrische Kinder in Flüchtlingslagern. Dieses Jahr sammeln
Schweizer Kinder für ihre Altersgenossen in Nepal, wo viele Kinder nicht zur
Schule gehen können und es an Schulgebäuden, ausgebildeten Lehrern und
Unterrichtsmaterial mangelt.
Die Schweizer Kinder beweisen bei ihren Sammel­aktionen viel Einfallsreichtum, Einsatz und Solidarität. Dabei ist
die wertvolle Erfahrung, dass man als
Kind anderen Kindern helfen kann, oft
wichtiger als das Spendenresultat.
Erwachsene können die «Sternenwoche» und den beherzten Einsatz der
Kinder unterstützen, indem sie direkt
auf das Sammelkonto einzahlen.
Herzlichen Dank!
Daniel Dunkel, Chefredaktor
Postkonto: 80-7211-9
Vermerk «Sternenwoche/Nepal»
www.sternenwoche.ch
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Schweizer Familie 48/2015
sagt die Lehrerin. «Weisst du auch, was der
orange Punkt dort zu suchen hat?», fragt
die Lehrerin. «Er zeigt, dass es dort manchmal Erdbeben gibt», antwortet der Bub. So
wie diesen Frühling, als die Erde bebte
und 9000 Menschen ums Leben kamen.
Wie ein Erdbeben entsteht, haben die
Kinder kürzlich erfahren. «Die Erdplatten
verschieben sich», erinnert sich Luana.
«Ein richtig gutes Gefühl»
Die Kinder lernen viel in diesen Vorbereitungslektionen zur «Sternenwoche». Nicht
nur basteln und verkaufen, wie manch einer
es bei einer Sammelaktion erwarten würde.
«Das Thema lässt sich fächerübergreifend in
den Unterricht integrieren», sagt Luzia Bättig, 28, die mit den Schülern seit ein paar
Wochen auch über die nepalesische Kultur,
über die Rechte von Kindern und über Armut diskutiert. Gerade in der Weihnachtszeit würden die Kinder hierzulande mit
Konsumgütern überhäuft, sagt die Primarlehrerin. «Es ist mir ein Anliegen, dass sie
dafür sensibilisiert werden, dass es nicht
allen gleich gut geht, und mit der ‹Sternenwoche› kann ich das aufnehmen.»
Darum war es für sie keine Frage, das
Projekt, an dem sie sich schon früher beteiligt hatte, mit der neuen vierten Klasse
weiterzuführen. Auch die Handarbeitslehrerin der Klasse, Patricia von Däniken,
41, ist ein alter «Sternenwoche»-Hase. Sie
war dabei, als die vorherige Klasse erstmals sammelte, und war begeistert von
der Eigendynamik, die im Klassenzimmer
entstand. «Schon im zweiten Jahr forderten die Schüler von sich aus eine weitere
Teilnahme und entwickelten eigene Bastel­
ideen», erinnert sie sich. Dazu kommt die
spezielle Atmosphäre, die jeweils herrscht.
«Für einmal arbeitet nicht jeder für sich,
sondern es arbeiten alle zusammen, und
jeder bringt seine Stärken ein.»
So wie diesen Nachmittag im Werk­
unterricht. Fay sägt ein Herz aus einem
Stück Holz. «Wir machen Schlüsselanhänger», sagt sie. Andere sind schon weiter, bekleben ihre Formen mit Stoff oder führen
einen Metallring in das kleine Loch im Holz.
Eine knifflige Arbeit. Bellaria probiert und
probiert, doch es will nicht klappen. «Gib
her, ich mache das für dich, dann kannst du
unterdessen noch mehr Formen aussägen»,
sagt Hennes, der in der handwerklichen Arbeit aufblüht. «Es ist toll, dass wir so was
machen dürfen, und erst noch für einen guten Zweck», sagt er. Und Noemi, die neben
ihm steht, fügt an: «Find ich auch, das gibt
mir ein richtig gutes Gefühl.»
Mir geht es gleich, als ich ein paar Tage
später mit Fay in der Küche stehe und einen
Teig auswalle. Oft wollte ich mich mit ihr in
den vergangenen Jahren für die «Sternenwoche» engagieren. Und doch habe ich
mir nie die Zeit genommen, weil unzählige
Verpflichtungen wichtiger schienen. Jetzt
ist meine Tochter die treibende Kraft. Sie
steckt mich an mit ihrem Enthusiasmus.
Will die Mailänderli unbedingt noch vor
dem Geburtstagsfest ihres Urgrossvaters
gebacken haben, um sie den Verwandten
«Ich möchte die Kinder sensibi­
lisieren»: Lehrerin Luzia Bättig (l.).
Schülerinnen bereiten sich auf
die «Sternenwoche» vor (o.).
«Jedes Kind bringt
seine Stärken ein.»
Patricia von Däniken, Werklehrerin
zu verkaufen. «Das bringt noch mehr Geld
ins ‹Sternenwoche›-Böxli», sagt sie.
Ich helfe gern, geniesse nicht nur die
gemeinsame Zeit mit meiner Tochter,
sondern freue mich, dass ihr so viel an der
Hilfe für Nepal liegt. Es berührt mich, wie
viele Gedanken sie sich dazu macht. Nicht
nur über Laxmi, deren Traum von einer
Ausbildung zur Ärztin in Erfüllung gehen
soll. Auch über ihr eigenes Leben. «Ich
wünsche mir, immer frei zu sein», sagt Fay
und legt ein Teigherz aufs Blech. Ich hake
nach, will wissen, was Freiheit bedeutet.
«Tun, was ich will», erwidert sie. «Spielen,
lernen, einen Job finden, der mir Freude
macht.» Und heiraten? «Vielleicht, eines
Tages», sagt sie. «Aber nicht weil ich muss,
sondern aus Liebe.»
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