vor freude weinen

„ VOR FREUDE WEINEN “
Das Zeitintegrationsmodell als Orientierungshilfe in der Persönlichkeitsentwicklung
Dr. Johann Schneider
Institut für Weiterbildung und Beratung Dr. J. Schneider
Walsroder Str. 37, 29614 Soltau, Tel.: +49 05191-3640
www. institut-dr-schneider.de, [email protected]
„Vor Freude weinen“
–- Das Zeitintegrationsmodell als Orientierungshilfe in der Persönlichkeitsentwicklung
Dr. Johann Schneider, IWB, Walsroder Str. 37,
29614 Soltau, www.institut-dr-schneider.de
INHALT
1. Einleitung
2. Die Dynamik des Skriptausstiegs (Ausstiegs aus alten
Verhaltensmustern)
3. Der Zyklus der Skriptauflösung
4. Die Erdung in der Gegenwart
5. Die Vergangenheitsarbeit
5.1. Erinnern
5.2. Erschließen
5.3. Die Wunde heilen
5.4. Noch einmal durch die Schleife gehen
6. Zukunftsarbeit
6.1. Vorstellen
Lebensblume
6.2. Planen
7. Die Gegenwartsarbeit
Umsetzen
Weiterentwickeln
8. Die Integration der Zeiträume
3
4
7
10
11
11
13
16
18
18
19
20
23
24
24
9. Transaktionsanalytische Theorieüberlegungen
zum Zeitintegrationsmodell
26
9.1 der Zeitbezug der Ichzustände
26
9.2 Zeittrübungen und Trübungen der Ichzustände
28
9.3 Die Skriptauflösung unter ichzustandsanalytischer
Betrachtung
30
9.4 Ethos- Pathos- und Logosqualitäten der
Erwachsenenichzustände
31
9.5 Transformation von Eltern- und Kindichzuständen 34
9.6 Entwicklungspsychologische Betrachtung
38
9.7. Der Skriptbegriff
38
9.8 Vertragsarbeit
39
10. Der Zugang zu den Zeitdimensionen mit verschiedenen
Sinnesqualitäten und Bewusstseinsebenen
40
10.1 Das Wahrnehmungs- und Darstellungssystem
40
10.2 Wahrnehmungs- und Darstellungsmuster unter BeRücksichtung verschiedener Modalitäten
40
11. Traumarbeit
44
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1. Einleitung
Charles Dickens lässt in seinem „Weihnachtsmärchen“ dem geizigen und verbitterten
Geschäftsmann Ebenezer Scrooge drei Geister erscheinen, die ihm schließlich dazu
verhelfen, Weihnachten in Verbundenheit mit anderen Menschen zu feiern und zu
genießen: Den Geist der vergangenen Weihnacht, eine weise alte und doch
kindhafte Gestalt, die Scrooge in seine Kindheit zurück führt und ihn die
Entbehrungen und Möglichkeiten erkennen lässt, die er als Kind erlebte; den Geist
der gegenwärtigen Weihnacht, eine dionysische Gestalt, die ihm zeigt, wie die
Menschen, die er kennt, Weihnachten feiern und dabei ihre Verbundenheit genießen;
den Geist der zukünftigen Weihnacht, eine Todesgestalt, die ihn ahnen lässt, wie
sein Tod aussehen könnte und ihn mit seiner Endlichkeit konfrontiert. Scrooge
kommt durch die Begegnung mit den Geistern mit seinem innersten Wünschen nach
Lebendigkeit, Sinn und Erfüllung in Kontakt: Er spürt die Entbehrungen seiner
Kindheit und seine Möglichkeiten und Potentiale, als er in Begleitung des Geistes der
vergangenen Weihnacht sein Elternhaus riecht. Er spürt seinen Wunsch nach
Bezogenheit, Nähe und Spiel als er in Begleitung des Geistes der gegenwärtigen
Weihnacht erlebt, wie die Menschen feiern und spielen. Er ist geschockt als er sieht,
wie sich die Leute noch bevor sein Leichnam kalt ist, seiner Habseligkeiten
bemächtigen und sich überlegen zur Beerdigung zu gehen, da ja vielleicht ein
Geschäft dabei herausspringen könnte. Er ist erschüttert als er im Angesicht eines
Grabsteins, zu dem ihn der Geist der zukünftigen Weihnacht führt, ahnt, dass er ihm
seine eigene Lebensgeschichte vor Augen hält. Und er fleht ihn an: „Wenn ich dies
alles erkenne, ist es denn nicht möglich, dass ich mein Leben verändere ?“
Dickens’
Weihnachtsmärchen erzählt und illustriert in lebendiger Weise die
Erfahrungen von Menschen, die sich auf den Weg machen, ihr Leben zu verändern
und in ihre Hand zu nehmen. Es gilt in der Gegenwart zu leben, die Erfahrungen der
Vergangenheit zu erfassen, an sie anzuknüpfen und die Zukunft heute zu gestalten.
Berne´s Skriptidee1 und die daraus ableitbaren Methoden und Interventionen
beziehen sich auf alle drei Zeiträume: Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Es gilt
sie alle wahrzunehmen, sie miteinander zu verbinden und zu integrieren.
Nehmen wir das Ende vorweg: Nachdem Scrooge von allen drei Geistern besucht
worden war und „daraus seine Lehren gezogen“ hatte, heißt es: Von Geistern wurde
er nicht mehr besucht. Und wenn einer Weihnachten zu feiern wusste, dann war es
Scrooge.
Ich habe im Laufe meiner Arbeit in den verschiedensten Therapie- und
Beratungsansätzen die Betonung einzelner Zeiträume kennen und schätzen gelernt.
Berne´s Skriptidee und Berne´s Vertragsideen mit ihren die Gegenwart betonenden,
die Vergangenheit respektierenden und die Zukunft aufgreifenden Dimensionen
erscheinen mir unter zeitperspektivischen Betrachtungen jedoch als die
umfassendsten Konzepte, die alle Zeiträume umspannen und ganz betrachten. Aus
1
Mit Skript beschreibt Berne (Berne, 1975, S. 42) einen unbewussten, in der Kindheit entwickelten Lebensplan,
der in der Vergangenheit als nützliche Überlebensstrategie diente, in der Gegenwart aber zu Einschränkungen in
der Lebensgestaltung und bei Problemlösungen führt. Als Skriptverhaltensweisen bezeichne ich die
Ausführungen des unbewussten Lebensplans. Mit dem Fachausdruck Skript oder Skriptverhaltensweise
bezeichne ich einschränkende Überzeugungen, Haltungen und Verhaltensweisen.
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den Anregungen der Vertragsideen2 von Berne (Berne 1966, S. 15 ff, Schneider
2000 S. 44ff, Schneider, 2001) und meiner Beschäftigung mit Zeiterfahrung und
Zeiterleben ist über einen Zeitraum von zwanzig Jahren das Zeitintegrationsmodell
entstanden, eine Orientierungshilfe in der Begleitung von Menschen in Lern- und
Entwicklungsprozessen, Therapie, Coaching, Beratung und Supervision.
Ich verwende im Text den Begriff Begleiter oder Begleiterin für die Professionellen,
die Ihre Klienten in verschiedensten Rollen als Berater, Therapeutinnen, Pädagogen,
Erwachsenenbildnerinnen, Priester, Krankenpfleger, Lehrerinnen und und und ... zur
Seite stehen und helfen, ihr Skript aufzulösen und ihr Leben selbstbestimmt und
bezogen zu gestalten.
2. Die Dynamik des Skriptausstiegs3
Der entscheidende Ausgangspunkt das Zeitintegrationsmodell zu entwickeln,
bestand für mich in der Erfahrung und der Erkenntnis, dass Menschen an Stellen, an
denen sie aus ihren alten nicht mehr passenden Lebensmustern (Skriptmustern)
aussteigen neben vielfältigen anderen Gefühlen, mit Freudentränen, Trauer und
Irritation reagieren können. In der Arbeit mit Träumen wurde mir deutlich, dass
Menschen an diesen Skriptausstiegspunkten über heftige und beängstigende
Träume berichten. „In der Nacht nach der angenehmen neuen Erfahrung holte mich
die alte Geschichte wieder ein“, „Ich hatte mich mit meiner besten Freundin getroffen
und mit ihr einen ganzen Tag verbracht. Wir haben uns über unser Leben
unterhalten, über unsere Vergangenheit und wie wir nun heute leben. Es war so
schön und in der Nacht hatte ich Albträume und ich fühle mich noch heute ganz
verstört“ (Zitate von Klienten).
Eine Blockade in der Weiterentwicklung entsteht dann, wenn der Klient seine
Freudentränen in Traurigkeit, Niedergeschlagenheit oder Konfusion erstickt und er
und der Begleiter nicht merken, dass er diese Reaktion genau an der
Skriptausstiegstelle empfindet und es sich um Ersatzgefühle4 für die Freude über die
neue Erfahrung und den verdrängten Schmerz aus der alten Skripterfahrung handelt.
Die Verwunderung über unangenehme Gefühle oder depressive Verstimmungen
genau an Stellen, „wo es einem doch jetzt so gut gehen könnte“, zeigt genau dieses
Phänomen. Ermutigt der Begleiter den Klienten die Traurigkeit zu spüren, bleibt der
Klient trotz intensiver Emotionen im Skriptmuster und im Ersatzgefühl Traurigkeit
hängen. Das emotionale, gedankliche und verhaltensmäßige Knäuel löst sich erst
dann wie ein Gordischer Knoten auf, wenn die Begleiterin dem Klienten hilft, die
darunter liegenden, zum Zeitpunkt der Skriptentstehung und der wiederholten
Skriptausführungen weggedrückten Gefühle, insbesondere Schmerz und Wut
(Empörung) zu erkennen, sie zu spüren, sie auf die Vergangenheit zu beziehen und,
die zum Zeitpunkt des Skriptausstieges zuerst gespürte Freude auf die Gegenwart
zu beziehen.
2
Als Verträge bezeichnet Berne über das übliche Vertragsverständnis hinaus Abmachungen und Vereinbarungen
zwischen Klienten und professionellen Helfern über das Ziel und den Weg der professionellen Hilfe, über den
Rahmen, über den Inhalt und über die psychologische Beziehungsgestaltung.
3
Mit Skriptausstieg bezeichne ich den Zeitpunkt, zu dem jemand ein Skriptmuster verlässt und die Dynamik, die
dadurch in Gang kommt.
4
Als Ersatzgefühle bezeichnet English (English, 1971/72) Gefühle, die statt oder an Stelle anderer
ursprünglicher Gefühle erlebt und gezeigt werden. Sie wurden in der Vergangenheit entwickelt, da die
ursprünglichen Gefühle verpönt waren oder negativ sanktioniert wurden.
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Der Traum und/oder das Trauerersatzverhalten stellt das Steckenbleiben zwischen
Vergangenheit und Zukunft dar, eine Zeittrübung. Wird diese Zeittrübung
aufgehoben, die Zeiträume Vergangenheit und Gegenwart bewusst, voneinander
unterschieden, kann der bewusste Skriptausstieg gelingen. Schematisch dargestellt
lässt sich der Skriptausstieg wie folgt beschreiben (siehe Abb. 1):
(1)
der Klient spürt Freude zu seiner neuen Erfahrung,
(2)
er erkennt die (alte) Verletzung und weiß um (und spürt) den damaligen
Schmerz,
(3)
er weiß um seine Vergangenheit, und die Empörung (Zorn, Wut) aus dieser
Zeit,
(4)
er unterscheidet Vergangenheit und Gegenwart (Zeitenttrübung),
(5)
und geht in der Gegenwart mit der Bewusstheit (s)einer Vergangenheit und
(s)einer eigenen Zukunft weiter.
DER BEWUSSTE SKRIPTAUSSTIEG
2
5
1
3
Vergangenheit
Zukunft
4
Gegenwart
Abb. 1:
Der Skriptausstieg
Die Freude bezieht sich auf die Gegenwart und die erahnte Zukunft, der Schmerz
und der Zorn auf die alte Erfahrung. Die Freudentränen sind körperlicher und
emotionaler Ausdruck des Loslassens der alten schmerzlichen Erfahrung.
Eine Ausbildungskandidatin schrieb nach einer intensiven Phase der beruflichen und
persönlichen Weiterentwicklung eine Darstellung ihres beruflichen Wirkens und ihres
beruflichen Selbstverständnisses. Sie las diese in der Ausbildungsgruppe vor und
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geriet an der Stelle ins Stocken und Weinen, an der sie sich ihrer eigenen
Entwicklung und der Auflösung traumatischer alter Erfahrungen erinnerte und
gleichzeitig ganz im Kontakt mit den neuen „glücklichen“ Erfahrungen war. Sie wirkte
sehr bewegt. Ich sagte ihr, dass ich den Eindruck hätte sie befinde sich im Moment
an einer Stelle, an der sie sowohl mit der Freude über ihre jetzige Erfahrung als auch
mit dem Schmerz über das in der Kindheit erlebte in Kontakt sei. Sie bejahte meine
Sicht, begann tief durchzuatmen setze sich auf, nickte mehrmals nachdenklich
hinspürend und strahlte dann ein Gefühl tiefer Bewegtheit aus. Nach einem
spürbaren deutlichen Verweilen setzte sie dann mit tiefer, kräftiger und
wohlklingender Stimme ihre Darstellung fort. Als sie ihre Darstellung vorgelesen und
Rückmeldungen aus der Gruppe bekommen hatte, betonte sie, dass es ganz wichtig
für sie gewesen sei, diese Gefühle zu spüren und weiter zu gehen.
Sie erinnern sich sicher auch an die bewegenden Szenen, als 1989 in Deutschland
die Mauer fiel und sich die Menschen mit Freudentränen in den Armen lagen, die
Freude über die neue Freiheit empfanden und gleichzeitig mit den schmerzlichen
Erfahrungen aus der Vergangenheit in Kontakt kamen. Den Tränen freien Lauf zu
lassen empfanden sie als Erlösung. Auch Menschen, die keine direkten Verwandten
in den geteilten Teilen Deutschlands gehabt hatten, waren vom Fall der Mauer
emotional betroffen. Sie spürten Freude, Bewegtheit und weinten Tränen, wenn sie
Menschen sahen, die sich in den Armen lagen. Sie erlebten so die Existenz und
Dimension dessen, was C.G. Jung als das kollektive Unbewusste bezeichnet hat.
Eine Klientin verwandte an einer Skriptausstiegstelle die Metapher Schwelle. Sie
meinte, es sei, als möchte sie über eine Schwelle gehen und fühle sich gehemmt.
Sie empfand es als sehr hilfreich, dass ich sie ermutigt hatte den Schritt über die
Schwelle körperlich zum Ausdruck zu bringen (ich hatte sie angeregt und dabei
begleitet, durch den Raum zu gehen und bewusst über die Schwelle zu treten). Ihr
war dazu dann auch ein Bild und die Bedeutung von Schwellen in China eingefallen,
wo diese je nach Höhe einen unterschiedlichen gesellschaftlichen Status bedeuten.
Sie lernte sich selbst wertzuschätzen, gesellschaftlich existente Rollen zu beachten
und von anderen geachtet zu werden.
Der Übergang vom Skript zur Skriptfreiheit wird oft als, Leere, Fremdheit, Irritation
und Unsicherheit, die Skriptfreiheit selbst als sich raumnehmendes, aufregendes,
freudiges, erfülltes, weites und auch ruhiges, lebendiges Gefühl erlebt und
beschrieben.
Halt und Beistand in dieser Schlüsselsituation zu bieten, Leere, Irritation, Fremdheit
und Unsicherheit auszuhalten und auszuloten, in die sich die neue Selbst-Erfahrung
ergießen kann, ist eine sehr bewegende, tiefgreifende und befriedigende Erfahrung
als Begleiter von Entwicklungsprozessen. Nur zu oft und allzu schnell versuchen
sowohl Klienten als auch Begleiter diese ungewohnten Quellensituationen (des
Skriptausstiegs) mit alten gewohnten Mustern zuzuschütten, wenn sie es noch nicht
gelernt haben diese Situationen und sich selbst so (leer, irritiert, fremd, unsicher)
auszuhalten, sich so als Geburtshelfer und Quelle ihres eigenen Selbst zu begreifen
und zuzulassen.
Die Leere stellt den frei gewordenen noch nicht gefüllten Raum dar. Die Irritation
zeigt an, sich neu orientieren zu müssen. Die Fremdheit fordert die Anerkennung des
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Andersseins heraus. Die Unsicherheit schenkt Aufmerksamkeit, um das Neue
achtsam zu gestalten. Mir scheint in unserer Kultur eine Hemmung bezüglich der
Erfahrung „Allein und Verbunden zu sein“ vorzuliegen. Sowohl die familiäre, die
politische als auch spirituelle Selbständigkeit sind wenig erfahren und gesellschaftlich
und kirchlich weitestgehend sanktioniert. Daher ist es auch verständlich, dass sich
Menschen unsicher fühlen, wenn sie diesen Schritt in die Autonomie tun und die
neue Erfahrung machen Selbst-ständig und Verbundensein zu können.
Die emotionale Erfahrung im Moment der Zeitintegration ist eine Innigkeit,
Bewegtheit und Berührtheit und das Erleben ganz selbst und (gleichzeitig) bezogen
zu sein. Dies bedeutet eine Ich-Selbst-Erfahrung in einer Verbundenheit mit
-
sich Selbst,
der Natur in uns und um uns,
den einbezogenen Mitmenschen,
einem größeren Ganzen
(die Erfahrung selbst ganz, heil und Teil eines größeren Ganzen zu sein)
Diese vier Elemente der Verbundenheit oder Bezogenheit können einzeln zu
mehreren oder alle zusammen zum Zeitpunkt des Skriptausstiegs und später als
Grunderfahrung und Grundstimmung erlebt werden.
Haben Begleiter und Klienten eine Wahrnehmung und ein Verständnis für die
Dynamik des Skriptausstiegs entwickelt, entdecken sie interessanterweise auch in
den Traumerfahrungen neben den Darstellungen ihrer Skripterfahrungen die
Darstellung weggedrückter Potentiale und zukunftsorientierter Visionen und
Lösungen.
3. Der Zyklus der Skriptauflösung
Ich habe oben den Skriptausstieg beschrieben, wie er sich spontan oder durch eine
professionelle Begleitung stimuliert ereignen kann und Beispiele dazu aufgezeigt, wie
sie sich in einem längeren Weiterbildungs- und Selbsterfahrungsprozess ereignen
können. Als nächstes möchte ich nun den ganzen Skriptauflösungsprozess
darstellen, den ich in Beratungen und Psychotherapien aber auch außerhalb dieser
Verfahren als spontanen nicht bewusst stimulierten Entwicklungsvorgang beobachtet
habe. Er lässt sich in Teilen und auch ganz beobachten. Er muss nicht nach der jetzt
von mir aus didaktische Gründen dargestellten Reihenfolge ablaufen.
Die Skriptauflösung beinhaltet zumindest in einer tiefenpsychologisch gestalteten
Begleitung für tiefergreifende Skriptmuster in der Regel einen umfassenderen
Prozess (auch die Ausbildungskandidatin im oben aufgeführten Beispiel hatte in
früheren Selbsterfahrungseinheiten ihr „Trauma“ „aufgearbeitet“) :
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Der Klient
1
spürt eine Einschränkung in der Gegenwart,
2
er bewegt seine Aufmerksamkeit zurück in die Vergangenheit,
3
er erkennt die Skriptentstehung und die Wiederholung im heute
(Zeitenttrübung und Ich-Zustandsenttrübung )
4
er spürt die alte Verletzung, den damals empfundenen Schmerz und
andere damals präsente Gefühle
5
er kommt mit den damals weggedrückten Potentialen in Kontakt
6
er erschließt diese Potentiale für die Gegenwart,
7
er erahnt und „sieht“ Möglichkeiten in der Zukunft,
8
er überlegt und plant wie er die „Vision“ umsetzten könnte,
9
er setzt diese in der Gegenwart um,
nimmt so seinen natürlichen Entwicklungsprozess wieder auf,
übt die neue Verhaltensweisen und Haltungen ein und
10
entwickelt sich weiter, indem er den Skriptauflösungsprozess an
Stellen, an denen erneut Skriptmuster auftauchen, wieder durchläuft.
DER SKRIPTAUFLÖSUNGSPROZESS
Stellen wir diesen Prozess auf einer Zeitachse dar, erhalten wir die graphische
Darstellung des Zeitintegrationsmodells (Abb. 2)
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ERINNERN
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VORSTELLEN
2
7
1
1
3
Skript
V
4
9 UMSETZEN
Potenziale
5
G
V
8
ERSCHLIESSEN
PLANEN
ERINNERN
ERSCHLIESSEN
VOSTELLEN
PLANEN
UMSETZEN, EINÜBEN
WEITERENTWICKELN
1
2
3
4
5
6
7
8
9
10
10 Einüben
Weiterentwickeln
6
Vergangenheit
G
Gegenwart
Bewegung
Bewegung
Bewegung
Bewegung
Bewegung
Z
Z
Zukunft
Gegenwart – Vergangenheit
Vergangenheit - Gegenwart
Gegenwart - Zukunft
Zukunft – Gegenwart
in der Gegenwart
Einschränkungsempfindung in der Gegenwart
Erinnern der Vergangenheit
Erkennen der Skriptentstehung (kognitiv, emotional, körperlich)
Erkennen der Skriptwiederholung
Erkennen der weggedrückten Potentiale
Erschließen: Transformation der Potentiale in die Gegenwart (Resourcing)
Vorstellen: Entwicklungsannahme und Vision für die Zukunft
Planen, Ideen und Strategien für die Umsetzung der Vision
Umsetzung der Vorstellungen, Visionen in die Gegenwart und damit
Wiederaufnahme des Entwicklungsprozesses (der Progression)
Einüben der neuen Verhaltensweisen und Weiterentwickeln
Abb.: 2 Das Zeitintegrationsmodell (der Zyklus der Skriptauflösung)
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4. Die Erdung in der Gegenwart
Die Gegenwart ist und bleibt der zentralen Ausgangs- und Umsetzungspunkt einer
Lebensentwicklung oder Veränderung. Von hier aus bewegen wir uns in die
Vergangenheit und die Zukunft hier realisieren und leben wir uns. In der
Entwicklungs- oder Veränderungsarbeit bleiben wir, wenn sie gelingen soll, zum Hier
und Heute und dem aktuellen Umfeld bezogen. Ein indischer Jogalehrer erklärte mir,
dass ein Jogi im Lotussitz meditiere, damit er, wohin und wieweit weg er sich auch in
seinen Empfindungen und Phantasien bewege, er immer die Schwerkraft spüre und
dadurch geerdet bleibe. Für Klienten und Begleiter bleibt das A und O, den aktuellen
Gegenwartsbezug zu behalten, im realen Hier und Heute geerdet zu sein. Aus dieser
Erdung heraus finden alle im folgenden dargestellten und aufgezeigten Vorgänge
und Bewegungen in die Vergangenheit und die Zukunft statt. Der Gegenwartsbezug
und die Erdung bestehen auch in der Beziehung zwischen Begleiter und Klient. Wie
durch eine unsichtbare Schnur bleiben auch bei Regressions- und
Progressionsanalysen (Vergangenheits- und Zukunftserforschung) Begleiter und
Klient in einem aufeinander reagierenden klar wahrnehmenden und denkendem
Kontakt.
Auch sich Erinnern ist eine Gegenwartsaktivität. Unsere Vergangenheit ereignete
sich und wir lebten sie real. Das, was wir erinnern ist eine Schöpfung unseres
gegenwärtigen Bewusstseins. In vielen Beobachtungen und Untersuchungen wurde
erforscht, wie Menschen sich erinnern, wie sie verdrängen, verleugnen, verschieben,
vergessen. Das was uns der Klient von seiner Vergangenheit berichtet, ist seine
heutige Vergangenheitskonstruktion, seine heutige Sicht, sein heutiges Empfinden,
seine heutigen Worte über sein in der Vergangenheit Erlebtes. Die Erinnerung ist
also nicht gleichzusetzen mit dem, was wirklich real geschah. Real Ereignetes und
heute Erinnertes sind zwei Paar Stiefel5.
Auch die Phantasien über die Zukunft finden in der Gegenwart statt, sie sind
Schöpfungen des Hier und Heute. Oft sind professionelle Begleiter, die in
rückschauenden Verfahren gut geübt sind, es nicht so gewohnt mit Zukunftsbildern
zu arbeiten. Mir haben die Worte von Stephen Hawkins als Umdeutungsmetapher
gut geholfen, mich viel selbstverständlicher mit der Zukunft zu befassen: „Warum
erinnern wir uns eigentlich immer nur an unsere Vergangenheit und nicht an unsere
Zukunft?“.
Begleitungsarbeit findet nur in der Gegenwart statt und macht dann Sinn, wenn der
Klient einen aktuellen Gegenwartsbezug behält, geerdet bleibt, und das Vergangene
und Zukünftige in der Gegenwart in die Realität integriert.
Die Gegenwart wird in der Begleitungsarbeit in verschiedenen Variationen Thema:
als Unbehagen und damit Ausgangspunkt zur Weiterentwicklung,
beim Erinnern und Vorstellen
als die Realität, mit der man sich konfrontieren muss
beim Erinnern und Erschließen
5
Wenn Sie über das Wesen der Erinnerung mehr erfahren möchten, finden Sie bei Daniel Schacter
(1999) in seinem Buch „Wir sind Erinnerung“ dazu eine ausführliche Abhandlung.
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als Herausforderung
bei der Entwicklung von Zukunftsbildern (beim Vorstellen)
als Gestaltungsraum in der Skriptfreiheit
beim Umsetzen, Einüben und sich Weiterentwickeln
und Weiterentfalten.
5. Die Vergangenheitsarbeit
Schauen wir uns die Entwicklungsarbeit unter dem Zeitaspekt Vergangenheit an
so gibt es zwei wichtige Bewegungen (siehe Abb. 2, S. 8),
die Bewegung Gegenwart – Vergangenheit, das Erinnern und
die Bewegung Vergangenheit – Gegenwart, das Erschließen.
5.1 ERINNERN
In der Zeitbewegung Gegenwart-Vergangenheit regen wir die Klienten an, zu ahnen,
woher ihre ihnen jetzt hinderlichen (Skript-) Verhaltensweisen kommen. Wir regen sie
an nachzuspüren, hinzuhören, nachzuschauen, zu erinnern. Wir regen sie an, die
aus der Vergangenheit unbewusst in die Gegenwart übernommen Muster
wahrzunehmen,
sie zu erkennen, zu begreifen, zu sehen, hören,
ihnen mit Worten, Bewegungen und Bildern, Tönen Gestalt und Ausdruck zu
verleihen,
sie zu verstehen,
ihnen Bedeutung und Sinn zu geben.
Wir regen sie an, nachzuvollziehen, wann, wo, wie, wofür und für wen sie diese
Muster kreativ als Überlebensschlussfolgerungen6, als Lösungen für die damaligen
Situationen entwickelt haben. Wir regen sie an, Vergangenheit und Gegenwart zu
vergleichen und die Vergangenheit und die Gegenwart als zwei verschiedene
individuelle Zeiträume oder Zeitpunkte ihrer Lebens- und Persönlichkeitsentwicklung
wahrzunehmen und auseinander zu halten. Damit konfrontieren wir eine Zeittrübung
und regen eine Zeitentrübung an.
Ein Klient stellte fest, dass er immer wieder in Beziehungen, insbesondere in
Gruppen in Schwierigkeiten geriet. Er empfand sich selbst als sehr gebremst und
zurückhaltend und stellte nach Rückmeldungen anderer erstaunt fest, dass er
manchmal „überreagierte“ und sehr aufdringlich wurde und dafür von anderen
6
Als „Überlebensschlussfolgerungen“ bezeichnet English (1980 ) die Schlussfolgerungen über das Leben, die
Menschen in ihrer Vergangenheit gezogen haben. Sie entsprechen der Skriptbildung bei Berne (Berne, 1961)
und den Skriptentscheidungen bei Goulding und Goulding (1979, S. 58)
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kritisiert wurde. In der Beratung wurde ihm klar, dass er sich schon immer so erlebte
und er von seinen Eltern und seinem ersten Schullehrer als vorlaut bezeichnet und
seelisch und körperlich bestraft wurde. Er konnte seine innere Zurückhaltung als
Notlösung erkennen, seiner temperamentvollen lebendigen, bewegungsdominierten
Ausdrucksweise Zügel anzulegen, für die weder seine Eltern noch sein erster
Schullehrer Verständnis entwickelt hatten. Obwohl er seine zurückgehaltenen
Phantasien, Empfindungen, Gefühle und Handlungsimpulse ab und zu ausagierte
und dann mit Schlägen und Einsperren in den Keller bestraft wurde, erkannte er jetzt
seine Zurückhaltung als „Überlebensstrategie“ und die Bezeichnung „vorlaut“ als eine
Zuschreibung7und als die Beschreibung der ausagierten Zurückhaltung. Er spürte
(erinnerte) die ihm zugefügten Schmerzen und Beschämungen und seine damals
nicht erfüllte Zuwendung, seinen Zorn und seine Empörung und kam dadurch mit
seiner lebendig zugewandten, temperamentvollen Seite in Kontakt.
Im Erinnern, der Bewegung Gegenwart – Vergangenheit, liegen die Schlüssel
dafür,
die Skriptentstehung zu erfassen,
Skriptentscheidungen und Skriptverhaltensweisen als in der
Vergangenheit
wichtige
(Not-)Lösungen,
Überlebensschlussfolgerungen
oder
Überlebensstrategien
anzuerkennen, zu würdigen und zu achten,
zu erkennen, dass die für die Vergangenheit passenden Muster heute
zu Problemen führen,
die in der Vergangenheit unterdrückten genuinen Bedürfnisse, Gefühle
und
Denkund
Handlungspotentiale
zu
entdecken
und
wiederzubeleben
Gelingt dies, findet der Klient Fragmente seiner Wesenhaftigkeit,
Begabungen, seiner ursprünglichen, urwüchsigen Verhaltensweisen.
seiner
Er ent-deckt Fragmente, Mosaiksteine seiner selbst, die er nach und nach zu einem
Gesamtbild zusammenfügen kann. Er sieht gleichsam Farben in allen Farbtönen,
aus denen er Bilder entwickeln kann. Er hört verschiedenste Töne seiner selbst, aus
denen er ein Klangbild, eine Melodie bilden kann. Er spürt Empfindungen und
Bewegungen seiner selbst, die er zu einem Bewegungsmuster verbinden und einer
Choreographie gleich tanzen kann. Zunächst unverbundene Einzelerfahrungen,
Aspekte, können unter der Betrachtung und Erfahrung von Gegenwart und
Vergangenheit und in ihrem Vergleich neu geordnet werden. Der Klient tritt aus einer
aspektivischen8 Erfahrung und Betrachtung in eine perspektivische Zeiterfahrung ein.
7
Als Zuschreibung bezeichnen wir eine Schlussfolgerung mit der sich jemand unbewusst selbst definiert und
festlegt. Obwohl es sich nur um eine Verhalten handelt, wird es so angesehen, als sei es eine unveränderliche
Eigenschaft.
8
Aspekt, lat. = das Hinsehen, allgemein: Blickwinkel, Betrachtungsweise, Gesichtspunkt. In der Ägyptologie
wird die Kunst der Ägypter als aspektivische Darstellungsform bezeichnet (diese Mitteilung verdanke ich Frau
Dr. Schultz-Wippel, Schneverdingen). Die Künstler stellen in ihren Reliefs alle Einzelteile einer Person oder
eines Gegenstandes so dar, wie man dieses Einzelteil für sich sieht. Ein Tisch wird z.B. mit einem zentrischen
Kreis und drei Beinen dargestellt. Die Tischplatte und die Füße sind nicht aus einem Blickwinkel zueinander
angeordnet sondern jedes Teil aus einem anderen Blickwinkel.
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Er nimmt nicht nur Einzelteile für sich wahr, sondern die Zusammenhänge, die
Verbindungen und ordnet sie in einer eigenen Perspektive „Jetzt blicke ich durch“.
Das Räumlichkeitsempfinden im Skript ist flach. Klienten haben nur einen
Gesichtspunkt, nicht die Freiheit aus verschiedenen Blickwinkeln auf eine Sache
oder aus einem Blickwinkel verschiedene Sachen zu sehen. In der Skriptfreiheit kann
man verschiedene Blickwinkel einnehmen und auch Blickwinkel anderer
nachvollziehen und abwägen und Einzelteile zusammenfügen. Menschen erleben
sich in der Skriptfreiheit Raum greifend, Raum nehmend, Raum schaffend, Raum
gebend. Sie erfahren ihren individuellen Raum und einen gemeinsamen Raum und
ahnen eine Unendlichkeit. Sie erleben sich in verschiedenen Dimensionen
gleichzeitig: Ich, Du, andere, Welt, Kosmos.
Ich nehme an, dass wir in der Skriptfreiheit frei wechseln zwischen aspektivischem
und perspektivischem9 „Sehen“ (Wahrnehmen mit allen Sinnesqualitäten), in der
Skripterfahrung in dieser Freiheit eingeschränkt sind.
5.2. ERSCHLIESSEN
Gleichzeitig mit dem Bewusstwerden alter Überlebensstrategien werden Klienten in
der Regel die dabei weggedrückten primären Empfindungen, Gefühle, Phantasien,
Gedanken und Handlungsimpulse bewusst. Durch das Einfühlen in die der
damaligen Situation angemessenen Handlungsweisen und das Benennen helfen wir
den Klienten, ihre damals weggedrückten Ausdrucksformen, Energien,
Handlungsimpulse, Töne, Bilder, als in Potentialen und gebundene Energien zu
erkennen, sie zu sehen, zu begreifen, auf sie zu horchen. Im nächsten Schritt geht
es dann darum, sie von der Vergangenheit zu entbinden und sie zu sich passend im
Hier und Heute frei zu setzen und zu entfalten.
In unserem Beispiel hatte der Klient die Erfahrung gemacht, als vorlaut bezeichnet zu
werden, wenn er sich äußerte. Er hatte Sanktionen in Form von Isolation und
Schlägen erfahren. Als er seien Vergangenheit anschaute, seine damaligen
Demütigungen und Schmerzen zuließ, stieg in ihm Wut und Empörung auf, er schrie
(in der Therapiesituation) und er befreite sich aus dem Keller, in den er eingesperrt
worden war. Er erkannte, dass er lebendig, temperamentvoll und zupackend war und
die Bezeichnung „vorlaut“ eine Zuschreibung der mit seinem Temperament in ihrer
damaligen Situation überforderten Eltern war. Er spürte seine Lebendigkeit,
Neugierde und Kraft, brachte sie in der Selbsterfahrung in Bewegungsritualen zum
Ausdruck und knüpfte in seinem realen Lebensvollzug an diese Energie an. Statt
sich wie vorher zurückzuhalten und nach langer Zurückhaltung unangemessen
aufdringlich (vorlaut) zu verhalten, begann er seine Bedürfnisse und Wünsche zu
artikulieren und sich konstruktiv zu beteiligen und einzubringen. Er lernte seine
zugewandte, temperamentvolle Seite besonnen zu leben.
Zeitperspektivisch ergibt sich die folgende Kurve (Abb. 3)
9
Perspektive. spätlat. = durchblickend, allgemein: Betrachtungsweise von einem bestimmten Standpunkt aus. In
unserem Falle: Betrachtung verschiedener Einzelteile von einem Standpunkt aus.
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Skript
vorlaut
Potential
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ich
beteilige mich
lebendig
Abb. 3: Erschließen der alten Potentiale
Potentiale zeigen sich hier auch als bisher verdrängte Empfindungen und Gefühle.
Es gilt Empfindungen und Gefühle als physiologische und psychologische Realität
anzuerkennen, sich bewusst zu sein, dass wir als lebendige Wesen nicht nicht
empfinden, nicht nicht fühlen, nicht nicht reagieren können. Gefühle sind
„Spiegelungen erwachter Potentiale“. Die Gefühle zu erschließen heißt, sie zu
spüren, zu begreifen, zu benennen, aus einer vielfältigen Palette von
Handlungsoptionen auszuwählen und sie so entschieden zum Ausdruck zu bringen
(Schneider, 1997, S. 66 und 80).
Klienten sind vielfach „positive“ Erfahrungen, Fähigkeiten und Fertigkeiten aus ihrer
Vergangenheit nicht mehr bewusst. Wir helfen den Klienten durch verschiedene
Erschließungsmethoden wie Träume, Entspannungstechniken, Phantasiereisen,
Musik, Bewegungsarbeit, Konzentrative Bewegungstherapie, Kathathymes
Bilderleben, Hypnose u.a. sich an diese Ressourcen zu erinnern. Wir helfen Ihnen
sich an sie anzukoppeln, sich auf sie und sie auf sich zu beziehen und sie ins Hier
und Heute umzusetzen, zu transformieren, sie hier und heute passend, alters- und
situationsgemäß zu nutzen, Manchmal ist dies eine Entwicklung wie von der Raupe
zur Puppe zum Schmetterling. Die Potentiale sind zunächst winzig klein, wie
Samenkörner, verschüttet und verbuddelt. Oder sie fühlen sich wie ein zartes
Pflänzchen an, wie leise Töne, zarte Farben, feine Gerüche, leichte
Geschmacksempfindungen, sanfte kleinste Berührungen und Bewegungen. Sie
brauchen Pflege, Achtung und Zeit, sich zu entwickeln und zu verwandeln. In der
Regel sind diese Potentiale für die Klienten zunächst verborgen und in den
Skriptverhaltensweisen gebunden. Mit den Skriptverhaltensweisen wurden
Fertigkeiten oder Tugenden entwickelt, die durch die Qual ihrer Zwanghaftigkeit nicht
als wertvoll erkannt werden. Wenn zum Beispiel jemand von seinem Wesen her sehr
einfühlsam ist und diese Einfühlsamkeit dazu nutze seinen Zuwendungsmangel als
Kind durch übergroßes Gefälligsein zu stopfen, hat er ein ihm und anderen lästiges
überfürsorgliches Verhalten entwickelt und vergisst seine eigenen Bedürfnisse. Er
braucht seine Einfühlsamkeit für andere nicht wegzuschmeißen, er muss sie von der
Zwanghaftigkeit befreien und lernen sich auch in sich einzufühlen und auch sich in
seinen Bedürfnissen ernst zu nehmen. Auch andere Antreiberverhaltensweisen10
sind auf der Grundlage angelegter Begabungen entwickelt worden. In den
10
Als Antreiberverhalten beschreiben wir fünf in unserer Kultur vorherrschende zwanghafte Verhaltensweisen:
„Sei perfekt“, „Sei gefällig“, „Sei stark“, „Versuche angestrengt“, „Beil Dich“ (Kahler, 1975, deutsch
nachzulesen bei Schlegel, 1995, S.205 ff)
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Skriptverhaltensweisen verborgen schlummern in der Regel ursprüngliche
Begabungen oder Wesensanteile, die in der Skriptbildung als Notlösungen zu einem
lästigen zwanghaften Verhalten umgewandelt wurden. Die Aufgabe der
Zwanghaftigkeit befreit die Begabungen und lässt die bisher geübten
Skriptfertigkeiten zu befreiten selbst entscheidbaren Tugenden werden.
In Michael Ende´s Erzählung „Jim Knopf und die Wilde Dreizehn“ wird der
Erschließungs- oder Verwandlungsprozess wunderbar illustriert: Jim Knopf würde
den Drachen Mahlzahn, nachdem sie ihn gefangen haben, am liebsten umbringen.
Doch Lukas rät, den Drachen in die Hauptstadt mitzunehmen. Sie hängen ihn an die
Lokomotive und schleppen ihn im Fluss, in dem er zischend abkühlt, in die
Hauptstadt. Dort bringen sie ihn in einen Tempel, in den er eingeschlossen wird. Zum
großen Erstaunen von Jim Knopf verwandelt er sich im Laufe eines Jahres in einen
Drachen der Weisheit.
Was als eingeschlossen wahrgenommen und erschlossen wird, kann zu einem
inneren Schatz und Reichtum werden.
In einer Traumarbeit berichtete eine Klientin von einem Schloss (Palast) in dem sie
sich allein durch zehn Räume bewegte und am Ende wieder auf andere Menschen
traf. Das Alleinsein sah sie zunächst nur negativ, es behagte ihr überhaupt nicht so
allein und einsam zu sein. Als ihr in der Arbeit klar wurde, welcher Reichtum in ihrem
Alleinsein liegt, dass sie sich (auch) allein mit sich wohlfühlen und ihre ureigenen
Begabungen leben und gleichzeitig mit anderen Menschen und dem Ganzen
verbunden zu sein kann, spürte sie, wie sehr sie sich vorher eingeengt und
eingeschlossen hatte. Die Zweideutigkeit des Schlossbildes war beeindruckend. Sie
hatte sich in der Traumarbeit das Schloss erschlossen.
Manche Therapeuten arbeiten bewusst mit den Klienten so, dass sie ihnen
ermöglichen, nicht gemachte übliche Kindheitserfahrungen noch einmal zu erfahren
und auszuprobieren („Rechilding“, Clarkson, 1991, S. 131). Auch Berne empfahl
seinen Klienten sogenannte Erlaubnisgruppen, im Originaltext permission-classes, in
denen sie neuen Verhaltensweisen entdecken, lernen und mit ihnen experimentieren
konnten (Berne, 1975, S. 306). Ich sehe diese Methoden als eine Möglichkeit des
Erkennens weggedrückter Potentiale. Für das Erschließen ist jedoch zusätzlich der
Vorgang der Transformation entscheidend. Es geht darum eine kindhaft oder in der
Vergangenheit natürliche Ausdrucksform in eine „erwachsene“ alters- und
situationsgemäße umzuwandeln.
Eine Klientin bemerkte nach meinem Hinweis, dass sie am liebsten mit beiden
Füssen auf den Boden trampeln und stampfen wollte, als sie mit einem klaren Nein
gegenüber ihrem Chef in Kontakt kam. Wenn sie dieses Verhalten dem Chef
gegenüber zeigen würde, würde sie nicht ernst genommen werden, das war ihr klar.
Also ging es darum diese kindliche in eine ihrem Alter und ihrer Situation gemäße
Ausdrucksform
umzuwandeln.
Sie
fand
nach
längerem
Probieren
(Bewegungsausdruck und in sich Hineinspüren) heraus, dass sie vor den Chef treten
werde und ihm bestimmt und fest sagen werde, was sie nicht wolle und was sie
stattdessen von ihm erwarte. Andere Klienten sprechen von „einen Standpunkt
finden“, „einen festen Standpunkt einnehmen“, „den eigenen Standpunkt vertreten“.
Entscheidend für das Loslassen und Weitergehen ist die Sichtweise und Einstellung,
dass wir Skriptentscheidungen und Skriptverhaltensweisen als damals kluge und
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wertvolle Lösungen wertschätzen lernen. Dann können wir als nächstes auch die
Potentiale dahinter erkennen, sie aufnehmen, an sie anknüpfen und sie für das Hier
und Heute verfügbar machen, erschließen. Es ist als ob wir uns wieder an unsere
eigenen Quellen anschließen und uns aus uns selbst neu schöpfen, uns vom
Lebensstrom tragen lassen, unseren Lebensstrom fließen lassen und mitten aus
unserer Kraft heraus handeln.
Das Erkennen des eigenen Rhythmus, der Kraft des eigenen Wesens, das
Ausprobieren und Entdecken des eigenen Selbst und des Selbst Seins in der Welt
gibt Energie nach vorne für die Gestaltung der Gegenwart und der Zukunft.
Durch die Einsicht und das Erkennen des eigenen Soseins, des eigenen Wesens
und durch das Erkennen des Soseins der Eltern, der Geschwister, der Welt damals
geschieht an dieser Stelle auch der erste Teil der Versöhnung mit der eigenen
Geschichte.
Der zweite Teil der Versöhnung, nämlich der mit den Vorfahren und der Welt über
mehrere Generationen geschieht in einem weiteren in die Zukunftsarbeit
eingearbeiteten Schritt. Die Mehrgenerationenperspektive, wie sie Hellinger (Weber,
19 ?), Weber (Weber, 2000) und Glöckner (Glöckner 1999) herausgearbeitet haben,
kann dort ihren Platz in einer erneuten Schleife durch die Vergangenheit finden.
Die entscheidenden Inhalte und der Sinn des Erschließens, der Bewegung
Vergangenheit – Gegenwart, bestehen zusammengefasst darin,
•
die in der Vergangenheit unterdrückten Potentiale wiederzubeleben und
•
sie für die Gegenwart verfügbar zu machen, um sie alters-, zeit- und
situationsgemäß in der Gegenwart zu leben;
•
sich an die Vergangenheit anzukoppeln und die Tradition dem eigenen Wesen
und der heutigen Situation gemäß selbst gestaltend fortzusetzen,
•
sich in die Tradition zu stellen und als ein Glied in einer langen Kette von
Generationen zu begreifen.
5.3. Die Wunde heilen
Ich möchte an dieser Stelle eine Idee über Vergangenheitsarbeit ansprechen, die
Begleitern und Klienten oft nicht bewusst ist. Häufig begegnete ich Klienten und
Begleitern, die die unausgesprochene Sehnsucht oder Überzeugung mit sich tragen
und so handeln, als könne man die Vergangenheit in dem Sinne aufarbeiten, dass
die damals gemachten und ins Heute übernommenen Erfahrungen ausgelöscht
werden könnten und niemals mehr auftauchen. Das ist ein nachvollziehbarer und
verständlicher Wunsch, den wohl jeder Mensch von sich kennt. Die Erfahrung zeigt
jedoch, dass dies nur bei relativ wenig gewichtigen Erfahrungen möglich ist, für
Schlüsselerfahrungen oder Schlüsseltraumata jedoch nicht zutrifft. Wer denkt, es
ginge doch, begibt sich an einer Stelle erneuter Skripterfahrung oder Krise wieder in
eine Begleitung und meint, wenn er nur genügend die Vergangenheit „bearbeite“
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oder aufarbeite, würde er das Problem lösen. Unterliegt der Begleiter dem gleichen
Trugschluss oder fordert er seine Klienten dazu auf, entsteht ein beiderseitiges
angestrengtes jedoch vergebenes Ringen und Mühen. Wir können die damals
erlittenen Wunden„nur“ abheilen lassen. Es wird eine Narbe bleiben, die wir
manchmal durch äußere oder innere Reize wachgerufen spüren wie Körperliche
Narben bei einem Wetterwechsel. Unsere Geschichte bleibt spürbar. Unsere
Vergangenheit können wir nicht ungeschehen machen. Es macht keinen Sinn eine
Narbe erneut und erneut herauszuoperieren, es wird immer eine Narbe bleiben. Das,
was wir damals von „Eltern“ oder dem Schicksal nicht bekommen haben, werden wir
in dieser Form von ihnen oder anderen Menschen, auch Therapeuten, Beratern,
Seelsorgern, Lehrern und anderen Bezugspersonen nie mehr bekommen können.
Wir können uns heute leben und die Bedürfnisse und Wünsche Situations- und
altersgemäß umsetzen und die jetzigen Beziehungen genießen und uns einlassen.
Dabei lernen wir die Sehnsucht auf die Liebe, die wir von unseren „Eltern“ nicht
bekommen haben, aufzugeben. Schellenbaum nennt dies den „Verzicht auf zu späte
Elternliebe“ und er schreibt: „Elternliebe kann nicht erzwungen werden. Hat sie
gefehlt, bemüht sich die Tochter oder der Sohn manchmal ein Leben lang, sie zu
gewinnen, nicht nur von den leiblichen Eltern, die vielleicht längst tot sind, sondern
von allen Bezugspersonen. So bleibt er (oder sie) abhängiges Kind und verhindert
seine Entwicklung.“ Und zum Verzicht merkt er an, dass „dieser notwendige
Prozess“. nicht mit „einem bloßen Willensakt zu bewältigen ist“, sondern „der Einsicht
von bisher unbewussten Zusammenhängen“ ...“entspringt“ (Schellenbaum, 1991, S.
68).
Erschließen wir uns also unsere Energie und Potentiale, verzichten auf die
Elternliebe, die wir so nie mehr erhalten können, versöhnen uns mit unserer
Geschichte und lassen uns auf unsere aktuellen Beziehungen in einer erwachsenen
zeitgemäßen Form ein.
Eine Klientin bemerkte zwei Freundinnen gegenüber Gefühle von Eifersucht, Neid
und Missgunst. Im Beratungsgespräch fand sie heraus, dass diese Gefühle mit ihrer
Kindheitssituation zusammenhingen. Sie hatte zwei Schwestern und ihre Mutter
hatte deutlich zum Ausdruck gebracht „eine ist zuviel“ . Sie fand heraus, dass sie
sich wie in der Kindheit zurückzog, so ihre Kontaktbedürfnisse nicht befriedigte und
die alte Erfahrung wiederholte. Es wurde zudem deutlich, dass sie von ihren
Freundinnen zusätzlich auch das wollte, was sie von ihrer Mutter nicht bekommen
hatte. Nachdem sie mit dem Verzicht auf Elternliebe in Kontakt war, konnte sie die
Sehnsucht als den Wunsch nach Elternliebe entschlüsseln und sie schließlich im
Bezug auf ihre Freundinnen hinter sich lassen. Stattdessen setzte sie ihre Kontakt
und Zuwendungswünsche in spielerisch lustvoller, „erwachsener“ Form um. Sie
lernte die Freundinnenebene zu genießen und für die alten Traumata und Gefühle
ihren Therapeuten und die GruppenteilnehmerInnen als Zeugen und
Gesprächspartner zu haben, bis die Wunde abgeheilt war.
Eifersucht
Neid
Missgunst
Kontakt
Zuwendung
miteinander
Spaß haben
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Abb. 4: Erinnern und Erschließen der Kontaktwünsche
5.4 Noch einmal durch die Schleife gehen
Kommen Menschen in Stress und Wandlungssituationen (Krisen) mit alten
Erfahrungen (Wunden, später Narben) in Kontakt, hilft es, bewusst den alten
Schmerz zuzulassen, die Vergangenheit zu würdigen und wieder ins hier und heute ,
einmal durch die Vergangenheitsschleife, zu gehen, wie ich es oben beim
Skriptausstieg beschrieben habe. Menschen verharren weiter in der Skripterfahrung,
wenn sie so tun als dürften sie nach der Devise „ein Indianer kennt kein Schmerz“
die Narbe nicht mehr spüren und ihre (auch schmerzliche) Vergangenheit leugnen.
Lassen sie die Schleife mit all ihren Erinnerungen und Gefühlen bewusst zu, wird sie
in immer kürzerer Zeit durchlaufen und verliert ihre alte Kraft und ihre dramatische
Ausgestaltung. Die Vergangenheit wird entdramatisiert und der Mensch kann weiter
gehen, sich der Gegenwart und der Zukunft zuwenden.
V
Z
G
Abb. 5: Lösung von der Vergangenheit durch „Noch einmal durch die Schleife gehen“
Wie oben beschrieben bleibt der Dreh- und Angelpunkt in der Arbeit mit Klienten die
Gegenwart: Beim ERINNERN zum Vergleich zwischen der Vergangenheitserfahrung
und der tatsächlichen heutigen Erfahrung, beim ERSCHLIESSEN zum Vergleich der
damaligen Gegebenheiten mit den tatsächlichen gegenwärtigen Gegebenheiten und
Herausforderungen. Hier helfen wir den Klienten ihre Strebungen zeit-, situationsund altersgemäß zu erfassen und umzusetzen.
Die oben genannte Klientin erkannte, dass sie jetzt freundschaftliche Beziehungen
leben möchte und keine kindlichen Abhängigkeiten. Sie entdeckte Differenzierungen
und
Unterschiede
in
Beziehungen
wie
Partnerschaft,
Freundschaft,
Geschäftspartner, Mitarbeiter, Bekannte und entwickelte passende selbständige
Formen von Beziehung.
6. Zukunftsarbeit
Unter der Zeitperspektive Zukunft unterscheide ich es zwei Bewegungen
(siehe Abb. 2, S. 8),
die Bewegung Gegenwart – Zukunft,
in der wir Ideen, Visionen, Vorstellungen über Zukunft entwickeln, und
die Bewegung Zukunft – Gegenwart, in der wir planen, um unsere
Vorstellungen zu realisieren.
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6.1 VORSTELLEN
In der Bewegung Gegenwart – Zukunft ist das Annehmen der immer stattfindenden
Entwicklung und das Entwerfen und Entwickeln von inneren Bildern und Visionen
von herausragender Bedeutung. Wir brauchen hier Zeit zum Träumen und Zeit, die
Träume zu besprechen. Wir brauchen Mut, Neugierde, Intuition und Raum und Zeit
für uns allein und Kontakt mit Menschen, die uns dabei begleiten, um uns wirklich zu
uns selbst kommen zu lassen. Wir brauchen Zeit und Muße, uns unseren inneren
spontanen Bildern hinzugeben, ihnen einen Phantasieraum zu erschließen und ihnen
in Bildern, Skizzen, Worten, Klängen und Bewegungen Ausdruck zu verleihen.
Häufig ist die Entwicklung von Zukunft, ein nicht gewohnter, wenig beschrittener,
vielleicht auch negativ sanktionierter Weg. Menschen geraten in Krisen, weil sie
anstehende Herausforderungen noch nicht begriffen oder nicht in Angriff genommen
haben. Eine Auswirkung davon, uns den äußeren und in uns schlummernden
Entwicklungsherausforderungen nicht zu stellen, sind körperliches seelisches und
soziales Unbehagen und Krankheiten. Viktor von Weizsäcker, betrachtet
psychosomatische
Erkrankungen
als
Ausdruck
nicht
angenommener
Entwicklungsherausforderungen. Die Krankheit hat nach seiner Ansicht die Funktion,
die Weiterentwicklung an- und aufzunehmen (Weizsäcker, 1949). Er greift damit
auch C.G. Jungs Vorstellungen auf, der Neurosen nicht nur als aus der
Vergangenheit stammende Entwicklungen, sondern als nicht aufgenommene
Entwicklungsaufgaben sieht.
Zur Inanspruchnahme des eigenen inneren Phantasiereichtums ist Vorraussetzung,
magisches Denken zu kennen und es, wenn es auftaucht aufzulösen. Es ist hilfreich
zu wissen, dass Phantasien nicht gelebte äußere Wirklichkeit zu werden brauchen
und sie es in der Regel auch nie genauso werden (Schneider, 2000, S. 162).
Phantasie und gelebte Realität sind zwei verschiedene Bereiche. Wenn Menschen
das verstanden haben, wird die Phantasie zu einer sprudelnden Quelle ihrer
Kreativität.
Man kann Zeitetappen visualisieren oder das ganze restliche Leben in einer
Sterbephantasie oder Grabsteinphantasie vor das innere Augen treten lassen.
Berne hat vielfältige Fragen in dieser Richtung in einer Skriptcheckliste angeregt
(Berne, 1975, S. 354). Phantasiereisen regen Klienten an, sich wirklich auf sich zu
besinnen, für sich zu definieren, was ihnen in ihrem Leben wichtig ist und ein
bewusstes Lebenskonzept11 zu entwickeln.
Zukunftsvorstellungen entwickeln wir tagtäglich, an Lebensweichen, bei der
Auflösung von Krisen. Wir steuern kleine und größere Ziele an, sind dabei immer auf
dem Weg. Glücklich und erfüllt scheinen Menschen zu leben, die sich tagtäglich und
auch an den sogenannten kleinen Dingen freuen können, mit sich im Fluss sind.
Insofern geht es bei der Entwicklung von Zukunftsvorstellungen um die „kleinen“ und
„großen“ Dinge und darum, auf dem Weg zu sein.
Wir entwickeln Zukunftsvorstellungen durch Besinnung, wie ich sie oben dargestellt
habe und durch Fragen wie z. B. die klassischen Vertragsfragen von Berne: „Was ist
11
Ich benutze den Begriff Lebenskonzept für bewusst geübte Vorstellungen über die Zukunft und grenze das
Lebenskonzept als bewusst und konstruktiv von Skript als unbewusst und destruktiv ab.
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Dein Ziel?“ „Woran werden andere und Du erkennen, dass Du Dein Ziel erreicht
hast?“ (Schneider, 2001, S. 66).
Nach längeren Beobachtungen von persönlichen Entwicklungsprozessen wurde mir
deutlich, dass in der Zukunftsbewegung die Erkundung, Entwicklung und Festigung
eigener Werte ansteht. Sie stellen entscheidende Schrittmacher für die
Weiterentwicklung zu einer reifen Persönlichkeit dar. Es gilt, eigene Werte von
übernommenen Werten zu unterscheiden, übernommenen Werte zu reflektieren,
auszusondern oder umzubauen und zu integrieren. Es gilt neue Werte zu entwickeln.
Dies bleibt ein Leben lang eine immer wieder anstehende Herausforderung und
Aufgabe.
Begleiter sind gewohnt, ihre Klienten zu fragen, was sie möchten, was ihnen Spaß
und Freude bereiten würde, wozu sie Lust haben. Hier sind zusätzlich Fragen wie
„Was ist dir wichtig?“, „Was ist für Dich wertvoll?“, „Welche Werte lebst Du, welche
wären dran zu leben?“, „Welche Werte möchtest Du vertreten“, „welches sind deine
wichtigsten Werte?“ „welche Werterangfolge hast Du?“, „Was musst Du aus Dir
heraus tun oder lassen, um Dir selbst gerecht zu werden?“ angebracht. Die
Integration aus Wünschen, Wollen, Spaß und Verantwortungsbewusstsein und Ethik
ist hier als Entwicklungsaufgabe angezeigt.
Beim Blick nach vorne, werden so manchmal wieder Blicke nach hinten notwendig,
wenn Hemmungen in Form von Wertevorstellungen auftauchen. Wir durchlaufen
dann mit der Fragestellung Werte wieder die Schleife mit Erinnern und Erschließen
Vorstellen. Unsere Aufmerksamkeit richtet sich auch auf die Vorstellungen und
Werte, die unsere Vorfahren hatten. Hier eignet sich auch die Beachtung mehrerer
Generationen und das Stellen von Organisationen und Familien, um ein Verständnis
für die Werteentwicklung und die Aussöhnung mit der eigenen Tradition zu
vermitteln. Hierbei ist die Werteabwägung und -entwicklung durch den Klienten
selbst der wesentlicher Bestandteil der Autonomieentwicklung. Allzu oft stülpen
professionelle Begleiter den Klienten unbewusst und unreflektiert ihre eigenen Werte
über und behindern diesen wesentlichen Schritt zu einem autonomen12, nämlich
selbstbeurteilenden und selbstwertenden Menschen, der seine eigenen Gesetze hat
und kennt.
Die Beachtung der bewussten Ausgestaltung verschiedener Lebensbereiche und
Rollen zu verschiedenen Lebenszeiten sind mir dabei zu einem wichtigen Konzept in
der Begleitung der Zukunftsarbeit von Menschen geworden. Ich stelle dieses
Konzept graphisch mit dem Bild „Lebensblume“ dar.
Die Lebensblume
Eine Klientin ist mit ihrer Lebenssituation unzufrieden, sie möchte sie klären und
herausfinden, wie sie ihre Mutterrolle leben könnte. Bei der Schilderung ihrer
Unzufriedenheit wird deutlich, dass sie es bisher nicht gewohnt ist, letztendlich
unabhängig von einem Arbeitgeber oder ihrem Ehemann ihre eigenen Rollen,
Bedürfnisse und Wünsche zu erkennen und zu leben. Sie erkennt, dass ihr an dieser
Stelle die eigene Sicherheit fehlt, sich eindeutig zu definieren. Stattdessen „rasselt
sie mit ihrem Mann zusammen“, wenn er von seiner Arbeit kommt und sie beide
bedürftig sind. Mit Erstaunen stellt sie auf mein Nachfragen fest, dass dies nicht
12
von griechisch: autos = selbst und nomos = Gesetz
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„passiert“ wenn sie sich selbst klar definiert hat und sich ihrer Wünsche und
Ansprüche sicher ist. Davon ausgehend biete ich ihr an ihre gesamte jetzige
Lebenssituation daraufhin anzuschauen, was ihr jetzt in ihrem Leben wichtig ist. Sie
findet die Bereiche: Familie (Mutter, Partnerin), Freunde/innen, Tiere und Reiten,
Malen und Töpfern, Ausbildung (Besinnung, Lernen), Ursprungsfamilie (Tochter,
Schwester), Beruf, Politisches und Spirituelles.
Ich male diese Bereiche nacheinander wie Blütenblätter an die Tafel und verbinde
sie zu einer Blume (siehe Abb. 6).
Manchmal male ich die Grundbedürfnisse (Schneider, 1997, S. 68) in den Boden.
Die Blume kann sich nur entfalten, wenn die Grundbedürfnisse beachtet werden und
auch in den Entfaltungsbereichen vorkommen.
Ins Zentrum male ich den Blütenblattboden als Ich oder Ich-Selbst oder Selbst.
Familie,
Mutter,
Partnerin
Freunde
UrsprungsFamili
e
Beruf
Selbst
Politik
Malen
Töpfern
Tiere
Reiten
Ausbildung
Besinnung
Lernen
Spiritualität
Grundbedürfnisse
Abb. 6:
„Die Lebensblume“ zur Veranschaulichung verschiedener Lebensbereiche
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Die Größe der Blätter kann verändert werden. Sie zeigen den Umfang der
verschiedenen Bereiche. Oft sind Klienten ob der Visualisierung erstaunt,
insbesondere dann, wenn jemand z. B. ein sehr großes Blütenblatt für den Beruf und
noch ein mickerig kleines für seinen Privatbereich hat (siehe Abb. 7).
Beruf
Privat
Abb. 7:
„Lebensblume“ bei großem Ungleichgewicht zweier Bereiche
und fehlenden anderen Bereichen
Es kommt darauf an, die Klienten wirklich neugierig explorierend zu befragen und
ihnen zu helfen, ihre eigenen Bedürfnisse, Wünsche und Werte herausfinden zu
lassen. Bewusst male ich auch manchmal noch keimende Blütenblätter, die sich erst
noch entfalten werden. Ich erzähle, dass Blumen wachsen, Blütenblätter vergehen
und neue kommen, wie auch in jeder Lebensphase verschiedene Bereiche wichtig
sind und in ihrem Ausmaß und Gewicht variieren, sich entfalten und vergehen.
In Coachings habe ich mit einer anfänglichen Einteilung in drei Lebensbereiche sehr
gute Erfahrungen gemacht: Beruf, Familie und Freunde, Allein. Insbesondere der
Bereich für sich selbst, für sich allein zu sein ist häufig unterentwickelt (Abb. 8).
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Familie
Freunde
Beruf
Allein
Abb. 8:
Lebensblume mit drei Lebensbereichen
Ich möchte an dieser Stelle ausdrücklich dazu ermutigen, sich auch bei der
Werteentwicklung als Begleiter für die Klienten zu sehen und ihnen dabei zu helfen
ihre eigenen Werte selbst für sich herauszufinden und zu definieren. Wie ich oben
schon angemerkt habe, entsteht an der Stelle des Skriptausstiegs ein Gefühl der
Leere, das es auszuhalten und vom Klienten selbst auch mit einer Werteentwicklung
auszufüllen gilt.
Versöhnung gelingt nach meiner Erfahrung tiefgründig erst hier, nachdem Klienten
sich definiert und eine Zukunft vor sich haben, aus sich selbst heraus leben und
wissen, wer sie sind und wer sie werden können. Sie können sich sinnbildlich bei
ihren Eltern aus ihrer eigenen Lebensfreude, der Freude an ihrem Leben, heraus
dafür bedanken, dass sie ihnen ihr Leben geschenkt haben, egal wie diese Eltern
waren, egal wie sie sich ihnen gegenüber verhalten haben (Weber, 199? , S. ?).
Wenn sie eine sehr traumatische Geschichte erlitten haben, können sie ihre Eltern
an dieser Stelle zumindest als ihre leiblichen Eltern annehmen. Denn nun wissen sie
um ihre Vergangenheit, ihre Gegenwart und Zukunft, sie spüren ihre Potentiale und
definieren sich selbst. Sie schöpfen sich aus sich selbst in der Verbundenheit mit
anderen Wesen, der Natur und einem größeren Ganzen.
6.2. Planen
In der Bewegung Zukunft – Gegenwart klopfen wir unsere Phantasien, Entwürfe und
Zukunftsbilder auf ihre Realisierung hin ab. Wir vergleichen, prüfen, rechnen,
erfinden für unsere Visionen reale Gestaltungsmöglichkeiten, wir planen.
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Planen geschieht in vielfältiger Form. Der wesentliche Kern des Planens ist
schöpferisches Handeln, das die realen Gegebenheiten und die Zukunftsbilder ganz
zulässt und miteinander in einem Spannungsbogen verbindet. Der Akt des Planens
ist mit dem Bogenschiessen vergleichbar: Planen ist wie einen Bogen spannen und
den Pfeil auf das Ziel ausrichten.
Zum Planen brauchen wir Zeit, Papier, Bleistift, Radiergummi, Farben, Musik oder
Stille, Bewegung in passender Form (Spaziergänge, Wanderungen in der Natur,
Tanzen, Sitzen und Meditieren, Hinwendung zu Kunst), klare Luft und klares Wasser
und einfache Nahrungsmittel. Aus dieser Atmosphäre heraus können wir Visionen
und Pläne entwickeln.
Nach der Klärung ihrer verschiedenen Lebensbereiche und Rollen (mit Hilfe der
Visualisierung „Lebensblume“) und der Bewusstheit und Bestimmtheit ihr Leben, „wie
in der Provence“ zu genießen, war es für eine Klientin sehr hilfreich, ihre
verschiedenen Lebensbereiche in Rollen13 aufzuteilen und von diesen ausgehend
ihre ihr zur Verfügung stehende Zeit zu planen.
Nicht der Plan selbst ist Maßstab für die Gestaltung der Zeit, sondern die Klientin mit
ihren Wünschen, Werten und Vorstellungen ist Maßstab für den Plan. Sie entwirft
den Plan, definiert ihre Lebensbereiche und Rollen und füllt sie in der Umsetzung
aus.
7. Die Gegenwartsarbeit
Der nächste Schritt ist, das Vorgestellte und Geplante umzusetzen, den Pfeil
abzuschießen (Abb. 2). Bei vielen neuen Verhaltensweisen ist dabei ein bewusstes
und geduldiges Einüben auch eine begleitende Unterstützung, Ermutigung und
Bestärkung notwendig. Weiterbildungsgruppen oder Einzelbegleitung über einen
längeren Zeitraum bieten hier eine verlässliche Unterstützung. Erst allmählich
werden die neuen Verhaltensweisen vertraut, stimmig und rund. Sie stellen immer
wieder eine neue Kreation im Hier und Jetzt dar. Genau genommen schaffen wir
jeden Empfindungs- , Fühl-, Denk- und Verhaltensprozess in jeder Situation neu, nur
dann sind wir aktuell im Hier und Jetzt mit der Bewusstheit unserer Geschichte und
unserer Zukunft.
An manchen Stellen tauchen wieder Skriptinhalte oder Skripteinladungen auf, dann
gilt es den Skriptauflösungsprozess wieder zu durchlaufen weiter zu ent-wickeln und
weiterzugehen.
8. Die Integration der Zeiträume
Wenn wir die verschiedenen Zeitaspekte miteinander verbinden, durch die Zeiträume
schreiten, sie spüren und abwägen, integrieren wir. Wir entwickeln aus der
aspektivischen die perspektivische „Sicht“. Die Grundelemente der Bewegung durch
die verschiedenen Zeiträume verbinden sich zu einem Tanz, einer liegenden Acht,
der Unendlichkeitsschleife. Dreh- und Angelpunkt bleibt der Gegenwartsbezug.
13
Zeitplanung nach Rollen vorzunehmen las ich bei Covey (1992, S. 162 )
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Bewusst, vorbewusst oder unbewusst, zumindest im nächtlichen Träumen,
durchlaufen wir wieder und wieder diese Unendlichkeitsschleife und bewegen uns
gleichzeitig fort .
Erinnern
Vorstellen
UMSETZEN
V
Z
G
Erschließen
Planen
Abb. 9: Die Fortbewegung in der Unendlichkeitsschleife
Unter diesen Gesichtspunkten betrachtet, braucht eine gelungene Begleitung alle
Zeitbewegungen und eine Integration. Dies kann man auf eine einzelne Einheit
und/oder eine gesamte Begleitung beziehen.
In (Vertrags-) Fragen ausgedrückt lassen sich alle Zeitdimensionen (Schneider,
2001) wie in Abb. 10 dargestellt erfassen:
Erinnern
Wie haben Sie sich bisher
daran gehindert, das Ziel zu
erreichen?
Was haben Sie bereits
unternommen, was Sie dem
Ziel näher gebracht hat?
Welche Möglichkeiten,
Fähigkeiten stehen
Ihnen bereits zur Verfügung?
Erschließen
Abb. 10:
Was ist Ihr
Anliegen/
Unbehagen/
Thema?
Vorstellen
Was ist Ihr Ziel?
Woran werden Sie, andere
und ich erkennen, dass Sie
Ihr Ziel erreicht haben?
Was werden Sie
unternehmen, um ihr Ziel zu
erreichen?
Wie werden Sie Ihr Ziel,
Ihren Plan umsetzen?
Planen
Vertragsarbeit und ihre Zeitdimensionen
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Für mich hat sich die Visualisierung von Entwicklungsprozessen in der Bewegung
durch die verschiedenen Zeitdimensionen als sehr hilfreich erwiesen. Mit der Idee
der Integration der Zeiträume und der Entwicklung vom aspektivischen zum
perspektivischen Schauen entstand das Zeitintegrationsmodell. Mit ihm als
Orientierungshilfe kann ich mich und den Klienten beobachten und mir bewusst
werden, in welchen Bewegungen ich den Klienten begleite, welche er mir anbietet,
zu welchen ich ihn anrege.
In der Begleitung persönlicher Entwicklungsprozesse ist manchmal die Betonung
einzelner Zeiträume und Teilschritte passend. Ich habe allerdings den Eindruck, dass
idealerweise für ein Thema in einer Sitzung eine ganze Bewegung durch alle
Zeiträume das beste ist. Die vollständige Bewegung durch alle Zeiträume ergibt eine
runde Bewegung einen vollen Klang, ein ganzes Bild. So ist es nach meinem
Geschmack.
Ich komme zum Ende und möchte Charles Dickens sprechen lassen.
Wie heißt es bei ihm am Ende seines Weihnachtsmärchens über den Kaufmann
Ebenezer Scrooge, der den Besuch von den Geistern bekommen hatte?
Scrooge war noch besser als sein Wort. Er tat, was er sagte, und unendlich
viel mehr.....
Manche Leute lachten, als sie diese Veränderung an ihm wahrnahmen, aber
er ließ sie lachen und kehrte sich nicht daran, denn er war klug genug, um zu
wissen, dass auf diesem Erdball nie etwas Gutes geschehen ist, ohne dass
nicht gewisse Leute zu Anfang darüber gelacht hätten. Und da er wusste,
dass solche Menschen irgendwie blind waren, so fand er es ebenso gut, wenn
sie ihre Augen zum Grinsen verzogen, wie wenn sie diese Krankheit in noch
weniger anziehenden Formen zeigten. Sein eigenes Herz lachte und das
genügte ihm.
Er hatte keinen weiteren Verkehr mehr mit Geistern... und man sagte ihm
stets nach, dass er wisse wie man Weihnachten feiern müsse, wenn
überhaupt ein lebender Mensch das Wissen besitze.
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9. Transaktionsanalytische Theorieüberlegungen
zum Zeitintegrationsmodell
9.1. Der Zeitbezug der Ichzustände
Zur Unterscheidung von Verhaltensweisen aus der Vergangenheit und der
Gegenwart entwickelte Berne die Ichzustandstheorie (Berne, 1991 (1957), 2001
(1961), 1975 (1972)).
Menschen empfinden und erleben sich manchmal wie in ihrer Vergangenheit (wie
früher als Kind oder Erwachsene r) oder als wären oder verhielten sie sich genauso
wie andere Menschen, die sie aus ihren Leben kennen (wie z.B. ihre eigenen Eltern),
oder sie empfinden sich einfach als stimmig oder authentisch im Hier und Heute.
Solche Empfindungszustände zu einer bestimmten Zeit bezeichnete Berne als
Ichzustände. Ein Ichzustand lässt sich als ein in sich zusammenhängendes
Empfindens-, Fühl-, Denk- und Verhaltensmuster beschreiben. Berne unterscheidet
drei Kategorien von Ichzuständen: Erwachsenenichzustände, Elternichzustände und
Kindichzustände. Diese Ichzustandskategorien nennt er auch „Elternteil“,
„Erwachsene r“ oder „Kind“ einer Person (Berne, 2001, S: 29).
Verhält sich also jemand stimmig und aktuell zum Hier und Heute, bezeichnen wir
diese Verhaltensweise als einen Erwachsenenichzustand. Verhält sich jemand jetzt
in einer Verhaltensweise, die er früher (als Kind aber auch später, in der
Vergangenheit) selbst entwickelte, bezeichnen wir diese als einen Kindichzustand.
Übernimmt jemand eine Verhaltensweise von anderen Personen und verhält sich
jetzt so, bezeichnen wir diese als einen Elternichzustand.
Verhaltensweisen von Menschen können nach dieser Kategorisierung mit
Erwachsenenichzuständen, Elternichzuständen und Kindichzuständen beschrieben
werden. Das dazu gezeichnete Ichzustandsmodell (Abb. 11) nennt Berne
Strukturmodell (Berne, 2001, S. 27ff).
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„Elternteil“
„Erwachsene r“
„Kind“
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Elternichzustände
Erwachsenenichzustände
Kindichzustände
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von anderen Personen aus der
Vergangenheit übernommene
Verhaltensweisen
Hier und Jetzt auf die Gegenwart
abgestimmte, neu geschaffene
oder auf den neuesten Stand
gebrachte Verhaltensweisen
in der Vergangenheit selbst
entwickelte, jetzt wiederaufgelegte
Verhaltensweisen
Person
Abb. 11:
Strukturmodell der Ichzustände modif. nach Berne, 2001, S. 43
Die Fragen, die sich mit dem Strukturmodell der Ichzustände stellen lassen, sind:
1. „ist die Verhaltensweise aktuell passend und stimmig, also gegenwartsbezogen relevant?, oder
2. stellt die Verhaltensweise eine Übernahme aus der Vergangenheit dar und
ist hier und jetzt hinderlich zur Lösung des anstehenden Themas
3. „Wie wurde die Verhaltensweise entwickelt?“
selbst entwickelt?
übernommen?
Aktualisiert also jemand im Hier und Jetzt früher selbst entwickelte oder von anderen
übernommene Empfindens-, Fühl-, Denk- und Verhaltensmuster, bezeichnen wir
diese als Kindichzustände oder Elternichzustände. Bezieht sich jemand zwar auf
frühere Muster, bringt sie aber auf eine aktuelle heute stimmige und passende Form
oder kreiert eine ganz neue Verhaltensweise so bezeichnen wir diese als
Erwachsenenichzustände.
Stellen wir die Ichzustände auf einer Zeitachse dar so entsprechen Elternichzustände
(abgekürzt EL) und Kindichzustände (abgek. KI) der Vergangenheit,
Erwachsenenichzustände (abgekürzt ER) der Gegenwart mit der Bewusstheit der
Vergangenheit und Zukunft (Abb. 12).
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EL
ER
V
Z
KI
G
Abb. 12 :
Strukturelle Ich-Zustände in der Zeitperspektive
9.2. Zeittrübungen und Trübungen der Ichzustände
Ist einer Person nicht bewusst, dass sie ein Verhaltensmuster aus der Vergangenheit
wiederholt, unterscheidet sie in diesem Moment keine Zeiträume. Ihr zeitlich,
räumliches Erleben ist flach, ein- bis zweidimensional. Sie befindet sich in einer
Zeittrübung.
Werden Menschen die unterschiedlichen Zeiträume vorbewusst, empfinden
sie ein Unbehagen.
Werden ihnen die Zeiträume bewusst unterscheiden sie alte übernommene
Muster von hier und heute aktuell passenden und empfinden innere Konflikte.
Lösen sie die Trübungen auf und handeln hier und heute aktuell mit ihrem
vollen Potential erleben sie sich räumlich.
Das Räumlichkeitsempfinden in der Skriptfreiheit ist drei und vierdimensional.
Menschen erleben sich in der Skriptfreiheit Raum greifend, Raum nehmend, Raum
schaffend, Raum gebend. Sie erfahren ihren individuellen Raum und einen
gemeinsamen Raum und ahnen eine Unendlichkeit.
Ein Erwachsenenichzustand kann durch einen Eltern- oder einen Kindichzustand
getrübt sein, das bezeichnen wir als einfache Trübung; er kann auch durch eine
Elternichzustand und einen Kindichzustand getrübt sein, das bezeichnen wir als
doppelte Trübung (Abb. 13).
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EL
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EL
EL
ER
ER
KI
KI
A
B
KI
ER
C
Abb. 13 : Trübungen eines Erwachsenenichzustandes
Einfache Trübung durch A: einen Kindischzustand,
B: einen Elternichzustand
C: Doppelte Trübung durch einen Eltern- und einen Kindichzustand
Ichzustandsanalytisch betrachtet befinden sich Menschen, wenn sie sich unbewusst
in Skriptverhaltensweisen befinden in getrübten Erwachsenenichzuständen.
Zeittrübungen entsprechen Trübungen von Erwachsenenichzuständen.
Wenn sie sich bewusst in einem Kind- oder/und einem Elternichzustand verhalten,
obwohl sie sich so „eigentlich“ nicht verhalten wollen und gleichzeitig das Gefühl
haben nicht anders zu können, nennen wir dieses Verhalten auch ich–dystones
Verhalten (Berne, 2001, S. 36f). Die Ichdystonie kann einen Skriptzustand und -in
vielen Entwicklungsprozessen sichtbar- einen Übergangszustand zwischen
Skriptgebundenheit und Skriptfreiheit darstellen. Wenn jemandem verschiedene
Ichzustände bewusst und spürbar werden gerät er in innere Ichkonflikte,
Selbstkonflikte und Ich-Selbstkonflikte. Konflikte dieser Art sind von Berne in den
Überlegungen zum Selbst und der ausführenden Macht (Berne, 2001, S. 37ff) und
von Goulding und Goulding in ihren Darstellungen der Engpässe beschrieben
(Goulding und Goulding, 1979, S. 63ff) (siehe Abb. 14).
„Vor Freude weinen“
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EL
ER
Abb. 14:
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EL
Ich-Selbst-Konflikt
ER
KI
KI
a
b
Ich-Selbst-Konflikt
Ichdystonie
a: ein Elternichzustand ist handlungsbestimmend
b: ein Kindichzustand ist handlungsbestimmend
9.3. Die Skriptauflösung unter ichzustandsanalytischer Betrachtung
Ein Skriptauflösungsprozess lässt sich als
„Restrukturieren der Ichzustände“ (Berne, 2001, S. 215) und
das Auflösen und die Transformation der Eltern- und Kindichzustände in
Ethos- und Pathosqualitäten der Erwachsenenichzustände beschreiben.
Die Restrukturierung der Ichzustände umfasst das Erkennen von verschiedenen
Ichzuständen, das Festigen der Ichzustandsgrenzen, die Enttrübung getrübter
Ichzustände, das Entwirren, die Umverteilung der Besetzungsenergie und das
Erlangen von Selbstkontrolle Berne, 2001, S. 215ff).
Der gesamte Prozess lässt sich mit dem Ichzustandsmodell wie folgt darstellen (Abb.
15).
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EL
EL
EL
ER
ER
ER
KI
KI
KI
Enttrübung
Ich-Selbst-Konflikte
EL
ER
KI
Trübung
skriptgebundene
Verhaltensweise
Erwachsenenichzustände
skriptfreie
Verhaltensweise
Abb. 15: Ichzustandsanalytische Darstellung der Auflösung von Skriptverhaltensweisen
9.4. Ethos-, Pathos- und Logosqualitäten der Erwachsenenichzustände
Eine auf hier und heute oder auf den heutigen Stand gebrachte bewusste
Verhaltensweise bezeichnen wir als einen Erwachsenenichzustand. Entsprechend
der von Berne definierten integrierten Person (Berne, 1961, 268) und der
Beschreibung des ER 2 von Berne als Logos durch Autoren, die ich in der Literatur
nicht gefunden habe14. Aus meiner Sicht ist für Erwachsenenichzustände
charakteristisch, dass sie Ethos- Logos und Pathosqualitäten beinhalten. Ein
Erwachsenen-Ich-Zustand weist alle drei Qualitäten auf. Mit Ethos meine ich
Verantwortungsbewusstsein und Beurteilungsfähigkeit, mit Logos Verstand, Logik,
Überlegtheit und Sprache, mit Pathos Empfindsamkeit, Gefühl, Aufgeschlossenheit
und Emotionalität (Abb. 16).
14
nach einer mündlichen Mitteilung von Toni Fuchs, Muttenz, nimmt R. Erskine für sich in Anspruch, den
Begriff Logos eingeführt zu haben.
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ETHOS
ein
ER
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Wertehaltung
ein
LOGOS
PATHOS
Abb. 16
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ER
Sprache
Empfindsamkeit,
Gefühl
Qualitäten von Erwachsenenichzuständen
Ein Erwachsenenichzustand ist so wie wir ihn hier definiert haben Ausdruck einer
Integration, deshalb spreche ich nicht von integrierten Erwachsenenichzuständen
„Der integrierte Erwachsenen-Ich-Zustand stellt eine biologisch reife Person dar,
deren erwachsene Intelligenzfunktionen voll entwickelt sind (Logos), die emotional
über ein breites Reaktionsspektrum (Pathos) verfügt und sich an einem überprüften
Wertesystem (Ethos) orientiert und so ihre Bedürfnisse mit den Möglichkeiten ihrer
Umgebung in Einklang bringt (Clarkson, 1996, S. 81 nach Berne 1961, S. 211).
Abweichend von Clarkson und anderen TA-Autoren benutze ich wie auch Schlegel
und Müller (Müller in Berne, 2001, S. 10) schon lange nicht mehr den Terminus der
Erwachsenenichzustand oder der Kindischzustand oder der Elternichzustand,
sondern ein ....ichzustand da sich nicht der Ichzustand sondern eine Person oder ein
Mensch in Ichzuständen ausdrückt. „Ichzustand“ ist eine theoretisches Konstrukt,
eine Landkarte, nicht die Landschaft. Sagen wir der Ichzustand machen wir die
Landkarte zur Landschaft, wir machen das theoretische Konstrukt zu einer Sache,
das es nicht ist. Wirklichkeitstheoretiker nennen diese Umbenennung von Theorie in
Realität treffend Reifikation. Insofern formuliere ich den Text von Clarkson
sinngemäß so:
Eine reife Person drückt sich in Erwachsenenichzuständen aus. Diese kommen
dadurch zum Ausdruck, dass in den Verhaltensweisen Intelligenz (Logos), bewusste
Emotionalität (Pathos) und Wertebewusstheit (Ethos) zum Ausdruck kommt. Die
Person bringt so ihre Bedürfnisse mit den Möglichkeiten ihrer Umgebung in Einklang.
Auch Kinder drücken sich ihrem Alter gemäß in Erwachsenenichzuständen aus.
Anknüpfend an Berne und Clarkson lässt sich die Logosqualität als das intuitive und
das bewusste Wahrnehmen, Nachspüren, Nachdenken und Abwägen beschreiben.
Die Logosqualität lässt sich mit dem Gebrauch der vier psychischen Funktionen nach
C.G. Jung treffend fassen: Wahrnehmen (die Funktion Merken), Nachdenken,
logisch Überprüfen (die Funktion Denken), Ahnen (die Funktion Intuition) und
abwägend, be-wertend Hinfühlen im Sinne von „ist es so stimmig, passend, subjektiv
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richtig“ (die Funktion Gefühl) machen Kernfunktionen der Logosqualität aus. (Jung,
1964, S. 60, Schneider 1997, S. 77).
Im ursprünglichsten Wortsinn von Logos entwickeln wir während wir diese vier
Funktionen benutzen Sprache oder Wahrnehmung und Ausdruck mit allen
Sinnesqualitäten:
Worte,
Bilder,
Bewegungen,
Gefühle,
Gerüche,
Geschmacksqualitäten. Mit diesen befähigen wir uns und unsere Umwelt zu
begreifen, uns zu steuern und Einfluss zu nehmen. Am treffendsten lässt sich
deshalb die Logosqualität wie in der Schöpfungsgeschichte mit dem Urbegriff des
Wortes als Wirkwort fassen. Im Suchen, Schöpfen und Finden von Sprache und
Sprachbildern (Worte, Bilder, Körpersprache) für unsere Umwelt und unsere
Empfindungen, Gefühle, Gedanken, Phantasien, Handlungen läutern wir Pathos- und
Ethosqualitäten und verbinden alle drei Qualitäten miteinander , schaffen so Logos.
Die zu diesen Qualitäten passenden Fragen an Klienten lauten: Was ist Dir wichtig ?,
Was willst Du?, Wie begreifst Du Dich?, Wie bringst Du Dich zum Ausdruck?
(Abb. 17).
Was ist Dir wichtig ?
(in Deinem Leben)
Ethosqualität
Was „musst“ Du,
(aus Dir heraus) ?
Wie begreifst Du Dich?
Wie bringst Du Dich zum Ausdruck?
Was entwickelst Du an
Logosqualität
innerer u. äußerer „Sprache“
Was möchtest Du ?
Pathosqualität
Wozu hast Du Lust ?
Abb. 17
Fragen zur Pathos- und Ethosqualität
Eine Klientin erzählte, dass sie es endlich geschafft habe, sich einer Freundin
gegenüber abzugrenzen. Diese habe bei ihr das Wochenende verbringen wollen,
obwohl sie ihr sehr deutlich mitgeteilt hatte, dass dies bei ihr aus verschiedenen
Termingründen nicht möglich sei. „Ich habe keine Lust mehr, mich von ihr überfahren
zu lassen“ stellte sie fest. Sie freute sich über ihren mutigen Schritt und erzählte im
gleichen Atemzug, dass sie aber ein schlechtes Gewissen habe. Bei der Betrachtung
ihres schlechten Gewissens wurde deutlich, dass sie sich dabei auf übernommene
Vorstellungen bezog. „Man darf andere Leute nicht vor den Kopf stoßen!“, „wenn
man sich abgrenzt, wenn man nein sagt, verletzt man andere“. Nachdem sie für sich
den Begriff Toleranz sortiert und definiert hatte und ihr bewusst war, dass allenfalls
die Freundin sich selbst und die Grenzen anderer verletzt, wenn sie Grenzen nicht
achtet, stellte sich bei ihr Erleichterung und die Gewissheit ein, dass es für sie gut ist
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bewusst nach ihren selbst entwickelten Wertvorstellungen zu handeln. Sie sah sich
immer noch als Freundin, erwartete nun aber die Achtung ihrer Grenzen.
Wie sich in diesem Beispiel erkennen lässt, geht es um die Integration von
Wünschen und Werten, beides gehört zusammen. Es kommt zu einem stimmigen
Lebensentwurf und erfüllter Lebensqualität , wenn beides miteinander entwickelt und
in der eigene Handlung integriert wird.
5. Transformation von Eltern- und Kindichzuständen
Um strukturellen Ichzustände von außen beobachten und erkennen zu können
beschreibt Berne die Ichzustandskategorien mit typischen Verhaltensmerkmalen und
benutzt diese als Verhaltensdiagnose der Ichzustände (Abb. 18). Die
Verhaltensbeschreibung dient also der Diagnose oder Hypothesenbildung über
vermutete strukturelle Ichzustände. Er beschreibt elterliche Verhaltensweisen als
kritisierend oder nährend und kindliche als angepasst, rebellisch und natürlich. Er
nennt diese Verhaltensweisen auch Ichzustände (ein kritischer Elternichzustand, ein
nährender Elternichzustand, ein angepasster Kindischzustand, ein rebellischer
Kindischzustand, ein natürlicher Kindischzustand). Spätere Autoren bezeichnen
natürliches Kindverhalten als einen freien Kindichzustand. Ich finde natürlich
passender, da bei der Nennung des Wortes frei mehr Ideologie angesprochen wird
als bei natürlich. Der Begriff natürliches Kind liegt ganz nahe bei der Metapher das
innere Kind, die ich auch sehr zu schätzen weiß. Diese Metapher ruft bei vielen
Menschen Kontakt zu inneren Wünschen wach, die sie im Lauf ihrer
Lebensgeschichte „einkapseln“, „wegschließen“, „aufgeben“ mussten. Nicht von
ungefähr erscheint der Geist der vergangenen Weihnacht in einer kindähnlichen
Gestalt.
Das rebellische Verhalten ordne ich hier zum angepassten hinzu, obwohl im
rebellischen Verhalten, die natürliche darunter oder dahinter liegende Intention nach
Autonomie deutlicher hervortreten mag.
kr-EL
Kritisierendes
n-EL
Nährendes
Elternverhalten
EL
ER
Diagnose
ER
a-KI
Angepasstes
n-KI
Natürliches
Kindverhalten
KI
Abb. 18:
Verhaltensdiagnostische Darstellung der Ichzustände
als Hypothesenbildung für strukturelle Ichzustände
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In der Vergangenheitsarbeit decken wir beim Erinnern Verhaltensweisen auf, die
Berne als angepasste, rebellische und natürliche Kindichzustände bezeichnet (Berne
2001, S. 74). Beim Erschließen entwickeln Menschen aus den natürlichen
Kindichzuständen alters- und situationsgemäße Verhaltensweisen. Ein natürlicher
Kindichzustand wird unter Würdigung und Achtung der vergangenen
Skriptbildungssituation zur Pathosqualität eines Erwachsenenichzustandes
transformiert (Abb. 19).
Würdigung,
Achtung
ER
Pathos
n- KI
Abb. 19:
Ich-Zustands-Transformation in Pathosqualität eines
Erwachsenenichzustandes beim Erschließen
Goulding und Goulding beschreiben das Herausarbeiten der Potentiale und deren
Umsetzung in die Gegenwart in ihrer Neuentscheidungstheorie eindrücklich
(Goulding und Goulding, 1981). Es ist die logische Weiterentwicklung der
Regressionsanalyse von Berne in eine progressive Bewegung mit Lust und
Lebensfreude, eine Regressions- und Progressionsanalyse.
„Bei der Arbeit mit Neuentscheidungen setzen Klient und Therapeut ähnlich
wie bei einem Bühnenstück eine Situation ins Szene.“(S. 230) „...der Klient ist
König, und das Drama wird so inszeniert, dass es mit seinem Sieg endet.“(S.
262)
Der Begleiter hilft dem Klienten seine Situation und seine Potentiale
wiederzubeleben und mit seinem heutigen Erfahrungsschatz und seinen intuitiven
Fähigkeiten neue Lösungen zu finden, sich neu zu entscheiden.
Die
Neuentscheidung entspringt der Haltung „des unbefangenen Kindes“ (S. 262). Man
braucht die Methode der Gouldings nicht exakt so wie sie in Szene setzen. Man kann
eigene Wege finden diese Idee und Haltung, die den Klienten ihre Macht zurückgibt,
in der Begleitung umzusetzen.
Ich möchte hier auch ein Anmerkung zur theoretischen Klassifikation von Gefühlen
machen: Unterdrückte Empfindungen, Gefühle, Phantasien und Handlungsimpulse
aus der Vergangenheit entsprechen natürlichen Kindichzuständen, genuine Gefühle
in Hier und Jetzt Erwachsenenichzuständen, Ersatzgefühle Kindich- oder
Elternichzuständen.
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Diese Zuordnung von Gefühlen zu den Ichzustandskategorien halte ich für passend,
um Klienten nicht zu infantilisieren, sondern Ihnen ihre Autonomie zu vermitteln. Die
Klassifikation trägt der Tatsache Rechnung, dass sowohl bei den Begleitern als auch
den Klienten mit den Worten Eltern oder Eltern-Ich reale Eltern und Menschen in
Elternrollen und mit dem Wort Kind oder Kind-Ich Kinder oder Menschen in einer
Kindrolle als innere Bilder assoziiert werden. Mit dem Wort Erwachsene r werden
Menschen stimuliert kreativ schöpferisch eine Situation neu zu gestalten. Mit
anderen Worten
werden
andere innere Assoziationen, Empfindungen und
Verhaltensweisen wach gerufen. Worte wirken. Deshalb wähle ich sie als Begleiter
bewusst.
Wir infantilisieren Klienten und verherrlichen Elternichzustände, wenn wir die
Ichzustandsbeschreibungen
der
Verhaltensdiagnose
als
Zielvorstellungen
verwenden (dass jemand sein freies Kind entfalten solle, sein nährendes Eltern
aktivieren solle usw.) oder uns als Begleiter damit konzipieren (dass wir in der
Begleitung z. B. nährendes Elternverhalten, nährende Elternichzustände, zeigen).
Unbewusst fördern wir damit bei Begleitern Elternrollen, bei Klienten dysfunktionale
Regressionen und in der Gesellschaft Normen, die die Unabhängigkeit des
Einzelnen einschränken.
Eindrücklich erinnere ich mich an eine Situation, als eine Patientin am Ende einer
Gruppensitzung formulierte „am meisten hat mich heute ermutigt, dass mein Ärger
als erwachsen angesehen wurde“. Erst später wurde mir bewusst, dass Berne (1961)
genuine Gefühle Erwachsenenichzuständen zuordnet, wenn er „berichtet, dass eine
Patientin „autonomen Erwachsenen-Ärger und Enttäuschung über das Verhalten
ihres Mannes“ fühlt und ausdrückt. Er bestätigt hier eindeutig, dass „ein“ (bei cl.
„der“) Erwachsenenichzustand angemessen emotional sein kann“ (Clarkson, 1996,
S. 81).
Die Bezeichnung natürlicher Kindichzustand erfasst das weggedrückte Potential, das
sich auch zunächst kindhaft anfühlt. Die Bezeichnung erwachsen oder
Erwachsenenichzustand erfasst das in das hier und heute transformierte und aktuell
neu entwickelte alters- und situationsgemäß gelebte Potential.
Die
beschreibende
Betrachtungsweise
der
Kindichzustände
und
der
Elternichzustände (die Verhaltensdiagnose, auch missverständlich als Verhaltensund Funktionsmodell bezeichnet) hilft Skriptverhaltensweisen, weggedrückte
Potentiale und innere Konflikte (innerer Dialog, Engpässe) zu erfassen und zu
beschreiben, bleibt letztendlich nur eine Hypothesenbildung, die durch Befragen des
Klienten (phänomenologische und historische Diagnose) überprüft, verworfen oder
bestätigt werden kann.
In der Zukunftsarbeit decken wir beim Vorstellen bewusst oder unbewusst
übernommene Werte (Elternichzustände) auf, und regen eine Werteentwicklung an.
Elternichzustände werden in die Ethosqualität der Erwachsenenichzustände
transformiert
(Abb.
20).
Beschreibend
werden
Elternichzustände
aus
verhaltensdiagnostisches Hilfsmittel auch als kritisierende und nährende
Elternichzustände in Unterkategorien aufgeteilt (Berne, 2001, S. 72). Werte sind in
beiden Kategorien angesiedelt.
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kr-EL
n-EL
Ethos
ER
Abb. 20:
Transformation von Elternichzuständen in Ethosqualität
von Erwachsenenichzuständen beim Vorstellen
Wünsche, Lust oder Wollen ohne Wertehaltung stellen blindes Agieren, Werte ohne
Lebendigkeit blindes Verharren dar.
Wir brauchen für das innere Gleichgewicht die Auflösung und/oder Transformation
von Elternichzuständen und Kindichzuständen.
Mellor und Andrewartha (1980) haben sehr anschaulich dargestellt wie Arbeit an
Kindichzuständen (in seinem Beispiel Neuentscheidungsarbeit nach Goulding und
Goulding) und Arbeit an Elternichzuständen einander ergänzen können oder sogar
müssen.
Die Logosqualität kommt in der inneren und äußeren Bewusstmachung und der
authentischen Gestaltung des Augenblicks mit dem Wissen um die Vergangenheit
und Zukunft zum Ausdruck.
Als Gesamtbild ergibt sich bezüglich der Transformation der Ichzustände folgendes
Schaubild (Abb. 21).
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Erinnern
EL
V
angepasste
KI
Ethos
Z
ER Logos
natürliche
KI
Pathos
G
Erschließen
Planen
Abb. 21: Auflösung von Kindich- und Elternichzuständen und ihre Transformation
in Pathos- und Ethosqualitäten von Erwachsenenichzuständen
6. Entwicklungspsychologische Betrachtung
Für das Einschätzen und Explorieren der Potentiale und der dazu passenden
Verhaltensweisen eignet sich auch das Entwicklungsmodell „Zyklen der Kraft“ von
Levin (Levin, 1988). Sie nimmt an, dass wir in der Vergangenheit unterdrückte
Entwicklungen wieder aufgenommen und zu Ende geführt werden können. Mit
anderen Worten ausgedrückt: Das „innere Kind“ kann erspürt und zur Reifung
gebracht werden. Mit entwicklungsgeschichtlichem Wissen und der Beobachtung der
eigenen inneren Reaktionen auf den Klienten gelingt es Begleitern
entwicklungsgeschichtlich relevante Themen zu benennen und aufzugreifen. Es lässt
sich feststellen, dass Klienten anhand ihnen präsentierter „Erlaubnissätze“ sehr
genau ihre Entwicklungsstellen, Potentiale und Lernschritte selbst herausfinden und
aufnehmen. Um erwachsenenorientiert und progressiv zu arbeiten ist es allerdings
sinnvoll die Erlaubnissätze auch in Ichform anzubieten und den inneren
Entwicklungsprozess vom Du zum Ich und von der inneren Erlaubnis zur Handlung
offen zu legen (Schneider, 2000, S. 152 ff).
7. Der Skriptbegriff
Ich verwende die Begriffe Skript und Skriptverhaltensweisen nur für den
unbewussten
Lebensplan
und
einschränkende
oder
eingeschränkte
Verhaltensweisen. Den bewussten Lebensplan oder das neue geschriebene Skript
bezeichne ich als bewussten Plan oder Lebenskonzept. Diese Idee ist beim Planen
sehr hilfreich. Es ist für Klienten einfacher, wenn für voneinander verschiedene Dinge
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oder Vorgänge verschiedene Begriffe verwendet werden: Skript bedeutet früher
sinnvolle, jetzt hinderliche Verhaltensweise. Konzept bedeutet eine bewusste
Vorstellung und ein Plan über das eigene Leben.
8. Vertragsarbeit
In der Zukunftsarbeit liegt von der transaktionsanalytischen Theorie her gesehen ein
wesentlicher Schlüssel zur Skriptauflösung. Berne hat ihn uns eindrücklich in seiner
Vertragstheorie (Berne, 1996 , S. 15ff, Schneider, 2001) und seiner Skriptcheckliste
(Berne, 1975, S. 349) hinterlassen.
Die Vorstellung der Tatsache unserer Endlichkeit und unseres Todes konfrontiert
uns, wie Lenhardt es sehr eindrücklich dargestellt hat, mit unserem existentiellen
Sinn und trägt wesentlich zur gesamten Sinnentwicklung und damit zur
Autonomieentwicklung bei (Lenhardt, 1992, S. 86ff).
Vertragsarbeit umfasst alle Zeitdimensionen. Die klassischen Vertragsfragen und
zwei weitere, die ich hinzugefügt habe, lassen sich in der Zeitachse wie in Abb. 10,
S. 25 dargestellt, abbilden.
10. Der Zugang zu den Zeitdimensionen mit verschiedenen Sinnesqualitäten
und Bewusstseinsebenen
10.1 Das Wahrnehmungs- und Darstellungssystem
Wir erreichen verschüttete Vergangenheitsaspekte und Zukunftsvorstellungen sehr
gut über Entspannungsübungen, Bewegungsarbeit, Körperarbeit, Phantasiereisen,
Hypnose und Träume. Dabei lässt sich feststellen, dass die Organisation unserer
Sinnesqualitäten von herausragender Bedeutung für den Zugang zum Bewussten,
Vorbewussten und Unbewussten ist. Wie seit Alters her bekannt und in der neueren
Zeit aus den Untersuchungen von Milton Erikson’s Arbeit durch Bandler und Grinder
nehmen wir unsere Welt mit unseren verschiedenen Sinnen wahr und stellen sie
auch mit diesen dar (Bandler/Grinder, 1982, S. 13). Bei Menschen sind es die Sinne
Sehen, Hören, Fühlen, Tasten, Schmecken, Riechen.. Sie wurden als visuelle,
akustische, kinästhetische, taktile, olfaktorische und gustatorische Sinnesqualitäten
bezeichnet. Die taktilen, olfaktorischen und gustatorischen Sinne werden in
Klassifikationen unter die kinästhetischen eingereiht. Der Gleichgewichtssinn, die
Stellung im Raum wird meistens vernachlässigt.
10.2 Wahrnehmungs- und Darstellungsmuster unter Berücksichtigung
verschiedener Modalitäten
Markova
kombiniert
die
verschiedenen
Sinneswahrnehmungen
oder
Wahrnehmungskanäle (visueller, akustischer und kinästhetischer Kanal) mit
unterschiedlichen Bewusstseinsebenen, bewusst, vorbewusst und unbewusst. Mit
der bewussten Modalität nehmen wir auf, mit der vorbewussten sortieren wir unsere
Eindrücke und mit der unbewussten speichern wir ab. Aus der unbewussten
Modalität rufen wir unsere Erinnerungen ab, mit der vorbewussten sortieren wir und
mit der bewussten stellen wir dann dar (Abb. 22).
„Vor Freude weinen“
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aufnehmen
bewußt
darstellen
Abb.22:
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sortieren
abspeichern
vorbewusst
unbewusst
sortieren
erinnern
Bewusstseinsebenen und Modalitäten, modif. nach Markova, 1993, S. 35
Markova zeigt, wie Menschen die drei Wahrnehmungs- und Darstellungskanäle
parallel zu den verschiedenen Bewusstseinsebenen und ihren Funktionen benutzen.
Aus der Verknüpfung der Modalitäten der drei Bewusstseinsebenen und den drei
Wahrnehmungskanälen kommt sie zu sechs verschiedenen Wahrnehmungsmustern
(Abb. 23) (Markova 1993, S. 50).
1.
2.
3.
4.
5.
6.
Abb. 23
V
V
A
A
K
K
A
K
V
K
A
V
K
A
K
V
V
A
Sechs Wahrnehmungsmuster nach Markova, 1993, S. 50
„Jedes dieser Muster spiegelt einen natürlichen Fluss des Lernens und des
Selbstausdrucks wieder,
„Vor Freude weinen“
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das Geben und Nehmen der Erfahrung, wenn Ihr System im Gleichgewichtszustand
funktioniert“. (Markova, 1993; S. 50)
Die sechs verschiedenen Wahrnehmungsmuster lasen sich wie am Beispiel des
Wahrnehmungsmusters KAV so beschreiben:
K
A
V
Jemand, der sich mit dem Wahrnehmungsmuster K A V organisiert, kann seine
Aufmerksamkeit gut und bewusst im Hier und Jetzt halten kann, wenn er sich,
während er aufnimmt oder darstellt, bewegen kann. Er kann seine inneren und
äußeren Eindrücke gut abwägen und sortieren, wenn er durch Stille oder für ihn
passende Töne, auch Sprache stimuliert ist. Er kann gut abspeichern und erinnern,
wenn er durch visuelle Bilder stimuliert ist. Bewegung stimuliert bewusste
Aufmerksamkeit, Töne lassen leichte Trance entstehen, visuelle Bilder stimulieren
das Abtauchen ins Unbewusste. Entsprechend lässt sich dieser Vorgang für die
anderen Wahrnehmungsmuster formulieren.
Das Gehirn benutzt also alle Wahrnehmungskanäle um zu „Denken“, aber je nach
Wahrnehmungsmuster in einer anderen Reihenfolge und auf verschiedenen
Bewusstseinsebenen.
Ich habe hier als Beispiel das KAV-Wahrnehmungsmusters gewählt, weil Menschen
mit diesem Wahrnehmungsmuster in unserer Kultur am meisten missverstanden
werden.
Professionellen Begleitern hilft das Wissen um die Organisation unserer
Wahrnehmung und Darstellung, den Klienten zu verstehen und ihm seinen Lern- und
Ausdrucksweg zu ermöglichen.
Bei der Arbeit, wie ich sie oben mit Hilfe des Zeitintegrationsmodells vorgestellt habe,
berücksichtige ich die Organisation der Wahrnehmung und Darstellung und die
verschiedenen Wahrnehmungsmuster. Insbesondere benutze ich (auch)
Traumarbeit, Entspannung, Musik, Bewegung, Gestaltungstechniken und
Phantasiereisen. Mit der Abwechslung der Methoden schaffen ich für die Klienten in
einer Gruppe, die sich ja in verschiedenen Wahrnehmungsmustern organisieren,
eine passende Lernathmosphäre und die Möglichkeit mit verschiedenen Methoden
den Zugang zu den verschiedenen Modalitäten zu organisieren. Entscheiden bleibt
auf den einzelnen Klienten mit seinem spezifischen Wahrnehmungsmuster
einzugehen.
Im Zeitintegrationsmodell dargestellt ergibt sich zur Orientierung in der Arbeit
folgendes Bild (Abb. 24):
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ERINNERN
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VORSTELLEN
V
Z
G
G
ERSCHLIESSEN
PLANEN
Abb. 24: Die Beachtung verschiedener Wahrnehmungsmuster im Zeitintegrationsmodell
„Vor Freude weinen“
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11. Traumarbeit
Mit der Bewusstmachung und Beobachtung ihrer Träumen fördern Menschen
unbewusste Skriptmuster und unbewusste Visionen und Lösungen für anstehende
Entwicklungsthemen zu Tage, darin besteht der große Wert von Traumarbeit in der
Begleitung persönlicher Entwicklungsprozesse. Für die Traumarbeit lässt sich als
Visualisierung der Zeiträume und Orientierung in den Bewegungsrichtungen der
Träume das Zeitintegrationsmodell sehr gut verwenden. Stellen wir im Modell die
verschiednen relevanten Ebenen dar, ergibt sich folgendes Schaubild (Abb. 25).
Abb. 25:
Traumarbeit mit dem Zeitintegrationsmodell
Zum Abschluss:
“Der Mensch versucht, auf die jeweils passende und stimmige Weise, für sich ein
vereinfachtes und klares Bild der Welt zu gewinnen und damit die Welt der
Erfahrung in den Griff zu bekommen, indem er sie bis zu einem gewissen Grad
durch dieses Bild zu ersetzen strebt.“
Albert Einstein
Ich habe Ihnen mit diesem Text eines meiner Bilder von persönlichen
Entwicklungsprozessen gezeichnet, dargestellt und vielleicht auch schmackhaft
gemacht. Mir ist klar, es ist ein Bild, mein Bild. Mit diesem Bild helfe ich mir, mich und
andere Menschen zu verstehen. Sie Haben ihre Bilder. Wenn es mir gelungen ist,
Sie anzuregen, ihre Bilder zu erkennen und weiterzuentwickeln und manches neues
und doch Altbekanntes zu erfassen und Sprache zu geben, dann ist eine Intention
meines Schreibens in Erfüllung gegangen.
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ZUSAMMENFASSUNG
In dem Artikel wird die Persönlichkeitsentwicklung mit der Arbeit in den Zeiträumen,
Gegenwart, Vergangenheit und Zukunft als aufeinander bezogene und ergänzende
Sichtweisen dargestellt. Der Autor beschreibt die Bewegungen durch die
verschiedenen Zeiträume als Erinnern, Erschließen, Vorstellen, Planen, Umsetzen
und Weiterentwickeln. Er zeigt die hinter hinderlichen Verhaltensweisen
schlummernden Potentiale auf und stellt dar, wie diese in die Gegenwart zu
transformieren sind. Insgesamt zeigt er auf, wie die verschiedenen Zeiträume in einer
Unendlichkeitsschleife
zu
integrieren
sind
(daher
die
Bezeichnung
Zeitintegrationsmodell).
Im letzten Drittel des Artikels werden transaktionsanalytische Theorieüberlegungen
zum
Zeitintegrationsmodell
angestellt:
Der
Autor
führt
die
Begriffe
Progresssionsanalyse, und Transformation der Elternich- und Kindichzustände neu
ein. Er zeigt den Zeitbezug von Ichzuständen auf und erweitert die Definitionen der
Ethos-, Pathos- und Logosqualitäten von Erwachsenenichzuständen. Er zeigt den
Stellenwert verschiedener Wahrnehmungs- und Darstellungsmuster in der
professionellen Begleitung von Klienten auf und gibt Anregungen zur Traumarbeit.
Autor:
Dr. Johann Schneider, ist Lehrender Transaktionsanalytiker und Leiter des Instituts
für Weiterbildung und Beratung Dr. J. Schneider in Soltau. Er arbeitet als Coach und
Berater für Organisationen, als Weiterbilder in Systemischer Transaktionsanalyse für
verschiedenen Berufsgruppen und als Psychotherapeut in freier Praxis.
Anschrift des Verfassers
Dr. Johann Schneider, Institut für Weiterbildung und Beratung Dr. J. Schneider,
Walsroder Str. 37, 29614 Soltau, Tel. 05191 – 3640, Fax 3670, www.institut-drschneider.de, [email protected]