ZOOM 3-2016

ZOOM
1/16
Das Kundenmagazin von BDO
XXX YYY
UMBRUCH
O B S C H I C K S A L S S C H L AG , N AC H F O L G E R E G E L U N G I M U N T E R N E H M E N
O D E R E I N E P E R S Ö N L I C H E N E U O R I E N T I E R U N G AU F D E M A R B E I T S M A R K T:
E I N U M B R U C H I M L E B E N H AT V E R S C H I E D E N E FAC E T T E N .
A A A A BBBBB CCCCC
SCHICKSALSSCHLAG
DDDDDD
E I N G E S P R ÄC H M I T D E M Q U E R S C H N I T TG E L Ä H M T E N S T E FA N K E L L E R
EEEE FFFF
NACHFOLGEREGELUNG
GGGGGGGG
E I N L E B E N S W E R K Z U V E R K AU F E N I S T N I C H T E I N FAC H
HHHHH IIIII JJJJJ
Prüfung • Treuhand • Steuern • Beratung
ZOOM
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Das Kundenmagazin von BDO
XXX YYY
UMBRUCH
SC H W E R PU N K T-T H E M A
Der Begriff «Umbruch» hat 70 Synonyme, unter anderem: Revolution,
Markstein, Meilenstein, Umschwung,
Wandel, Wandlung, Wechsel,
Wende oder Umwälzung. Unter dieser Prämisse sind wir das Schwerpunkt-Thema angegangen. Entstanden ist ein thematisch überaus
vielseitiger, interessanter und auch
unterhaltender Mix.
16
NEUORIENTIERUNG AUF DEM
ARBEITSMARKT
Seit einem Jahr sucht ein 50-jähriger Kadermann eine
neue Stelle. Ohne Erfolg. Mit einem Reboot-Kurs für
stellenlose Kaderleute ergeben sich neue Perspek tiven.
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STIMME AUS BERN
Erich Ettlin ist Steuerexperte und Leiter Steuern und
Recht bei BDO – und seit vergangenem November
sitzt er im Ständerat. Eine politische Karriere von null
auf hundert.
20
STIMME AUS BERN
Politisch kein unbeschriebenes Blatt ist der Luzerner
Ständerat Konrad Graber, Partner und Mitglied des
Verwaltungsrats von BDO. Wirtschaft und Politik sind
für ihn mehr als nur Begriffe.
22
I M WA N D E L D E R D I G I TA L I S I E R U N G
In der Arbeitswelt wird alles digitaler, schneller und
komplexer. Die Evolution der Arbeitswelt ist nicht nur
Fortschritt, sondern macht auch Angst.
24
D I G I TA L I S I E R U N G I M
BANKENSEKTOR
Die Digitalisierung im Bankensektor schreitet unweigerlich voran: Zwei Kantonalbanken verfolgen eine
duale Strategie. Sie fördern das Online-Geschäft,
ohne das analoge Geschäft zu vernachlässigen.
26
BLICKPUNKT
BDO Gemeindetagung 2016
28
WEN ICH SCHON IMMER
T R E F F E N W O L LT E
Die ZOOM-Serie bringt BDO Mitarbeitende mit
einem Menschen zusammen, dessen Persönlichkeit
ganz besonders interessiert. Thomas Studhalter,
selber einst Spitzensportler, befragt die 2014 zurückgetretene Skisportlerin Fränzi Aufdenblatten.
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BDO ADRESSEN
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O D E R E I N E P E R S Ö N L I C H E N E U O R I E N T I E R U N G AU F D E M A R B E I T S M A R K T:
E I N U M B R U C H I M L E B E N H AT V E R S C H I E D E N E FAC E T T E N .
A A A A BBBBB CCCCC
SCHICKSALSSCHLAG
DDDDDD
E I N G E S P R ÄC H M I T D E M Q U E R S C H N I T TG E L Ä H M T E N S T E FA N K E L L E R
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NACHFOLGEREGELUNG
GGGGGGGG
E I N L E B E N S W E R K Z U V E R K AU F E N I S T N I C H T E I N FAC H
HHHHH IIIII JJJJJ
Prüfung • Treuhand • Steuern • Beratung
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DAS ZOOM-GESPRÄCH
Seit einem Gleitschirmunfall ist Stefan Keller querschnittgelähmt. Sein Leben musste er ganz neu
anpacken. In die Lüfte steigt er aber nach wie vor.
8
GREENPEACE SCHWEIZ
Der Umzug von Greenpeace Schweiz hat einschneidende Folgen: 86 Mitarbeitende teilen sich 35 Arbeitsplätze, zwei Drucker und ein paar Locher.
10
NACHFOLGEREGELUNG
Nach 26 Jahren verkaufen die zwei Firmengründer von
Prontoplast AG ihr Unternehmen an die nächste
Generation – auch mit Trennungsschmerz.
12
H AU S V E R K AU F I M A LT E R
Wohneigentum als sichere Vorsorge für das Alter? Die
Planung der Pensionierung umfasst auch die eigenen
vier Wände.
14
GEMEINDEFÜHRUNGSMODELLE
Wandel in der Gemeindeführung: Wenn ein CEO für
die operativen Geschäfte verantwortlich zeichnet, hat
der Gemeinderat mehr Zeit für strategische Themen.
Impressum: ZOOM 1/2016, Kundenmagazin von BDO Herausgeber: BDO AG, Direktion Schweiz,
Marketing und Kommunikation, Biberiststrasse 16, 4501 Solothurn, www.bdo.ch
Redaktion: De-Jo Press GmbH, Joseph Weibel, Solothurn Fotografi e: Bernhard Strahm
Layout: Pomcanys Marketing AG, Solothurn/Zürich Druck: Vogt-Schild Druck AG, Derendingen
PERFOR MANCE
neutral
Drucksache
No. 01-16-226799 – www.myclimate.org
Das Kundenmagazin von BDO erscheint 3-mal pro Jahr.
Nachdruck mit Quellenangabe gestattet.
BDO ist Mitglied von
© myclimate – The Climate Protection Partnership
EDITORIAL
Werner Schiesser,
CEO BDO AG
Umbruch – ein Begriff mit vielen Nuancen
Liebe Leserinnen, liebe Leser
Umbrüche sind grundlegende Änderungen und
Umwandlungen. Ein Umbruch beschränkt sich
oft, aber nicht nur auf die Politik. Besonders
illustrativ finde ich die Anwendung dieses Begriffs in der Landwirtschaft – wenn nämlich die
Ackerkrume* umgebrochen wird. Der Acker
bleibt der gleiche, doch nach dem Umpflügen
präsentiert er sich ganz anders; und ist vorbereitet für eine neue Aussaat.
Umbrüche im persönlichen Leben sind
nicht immer willkommen, weil die Chance auf
eine Erneuerung häufig nicht sofort erkennbar
ist. Diese Art der Veränderung wird vielfach
nicht selbstbestimmt, sondern von aussen
ausgelöst und aufgezwungen. Der Betroffene
hadert mit seinem Schicksal oder trauert im
übertragenen Sinne dem nach, was durch
den Umbruch untergepflügt wurde und verloren ging. Doch die Fähigkeit der Menschen
zur Überwindung solcher Umbrüche ist beeindruckend. Die Glücksforschung belegt,
dass Menschen, zwei Jahre, nachdem sie eine
Querschnittlähmung erlitten haben, nicht
unglücklicher sind als jene Menschen, die in
der gleichen Zeitspanne im Lotto gewonnen
haben.
In diesem Zoom kommen Sportler zu
Wort, die mit dem Karriereende einen geplanten Umbruch vollzogen, aber auch Sportler,
denen durch einen Unfall ein Umbruch aufge-
zwungen wurde. Ein Umbruch der persönlichen Art stellt auch die Wahl in ein neues,
anspruchsvolles politisches Amt dar. Wie ein
Routinier und ein «Newcomer» damit umgehen, erläutern Konrad Graber und Erich
Ettlin. Auch der unerwartete Verlust der
Arbeitsstelle stellt einen Umbruch dar. Wie
von dieser Situation betroffene Kaderleute
damit umgehen, erzählt Stellencoach Jürg
Tucci in diesem Zoom.
Umbrüche im wirtschaftlichen Leben werden heute vor allem durch die neuen «digitalisierten» Möglichkeiten ausgelöst. Und weil
die Digitalisierung nach einem Anglizismus
verlangt, spricht man nicht mehr von Umbruch, sondern von «Disruption» – gemeint
ist aber genau dasselbe. Zurzeit muss sich
vor allem der Dienstleistungssektor mit solchen Umbrüchen befassen. Es trifft die
Banken, Versicherungen, Reiseveranstalter,
Hoteliers, das Taxigewerbe – und auch die
Treuhand- und Wirt schaftsprüferbranche.
Was auf uns und unsere Kunden im Treuhandsektor zukommt und welche Chancen
sich daraus ergeben, schildert Markus Helbling, unser Leiter des Produktbereichs Treuhand. Jörg Auf der Maur, Leiter Financial
Services, beschreibt die von den Banken zu
bewältigenden Veränderungen.
Gewisse Umbrüche finden an der Schnittstelle zwischen persönlichen und wirtschaftlichen Veränderungen statt. Einer davon ist
die Nachfolgeplanung. Dieser Prozess des
«Loslassens» im Geschäft und der Neuorganisation und Neuorientierung im Privaten wird
von vielen unterschätzt. Manch ein Nachfolgeprozess kommt ins Stocken, weil der Patron
nicht loslassen kann, für den Umbruch trotz
langer Vorbereitung nicht bereit ist. Die Begleitung solcher Prozesse ist eine ausgewogene Kombination aus Psychologie (und die
steht hier mit Absicht an erster Stelle!) und
betriebswirtschaftlich/steuerlichen Überlegungen. Ein Beispiel einer gelungenen Nachfolgeregelung stellen wir ebenfalls in diesem
Zoom dar.
Ich wünsche Ihnen eine anregende, wenn
auch nicht gleich umbrechende Lektüre.
Werner Schiesser, CEO
* Die Ackerkrume ist die oberste, durch organische Abbauprodukte dunkler gefärbte
Bodenschicht eines Ackers. Ihre Mächtigkeit
entspricht der Bearbeitungstiefe mit dem
Pflug. Sie zeichnet sich durch lockere Lagerung
des Bodenmaterials mit guter Durchlüftung
und Durchwurzelung aus.
BDO ZOOM 1/2016 | 3
ZOOM - GESPR ÄCH
DER
AUFRECHTE
GANG
STEHT ZU STARK IM VORDERGRUND
Seit einem Gleitschirmunfall ist Stefan Keller querschnittgelähmt.
Das alte Leben musste er hinter sich lassen, neu anfangen. In die
Lüfte steigt er nach wie vor gerne und erlebt das Fliegen intensiver
denn je.
SABINE BORN (TEXT), BERNHARD STRAHM UND AZOOM MARTIN SCHEEL (FOTOS)
Hat sich die Bedeutung vom Fliegen nach dem Unfall verändert?
Ich erlebe das Fliegen jetzt noch intensiver. Ich habe mir lange überlegt, wieso das so ist und die Antwort darauf ist eine sehr philosophische. Wenn wir fliegen, setzen wir uns der Schwerkraft aus. Auch
wenn wir im Aufwind steigen, ist eigentlich die Schwerkraft dafür verantwortlich. Sie ist ein wesentlicher Lebensfaktor. Ohne Schwerkraft
gäbe es kein Leben. Wenn wir uns der Schwerkraft aussetzen, den
Boden verlassen und zulassen, dass wir heruntergezogen werden, findet eine Rückkoppelung zu diesem Lebenselement Schwerkraft statt.
Am 26. Juni 2013 verunglückte Stefan Keller mit seinem Gleitschirm.
Eine starke thermische Turbulenz hat ihn vom Himmel gefegt und
buchstäblich zu Boden geworfen. Dabei hat er sich den Rücken gebrochen und eine Querschnittlähmung zugezogen. Stefan Keller ist seither
inkompletter Paraplegiker. Das heisst, er kann aufstehen und ein paar
Schritte gehen. Das Gehen ist zwar hilfreich, aber nicht mehr das Fortbewegungsmittel, das es einmal war. Stefan Keller sitzt mehrheitlich
im Rollstuhl und führt mit einer neuen, anderen Motivation seine Flugschule weiter.
Und wieso ist die Schwerkraft jetzt relevanter für Sie?
Weil man auch mit dem Rollstuhl permanent der Schwerkraft ausgesetzt ist. Wenn der Boden schräg ist, fährt der Rollstuhl fort. Auf meinen vielen Reisen habe ich beispielsweise festgestellt, dass die Trottoirs
nirgends so schräg sind wie in der Schweiz. Das nimmt man als Gehender nicht wahr. Und so ist mein Leben in vielen Bereichen tiefer, intensiver, gleichzeitig auch spassiger und verspielter geworden. Vor allem
wurde ich auf einen Schlag alle Luxusprobleme los.
Was bedeutet Ihnen das Fliegen?
Fliegen bedeutet für mich nicht das ganze Leben, das wäre falsch, aber
es bedeutet mir sehr viel. Wenn ich lande, sind die Sorgen zwar noch
die gleichen, aber ich schaue sie anders an. Die Maschendichte der
Denkmuster vergrössert sich. Das Fliegen eröffnet eine andere Sicht
der Dinge, und das ist nebst dem Naturerlebnis etwas vom Wesentlichsten.
Wenn Sie sich zurückerinnern, wann wurde Ihnen die Tragweite
des Unfalls bewusst?
Da gibt es gedanklich verschiedene Ebenen. Eine erste prägende Erinnerung habe ich an den Aufwachraum im Inselspital. Ich war umgeben
von vielen Vorhängen, die mir wie ein Zelt erschienen, der zuständige
Arzt, der hereinkam, wie ein Feldherr. Nach der Operation sagte er zu
mir: «Sie haben Glück gehabt, Sie werden wieder ein bisschen gehen
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Zur Person
Name Stefan Keller
Geburtsdatum 29. April 1963
Familie Eine 33-jährige Tochter, ein 32-jähriger Sohn,
eine Schwiegertochter und zwei Enkel
Ausbildung und Beruf Mechaniker mit diversen Weiterbildungen,
Fluglehrer und Performance-Trainer SHV/DHV/ÖAec, Diplom
Systemischer Coach & Berater (CAS/ECA),
Diplom Systemischer Aufsteller (CAS/ECA), Referent
Hobbys Fliegen, Bewegung, Kochen, Lesen, Kultur, Reisen
www.stefankellercoaching.ch / www.wings4people.ch
www.fluso.ch / www.paraplegie.ch
können, Blase und Darm werden aber nie mehr funktionieren wie
einst.» Diesen letzten Teil habe ich überhört. Querschnittgelähmt
heisst für die meisten, nicht mehr gehen können, über die vielen Ausfälle von anderen Körperfunktionen spricht man nicht, sie sind tabu.
Das stimmt. Das Schlimmste, so scheint es, ist der Verlust der
Gehfähigkeit?
So die Aussensicht. Der Verlust der Gehfähigkeit ist aber nicht das
Schwierigste.
Der Mensch macht die Lebensqualität in einem viel zu starken Ausmass vom aufrechten Gang abhängig. Der steht im Vordergrund, und
weil auch ich diese Prägung habe – heute nicht mehr in dem Ausmass
wie früher –, habe ich damals im Inselspital nur gehört: Sie können
wieder gehen. Und dann hatte ich in den ersten Tagen nach der Operation einen Darmverschluss, weitere Operationen folgten und aus ein
paar Tagen Inselspital wurde ein ganzer Monat ...
Bevor Sie nach Nottwil verlegt wurden.
Ja genau. Und da liegt man dann erstmal, hilflos wie ein Baby, das seine
Ausscheidungen nicht im Griff hat, sich nicht einmal drehen kann. Und
so ist der Unfall durchaus ein grosses Stück nochmals Menschwerdung.
Schritt für Schritt erlangt man die Selbstständigkeit zurück. Man muss
lernen, mit körperlichen Einschränkungen zu leben, erlangt aber eigentlich ein viel tieferes Körpergefühl als früher. Man muss das alte Leben
loslassen und ein neues beginnen …
Auch nach seinem
Unfall fl iegt Stefan
Keller mit dem Gleitschirm und erlebt
das Fliegen intensiver
denn je.
In dem die Fliegerei immer noch eine grosse Rolle spielt.
Das war von Anfang an klar. Meine Leidenschaft fürs Fliegen habe ich in
mein neues Leben mitgenommen. Als ich vom Berner Inselspital nach
Nottwil verlegt wurde und im Spitalbett über die grosse Passerelle
oberhalb der Bewegungshalle gefahren wurde, hat unten jemand den
Parikarus eingeschaltet, eine Skulptur von Paul Gugelmann, die eigentlich selten läuft. In dem Moment hatte das für mich eine starke Symbolkraft: Da fliegt ein Rollstuhlfahrer, querschnittgelähmt, treibt das
Fluggerät mit dem an, was er hat, mit seinen Händen. Ich dachte: Auch
du wirst wieder fliegen ...
Das Leben schien Ihnen also weiterhin lebenswert?
Auf jeden Fall. Selbst wenn ich gar nicht mehr hätte gehen können,
wäre mein Leben nicht vorbei gewesen. Auch weil ich bereits vor meinem Unfall Rollstuhlfahrer im Gleitschirmfliegen ausgebildet habe.
Das, was ich jetzt zur Hauptsache betreibe, nämlich die Rolli-Fliegerei
vorantreiben und damit auch Aufklärungsarbeit leisten, das habe ich
bereits vorher gemacht, einfach stiefmütterlich.
Auch den Verein Wings for People, der Paraplegikern oder anderen
Menschen mit einem Handicap das Gleitschirmfliegen ermöglicht,
hatte ich bereits vorher gegründet. Dass ich mich mit der Thematik
auseinandergesetzt habe, hat mir in der ersten Zeit geholfen, als ich
mit gebrochenem Rücken im Spital lag. In ein Loch gefallen bin ich nie.
BDO ZOOM 1/2016 | 5
Auch weil sie wussten, sie werden wieder fliegen können? Wie war
es, das erste Mal wieder in die Luft zu steigen?
Dass der erste Flug nach dem Unfall ausgerechnet am Weissenstein,
meinem Hausberg, möglich war, war speziell. Die Bedingungen waren
gut und das Flugerlebnis wie ein Heimkommen. Ich fühlte mich sofort
aufgehoben und sicher. Ich war sehr froh, endlich wieder zu fliegen,
nachdem ich elf Monate lang nicht mehr in der Luft war.
Welche Rolle spielte die Angst beim ersten Flug?
Gar keine. Es war der erste Flug im Rollstuhl und das hatte emotional
schon gewisse Dimensionen. Auch die Migros Zeitung war live dabei.
Der Fotograf Röbi Bösch sollte den Flug fotografieren, flog dazu im
Tandem mit Chrigel Maurer, einem lieben Freund, der gleichzeitig der
weltbeste Gleitschirmpilot ist. Das alles hat schon Spannungen erzeugt, aber keine Angst.
In dem Moment als ich in die Luft abhob, war ich das erste Mal für
mich allein und konnte das tiefe Erlebnis geniessen. Ich stieg auf, flog
dann über das Kurhaus Weissenstein hinweg und machte einen grossen
Jauchzer, das war ein ganz tiefes Erlebnis.
Wie ist es zu dem Unfall überhaupt gekommen?
Die Ursache war meteorologischer Natur. Tagsüber waren die Wetterbedingungen zwar anspruchsvoll, gegen Abend beruhigte sich das Ganze aber wieder. Ich startete nach 17 Uhr, ruhig und problemlos, wurde
von einer mässigen Thermik erfasst und in die Höhe gehoben. Auf einer
Höhe von gut 20 Metern erfasste mich dann eine äusserst aggressive
thermische Wirbelringströmung und fegte mich zu Boden, ohne mir
auch nur den Ansatz einer Chance zu lassen. Solche Phänomene sind in
unseren Breitengraden eher selten. Sie spielen sich kurzzeitig und kleinräumig ab. Dass man genau da hineinfliegt, ist sehr unwahrscheinlich.
Aber es kann natürlich vorkommen.
Wie ist das versicherungstechnisch, wenn Sie jetzt wieder fliegen?
Gleitschirmfliegen ist keine Risikosportart. Es ist auch nicht gefährlicher, nur weil ich einen Unfall gehabt habe. Das Starten auf Rädern ist
sogar einfacher, auch ungefährlicher als zu Fuss. 70 Prozent der Gleitschirmunfälle passieren bei Start und Landung. Viele davon sind Lauftechnikfehler ...
Und da kommt jetzt wohl wieder die Schwerkraft ins Spiel ...
Genau, wenn wir gehen, dann bilden Bein und Fuss annähernd ein Rad,
aber eben nur annähernd. Wenn wir am Start rennen, schwingt unser
Körperschwerpunkt im Bereich von 13 bis 15 Zentimetern auf und ab.
Das heisst, wir geben dem Flügel den Befehl schneller und dann wieder
langsamer zu fliegen. Auf Rädern ist das nicht der Fall, der Start ist viel
effizienter.
Inwiefern?
Mein Starthelfer muss am Start nichts anderes machen, als den Stuhl
loszulassen. Den Rest übernimmt die Schwerkraft, selbst bei Nullwind
oder Abwind. Die grosse Kunst für den Fussgänger ist es, die Bewegung
des Rades zu simulieren. Das sind ganz spannende Ansätze. Kein Fussgänger kann so leicht und schön starten wie ein Rollstuhlfahrer. Und
doch erntet der Rollstuhlfahrer immer den grössten Applaus (lacht).
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Das Fliegen haben Sie in Ihr neues Leben mitgenommen, die Flugschule auch, aber in veränderter Formation.
Ja, ich habe meine Flugschule von einer Fussgänger- zu einer Rollstuhl-Flugschule umfunktioniert. Auf meinen Gleitschirm-Reisen
haben Rollstuhlfahrer Zugang zu Startplätzen, die Unterkünfte sind
barrierefrei.
Auch bei der Ausbildung haben Rollstuhlfahrer Vorrang. Fussgänger
sind zugelassen, müssen sich aber in die Ausbildung integrieren, die ich
für Rollstuhlfahrer anbiete. Eine solche Ausbildung dauert zwar etwas
länger, kostet auch mehr, aber die Qualität ist besser. Ich leiste da im
Moment noch viel Aufbauarbeit, weil Rollstuhlfahrer ja zuerst realisieren müssen, dass sie Gleitschirm fliegen könnten.
Daneben baue ich mein Coaching auf.
Als zweites Standbein?
Ja genau, im Paraplegiker-Zentrum in Nottwil ist die Berufsfindung institutionalisiert. Viele sagten mir damals, «Du wärst ein guter Coach». Das
konnte ich mir durchaus vorstellen und so absolvierte ich verschiedene
Ausbildungen zum «Systemischen Coach, Berater und Aufsteller».
Eigentlich begleitet mich das Coaching aber bereits mein ganzes
Leben. Früher war ich in der Jugendarbeit engagiert, und auch als
Fluglehrer ist man immer ein bisschen Coach. Wer eine Gleitschirmausbildung absolviert, steckt häufig in Veränderungsprozessen, diese
können vielfältig sein, ein neuer Job, ein Umzug, eine Trennung oder
auch nicht offensichtliche innere Hürden, die man überwinden will.
Weil man beim Fliegen immer auf sich selber zurückgeworfen wird,
nehme ich als Fluglehrer solche Veränderungsprozesse wahr. Und jetzt
könnte ich diese Veränderungen ignorieren oder bewusst damit arbeiten.
Ihre Coaching-Kunden kommen also häufig aus der Flugschule?
Teils, teils. Ich kommuniziere das eher zurückhaltend. Aber ich habe
mehrmals erlebt, dass ein zweistündiges Coaching effizienter ist, als
zwei Tage am Übungshang zu trainieren.
Was bieten Sie konkret an?
Kurz auf den Punkt gebracht, sind es Einzel- oder Gruppencoachings
oder Familien- und Organisationsaufstellungen, mit denen innere Programmierungen, die uns im Alltag behindern, ins Bewusstsein geholt
und dann gelöst oder verändert werden.
Umschulungen dieser Art werden von der SUVA bezahlt, nehme
ich an?
Die SUVA sagt, dass sich die Kosten für die Erstrehabilitation für einen
Querschnittgelähmten mit der Erstversorgung in Nottwil und den Folgekosten für Umschulung, Wohnungsumbau, Autoanpassung, usw auf
rund eine halbe Million belaufen.
Wie gut diese Erstrehabilitation verläuft, das hat erhebliche wirtschaftliche Auswirkungen. Kann man sich gut in das neue Leben schicken, sind Komplikationen weniger häufig. Und das ist kostenrelevant.
Dabei spielen das persönliche Umfeld, aber auch die Medien eine
grosse Rolle. Nehmen wir als Beispiel Kira Grünberg, die österreichische Stabhochspringerin: Sie fällt beim Training so unglücklich, dass sie
zur Tetraplegikerin wird. Die Meldungen über das furchtbar schreckliche Schicksal überschlagen sich – wieder, weil der aufrechte Gang so
im Vordergrund steht.
Ein solches Schicksal ist doch auch schrecklich ...
Natürlich, aber wenn man im Bett liegt und weiss, man wird nie mehr
gehen können, helfen solche Mitleidsbekundungen in keiner Art und
Weise, im Gegenteil – sie schwächen den Betroffenen. Das fängt ja
schon mit der IV an: «invalid» oder «valid», «ungültig» oder «gültig».
Aber es ist noch niemandem in den Sinn gekommen den Namen zu
ändern. Ich störe mich daran, Menschen mit Behinderungen nur als
Kostenverursacher zu betrachten.
Sie meinen, Menschen mit einem Handicap liessen sich besser in
Gesellschaft und Arbeitswelt integrieren, als man meint?
Ja, Audi ist ein gutes Beispiel dafür. Beim deutschen Autohersteller gibt
es Organisationseinheiten, deren Mitarbeitende zu zehn Prozent aus
Menschen mit Behinderungen bestehen. Sie sind Teil der regulären
Teams, beteiligen sich aktiv an der Gestaltung ihrer Arbeitsplätze. Aus
Nachgefragt
bei Giusep Fry, Manager und
Freund von Silvano Beltrametti
Giusep Fry gründete 1998 die
GFC Sports Management AG,
eine der führenden Schweizer
Sportleragenturen und begleitet Athleten, Sponsoren und
Events auf ihrem Erfolgsweg.
«Ich bin nicht behindert, ich werde behindert»
Am 8. Dezember 2001 fährt Silvano Beltrametti die Abfahrt von
Val d’Isère – mit guten Chancen auf einen Sieg. Der Spitzenathlet
stürzt schwer, durchschlägt im Bruchteil einer Sekunde eine
Abweisplane und ein Hochsicherheitsnetz. Er kämpft ums Überleben. Die Diagnose: querschnittgelähmt. An seiner Seite damals
wie heute: Giusep Fry, sein Freund und Manager.
Giusep Fry, was sind heute – fünfzehn Jahre später –
Ihre Erinnerungen an den Unfalltag?
Am Vorabend war ich im Zimmer von Silvano – das werde ich nie
vergessen. Er hat seine Faust geballt und gesagt: «Ich bin parat
für morgen.» Und ich sagte zu ihm: «Komm einfach gesund ins
Ziel.» Diese Energie, die er hatte, dieser Wille, diese Überzeugung. «Ich bin parat für morgen» und dann kam alles anders …
Was war Ihr erster Gedanke, als Sie den Unfall gesehen
haben?
Er ist querschnittgelähmt, aber er wird überleben. Es war sehr
knapp, es ging um Minuten, aber ich war überzeugt, er schafft es.
Und der erste Besuch bei Silvano?
Ich war bereits bei der Helizwischenlandung im Zielgelände
dabei. Die Bergung dauerte sehr lange. Silvano spürte, wie sich
seine Lunge mit Blut füllte. Er gab mir die Hand, verabschiedete
diesen Erkenntnissen werden die Abläufe und Produktionsverfahren
der Mitarbeitenden ohne Einschränkung verbessert. Darin liegt ein
wirtschaftlicher Nutzen. Die Folge sind tiefere IV-Kosten. Es braucht
insgesamt einen anderen, neuen Fokus.
Zurück zu Ihrem Schicksal – Sie haben es geschafft, das Gute in
Ihrem neuen Leben zu fokussieren.
Ja, für mich war immer klar: Was ich vorher gemacht habe, werde
ich auch nachher tun. Aber auch ich musste das alte Leben loslassen,
damit Neues entstehen konnte. Von meinem Zimmer in Nottwil
aus habe ich auf eine Skulptur im Garten gesehen: «Der Lebenskreis»,
nicht ganz rund, vielmehr holprig, mit Narben und gerade
deshalb mit einer unglaublichen Ausstrahlung. Kreise haben die
Eigenschaft, sich zu schliessen. Auch für mich hat sich der Kreis
geschlossen. ■
sich, bat mich, seinen Eltern ein paar letzte Worte zu überbringen. Ich fuhr dann mit dem Auto nach Grenoble. Silvano war
immer bei Bewusstsein und sagte im Spital zu mir: «Ich bin gelähmt, und ich bleibe gelähmt.»
Sie mussten damals mit den Medien kommunizieren –
wie haben Sie das erlebt?
In dem Moment ist es sehr entscheidend, wie man kommuniziert. Es ist wichtig, regelmässig zu informieren, proaktiv, transparent, offen. Die ersten Tage haben wir täglich ein Bulletin herausgegeben und immer kommuniziert, wann das nächste folgt.
Dann warten die Medienleute, und es gibt keine Spekulationen
und Selbstrecherchen bei Ärzten oder zu Hause bei Freunden
und Bekannten.
Stefan Keller hat sein Schicksal erstaunlich schnell
angenommen, ist das Silvano Beltrametti auch gelungen?
Vom ersten Tag an. Am selben Tag wie er wurde in Nottwil ein
12-jähriges Mädchen mit der Diagnose Tetraplegikerin eingeliefert. Das hat ihn fast stärker beeindruckt und berührt als sein
eigenes Schicksal. Ich habe Silvano intensiv begleitet, war jeden
Tag in Nottwil. Wir haben auch heute noch eine enge Verbindung. Gejammert hat er nie. Wenn ich jammere – und ich neige
anscheinend dazu – guckt er mich manchmal von der Seite an
und sagt: «Ich hätte auch manchmal einen Grund zu jammern.»
Das relativiert.
Stefan Keller fliegt wieder Gleitschirm – das konnten nicht
alle verstehen.
Ich sehe das absolut positiv. Silvano fährt auch wieder Ski, Monoski, Handbike, geht mit dem Quad auf die Jagd, hat sich vom
Zimmermann zum technischen Kaufmann umschulen lassen. Er
führt mit seiner Frau das Hotel Tgantieni in Lenzerheide und ist
OK-Präsident der Weltcuprennen Lenzerheide. Er gestaltet sein
Leben aktiv und mit voller Energie. Er sagt immer: «Ich bin nicht
behindert, es sind bauliche Massnahmen wie Treppen, die mich
behindern.» Silvano ist das geblieben, was ihn bereits als Spitzenathlet ausgezeichnet hat: eine ausserordentliche Persönlichkeit
mit ausserordentlichen Stärken. ■
BDO ZOOM 1/2016 | 7
GREENPE ACE SCHWEIZ
«STATT 86 HABEN WIR NOCH
35 ARBEITSPLÄTZE»
Gemeinschaftsarbeitsplätze statt
Einzelbüros: Das
gilt auch für die
Geschäftsleitung.
Einzig die HRVerantwortlichen
können ihre Türe
schliessen.
Greenpeace Schweiz ist umgezogen – mit einschneidenden Folgen:
86 Mitarbeitende in Zürich teilen sich 35 Arbeitsplätze, zwei
Drucker und ein paar Locher. Eine Reorganisation, die dem Ressourcenverschleiss entgegenwirkt und viel Geld einspart.
SABINE BORN (TEX T), BERNHARD STR AHM (FOTOS)
«Wir haben unsere Arbeitsweise grundlegend umgestellt», sagt Daniel
Wyniger, Director Organisational Department von Greenpeace
Schweiz. Die NGO ist im Sommer 2014 von einem Altbau mit fünf
Büroetagen und einer ungenügenden Wärmedämmung in die Genossenschaft Kalkbreite gezogen. Der Wohn- und Gewerbebau mitten in
Zürich steht für eine 2000-Watt-Gesellschaft und fördert neue Wohnformen, mit Kleinwohnungen, die mit Gemeinschaftsraum und Gross-
8 | BDO ZOOM 1/2016
küche zu Clustern angeordnet sind. Für die rund 5000 m2 Gewerbeflächen suchten die Genossenschafter «authentische Anbieterinnen
und Ladenunikate», «möglichst wenig bekannte Marken», «Teamplayer
und Kreativtäterinnen». Dazu passte auch Greenpeace.
«Vor knapp dreieinhalb Jahren hat uns die Geschäftsführung der
Genossenschaft Kalkbreite ein Angebot gemacht», erzählt Daniel
Wyniger. «Das war im Nachhinein ein Riesengeschenk und hat uns viel
Entwicklungsschub verliehen. Ich weiss nicht, ob wir von uns aus diesen
Schritt gemacht hätten.» Die NGO zog in die Kalkbreite und bezahlt
jetzt einen Viertel weniger Mietkosten, hat ihre Bürogeschosse von
fünf auf zwei reduziert, die Anzahl Arbeitsplätze mehr als halbiert und
den Papierberg um 90 Prozent verkleinert. «Statt 86 Locher und
Bostitche haben wir jetzt nur noch eine Handvoll», bringt Daniel Wyniger den Umbruch plakativ auf den Punkt.
«Bis dahin war der Weg aber steinig, die Absturzgefahr beträchtlich», sagt Projektleiter Daniel Wyniger. Das habe mit dem Charakter
von Greenpeace zu tun. «Wir sind eine selbst verwaltete, basisdemo-
kratische Organisation, selbstbewusst, kämpferisch. Geht man Konfrontationen ein, gibt es massiven Gegendruck. Es hätte genauso gut
eine Bruchlandung geben können.» Die gab es glücklicherweise nicht
und obwohl das Projekt dreimal von Grund auf geändert habe, konnte
der Kostenrahmen eingehalten werden. «Darauf bin ich bis heute
stolz.»
Reduzieren auf das Nötigste
Im alten Gebäude führten geschlossene Türen zu vielen Reibungsverlusten, Kommunikationsproblemen und Abgrenzungen. «Ich würde
aber sagen, nicht schlimmer als anderswo auch.» Jeder der Angestellten – egal in welchem Arbeitspensum – hatte seinen festen Arbeitsplatz mit Pult, Ablagen, Akten, Büromaterialien. «So wie es eben ist,
wenn man genug Platz und eigene Büros hat.»
Betritt man heute die Geschäftsräumlichkeiten von Greenpeace,
fällt als Erstes der helle, mit Holz verkleidete Empfangsbereich ins
Auge, im Hintergrund die vielen Toolboxen: Tragbare Holzkisten von
30 mal 20 mal 10 Zentimeter für die persönlichen Sachen. Der Rest ist
Gemeinschaftsbürofl äche. Da arbeiten Mitarbeitende an Steh- oder
Sitzpulten, an langen Holztischen, andere haben sich in einen Fauteuil
zurückgezogen. In Sitzecken diskutieren Mitarbeitende, in einem glasverkleideten Sitzungszimmer findet eine Präsentation statt. Ein Aufenthaltsraum mit Stehtisch und Töggelikasten lädt zur Kaffeepause ein
und aus einem mit Vorhängen abgedeckten Sitzungszimmer verabschiedet sich die Stör-Masseurin von einem Greenpeace-Mitarbeiter.
«Statt 86 haben wir nur noch 35 Langzeit- und 40 Kurzzeit-Arbeitsplätze, die man jeden Morgen neu in Beschlag nimmt. Oder man
weicht auf andere Sitzmöglichkeiten aus», sagt Daniel Wyniger, ein
Berner, der in Zürich arbeitet und mit regelmässigen Home-OfficeDays seine CO2-Bilanz herunterschraubt. Von auswärts oder zu Hause
arbeiten durfte man schon vor dem Umzug. «Aber jetzt wird diese
Möglichkeit vermehrt genutzt.» Eine Regelung von Home -Office hat
sich als unnötig erwiesen. «Wir arbeiten weltweit mit Gmail und
Google-Apps, haben ein Dokumentenmanagement system, das cloudbasiert den Zugriff von überall her ermöglicht.
«Wir haben den Ressourcenverbrauch massiv reduziert», fasst
Daniel Wyniger zusammen. Eine verkleinerte Bürofläche, weniger Papierverbrauch, reduzierter Stromkonsum. «Unter anderem, weil wir unsere
Server in ein energieeffizientes Rechenzentrum ausgelagert haben.»
Die Ersparnis sei enorm. Dabei gehe es nicht nur ums Geld, sondern
auch um den Verbrauch von Ressourcen, den eine Umweltorganisation
möglichst klein halten sollte. Greenpeace Schweiz ist einer der wichtigsten Geldgeber der weltweiten Organisation: «Je haushälterischer
wir sind, desto mehr Geld fliesst in die Länder, in denen die grossen
Umweltzerstörungen passieren, wie Indonesien, Brasilien, China,
Afrika, Indien.»
Haltlose Befürchtungen
Einige Mitarbeitende standen den internen Veränderungen kritisch gegenüber: «Ohne meine Akten kann ich nicht arbeiten.» «Grossraumbüros sind lärmig.» «Die Umstellung auf Wireless verursacht Elektrosmog.» «Die Platzverhältnisse sind zu eng.» Bis auf Letzteres hat sich
nichts bewahrheitet. Bei Greenpeace Schweiz läuft der Drucker selten.
Der Schallpegel befindet sich an der unteren Grenze und auch der Elektrosmog ist nicht höher als anderswo auch. Einzig die Platzverhältnisse
sind an gut frequentierten Tagen knapp. «Am Freitag sind nur rund
zehn Prozent der Arbeitsplätze belegt. Man könnte also umdisponieren, wenn es nötig wäre.»
Zum Unternehmen
Greenpeace Schweiz beschäftigt 86 Mitarbeitende in Zürich und
unterhält zwei kleine Zweigstellen in Bern und Genf. Nicht eingerechnet sind die Mitgliederwerber auf der Strasse, die bei Greenpeace ebenfalls angestellt sind. Die Zürcher Filiale ist eines von
72 Länder- und Regionalbüros in über 55 Ländern. Die rechtlich
unabhängigen Stiftungen oder Vereine sind mit Verträgen aneinander gebunden und gehören zur Dachorganisation Greenpeace
International, einer Stiftung nach holländischem Recht.
www.greenpeace.org
Daniel Wyniger, Director Organisational Department von Greenpeace:
«Die Zufriedenheit der Mitarbeitenden hat massiv zugenommen.»
Zusammenarbeit Greenpeace – BDO
BDO ist seit 2014 als gesetzlicher Prüfer der Jahresrechnung
der Stiftung Greenpeace Schweiz tätig. BDO prüft den Jahresabschluss nach Swiss GAAP FER 21.
Das Fazit der Reorganisation: «Die Zufriedenheit der Mitarbeitenden hat massiv zugenommen», weiss Daniel Wyniger. «Das hätte ich in
dem Ausmass nicht erwartet.» Greenpeace Schweiz unterhält drei Bereiche: das Fundraising (40 Prozent), die Kampagnen (35 Prozent) und
die üblichen Overhead-Funktionen wie Finanzen, Informatik, HR, Legal
(25 Prozent). Die bereichsübergreifende Zusammenarbeit funktioniere
jetzt viel besser. Man stehe nicht mehr vor verschlossenen Büros. «Die
Leute vom Fundraising verkaufen Geschichten, die Kampagnenleute
verfassen.» Nur wenn die Fundraiser Bescheid wissen, sind sie glaubwürdig, ansonsten verfällt ihre Arbeit zum Betteln. «Wir aber wollen
die Leute erreichen: Sie sollen helfen, weil sie informiert sind.» ■
BDO ZOOM 1/2016 | 9
NACHFOLGEREGELUNG BEI PRONTOPL A ST AG
NEUER KAPITÄN, GEÄNDERTE
Erwin und Beat Ruckstuhl haben die Firma aufgebaut, sie waren zu
je 50 Prozent beteiligt. Nach 26 Jahren verkaufen sie die Prontoplast AG – an die zweite Generation, Lukas Ruckstuhl, Sohn und
Neffe. Er ist der neue Geschäftsinhaber.
SABINE BORN (TEX T), BERNHARD STR AHM (FOTO)
Die Prontoplast AG ist ein Spritzgussspezialist, ein Betrieb mit 13 Mitarbeitenden, tätig im Industrieareal von Wetzikon. «Unsere Spezialität
sind kleine Komponenten und Baugruppen aus Thermoplast», sagt Geschäftsinhaber Lukas Ruckstuhl. «Verbundteile aus Metall oder Keramik
können wir ebenfalls herstellen.» Diese werden aus Metall- oder Keramikpulver in einem Spezialverfahren gefertigt. Die Kundenpalette ist
breit, das Einzugsgebiet gross. Viele Kunden sind im Bereich der Elektrotechnik tätig, zum Beispiel Siemens. «Wir produzieren auch für die Maschinen- und Textilindustrie oder für den Hörgerätespezialist Sonova.»
Hauptsächlich sind es kleine Teile mit einem Gewicht zwischen 0,01
und 10 Gramm, in Stückzahlen von 100 bis zu mehreren Millionen.
Thermoplast-Kleinstteile erfordern mehr Know-how als einfache
Massenware, deren Produktion rasch einmal ins Ausland ausgelagert
wird. Mit dieser Unternehmenskultur ist Prontoplast seit 26 Jahren erfolgreich. Klein, aber fein, das gilt nicht nur für die Komponenten,
sondern auch für die Betriebsgrösse. «Wachsen um jeden Preis, nein,
das war nie unsere Strategie», sagt Vater Erwin Ruckstuhl, 71, eine
eindrückliche Persönlichkeit, einst ein guter Verkäufer, ein Mann mit
dem richtigen Gespür. «Sie ist es noch heute nicht», ergänzt Lukas
Ruckstuhl, 41-jährig, aufmerksam, besonnen, ruhig, seit 20 Jahren im
Geschäft und seit mehr als einem Jahr neuer Geschäftsinhaber. Er hat
das Ruder übernommen, steuert auf dem gleichen Kurs weiter, und
doch ist es ein Umbruch, wenn Vater und Onkel aus dem Geschäft ausscheiden und der Sohn beziehungsweise Neffe den Betrieb übernimmt.
Ein Lebenswerk verkaufen
Der Verkauf ging reibungslos über die Bühne. «Aufgrund des Schätzungsberichts lag der Preis auf dem Tisch», sagt Lukas Ruckstuhl, Vater
von vier Kindern, der das Angebot mit seiner Frau und seiner Familie
eingehend diskutiert hat. «Der Verkauf hat sich als logischer Schritt
angeboten. Trotzdem ist ein Entscheid dieser Tragweite nicht nur
schwarz oder weiss.» Nach knapp 20 Jahren im Betrieb hat Lukas Ruckstuhl schon länger nach neuen Impulsen gesucht, sich eine Veränderung gewünscht. «Der Anstoss konnte nicht von mir kommen», sagt er
und Erwin Ruckstuhl stimmt zu: «Es brauchte den klaren Entscheid von
uns: Wir wollen verkaufen.» Obwohl der Verkauf rasch über die Bühne
ging – «Zuweilen zu schnell», lacht der Pensionär –, dauerte der emotionale Ablösungsprozess davor rund zehn Jahre.
«Der Trennungsschmerz war gross», gibt der Firmengründer unumwunden zu. «Ein Lebenswerk zu verkaufen, das war schwierig, für mich
wie für meinen Bruder, der, elf Jahre jünger, vor zehn Jahren noch weniger an eine Nachfolgeregelung dachte als ich.» Ein Lebenswerk, das die
zwei Brüder mit viel Herzblut geschaffen haben. «Ich war damals
Verkaufsleiter in einer grösseren Spritzgussfirma.» Ein strategischer
10 | BDO ZOOM 1/2016
Zum Unternehmen
Die Prontoplast AG ist ein Spritzgussspezialist und beschäftigt im
zürcherischen Wetzikon 13 Mitarbeitende. Die einstige Kollektivgesellschaft formierte sich später zur GmbH bevor sie 2014 in
eine AG umgewandelt wurde. Das Unternehmen ist hauptsächlich
auf dem Schweizer Markt tätig mit vielen langjährigen Kunden.
www.prontoplast.ch
BESATZUNG
Fehlentscheid dieser Firma führte später zu ihrem Konkurs. «Ich habe
gespürt, dass sich das Unternehmen nach der Lancierung eines Eigenprodukts und der Vernachlässigung des Kundengeschäfts in eine falsche Richtung entwickelte.» Erwin Ruckstuhl schied vier Jahre vor dem
Konkurs aus dem Unternehmen und wagte mit seinem Bruder den
Schritt in die Selbstständigkeit.
Wenig Startkapital
«Eine Lokalität war bald gefunden, im Keller von Verkabelungsspezialist Reichle De-Massari, der gleichzeitig unser erster Kunde war und es
auch heute noch ist», erinnert sich Erwin Ruckstuhl. Was fehlte, war
die Produktionsmaschine. «Wir bestellten den Maschinenhersteller,
Herrn Bach, in ein Café, sprachen ausführlich über das Projekt, auch
über den Preis.» Kostenpunkt: 40 000 Franken. «Wir haben kein Geld»,
sagten die Brüder, von denen jeder bereits 5000 Franken in das Unternehmen investiert hatte. Mehr war da nicht, bei zwei Männern, der
eine mit fünf Kindern, der andere mit einem Sohn. «Ich stelle euch die
Maschine zur Verfügung und bin überzeugt, das Geld in einem Jahr zu
erhalten», sagte Herr Bach, ein Mann, dem die beiden Ruckstuhls damals zum ersten Mal begegnet waren.
So hat Prontoplast begonnen und ist kontinuierlich gewachsen. Potenzielle Kunden kannte Erwin Ruckstuhl viele, der alten Firma geschadet habe er nie. Die Bank gewährte den Brüdern einen Kontokorrentkredit von 30 000 Franken. Die Voraussetzung: «Mein Bruder und ich
mussten gegenseitig eine Todesfallversicherung abschliessen.» Das behagte beiden nicht. Sie agierten bald unabhängig von den Banken und
benötigten bis zum Verkauf des Geschäfts nie mehr einen Kredit. «Wir
investierten das Geld, das wir erwirtschaftet haben, waren stets grosszügig zu unseren Mitarbeitenden und spendeten jeden Monat Geld für
gemeinnützige Institutionen in der Region.» Eine Strategie etwas abseits vom reinen Gewinnstreben, eine Strategie, die funktioniert hat.
«Der Trennungsschmerz war
gross», sagt Firmengründer
Erwin Ruckstuhl,
nachdem er
seine Firma Sohn
Lukas verkauft
hat.
Zusammenarbeit Prontoplast AG und BDO
BDO unterstützt die Prontoplast AG in den Bereichen Buchhaltung,
Abschlussberatung und Lohnverarbeitung. Beim Geschäftsverkauf
hat BDO von der Bewertung, über Steuerrechtliches, den Businessplan, die Finanzierung und Verträge alles geregelt. Marcel Jans,
Leiter Corporate Finance Schweiz bei BDO, ist Mitglied im Verwaltungsrat.
Gegenwind rauer
Mit dem Verkauf wurden die Karten neu gemischt. Firmengründer Beat
Ruckstuhl ist nach wie vor im Betrieb, hat aber den Inhaber- gegen den
Arbeitskittel ausgetauscht. «Von seinem technischen Know-how können wir weiterhin profitieren», so Lukas Ruckstuhl. Sein Vater Erwin ist
Mitglied des Verwaltungsrats, ansonsten weit weg vom Tagesgeschäft.
Ebenfalls im Betrieb ist der Sohn von Beat, der seinerseits nie das Bedürfnis hatte, das Geschäft zu übernehmen, ebenso wenig wie Lukas'
vier Geschwister. Eine klare Sache also, und doch ein grosses Wagnis
für den Familienvater, der seinerseits den Druck der Schuldenlast jetzt
spürt. Lukas Ruckstuhl will organisatorisch einiges anpassen, den Automatisierungsprozess vorantreiben, technisch stets auf dem neusten
Stand bleiben, ansonsten das Geschäft im Sinne von Onkel und Vater
weiterführen.
Er ist sich bewusst, dass der Gegenwind stärker, das Klima rauer geworden ist. «Wir schauen positiv, aber realistisch in die Zukunft», sagt
der junge Geschäftsführer. Prontoplast beschäftigt seit Jahren einen
Mitarbeiter aus einer geschützten Werkstatt. «Wir waren damals eines
der ersten Unternehmen, das Medienecho war gross», erinnert sich
Erwin Ruckstuhl. Heute ist die Integration von Behinderten ein grosses
Thema. Prontoplast schwimmt nicht in allen Belangen im Mainstream
und behauptet sich doch. Ein anderes Beispiel: Im Betrieb brennt immer eine Kerze. «Das habe ich einmal eingeführt», so Erwin Ruckstuhl,
«und mich sehr gefreut, als ich bei einem späteren Besuch eine Kerze
brennen sah.» Der Betrieb lebt weiter, im Sinne der Gründer, aber mit
neuem Kapitän und geänderter Besatzung. ■
BDO ZOOM 1/2016 | 11
H A U S V E R K A U F I M A LT E R
WENN DIE NEUE WOHNFORM IM
UMBRUCH UND AUFBRUC
Ist Wohneigentum eine sichere Altersvorsorge? Zum einen bedeutet eine Liegenschaft oder eine Eigentumswohnung Vermögen,
zum andern bleibt mangels Reserven der gewohnte Lebensstandard auf der Strecke. Die Planung der Pensionierung umfasst auch
die eigenen vier Wände – damit der berufliche und persönliche
Umbruch zu einem gut gelungenen Aufbruch wird.
JÜRG KOCHER UND URS HAURI (TEX T)
Unbeschwert in den Ruhestand, das wünschen sich alle Wohneigentümer. Nehmen wir Paul und Anna Polak (Name frei erfunden). Sie leben
in einem Haus auf dem Land. Dank der regen Tätigkeit auf dem Immobilienmarkt ist der Wert des Hauses gestiegen und beträgt aktuell rund
eine Million Franken. Die Familie Polak hat zudem regelmässig in ihr
Eigenheim investiert. Sie rechnet damit, dass sie nach der Pensionierung erst einmal Ruhe vor weiteren Sanierungsarbeiten hat. Die Belehnung auf dem Haus beträgt 600 000 Franken. Dank den tiefen Hypothekar zinsen beträgt die monatliche Belastung weniger als 1000
Franken. Paul und Anna Polak können getrost in Pension gehen. Könnte
man denken.
Gesellschaft verändert sich
Das gesellschaftliche Umfeld hat sich innerhalb der letzten 20 bis
30 Jahre stark verändert. Faktoren wie Ernährung, Gesundheit und
weniger körperliche Belastungen haben die durchschnittliche Lebenserwartung mittlerweile auf über 80 Jahre (84,16 Jahre für Männer;
88,19 Jahre für Frauen1) steigen lassen. Mit dieser Entwicklung parallel
laufen steigende Lebensansprüche, gemeinhin auch an das Wohnen.
Vor 60 Jahren genügten 20 bis 30 Quadratmeter Wohnfl äche für eine
Person. Mittlerweile haben sich diese Zahlen verdoppelt. Ausschlaggebend dafür sind raumplanerische Massnahmen, stetig steigende
Land- und Baupreise. Da kommt schnell einmal die Frage auf: Kann sich
überhaupt jemand den Wohnkomfort aus dem aktiven Leben im Alter
noch leisten?
Eingriff in den Lebensalltag
Überlegungen zur geeigneten Wohnform kann man nie früh genug
machen. In der Praxis kann sich ein Wohneigentümer oftmals nur
schwer von seinen eigenen vier Wänden trennen. Der Wechsel von
einem Einfamilienhaus in eine Eigentums- oder gar in eine Mietwohnung wird in jedem Fall zu einem starken Eingriff in den gewohnten
Lebensalltag – zu einem Umbruch schlechthin. Vor diesem entscheidenden Schritt müssen wichtige Punkte erörtert und geklärt werden.
1
Mortalitätstabelle Stauffer/Schaetzle/Weber, 2010
12 | BDO ZOOM 1/2016
Alternative Wohnform
Nehmen wir wieder das Beispiel der Familie Polak. Sie macht sich tatsächlich Gedanken darüber, ob sie ihr Haus verkaufen und eine Eigentumswohnung beziehen will. Oder sie entscheidet sich für ein Modell
«Wohnen im Alter». In den letzten Jahren wurden in diesem Bereich
interessante Projekte realisiert: Altersresidenzen mit Studios, Zwei-,
Drei- oder Vierzimmer-Appartements, die infrastrukturell bereits den
Bedürfnissen von älteren Menschen angepasst sind. Ausserdem umfasst eine solche Wohnsiedlung verschiedene Dienstleistungen, die
modular in Anspruch genommen werden können. Diese alternative
Wohnform im Alter macht weitgehend unabhängig, auch wenn sich
erste körperliche Gebrechen einstellen.
Achtung (Grundstück-)Gewinn
Herrn und Frau Polak stellen sich vor der endgültigen Entscheidung
einige Fragen. Bei einem Verkauf des Eigenheims fällt allenfalls eine
Grundstückgewinnsteuer an, die aufschiebende Wirkung hätte, wenn
sie wieder Wohneigentum erwerben. Wenn sie aber eine Mietwohnung
beziehen, so müsste eine allfällige Grundstückgewinnsteuer bezahlt
werden. Wie wird der Grundstückgewinn ermittelt? Einfach ausgedrückt: Der Grundstückgewinn ist jener Betrag, um den der Erlös die
Anlagekosten (Erwerbspreis und Aufwendungen) übersteigt. Der
Verkaufspreis kann höher sein als die Anlagekosten, ohne dass eine
Steuer anfallen muss. Das ist der Fall, wenn wertvermehrende Investitionen getätigt wurden. Auch Maklergebühren und Inseratekosten,
die bei den Verkaufsbemühungen angefallen sind, können vom Gewinn
abgezogen werden.
Künftige Bedürfnisse abschätzen
Die Familie Polak wird sich auch Gedanken machen müssen über ihre
künftigen Bedürfnisse. Wie viel Wohnraum ist nötig? Vor allem aber
wird sie ihre Ansprüche weitgehend ihren finanziellen Möglichkeiten
nach der Pensionierung anpassen müssen. Wenn der Entscheid auf eine
Der Verkauf einer Liegenschaft
Der erfolgreiche Verkauf einer Liegenschaft hängt weitgehend
von der Marktsituation und dem Standort des Wohneigentums
ab. Es lohnt sich in jedem Fall, die Liegenschaft durch einen
Schätzungsexperten bewerten zu lassen. Die späteren Verkaufsbemühungen werden von vielen Faktoren beeinflusst. Es macht
deshalb wenig Sinn, die Immobilie auf eigene Faust verkaufen
zu wollen. Formalitäten wie Kaufvertrag und Verschreibung einer
Liegenschaft können sich schnell zu einem Stolperstein entwickeln, wenn sie nicht fachgerecht vorbereitet und ausgeführt
werden.
ALTER ZUM
Nachgefragt
UCH WIRD
Im Gespräch mit Urs Hauri, Leiter Immobilienbewertungen
bei BDO, Niederlassung Solothurn
Herr Hauri, nach der Pensionierung verringert sich das Einkommen möglicherweise. Ein Haus kann zur fi nanziellen Belastung werden, vor allem wenn die Bank bei der Tragbarkeitsrechnung von 5 Prozent Hypothekarzins ausgeht. Wie
kann man diese Gefahr verhindern oder zumindest mindern?
Mietwohnung fällt, verbessern Vermögensbestände aus dem Erlös des
Eigenheims und Sparkapitalien aus Dritte-Säule-Konten die finanzielle
Situation. Neben den materiellen Faktoren ist für einen Entscheid auch
die künftige Standortqualität (Erreichbarkeit mit öffentlichen Verkehrsmitteln, Einkaufsmöglichkeiten, Steuersituation usw.) in die Überlegungen miteinzubeziehen. ■
Anzahl Wohneigentümer nach Alter
Anzahl Eigentumshaushalte nach Alter der befragten
Person im Haushalt
Der Markt bietet immer mehr attraktives Alterswohnen an,
eine Mischform von unabhängiger Wohnmöglichkeit und
trotzdem einer umfassenden Betreuung. Was spricht Ihrer
100%
Meinung nach für diese Wohnform?
Eigentumswohnungen
2000
2010–2013
Quelle: Bundesamt für Statistik, Credit Suisse
25000
20000
15000
10000
5000
0
20 25 30 35 40 45 50 55 60 65 70 75 80 85 90 100
Alter
90%
Einfamilienhäuserein wichtiger FakVor allem ist auch im Alter die Unabhängigkeit
80% tor. Dazu kommt, dass je nach persönlichen
Mietwohnungen
Bedürfnissen die anQuelle: Bundesamt für Statistik, Credit Suisse
30000
Urs Hauri: In erster Linie muss man sich bewusst sein, dass alle
Banken durch Regulatorien gezwungen sind, bei Hypothekarausleihungen für Eigenheime höhere Zinssätze zur Bestimmung
der Belastungsgrenze anzuwenden. Die Rückzahlung der Hypothek, einschliesslich Zinsbelastung – gerechnet mit 5 bis 6 Prozent Zins und Nebenkosten auf der Hypothekarschuld – darf ein
Drittel des Jahreseinkommens nach der Pensionierung nicht
übersteigen. Die Amortisation der Hypothek soll mittels der
3. Säule langfristig geplant werden.
70% gebotenen Dienstleistungen (Mahlzeitendienst, ärztliche Betreu60% ung usw.) beansprucht werden können.
50% Sie wohnen selber in einem Einfamilienhaus und stehen vor
40% der Pensionierung. Für welche Wohnform haben Sie sich ent30% schieden?
20% Nach Möglichkeit und solange die Gesundheit dies erlaubt,
10% Verbleib im Einfamilienhaus für einen Zeitraum von fünf bis
zehn Jahren nach der Pensionierung. Verkauf des Einfamilien-
0%
hauses und Kauf einer Wohnung im Stockwerkeigentum mit
20 25 30 35 40 45 50 55 60 65 70 75 80 85 90
guter Anbindung an öffentliche
Alter Verkehrsmittel.
Wohnformpräferenz nach Alter
Verteilung der Wohnformen nach Alter
90%
80%
70%
60%
50%
40%
30%
20%
10%
Eigentumswohnungen
Einfamilienhäuser
Mietwohnungen
Jürg Kocher
Leiter Immobilien-Vermarktung
BDO AG, Niederlassung Solothurn
Quelle: Bundesamt für Statistik, Credit Suisse
100%
0%
20 25 30 35 40 45 50 55 60 65 70 75 80 85 90
Alter
[email protected]
Telefon 032 624 67 57
Urs Hauri
Leiter Immobilienbewertungen
BDO AG, Niederlassung Solothurn
[email protected]
Telefon 032 624 67 64
BDO ZOOM 1/2016 | 13
G EM EI N DEFÜ H RU NGSMODELLE I M WAN DEL
MEHR WEITBLICK
FÜR DEN
GEMEINDERAT
Der Mann fürs Strategische: Gemeindepräsident Hans-Peter Budmiger (links).
Er kümmert sich um die operativen
Geschäfte: Erich Probst, Gemeindeschreiber und Geschäftsleiter der
Gemeinde Muri im Kanton Aargau.
Zusammenarbeit Muri, Schüpfheim,
Adligenswil und Ebikon – BDO
Die Beratung bei Behördenreorganisationen und Gemeindeführungsmodellen ist eine der Kernkompetenzen der Gemeindeberatung von BDO. Bei diesen vier exemplarischen Projekten
begleitet BDO die Gemeinden als externe Projektleitung. Dabei
führt sie den Prozess, bringt die Erfahrung aus vergleichbaren
Projekten ein und koordiniert die Aktivitäten in Arbeitsgruppen
und Teilprojekten.
14 | BDO ZOOM 1/2016
Was für Unternehmen gut ist, kann für Gemeinden nicht schlecht
sein: CEO respektive Geschäftsführer und Geschäftsleitung zeichnen für die Alltagsgeschäfte verantwortlich, der Gemeinderat
befasst sich mit strategischen Entscheiden.
SABINE BORN (TEX T), BERNHARD STR AHM (FOTO)
Die Gemeinde Muri im Kanton Aargau macht es seit ein paar Jahren,
Schüpfheim, Ebikon und Adligenswil, drei Gemeinden im Kanton
Luzern, sind in der Umsetzungsphase. Ein CEO übernimmt die operativen Aufgaben, damit der Gemeinderat mehr Zeit für strategische Entscheide hat. «Ein Beispiel: Früher gingen alle Baugesuche durch den
Gemeinderat, nachdem der Bauverwalter diese bereits geprüft und
baurechtlich geklärt hatte», sagt Hans-Peter Budmiger, Gemeindepräsident von Muri im Kanton Aargau. «Oder das Anstellen von Personal:
Jede Sachbearbeitungsstelle ging über den Gemeinderat. Das ist ganz
klar eine operative Aufgabe.»
Die Gemeinde Muri zählt 7800 Einwohner und hat vor dreieinhalb
Jahren eine Dreier-Geschäftsleitung mit den operativen Geschäften
beauftragt. Gemeindeschreiber Erich Probst hat die Geschäftsleitung
übernommen. «Der Gemeindeschreiber entspricht schon lange nicht
mehr dem Bild aus Gotthelfs Zeiten. Er ist heute Drehscheibe der
Gemeindeverwaltung und das rechtliche und politische Gewissen»,
erklärt Erich Probst. Ihm zur Seite stehen der Leiter Finanzen sowie der
Leiter Bau und Planung, jene Bereiche mit der grössten Verknüpfung
zum Gemeinderat. Am Steuer ist ein schlagfertiges Trio, die ideale
Grösse zum Arbeiten. «Wir haben keine neuen Stellen geschaffen und
die Umorganisation weitgehend kostenneutral umgesetzt.»
Zur Motivation sagt Hans-Peter Budmiger: «Wir wollten den veränderten Prozessen eine moderne Organisationsstruktur verleihen und
die zeitliche Belastung der Behördenmitglieder reduzieren.» Ob der
Gemeinderat sein Pensum reduzieren konnte? Hans-Peter Budmiger
lacht: «Sagen wir es so: Das Pensum ist nicht gestiegen.» Er räumt aber
ein: «Durch die klare Trennung zwischen operativen und strategischen
Geschäften kann sich der Gemeinderat heute auf die wesentlichen
Fragen konzentrieren.» Dieses Ziel habe man erreicht.
Aber natürlich ist die Trennung zwischen operativ und strategisch
nicht immer glasklar, undankbare Aufgaben werden auch mal hin- und
hergeschoben. Es braucht einen guten Austausch. Hans-Peter Budmiger betont: «Wir haben das Modell nicht mit einem Paukenschlag eingeführt.» Es ist ein Lernprozess für alle Beteiligten: Gemeinderat, Verwaltung, Kunden und Bevölkerung. Für die Leute bleibt der Gemeindepräsident die wichtigste Anlaufstelle. Das sei ok so. «Wenn jemand im
Coop zu mir kommt, sich über die Blumen vor dem Gemeindehaus beschwert, dann höre ich zu, mache es aber nicht zu meinem Problem.»
In den Startlöchern
Ein Lernprozess, den drei Gemeinden im Kanton Luzern in den letzten
Jahren losgetreten haben. Schüpfheim mit 4200 Einwohnern, Ebikon
mit 13000 und Adligenswil mit 5300 Einwohnern befinden sich in den
Startlöchern und führen das CEO-Modell dieses Jahr ein. Schüpfheim
und Adligenswil siedeln ab dem 1. September die operativen Geschäfte
in der Verwaltung an und engagieren einen Geschäftsführer. Ebikon
wird bereits am 1. April startklar sein. Gemeindeschreiberin Pia Maria
Brugger übernimmt die Geschäftsführung. «Die grosse Herausforderung wird sein, zusammen mit der Geschäftsleitung die richtigen Prioritäten zu setzen, schrittweise vorzugehen und bei der Fülle der Aufgaben auf die Work-Life-Balance achtzugeben», sagt sie. Eine Einführung
des CEO-Modells hat Ebikon bereits bei der Revision der Gemeindeordnung 2007 erwogen, die Diskussionen aber erst 2012 wieder aufgenommen, als man die Suche nach geeigneten Kandidaten für den
Gemeinderat als schwierig beurteilt hatte.
Ob in Zukunft ein kompetenter Gemeinderat rekrutiert werden
könne, spielte auch in Adligenswil eine ausschlaggebende Rolle: «Parteien und Einwohner äusserten den Wunsch nach einer Professionalisierung und klareren Trennung zwischen operativen und strategischen
Arbeiten», sagt Ursi Burkart-Merz, Gemeindepräsidentin in Adligenswil. «Es wurde immer schwieriger, geeignete Leute für grössere Teilzeitmandate im Gemeinderat zu finden», sagt auch Christine Bouvard
Marty, Gemeindepräsidentin in Schüpfheim.
Sie sieht in dem Modell nicht nur eine Chance für die Gemeinderäte,
die sich nach einer Reorganisation intensiver mit Strategie und Politik
auseinandersetzen können, ein Amt besser mit ihrem Beruf vereinbaren können, sondern auch für die Gemeindemitarbeitenden: «Mit der
Übernahme der operativen Geschäfte werden auch innerhalb der Gemeinde interessante und vielfältige Arbeitsfelder geschaffen.»
Gemeinderat entlasten
Während in Muri die zeitliche Belastung für den Gemeinderat – eine
Folge steigender Einwohnerzahlen – nicht weiter anwachsen sollte,
erhoffen sich die drei Luzerner Gemeinden eine deutliche Reduzierung
der Arbeitspensen ihrer Gemeinderäte. Ursi Burkart-Merz, Gemeindepräsidentin in Adligenswil sagt: «Das aktuelle Pensum des Gemeinderats von 255 Prozent soll auf 130 Prozent reduziert werden. Im Gegenzug wird ein Geschäftsführer zu 100 Prozent eingestellt, die
Verwaltung aufgestockt. Es ist kein Sparpaket.»
In Ebikon sollen die Pensen der Gemeinderäte auf 30, jenes der
Gemeindepräsidentin auf 35 Prozent reduziert werden. Ausser der
Gemeindepräsidentin werden die Räte auch nicht mehr in ein Ressort
gewählt. «Die freien Mittel investieren wir in die Verwaltung», sagt
Pia Maria Brugger, Gemeindeschreiberin und designierte Geschäftsführerin in Ebikon. Und auch Schüpfheim will das Gesamtpensum des
Gemeinderats halbieren.
In den nächsten Monaten, Wochen bis zur Einführung geht es
darum, die Abläufe der Übergabe zu gestalten, Kompetenzen zu delegieren, Stellenprozente für die Abteilungen zu ermitteln und Aufgabenprofile zu finalisieren. Auch wichtig: Die Mitarbeitenden in den Prozess
aktiv miteinbeziehen, denn eine Umorganisation ist immer auch mit
Unsicherheiten verbunden. Entsprechend wird die erste Zeit nach der
Einführung geprägt sein von der Rollenfindung. «Als Gemeindepräsidentin muss ich vertraute, operative Aufgaben loslassen und gute Prozesse erarbeiten, um die strategische Arbeit des Gemeinderats zu fördern», sagt beispielsweise Christine Bouvard Marty aus Schüpfheim.
«Eine attraktive Gemeinde bleiben mit guter Balance zwischen
finanzpolitisch Möglichem und sachpolitisch Wünschbarem ist mein
Ziel und dass wir die Kommunikation mit der Bevölkerung und den
Kommissionen transparent halten, die Mitarbeitenden zufrieden sind,
der Gemeinderat engagiert ist», so Ursi Burkart-Merz’ Blick in die
Zukunft.
Gemeindeschreiberin Pia Maria Brugger wird als erste Geschäftsführerin in die Geschichte der Gemeinde Ebikon eingehen. Die gelernte
Betriebsökonomin – sie war Mitglied des Kantonsrats und bis 2010 Geschäftsführerin des Gemeindeverbands öffentlicher Agglomerationsverkehr Luzern – sagt: «Es freut mich, dass ich in einer wichtigen Aufgabe für die Gemeinde tätig sein und Akzente setzen darf. Ich finde es
wichtig, dass Frauen Führungspositionen übernehmen und aktiv mitgestalten. Das motiviert andere Frauen, ebenfalls einzusteigen.»
■
BDO ZOOM 1/2016 | 15
NEUORIENTIERUNG AUF DEM ARBEITSMARK T
WENN DIE ARBEITSLOSIGKEIT
ZUM UMBRUCH FÜHRT
Selbstständig
480 Personen
Kaderfunktion
8 413 Personen
Fachfunktion
97 774 Personen
Ein Marketingdirektor Mitte 50 verliert seine Stelle. Seine langjährige Arbeitgeberin hat eine Umstrukturierung
Hilfsfunktionvorgenommen.
46 574 PersonenDer
Lehrling zum Opfer.
2 850 Personen
Kadermann fi el dieser internen Massnahme
Seit einem
Jahr sucht er nun bereits eine neue Stelle. Ohne Erfolg. Im Kanton
Solothurn wäre der Mann vom Amt für Wirtschaft und Arbeit zu
einer obligatorischen Erstmassnahme aufgeboten worden.
erhalten haben, suchen oft bis zu einem Jahr auf eigene Faust eine neue
Stelle, ehe sie sich bei uns anmelden.» Dabei seien die Erfahrungen mit
diesem Kurs in Form eines sogenannten Reboot-Trainings überaus positiv. Der Kanton Solothurn bietet solche Kurse seit 20 Jahren an und
nimmt schweizweit eine führende Position ein. «Im SECO-Bericht sind
wir mit dem Reboot-Training im ersten Drittel des Kantonsratings angesiedelt», sagt Tucci.
Der Kanton mit den vielen Regionen nimmt eine Vorbildfunktion ein
und fordert die arbeitslos gewordenen Kaderleute nicht mit sanftem
Druck zu einer Erstmassnahme auf, sondern bietet sie obligatorisch
dafür auf. «Voraussetzung ist aber, dass der Stellenlose seinen Status
bei der Gemeinde oder direkt bei der zuständigen Regionalen Arbeitsvermittlungsstelle (RAV) meldet», sagt Jürg Tucci, Leiter Logistik
Arbeitsmarktliche Massnahmen (LAM) vom Amt für Wirtschaft und
Arbeit des Kantons Solothurn. «Besonders entlassene Kaderleute, die
möglicherweise freigestellt wurden und eine mehrmonatige Abfindung
Akademiker haben keinen Freipass
Gemäss einer SECO-Statistik (siehe Kasten) waren Ende Dezember 2015
8413 von den 158 629 gemeldeten Arbeitslosen in der Schweiz in ihrer
letzten Tätigkeit in einer Kaderfunktion. Dieser Status berechtigt aber
nicht automatisch zur Teilnahme an einem Kaderkurs. Voraussetzung
sind ein eidgenössisches Diplom und der Nachweis für eine vorangegangene Führungsfunktion. Sogenannte Hochdiener, die von der Pike auf in
eine Kaderfunktion hineingewachsen sind, müssen über mindestens ein
Diplom einer höheren Fachschule verfügen. Diesen Nachweis hätten
beispielsweise Betroffene aus der Bankenbranche vielfach nicht erbringen können, sagt Jürg Tucci. «Und», so der Leiter der LAM, «eine akademische Ausbildung ist nicht automatisch gleichbedeutend mit einer für
die Kursberechtigung adäquaten Kaderfunktion.»
Arbeitslose nach Altersklassen in der Schweiz
Arbeitslose nach zuletzt ausgeübter Funktion
JOSEPH WEIBEL (TEX T)
(Dezember 2015)
Total 158 629 Personen
25000
480 Perso
Kaderfunktion
8 413 Perso
Fachfunktion
97 774 Perso
Hilfsfunktion
46 574 Perso
Lehrling
20000
15000
10000
Selbstständig
480 Personen
Kaderfunktion
8 413 Personen
Fachfunktion
97 774 Personen
Hilfsfunktion
46 574 Personen
Lehrling
5000
+
60
hr
e
Ja
9
4
–5
55
50
–5
9
Ja
hr
e
hr
e
Ja
hr
e
–4
4
Ja
45
hr
e
9
–4
40
35
–3
–3
4
Ja
Ja
hr
e
hr
e
Ja
9
30
–2
25
–2
4
Ja
hr
e
0
20
Selbstständig
Obwohl die Gefahr
einer Entlassung im
Alter zwischen 55 und
60 Jahren gross ist,
fi nden 58 Prozent der
Stellensuchenden in
diesem Alterssegment
eine neue Anstellung.
2 850 Personen
(Quelle: «Die Lage auf dem Arbeitsmarkt»,
Dezember 2015, SECO Arbeitsmarkt
und Arbeitslosenversicherung)
16 | BDO ZOOM 1/2016
25000
2 850 Perso
Jürg Tucci, Leiter Logistik Arbeitsmarktliche
Massnahmen (LAM) vom Amt für Wirtschaft
und Arbeit im Kanton Solothurn sagt: «Mit
dem Reboot-Training sind wir im Kantonsrating im ersten Drittel angesiedelt.»
Gelerntes in die Praxis umsetzen
Wer diese Hürden – in unserem exemplarischen Fall im Kanton Solothurn – überwunden hat, wird bereits rund drei Wochen nach der Anmeldung zum Reboot-Training aufgeboten. Der Kurs führt über zwei
Monate. Die Teilnehmenden haben eine berufliche Standortbestimmung vorgenommen, verfügen über ein vollständiges Bewerbungsdossier sowie einen zielgerichteten, realistischen Aktionsplan, haben
die Bewerbungstechniken trainiert und wissen sich auf dem Arbeitsmarkt erfolgreich zu behaupten. Die effektive Kursdauer beträgt aber
nur zehn Tage. «Das hat seinen Grund», wie Tucci sagt. «In der kursfreien Zeit setzen die Teilnehmer Gelerntes in der Praxis um. Der
Stellensuchende lernt, sich zielgerichteter auf dem Arbeitsmarkt zu
bewegen.» Wer jahrelang im gleichen Unternehmen gearbeitet hat,
unterschätze oft die Komplexität des heutigen Arbeitsmarkts. «Das
macht eine völlige Neuorientierung umso schwieriger. Generalisten
sind kaum mehr gesucht, sondern Spezialisten.»
Hohe Mobilitätsbereitschaft
Es komme zu einem eigentlichen Umbruch für viele Arbeitssuchende,
die vorher zum Teil auch in hohen Kaderfunktionen tätig waren. Nicht
nur ein verändertes Anforderungsprofil kompliziere die Neuorientierung, «Kaderstellen sind auch in einem Radius von 100 Kilometer nur
beschränkt vorhanden.» Eine Anstellung in gewohnt naher Umgebung
sei eher unwahrscheinlich. «In Solothurn ist jeder sechste Arbeitnehmer ausserhalb seines Wohnkantons tätig.» Eine hohe Mobilitätsbereitschaft müsse auch bei Kaderleuten vorhanden sein. «Ein wichtiger
Faktor ist der Lohn. Ein neuer Job heisst nicht automatisch mehr Lohn.
Die Spirale dreht sich nicht beliebig weiter aufwärts», warnt Jürg Tucci.
Die Lohnkurve müsse aber auch nicht bis zur Pensionierung stetig steigen. Im Gegenteil: Mit zunehmenden Alter würden gewöhnlich die familiären Pflichten und so auch die Ausgaben abnehmen. «Realistische
Lohnvorstellungen verbessern die Chancen für eine Neuanstellung,
weil dann die vergleichsweise hohen Pensionskassenbeiträge nicht im
Vordergrund sind», ist Jürg Tucci überzeugt.
Kein Karrieresprung
Er widerspricht auch der gängigen Meinung, dass vor allem ältere
Arbeitnehmer, unabhängig von ihrer Funktion, mit Arbeitslosigkeit
kämpfen. Die Statistik jedenfalls gibt ihm recht. Von den Arbeitssuchenden im Alter von 55 bis 60 Jahren haben 58 Prozent wieder eine
Stelle gefunden. «Die am meisten betroffene Gruppe der Arbeitslosen
ist im Alter von 20 bis 35 Jahren.» Die Statistik beim RAV zeigt aber
auch, dass 63 Prozent der unter 50-Jährigen nach der Arbeitslosigkeit
wieder eine Stelle gefunden haben..
«Trotz allem», sagt Jürg Tucci, «sind die Anforderungen im Arbeitsmarkt weiter gestiegen, und eine Neuorientierung braucht vom Betroffenen ein hohes Mass an Professionalität.» ■
Nachgefragt
«Ein Neustart ist möglich»
Im Gespräch mit René Mast,
Leiter Führung & HRM,
BDO AG, Niederlassung
Solothurn.
Herr Mast, Sie haben gemeinsam mit dem FEUSI
Bildungszentrum (Bern) den
Reboot-Kurs für stellenlose
Kaderleute konzipiert und führen diesen auch durch. Wie
sieht Ihre Bilanz heute aus?
René Mast: Sehr positiv. Ich staune immer wieder über das hohe
Niveau des Kurses. Die Kursteilnehmer haben eine Erwartungshaltung, sind aber dem Vorhaben gegenüber anfänglich zurückhaltend gestimmt. Das erfordert auch ein hohes Mass an Fingerspitzengefühl in der Moderation.
Wie fallen generell die Rückmeldungen von den Kursteilnehmern aus?
«Nach anfänglich sehr grosser Skepsis für diese ‹Zwangsmassnahme› konnte ich in diesen neun Tagen sehr viel für mich individuell profitieren.» Dies ist eine sehr typische Aussage am Ende
des Kurses.
Welche Kompromisse muss ein Kaderangestellter eingehen,
um in einer ähnlichen Funktion wieder im Arbeitsalltag integriert zu werden?
Es sind weniger die Kompromisse als vielmehr die Sichtweise auf
die eigene Situation, welche dazu führt, dass ein Neustart möglich ist. Dabei ist es wichtig, dass ein Betroffener seine Situation
akzeptiert und analysiert und daraus die nötigen Erkenntnisse
zieht. Er wird während des Reboot-Kurses auch feststellen, dass
die Fremdsicht der anderen Teilnehmenden und des Kursleiters
auch neue Wege öffnet.
Der Kanton Solothurn nimmt mit einem ErstmassnahmeObligatorium schweizweit eine Vorbildfunktion ein. Gehen
Sie davon aus, dass andere Kantone dereinst nachziehen
werden?
Ich denke ja, weil es sehr sehr wichtig ist, sehr schnell die richtigen Weichen zu stellen, damit man nicht auf einem Abstellgeleise landet. Eine Rückkehr ist von diesem Moment an sehr
aufwendig und harzig.
BDO ZOOM 1/2016 | 17
STIMME AUS BERN
STEUEREXPERTE ERICH ETTLIN,
EIN POLITISCHER SENKRECHTSTARTER,
BRICHT AUF ZU NEUEN UFERN
Im Berufsalltag kennt man den Obwaldner Erich Ettlin weit über
die kantonalen Grenzen hinaus als ausgewiesenen Steuerexperten. Bei BDO leitet er seit vielen Jahren den Produktbereich
Steuern und Recht. Seit letztem November laufen die Uhren für
war neben Ettlin noch der FDP-Kandidat im Rennen – der Gemeindepräsident von Kerns. «Nach dem guten Resultat im ersten Wahlgang
waren meine Chancen nach wie vor intakt.» Er gewann in überzeugender Manier. Seine gute Vernetzung in der Wirtschaft und die starke
Unterstützung seiner Partei hätten den Ausschlag zu dieser Wahl gegeben.
den Innerschweizer anders. Er wurde im Kanton Obwalden als
erst zwölfter Ständerat seit 1848 gewählt. Für den Mittfünfziger
bedeutet dieses politische Engagement auf Bundesebene einen
Umbruch in seinem Leben. Beruflich und privat.
JOSEPH WEIBEL (TEX T), BERNHARD STR AHM (FOTO)
Treffpunkt Bundeshaus. Hier geht man nicht einfach ein und aus. Wer
keine Zutrittsberechtigung hat, muss die gleiche Kontrolle über sich
ergehen lassen wie auf den internationalen Flughäfen. Das galt bis vor
einigen Monaten auch für den Obwaldner Erich Ettlin. Seit letztem
Herbst ist er Ständerat und vertritt in der Kleinen Kammer seinen
Kanton Obwalden. Nun kann er beliebig und ungehindert ein- und ausgehen im Bundeshaus zu Bern.
Kaum Luft für politische Arbeit
Im Gegensatz zu Partei- und Berufskollege Konrad Graber (siehe Seite
20), der seine dritte Legislaturperiode im Ständerat in Angriff genommen hat, steht auf dem politischen Blatt von Erich Ettlin wenig. Seit
seinem 24. Altersjahr leistete er in Kerns, seiner Wohngemeinde, Kommissionsarbeit. Er engagierte sich immer gerne für die Gemeinschaft.
Sein Nein-Sager-Gen sei unterentwickelt, sagt er. Seine berufliche
Laufbahn ist bisher auf zwei Schienen gelaufen. Er arbeitete unter
anderem auf der Gemeindekanzlei Kerns. Diese Tätigkeit hat ihm sehr
viel gegeben. «Sie hat mich geprägt.» Dann zog es ihn nach dem Fachhochschulabschluss in die Privatwirtschaft zur Treuhandfirma BDO,
um einige Jahre später wieder auf die andere Seite zu wechseln – als
kantonaler Steuerverwalter. Er lernte so die Exekutive der öffentlichen
Hand noch intensiver kennen. Anfang 2010 übernahm er bei BDO die
Leitung des Produktbereichs Steuern und Recht. Schweiz weit gilt er als
unbestrittener Experte seines Fachs. Sein starkes berufliches Engagement liess kaum mehr Luft für politische Arbeit. Die freie Zeit widmete
er lieber seiner Frau und seinen beiden Kindern. Sohn und Tochter sind
zwischenzeitlich erwachsen und auch seine Gattin stimmte ihn vergangenes Jahr positiv, der Anfrage seiner Partei für eine Kandidatur
zuzustimmen.
Überzeugender Wahlsieg
Für die Obwaldner CVP galt es, den Ständeratssitz wieder in ihre Reihen zurückzuholen. Ihr Kandidat Erich Ettlin führte nach dem ersten
Wahlgang mit 45 Prozent Stimmenanteil die Rangliste an und verwies
die Mitbewerber von FDP und SVP auf die Plätze. Im zweiten Wahlgang
18 | BDO ZOOM 1/2016
Politischer Alltag ist angebrochen
Wir sitzen mittlerweile im Vorzimmer des Ständeratsaals. Nach der
ersten Session im November ist Erich Ettlin ein paar Wochen später
noch nicht so gangsicher in diesem vielwinkligen Parlamentsgebäude.
Sein Orientierungsvermögen werde aber mit jedem Mal besser, schmunzelt er. Beim Kaffee-Treffpunkt herrscht frühmorgens auch ausserhalb
der Session ein emsiges Treiben. Parlamentarier, die wie der Interviewpartner selbst, sich zu Kommissionssitzungen treffen. Der politische
Alltag sei aber auch bei ihm längst angebrochen. Die Gratulationsschreiben – 100 Karten, 100 SMS, 200 Whatsapp und 350 E-Mails –
hat er beantwortet. Und die Papierflut, die der Postbote künftig regelmässig zu Hause abliefert, hat er auch verdaut. Er schmunzelt: «Meine
Frau schickte mir am Dienstag nach der Wahl eine Whatsapp mit dem
Bild der ersten Schachteln voll Unterlagen, die der Postbote nach
Hause gebracht hat.»
Erwartungshaltung ist gross
Was alles auf ihn zukommen würde, habe er nach der Wahl noch nicht
abschätzen können. Natürlich habe er sich bei seinem Kollegen Graber
erkundigt. Konrad Graber ist Verwaltungsrat bei BDO und seit vielen
Jahren ein eingefleischter Politiker. Die Realität wirkt dann aber auf
jeden Menschen anders. Die letzten Wochen seien sehr intensiv gewesen. Einzig zwischen Weihnachten und Neujahr konnte der Neo-Politiker eine kurze Verschnaufpause einlegen. Zwischenzeitlich hat er seine
Agenda im Griff. «Ein Ständerats-Mandat ist sehr gut planbar.» Er
arbeitet in vier Kommissionen mit. Unter anderem auch in der Finanzkommission FK, der sicherheitspolitischen Kommission (SiK) und der
Kommission für soziale Sicherheit und Gesundheit (SGK). Die Sitzungen sind für zwei Jahre festgelegt. Während der Session wohnt er im
Hotel in Bern. Sein politisches Amt fordert ihn nicht nur physisch. Er
spürt auch die grosse Erwartungshaltung der Wählerschaft. Es komme
schon mal vor, dass er eine kritische Mail erhalte von einem Bürger, der
seinen Entscheid im Parlament nicht nachvollziehen könne. Die Zahl
der Einladungen nach seiner Wahl hat schnell zugenommen. Er werde
lernen müssen, sein Nein-Sager-Gen zu stärken.
Berufliche Umorientierung
Das politische Amt auf höchster Ebene hat in seinem Leben vom ersten
Tag nach seiner Wahl einen Umbruch bewirkt und beeinflusst auch sein
künftiges berufliches Engagement. Der Prozess für seine Nachfolge für
die Leitung des Produktbereichs Steuern und Recht ist eingeleitet. Er
wird sich künftig wieder verstärkt der Arbeit als Berater seiner Kunden
in Steuerfragen widmen. Er nimmt sein politisches Amt wichtig und
«Die Kleine Kammer ist kein Wohlfühl-Teich, aber es herrscht
eine kollegiale und anständige Atmosphäre», Erich Ettlin,
Ständerat für den Kanton Obwalden.
weiss, dass er diese Arbeit nicht unterschätzen darf. «Die Kleine Kammer ist kein Wohlfühl-Teich, aber es herrscht eine kollegiale und anständige Atmosphäre», fasst er die zwei ersten Sessionen und die bisherige Arbeit in den Kommissionen positiv zusammen. «Vor der ersten
Sitzung der Sicherheitskommission wurden die Mitglieder aufgefordert, sich Gedanken über mögliche Themen, die die Kommission in den
kommenden zwei Jahren beschäftigen würden, zu machen.» Für ihn
stehen die Terrorismusbekämpfung und die Informationstechnik klar
im Fokus. «Ausserdem gehe ich davon aus, dass die Finanzierung von
Kampfjets wieder aufs Tapet kommt.»
Sich an den eigenen Zielvorgaben messen
Wenn Erich Ettlin über die Europroblematik spricht, die mittel- und
langfristige Entwicklung der Schweizer Wirtschaft analysiert oder bei
seinem Kampf gegen die Bürokratie in unserem Land von einem
unglaublichen Rudern gegen den Strom spricht, so hat man nicht das
Gefühl, dass ein politisch Unerfahrener im Parlament sitzt. Er warnt
vor der drohenden Deindustrialisierung und dem damit verbundenen
Abbau von Arbeitsplätzen, die weniger qualifizierten Menschen eine
Perspektive geben. Erich Ettlin hat sich zum Ziel gesetzt, seine politische Arbeit zu hinterfragen: «Entspricht mein Handeln den gegebenen
Versprechungen?» Wer gute Arbeit leisten wolle, müsse sich an den
eigenen Zielvorgaben messen. «Leider vermisse ich diesen Leitsatz
immer mehr in der Politik.» Am Milizsystem unseres Landes will er
nicht rütteln. «Es braucht beides: politisches Kalkül und die Stimme
aus der Wirtschaft.»
Erich Ettlin im Kurzporträt
Geboren 30. Mai 1962
Zivilstand Verheiratet, zwei erwachsene Kinder
Ausbildung Betriebsökonom FH, dipl. Wirtschaftsprüfer,
dipl. Steuerexperte
Heutige Funktion Leiter Steuern und Recht BDO AG und
Mitglied der Geschäftsleitung
Kommissionstätigkeiten im Ständerat Mitglied Sicherheitspolitische Kommission, Finanzkommission, Kommissionen für
soziale Sicherheit und Gesundheit, Redaktionskommissionen,
Legislaturplanung
Sonstige Aktivitäten Präsident Sektion Zentralschweiz von
EXPERTSuisse (ehemalige Treuhandkammer), Vorstandsmitglied
von EXPERTSuisse, Mitglied Steuerrekurskommission Obwalden
und der Finanzkommission der Wohngemeinde, Referent bei verschiedenen Seminarveranstaltern im Steuerrecht
Hobbys Lesen, Sport, Reisen.
Jedes Thema muss interessieren
Er spüre immer mehr, wie sehr ihn die neue Arbeit in Beschlag nehme
und sich Wahrnehmung und Interesse stark verändert hätten. «Es gibt
kein Thema mehr, dass mich nicht interessieren könnte. Es muss mich
interessieren.» Schliesslich erwarte man von ihm bei einer Abstimmung, bei Verhandlungen gemeinhin, eine klare Meinung. «Ein Ja oder
ein Nein». Wird ihm nicht manchmal doch bange? «Ich habe Ja gesagt
zum Aufbruch zu diesen neuen Ufern und stelle mich der Aufgabe.» Er
wird auch künftig Zeit finden für sportliche Aktivitäten, die für ihn immer wichtig waren. Ebenso für die Familie, die für ihn Lebenszentrum
und Ausgleich ist. «Daran wird sich auch künftig nichts ändern.»
■
BDO ZOOM 1/2016 | 19
STIMME AUS BERN
PROFESSIONELLES KNOW-HOW FÜR
DIE BUNDESPOLITIK
Der frühere Nidwaldner Finanzdirektor Paul Niederberger trat
Ende letzten Jahres nach acht Jahren als Ständerat zurück. Der
nen Steuerausfälle auf Bundes-, Kantons- und Gemeindeebene in einem Ausmass bewegen, das bei einem Referendum nicht die ganze
Vorlage zum Kippen bringt.
ehemalige BDO Mitarbeitende war 2007 in die Kleine Kammer
gewählt worden. Ebenso wie sein Luzerner Parteikollege Konrad
Graber, der 2015 seine dritte Amtsperiode als Ständerat in Angriff
genommen hat. Graber ist Partner und Mitglied des Verwaltungsrats von BDO.
JOSEPH WEIBEL (TEX T), BERNHARD STR AHM (FOTO)
Der diplomierte Betriebsökonom zeichnet sich als Wirtschaftsprüfer
nicht nur durch seine hohe Fachkompetenz aus, sondern ist auch ein
politisches Schwergewicht. Der heute 57-jährige Krienser gründete
1981 in seiner Wohngemeinde die Junge CVP, vertrat die Partei später
als Einwohnerrat von Kriens. Während 20 Jahren sass er im Grossrat
Luzern (1987 bis 2007). 1987 bis 2005 war er Mitglied im Vorstand
Schweiz der CVP und ist seit 1997 Delegierter der CVP Schweiz.
Mitglied der Wirtschafts- und Abgabekommission WAK
Die Wahl in den Ständerat vor acht Jahren bildete vorerst den grössten
politischen Erfolg, den der auch sportlich aktive Innerschweizer für sich
erreichen konnte. Als Orientierungsläufer, der seine Passion wettkampfmässig bestreitet, verliert Konrad Graber auch in seiner politisch vielfältigen Tätigkeit kaum je die Orientierung. Als Ständerat vertritt er
seinen Heimatkanton aktuell in vier Kommissionen. So war Graber in
der vergangenen Legislaturperiode während zweier Jahre Präsident der
bedeutenden Wirtschafts- und Abgabekommission (WAK). Normalerweise ist ein Mitglied zwei Jahre Vizepräsident und im Anschluss zwei
Jahre Präsident einer Kommission. Sein Präsidium fiel in jene Zeit, in
der sich die Auseinandersetzung mit den USA um den Steuerstreit auf
dem politischen Höhepunkt befand (Lex USA). Er gehört auch in seiner
dritten Legislaturperiode der WAK an und ist somit auch in der Beratung der Unternehmenssteuerreform III an vorderster Front mit dabei.
Bedürfnissen der Wirtschaft entsprechen
Die mit der Unternehmenssteuerreform III angestrebte Stärkung des
Wirtschaftsstandorts Schweiz liegt dem Luzerner Ständerat und BDO
Verwaltungsrat natürlich ganz besonders am Herzen. Er sagt: «Mir ist
es bei diesem Geschäft wichtig, möglichst bald eine Mehrheit für eine
Vorlage zu erreichen, die den Bedürfnissen der Wirtschaft Rechnung
trägt.» Gleichzeitig fordert er aber auch, dass sich die damit verbunde-
20 | BDO ZOOM 1/2016
Sicherung der Renten
Mit dem wichtigen Thema «Altersvorsorge 2020» befasst sich die
Kommission Soziale Sicherheit und Gesundheit (SGK). Sie wird dieses
und kommendes Jahr von Konrad Graber präsidiert. Er erklärt, wieso
die Vorlage so bedeutsam ist: «Diese Vorlage – mit erheblichem Einfluss auf die AHV- und Pensionskassengesetzgebung – ist für unsere
Gesellschaft wie auch den Werkplatz Luzern von zentraler Bedeutung.» Die Sicherung der Renten sei von grösster Bedeutung. Das
AHV-Alter, der Umwandlungssatz sowie eine allfällige Erhöhung der
Mehrwertsteuer oder Lohnabzüge seien weitere zentrale Diskussionspunkte in dieser Kommission.
Brisante Abstimmung im Sommer
Die Schweizer Stimmbevölkerung winkte letztes Jahr die Revision des
Radio- und Fernsehgesetzes (RTVG) mit einem hauchdünnen 50,03Prozent-Stimmenanteil durch. Die neue Gebührenverordnung trifft vor
allem Unternehmen mit einem Umsatz von über einer halben Million
Franken, die künftig – mit oder ohne Empfangsgerät – Gebührenabgaben entrichten müssen. Die Kommission für Verkehr und Fernmeldewesen (KVF) wird sich in der nächsten Zeit mit dem politisch brisanten
Thema «Service public» befassen müssen. Die Debatte wurde vom
Schweizerischen Gewerbeverband im Nachgang zur knapp erfolgten
Abstimmung über die BILLAG-Abgaben lanciert. Noch mehr zu reden
geben dürfte die Nationalstrassen- und Agglomerationsverkehrsfinanzierung, kurz: NAF. Konrad Graber ist Mitglied der KVF und wird ebenfalls gespannt auf den Ausgang der eidgenössischen Abstimmung «für
eine faire Verkehrsfinanzierung» (die sogenannte Milchkuh-Initiative)
warten. Der Urnengang ist diesen Sommer vorgesehen. «Diese Initiative hätte bei einem Ja auf Bundesebene 1,5 Milliarden Franken Steuerausfälle zur Folge und steht damit in direkter Konkurrenz zur Unternehmenssteuerreform III», gibt Ständerat Graber zu bedenken.
Internationaler Austausch
Nicht zuletzt vertritt Konrad Graber seinen Kanton in der sogenannten
EFTA-Delegation und ist so im stetigen politischen Austausch mit Parlamentsmitgliedern der EFTA-Staaten (Norwegen, Liechtenstein und
Island). Dabei gehe es jeweils um ein gemeinsames Vorgehen bei
Freihandelsabkommen, beispielsweise um einen Anschluss an ein allfälliges Handelsabkommen EU – USA (TTIP, Transatlantic Trade and Investment Partnership).
ICH BIN EINE «SPIT ZMARKE»
Für Ständerat Konrad Graber hat bereits die dritte Legislatur
begonnen. Der Betriebsökonom ist in Bundesbern eine einflussreiche Person.
BDO stark im Ständerat vertreten
Das politische Engagement von BDO Mitarbeitenden wird bewusst
gefördert. «Es macht Sinn, wenn professionelles Know-how auch in die
Arbeit der öffentlichen Hand einfliesst», sagt Konrad Graber. Einige
Mitarbeitende seien auch Mitglied von Gemeindeexekutiven und Rechnungsprüfungskommissionen. BDO ist aber mit Recht auch etwas
stolz, dass sie seit letzten November mit Erich Ettlin (Kanton Obwalden, siehe Seite 18) und Konrad Graber wieder zwei Vertreter in Bundes-Bern hat, die das politische Geschehen und wesentliche Fragen der
Wirtschaft aktiv beeinflussen können.
Konrad Graber schmunzelt: «Ein Bonmot im Ständerat besagt, dass
die BDO Vertretung im Ständerat grösser sei als jene der Bürgerlich-Demokratischen Partei BDP.» ■
Konrad Graber im Kurzporträt
Geboren 24. Juli 1958
Zivilstand Verheiratet
Wohnort Kriens LU
Beruf Dipl. Wirtschaftsprüfer, Betriebsökonom HWV
Aktuelles politisches Amt Ständerat (seit 2007)
Aktuelle Parlamentsmandate Kommission für Verkehr und
Fernmeldewesen (KVF), Kommission für Wirtschaft und Abgaben (WAK), Präsident der Kommission für soziale Sicherheit
und Gesundheit (SGK), Mitglied der Delegation EFTA/Europäisches Parlament
Frühere politische Ämter 1985 bis 1989 Einwohnergemeinderat Kriens, 1987 bis 2007 Grossrat Kanton Luzern, 1997 bis 2001
Präsident CVP Kanton Luzern, 1987 bis 2005 Mitglied Vorstand
CVP Schweiz
Sport Orientierungslauf (OL, wettkampfmässig), Skitouren,
Velotouren und Langlauf (Skating).
BDO ZOOM 1/2016 | 21
I M W A N D E L D E R D I G I TA L I S I E R U N G
DIE DIGITALE WELT
SCHNELLER
KOMPLEXER
ANSPRUCHSVOLLER
Der CFO einer Firma kann in kürzester Zeit auf alle Unternehmensdaten zugreifen und die daraus gewonnenen Erkenntnisse
unmittelbar nutzen. Belege werden längst nicht mehr physisch
aufbewahrt, sondern elektronisch generiert oder zumindest elektronisch archiviert. Das gilt ebenso für den Zahlungsverkehr und
die Lohnverarbeitung. Alles wird digitaler, schneller und komplexer. Die Evolution der Arbeitswelt hat das Potenzial zur Revolution.
JOSEPH WEIBEL (TEX T)
Die Arbeitsweise im Dienstleistungssektor verändert sich rasant.
Treiber sind die Digitalisierung und die Globalisierung. Auf der anderen
Seite fordern junge Arbeitskräfte eine andere Unternehmenskultur und
Arbeitsweise als bisher. Solche Veränderungen, das weiss man aus der
Geschichte, bringen neue und andere Jobs. Sie machen aber auch heute bestehende Arbeitsplätze hinfällig. Das macht das Leben spannend,
kann aber auch Ängste auslösen – eine Auslegeordnung aus Sicht von
BDO.
Schneller und kompetenter
«Der klassische Buchhalter stirbt aus», sagt Markus Helbling, Leiter
Treuhand von BDO. «Wir als Treuhandunternehmen werden auf der einen Seite weniger physische Arbeiten verrichten, umso mehr aber unseren Kunden Stütze in der individuellen Beratung sein.» Eine hundertprozentige Veränderung werde es nicht geben, ist Helbling überzeugt.
«Es wird einfach alles schneller und komplexer.» (Siehe «Nachgefragt»
in diesem Beitrag.)
AbaPay als wichtiger Schritt der Digitalisierung
Die Digitalisierung hat in der Unternehmenswelt schon lange Einzug
gehalten. Enterprise-Resource-Planning (ERP) steht für die unternehmerische Aufgabe, Ressourcen wie Kapital, Personal, Betriebsmittel,
Material, Informations- und Kommunikationstechnik, IT-Systeme im
Sinne des Unternehmenszwecks rechtzeitig und bedarfsgerecht zu
planen und zu steuern. ERP-Systeme werden heute durch moderne
Business Software immer mehr verfeinert. AbaWeb, die meistbenutzte
Business Software in der Schweiz, ist ein klassisches Beispiel dafür. Die
Zukunft heisst AbaPay – der entscheidende Schritt, vor allem auch für
22 | BDO ZOOM 1/2016
Kleinunternehmen, die gesamte Finanzbuchhaltung und den Zahlungsverkehr digital und letztlich papierlos abzuwickeln. Das ist die Treuhandseite, wie sie sich morgen präsentieren wird.
Und wie geht man mit dem Wissen im Unternehmen um?
Die technologischen Entwicklungen machen das rasante Tempo der
Veränderungen erst möglich. Schnelle Datenbeschaffung und Problemlösungen ohne Umwege sind gefragt. Dabei geht es nicht um die Beschaffung von Allgemeinwissen. Es geht darum, das gesamte Fachwissen in einem Unternehmen zu bündeln und allen Mitarbeitenden in
sinnvoller Weise verfügbar zu machen. Zwei Jungunternehmer haben
vor fünf Jahren das Problem erkannt, daraus die richtigen Schlüsse gezogen und mit der jungen Firma Starmind in Küsnacht eine Software
entwickelt. «Die besten Berater sind die eigenen Leute», sagte Gründer
und CTO Marc Vontobel in der «Stuttgarter Zeitung» letzten Sommer.
Das über Jahrzehnte angehäufte Wissen müsse transparent und nutzbar gemacht werden. Basis ist die Forschung zur künstlichen Intelligenz
an der Uni Zürich, an der Vontobel und Mitgründer Pascal Kaufmann
forschten. Die Firma (siehe Factsheet) ist zwischenzeitlich auch in
Frankfurt am Main und in New York City vertreten.
Wie kommt man an diese Informationen?
Das Programm funktioniert ähnlich wie eine Suchmaschine im Internet. Der Nutzer gibt eine Frage in ein Suchfeld ein. Die Software ergänzt automatisch die Stichwörter, die sich aus der gestellten Frage ergeben und sucht den internen Mitarbeiter, der am wahrscheinlichsten
die richtige Antwort auf die Frage hat.
Der Fragesteller bleibt anonym und muss sich keine «Blösse» geben, dass er bei jemandem anderen einen Rat einholt. Das dürfte vor
Nachgefragt
Im Gespräch mit Markus
Helbling, Leiter Produktbereich Treuhand, BDO AG
Die Digitalisierung hat in
der Unternehmenswelt schon
lange Einzug gehalten.
Herr Helbling, Sie sind Verfechter der Digitalisierung,
vor allem auch für bedarfsgerechte ERP-Lösungen. Gräbt
sich da das Treuhandunternehmen BDO nicht das Wasser
selbst ab?
Markus Helbling: Die digitale Veränderung hat in der Unternehmenswelt längst Einzug gehalten. Dass wir uns davor nicht verschliessen, sondern Schritt halten wollen, beweisen wir schon
seit längerer Zeit. Etwa 2009 mit der Einführung des Internet-Treuhänders (AbaWeb und Sharepoint Datenablage). Später
kam dann AbaPay hinzu, eine auf die Bedürfnisse von Kleinunternehmen zugeschnittene Software. Diese digitalisierten Prozesse
werden die Zusammenarbeit zwischen dem Kunden und dem
Treuhand-Experten markant vereinfachen.
allem im asiatischen Raum ein nicht unwesentlicher Pluspunkt für die
Nutzung dieser Software sein. Die «vermenschlichte» Suchmaschine
wird vorwiegend in grossen Unternehmen genutzt, die verschiedene
Standorte, national oder international, haben. Die Technologie nutzen
heute bereits mehr als 30 Betriebe mit jeweils mehr als 1 000 Mitarbeitenden. ■
Factsheet Starmind
Gründung 2010 durch Pascal Kaufmann (CEO)
und Marc Vontobel (CTO)
Büros Küsnacht (Hauptsitz), Frankfurt am Main
und New York City
Vision Menschen sollen die Möglichkeit haben, mit dem Wissen
von 1000 Gehirnen gleichzeitig zu denken. Millionen von vernetzten Menschen und deren zahllose Erfahrungen sollen das
ermöglichen – den Zugang zu einem kollektiven Wissensnetzwerk, jederzeit und überall.
Referenzen Starmind wird in mehr als 40 Ländern von führenden Unternehmen aus diversen Branchen verwendet. Zu den
Kunden gehören unter anderem UBS, Swisscom, Ogilvy & Mather
Mather,,
Mettler-Toledo und internationale Unternehmen aus der Versicherungsbranche.
Wichtige Kennzahlen Durchschnittliche Ersparnis eines Benutzers pro gestellte Frage: 2,3 Stunden. 93 Prozent aller Fragen
werden beantwortet. 70 Prozent aller Fragen werden von einem
Experten in einem anderen Land beantwortet.
Und wie nutzen Sie die gewonnene Zeit aus der Sicht des
Treuhand-Experten?
Es wird immer Arbeiten geben, die nach dem konventionellen
Muster erfolgen. Die persönliche Begleitung des Kunden wird uns
auch künftig fordern – insbesondere bei komplexen Aufgabenstellungen wie beispielsweise eine Nachfolgeregelung. Diese Begleitung wird noch wichtiger und wir haben entsprechend mehr
Zeit, um uns um den Unternehmer, die Unternehmerin, in dieser
speziellen Situation zu kümmern.
Ist bei BDO ein ERP-System für die Kunden absehbar, mit
dem die Aktivitäten eines Unternehmens vollständig verknüpft und damit zentral und in «Echtzeit» steuerbar sind?
Ganz so weit sind wir im Moment (noch) nicht. Unsere Stärke
liegt in der Beratung, die zweifellos an Bedeutung zunehmen
wird. Wir haben dieses Jahr ein Pilotprojekt mit dem Namen
«Hello expert» gestartet. Wir bieten damit ebenfalls eine virtuelle Plattform, auf der zielgerichtete Fragen gestellt werden
können. Über den Erfolg wird die Benutzerfreundlichkeit entscheiden. «Hello expert» ist ein weiterer Schritt zum digitalen
Treuhandbüro. Ich sage immer: Mit Autos, die ein paar Jahre nach
der Erfindung des Automobils hergestellt wurden, wollen wir
heute nicht mehr fahren. Genauso verhält es sich mit dem Internet. Es wird noch eine grosse, weitgehend unbekannte Entwicklung geben.
BDO ZOOM 1/2016 | 23
D I G I TA L I S I E R U N G I M B A N K E N S E K T O R
UMBRUCH IN DER
BANKENWELT
Der Finanzdienstleistungsbereich befi ndet sich im Umbruch. Der
Trend zur Digitalisierung schreitet unaufhaltsam voran. Zwei
Kantonalbanken zeigen einen dualen Weg auf und überzeugen mit
digitalen Highlights, ohne das analoge Geschäft aus den Augen
zu verlieren.
SABINE BORN (TEX T), ZVG (FOTOS)
Die Digitalisierung schreitet in allen Lebensbereichen voran und macht
vor der Bankenwelt nicht Halt. Jörg Auf der Maur, Leiter Financial Services Schweiz bei BDO, kennt die Szene und sagt: «In zehn Jahren wird
die Bankenwelt eine ganz andere sein als heute.» Im Finanzdienstleistungsbereich ist vieles im Umbruch. «Bankgeschäfte werden zunehmend online abgewickelt.» Ausserdem wollen sich andere Bewerber
wie Google, Apple oder Facebook ebenfalls ein Stück vom Kuchen sichern und klassische «Bank-Dienstleistungen» anbieten: mit einer App
Geld an Freunde verschicken beispielsweise – und das ohne Banklizenz.
«Im Prinzip findet eine Aufbrechung der Wertschöpfungskette
statt», so Jörg Auf der Maur. «Die klassische Funktion der Bank als
Mittlerin verliert durch die Digitalisierung in vielen Bereichen an
Bedeutung.» Auch kleine und innovative Fintech-Unternehmen treiben
den Digitalisierungsprozess schonungslos voran und es liegt an den
Banken, den Anschluss nicht zu verpassen.
Dabei liegt die Zukunft nicht nur in einer konsequenten Online Strategie, sondern vor allem in einem dualen Strategieansatz, wie ihn
die Glarner Kantonalbank verfolgt: Individuelle und persönliche Beratung auf der einen Seite, intelligente Selbstbedienungsplattformen auf
der anderen. «Wer eine Beratung wünscht, wird nach wie vor persönlich beraten. Daneben gibt es Bankdienstleistungen, die online günstig
und jederzeit verfügbar ohne Beratung auskommen», erklärt Hanspeter Rhyner, Vorsitzender der Geschäftsleitung der Glarner Kantonalbank.
24 | BDO ZOOM 1/2016
Online als Ergänzung
Die Glarner Kantonalbank hat mit dem hypomat.ch 2012 die erste
Online-Hypothek in der Schweiz lanciert und seither mehr als
1300 Online-Hypotheken mit einem Volumen von 550 Millionen Franken abgeschlossen. «Wir bieten erstrangige Hypotheken mit 67 Prozent Belehnung bis zu einem Ausleihungsvolumen von einer Million
Franken an», erklärt Hanspeter Rhyner.
Auf hypomat.ch können Hypotheken verbindlich abgeschlossen
werden. Das Ziel: Die Eingabe der erforderlichen Daten sollte nicht länger als 30 Minuten dauern. Heute liegt die durchschnittliche Erfassungszeit bei knapp 20 Minuten. «Neuste technische Systeme liefern
schnell und sicher ausgeklügelte Informationen, sodass wir einen defi nitiven Kreditentscheid in Echtzeit fällen können», erklärt der CEO der
Glarner Kantonalbank weiter. Günstig, einfach und jederzeit verfügbar,
das trifft den Nerv der Zeit.
Mit den Online-Hypotheken hat die Kantonalbank ihr Einzugsgebiet
virtuell massiv vergrössert. «Unsere Online-Kunden verteilen sich auf
die gesamte Deutschschweiz, wobei die meisten aus dem Grossraum
Zürich stammen.» Der zunehmende Margendruck und die beschränkten Wachstumsmöglichkeiten in einem räumlich begrenzten Heimmarkt waren Auslöser für die Digitalisierungsstrategie der Glarner
Kantonalbank, die sich nicht auf den hypomat.ch beschränkt, sondern
inzwischen weitere Produkte umfasst: den kontomat.ch (Online-Sparkonto), den risikomat.ch (Todesfall-Risikoversicherung) und den investomat.ch, um rund um die Uhr Geld anzulegen. «Für alle vier Onlineprodukte haben sich bis jetzt rund 10 000 Benutzer registriert.»
Musste bis dato die Neukunden-Identifikation entweder an einem
Bank- oder Postschalter erfolgen, wird es ab diesem Frühjahr möglich
Hanspeter Rhyner, Vorsitzender
der Geschäftsleitung der Glarner
Kantonalbank
Atilla Sahin, Leiter Crowdfunding
bei der Basellandschaftlichen
Kantonalbank
Ein geschätzter Service: Kundinnen und Kunden erledigen immer mehr
Bankgeschäfte online und damit zeitunabhängig.
sein, neue Kunden via Video-Identifikation, also direkt über das Mobiltelefon oder den PC, zu validieren. «Die Finma hat dazu grünes Licht
erteilt», so Hanspeter Rhyner. Ein weiterer wichtiger Schritt im rasant
fortschreitenden Digitalisierungsprozess. Die Sicherheit ist dabei längst
kein Thema mehr. «Gefahren drohen heute vor allem im Bereich des
Phishings, dass also Kundinnen und Kunden persönliche Daten an gefälschte E-Mail-Adressen oder Webseiten weitergeben», weiss BDO
Experte Jörg Auf der Maur.
Crowd statt Bank
Dass sich auch die klassische Kreditvergabe im Umbruch befindet, zeigen zahlreiche Crowdfunding-Plattformen, auf denen viele Kreditgeber
mit kleineren Investitionen einem Projekt zum Durchbruch verhelfen.
«Damit wird eigentlich das ursprünglichste Bankgeschäft aus den
Angeln gehoben», so Jörg Auf der Maur: «Seit Jahrhunderten bringen
Sparer Geld auf die Bank, das jene ausleihen, die Geld brauchen. Die
Marge dazwischen ist der Verdienst der Bank.»
Die Basellandschaftliche Kantonalbank (BLKB) hat mit www.miteinander-erfolgreich.ch als erste Bank selber eine Crowdfunding-Plattform lanciert, dabei «von insgesamt 42 gestarteten SponsoringProjekten 30 erfolgreich abgeschlossen und eine Summe von 220 000
Franken an die Projekte ausbezahlt», sagt Atilla Sahin, Leiter Crowdfunding bei der BLKB. Mit der Plattform wolle man sich als innovative
Bank in der Wahrnehmung der Kundinnen und Kunden festigen.
«Wir sind Vermittlerin. Diese Funktion ist beim Crowdlending zentral», erklärt Atilla Sahin weiter. «Das heisst, wir bringen über einen
Marktplatz Kreditnehmer und Kreditgeber zusammen.» Ihre Reputation als vertrauenswürdige Partnerin kommt der Kantonalbank dabei
zugute. «Wir geben den Initianten auch Tipps, wie sie ihre Projekte
erfolgreich gestalten.» Dabei spielen Social-Media-Kanäle eine wichtige Rolle. Das Ziel: Reichweite und Bekanntheit steigern, um eine
möglichst grosse Zielgruppe vom Sinn und Zweck eines Projektes zu
überzeugen.
Neue Generation am Hebel
Sowohl die Glarner wie die Basellandschaftliche Kantonalbank sind
gute Beispiele, wie sich Banken in einem zunehmend schwierig gewordenen Umfeld behaupten und die Digitalisierung nicht als einzige, sondern als ergänzende Chance nutzen. Eine künftige Herausforderung
liegt in der Kundenbindung, die wichtiger wird denn je, ist Jörg Auf der
Maur überzeugt. «Denn Digitalisierung heisst auch: Ich könnte jederzeit ein Konto in Singapur eröffnen.» Hanspeter Rhyner von der Glarner Kantonalbank ist überzeugt: Auch Online-Kunden fühlen sich
«ihrer» Bank verbunden, wenn Marke, Angebot und Service überzeugen. «Nespresso ist das beste Beispiel: Ich war noch nie in einem Nespresso-Shop und bin trotzdem seit vielen Jahren ein treuer Kunde.»
Ob online oder analog, das ist letztlich auch eine Generationenfrage, wirft Jörg Auf der Maur ein letztes wichtiges Argument in die
Runde. Die Generation Y oder Digital Natives, wie man die von 1980
bis 1999 Geborenen nennt, wird in den nächsten 10 bis 20 Jahren viel
Vermögen anhäufen, die Gesellschaft prägen. «Sie sind sehr technikaffin, haben also keinerlei Bedenken, Investmententscheide online mit
einem Robo-Berater zu tätigen», so Jörg Auf der Maur. «Ab einem
gewissen Vermögen werden aber auch sie lieber mit einem Menschen
reden, da bin ich überzeugt.» Auch das spricht für eine duale Strategie:
online und analog. ■
BDO ZOOM 1/2016 | 25
I CL H
B
I CBKIPNU ENI KNTE « S P I T Z M A R K E »
BDO
GEMEINDETAGUNG
2016
BDO lud zum Thema «Milizsystem – An der Spitze gehen» zur
23. Gemeindetagung im KKL Luzern ein. Entscheidungsträger
aus Gemeinden, Städten und Kantonen der gesamten Schweiz
nahmen teil und tauschten ihre Ansichten und Erfahrungen mit
den Referenten und anderen Teilnehmenden aus.
STEFAN SCHÄR (TEX T), MARINA WOODTLI (FOTOS)
Die Miliztätigkeit ist in der Schweiz fester Bestandteil des demokratischen Selbstverständnisses. Das Milizsystem steht jedoch gerade
auf kommunaler Ebene zunehmend unter Druck: Die sinkende Bereitschaft der Bevölkerung, sich für Lokalpolitik zu engagieren, verträgt
sich schlecht mit der steigenden Arbeitsbelastung und den komplexeren Dossiers der Behörden. Die einst prestigeträchtigen Funktionen
werden vermehrt nur noch mit viel Zeitaufwand assoziiert. Insgesamt
neun Experten aus Wissenschaft und Praxis gaben Einblicke, wie diese
Herausforderung erfolgreich gelöst werden kann.
Gabriela Amgarten führte charmant durch das Programm und moderierte die spannenden Diskussionen. Umrundet wurde die Veranstaltung
durch ein temporeiches und freches Rahmenprogramm des Comedian
Fabian Unteregger.
Die nächste BDO Gemeindetagung findet am 17. Januar 2017 im
KKL Luzern statt. Sichern Sie sich bereits heute Ihren Platz in unserer
Anmelderubrik «Veranstaltungen» auf unserer Webseite. ■
26 | BDO ZOOM 1/2016
1
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1 Prof. em. Dr. Theo Wehner, Pro-
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fessor für Arbeits- und Organisationspsychologie, ETH Zürich
Gabriela Amgarten,
Moderatorin
Renate Gautschy, Präsidentin
Gemeindeammänner-Vereinigung im Kanton AG
Andreas Müller, Vizedirektor
Avenir Suisse
Fabian Unteregger, Comedian
Prof. Andreas Ladner, Professor
für Schweizerische Verwaltung
und institutionelle Politik,
Universität Lausanne
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7 Pia Maria Brugger Kalfi dis,
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Designierte Geschäftsführerin
Ebikon LU
Jörg Kündig, Präsident
Gemeinde präsidentenverband
Kanton ZH
Peter Gilliéron, Präsident des
Schweizerischen Fussballverbandes
Michael Käsermann, Leiter
öffentliche Verwaltungen
Schweiz, BDO
Patrick Deicher, Leiter Bereich
Non-Profi t-Organisationen
Schweiz, BDO
Beat Roeschlin, Gemeindepräsident Tujetsch GR
Twitter-Feed
#BDOGT
@BDO_AG_Schweiz
BDO ZOOM 1/2016 | 27
WEN ICH
SCHON
IMMER
TREFFEN
W O L LT E
RÜCKTRITT V
MEHR ALS NUR EIN
T H O M A S S T U D H A LT E R T R I F F T F R Ä N Z I A U F D E N B L AT T E N ,
E H E M A L I G E A L P I N E S K I R E N N FA H R E R I N A U S Z E R M AT T
Wir sind in Zermatt, genau genommen im Chalet-Hotel Schönegg auf der Terrasse – mit Blick auf den Berg der Berge. Thomas Studhalter, Wirtschaftsprüfer und Leiter des Produktbereiches Treuhand in der Regionaldirektion Zentralschweiz bei BDO, und die ehemalige
Skirennfahrerin Fränzi Aufdenblatten sitzen am Tisch und staunen immer wieder, wie schön der Winter doch sein kann. Die 35-jährige
Zermatterin, selber eine Frohnatur, hat ein Heimspiel und setzt bei jeder sich bietenden Gelegenheit zu ihrem unverkennbaren und befreienden Lachen an. Das Gespräch des Wirtschaftsprüfers und der Ex-Sportlerin, die heute im Sportmanagement arbeitet und mit
einem Wirtschaftsstudium beginnen will, verläuft schrankenlos. Mit gutem Grund: Thomas Studhalter war selber Spitzensportler und
an den Olympischen Sommerspielen 1992 in Barcelona als Ruderer mit dabei.
JOSEPH WEIBEL (TEX T), BERNHARD STR AHM (FOTOS)
28 | BDO ZOOM 1/2016
VOM SPORT:
N BAUCHENTSCHEID
Punktgenau wie eine Schweizer Uhr erscheint Fränzi Aufdenblatten im
Hotel oberhalb des Matterhorndorfes zum geplanten Interviewtermin.
«Was, Ruderer?», fragt sie erstaunt. «Zu meiner Aktivzeit war einmal
Rudern auf dem Sommerprogramm. Das war Schwerstarbeit für Oberund Unterschenkel. Und dann muss man noch im Takt rudern». Fränzi
Aufdenblatten verneigt sich verbal vor dieser Sportart, die ihr Interviewpartner Thomas Studhalter vor gut 20 Jahren aktiv betrieben hat. Das
Eis zwischen den beiden ist schnell gebrochen. Jede Sportart, die man
gut machen wolle, müsse man perfekt beherrschen», sagt der ehemalige Ruderer. Ob das nun Radfahren sei, «oder Langlauf», ergänzt Fränzi
Aufdenblatten. Die Serviceleute hätten ihr zum Rücktritt eine Langlauf-Ausrüstung geschenkt. «Natürlich wollte ich sie gleich testen und
stieg noch in der Woche vom Weltcup-Finale auf der Lenzerheide auf
diese dünnen Bretter. Mit den offiziellen Kleidern hätte ich rein äusserlich das Schweizer Langlauf-As Laurien van der Graaff sein können.
Die Realität zeigte aber eine hoffnungslos überforderte Fränzi, lacht sie
über sich selber.
Debut- und Rücktrittstermin: Reiner Zufall?
«So, fertig lustig», machen die beiden selbst eine Zäsur. Schliesslich
will Thomas Studhalter über die attraktive und sympathische Mittdreissigerin noch einiges in Erfahrung bringen an diesem schönen Wintertag. Zum Beispiel, ob sie ihr Debut am 11. März 2000 und ihren
Rücktritt am 12. März 2014 terminlich bewusst gesteuert hat? Fränzi
BDO ZOOM 1/2016 | 29
Aufdenblatten staunt: «Ist das wahr?» Nein, das sei natürlich reiner
Zufall. Ihre Weltcup-Premiere hatte sie in Sestriere in einem Riesenslalom. 14 Jahre später beschloss sie ihre Karriere mit einem dritten
Platz am Weltcup-Finale auf der Lenzerheide. Sie lacht befreiend. «Und
wie war das Gefühl nach diesem erfolgreichen Abschluss?», fragt
Thomas Studhalter. «Ich habe die ganze Woche mit mir und der Umwelt gekämpft. Alle waren nett zu mir und wünschten mir nur Gutes.
Der Renntag kam, der Schnee war dieser pickelhart gefrorene Frühlingsschnee. Für mich waren das ideale Bedingungen. Ich wusste: Heute
liegt etwas drin.» Und deshalb habe sie den Gedanken verworfen, in
einem speziellen Habitus ihre letzte Weltcupabfahrt zu bestreiten,
sondern noch einmal alles zu versuchen, einen Podestrang zu erreichen.
Fragen über Fragen
Da liegt die Frage nahe: War der Rücktritt von langer Hand geplant oder
ein reiner Bauchentscheid? Thomas Studhalter erinnert sich an seine eigene sportliche Karriere und wie es damals zum Rücktrittsentschluss
kam. Die Entscheidung bei ihr sei schon ein Jahr zuvor im Sommer training gefallen, sagt Fränzi Aufdenblatten. «Es war in Chile. Es hatte wenig Schnee und die Sturzräume sahen eher beängstigend aus. Ich dachte
mir: Wenn du dich da verletzt, wie kommst du dann ins Spital? Und ist
die medizinische Versorgung überhaupt ausreichend?» Diese Gedanken teilte sie später mit den um zehn Jahre jüngeren Teamkolleginnen
und fragte sie, ob es ihnen ähnlich ergangen sei: «Da war nicht mal ein
Hauch eines solchen Gedankens zu spüren.» Sie machte sich aber in
den kommenden Wochen noch andere Überlegungen. Zum Beispiel
wie gross ihre Chancen auf weitere sportliche Erfolge wären. Sie wusste, dass sie bei ähnlich guten Verhältnissen, wie sie an ihrem letzten
Rennen angetroffen hatte, immer ein Rennen gewinnen konnte. Realistisch stufte sie diese Chance aber eher als gering ein. Nach 14 Jahren
Spitzensport konnte sie sich selber gut einschätzen. Selbstkritisch betrachtet hätte sie sich wie andere erfolgreiche Athleten mehr mit der
Materialwahl und den Pistenbedingungen auseinandersetzen müssen.
«Andererseits gibt es immer wieder Topathleten, die sich allen Bedingungen anpassen können oder wie Didier Cuche das Material optimal
auf den Schnee abstimmen können.
Das Leben danach
«So viel zur sportlichen Seite. Ich wollte nach 14 Jahren noch eine andere Seite des Lebens kennenlernen.» Im Wissen, dass sie von den
Journalisten bestimmt gefragt würde, ob sie sich schon über ihre Zukunft Gedanken gemacht habe, bereitete sie sich sorgsam auf ihr neues
Leben vor. Diese Frage sei dann selbstredend gestellt worden. Ihr neuer
Arbeitgeber, Ralph Krieger von GPS Performance, konnte an der Pressekonferenz in Crans-Montana bestätigen, dass die von ihm bisher betreute Sportlerin künftig bei ihm arbeiten würde. Fränzi Aufdenblatten
studierte dann Sportmanagement in St. Gallen und hatte eine «Heidenangst» vor der Abschlussprüfung. «Das war nach 15 Jahren ‹Schulprüfungsabstinenz› eine echte Herausforderung», sagt sie. Sie hat diese,
wie schon andere, hervorragend gemeistert. «Und was kommt als
Nächstes?», fragt Thomas Studhalter weiter. Sie will ein Wirtschaftsstudium angehen. Auch wenn ihr der aktuelle Job durchaus Spass
macht, möchte sie sich nie selbst den Vorwurf machen, den einfachsten Weg gegangen zu sein.
«Da musst du dich durchbeissen»
Sie arbeitet seit bald zwei Jahren bei GPS Performance. «Am Anfang
war es eine schwierige Zeit. Da bist du über viele Jahre der Experte und
30 | BDO ZOOM 1/2016
Zur Person
Vorname, Name
Thomas Studhalter
Geburtstag
5. Januar 1969
Wohnort
Horw
Heutige Tätigkeit
Leiter Treuhand, Mitglied der Regionaldirektion BDO Zentralschweiz
Sportkarriere
Mitglied der Rudernationalmannschaft
1987–1993
Sportliche Erfolge Olympische Spiele Barcelona 1992, 11. Rang
Schweizer Meister
stehst im Mittelpunkt. Und plötzlich sitze ich da in einem Büro, muss
ans Montreux Jazz-Festival, meinem ersten Event im neuen Umfeld,
Essensbons einsammeln und Akkreditierungen ausstellen.» Da habe sie
sich schon gefragt: Was machst du eigentlich hier? Die Antwort gab sie
sich gleich selbst. «Da musst du dich durchbeissen, wie früher an einem Skirennen.» Sie sei einfach zu ungeduldig gewesen. Heute habe sie
richtig Spass an ihrer neuen Tätigkeit.
Mit Niederlagen umgehen
«Und wie war dein Einstieg ins Berufsleben nach dem Sport?», stellt sie
Thomas Studhalter die Gegenfrage. In einer Randsportart brauche es neben dem Sport berufliches Engagement, um seinen Lebensunterhalt zu
bestreiten. Er hat im Beruf nach der sportlichen Karriere andere Erfahrungen gemacht. Zum Beispiel: «Als Vorgesetzter habe ich immer sehr gerne
Sportler geführt. Nach einem Fehler brachen diese Leute nicht gleich ein.
Ich sagte ihnen nur: Du liegst jetzt drei Sekunden zurück. Aber du holst
das wieder auf.» Fränzi Aufdenblatten lacht wieder laut auf: Ja, je höher
die Hürde wird, desto grösser ist die Möglichkeit, dass du auf die Nase
fällst oder verlierst. Aber damit umzugehen haben wir ja gelernt, in unangenehmen Situationen die Frau oder den Mann zu stehen.»
dann noch geben. Nur muss sich einiges grundlegend verändern.» Ein
Sportler müsse dann Perspektiven haben, wenn ihm der ganze Erfolg
nicht vergönnt sei. Auf der einen Seite spricht sie die finanzielle Situation während einer sportlichen Karriere an. Für die ersten drei Ränge
gäbe es ein tolles Preisgeld. «Für den Zehntplatzierten gibt es noch
1000 Franken, auch wenn er nur eine halbe Sekunde auf die Besten
verloren hat.» Die Unterstützung von Ausrüstern und Sponsoren sei für
die weniger Erfolgreichen ebenso gewährleistet. Auf der anderen Seite
moniert Fränzi Aufdenblatten vor allem die fehlenden beruflichen
Perspektiven für junge Sportlerinnen und Sportler, die während zehn
Jahren oder mehr ihr ganzes Leben auf eine vergleichsweise kurze
sportliche Karriere ausrichten. «Während der ganzen Karriere zählt nur
der sportliche Erfolg. Die Zukunftsplanung hat keinen Platz. Der Skisport hat in diesem Punkt einen grossen Nachholbedarf, obwohl der
neue Direktor von Swiss Ski, Markus Wolf, diesen Punkt erkannt hat
und bereits Verbesserungen in Planung sind.»
Zur Person
Vorname, Name
Fränzi Aufdenblatten
Geburtstag
10. Februar 1981
Wohnort
Zermatt
Heutige Tätigkeit
Assistentin Athleten bei GPS Performance
SA in Lausanne
Sportkarriere
Skifahrerin, 2000 bis 2014 im Skiweltcup
Rücktritt
12. März 2014
Sportliche Erfolge Dreimal 3. Platz in der Abfahrt
1 Weltcupsieg im Super-G
Zweimal Juniorenweltmeisterin, zweimal
Silber an Juniorenweltmeisterschaften
«Du kannst es besser»
«Wenn wir beide 40 Jahre später im Altersheim zusammensitzen und
uns fragen: Haben wir alles richtig gemacht? Was würdest du als Antwort geben», fragt Thomas Studhalter. «Ich nahm viermal an Olympischen Winterspielen teil und durfte um die ganze Welt reisen und mich
mit den Weltbesten messen. Das würde ich dir antworten und sagen:
Das war ganz besonders cool an meiner sportlichen Karriere.» 2005
habe sie kurz daran gedacht, das Handtuch zu werfen. Das sei nach der
Weltmeisterschaft in Bormio gewesen, wo die Schweizer Alpinen eine
ihrer grössten Niederlagen erlitten. «Schlussendlich sagte ich mir: Du
kannst es besser. Also machte ich weiter.» Die Olympischen Winterspiele in Sotchi 2014 hätte sie richtig gut und intensiv erlebt. Sie holte
in der Abfahrt mit dem 6. Rang ein olympisches Diplom. Die drei vorhergehenden Anlässe in Vancouver, Turin und Salt Lake City habe sie
nicht bewusst miterlebt. «Wahrscheinlich war ich einfach noch zu jung,
um diese besondere Atmosphäre auskosten zu können.»
Kurze Frage
Thomas Studhalter fährt mit seinem Interview in die Zielgerade. Wie
viele Paar Skis in ihrem Keller stehen würden, will er wissen. «Ein kurzer Slalomski und ein längerer und breiterer für den Pulverschnee.»
«Und ist der Kleiderschrank noch immer gut gefüllt mit Sponsorenbekleidung?» Fränzi Aufdenblatten bejaht diese Frage. Sie sei aber keine
Trophäensammlerin, lacht sie. «Die Startnummer, mit der ich mein
einziges Rennen gewann, habe ich irrtümlicherweise verschenkt. Im
Wohnzimmer hängen ein Aktionsfoto von einem Rennen in Beaver
Creek und das olympische Diplom an der Wand.» Ansonsten erinnere
in den eigenen vier Wänden nicht viel an ihre sportliche Karriere.
Fünf kurze Fragen, die sie mit «Ja» oder «Nein» beantworten solle,
habe er noch:
Zweite Gotthard-Röhre: «Ja».
Skifahren ist ein Risikosport: «Ja. Mit Ausrufzeichen!»
2025 wird man sich an Kunstschneebänder gewöhnt haben: «Ja.»
Ich fände es toll, wenn meine Kinder einmal im Weltcup starten
würden: «Ja.»
Die Schweiz bietet Sportlern ein professionelles Umfeld: «Nein.»
Nach anderthalb Stunden fällt der Blick der beiden ehemaligen
Spitzensportler automatisch auf die weisse Bergwelt, die sich ihnen
von der Sonnenterrasse eröffnet. Thomas Studhalter: «Ich nehme an,
du gehst anschliessend noch auf die Ski?» Auch dafür hat Fränzi Aufdenblatten die kurze Antwort ohne Zögern parat: «Natürlich!»
■
Berufliche Perspektiven fehlen
Wie sieht sie den Skisport in zehn oder zwanzig Jahren? Sie wirkt nachdenklich und runzelt für einmal die Stirn: «Den Spitzensport wird es
BDO ZOOM 1/2016 | 31
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