E-25-0056_Kunze-Beikuefner_Pfingsten

Angela Kunze-Beiküfner
Pfingsten
E-25-0056
Angela Kunze-Beiküfner
Pfingsten
1. Wahrnehmen
Begeisterte Menschen? Da denke ich an Fußballfans, die sich über das Tor ihrer Mannschaft freuen, an die
Atmosphäre in Open-Air-Konzerten oder an die Euphorie, die bei der Ankunft von weltberühmten Stars ausbricht. Ich denke auch an charismatische Künstler/innen und mitreißende Redner/innen, die Menschen in
Stimmung und in Bewegung bringen können. Ich stelle mir Kinder vor, die entzückt sind von einer Entdeckung
und Verliebte, die von ihrem Schatz schwärmen.
Wann war ich das letzte Mal so begeistert, dass sich in mir ein Feuer entzündet hat und ich so richtig Funken
gesprüht habe? Sicher ist es auch eine Frage des Temperaments – bei manchem passiert es öfter, da reicht
schon ein Hitzefrei, bei anderen geschieht es eher selten, die sind nicht so leicht aus der Ruhe zu bringen.
Vielleicht ist da aber auch eine einseitige Vorstellung von Begeisterung. Denn nicht immer sind begeisterte
Menschen ausgelassen und euphorisch. Die eher stille Form der Begeisterung von Menschen zeigt sich zum
Beispiel als Teamgeist bei Mannschaftssportarten: Sich gegenseitig motivieren, das Ganze zu geben; den Ball
»abgeben und einander zuspielen können« im wörtlichen und im übertragenen Sinn. Miteinander um den
gemeinsamen Sieg ringen, aber auch Niederlagen zusammen aufarbeiten und überwinden – das kann nur
durch echten Teamgeist geschehen. Diese Form von Begeisterung trägt durch Tiefpunkte und harte Zeiten
hindurch und hält länger an als eine Masseneuphorie.
Zu einem guten Teamgeist gehört auch, dass die Teammitglieder mit ihren unterschiedlichen Gaben anerkannt und gefördert werden – es gibt charismatische Sportler/innen, die die ganze Mannschaft mitreißen,
es gibt konditionsstarke Sportler/innen, die durch ihre Ausdauer der Mannschaft zum Sieg verhelfen, es gibt
brillante Techniker/innen, die durch ihre Tricks Vorteile für die Mannschaft herausholen und es gibt die Strategen, die dafür sorgen, dass alle Sportler/innen optimal eingesetzt werden. Die Früchte eines guten Teamgeists sind daran zu erkennen, dass die Mannschaft erfolgreich ist und Niederlagen konstruktiv verarbeitet.
Mit Pfingsten haben wir im Kirchenjahr ein Fest, das auf der Erfahrung von begeisterten Menschen beruht –
erlebte Begeisterung sowohl in der Form eines Highlights als auch in der stillen Form des Teamgeists.
Als Highlight beschreibt der Evangelist Lukas in der Apostelgeschichte die Begeisterung: Plötzlich werden
die Jüngerinnen und Jünger vom Heiligen Geist erfüllt, sie „reden in Zungen“ (s.u.), überwinden die Sprachbarrieren und gewinnen viele neue Anhänger.
Als Begeisterung in Form von Teamgeist, als eine Gemeinschaft von Menschen, die beschenkt sind mit
verschiedenen Geistesgaben und diese Begabungen in den Dienst der Gemeinde stellen, beschreibt der neutestamentliche Korintherbrief die Wirkung des Heiligen Geistes. Die Christen in der Gemeinde sind wie ein
Leib mit vielen Gliedern, und jedes Glied hat seine Gabe und Aufgabe.
Was die Früchte des Heiligen Geistes bewirken, schildert der Galaterbrief (Neue Genfer Übersetzung):
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Pfingsten
Die Frucht hingegen, die der Geist Gottes hervorbringt, besteht in Liebe, Freude, Frieden, Geduld, Freundlichkeit, Güte, Treue, Rücksichtnahme und Selbstbeherrschung (Gal 5,22–23).
Begeisternde Kirche?
Ist diese Pfingstbegeisterung, die im ersten Jahrhundert beschrieben wurde, auch noch heute erfahrbar? Wie
oft erleben wir in unserer Kirche begeisternde Höhepunkte, die uns alles ringsherum vergessen lassen; wie
oft erleben wir die Kirche als ein Team, in dem sich alle mit ihren Gaben einbringen; welche Ausstrahlung,
welche Wirkung hat die Kirche nach außen?
Die Kirche – damit ist sowohl das Gebäude als auch die Institution gemeint, vor allem aber sind es die Menschen, die zu ihr gehören, die die Kirche sind. Wie soll die Kirche sein? Was soll ihr inhaltlicher Schwerpunkt
werden? Spiritualität und Frömmigkeit? Gesellschaftspolitisches und soziales Engagement? Traditionspflege
und Bildungsangebote? Nach wie vor ist der Mittelpunkt des kirchlichen Lebens der sonntägliche Gottesdienst. Wie begeisternd sind unsere Gottesdienste? Ist der Pfingstgeist noch lebendig – oder ist es eher so,
wie es Lothar Zenetti in diesem Gedicht beschreibt?
Lothar Zenetti: Pfingstsonntag
Der Pfarrer auf der Kanzel vergleicht
den Pfingstgeist mit Sturm und Feuer
aber keine Angst:
in den Kirchenbänken bleibt alles ruhig
mein Nachbar sieht verstohlen auf seine Uhr
Aus: Lothar Zenetti, Auf Seiner Spur. Texte gläubiger Zuversicht
© Matthias Grünewald Verlag der Schwabenverlag AG, Ostfildern 2011. www.verlagsgruppe-patmos.de
Unbändige Begeisterung, euphorische und mitgerissene Menschen, das kann man in unseren evangelischen
Landeskirchen wohl nur sehr selten erleben. Dort, wo sich Christen in Kirchen versammeln, geht es meist sehr
ernst und besonnen zu. Schon ein einfacher Applaus nach einem Konzert ist in vielen Kirchen nicht gern gesehen – erst recht nicht spontane Gefühlsäußerungen. Für Menschen, die nicht kirchlich sozialisiert worden
sind, wirken die traditionellen Sonntagsgottesdienste oft alles andere als lebendig und begeisternd.
Daher werden in den letzten Jahrzehnten auch Gottesdienste in anderen Formen angeboten; entweder
auf bestimmte Zielgruppen orientiert (z.B. Gottesdienste speziell für Familien, für Jugendliche, für Motorradfreaks etc.) oder durch neuere Liturgieformen geprägt (z.B. die aus Skandinavien stammende Thomas-Messe,
welche Symbolhandlungen und Bewegungen durch verschiedene Stationen anbietet oder Taizé-Gottesdienste oder auch Gottesdienste, die sich an amerikanischen und missionarischen Vorbildern orientieren).
Ob und wie Kirche begeisternd ist, hängt auch von uns ab, von jedem einzelnen Gemeindeglied. Wie bringen
wir uns mit unseren Gaben ein? Welche Gaben haben wir überhaupt?
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Pfingsten
In der Tradition der Evangelischen Kirche ist der Pfingstgeist gerade in dieser Dimension der „Begeisterung“ spürbar: Jede Christin, jeder Christ kann und soll sich mit den ganz individuellen Charismen, den Gaben
des Geistes, in die Gemeinde einbringen. Haupt- und Ehrenamtliche sind gleichwertige Mitarbeiter/innen im
Verkündigungsdienst – mit je ihren speziellen Aufgaben. Durch die Vielfalt ihrer Gaben wird auch die Gemeinde vielfältig und lebendig. Dennoch taucht immer wieder die Frage auf: Wie können wir die Kirche erneuern
und wieder lebendiger werden lassen?
Immer wieder haben solche Fragen zu Erneuerungsbewegungen innerhalb der Kirchen geführt – und dabei
auch Spaltungen und Neugründungen von (Frei)kirchen bewirkt. Wenn ich mich in meiner Kleinstadt umschaue, was es an christlichen Kirchen gibt, dann kann ich eine große Vielfalt entdecken, die manchmal auch
verwirrend ist: Zusätzlich zu den evangelischen Gemeinden der Landeskirche und der römisch-katholischen
Kirche gibt es eine reformierte Gemeinde, die Selbstständige Evangelisch-Lutherische Kirche, die Landeskirchliche Gemeinschaft, die Altkatholiken, die Baptisten, die Methodisten, die Adventisten und die Pfingstgemeinde. Für diesen Beitrag habe ich mich in der Pfingstgemeinde mal näher umgesehen und umgehört:
Gottesdienst und Taufe in einer Pfingstgemeinde
Johannes B., Schüler, 15 Jahre alt, lebt in einem südwestdeutschen Dorf und hat zwei ältere Schwestern,
durch die er die Pfingstgemeinde kennen gelernt hat. Fünf Tage vor dem folgenden Interview hat sich Johannes in der Pfingstgemeinde taufen lassen. Die Pfingstbewegung entwickelte sich ursprünglich im 19. Jh. in
Nordamerika; in den Jahren 1906–1908 kam es zu ersten Gründungen von Pfingstgemeinden in Deutschland.
Im Jahr 2005 gehörten zum Bund Freikirchlicher Pfingstgemeinden 575 Gemeinden mit ca. 385.000 Mitgliedern. Aber auch innerhalb der evangelischen Landeskirchen und der katholischen Kirchen gibt es charismatische Erneuerungsbewegungen und pfingstlerische Gruppierungen, die die Bedeutung der Geisttaufe oder die
damit verbundene Gabe der Zungenrede betonen.
Johannes, Du hast mir erzählt, dass du schon in vielen verschiedenen Kirchen einen Gottesdienst besucht hast –
z.B. bei den Baptisten und in der lutherischen Landeskirche, aber am liebsten gehst Du zur Pfingstgemeinde.
Warum?
J: Der Gottesdienst ist lebendiger, was in der Landeskirche nicht so ist, und der Heilige Geist wird hervorgehoben. Die Predigten sind viel lebendiger und auch der Ablauf – z.B. bei den Liedern stehen und bewegen
sich alle. Wir haben auch andere Instrumente, die die Lieder begleiten, z.B. Schlagzeug und E-Gitarre und
E-Piano und drei Sänger.
Ist das in allen Gottesdiensten so oder nur bei den Gottesdiensten, die speziell für junge Leute gedacht sind?
J: Das ist in allen Gottesdiensten so.
Was meinst Du damit, dass der Heilige Geist hervorgehoben wird?
J: Dass wir während des Gottesdienstes in Sprachen beten, z.B. während des Lobpreises sagt dann die Leiterin, dass jetzt jeder die Gelegenheit hat, den Herrn in der eigenen Sprache anzubeten, aber man kann das
auch zwischendurch tun, es gibt immer zwischendurch auch Gebetszeiten.
Wie kann ich mir das vorstellen, wenn in Sprachen gebetet wird? Wie hört sich das an?
J: Jeder hat dabei seine eigene Sprache und man selber versteht die Sprache nicht. Dabei vereint sich der
Heilige Geist mit dem Geist in einem, darum hat auch jeder eine eigene Sprache. Manchmal redet auch ei-
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ner in irgendeiner Sprache aus einem fernen Land, die er eigentlich nicht kennt. Man selber versteht nicht,
was man sagt, damit der Verstand nichts daran ändern kann, sondern der Geist betet. Manchmal gibt es
dann andere Leute, die können das auslegen, wenn sie die Gabe dafür haben.
Weißt Du noch, wie Du dem Sprachengebet zum ersten Mal begegnet bist? Wie ging es Dir damals damit?
J: Da war ich mit meinen Schwestern bei Oma in Bremen, und wir lagen im Bett und auf einmal fing Elisabeth
so an zu reden, in einer ganz fremden Sprache. Da hat sie die Geisttaufe bekommen. Mirjam und ich wussten gar nicht, was los ist. Das war einfach witzig und cool.
Was meinst Du mit Geisttaufe?
J: Sprachengebet und Geisttaufe gehören zusammen. Durch die Geisttaufe bekommen wir so verschiedene
Gaben geschenkt, die Gabe des Heilens und die Gabe, Sprachengebet auszulegen und noch mehr – mir
fallen jetzt nicht alle ein. Das habe ich in meinem Hefter stehen, vom Glaubenskurs. Sprachengebet ohne
Geisttaufe ist nicht möglich. Aber die Gaben sind nicht sofort voll da, die reifen und es kann auch passieren, dass man für Heilung betet und dass derjenige trotzdem nicht gesund wird.
Wie hast Du die Taufe selbst erlebt? Was ging da in Dir vor?
J: Das ist schwierig auszudrücken. Ich war ziemlich lange nervös. Vorher mussten wir – es wurden ja noch zwei
getauft – Zeugnis ablegen, wie wir zum Glauben gekommen sind, was sich in meinem Leben dadurch verändert hat und weshalb ich mich taufen lassen möchte, so ein Lebensbericht zum Glauben. Dann werden die
Taufverse vorgelesen und das Tauflied gesungen und dann rein ins Becken. Die anderen waren nervös vor
dem Teil mit dem Zeugnis ablegen, ich bin erst danach nervös geworden. Aber als ich dann untergetaucht
und getauft wurde, da war ich einfach glücklich, es war einfach schön und ich wusste, dass es richtig ist! Weil
ich mir ein Leben ohne Gott nicht mehr vorstellen kann, weil ich die Beziehung zu ihm vertiefen will.
Lothar Zenetti: Pfingstlied heute
Die Wunder von damals müssen’s nicht sein,
auch nicht die Formen von gestern,
nur lass uns zusammen Gemeinde sein,
eins so wie Brüder und Schwestern!
ja, gib uns den Geist, deinen guten Geist,
mach uns zu Brüdern und Schwestern!
Aus: Lothar Zenetti, Auf Seiner Spur. Texte gläubiger Zuversicht
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2. Wissen und Verstehen
Was wird eigentlich zu Pfingsten gefeiert?
Pfingsten ist für viele Menschen – auch für Christen – ein „schwieriges Fest“. Das liegt sicher daran, dass die
Feier der „Herabkunft des Heiligen Geistes“ doch eher ein abstraktes und schwer vorstellbares Ereignis ist. Auch
die innerkirchlich gängige Formulierung „Pfingsten ist der Geburtstag der Kirche“ ist nicht unmissverständlich.
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Pfingsten
Ostern und Pfingsten sind terminlich aufeinander bezogen. Durch den veränderlichen Ostertermin variiert
der Pfingstfesttermin zwischen dem 10. Mai und dem
13. Juni. Beide Feste haben ihren Ursprung im jüdischen
Festkalender: Das christliche Osterfest hat seinen Vorläufer im jüdischen Passahfest. Am 50. Tag nach dem
Passafest feiert man im Judentum das Fest „Schawuot“
(Shawoa = Hebräisch: die Woche, daher auch Wochenfest). Zum Passahfest wird im Judentum dem Auszug der
Israeliten aus der ägyptischen Gefangenschaft gedacht,
zum Schawuot wird der Gesetzgebung am Sinai erinnert.
Im hellenistischen Judentum entstand die griechische
Bezeichnung „Pentekoste“ (Fünfzig) für das Wochenfest
– die Bezeichnung „Pfingsten“ ist davon abgeleitet. Erst
seit dem 4. Jahrhundert wurde Pentekoste / Pfingsten
neben Weihnachten und Ostern zu einem selbstständigen Fest in der christlichen Kirche.
Der „Heilige Geist“
Johanna (5): Der Heilige Geist sind die Gedanken von
Gott und Jesus.
Tom (13): Der Heilige Geist – da denke ich an Geister und
so was Übersinnliches.
Elisabeth (16): Der Heilige Geist, das ist eine Kraft, die in mir wohnt.
Zeichnung aus:
Warum hängt am Weihnachtsbaum kein Ei?
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Der christliche Gott wird als ein trinitarischer, dreieiniger Gott gedacht – als Gott Vater, Gott Sohn und Gott
Heiliger Geist. Was ein Vater und was ein Sohn ist, können wir uns vorstellen – doch was ist mit dem „Heiligen
Geist“ gemeint?
Das Wort Geist wurde aus der Bibelübersetzung der iroschottischen Mönche abgeleitet, welche ab dem
8. Jahrhundert die größten Teile Germaniens missionierten. Diese hatten das lateinische „Spiritus“ der lateinischen Bibel mit „Ghost“ übersetzt. Aber der griechische Urtext verwendet im Pfingstbericht der Apostelgeschichte das Wort „Pneuma“. Das Wort kommt vielleicht bekannt vor – der luftgefüllte Reifen (Pneu), die
Luftdruckmechanik der Orgel (Pneumatik), die Lungenentzündung (Pneumonie) – Pneuma, die griechische
Bezeichnung für Geist, hat augenscheinlich etwas mit Luft zu tun. In dem Wort „Pneuma“ ist wesentlich mehr
von der Bedeutung des eigentlichen, hebräischen Herkunftswortes „Ruach“ zu erkennen, auf das sich auch
der Pfingstbericht der Apostelgeschichte bezieht. Dort zitiert Petrus den alttestamentlichen Propheten Joel,
bei dem es heißt: „Danach aber wird es geschehen, dass ich meine „Ruach“ ausgieße über alles Fleisch und
eure Söhne und Töchter werden Propheten sein“ (Joel 3,1a). Wenn wir das Wort Ruach langsam und deutlich
aussprechen, dann werden wir automatisch bei dem „Ru“ und dem „Ach“ deutlich ausatmen – und hinterher
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Pfingsten
tief atmen. Das Wort „Ruach“ hat die Grundbedeutung von Wind, aber auch von Atem, Hauch und Leben. Die
Ruach kann sowohl auf Gott als auch auf den Menschen und auf die Natur bezogen werden. Im Schöpfungslied 1. Mose 1,2 schwebt die Ruach Gottes über den Chaosfluten und senkt die Keime des Lebens in sie ein.
Atem und Wind – beide Bedeutungen hängen eng zusammen. In beiden Fällen geht es um Luft, die in Bewegung ist. Die bewegte Luft ist unsichtbar, unfassbar, scheinbar ein Nichts – doch sie ist lebensnotwendig.
Mit dem letzten Atemhauch wird auch das Leben ausgehaucht. Ruach ist etwas, das immer in Bewegung ist
und anderes in Bewegung setzt – es ist das Gegenteil von Stillstand. Die Ruach gibt dem Leben eine zielorientierte Dynamik. Deshalb meint Ruach auch oft Lebenskraft.
Bibeltexte, die mit Pfingsten in einem
Zusammenhang stehen
Apostelgeschichte 2: In dieser Erzählung nach dem
Evangelisten Lukas wird beschrieben, wie die Jünger
und Anhänger Jesu von der Kraft des Heiligen Geistes erfüllt wurden. Sie waren an einem Tiefpunkt angekommen – 50 Tage nach dem Tod Jesu wurde erst
so richtig spürbar, welch eine tiefe Lücke die Kreuzigung Jesu in ihrem Leben hinterlassen hatte. Die Anfangserfahrungen, die Begegnungen mit dem Auferstandenen Jesus, gehörten der Vergangenheit an;
der Schock der ersten Wochen wich dem Bewusstsein, dass der Alltag weitergeht. Doch wie sollte es
weitergehen? Zutiefst mutlos und depressiv kann
Trauer die Menschen machen. Die Anhänger Jesu
hatten sich in ein Haus in Jerusalem zurückgezogen
und trauerten, während rings um sie herum fröhlich
das Wochenfest gefeiert wurde. Doch dann ereignete sich etwas – im Inneren der Menschen, doch
auch von außen angestoßen durch den Geist Gottes, der in der Apostelgeschichte beschrieben wird
als ein Sturmwind. Dieser Sturmwind bringt die Trauernden, Ängstlichen und
Zeichnung aus:
Enttäuschten in Bewegung, sie entflammen vor Begeisterung – die ApostelgeKleine Calwer Kinderbibel
schichte beschreibt dies mit „Zungen wie von Feuer … die sich auf einen jeden
Calwer Verlag 2013
von ihnen setzten“. Erfüllt vom Heiligen Geist beginnen sie, in verschiedenen
Sprachen zu reden. Sie verlassen das Haus und verkünden allen, dass Jesus lebt – Petrus hält eine erste große
Predigt. Obwohl ihm viele Menschen zuhören, die als Pilger aus anderen Gegenden kommen und seine Sprache
nicht sprechen, können ihn doch alle Menschen verstehen. Dieses pfingstliche Sprachwunder – die Einheit im
Geist trotz der vielen verschieden Sprachen – stellt die Kirche in späteren Deutungen der Sprachverwirrung der
Erzählung vom Turmbau zu Babel (1. Mose 11,1–9) als heilsame Bunderneuerung gegenüber.
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Diese Pfingsterzählung schließt mit der Erfolgsmeldung, dass sich an jenem Tag mehr als 3.000 Menschen
taufen ließen. (Jerusalem hatte damals ca. 100.000 Einwohner. Zum Wochenfest, das eines von drei Wallfahrtsfesten im Jahr war, kam es allerdings vor, dass sich doppelt so viele Menschen in der Stadt aufhielten.)
Diese Festgeschichte ist kein historischer Bericht – die christliche Kirche ist nicht an einem Tag entstanden, sondern in den ersten Jahren und Jahrzehnten nach der Kreuzigung und Auferstehung Jesu allmählich
gewachsen. Diese Erzählung enthält die Schlüsselerfahrungen der ersten Christen – die Erfahrung eines Neubeginns, der auch mit einer Neuschöpfung verglichen wird, symbolisiert durch die Elemente Feuer, Wasser
und Luft. Das vierte Element, die Erde, wird nicht ausdrücklich erwähnt – vielleicht wird sie durch die vielen
Gegenden des römischen Reiches repräsentiert, die in dieser Erzählung aufgezählt werden.
Joel 3,1–2: Die Ruach Gottes ist im Alten Testament nicht nur Lebenskraft, sondern sie kann auch eine besondere, göttliche Kraft über Menschen bringen – wie z.B. prophetische Rede, Verzückung und Ekstase. Das
Wort des Propheten Joel aus dem 4. Jh. v.Chr. wurde für die urchristlichen Gemeinden von entscheidender
Bedeutung. Die Pfingsterzählung der Apostelgeschichte lässt Petrus in seiner Ansprache an die Menschen in
Jerusalem dieses Bibelwort zitieren, um zu erklären, wovon sie so ergriffen sind.
Johannes 16,7: Im Johannesevangelium ist noch eine andere Bezeichnung für den Heiligen Geist üblich. Dort
wird in den Abschiedsreden Jesu von dem „Paraklet“, dem Anwalt, Fürsprecher und Tröster, gesprochen.
Wörtlich bedeutet es „der Herbeigerufene“.
Johannes lässt Jesus sogar sagen, dass es gut sei, wenn er stirbt, weil sonst der Paraklet nicht kommen
könne. Zu Pfingsten erinnern sich die Hinterbliebenen an die Worte Jesu, an seine Zusage und an alles, was sie
mit ihm erlebt haben. Jesus wird auf eine andere Weise in und unter ihnen lebendig. Diese gemeinsame Erinnerung an die Gemeinschaft und die Zusage Jesu gibt ihnen neue Kraft, neuen Mut, neues Leben – sie können
sich jetzt wieder auf das Leben einlassen und ihren Schmerz, ihre Trauer integrieren mit neuer Hoffnung und
einer neuen Verbundenheit untereinander.
Johannes 3,8: „Der Wind bläst, wo er will, du hörst sein Sausen wohl; aber du weißt nicht, woher er kommt
und wohin er fährt. So ist es bei jedem, der aus dem Geist geboren ist.“ Aus diesem Bibelwort ist der Spruch
hergeleitet: Der Geist weht, wohin er will! Der Geist ist auch ein Geist der Freiheit und der Befreiung. Erfüllt
von der Kraft des Heiligen Geistes wagen es die ersten Christen, viele Grenzen ihrer Kultur und Tradition zu
überschreiten. Auch heute berufen sich viele Menschen auf den »Geist der Freiheit«, aber meinen damit oft
ihr Selbstbestimmungsrecht – nach dem Apostel Paulus setzt die Gabe des Heiligen Geistes aber selbst eine
klare Grenze: Alles, was lieblos und unbarmherzig ist, hat nichts mit dem Heiligen Geist zu tun (1. Kor 13).
1. Korintherbrief 12–13: Der Verfasser des Briefes betont, dass die Gaben des heiligen Geistes in den Menschen sehr unterschiedliche Kräfte freisetzen: Die Gabe der Weisheit, der Rede, des Glaubens, der Heilung,
der Prophetie und die Gabe zur Unterscheidung der Geister. Alle Gaben seien geschenkte Gnadengaben und
alle Gaben seien gleichwertig und gleich wichtig in der Gemeinschaft der Christen, die der Verfasser mit
einem menschlichen Körper vergleicht, bei dem auch alle Glieder ihre Bedeutung haben. Im Anschluss allerdings heißt es: Die wichtigste Gabe des Geistes aber ist die Liebe.
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Pfingsten
Symbole, die auf Pfingsten hinweisen
Die Taube: Die Gestalt der Taube macht die Ruach Gottes sichtbar. Dieser Vogel ist in den Religionen des Alten
Orients das heilige Tier der jeweiligen Liebesgöttin. Auch im alten Testament ist die Taube das Symbol der
Liebe, des Friedens und der Versöhnung (Sinflut – 1.Mose 8,6ff). Nach dem jüdischen Gesetz ist die Taube der
einzige Vogel, der als Opfertier verwendet werden darf.
Im neuen Testament kommt die Taube nicht in der Pfingsterzählung der Apostelgeschichte vor, sondern
in den Evangelien. Die Taube stürzt bei der Taufe Jesu am Jordan aus dem sich öffnenden Himmel herab (Mk
1,10). Erst auf dem Konzil von Nizäa (325) wurde als Symbol für den Heiligen Geist die Taube festgelegt.
Feuer und Feuerzungen: Das Feuer ist ein altes religiöses Symbol – und weist sowohl auf Macht, Gefahr und
bedrohliche Naturgewalten als auch auf Wärme, Licht und Leben hin. In der Bibel gibt es drei Geschichten,
die das Symbol Feuer beinhalten: Die Begegnung von Mose mit dem brennenden Dornbusch (Ex 3), die Erzählung von den drei Männern im Feuerofen (Dan 3) und der Bericht vom Pfingstwunder in Jerusalem (Apg 2).
Dort wird erzählt, dass die Menschen, die sich in dem Haus versammelt hatten, eine Erscheinung sahen „als
ob Zungen wie von Feuer sich verteilten und sich einzeln auf jeden von ihnen setzten.“ Bei der Deutung des
Symbols helfen uns Sprachbilder wie „Entflammt sein“ oder für etwas „Feuer und Flamme sein“.
3. Deuten
Die vermutlich älteste bildhafte Darstellung des Pfingstwunders nach Apg. 2:
© Foto: RabulaGospelsFolio14vPentecost. www.wikimedia.org
Da das Pfingstwunder eigentlich ein inneres
Geschehen für die vom Geist ergriffenen Menschen ist, stoßen sprachliche Beschreibungen
und bildliche Darstellungen immer wieder an
ihre Grenzen. Dieses Bild, eine Miniatur aus
dem Jahr 586, zeigt die älteste erhaltene Darstellung der Pfingstgeschichte. Maria, die Mutter Jesu, steht eindeutig im Mittelpunkt. Sie
trägt als einzige ein dunkles Gewand, sie steht
aufrecht und schaut nach vorn, eine Hand mit
einer empfangenden Geste ausgestreckt, die
andere Hand zu einer segnenden Gebärde erhoben. Umringt wird Maria von den 12 Aposteln,
welche in unterschiedliche Richtungen schauen
und Sandalen an den Füßen tragen: Bald werden sie aufbrechen und das Evangelium in aller
Welt verkünden. Die zum Pfingststurm gesteigerte Ruach, der Lebensatem Gottes, der die
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Pfingsten
einzelnen Menschen ergreift, wird hier symbolisiert durch die kleinen Feuerflammen auf den Häuptern und
durch die senkrecht herabstürzende Taube.
Annette Feigs: Wegspuren – Pfingstbitte
Komm, Heiliger Geist;
mit deiner Brise
bewege das Schiff unserer Kirche,
damit es freie Fahrt gewinnt;
mit deinem Windstoß
straffe die Segel unseres Bootes,
damit es dem Ziel näher kommt;
mit deinem Feuer
erwärme die erstarrte Mannschaft,
damit sie lebendig bleibt
und Kurs behält
im Glauben,
in der Hoffnung,
in der Liebe.
Aus: Anette Feigs, Hoffen wider alle Hoffnung. Gedichte, Meditationen, Gebete.
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4. Gestaltungsvorschläge
Kirchliches Brauchtum
Der alte kirchliche Brauch, eine lebende oder hölzerne Taube durch ein Loch über dem Altargewölbe in das
Kirchschiff fliegen zu lassen, wird kaum noch praktiziert, ebenso wenig wie das Herabwerfen von kleinen
brennenden Papierschnipseln, die an die Feuerzungen erinnern sollen. Aber wie wäre es, im Pfingstgottesdienst die Besucher/innen einmal mit Papiertauben zu überraschen, die von der Empore herunterflattern und
mitgenommen werden dürfen. Die Tauben könnten mit Pfingstgedichten oder guten Wünschen beschriftet
sein.
Vielerorts werden Pfingstfeuer entfacht, die an das pfingstliche „Feuer und Flamme sein“ erinnern sollen,
aber auch guter Mittelpunkt für ein Miteinander von Menschen verschiedener Generationen sein können.
Da die Osterkerze nach der kirchlichen Tradition zu Christi Himmelfahrt aus den Kirchen entfernt wird,
gibt es in manchen Gemeinden das Ritual, eine Pfingstkerze zu gestalten und im Pfingstgottesdienst feierlich
aufzustellen.
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Pfingsten im Freien
Zu Pfingsten steht die Natur in voller Blüte; in den Gärten wird fleißig gearbeitet, nach der Winterpause kann
nun wieder gegrillt oder gewandert werden, die Badesaison steht kurz vor der Eröffnung. Viele Pfingstbräuche stehen in einem engen Zusammenhang mit der „schönen“ Jahreszeit rund um den „Wonnemonat“ Mai.
In den weltlichen Pfingstbräuchen sind daher auch die Wesensmerkmale eines Liebesfestes erhalten geblieben:
 Pfingstmaien: Frische Birkenzweige wurden in der Nacht zum Pfingstmontag, geschmückt mit Bändern
und Blumen, von verliebten Burschen an die Tür des Hauses der Angebeteten gesteckt.
 Maibaum: Wettkampf der Burschen, Ermittlung des Pfingstkönigs – dieser darf sich eine Pfingstkönigin
suchen.
 Pfingstochse: Ein mit Blumen geschmückter Stier, Tier der Liebesgöttin Venus.
 Pfingstritte und Prozessionen, Reiterspiele etc. (abgeleitet von der römischen Truppenschau)
Pfingsten in der Symbolsprache der Natur
 Pfingstrose: gemeinsame Spaziergänge, um die aufblühende Natur zu bestaunen: Wenn wir die Natur sehen, können wir uns vorstellen, dass der Geist, der uns in jeder Pflanze entgegenströmt, auch in uns fließt
 Quelle: Besuchen einer Quelle als Ursymbol der Erneuerung des Leben
 Wind: Bewusst den Wind wahrnehmen, der alles Verstaubte aus uns herausbläst
 Feuer: Die innere Kraft, das innere Feuer der Begeisterung durch eine Kerzenflamme oder ein entstehendes und immer größer werdendes Lagerfeuer betrachten
Pfingstlich weiterforschen
 www.pfingsten-info.de
 www.ekd.de/glauben/pfingsten.html
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