Fasnachtspredigt 2017 zum - St. Paul Rothrist

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Fasnachts-Predigt 2017
(sorgsam von Hand verfertiget und gehalten zur Fasnacht 2017 am 26.02. in Rothrist von Bodo Belser)
Im Evangelium haben wir über Wahrheit gehört,
mal sehen, wohin uns das heute wohl führt.
Schon Pilatus, ein Machtmensch aus römischer Zeit,
fragte Jesus ja damals: was ist denn Wahrheit?
Doch Jesus hat nicht philosophisch gewieft
Sich in irgendwelche Theorien vertieft.
Denn für ihn gabs nur eine konkrete Wahrheit,
die nannte er Gottes Unverborgenheit.
Näher als wir selbst ist Gott uns nah,
in der Tiefe unseres Wesens für uns da.
Diese Überzeugung, die hat Jesus getragen,
am Schluss wurde er dafür ans Kreuz geschlagen.
Dass Gott so einfach zu den Menschen kam,
war etwas, das man Jesus übelnahm.
Gott braucht doch Opfer und Unterwürfigkeit,
darüber lag Jesus mit den religiösen Führern im Streit.
Die haben ja fleissig Tempelsteuer eingenommen,
denn Gott durfte doch nicht gratis zu den Menschen kommen.
Gerade einfache Leute wurden abgezockt
und der Zugang zu Gott mit hohen Hürden geblockt.
Nicht nur Pilatus, auch wir heute sind
oftmals für Gottes Unverborgenheit blind.
Denn die Wahrheit wird grad heute nicht mehr geehrt,
wie bei einer Inflation verliert sie täglich an Wert.
Darüber sind Lügner hocherfreut
und jubeln: wir leben in postfaktischer Zeit!
Sie prahlen laut, es sei einerlei,
was Tatsache und was Meinung sei.
Besonders einer, den Ihr ja gut kennt,
Ihr wisst schon, der sogenannte Präsident,
der zwitschert den Unsinn tagaus und tagein!
Unwissenheit soll besonders authentisch sein!
Und wenn er lügt, wird das uminterpretiert:
Er habe halt "alternative Fakten" serviert.
2
Ohne rot zu werden und unumwunden,
als hätte nie eine Aufklärung stattgefunden,
wird uns allen kalt lächelnd weisgemacht:
Lüge ist Wahrheit und Tag ist Nacht,
"Krieg ist Frieden, Freiheit ist Sklaverei,
Unwissenheit ist Stärke" und sowieso: alles einerlei!
Wers nicht gemerkt hat: das war ein Zitat
aus dem, was George Orwell geschrieben hat.
Vor 70 Jahren hat er das vorausgeahnt
und mit seinem Roman 1984 gemahnt.
Er zeigt dort: zuerst werden Worte verdreht,
bevor es den Menschen an den Kragen geht.
Wenn Worte keine Bedeutung mehr haben,
nur noch eine Anhäufung toter Buchstaben,
dann verlieren wir Verstand und Verständigung
und Unvernunft wird zur Leitwährung!
Ein jeder wird auch noch überwacht dazu,
bei Orwell hiess das: Big Brother is watching you!
Wie er will, kann dieser Bruder auch bei uns alles machen,
wir geben ihm unsre Daten, lassen uns überwachen,
wir legen uns nackt ganz ohne Scham
vor die grossen Brüder Google, Facebook und Instagram.
Die haben wir auf dem Handy immer dabei,
bei der Arbeit, in der Freizeit, wo es auch sei.
In Ecken und Gassen, in Winkeln und Nischen
sieht man uns auf dem Smartphone rumwischen.
Zuletzt tauchte bei meiner Frau und mir die Frage auf:
Wer macht jetzt eigentlich den Wochen-Einkauf?
Da hab ich gar nicht lange gewartet,
habs Handy gezückt und hab WhatsApp gestartet,
schreib der Frau: ich mach das, ok, ist geritzt!
Und merke dann erst, dass die Frau ja grad neben mir sitzt!
Meine Frau lacht und sagt: ich glaub, jetzt ist es soweit:
Du brauchst eine Smartphone-Fastenzeit!
3
Ihr wisst ja, was in einem Dorf namens Rothrist,
gestern in der Nacht geschehen ist!
Dort hat, ich wage es kaum zu sagen,
die Kirchturmuhr um Mitternacht 12mal geschlagen!
Rothrist, wer hätte das gedacht?
Das haben ganz sicher…. Migranten gemacht!
Ich habe natürlich gelogen, ihr Leute,
es war gar nicht gestern, sondern heute,
und das Ganze ist in Schweden passiert,
da seht Ihr, wie man "fake news" generiert.
Und gelogen habe ich auch nicht, Mann!
Ich bot nur alternative Fakten an!
Nun könnte man humorvoll meinen,
das sei zum Lachen. Es ist eher zum Weinen!
Die Wahrheit verliert, wenn wir uns nicht wehren!
Lasst dem Affentheater uns den Rücken zu kehren!
Die Wahrheit verliert, wenn wir nicht mehr selbst denken,
uns nur noch aufs Amüsement beschränken!
Wenn mit Brot und Spielen wir uns zufrieden geben,
dann vegetieren wir nur noch statt richtig zu leben.
Dann haben die Lügner freie Bahn
Und reissen die Welt in ihren Wahn.
Dann gibt es auch kein Vertrauen mehr,
Beziehungen werden beliebig und leer,
ein jeder plappert dann nur noch wirr vor sich hin
ohne Anstand, Respekt und ohne Sinn.
Und noch etwas habe ich kürzlich vernommen,
die Burkas haben bei uns überhand genommen!
Man muss sie verbieten, sonst ist sie bald nicht mehr da:
Die Confoederatio helvetica.
Doch eigentlich sieht man die Burkas, oje,
nur auf den Plakaten der SVP.
Und vielleicht sieht man noch 2, 3 von den Teilen
im Berner Oberland durch Interlaken eilen.
4
Wir haben ja da im Aargau einen vorzüglichen Warner,
Ihr wisst es schon, der Mann heisst Glarner,
der passt gut auf, fängt grad an zu brüllen,
wenn einer es wagt sich zu verhüllen.
Man fragt sich: hat er zuviel Phantasie,
der Mann aus Oberwil-Lieli?
Ich denke, es ist die Angst vor Migranten,
vor all den fiesen verhüllten Tanten,
die uns heute umgeben in hellen Scharen,
ach nein: das sind ja Fasnachts-Narren!
Ich hoffe, dass der Mann nicht in Paranoia versinkt,
wenn aus allen Ecken heut ein verhüllter Fasnächtler winkt.
Aber nicht nur bad oder fake news gibt’s zu berichten,
nein: es gibt tatsächlich auch gute Nachrichten,
über die wir uns freuen dürfen heut
mit fasnächtlicher Fröhlichkeit!
Die Menschen wurden noch nie älter als heute,
einen Schulabschluss haben heut immer mehr Leute,
es gibt immer weniger Analphabeten,
und bei Jugendgewalt ist ein Rückgang eingetreten.
Und immer mehr Menschen leben in Demokratien,
leider müssen immer noch zu viele fliehen.
Unser Job ist es, selbst gute Nachricht zu sein,
und sei unser Beitrag auch noch so klein:
es braucht jeden einzelnen von uns Narren,
damit wir Humor und das Lachen bewahren,
damit die Wahrheit nicht weiter verliert,
sondern uns frei und als Freunde zusammenführt.
5
Eine seltsame Umwertung findet heut bei uns statt,
man fragt sich, wer davon wohl Vorteil hat:
Menschen, die denken, werden als elitär diffamiert,
kritische Journalisten als Verräter tituliert,
Anstand ist Schwäche, Korrektheit wird verlacht,
so gebärden sich heute die Spitzen der Macht.
Bei immer mehr Regierungen trifft man dies an,
nicht nur in der Türkei beim Erdogan.
Wir müssen zurück in andere Welten,
dorthin, wo Anstand und Respekt noch was gelten,
wo man Menschen nicht nach Unterhaltungswert misst,
wo Wahrhaftigkeit selbstverständlich ist.
Jesus sagt klar: ihr sollt nicht schwören!
Er will von uns auch keinen Treueeid hören!
Versucht nicht mit irgendwelchen magischen Zeichen
Eure Ehrlichkeit zu unterstreichen.
Bei ihm genügt es einfach wahrhaftig zu sein:
Ein Ja sei ein Ja, ein Nein ein Nein!
Nach solchem Politiker sehnt man sich heut,
der uns keinen Sand in die Augen streut,
der auch morgen noch zu den Worten steht,
mit denen er heute auf Stimmenfang geht.
Stattdessen hört man sie höhnisch lästern:
Was schert mich mein Geschwätz von gestern?
Wahrhaftigkeit wird da zur Naivität,
ein Narr ist, wer auf Vertrauen besteht.
Ein Ja wird zum Nein, ein Nein zum Ja,
das heisst: alles ist nur noch gleichgültiges Bla-Bla.
Manchmal seufze ich vor Enttäuschung und Frust:
welch ein Gift ist doch solch ein Vertrauensverlust.
6
Nun, genug davon! Wenden wir uns voller Respekt
zur Naturwissenschaft, denn die hat was entdeckt!
Ein Sonnensystem mit 7 Welten,
von denen mindestens 3 als bewohnbar gelten.
Die 3 Planeten sollen grad wie unsre Erde sein:
mit Wasser, Luft, Regen und Sonnenschein!
Die Entdeckung hat meine Fantasie angeregt,
und ich hab mir Folgendes überlegt:
wenn dort einer von alternativen Fakten schwätzt,
wird er einfach in ein Raumschiff gesetzt,
und kann sich dann auf einem andren Planeten
seine alternative Welt zusammen kneten.
Zudem ist die Welt dort recht bequem,
denn Umweltzerstörung ist gar kein Problem,
ist ein Planet unwiederbringlich hinüber,
dann siedeln sie einfach zum nächsten über.
Dieses Sonnensystem, es heisst Trappist,
kann sich glücklich schätzen, denn es ist
40 Lichtjahre entfernt von uns hinieden.
Das heisst: die haben dort weiterhin Frieden
vor uns und unseren Ambitionen,
auch ihre Welt kaputt zu bewohnen.
Es ist so gut wie ausgeschlossen,
dass je ein Mensch wird dorthin geschossen.
Und so bleiben wir, als hätte Gott es gelenkt,
weiterhin auf unsre schöne Erde beschränkt.
Und eine Moral hat diese Geschicht:
Erfreu dich an der Erde und zerstöre sie nicht!
Behandle deinen Planeten gut,
weils bei uns keinen zweiten geben tut!
7
Was gibt’s Neues im irdischen Jammertal?
Ach ja, da war doch der VW-Skandal.
Da haben doch völlig unbekannte Leute,
(Wie das wohl ging? Man fragt sich bis heute!),
alle Autos mit Software manipuliert,
und so ein sauberes Image kreiert.
Der Vorstand rief laut: man hat uns betrogen,
die Abgaswerte zurechtgebogen!
Denn gar nichts gewusst haben davon, oje,
die armen Bosse von VW!
Die haben, vor Trauer völlig gerührt,
erstmal ihre Boni nach oben korrigiert.
Vor lauter Bedauern hab ich geweint und gedacht:
Was haben diese Männer bloss durchgemacht?
Die haben dann auch verbittert geflucht
Und ratlos nach den Schuldigen gesucht.
Von dieser Geschicht lernt nun jedes Kind,
dass niemals die Bosse verantwortlich sind.
Sensibel sind die ja schon immer gewesen,
grad gestern war noch in der Zeitung zu lesen:
zwecks Imagepflege werden nicht mehr hohe Boni gezahlt,
dafür steigt bei denen einfach das Fixgehalt.
Das kennt man ja auch von andren Geschäften:
Muss da mal wer von den Spitzenkräften
die Firma aus guten Gründen verlassen,
dann füllt man ihm erst mal kräftig die Kassen,
damit er ja keine Geheimnisse verrät,
und mit seinem Wissen die Konkurrenz berät.
Er unterschrieb zwar die Stillschweige-Vereinbarung locker,
doch was gilt die schon bei einem Abzocker?
Seine Lippen bleiben erst dann verschlossen,
wenn er den goldenen Handschlag genossen.
Ihr sucht nun nach einem Gewissen in allen Ecken?
Ich glaube, bei denen spielt das dauernd Verstecken!
Und wenn Ihr denkt, die Geschichte hätte eine Moral,
dann irrt Ihr euch schon wieder mal!
8
Aber halt! Was Lustiges ist doch auch noch da!
Die Präsidentenfamilie in Amerika!
Beim Pressetermin vor Kamera und Mikrofon
trägt die Tochter zufällig ihre eigene Schmuckkollektion,
für die es auf dem gleichen Sender später dann
etwas Werbung gibt. Welch ein Zufall, Mann!
Auch die Beraterin des Präsidenten der USA
macht Werbung vor jeder Kamera.
Sie sagt den Leuten: Ihr müsst jetzt laufen
und ordentlich bei Trump einkaufen!
Früher hat so ein Präsident
Geschäft und Amt säuberlich getrennt.
Der heutige zeigt mit grossem Elan,
dass man beides vorzüglich verbinden kann!
"Das ist sicher nicht, Ihr habt meine Garantie,
der Ausverkauf der Demokratie",
sagt der Donald mit präsidialem Lachen,
"nein, das ist nur kreatives Geschäfte-Machen!"
In den USA herrscht also nun eine Dynastie.
Mein Gott, dann nennt es doch auch Monarchie!
Das würden wir in Europa nämlich alle verstehn,
denn Boulevard-Adels-Stories finden wir ja soooo schön!
Etwas wirklich Erfreuliches gibt es auch zu verbuchen:
Der Papst kommt uns hier in Rothrist besuchen!
Ich schwöre: auch wenn es zu schön ist, um wahr zu sein,
schon nächste Woche trifft er hier ein.
Unser Kardinal Koch hat das in die Wege geleitet,
weil er genau weiss, wieviel uns das bedeutet!
Schon wieder hab ich euch angelogen,
Ihr saht vielleicht, wie sich die Balken bogen.
Doch nein, gelogen hab ich gar nicht, Mann,
ich bot euch nur Fakten aus einem Paralleluniversum an!
9
Ihr seht: ich kann euch Märchen auftischen,
kann kunterbunt Lüge und Wahrheit vermischen,
kann listig euch jeden Bären aufbinden,
mich nachher aus jeder Verantwortung winden.
Das alles hat schlicht keine Bedeutsamkeit
in unserer heutigen postfaktischen Zeit.
Nun zum Schluss noch was Lustiges, ein wenig verrückt:
Aus der Borna hat mir jemand einen Witz geschickt!
Der wollte mir eine Freude machen,
ich hoffe, auch Ihr könnt drüber lachen:
Eine Frau geht zum Doktor und klagt ihm ihr Weh,
sie habe einen Fünfliber verschluckt und fände nun ständig Münz im WC.
Da hat der Doktor gemeint: das ist nicht schlimm, Gott bewahre,
das sind doch bloss die Wechseljahre!
Nun bin ich zum Schluss der Predigt gekommen,
ich hoffe, ihr habt etwas mitgenommen.
Feiert fröhlich die Fasnacht in Gottes Namen.
Und jetzt ist Schluss. Punkt. Aus und Amen.
P.S. (siehe unten)
10
Schon oft habe ich euch von unsrer Katze erzählt,
diesem Viechlein, das uns als Personal sich erwählt.
Sie hätte mich vor Jahren, eh ichs gedacht,
fast schon mal in den Knast gebracht.
Und oft schon hat sie sich unverhohlen,
einfach mein Kotelett vom Teller gestohlen.
All das hab ich getragen mit Heiterkeit:
Wär da bloss nicht ihre Unentschlossenheit!
Willst du raus oder rein, frag ich unumwunden:
Die Katze steht stumm und überlegt ein paar Stunden!
Kaum hat sie einen Fuss vor die Türe gesetzt,
sieht sie, dass es regnet, und flieht entsetzt!
Mal sitzt sie draussen, miaut, sie will rein,
doch dann will sie lieber draussen bei ihren Kumpels sein.
Dann tritt sie stundenlang auf der Stelle,
ein Hin und Her auf der Haustürschwelle.
Ach ja, es ist ein furchtbares Leid:
Diese Katzen-Unentschlossenheit.
Einmal dachte ich: jetzt bist du besonders schlau!
Sag zur Katze: komm mal her, miau!
Heut gehn wir gemeinsam aus dem Haus!
Und, oh Wunder, ganz brav geht sie mit mir raus.
Doch schon fängt das Viech wieder an zu spinnen,
huscht zur Türe rein und ist wieder drinnen.
Die Türe schlägt zu. Ich merk unterdessen:
Mein Gott, ich hab meinen Schlüssel vergessen!
Ich steh ohne Schlüssel vor unserem Haus:
Die Katze schaut fröhlich zum Fenster raus.