Pferderevue 2_15 Reiten mit Handicap - PFH-SEH

Para Equestrian Sport
Reiten mit
Handicap
A
nders als in den Para-DressurHochburgen Großbritannien,
Skandinavien oder Deutschland
ist die junge Sportart für ReiterInnen mit Handicap in Österreich erst seit
wenigen Jahren auf dem Vormarsch.
Grund dafür, dass sie überhaupt überdurchschnittliche Bekanntheit erlangte,
waren die großen Erfolge des ehemaligen
Vielseitigkeitsreiters Pepo Puch, der nach
einem Unfall lernen musste, mit einer
Querschnittlähmung zu leben. Puch holte
2014 bei den Weltreiterspielen, bei denen
er gemeinsam mit Dr. Jutta Rus-Machan,
Bernd Brugger und Michael Martin Knauder am Start war, nach Gold 2012 bei den
Paralympics in London erneut Medaillen
und hat damit den Para-Dressursport einen
bedeutenden Sprung nach vorne gebracht.
Wie schwer es allerdings nach wie vor ist,
in Österreich als Mensch mit Handicap aufs
Pferd zu kommen, konnte mit Hilfe von
fünf Para-ReitsportlerInnen analysiert werden. Rede und Antwort standen Olympiasieger Pepo Puch (48), Thomas Haller (49),
Julia Sciancalepore (18), Bernd Brugger
(34) sowie Michael Martin Knauder (36).
Von der Therapie zum Sport „Nicht gegen den Fehler, sondern für das Fehlende“
(Paul Moor) heißt es in einem Zitat auf
der Homepage von Sabine Fechter, die in
Bayern Reittherapie anbietet: „Es ist uns
sehr wichtig, die Menschen nicht nach ihren Defiziten einzuordnen und nicht nach
einem fest umrissenen Zielkatalog zu therapieren. Vielmehr legen wir Wert darauf,
die gesunden Bereiche (physisch und psychisch) wahrzunehmen, sie anzuerkennen
und die Menschen ganzheitlich zu fördern.
Denjenigen, die zu uns kommen, möchten
wir einen Orientierungsrahmen bieten:
Klare Regeln, gleichbleibende Bezugspersonen und bekannte, den Menschen
zugewandte Pferde sollen Sicherheit und
Verlässlichkeit vermitteln. Eine ruhige Atmosphäre ist uns wichtig.“
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Der Nutzen der Reittherapie ist ein vielfacher, so kann der Kontakt zum Pferd viel
Positives bewirken wie die Kräftigung der
Muskulatur, die Stimulierung des Gleichgewichts, die Unterstützung der Oberkörperaufrichtung und der Rumpfkontrolle,
die Förderung der Koordination, der Feinund Grobmotorik, der Sprachentwicklung
und die Steigerung der Konzentrations-,
Handlungs- und Wahrnehmungsfähigkeit, aber natürlich auch die Stärkung des
Selbstwertgefühls bei kleinen und großen
Reitern.
Auch die junge österreichische ParaDressurreiterin Julia Sciancalepore, die seit
ihrer Geburt an einer Cerebralparese mit
Ataxie leidet, kam über die Reittherapie
aufs Pferd. „Mein Interesse am Reitsport
ist schon sehr früh geweckt worden, da
ich bereits im Alter von drei Jahren durch
die Hippotherapie auf den Pferderücken
gekommen war. Als ich mit sechs Jahren
mit dem Voltigieren begonnen habe, habe
ich mir die Wartezeit mit Zusehen vertrieben und wie die meisten kleinen Mädchen
davon geträumt, mit einem eigenen Pferd
über weite Felder zu galoppieren. Als ich
dann acht wurde, versuchte meine damalige Therapeutin, mir auf den braven Norikern das Reiten beizubringen. Zwar ging es
im Schritt nicht schlecht, allerdings tat ich
mir im Trab mit und ohne Sattel schwer,
und die Termine wurden immer seltener.
Mit elf landete ich in einem kleinen Dressurstall, wo man es sich zutraute, mir das
Reiten beizubringen. Ich kam immer besser
mit dem Sattel zurecht und lernte zu traben
und zu galoppieren, sodass ich die Dressurprüfung für den Reiterpass ablegen konnte.
2011 wurde meine damalige Trainerin auf
einen Bewerb für beeinträchtigte ReiterInnen aufmerksam – und so nahm meine
Karriere im Para-Dressursport ihren Lauf.“
Therapeutisches Reiten in Österreich
Die therapeutische Arbeit mit dem Pferd
hat in Österreich eine lange Tradition, Pio-
Foto: Tomas Holcbecher
Reiten und Voltigieren als Therapie wird in Österreich seit rund ­
40 Jahren erfolgreich eingesetzt – der kompetitive Para-Pferdesport
zeitigt zwar durchaus beachtliche Erfolge, ist aber noch ausbaufähig.
Österreichs erfolgreichster Para-Reiter Pepo Puch
trägt viel dazu bei, diesen Sport bekannter zu machen.
nierinnen waren u. a. Emmy Tauffkirchen
und Gundula Hauser (www.pferde-helfenmenschen.at).
Seit dem Jahr 1977 werden die vier
Sparten des therapeutischen Reitens – die
Hippotherapie, das Heilpädagogische Voltigieren/Reiten, das Behindertenreiten und
die Ergotherapie mit Pferd – durch das Österreichische Kuratorium für Therapeutisches Reiten (OKTR, www.oktr.at) betreut
und entwickelt.
Österreichweit gibt es heute gute Angebote der Reittherapie, eine wichtige
Anlaufstelle in Niederösterreich ist zum
Beispiel das Reit- und Therapiezentrum
Kottingbrunn, das 1991 gegründet wurde. Daneben sei der Verein Happiness in
Strasshof genannt, der sich dem Heilpädagogischen Voltigieren/Reiten und der Therapeutenausbildung verschrieben hat. Der
Verein Pegasus in der Nähe von Horn ist
Anlaufstelle für Ergotherapie zu Pferd. In
Para Equestrian Sport
Oberösterreich blickt das Integrative Reitzentrum St. Isidor in Leonding, gegründet
1995, auf eine lange Tradition zurück (die
Ansprechpartnerinnen der einzelnen Sektionen des Therapeutischen Reitens finden
Sie auf Seite 60).
„In allen Bundesländern gibt es Landesreferenten der Pferdesportverbände,
die Auskünfte über Ausbildungsmöglichkeiten in den vier Sparten des Therapeutischen Reitens geben sowie Kontakte zu
TherapeutInnen mit Spezialausbildung in
diesen Sparten vermitteln“, erklärt Gabriele Orac, Referentin für Therapeutisches
Reiten des Niederösterreichischen Pferdesportverbandes und Sektionsleiterin für
Behindertenreiten im OKTR sowie erfolgreiche Betreiberin des Reit- und Therapiezentrums Kottingbrunn, wo auch Thomas
Haller zehn Jahre lang trainierte. Im Jahr
2000 war er in Sydney der erste Österreicher, der bei Paralympics an den Start ging.
Leider ist die Finanzierung einer Reittherapie – oder gar von sportlichen Ambitionen – immer wieder schwierig: „Die
finanzielle Unterstützung von ReiterInnen mit Handicap ist immer ein sensibles
Thema. Hippotherapie und Ergotherapie
mit Pferd werden von der Gebietskrankenkasse regional in unterschiedlicher Höhe
gestützt. Das Heilpädagogische Voltigieren/Reiten wird zumeist vom Land bezuschusst. Leider ist dies aber nicht mehr
in allen Bundesländern der Fall. Behindertenreiten wird als Sport bzw. Freizeitvergnügen eingestuft, dafür gibt es keine
offiziellen Förderungsstellen“, beschreibt
Gabriele Orac den Istzustand.
Sportlicher Ehrgeiz erwacht An wen
kann man sich wenden, wenn man es nicht
bei Reittherapie und Freizeitreiten belassen
möchte, sondern auch sportlichen Ehrgeiz
entwickelt? Julia Sciancalepore hat einige
Ratschläge für junge Nachwuchsreiter parat: „Ich würde raten, einen dressurerfahrenen Trainer zu suchen, am besten mit etwas
Erfahrung mit Beeinträchtigten – was zugegebenermaßen sehr schwer zu finden ist. Erfahrene, kompetente Dressurtrainer wissen,
wie das Reiten an sich funktioniert und wie
ihre Pferde ticken, der Rest ist im Prinzip
kreatives und experimentelles Ausarbeiten
von Reiterhilfen und -können. Ein anderer
Weg ist der Kontakt mit bereits in den Sport
integrierten Para-Dressurreitern. Die meisten freuen sich, wenn ein neuer Mitstreiter
in Aussicht ist und kennen viele Ansprechpartner, die einem weiterhelfen können.“
Immer eine große Hilfe ist auch das
OKTR – dank der Geschäftsführenden
Präsidentin Dr. Eva-Maria BachingerScholda eine stets bemühte Anlaufstelle
für Menschen mit Behinderung, die sich
dem Reitsport verschreiben möchten. Bachinger nimmt ihre Aufgabe mit großer
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Foto: Angelika Schmelzer
Para Equestrian Sport
Der Nutzen der Reittherapie ist
ein vielfacher: Die Muskulatur
wird gekräftigt, das Gleichgewicht geschult, die Koordination
gefördert – und der Seele tut
der Kontakt zum Pferd auch gut.
Passion wahr. Sie ist neben ihren Verbandsaufgaben
internationale Fünf-Sterne-Richterin der Para-Dressur (unter anderem auch bei den Weltreiterspielen
2014) – und von jedem einzelnen Event, das sie richten darf, begeistert: „Ich freue mich stets sehr mit
den Para-Reitern, ihre Begeisterung für ihren Sport
ist etwas ganz Besonderes. Das ist einmalig!“
Dressurreiten für ReiterInnen mit Behinderungen
ist bereits seit Atlanta 1996 eine paralympische Disziplin. Bis zu den Paralympics in Sydney im Jahr
2000 wurde ausschließlich auf zugelosten Fremdpferden des Gastgeberlandes gestartet, seit Athen
2004 bestreiten die ReiterInnen die Bewerbe auf
ihren eigenen Pferden.
2006 wurde der Para Equestrian Sport von der Internationalen Reiterlichen Vereinigung (FEI) offiziell als achte Disziplin aufgenommen und ist damit
gleichberechtigt mit allen anderen Pferdesportdisziplinen. 2010 wurde in Lexington/Kentucky (USA)
zum ersten Mal eine gemeinsame Weltmeisterschaft
aller acht Disziplinen ausgerichtet. Damit ist der
Pferdesport für sämtliche Sportarten Vordenker und
Vorreiter für die Integration des Behindertensports.
Vorreiter Thomas Haller Als Para-Dressur-Nation wurde Österreich zum ersten Mal durch Thomas Haller bei den Paralympics in Sydney wahrgenommen. In seinen reitsportlichen Ambitionen
wurde er von Gabriele Orac und Dr. Eva-Maria Bachinger gefördert. Seit seiner Geburt muss Haller
mit einer spastischen Diplegie leben, gehen kann er
nur mit Krücken. Von frühester Kindheit an strebte
Haller mit großer Willensstärke und Ehrgeiz ein unabhängiges Leben an, heute ist er ein erfolgreicher
Taxi- und Mietwagen-Unternehmer – wobei er sich
gegen den Widerstand zahlreicher Behörden durchsetzen musste. Sein Unternehmen erlaubt es ihm
heute, finanziell auf eigenen Beinen zu stehen. „Da
bin ich besser dran als viele andere Reiter. Nur dank
meines Unternehmens kann ich mir die Freiheit erlauben, meinen Sport zu betreiben.“
Nach seiner olympischen Premiere in Sydney,
wo er Platz 4 erreichte, war Haller bis 2013 bei
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sämtlichen Championaten für Österreich am Start
– oftmals als einziger Vertreter Österreichs. An den
Weltreiterspielen 2014 nahm Haller jedoch nicht
teil: „Österreich ist mittlerweile in der glücklichen
Lage, einige Para-Dressurreiter auf internationalem
Niveau zu haben, die vorne mitmischen können. Wir
haben nun endlich eine Mannschaft – die in der Normandie Platz 6 erreicht hat. Über diese Entwicklung
bin ich froh und auch ein wenig stolz, bei der Grundsteinlegung in Sydney dabei gewesen zu sein.“
Bei zukünftigen Championaten fasst Haller wieder einen Start ins Auge: „Rio 2016 ist natürlich im
Hinterkopf. Doch ich weiß, dass es ein harter Weg
ist – und dass er nur sinnvoll ist, wenn wir wirklich
ganz vorne mit dabei sein können. Für alles andere
wäre die Reise zu weit.“
Para-reiter nach einem Unfall Mittlerweile
hat Österreich einige ReiterInnen, die in der ParaDressur konkurrenzfähig sind. Manche von ihnen
kamen durch einen Unfall zu ihrer heutigen Reitsportdisziplin. Der herausragende Name unter ihnen
ist sicherlich Paralympicsieger Pepo Puch, der seit
einem Unfall durch ein technisches Gebrechen seiner Sturzweste inkomplett querschnittgelähmt ist.
„Ich bin sehr, sehr glücklich, dass ich in Österreich
so viel dazu beitragen konnte, dass das Para-Reiten
populärer wurde. Wir wissen alle, dass wir noch einen langen Weg vor uns haben. Aber ich bemerke
doch, dass immer mehr junge Leute den Mut haben,
in unseren Sport einzusteigen.“ Besonders wichtig
ist Puch, „dass Berührungsängste abgebaut werden.
Leider trauen sich nach wie vor viel zu wenige Reiter
den Schritt in den Para-Sport zu. In Großbritannien
gibt es da beispielsweise eine viel geringere Hemmschwelle. Besonders Reiter des Grade IV mit einer
sehr leichten Behinderung sind in Österreich lieber
bei normalen Turnieren am Start, anstatt sich im Para-Sport einstufen zu lassen.“ Er gibt zu, dass auch
ihm der Schritt in Richtung Para nicht leicht fiel: „Für
mich war es nach meinem Unfall natürlich nicht einfach. Aber ich hatte meinen Stall und die Pferde – und
es kam nicht in Frage, nicht mehr weiterzumachen.“
Bernd Brugger berichtet: „Ich arbeite seit Jahren als Berufsreiter, vor meinem Unfall bin ich im
Dressursport bis zur Klasse S gestartet – und darum
war für mich eigentlich klar, dass ich gerne auch mit
meinem Handicap im Sport tätig bleiben möchte.
Ich zog mir bei einem schweren Reitunfall 2012 eine
Berstungsfraktur des sechsten Halswirbels zu und
bin seither von da abwärts inkomplett querschnittgelähmt. In meinem Alltag bin ich weitestgehend
selbstständig und kann eigentlich alles machen, auch
wenn ich für manches vielleicht länger brauche und
mir vieles schwerer fällt als einem gesunden Menschen.“ Ähnlich erging es Paralympicsieger Pepo
Puch, der vielen noch in Erinnerung sein dürfte,
wie er einst über die Geländehindernisse einer Vielseitigkeitsstrecke sauste. Er war nach einem Streit
mit dem österreichischen Verband bei den Olympischen Spielen 2004 und mehreren Europameisterschaften für Kroatien angetreten, bevor er sich bei
Para Equestrian Sport
Foto: Angelika Schmelzer
Para Equestrian Sport
Oberösterreichische
HengstscHau
fOtO: slaWik
sonntag, 1. März, 13 uhr
Pferdezentrum stadl-Paura
Veranstaltungshalle
Hengste aller von uns
betreuten Rassen – an der
Hand und unter dem sattel
Foto: Gabriele Orac
Der Einstieg in den Para-Reitsport erfolgt in der Regel über die Reittherapie, seine Finanzierung ist nicht einfach.
fOtO: Dill
taiga Vulkan XV
einem Sturz 2008 in Schenefeld schwer
verletzte und seitdem inkomplett querschnittgelähmt ist.
Die Geschichte von Michael Martin
Knauder ist etwas anders. Er litt seit
seiner Geburt an einer Behinderung,
die sich jedoch aufgrund eines Unfalls
verschlimmerte. Erst zu diesem Zeitpunkt kam er mit Pferden in Kontakt:
„Ich habe von Geburt an eine halbseitige Lähmung sowie seit einem Autounfall 1997 eine inkomplette Querschnittlähmung. Seitdem sitze ich im
Rollstuhl. Ich kam im Zuge der Rehabilitation mit der Hippotherapie in
Kontakt. Nach sehr langer Suche lernte ich den Westernreiter Phillip Lelja
kennen, der mich reiten ließ und mich
trainierte. Leider gibt es im Westernreiten noch keine Para-Bewerbe, weshalb
ich im Frühjahr 2011 zum Dressursport
wechselte und seither diesem Sport in
der Reitschule Sara und Georg Wahl in
Wernberg (Kärnten) nachgehe.“
Wer im Para-Sport erfolgreich auf
Turnieren unterwegs sein möchte,
muss sich hierzulande der Dressur oder
dem Fahren verschreiben. Es wäre
wünschenswert, dass sich hier weltweit
mehr Möglichkeiten auch für andere Disziplinen wie Western, Springen
oder Voltigieren ergeben. Gabriele
Orac betont, dass es im Westernreiten noch eine wenig wahrgenommene
Möglichkeit gibt: „Wir bieten bereits
die Ausbildung zum Lehrwart für Behindertenreiten Western an, was aber
von den Westernreitern bis dato leider
nicht angenommen wurde. Wir hoffen,
dass sich einige Ausbildungswillige
melden. 2015 wird von Sabine Schmidhammer ein solcher Lehrgang angeboten. Es lohnt sich, auch in dieser Sparte
einen Beginn zu wagen.“
Gemütliches Österreich Während
andere Länder den Para-Dressursport
stark vorantreiben, tritt Österreich nach
contez
fOtO: aleXia kHRuscHeVa
Menschen mit Beeinträchtigung brauchen meist besondere Hilfsmittel wie Aufstiegsrampen oder einen Kran,
die häufig nur in spezialisierten Reitställen wie dem Reit- und Therapiezentrum Kottingbrunn gegeben sind.
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Fotos: Tomas Hlocbecher
Para Equestrian Sport
Österreichische Para(de)ReiterInnen: Thomas Haller,
Vorreiter bei den Paralympics
im Jahr 2000 in Sydney (oben),
Bernd Brugger (oben rechts) und
Dr. Jutta Rus-Machan (unten
rechts), Team­mitglieder
bei den WEG 2014
60
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wie vor auf der Stelle. In Großbritannien, der führenden Para-Nation, werden die Reiter durch die
landesweite Lotterie unterstützt. Aus diesem Grund
können für die Reiter dort auch erstklassige, teils bis
zum Grand Prix ausgebildete Dressurpferde erworben werden. In Deutschland bekommen vor allem
die Para-Reiter aus Rheinland-Pfalz (dort leben und
reiten die drei besten Sportlerinnen Hannelore Brenner, Dr. Angelika Trabert und Britta Näpel) Unterstützung durch „Lotto Rheinland-Pfalz“ und haben
dadurch ein nicht zu unterschätzendes finanzielles
Polster.
In Österreich sieht die Situation weniger rosig
aus – und das, obwohl das Land bereits 1991 mit
Elisabeth Maxwald eine Weltmeisterin im Blindenreiten stellen konnte. Thomas Haller betont, dass es
schon von vornherein schwierig ist, ein für den ParaDressursport geeignetes Pferd zu finden. „Vor allem
sein Interieur muss passen. Und wenn man solch ein
Pferd endlich findet, wäre es natürlich schön, wenn
man es finanziert bekäme.“
„Ein großer Schritt für Österreich ist ja schon mal,
dass es diese Disziplin überhaupt gibt“, beschreibt
Julia Sciancalepore ihre Eindrücke. „Im Vergleich
zu anderen Ländern, in denen diese Disziplin wirklich ernsthaft betrieben wird, ist Österreich gemütlich – jetzt gibt es noch etwa vier richtig gute Reiter,
aber was danach kommt, scheint nicht thematisiert
zu werden. In Österreich steckt der Para-Dressursport in den Kinderschuhen, seit der ersten Meisterschaft 2011 sind bis jetzt drei weitere Turniere
und jährlich eine Meisterschaft ausgetragen worden,
wobei das größte Starterfeld aus sechs Reitern bestand. Von Meisterschaften wie in Deutschland, wo
oftmals 20 bis 30 Starter unterwegs sind, können wir
nur träumen.“
Bernd Brugger setzt die Situation des Para-Sports
in Österreich allerdings in Relation mit der insgesamt geringeren Anzahl der Reiter hierzulande: „Österreich ist ein recht kleines Land, und der Reitsport
hat hier ohnehin nicht den allergrößten Stellenwert,
deshalb ist es auch relativ schwierig, Reiter mit Handicap zu finden bzw. behinderte Menschen für das
Reiten zu gewinnen.“ Aber Brugger blickt positiv in
die Zukunft der österreichischen Para-Reiter: „Ich
habe den Eindruck, dass immer mehr behinderte und
nicht behinderte Menschen ein echtes Interesse an
unserem Sport entwickeln. Wir haben ja auch mit
unserer Referentin Dr. Eva-Maria Bachinger eine
international sehr engagierte und angesehene Richterin, die uns optimal unterstützt und berät. Auch
im internationalen Vergleich habe ich den Eindruck,
dass wir gerade eine positive Entwicklung durchmachen. Bei den Weltreiterspielen in der Normandie konnten wir mit der Mannschaft einen 6. Platz
erringen, was, wie ich denke, gut zeigt, dass der
österreichische Para-Sport durchaus international
konkurrenzfähig ist und sich in den nächsten Jahren
noch weiter entwickeln kann!“
Einen großen Sprung nach vorne gab es dank
Pepo Puch: „Da wuchs das mediale Interesse deutlich – ein internationalen Erfolg ist letztendlich im-
Para Equestrian Sport
mer die beste Werbung für eine Sportart“,
so Brugger. „Das brachte auch einige neue
Kontakte für uns alle. Unterstützung ist da,
und ich habe das Gefühl, dass das Interesse an Förderung gerade größer wird, was
wieder mit Pepo Puch zu tun hat, der die
nötigen Kontakte hat, um immer wieder
Förderwillige ins Gespräch zu bringen.“
„So schlecht steht Österreich bei den
Paras gar nicht da“, betont Pepo Puch.
„Schauen Sie sich nur mal unsere geringe
Bevölkerungszahl an – da ist es klar, dass
wir auch weniger Reiter haben. Ein Land
wie Großbritannien ist uns zwar deutlich
voraus, doch in Deutschland ist die Situation, gemessen an der Bevölkerungszahl,
gar nicht so viel anders. Offene Baustellen gibt es leider weltweit noch genug.“
Eine der Baustellen ist zum Beispiel die
mangelnde Kommunikation mit Fördereinrichtungen und Rehazentren. „So viele
Menschen mit Handicap wissen gar nicht,
dass es den Sport überhaupt gibt. Wichtig
wäre vor allem mehr Öffentlichkeitsarbeit
für Menschen mit Handicap und mehr mediale Berichterstattung. Außerdem sollten
mehr Turniere mit öffentlicher Wirkung
ausgetragen werden, denn seit ich dem
Kontaktadressen
Österreichisches Kuratorium für Therapeutisches Reiten: www.oktr.at
Sektionsleitung Hippotherapie:
Elke Molnar-Mignon, St. Veiter Anger 30, 8046 Graz, Tel.: 0676 3360385, [email protected]
Stellvertreterin: Thesy Feichtinger-Zrost, Elsenheimstraße 20, 5020 Salzburg, Tel.: 0676 4037073, [email protected] Sektionsleitung Heilpädagogisches Voltigieren/Reiten:
Andrea Bossler, Koktagasse 38, 2231 Strasshof, Tel.: 0664 1336013, [email protected]
Stellvertreterin: Susanne Müller, [email protected]
Sektionsleitung Behindertenreiten:
Gabriele Orac, Reit- und Therapiezentrum, Maria-Theresien-Straße 8, 2542 Kottingbrunn,
Tel.: 02252 70641, [email protected], www.reiten-und-therapie.at
Stellvertreter: Bernhard Rauch, [email protected]
Behindertenreiten Western: Sabine Schmidhammer, Tel.: 0664 2757002, [email protected]
Sektionsleitung Ergotherapie mit Pferd: Katja Aichholzer, [email protected]
Stellvertreterin: Theres Rantner-Payer, [email protected]
Sport nachgehe, gab es in Österreich insgesamt erst rund zehn Turniere“, betont
Michael Knauder. „Leider gibt es auch nur
sehr wenige Reitställe und Trainer, die uns
trainieren und auf Turniere vorbereiten. In
Österreich wird der Sport zur Gänze als
Hobby betrieben und ist daher vom Reiter
selbst zu finanzieren – nicht so wie in anderen Ländern, wo Ausrüstung und Pferde
gestellt werden. Auch ich muss mir alles
selbst finanzieren, allerdings stellt mir Familie Fries mein Pferd Contessa leihweise zur Verfügung, wofür ich sehr dankbar
bin.“
Auch wenn die Probleme mit der Wahrnehmung in der Öffentlichkeit in Österreich ungleich gravierender sind, gibt es
diese beispielsweise ebenso im augenscheinlichen „Para-dies“ Deutschland.
Über die Medaillen bei den Weltreiterspie-
pferderevue 2 | 2015
61
Fotos: Petra Kerschbaum (2), Tomas Holcbecher
Para Equestrian Sport
Julia Sciancalepore, hoffnungsvolle Nachwuchsreiterin im
Para-Dressursport (oben),
Michael Martin Knauder,
Teammitglied bei den WEG 2014
(unten); Para-Staatsmeisterschaften 2014: Pepo Puch,
Bernd Brugger, Julia Scianca­
lepore (v. li. n. re. stehend) und
Michael Martin Knauder
len (einmal Gold, zweimal Silber, einmal Bronze)
wurde im Fernsehen nicht eine Sekunde lang berichtet. Selbst im WM-Rückblick wurde die Goldmedaille von Hannelore Brenner totgeschwiegen.
Begründung dafür gab es auf Nachfrage keine. Und
bei den Europameisterschaften in Aachen 2015 dürfen die Para-Reiter – anders als in Herning 2013 –
nicht dabei sein. Integration sieht anders aus – Abhilfe schafft nur ein mutiges Voranreiten Richtung
Öffentlichkeit.
Integration durch gemeinsame Turniere Der
Grundstein zur Integration kann mit etwas Mut ohne
übergroßen Mehraufwand gelegt werden. „Voraussetzung für die Planung eines integrativen Turniers
ist eine möglichst barrierefreie Reitanlage. Das
Turnier beziehungsweise die Ausschreibung sollte
bewusst bei den Reitern mit Handicap beziehungsweise ihren Trainern bekannt gemacht werden, um
auch potenzielle Reiter mit Handicap gewinnen zu
können. Selbstverständlich muss klar sein, welches
Handicap die jeweiligen Reiter haben – auch damit
im Ernstfall schnelle Hilfe möglich ist. Bei integrativen Turnieren ist eine Grade-Klassifizierung noch
nicht notwendig, was deutlich mehr Reitern eine
Startmöglichkeit verschaffen kann“, so die bayerische Para-Reiterin und Studentin Anja Metzdorf, die
sich intensiv mit der Problematik Integration von
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pferderevue 2 | 2015
Reitern mit Handicap im Regelsport auseinandersetzt. „Viele Para-Reiter haben kein eigenes Pferd,
weshalb geeignete Leihpferde sehr willkommen
sind. Optimal ist es, wenn spätestens am Vortrag des
Turniers die in Frage kommenden Pferde von den
Reitern mit Handicap probegeritten werden können,
um sich in Ruhe abzustimmen.“
Metzdorf beschreibt die Atmosphäre bei integrativen Turnieren als etwas ganz Besonderes: „Das
ist meiner Meinung nach der Anfang wirklicher Inklusion, die von beiden Seiten mitgestaltet wird. Es
wird auch immer gemeinsam platziert, denn man ist
ja auch die Prüfung gemeinsam geritten. Eine Trennung in der Platzierung in Reiter mit und ohne Handicap ist von allen absolut unerwünscht.“
Grundsätzlich können Reiter mit Handicap in
Österreich in allen Wettkämpfen starten, wenn sie
die dafür geltenden Voraussetzungen erfüllen. Falls
kompensatorische Hilfsmittel benötigt werden,
muss beim OEPS zusätzlich zur Lizenz/Startkarte
eine Para-Equestrian-Karte beantragt werden, für
die man sich in einen der vier Grade laut FEI Classification Manual (siehe Seite 63) einstufen lassen
muss und auf der die benötigten Hilfsmittel vermerkt
sind. Dasselbe gilt für Sonderprüfungen und Lizenzprüfungen. Auch Thomas Haller bestreitet Wettbewerbe im Regelsport. „Dort wird auch der eine oder
andere Reiter einmal von Sponsoren gesehen …“
Para Equestrian Sport
Julia Sciancalepore plädiert ebenfalls für mehr
Wahrnehmbarkeit: „Wichtig wäre auch, die Turniere besser über Österreich zu verteilen, weil die
Anfahrtsstrecken für ein Schnupperturnier doch sehr
weit sein können, was wieder eine Hemmschwelle
für Interessierte ist. Man merkt aber auf den Turnieren auch, dass Leute aus dem Dressurlager sich die
Zeit nehmen, um bei den Para-Bewerben zuzuschauen, was auch eine gewisse Neugierde widerspiegelt.
Ein Sport muss ,anfassbar‘ sein. Im Stall meiner
Trainer, der Reitschule Wahl in Wernberg, wird der
Para-Dressursport beim Tag der offenen Tür gleich
zweimal vorgestellt: einmal von WM-Teilnehmer
Michael Martin Knauder und einmal von mir. Die
Besucher sehen so, dass beeinträchtigte Menschen
genauso ein gutes Team mit einem Pferd bilden können wie Menschen ohne Beeinträchtigung.“
Das Schlusswort soll Michael Martin Knauder
gehören: „Junge Menschen mit Handicap sollten,
wenn sie es möchten, den Sport unbedingt ausüben, sich nicht unterkriegen und von Rückschlägen
nicht entmutigen lassen, die gibt es nämlich in allen
Sportarten – für Menschen mit und ohne Handicap.
Pferde nehmen Menschen an, so wie sie sind, ohne
Vorurteile. Ich habe, seit ich reite, nur positive Erfahrungen gemacht. Wenn man Pferde respektiert
und gut behandelt, so geben sie Respekt und Liebe
Alexandra Koch
vervielfacht zurück!“
Klassifikation im Para Equestrian Sport
Die Reiter werden in fünf Grade, je nach Grad der Behinderung, eingeteilt: von Grad Ia und Grad Ib
= schwerstbehindert bis Grade IV = leicht behindert. Das Leistungsniveau entspricht den Klassen
E bis M/S, in Grade IV wird in der Kür auf Prix-St.-Georges-Niveau geritten.
In den Graden Ia und Ib starten die am schwersten behinderten ReiterInnen. Die AthletInnen
sind hauptsächlich Rollstuhlbenutzer, entweder mit geringer Rumpfbalance oder mit begrenzten Arm- und Beinfunktionen. AthletInnen mit fehlender Rumpfbalance, aber guten Armfunktionen sind auch in dieser Klasse startberechtigt. Geritten werden Prüfungen mit Schritt- und wahlweise Trabsequenzen.
Im Grade II starten meist RollstuhlbenutzerInnen mit starken Einschränkungen der Beinfunktionen und/oder der Rumpfbalance, aber mit guten bis leicht behinderten Armfunktionen. Athlet­
Innen ohne Bewegungsfunktionen eines Armes und eines Beines sind auch in dieser Klasse startberechtigt. Die Prüfungen bestehen aus Schritt- und Trabsequenzen und wahlweise in der Kür mit
bestimmten Galopplektionen.
Grade III ist die am stärksten vertretene Wettkampfklasse. Die AthletInnen können in der Regel
ohne Unterstützung gehen. Sie haben Behinderungen entweder an einem Arm und einem Bein,
mäßige Behinderungen in beiden Armen und beiden Beinen oder schwere Behinderungen der
Arme. AthletInnen, die als B1 (blind) klassifiziert sind, können auch in dieser Klasse starten, ebenso
solche, die einseitig hoch beinamputiert sind. Die Prüfungen bestehen aus Schritt-, Trab- und Galoppsequenzen. Die Anforderungen sind vergleichbar den Klassen A bis L im Regelsport.
Grad-IV-ReiterInnen müssen Aufgaben vergleichbar mit der Dressur der Klassen L bis M im Regelsport auf „Normalturnieren“ absolvieren. Die AthletInnen haben Behinderungen nur in einer oder
zwei Gliedmaßen oder Einschränkungen der Sehfähigkeit. Die Prüfungen bestehen aus Schritt-,
Trab- und Galoppsequenzen, wobei die Kür annähernd alle vorstellbaren Dressurlektionen enthalQuelle: www.oeps.at
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