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Basel.Land.
| Samstag, 5. November 2016 | Seite 32
Jetzt auch Kritik von links
Spindler neuer
Präsident am
Strafgericht
Juso lehnen Energiegesetz-Revision ab, SP-Präsident Koller kritisiert Pegoraro
Von Thomas Dähler
Liestal. Die Front der Energiesteuer-
Befürworter bröckelt. Jetzt kommt die
Kritik an der Einführung einer kantonalen Energiesteuer von fünf Rappen pro
Liter Erdöl auch von links. Die Baselbieter Juso lehnen die Änderung des Energiegesetzes ab. Juso-Co-Präsident Joël
Bühler gestern: «Damit wird dem Wirtschaftskammer-Filz erneut Geld in die
Taschen gespült.» Und SP-Präsident
Adil Koller fordert Bau- und Umweltschutzdirektorin Sabine Pegoraro auf,
sich von der Wirtschaftskammer zu distanzieren, wie gestern in der Basellandschaftlichen Zeitung zu lesen war.
Die Juso fassten die Nein-Parole zum
neuen Paragrafen 35a im Energiegesetz
bereits im September. Gestern erachteten es die Jungsozialisten jedoch für
nötig, die Parole bei den Medien zu verbreiten. Die Juso sind zwar nicht grundsätzlich gegen eine Energiesteuer, lehnen aber deren Ausgestaltung ab. Deshalb sagen sie zwar Ja zur Verankerung
in der Verfassung, wollen aber mit
einem Nein zum Gesetzesparagrafen
dessen Einführung in der vorgeschlagenen Form blockieren. Das Gesetz sei
in dieser Form «inakzeptabel», schreiben sie in der Medienmitteilung. Es sei
«absolut unsensibel», die Wirtschaftskammer «als Teil des rechten Politfilzes»
an den Fördermitteln zu beteiligen.
SP-Präsident Adil Koller hat zwar
Verständnis für die Parole der Juso,
bleibt aber beim doppelten Ja der Sozialdemokraten. Aber: «Regierungsrätin
Sabine Pegoraro sollte klarstellen, dass
das Mandat nicht direkt an die Wirtschaftskammer geht; die Bevölkerung
Geht auf Distanz. Adil Koller wehrt
sich gegen den Politfilz.
Steht unter Druck. Sabine Pegoraro
soll für Transparenz sorgen.
kann hier eine transparente Haltung
verlangen.» Zwar sind sich alle Parteien
einig, dass für die Fördermassnahmen
das Handling der Gesuche und Auszahlungen neu ausgeschrieben werden
soll. Doch in einem in der Zeitungsbeilage des Baselbieter Energiepakets publizierten Interview, das von Exponenten
der Wirtschaftskammer geführt wurde,
lässt Pegoraro keine Zweifel aufkommen, dass es um die Weiterführung der
heutigen Praxis geht. Das Energiepaket
wurde bisher von der Wirtschaftskammer Baselland verwaltet.
«Das sieht für die Stimmbevölkerung nach Politfilz aus», erklärte SP-Präsident Koller gestern der BaZ, «das
schadet der Energieabgabe». Das Ener-
giepaket sei zwar eine sinnvolle Sache
gewesen, doch dies dürfe kein Präjudiz
für die Zukunft sein. Die künftige Verwaltung der Mittel, neu in dreifacher
Höhe, müsse offen angegangen werden.
Er erwarte, dass sich auch Energiespezialisten für den Auftrag bewerben.
SP kam zu anderem Schluss
Dass die Juso nun aus der Befürworter-Phalanx ausscheren, empört SP-Präsident Koller nicht. Er könne deren
Argumente verstehen. «Wir haben dies
bei der SP auch abgewogen», meint Koller, «doch wir sind zu einem anderen
Schluss gekommen, weil wir das Argument der Förderung erneuerbarer Energie höher gewichten.» Die SP trägt
zusammen mit der Wirtschaftskammer
Baselland, dem Hauseigentümerverband Baselland sowie der FDP, der CVP
und den Grünen die Kampagne «Taten
statt Worte – 2-mal Ja zu EnergieFördermassnahmen». SP-Landrat Stefan Zemp fungiert dabei als Co-Präsident des Befürworter-Komitees.
Die Juso sind zwar auch der Auffassung, dass die Argumente dafür und
dagegen abgewogen werden müssen.
«Wir sind jedoch der Ansicht, dass die
machtpolitische Situation stärker einbezogen werden muss», sagt Co-Präsident Joël Bühler. «Das Risiko ist gross,
dass das Mandat wieder an die Wirtschaftskammer geht.» Diese werde
durch die Aufträge zweifellos von der
Energiesteuer profitieren können. «Die
Wirtschaftskammer gestaltet die Politik
so, dass die neuen Steuergelder in die
eigene Tasche fliessen.» Sollte das Volk
gemäss der Parole abstimmen, erwarte
man von Bau- und Umweltschutzdirektorin Pegoraro eine entsprechend veränderte Neuauflage des Gesetzes.
Die Kritik von links schwächt die
Koalition der Befürworter weiter.
Bereits zuvor hatten mehrere prominente Freisinnige die Koalition kritisiert, welche die neue Steuer aus der
Küche der freisinnig geführten Bauund Umweltschutzdirektion bewirbt.
Die früheren FDP-Regierungsräte
Adrian Ballmer und Hans Fünfschilling
sind dem Nein-Komitee beigetreten.
Und mit Vizepräsident Christian Wasserfallen hat auch ein prominenter Vertreter der FDP Schweiz gegen die Baselbieter Kantonalpartei Stellung bezogen.
Auch die Baselbieter Jungfreisinnigen
empfehlen zweimal Nein.
Nachrichten
Bund bedauert
Dissonanzen
Muttenz. Das Staatssekretariat für
Migration (SEM) hat gegenüber dem
Kanton und der Gemeinde Muttenz
bekräftigt, dass es beim Bundesasyl­
zentrum Feldreben zu keiner Nutzungs­
änderung kommen wird. Die Vereinba­
rung über ein Zentrum zur Aufnahme,
Registrierung und Befragung von Asyl­
suchenden habe Gültigkeit. Dies teilt
die Gemeinde Muttenz nach einer Aus­
sprache mit. Das SEM bedauere, dass
es durch seine «unglücklichen Aus­
sagen gegenüber Pressevertretern zu
Dissonanzen gekommen sei». Das
Zentrum wird Mitte November eröffnet,
am 9. November gibt es einen Rund­
gang für die Bevölkerung.
Personenwagen brennt
komplett aus
Niederdorf. Auf der Hauptstrasse zwi­
schen Hölstein und Niederdorf geriet
am Donnerstagabend ein Auto in
Brand und wurde zerstört. Der Fahrer
blieb unverletzt. Wie die Polizei mitteilt,
brach das Feuer im Motorraum aus; als
Brandursache steht ein technisches
Problem im Vordergrund.
Brot statt Spiele. Ein Mittagstisch­Container soll die Streetsoccer­Anlage vorübergehend verdrängen.
Stromausfall in acht
Leimentaler Gemeinden
Binningen. Der Konflikt um die Schimmelräume im Binninger Neusatz-Schulhaus nimmt kein Ende. Die Elternvertreter sind zunehmend irritiert, weil die
Gemeinde die Sanierungsarbeiten noch
nicht in Angriff genommen hat. «Wir
sind über den Fortschritt des Sanierungsprojekts besorgt und fragen uns,
wie lange unsere Kinder ihre Mittagessen und die Nachmittagsbetreuung
noch in Provisorien verbringen müssen», heisst es in einem Rundschreiben
der Elterngruppe Neusatz.
Was die Gemeinde nun vorhat,
dürfte die besorgten Eltern kaum beruhigen: Sie plant, beim Neusatz-Schulhaus ein weiteres Provisorium zu
errichten, in dem die Schüler schon
bald ihr Mittagessen einnehmen sollen.
Dies geht aus einem entsprechenden
Baugesuch von Anfang Oktober hervor.
Dies ist ein Indiz, dass sich die Sanierung der Schimmelräume weiter verzögern wird und die Schüler stattdessen
weiterhin in einem Provisorium einquartiert werden. Hinzu kommt, dass
sich beim geplanten Standort seit Kur-
Münchenstein. Im Versorgungsgebiet
der EBM kam es gestern zu einem län­
geren Stromausfall. Bei Bauarbeiten in
Leymen (F) wurde kurz vor zehn Uhr
ein Kabel des EBM­Netzes beschädigt,
was einen Stromausfall in acht
Gemeinden des Leimentals zur Folge
hatte. Laut Mitteilung der EBM hatten
kurz vor halb zwölf Uhr wieder alle
Gemeinden Strom. Betroffen waren
zeitweise mehrere Hundert Kunden.
Diebinnen fliegen wegen
Suppenhühnern auf
Laufenburg. Im Zusammenhang mit
dem Schmuggel von 25 Suppenhüh­
nern und weiteren 18 Kilo Fleisch
konnte die Polizei zwei Frauen verhaf­
ten, die wegen Diebstahls von Basel­
Stadt zur Verhaftung ausgeschrieben
sind. Laut Mitteilung der Grenzwache
handelt es sich um zwei Kongolesin­
nen. Sie wurden der Polizei übergeben.
Foto Dominik Plüss
Weiteres Provisorium für Binningen
Die Sanierung der Schimmelräume im Neusatz-Schulhaus verzögert sich
Von Oliver Sterchi
zem eine Streetsoccer-Anlage befindet,
die dem Provisorium weichen müsste.
Dabei haben Schüler Ende letzten Jahres im Rahmen eines Weihnachtsbasars
fast 5000 Franken gesammelt, um die
Sportanlage zu finanzieren.
Im Rundschreiben der Elterngruppe
schwingt denn auch eine grosse Portion
Resignation mit: «Wir sind wenig zuversichtlich, dass der Schaden in naher
Zukunft behoben und ein ordentlicher
Betrieb gewährleistet wird.»
Die Gemeinde widerspricht
Bernard Keller, Mediensprecher der
Gemeinde Binningen, wiegelt ab: «In
dieser Angelegenheit ist noch kein politischer Entscheid gefallen.» Üblicherweise wird zuerst ein politischer Entscheid gefällt und danach ein Baugesuch eingereicht. Doch in Binningen
zäumt man das Pferd offensichtlich von
hinten auf. Dazu Keller: «Das Baugesuch haben wir lediglich vorsorglich
eingereicht, für den Fall, dass der
Gemeinderat oder der Einwohnerrat
eine
solche
Provisoriumslösung
beschliessen würde.» Aufgrund der langen Vorlaufzeiten für Baugesuche wolle
man auf alle Eventualitäten vorbereitet
sein, stellt Keller klar. Unter Verweis auf
die Einwohnerratssitzung vom kommenden Montag, bei welcher der
Gemeinderat die Volksvertreter über
das weitere Vorgehen informieren wird,
will Keller keine weiteren Auskünfte
erteilen. Gemäss Rundschreiben wollen
die Elternvertreter der Sitzung ebenfalls beiwohnen.
Indes weist vieles darauf hin, dass
die Sanierung nicht so bald erfolgen
dürfte. Gemäss FDP-Einwohnerrat Sven
Inäbnit verhandeln Gemeinde und die
Versicherung nämlich nach wie vor
über die Kostenübernahme für die Ausbesserung der Schimmelräume.
Im Spätsommer wurde bekannt,
dass der Schüler-Mittagstisch seit
Monaten in Räumen stattfindet, die aufgrund eines Baupfusches von Schimmel
befallen sind. Die Gemeinde weigerte
sich zunächst, die Situation als gesundheitsschädigend anzuerkennen. Erst
nach Berichten der BaZ und massivem
Druck der Eltern lenkte der Gemeinderat ein und organisierte einen Reisecar,
der die Schüler mittags zu einem Ausweichstandort beim Spiegelfeld bringt.
SVP-Mann in stiller Wahl gekürt
Von Thomas Gubler
Liestal. Am Schluss war es fast schon
eine Formalität. In stiller Wahl hat der
Landrat am Donnerstag den 43-jährigen Aescher Juristen Christoph
Spindler (SVP) zum neuen Gerichtspräsidenten am Strafgericht Baselland
gewählt. Spindler tritt damit am
1. Januar 2017 die Nachfolge der altershalber zurücktretenden Jacqueline Kiss
(SP) an. Aufgrund des von den Parteien
im September 2013 geschlossenen
Gentlemen’s Agreement zur Besetzung
der Gerichtsämter hatte die SVP aufgrund einer relativen Untervertretung
unbestrittenermassen Anspruch auf die
Besetzung des Kiss-Präsidiums.
Christoph Spindler gilt als erfahrener Strafrechtler,
der bereits seit
2006 als Vizepräsident am Strafgericht Baselland
amtet. Er ist Absolvent der Schweizerischen Richterakademie und verfügt
über «sehr gute
Christoph
Sprach- und EDVSpindler.
Kenntnisse», wie
der SVP-Fraktionschef in der Vorstellung des Kandidaten erklärte.
Weil keine weiteren Kandidaturen
vorlagen, konnte der Landrat am Donnerstag eine stille Wahl vornehmen.
Keine weiteren Kandidaturen lagen
aber nur insofern vor, als keine andere
Landratsfraktion eine solche präsentiert hatte. Tatsächlich war aber eine
weitere bekannte Bewerbung für das
Amt zu verzeichnen. Allerdings eine,
die es aus politischen Gründen nicht zur
Nomination brachte und daher in der
Wahlsitzung des Landrats von Donnerstag nicht einmal erwähnt wurde. «Es
entspricht der Usanz, dass die Fraktionen das Vorschlagsrecht haben», sagte
Landratspräsident Philipp Schoch
(Grüne) gegenüber der BaZ. Dadurch
werde die Nomination dem Wahlakt
quasi als eine Art Filter vorgelagert. Will
heissen: Wer nicht nominiert wird, fällt
aus Abschied und Traktandum und
wird beim Wahlakt nicht einmal zur
Kenntnis genommen.
Wettbewerb, der keiner ist
Die 51-jährige, der SP angehörende
Staatsanwältin Caroline Horny hatte
ihre Bewerbung trotz Nichtnomination
durch ihre Partei bewusst nicht zurückgezogen. Dies allerdings in der irrtümlichen Meinung, damit dem Landrat
eine echte Wahl zu ermöglichen. Ohne
Nomination steht man im Baselbiet
aber gar nicht zur Wahl.
Das wirft nicht etwa ein schiefes
Licht auf die Wahl von Christoph
Spindler, sondern auf das Baselbieter
Bewerbungs- und Nominationsverfahren für gewisse Stellen und Ämter. Ist
eine solche Stelle mit Anforderung und
Bewerbungsfrist in den einschlägigen
Publikationsorganen ausgeschrieben,
dann wird der Anschein eines Wettbewerbs erweckt, der durch die politische Besetzung des Amtes gar nicht
stattfindet. So ist nicht auszuschliessen, dass eine Bewerbung am Schluss
nicht das Papier wert war, auf dem
sie stand.
Auch für Philipp Schoch ist das
keine befriedigende Lösung. «Das
Bewerbungsverfahren sollte daher
unter die Lupe genommen werden»,
sagte der Landratspräsident.
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