Psychologie aktuell: Gesundheit und Haft: Wie im Strafvollzug

Psychologie aktuell: Gesundheit und Haft: Wie im Strafvollzug Menschenrechte verletzt werden
28-10-16
Gesundheit und Haft: Wie im Strafvollzug Menschenrechte verletzt werden
In deutschen Gefängnissen blüht der Handel mit Rauschgift. Die Aufklärungsquote ist gering.
Im vergangenen Jahr wurden nach Mitteilung des Bundeskriminalamts lediglich 797
Drogenlieferungen hinter Gittern beschlagnahmt. 57 Drogentote in Haft wurden wärend der
letzten zehn Jahre registriert. Eine Ursache liegt in der Weigerung vieler Haft-Verantwortlicher,
drogenabhängigen Gefangenen die notwendige Substitutionsbehandlung zu ermöglichen.
Therapeutische Experten beschreiben und analysieren die äußerst widersprüchlichen
Verhältnisse in dem aktuellen interdisziplinären Handbuch "Gesundheit und Haft".
Medizinaldirektor Dr. Manfred Keppler (Vechta) kritisiert: "Nur wenige Anstalten gehen offensiv mit
existentem Drogenkonsum und der daraus resultierenden Problematik um. Entsprechend gibt es
Anstalten, die Drogenkonsum ignorieren, leugnen, verniedlichen oder berichten, sie hätten die
Drogensituation im Griff. Die Arbeit mit Drogenkonsumenten im Justizvollzug findet unter sehr
einschränkenden Bedingungen statt. Sicherheits- und Ordnungsaspekte stehen im Gefängnisalltag im
Vordergrund.
Obwohl die Substitutionsbehandlung eine etablierte Behandlungsform darstellt, gibt es immer noch
Anstaltsärzte, die die Substitution grundsätzlich ablehnen." In anderen Anstalten sind die
Behandlungskapazitäten - ärztlich oder pflegerisch - begrenzt, so dass Abhängige zunächst nur auf
der Warteliste Platz nehmen dürfen.
Keppler diagnostiziert: "Eines der Hauptprobleme ist, dass bei Vollzugsmitarbeitern vielfach eine
akzeptierende Grundhaltung gegenüber Drogenkonsumenten als Basis für eine substituierende
Behandlung fehlt. Eigentlich ist Aufgabe des Strafvollzugs, das Gefängnis als drogenfreien Raum zu
gestalten. Getreu dem Motto, dass nicht sein kann, was nicht sein darf, steht der Umgang mit
Drogenabhängigen im Vollzug unter dreierlei Einfluss:
• Erstens bestehen hohe Erwartungen an die Erfüllung des Resozialisierungsauftrags.
• Zweitens ist verbreiteter Drogenkonsum in den Gefängnissen Realität.
• Drittens unterliegen die Handlungsmöglichkeiten der Gefängnisse zum Teil hinderlichen
politischen Einflüssen und Willensbildungen sowie öffentlichem und medialem Druck."
Der Strafgefangene hat den gleichen gesetzlichen Anspruch auf eine Therapie wie in Freiheit. Dieses
Äquivalenzprinzip macht für Drogenabhängige eine Substitutionsbehandlung auch juristisch
obligatorisch. Die Verweigerung ist gesetzwidrig. Kürzlich hat der Europäische Gerichtshof für
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Menschenrechte die Verweigerung der Substitution (mit Methadon) als Verstoß gegen Artikel 3 der
Europäischen Menschenrechtskonvention gewertet.
Das Standardwerk "Gesundheit und Haft" beschreibt in Einzelbeiträgen die
medizinisch-psychosozialen Problemfelder der Klientel - vor, während und nach der Haft. Die
Herausgeber betonen auch die gesamtgesellschaftliche Bedeutung einer verbesserten Therapie: Ein
guter Gesundheitszustand bietet nach der Entlassung erfreuliche Chancen für eine Resozialisierung;
der Gesellschaft bleiben damit weitere Straftaten und erneute Belastungen erspart.
M. Lehmann, M. Behrens, H. Drees (Hrsg.) Gesundheit und Haft - Handbuch für Justiz, Medizin,
Psychologie und Sozialarbeit. Pabst, 612 Seiten Hardcover. ISBN 978-3-89967-897-0
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