Predigt Röm 14, 17-19 Ein Vater zog mit seinem Sohn und einem Esel in der Mittagsglut durch die staubigen Gassen von Keshan. Der Vater saß auf dem Esel, den der Junge führte. „Der arme Junge“, sagte da ein Vorübergehender. „Seine kurzen Beinchen versuchen, mit dem Tempo des Esels Schritt zu halten. Wie kann man so faul auf dem Esel herumsitzen, wenn man sieht, dass das kleine Kind sich müde läuft.“ Der Vater nahm sich dies zu Herzen, stieg hinter der nächsten Ecke ab und ließ den Jungen aufsitzen. Gar nicht lange dauerte es, da erhob schon wieder ein Vorübergehender seine Stimme: „ So eine Unverschämtheit. Sitzt doch der kleine Bengel wie ein Sultan auf dem Esel, während sein armer, alter Vater nebenherläuft.“ Dies schmerzte den Jungen und er bat den Vater, sich hinter ihn auf den Esel zu setzen. „Hat man so etwas schon gesehen?“ keifte eine schleierverhangene Frau, „solche Tierquälerei? Dem armen Esel hängt der Rücken durch, und der alte und der junge Nichtsnutz ruhen sich auf ihm aus, als wäre er ein Diwan, die arme Kreatur!“ Die Gescholtenen schauten sich an und stiegen beide, ohne ein Wort zu sagen, vom Esel herunter. Kaum waren sie wenige Schritte neben dem Tier hergegangen, machte sich ein Fremder über sie lustig: „So dumm möchte ich einmal sein! Wozu führt ihr denn den Esel spazieren, wenn er nichts leistet, euch keinen Nutzen bringt und noch nicht einmal einen von euch trägt?“ Der Vater schob dem Esel eine Hand voll Stroh ins Maul und legte seine Hand auf die Schulter seines Sohnes. „Gleichgültig, was wir machen“, sagte er, „es findet sich doch jemand, der damit nicht einverstanden ist. Ich glaube, wir müssen selbst wissen, was wir für richtig halten.“ Was lernen wir aus dieser Geschichte über die Natur von uns Menschen? Nun, dass es uns unfassbar leichtfällt, uns an anderen Menschen zu ärgern. Anstoß zu nehmen. Ein Urteil über sie zu fällen. Es besser zu wissen – und zwar natürlich ohne uns groß mit diesen anderen Menschen auseinandergesetzt zu haben. Egal ob bei gesellschaftlichen Debatten, in der Politik, am Arbeitsplatz, innerhalb der Familie, ja sogar in christlichen Gemeinden – wenn wir nicht aufpassen, ärgern, streiten und urteilen wir fröhlich drauf los. Unser Predigttext spricht in solch einen Streit voller Schnell- und Vorurteile. Entzündet hatte sich der Streit an der Frage, ob Christen Fleisch essen und Alkohol trinken dürfen. Die einen waren dagegen. Sie argumentierten ungefähr folgendermaßen: „Alles Fleisch, was wir hier in Rom an den Marktständen kaufen, stammt aus den Überresten geopferter Tiere in den heidnischen Tempeln. Mit solchem ‚Götzenopferfleisch’ möchten wir nichts zu tun haben. Ihm haftet noch der Glaube an heidnische Götter und Geister an.“ Und ihre Enthaltung vom Alkoholgenuss begründeten sie so: „Wir wollen uns von der verfallenen Lebensweise der Römer, die oft betrunken durch die Straßen wanken, unterscheiden; deshalb versagen wir uns den Alkoholgenuss. Wir möchten Gott und unseren Mitmenschen mit klarem Geist begegnen können. Immer. Deshalb kein Alkohol! Grundsätzlich!“ Die andere Seite argumentierte ungefähr folgendermaßen: „Wir wissen doch ganz genau, dass es nur einen Gott und nicht viele Götter gibt. Dem geopferten Tierfleisch aus heidnischen Tempeln kann also gar kein Geist von Göttern und Geistern anhängen, weil es solche Geister und Götter gar nicht gibt. Wer sich vor Göttern und Geistern fürchtet, hat kein Vertrauen in die Macht und Einzigartigkeit unseres Gottes. Und was den Alkohol angeht: Jesus wurde von seinen Feinden als Fresser und als Weinsäufer beschimpft – gerade weil er nicht gesetzlich-asketisch lebte, sondern froh und frei und mit dem richtigen Maß feiern und genießen konnte.“ Und mit diesen Argumenten wurde nun munter aufeinander eingeschlagen und drauflos geurteilt: „DU glaubst nicht richtig!“ „Nein DU!“ „Nein DU!“ „Nein DU!“ Der Apostel Paulus schreibt nun in genau diese Situation hinein: „Woher nimmst du dir eigentlich das Recht, deinen Bruder oder deine Schwester zu verurteilen und zu verachten? (…) Wir alle werden einmal vor dem Richterstuhl Gottes stehen (…) und jeder von uns wird über sein eigenes Leben vor Gott Rechenschaft ablegen müssen. Hören wir darum auf, einander zu verurteilen! Statt den Bruder oder die Schwester zu richten, prüft euer eigenes Verhalten, und achtet darauf, alles zu vermeiden, was ihnen ein Hindernis in den Weg legen und sie zu Fall bringen könnte. (…)“ Und dann schreibt Paulus – und das ist unser eigentlicher Predigttext: „Denn im Reich Gottes geht es nicht um Fragen des Essens und Trinkens, sondern um das, was der Heilige Geist bewirkt: Gerechtigkeit, Frieden und Freude. Wer Christus auf diese Weise dient, an dem hat Gott Wohlgefallen, und in den Augen der Menschen ist er glaubwürdig. Darum wollen wir uns mit allen Kräften um das bemühen, was zum Frieden beiträgt und uns gegenseitig auferbaut.“ Ich finde diese Worte dermaßen klar und eindeutig, dass ich im Grunde gar nicht mehr besonders viel sagen will. Ich möchte mir nur noch zwei Schlüsselworte aus unserem Predigttext mit Ihnen genauer anschauen: 1. Friede „Denn im Reich Gottes geht es nicht um Fragen des Essens und Trinkens, sondern um das, was der Heilige Geist bewirkt: Gerechtigkeit, Frieden und Freude. (…)“ Und dann: „Darum wollen wir uns mit allen Kräften um das bemühen, was zum Frieden beiträgt und uns gegenseitig auferbaut.“ Um das Wort „Friede“ hier besser greifbar zu kriegen, möchte ich gerne das Wort „auferbauen“ dazunehmen. Im Griechischen steht dort „oikodomä“, zu deutsch: Hausbau. Was passiert bei einem Hausbau? Bei einem Hausbau werden diverse einzelne Materialien miteinander verbunden. Und auch die Arbeiter (Maurer, Maler, Schreiner, Installateure, …) arbeiten zusammen, verbinden sich und ihre Arbeitskraft mit dem Ziel, dieses Haus zu bauen. Wenn Paulus hier also schreibt, dass wir dem Frieden nachjagen und uns gegenseitig auferbauen sollen, dann sagt er damit: „Sucht das, was Euch untereinander verbindet! Schaut nach dem, wo Ihr zusammengehört, wo Ihr Euch gegenseitig tragen und stärken könnt. Helft Euch gegenseitig, als Gemeinschaft zu leben: als Gemeinschaft von Christen und auch als Gemeinschaft aller Menschen. Eure Aufgabe ist nicht das Einreißen und Zerstören, sondern das Auferbauen. Darum sucht das Verbindende! Immer neu und immer wieder. Das Ergebnis wird Friede sein!“ 2. Gerechtigkeit „Denn im Reich Gottes geht es nicht um Fragen des Essens und Trinkens, sondern um das, was der Heilige Geist bewirkt: Gerechtigkeit, Frieden und Freude.“ Das Wort „Gerechtigkeit“ ist sehr, sehr vielschichtig. Hier an dieser Stelle und in diesem Kontext geht vermutlich darum, dem Gegenüber wirklich gerecht zu werden. Ihn also nicht vorschnell abzuurteilen, sondern seiner Person gerecht zu werden. Das äußert sich zum einen in einem genauen Zuhören und Mitdenken. Wenn wir uns die Argumente der beiden Streitparteien nochmal anschauen, werden wir feststellen: So dumm sind die Argumente gar nicht. Die einen sagen: „Wer Christ ist, muss bestimmte unchristliche Praktiken ablehnen. Der unterscheidet sich von seiner Umwelt. Und der muss manchmal auch Zeichen setzen, dem Mainstream widerstehen - um Christi und des Glaubens willen.“ Die anderen sagen: „Wir haben einen großen Gott! Aus diesem Grunde müssen wir nicht vor allem Angst haben und uns von allem abgrenzen. Wir dürfen genießen, was Gott uns schenkt und sollen uns von nichtchristlichen Menschen nicht zurückziehen, sondern mit ihnen und für sie leben – auf dass unser Glaube und unsere Lebensfreude ansteckend wirken!“ Vielleicht geht es Ihnen wie mir: Ich persönlich kann beiden Argumenten einiges abgewinnen. Und so geht das ganz oft: Wenn ich dem anderen erst einmal zuhöre, wenn ich versuche, seine Argumente zu verstehen, seine Ängste und Sehnsüchte und Werte, sein Gewordensein, dann finde ich auf einmal erstaunlich Vieles nachvollziehbar von dem, wie mein Gegenüber denkt und lebt. Und dieses „Für mein Gegenüber mitdenken und von ihm her denken“ sind wir ihm übrigens sogar schuldig: Denn unser Gegenüber ist von Gott auf exakt die gleiche Weise geliebt, wie ich es selbst bin. Unser Gegenüber ist – genau wie wir – ein Geliebter Gottes. Wenn wir der Tatsache gerecht werden wollen, dass Gott unser Gegenüber bedingungslos und über alle Abgründe hinweg liebt, dann können wir gar nicht anders, als innerlich erst einmal für ihn zu sein, statt gegen ihn. „Gerechtigkeit“ bedeutet an dieser Stelle hier also, dass wir unserem Gegenüber gerecht werden – und der Tatsache, dass Gott ihn liebt. Heißt das nun, dass aller Streit grundsätzlich und immer abzulehnen ist? Gilt seit diesen Worten von Paulus das Gebot ewigen Kuschelns und die Notwendigkeit alles und jedes zu tolerieren? Wenn wir uns Paulus anschauen: nein. Paulus hat an einigen Punkten sehr klar und sehr hart die Auseinandersetzung gesucht – aber immer nur an ausgesprochen zentralen Punkten. Immer nur dann, wenn die Hingabe an Gott, das Werk Jesu oder das Wohl von Menschen nachhaltig bedroht waren. Bis auf diese wenigen Ausnahmen gilt: Streit, verhärtete Fronten und hartes Urteilen stehen grundsätzlich unter Verdacht. Und der Verdacht lautet: Hier ist kein Heiliger Geist. Hier wird den eigenen Egos mehr gedient, als Christus. Hier nimmt die Glaubwürdigkeit Gottes und seiner Kirche Schaden. Denn Paulus schreibt: „Im Reich Gottes geht es (…) um das, was der Heilige Geist bewirkt: Gerechtigkeit, Frieden und Freude. Wer Christus auf diese Weise dient, an dem hat Gott Wohlgefallen, und in den Augen der Menschen ist er glaubwürdig. Darum wollen wir uns mit allen Kräften um das bemühen, was zum Frieden beiträgt und uns gegenseitig auferbaut.“ Welche Beziehungen müssen Sie ab heute ganz neu führen? Amen.
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