Festung Brest

Die K-Abt E durchbricht den feindlichen Ring um Brest-Litowsk 1944
zusammengestellt von Karl-Wilhelm Maurer
Im Buch „Die hessisch-thüringische 251. Infanterie-Division ...“ wird auf Seite 76 berichtet,
daß die K-Abt E den Auftrag hatte, die „Festung“ Brest-Litowsk zu verteidigen. Dieser
Befehl konnte jedoch nur kurzzeitig befolgt werden, da die feindliche Übermacht ständig zunahm. Deshalb mußte sich die K-Abt. E aus dieser dichten Umfassung befreien. Bei diesen
Kämpfen fiel am 28. Juli bei Berezówka, 16 km westlich von Brest-Litowsk, der 24jährige
Feldwebel Dietrich Schloen. Er war im September 1941 zur 251. ID/459. IR/1. Kp
abkommandiert worden.
Diese turbulenten Tage beschreibt der Divisionspfarrer E. Ufer in seinem Tagebuch
„Männer im Feuerofen“ wie folgt:
24.7. Brest Heute haben wir mit dem größten Teil der Ib - Staffel Stellungswechsel in die "Festung" Brest gemacht. Der Russe ist schon an einigen
Stellen über den Bug und drängt westlich von Brest hart auf die Rollbahn nach
Warschau. Wir fragen uns daher untereinander, wie lange Brest wohl noch
"fester Platz" bleiben soll. ...
26.7. Brest ... Wir beerdigen nun auf dem großen Soldatenfriedhof in Brest.
Da der bodenständige Gräberoffizier im letzten Augenblick Brest verlassen
hat, habe ich als „Gräbo“ die Verwaltung und Organisation der Bestattungen
für den gesamten Festungsbereich übernehmen müssen. ...
Oberst Bieber ist mit der Führung unserer K-Abt. E beauftragt, da der General
(Felzmann) mit dem Festungskommando beauftragt ist. Eine bestimmte Sache
bewegt mich in dieser „schwer betrübten Zeit": Unser Ia, Major v. Oertzen ,
der zu einem Sonderauftrag nach Deutschland fuhr, ist aus dem Leben geschieden, wahrscheinlich in Verbindung mit dem "20. Juli", aber keiner spricht
darüber.
Weil der Gürtel um Brest-Litowsk immer enger wurde, kam am Abend noch
der Befehl, aus dem Einschlußring auszubrechen. In Eile mußten jetzt noch
Sprengungen vorgenommen werden. Ein schauerliches Bild, diese brennende
Stadt. Wir haben uns um die Verwundeten bemüht, die natürlich in großer
Aufregung waren, ob sie wohl mitgenommen würden.
27.7. Nachmittags begann die Ausbrech-Aktion. Die Schwerstverwundeten
waren ausgeflogen worden, alle restlichen Verwundeten konnten mitgenommen werden. Für unseren „Haufen“ war der nördliche Marschweg vorgesehen.
Es galt, einen vom Feind besetzten Raum von 2o km Breite zu durchstoßen,
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um auf der anderen Seite von einer Kavallerie-Einheit entsetzt zu werden.
Unsere Kampfeinheiten hatten die Wege freikämpfen müssen und dann sollten
die Trosse und die Stäbe mit den Verwundeten durch diesen freigekämpften
Raum durchschlüpfen. Das klappte aber nicht. Die Russen zogen sich vor
unseren Kampfeinheiten zurück und kamen dann aus ihren Verstecken wieder
hervor, als wir nachziehen wollten. So kam es dazu, daß die Trosse und Stäbe,
die sich im infanteristischen Einsatz nicht auskannten, ungeübt zum Gewehr
greifen mußten.
28. 7. Gegen Mittag hatten die Schwierigkeiten ihren Höhepunkt erreicht. Wir
waren auf der Abmarschstraße etwa 12 km mühsam voran gekommen, dann
ging es plötzlich nicht weiter, weil unsere Abmarschstraße weiter vorwärts
schon wieder vom Feind genommen war oder beschossen wurde. ... Auf dem
Höhepunkt dieser prekären Situation stürmte die russische Infanterie mit
„hurre“ aus einem nahegelegenen Wäldchen auf die verrammelte Straße zu.
„Am Mittag hatte ich mich schon an einen Stoßtrupp, der von Männern unseres Stabes gemacht wurde, beteiligt. Die Frage nach dem „Wie“ der Beteiligung
ist in solcher Situation nicht so problematisch, da der Russe in diesem Krieg
die Genfer Konvention sowieso nicht beachtet. Für mich ist die Entscheidung
in solchem Augenblick einfach die: Dabei sein und nicht zurückbleiben im
schützenden Loch, wenn Kameraden in Gefahr sind. Die Entscheidung, von
der Waffe Gebrauch zu machen, habe ich nicht treffen brauchen. Es ging
immer nur um das Dabeisein. Das wird von den Kameraden gewertet.“
Am Nachmittag wurde der Weg wieder unter MG-Feuer genommen. Alles lag
auf dem Bauch zwischen den Fahrzeugen und im Straßengraben. Als die Russen wieder aus dem Wäldchen mit „hurre“ herausstürmten, wurde ein
Gegenstoß mit „hurra“ und ebenso vollem Gebrüll gemacht, vor dem der
Russe sich zurück zog, weil wir offenbar in der Überzahl waren. Kurz darauf
waren sie wieder zu sehen, so daß der Befehl kam, mit dem Divisionsstab und
den Nachschubeinheiten den Wald in einem eilig zusammengefaßten
Unternehmen zu durchkämmen und dann zum Abmarschweg zurückzukehren.
Als wir der Meinung waren, daß die Situation bereinigt sei, ging die Schießerei
durch Artillerie und Infanterie wieder los. Erst beim Dunkelwerden kam der
Befehl: Alles stehen und liegenlassen und durch die feindlichen Linien
durchstoßen. Küster Dehling hatte einen Kompaß, so daß wir die angegebene
Nordrichtung zur Rollbahn nicht verfehlten. Der fronterprobte Küster wich
nicht von meiner Seite. Wir gingen leise, einer hinter dem anderen und standen
hin und wieder horchend still, ob wir Tritte, deutsche oder russische Stimmen
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hörten. Als wir auf der Rollbahn ankamen, hörten wir Stimmen; es waren
unsere Kameraden, auch Männer vom I b. „Bei der nächtlichen Schleicherei
habe ich einen Streifschuß am rechten Unterarm abbekommen; Gott sei Dank
nur eine Fleischwunde, die mit dem eignen Verbandspäckchen verbunden
werden konnte.“
In der Nacht vom 28. auf den 29. gingen wir noch 30 km auf dieser Rollbahn
bis Janow-Potlowka. Kaum im Ort mußten wir schon wieder weiter. Der
Hauptverbandsplatz mit den Verwundeten zog auch weiter. Uns nahm ein vorbeifahrendes Fahrzeug zum 36 km entfernten Lisisee mit, wo sich ein Teil unserer I b-Staffel sammelte. Einige der Unseren sind gefallen, andere verwundet.
Die Fahrzeuge mit unseren wenigen Sachen sind liegengeblieben. „Ich habe
weder Eßgeschirr noch Löffel und nur das Hemd, das ich an habe“. Das große
Gepäck mit anderer Wäsche ist schon hinter Warschau. Wir werden also ein
sehr schlichtes Leben in der nächsten Zeit führen. Gott hat uns das Leben
gelassen; das ist Grund genug zur Dankbarkeit.
30.7. Lisisee (Losice) Der Russe stößt dauernd weiter vor. Wir haben Sorge um
Oberst Bieber, der die K-Abt. E führt. Er ist mit unserem Ia-Stab und dem
Hauptteil unserer Truppen auf dem südlichen Abmarschweg von Brest
geschleust worden. Er funkte gestern abend, daß er etwa an der Stelle, an der
wir durchbrachen, mit 1200 Mann in einem Sumpf stecke und um Entsatz
bitte.
30. Juli 1944 - das OKW gibt bekannt: ... Die vorübergehend abgeschnittene Besatzung
von Brest-Litowsk schlug sich unter Mitnahme der Verwundeten zu unseren Linien durch.
...
31.7. Sterdyn Gestern wurden wir im Wehrmachtsbericht genannt (s. o.).
Irgendwie ist man daran mitbeteiligt, was die Betreuung der Verwundeten angeht und das Durchschlagen nach Westen. Wir sind in der Nähe des Bug und
etwas abseits von den augenblicklichen Kampfhandlungen. - In diesem Raum
um Sterdyn soll sich unsere K-Abt. E sammeln und aufgefrischt werden.
„Heute morgen habe ich Oberst Bieber getroffen bzw. wir sind uns erfreut in
die Arme gefallen. Er hat sich mit seinen Leuten durchschlagen und auch alle
Verwundeten mitnehmen können. Der Kommandeur unseres Artillerie-Regiments, Oberstleutnant Schlickum, ist mit seinen Leuten, freilich ohne
Geschütze, auch wieder bei uns, ebenso unser General Felzmann.
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Jetzt warten wir hier, in einem Ort nördlich von Sielsche (Siedlce), was alles
sich von unserer Korpsabteilung E noch sammelt.
Knapp drei Wochen später sollte die K-Abt E als Teil der 9. Armee den u. a. bei
Magnuszew über die Weichsel gekommenen Feind aufhalten. - Das war der bis Januar
1945 hart umkämpfte Warka-Brückenkopf.
Divisionspfarrer gehörten organisatorisch zum Divisions-Stab I b, der für die Versorgung der
Truppe zuständig und deshalb meistens im Rückraum der Front zu finden war. – Militärpfarrer, häufig im Majorsrang, aber nicht zur kämpfenden Truppe gehörend, wurden mit
ihrem Hilfspersonal (z. B. Küster) in der Abteilung IV d geführt.
Daß Versorgungs-Stäbe aber auch in Kampfhandlungen verwickelt werden konnten, zeigt
dieses Beispiel.
Hinweis: Dieser Bericht hat das Buchformat.
© 02/2010 Karl-Wilhelm Maurer, Mayr-Nusser-Weg 6, D91058 Erlangen
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