Editorial Weltwoche Ausgabe 30/31

Editorial
Trumps Amerika
Warum wird der Kandidat
so ­gehasst? «Mürrische
­Gelassenheit». Rapallo und
Walther Rathenau.
Von Roger Köppel
D
er deutsche Kriegsdenker und Philosoph
Herfried Münkler, auch ein glänzender
Ideenhistoriker, erregt Anstoss mit seiner auf
den Terrorismus gemünzten Formel der «mürrischen Gelassenheit». Münkler beschreibt damit eine Haltung schlechtgelaunter Unaufgeregtheit im Umgang mit jenen Verbrechen, die
islamistische Täter tatsächlich oder angeblich
begehen. Ich kann gut verstehen, dass man den
Aufruf zur Gelassenheit etwas abseitig findet,
nachdem gleich mehrere vermutlich islamistische Killer zugeschlagen haben. Naheliegend
ist der Vorwurf, hier verharmlose und beschwichtige ein Professor aus der schusssicheren Distanz seines Elfenbeinturms. Die Beanstandungen aber sind falsch. Münkler plädiert
ja nicht dafür, Zeit zu vertrödeln oder Gefahren
auszublenden. Vielmehr wendet er sich gegen
jene mediengetriebene Rasanzkultur der Nullaussagen und Absichtserklärungen, die oft in
Dummheiten ausarten. Gelassenheit, gerade in
ihrer mürrisch-misstrauischen Form, ist eine
der wichtigsten Führungseigenschaften. Es
geht um die Fähigkeit, ein Problem zu durchdringen, an sich herankommen zu lassen, ohne
vereinnahmt zu werden. Derzeit jagen sich die
Meldungen über mutmassliche Anschläge islamistischer Provenienz mit unwirklichem Tempo. Wann, wenn nicht jetzt, ist Distanz, ist Abgeklärtheit, ist eben «mürrische Gelassenheit»
gefragt? Die Terroristen wollen uns aus der
­Ruhe bringen. Aus der Ruhe aber kommt die
Kraft. Professor Münkler hat recht.
M
an muss den früheren New Yorker Bürgermeister Rudy Giuliani studieren, um
Hinweise darauf zu finden, wie der Staat auf
terroristische Attacken reagieren soll. Als der
raubeinige Ex-Staatsanwalt sein Amt antrat,
war New York ein Sumpfgebiet. Die Kriminalitätsrate war extrem hoch, in manchen Stadtvierteln marodierten Banden. Giuliani setzte
nicht auf Soziologie, er räumte auf, und zwar
im wahrsten Sinn des Wortes. Er erhöhte die
Polizeipräsenz massiv. Äussere Zeichen der
Verwahrlosung wurden konsequent beseitigt.
Er liess eingeworfene Fensterscheiben ersetzen. Mit Graffiti vollgesprayte Züge wurden
konsequent gereinigt. Viele Intellektuelle und
Journalisten höhnten, Giuliani betreibe nur
«Symptombekämpfung». Die Kritiker irrten.
Giuliani stoppte den Verfall der öffentlichen
Weltwoche Nr. 30/31.16
Bild: Nathan Beck
«An sich selbst leidende Samariter-Supermacht.»
Ordnung, indem er die Ordnung wieder sichtbar herstellte. Was lernen wir? Unordnung
entsteht nur dann, wenn sich der Staat als Hüter der Ordnung zurückzieht. Indem er die
Unordnung duldet, vergrössert er sie.
N
ach eingehender Lektüre der New York
Times bin ich fast überzeugt, dass Trump
im nächsten November gewählt wird. Die feindselige Gehässigkeit des hochdekorierten Ostküstenblatts ist erstaunlich. Selten habe ich eine
derart einseitige, fast ausschliesslich auf Behauptungen setzende Kommentierung eines
Parteitags gelesen. Trump wird nicht einmal
mehr zitiert. Die Verdammung des Kandidaten
kommt inquisitionsmässig ohne Begründun-
Eines unserer
Ziele: Dass
Patienten schnell
wieder gehen.
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gen aus, zuvorderst der Linksnobelpreisträger
Paul Krugman, dessen Meinungen auch hierzulande von erstaunlich vielen Journalisten und
Politbeobachtern wie Bibelsprüche nachgebetet
werden. Wie ist dieser panische Trump-Hass zu
erklären? Seine Kritiker behaupten, der Mann
sei in seiner Krassheit unamerikanisch. Ich habe
eine andere Theorie. Trump wird gehasst, gerade weil er so krass amerikanisch ist. Er ist laut,
grossmäulig, erfolgreich, egozentrisch, tüchtig
und bemerkenswert plump. Sein Programm ist
die dröhnende Beschwörung eigener Interessen. Er verkörpert die besten und fragwürdigsten amerikanischen Eigenschaften, und vielleicht ist es den gebildeten und feinsinnigen
Amerikanern, die die New York Times lesen und
an besseren Schulen studiert haben, etwas peinlich, wenn sie ihr Land auf diese Weise, so ehrlich und ungeschminkt, vertreten sehen. Sie
­ziehen den Obama-Stil einer scheinbar an sich
selbst leidenden Samariter-Supermacht vor, die
vor lauter Gutmenschlichkeit erst gar nicht auf
die Idee kommen könnte, so etwas Niedriges
wie nationale Interessen zu entwickeln. Trumps
brachiale Direktheit ist angesichts dieser Heuchelei erfrischend. Er spricht aus, was die USA
im Grunde immer waren: «America first», Amerika zuerst, allerdings oft eingelullt in wohl­
tönende idealistisch-altruistische Phrasen.
Trump zertrampelt diese gefällige Illusion. Er
verkörpert Amerika, wie es wirklich ist, aber
­viele Amerikaner ertragen ihren eigenen Anblick nicht mehr.
A
n der italienischen Riviera besuchen wir
die Bucht von Rapallo, dort das wunderbar aus der Zeit gefallene «Imperiale Palace
Hotel» mit seinem gigantischen Blick auf das
Mittelmeer. Im ersten Stock befindet sich der
gegen oben wie eine kleine Kathedrale mit
­einer Kuppel aufragende Raum, wo im April
1922 der Friedensvertrag von Rapallo zwischen dem gebeutelten Deutschen Reich und
der geächteten Sowjetunion unterzeichnet
wurde. Am Tisch sass unter anderem Walther
Rathenau, der brillante deutschjüdische Bankier, Unternehmer, Schriftsteller und Aussenminister, Sohn des AEG-Gründers und vielleicht die herausragende Persönlichkeit jener
deutschjüdischen Symbiose, die Deutschland
bis zum Aufstieg der Nazis zu einem Zentrum
des Geistes, der Wirtschaft und der Kultur gemacht hatte. Rathenau war ein grosser Patriot,
der sogar für eine Verlängerung des Ersten
Weltkriegs eintrat, um für Deutschland eine
bessere Verhandlungsposition zu erringen. Er
starb, erst 55-jährig, nur wenige Monate nach
Rapallo unter den Schüssen rechtsextremer
Attentäter unweit seiner prächtigen Villa an
der Koenigsallee in Berlin. Was wäre aus
Deutschland, was wäre aus der Welt geworden,
wenn Rathenau nicht umgebracht und wenn
der deutsche Absturz in die NS-Diktatur vermieden worden wäre?
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