Das Frauen-KZ Ravensbrück

SWR2 MANUSKRIPT
ESSAYS FEATURES KOMMENTARE VORTRÄGE
SWR2 Wissen
Das Frauen-KZ Ravensbrück
Von Eduard Hoffmann und Jürgen Nendza
Sendung: Freitag, 8. Juli 2016, 8.30 Uhr
Redaktion: Udo Zindel
Regie: Günter Maurer
Produktion: SWR 2014
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MANUSKRIPT
Ravensbrücklied, von der CD „damit die Welt es erfährt …:
Nicht weit von Berlin, von der Hauptstadt
ein Stück Erde, das Wasser umgibt
darauf leben wir hinter der Mauer
darauf steht das KZ Ravensbrück.
Aus Holz zweiunddreißig Baracken
Bunker, Küche, Betrieb und Revier
Und die Mädchen, sie geh‘n ohne Jacken
und wir haben noch März, und es friert.
Irma Trksak:
Ich sehe sie jetzt noch vor mir, die Frauen die schwersten Arbeiten verrichten,
Bäume fällen, Loren schieben, Lasten tragen, und das ganz lange Appellstehen, das
war alles ausgerichtet nur, das hatte ein Ziel, um die Menschen zu demütigen, zu
quälen. Tag für Tag, Monat für Monat, Jahr für Jahr hat sich das wiederholt, und alles
hatte nur den Sinn, die Arbeitsunfähigen ganz einfach zu vernichten mit allen
möglichen Mitteln, war alles nur darauf aufgerichtet.
Sprecherin:
Die Wienerin Irma Trksak war eine von mehr als 130.000 Frauen und Kindern aus
rund 40 Nationen, die im Frauen-KZ Ravensbrück unter Zwangsarbeit und Folter
litten. Bis zur Befreiung durch die Rote Armee am 30. April 1945 war ihr KZ-Alltag ein
Martyrium, angelegt auf brutale Erniedrigung und die Zerstörung der Persönlichkeit,
ähnlich wie bei männlichen Gefangenen. Und doch galten hier andere Gesetze, und
Frauen reagierten auf das Grauen des Lagerlebens oft anders als Männer.
Ansage:
Das Frauen-KZ Ravensbrück. Von Eduard Hoffmann und Jürgen Nendza.
Sprecherin:
Ravensbrück ist seit 1950 Ortsteil des Städtchens Fürstenberg an der Havel. Die
6.000-Seelen-Gemeinde liegt am Schwedtsee in Brandenburg, etwa 80 Kilometer
nördlich von Berlin. Dort mussten Häftlinge des KZs Sachsenhausen im Dezember
1938 auf Befehl Heinrich Himmlers mit dem Bau des KZs beginnen. Es war das
größte Frauen-KZ unter den rund 1.000 Konzentrationslagern der
Nationalsozialisten.
Ravensbrücklied:
Sie wecken uns lang, eh es hell ist
heißes Wasser, das ist unser Mahl
dann hinaus zum Appell, in die Kälte
danach geht’s in den Arbeitstag.
[Sprecherin:
Im Mai 1939 nahm die SS Ravensbrück in Betrieb und verlegte rund 1.000
weiblichen Gefangenen aus anderen Konzentrationslagern in das neue KZ am
Schwedtsee.]
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Matthias Heyl:
Anfangs hat es in der Nazi-Hierarchie schon auch Diskussionen gegeben, ob es
überhaupt auf Dauer Frauenkonzentrationslager bräuchte, weil sie die Frauen als
politische Subjekte nicht ernst genommen haben. Bis 1939 war aber deutlich, dass
viele Frauen widerständig oder anderweitig nicht passend im NS-Gefüge agierten,
und dass die Nazis daher auch meinten, Frauenkonzentrationslager zu brauchen als
Einrichtung.
Sprecherin:
Matthias Heyl ist pädagogischer Leiter der heutigen Mahn- und Gedenkstätten
Ravensbrück. Im KZ saßen Frauen mit ganz unterschiedlicher Herkunft und
Biografie, erzählt er:
Matthias Heyl:
Dass zum Beispiel eine sehr große Gruppe Zeuginnen Jehovas hierher gebracht
wurden, eine Religionsgemeinschaft, die auch den Kriegsdienst ablehnt, dann viele
politische Häftlinge, Kommunistinnen, Sozialdemokratinnen, andere politisch
Widerständige, und dann Frauen, die als Kriminelle oder Asoziale verfolgt worden
sind, einige Jüdinnen, die wegen Rassenschande belangt wurden, und dann auch
Sinti und Roma. Das ist so die Erstbelegung im Lager gewesen, und dann mit dem
Kriegsgeschehen sind immer mehr aus den besetzten Ländern Frauen hierher
gebracht worden.
Sprecherin:
Die meisten Frauen wurden in Viehwaggons der Reichsbahn gepfercht und zum
Bahnhof Fürstenberg gebracht. Hildegard Schäfer aus Bad Kreuznach kam dort im
August 1940 mit einem Gefangenentransport an. Die damals 22-Jährige hatte sich
geweigert, in der Rüstungsindustrie zu arbeiten und war daraufhin verhaftet worden.
Hildegard Schäfer:
Und da standen schon die SS-Frauen mit den Hunden und haben uns schon in
Empfang genommen. Da standen schon Lastautos, die uns dann hochfuhren ins
Lager. Ja, und so kamen wir dann in Ravensbrück, kamen da an, an der
Kommandantur vorbei, und dann am Tor rein. Und da fielen dann schon die ersten
Ausdrücke: ‚Ihr Schweine‘ und ‚Ihr Saupack‘ und so weiter, Ausdrücke, die ich vorher
nie gehört hatte, und musste mir das da mitanhören. Und da bekamen wir auch
schon gleich die ersten Tritte von den Frauen, von den Aufseherinnen, und da
dachten wir: ‚Mensch, wo kommen wir jetzt hin?‘
Sprecherin:
1942 wurde die Österreicherin Antonia Bruha in Ravensbrück interniert, weil sie für
die sozialdemokratischen "Tschechischen Wiener Blätter“ gearbeitet und sich später
einer Widerstandsgruppe angeschlossen hatte. Wie bei vielen anderen Häftlingen
vermerkte die Gestapo – die Geheime Staatspolizei – auch in ihren Papieren kurz
„RU“: Rückkehr unerwünscht. Ein Todesurteil, denn es bedeutete, dass so
Gezeichnete das Lager nicht mehr lebend verlassen durften. Antonia Bruha
überlebte dennoch und erinnert sich noch genau an die Torturen bei ihrer Ankunft im
Lager.
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Antonia Bruha:
Wir wurden zu einem Tisch geführt. Da saß eine Aufseherin. Ein Häftling neben ihr.
Da hat man uns dann den Schmuck weggenommen. Wir mussten uns ausziehen.
Also ganz nackt. Das Gewand abgeben. Und dann haben wir in einem großen Raum
wirklich geduscht. Dann sind wir in einer Reihe gestanden und haben auf den Arzt
gewartet. Dann, nackt natürlich, dann ist der Arzt gekommen und ein paar SSMänner. Er hat sich hingesetzt. Die SS-Männer sind um ihn herumgestanden und die
ganze Untersuchung hat so ausgesehen, dass man sich eigentlich mehr oder
weniger über uns lustig gemacht hat, die alten Frauen verspottet, die jungen
begutachtet. Also, es war ganz furchtbar, das war so entwürdigend, muss ich sagen,
wirklich entwürdigend.
Sprecherin:
Nach dieser sexuellen Erniedrigung erhielten die Gefangenen gestreifte
Lagerkleidung mit ihrer Häftlingsnummer, grobes Wasch- und Bettzeug und
Essbesteck aus Aluminium. Die ausgehändigten Holzpantinen waren meist viel zu
groß und kaum eine Frau konnte darin richtig laufen. Zunächst wurden die
Neuangekommenen in sogenannte Quarantäneblocks gesteckt, erzählt Matthias
Heyl.
Matthias Heyl:
Wo sie dann in der Regel für sechs Wochen noch nicht fest anderen Baracken
zugeordnet waren, noch nicht festen Arbeitskommandos und dann in diesem Status
der Verfügbaren häufig dann die besonders schweren Arbeiten auch zu tun hatten.
Sprecherin:
Antonia Bruha musste schwere Bergwerksloren mit Schutt vollschaufeln, entlang der
Lagerstraße schieben und wieder entladen.
Antonia Bruha:
Ich hab die ganzen Hände wund gehabt. Und da werde ich nie vergessen, die
Schaufel war so schwer. Und hinter mir ist eine Aufseherin gestanden und ein
Anweishäftling. Und wenn man nicht genug geschaufelt hatte, hat die Aufseherin mit
der Peit… mit dieser Peitsche hingeschlagen. Und ich habe eine furchtbar schwere
Schaufel gehabt. Und da hat mit mir eine Russin geschaufelt. Und die hat eine
leichtere gehabt. Die hat die Schaufel mir weggenommen, hat sie die schwere
genommen und mir die leichte gegeben. Dann hab ich einen Tag draußen die Walze
gezogen.
Sprecherin:
Eine dieser tonnenschweren Stein-Walzen ist heute noch in der Gedenkstätte auf
dem ehemaligen Lagergelände zu besichtigen.
Matthias Heyl:
Diese Walze war wie andere Walzen auch im Einsatz, um das Gelände zu planieren,
es gab welche, die von acht, welche, die von zwölf Frauen gezogen wurden, wo
dann zwei Frauen auch immer nebenher laufen mussten mit großen Holzscheiten,
um die im Zweifel abzubremsen, wir wissen, dass das ein besonderes schweres
Arbeiten war und auch eins, bei dem viele Frauen zu Tode gekommen sind, weil
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nicht immer schnell genug abgebremst wurde, also auch viele unter diese Walzen
geraten sind.
[Sprecherin:
Anfangs bestand das KZ Ravensbrück aus 18 langestreckten Holzbaracken. Die in
Haft genommenen Frauen waren in zwölf dieser Baracken untergebracht. Dann gab
es eine mit Stacheldraht abgetrennte Strafbaracke und einen zusätzlichen massiven
Zellenbau, in dem die Gefangenen Strafen in Dunkelarrest absitzen mussten. Eine
von SS-Soldaten bewachte vier Meter hohe Mauer, auf der ein mit Starkstrom
geladener Stacheldraht angebracht war, umgab das Lager und sollte jeglichen
Fluchtversuch verhindern.
OT 09 Matthias Heyl:
Man muss sich vorstellen dass die Baracken anfangs mit jeweils zwei Schlafsälen für
jeweils 150 Häftlinge ausgestattet waren, jeweils zwei Tagesräume, in denen Tische
und Stühle standen, und etwa 20 Waschmöglichkeiten und zehn Toiletten. Also 300
Häftlinge in der Baracke teilten sich dann 20 Waschmöglichkeiten und zehn
sogenannte Toiletten, das waren überwiegend Latrinen.]
Sprecherin:
Ab Kriegsbeginn am 1. September 1939 zwang die SS mehr und mehr Verhaftete
aus den eroberten und besetzten Gebieten in die Konzentrationslager, vor allem
Kriegsgegner, politisch Andersdenkende und jüdische Menschen. Die Zahl der
Einlieferungen überstieg bald bei weitem die Unterbringungskapazitäten der Lager.
So auch in Ravensbrück. Die Frauen mussten sich schon bald nach Inbetriebnahme
des Lagers zu zweit oder zu dritt eine der schmalen Schlafkojen teilen. Bis zu 35.000
Gefangene pferchten die Nazis gleichzeitig ins Lager. Mussten sich 1939 noch 300
weibliche Häftlinge eine Baracke teilen, waren es gegen Ende des Krieges bis zu
2.000. Besonders schlimm wurde es 1944, als nach dem Warschauer Aufstand
Tausende Polinnen ins KZ Ravensbrück deportiert wurden. Für diese Frauen
errichtete man keine neuen Baracken mehr, sondern verfrachtete sie in ein – für ihre
große Zahl – viel zu kleines Zelt. Häftlingskleidung und Bettwäsche gab es da schon
lange nicht mehr, ebenso wenig Essgeschirr und Besteck.
Matthias Heyl:
Dort gab’s auch keine Toiletten mehr, keine dreistöckigen Betten, das war alles sehr
viel einfacher, mit dem Stroh auf dem Boden, wo die Häftlinge kauerten, mit Eimern,
die die Toilettenfunktion übernahmen.
Sprecherin:
Alle drei Tage wurde ein großer Kessel ins Zelt gebracht, aus dem die Gefangenen
mit bloßen Händen wässrige Suppe schöpfen mussten. Oftmals, so weiß Matthias
Heyl aus den Erzählungen einer Überlebenden, kippte der Kessel um.
Matthias Heyl:
Sie sagte, häufig stürzten auch diese Toiletteneimer um, und dann vermengte sich
das aus dem Kessel mit dem, was auf dem Boden war, und wir waren so hungrig,
dass wir aufgeklaubt haben, was wir konnten. Das war ihre Situation dann in der Zeit.
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Sprecherin:
Für viele der internierten Frauen wurden Solidarität und das innere Aufbegehren
gegen die brutale Entmenschlichung durch den Lageralltag zu einer Frage des
Überlebens. So halfen einflussreiche sogenannte Funktionshäftlinge, die von der SS
zur Aufrechterhaltung des Lagerbetriebs eingesetzt wurden und Privilegien besaßen,
durch riskante Umverteilungen von Brot, Kleidung oder Medikamenten immer wieder
schwachen oder kranken Frauen. Manch einer zum Tode verurteilten Inhaftierten
retteten sie das Leben, indem sie die Namen auf den Todeslisten änderten und so
den Weg zur Hinrichtung oder in die Gaskammer verhinderten.
Ravensbrücklied:
Macht die grimmige Kälte uns schluchzen
denn wir haben ja Kleider nur an
dann rufen wir uns ins Bewusstsein
dass die Welt ist voll Feuer und Kampf.
Dass jetzt weinen die Brüder und Schwestern
Vater, Mutter, die Liebsten daheim
doch der Kampf an den Fronten ist heftig
und das Ende naht unserer Pein.
Sprecherin:
[Gegen halb fünf wurden die Frauen geweckt. Eine Stunde hatten sie Zeit, um sich –
in den hoffnungslos überbelegten Waschräumen – zu waschen, das wenige, das sie
bekamen, zu essen, die Betten akkurat zu machen und auf die – ebenso überfüllten
– Toiletten zu gehen. Das Frühstück bestand anfangs aus zwei Scheiben Brot, etwas
Margarine, ein wenig Wurst, Harzer Käse oder zwei Löffeln Ersatzmarmelade. Dazu
gab es eine schwarze Brühe, Lorke genannt, eine Art Ersatzkaffee.]
Als im Laufe des Krieges Nahrungsmittel immer knapper wurden, gaben die
Aufseherinnen den Frauen trotz der zu leistenden Schwerstarbeit nur noch ein
kleines Stück Brot für den ganzen Tag, mittags und abends wässrige
Steckrübensuppe und ab und zu eine Kartoffel oder ein Rübchen.
Hildegard Schäfer:
Hunger, das war das Schlimmste.
Sprecherin:
Hildegard Schäfer, Lagerinsassin aus Bad Kreuznach.
Hildegard Schäfer:
Hunger hatten wir immer. Du hast ja keine richtige Verpflegung gehabt. Ich kann
mich entsinnen, dass wir einmal ein gutes Essen hatten, das war, als Himmler das
Lager besuchte. Und sonst hatten wir ja nur die Steckrübensuppe, ab und zu ein
paar Kartoffelschalen drin, das war unser Essen. Hunger hatten wir immer, sogar
großen Hunger.
Sprecherin:
Nach dem Frühstück mussten alle Häftlinge in Reih und Glied zum Appell antreten.
Abends wurde die ganze Prozedur wiederholt. Egal, ob es regnete, stürmte und
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schneite oder die Sonne erbarmungslos vom Himmel brannte. Die Appelle hatten
mehrere Funktionen. Zum einen, erzählt Matthias Heyl, der pädagogische Leiter der
Gedenkstätte:
Matthias Heyl:
dass die Häftlinge gezählt wurden, dann dass bestimmte Meldungen gemacht
worden sind, dass Häftlinge für Strafen gemeldet wurden und dann aus dem Appell
herausgeholt worden sind, es gab Strafen, die vor den versammelten Häftlingen
vollzogen worden sind, so dass das auch immer ein Moment der Erniedrigung auf
jeden Fall gewesen ist.
Sprecherin:
Die Wuppertaler Kommunistin Waltraud Blass war im November 1943 in
Ravensbrück eingeliefert worden:
Waltraud Blass:
Wehe einer fehlte, dann mussten wir so lange stehen, bis derjenige gefunden war
oder so. Wir haben ja oft Stunden da gestanden. Und da sind ja manche umgekippt,
hungrigen Magen und dann lange stehen, und dann noch grade stehen, war schon
eine Schikane, war es.
Sprecherin:
Die Ärztin Ilse Reibmayr aus dem österreichischen Graz wurde im November 1944
ins Lager gebracht:
Ilse Reibmayr:
Und wenn da jemand zusammengefallen ist, dann haben die beiden anderen von
den Nebenreihen müssen auf jeder Seite die Frau halten, obwohl sie bewusstlos war.
Und so ist es auch vorgekommen, dass Tote auf solche Art gehalten wurden, bis der
Zählappell vorbei war. Man hat sich nicht die Mühe genommen, vielleicht jemanden
weg zu transportieren und den dann dazu zu zählen, sondern man hat verlangt, dass
der Tote ebenso wie der Lebende steht. Das waren diese kleinen gemeinen Tücken,
die dort aber zur Ordnung gehört haben.
Sprecherin:
Ständig waren die weiblichen KZ-Häftlinge der Willkür des SS-Personals ausgesetzt.
Kleinste Abweichungen von der Lagerordnung oder von dem, was den
Aufseherinnen richtig schien, wurden umgehend bestraft: Die Häftlinge wurden
verprügelt, mussten die Kloake ausleeren, sie kamen in Dunkelarrest – oder wurden
gar erschossen.
Auch bei der Zwangsarbeit für die SS-eigene Textil- und Lederfabrikation Texled kam
es immer wieder zu drastischen Strafen. Etwa wenn die hungernden, oft kranken
Frauen die unmenschlichen Produktionsvorgaben nicht einhalten konnten. Die
großen Texled-Werkstätten, in denen Strümpfe gestrickt und Uniformen für die SS
genäht wurden, lagen etwas abseits der Baracken. Hier arbeiteten die Häftlinge in
zwölf Stunden langen Tag- und Nachtschichten.
Die 1917 in Schwäbisch-Gmünd geborene Lieselotte Thumser-Weil musste
Seitennähte von Hosen zusammennähen. Die ausgebildete Krankenschwester, die
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ins KZ gebracht wurde, weil sie sich offen dagegen gewandt hatte, dass behinderte
Kinder in einem kirchlichen Heim getötet wurden, kam mit der Nähmaschine nicht
zurecht und blieb deutlich unter ihrem Soll.
Lieselotte Thumser-Weil:
Zwei, drei Tage haben mir die Kameradinnen geholfen, haben wieder aufgetrennt
schnell und weiter ging‘s, aber dadurch ist unsere Leistung zurückgegangen. Wir
mussten 28 oder 29 Hosen pro Schicht nähen. Und wir waren einfach unter unserem
Pensum. Dann gab es Kostentzug für die Nacht.
[Sprecherin:
Schließlich kam ein Aufseher dahinter.
Lieselotte Thumser-Weil:
Er war wütend, hat mordsmäßig getobt und was mir bis heute – das erlebe ich jetzt in
diesem Augenblick wieder – wie er mich oben an den Haaren gefasst hat und
meinen Kopf auf die Nähmaschine rauf. die Nähmaschine hatte drei Zacken, da hat
er mir meinen Kopf drauf gehauen, so arg das das Blut gespritzt ist und das mir
dieser ganze Teil des Nasenbereichs und des Kieferbereichs beschädigt worden ist.
Also ich habe geblutet und bin dann aus der Schneiderei rausgeflogen.]
Sprecherin:
Die Arbeitskraft der Gefangenen wurde nicht nur von der SS erbarmungslos bis aufs
Letzte ausgebeutet. Von der Zwangsarbeit profitierten neben vielen kleinen und
mittelständischen Betrieben aus der Umgebung auch Großunternehmen.
Matthias Heyl:
Beispielsweise gehört zu den Nutznießern der Zwangsarbeit Daimler Benz, da gab’s
in Genshagen zwischen Ravensbrück und Berlin gelegen ein Werk, wenn man
hineinschaut in die Arbeitseinteilungslisten oder in andere Dokumente, dann findet
man für Ravensbrück wie ja auch für alle anderen Konzentrationslager, dass alle
Unternehmen, die irgendwie wehrwirtschaftlich unterwegs waren, Zwangsarbeit
ausgebeutet haben, auch von KZ-Häftlingen.
Da wird dann Ravensbrück zu einem regelrechten Umschlagplatz für
Zwangsarbeiterinnen. Also es sind aus Unternehmen Vertreter hierhergekommen
und haben fast wie in einer Sklavenbeschau sich die Häftlinge angeschaut. Die Firma
Siemens beispielsweise entscheidet sich dann ’42, hier die Verhandlungen mit der
SS aufzunehmen für die Einrichtung eines eigenen Lagers hier. Man hat bis 1942
noch jüdische Frauen aus Berlin in den Berliner Werken in Zwangsarbeit gehabt, und
der Ersatz wird hier in Ravensbrück gefunden.
Sprecherin:
So entstand südlich des Hauptlagers das sogenannte Siemenslager. In den 20
Montagehallen dort arbeiteten bis zu 3.000 Häftlinge, die jeden Morgen vom
Appellplatz zur Zwangsarbeit ins Außenlager geschickt wurden. Dort stellten sie
unter anderem Teile von Rundfunkempfängern, Funksprechgeräte und Schalter für
U-Boote her – was im Vergleich zu den Schwerstarbeiten draußen eher als leichte
Tätigkeit galt. Die Siemensarbeiterinnen hatten wenigstens ein Dach über dem Kopf
und arbeiteten in geheizten Räumen. Zum Ende des Krieges hin jedoch wurden auch
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die ausgezehrten und ausgemergelten Gefangenen im Siemenslager selektiert. Wer
nicht mehr arbeiten konnte, wurde in die Gaskammer des Lagers Ravensbrück
geschickt.
Matthias Heyl:
Das ist dann die Phase Januar bis April 1945, wo dann hier eine hölzerne Baracke im
Umfeld des Krematoriums, die vorher zur Lagerung von Material genutzt wurde,
abgedichtet wurde und so hergerichtet wurde, dass dort mal 150 bis 180 Häftlinge
vergast werden konnten. Und etwa zwischen fünf- und sechstausend Häftlinge sind
dann dort noch vergast worden. Aber auch in der Phase drum herum wissen wir,
dass in einer Sandgrube Massenerschießungen stattgefunden haben. Ravensbrück
war immer auch ein Hinrichtungsort.
Sprecherin:
Auch im 1,5 Kilometer entfernten "Jugendschutzlager" Uckermark mordete die SS
planmäßig. Das Lager war 1942 für 16- bis 22-jährige Mädchen und junge Frauen
errichtet worden, die als kriminell oder obdachlos, als aufmüpfig oder bisexuell
galten, die sich prostituiert hatten oder sich dem nationalsozialistischen
Unrechtssystem widersetzten. Im Januar 1945 räumte die SS das Jugendlager
größtenteils, um Platz zu schaffen für selektierte ältere, geschwächte und kranke
Frauen aus dem KZ Ravensbrück. Sie bekamen nur noch die Hälfte der ohnehin
spärlichen Verpflegung, wurden nicht mehr medizinisch versorgt und hatten kaum
noch Kleidung am Leib. [Bis zu 50 Frauen starben dort täglich – allein während der
fünf- bis sechsstündigen Appelle in winterlicher Kälte. Noch viel mehr wurden durch
Giftinjektionen und Massenerschießungen umgebracht. So starben insgesamt etwa
6.500 weibliche KZ-Häftlinge grauenvoll in diesem "Jugendschutzlager".]
Zusätzlich wurden Frauen bei medizinischen Experimenten ermordet. Um die
Behandlung verwundeter Frontsoldaten zu verbessern, brachten SS-Ärzte
insbesondere polnischen Frauen absichtlich Wunden bei, die dann mit Bakterien,
Fäulniserregern, Holz- und Glassplittern infiziert und wieder zugenäht wurden, v. a.
um die Wirkung von Sulfonamiden zu testen. Die Versuchsopfer wurden von ihren
Peinigern "Kaninchen" genannt. Sie starben entweder bald nach den Experimenten,
gingen Jahre danach an den Spätfolgen zugrunde oder blieben ihr Leben lang
entstellt oder körperlich versehrt.
Sinti- und Roma-Frauen und ihren Töchtern wurde versprochen, dass sie aus dem
KZ entlassen würden, wenn sie sich sterilisieren ließen. Dann bekamen sie von den
Ärzten verätzende Substanzen in die Gebärmutter injiziert oder ihre Eierstöcke
wurden mit Röntgenstrahlen verbrannt. Antonia Bruha arbeitete im Krankenrevier.
Antonia Bruha:
Das war so entsetzlich. Diese 12-jährigen Mädchen haben gebrüllt vor Schmerzen.
Und die Mutti, die Mütter haben immer gesagt: 'Wein nicht, wir gehen frei, wir gehen
frei'.
Sprecherin:
Viele Frauen wurden auch gezielt mit Injektionen umgebracht. Besonders grausam
ging dabei die Ärztin Herta Oberheuser vor. Sie spritzte Benzin, das die Opfer erst
nach mehreren Minuten und bei vollem Bewusstsein qualvoll sterben ließ. Unter
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ihrem Chef, dem SS-Arzt Gerhard Schiedlausky, war Herta Oberheuser außerdem
verantwortlich für Zwangsabtreibungen, die bei den weiblichen Häftlingen sogar noch
im siebten oder achten Schwangerschaftsmonat vorgenommen wurden.
Dann habe es eine Phase gegeben, so erzählt Matthias Heyl:
Matthias Heyl:
wo die SS sich die Mühe mit den Abtreibungen nicht mehr macht und die Frauen ihre
Kinder zur Welt bringen lässt und sie dann ermordet. Das sind alles Kinder, die keine
Spuren hinterlassen haben.
Sprecherin:
Schon ab 1942 kamen im KZ Ravensbrück die ersten Kinder zur Welt. Es wurde
eigens eine Geburtsstation eingerichtet. Später führten die Ärzte ein Geburtenbuch,
das zwischen September 1944 und April 1945 genau 560 Entbindungen verzeichnet.
Überlebt hat aber kaum ein Neugeborenes, obwohl die meisten trotz entsetzlicher
Mangelernährung der Mütter mit fast normalem Gewicht zur Welt kamen. Die
inhaftierte Ärztin Ilse Raibmayr aus Graz arbeitete auf der Station.
Ilse Raibmayr:
Nur war da auch das Gewebe mit Wasser gefüllt. Also, durch diese wässerige Kost.
Sie waren so aufgeschwemmt. Haben dadurch wunderschön ausgeschaut. Mei, ganz
strahlend schöne Kinder waren das. Wir hatten gewusst, dass das natürlich ein Trug
ist.
Sprecherin:
Matthias Heyl weiß von überlebenden Frauen, dass sie versuchten, die
Neugeborenen mit Wasser am Leben zu erhalten. Sie selber hatten des ständigen
Hungers wegen keine Milch mehr in den Brüsten.
Matthias Heyl:
Dass sie dann mit ansehen mussten, wie die Kinder manchmal innerhalb von
Stunden, manchmal innerhalb von Tagen oder sogar auch Wochen dann hier
zugrunde gingen.
Sprecherin:
Insgesamt haben etwa 30.000 Häftlinge das KZ Ravensbrück nicht überlebt. Sie
gingen elend an Hunger, Kälte oder Krankheiten zugrunde, wurden ermordet, durch
sinnlose Schwerstarbeit bewusst getötet oder in andere Vernichtungslager gebracht.
[Matthias Heyl:
Wir gehen heute also von einer Schätzung bei 30.000 aus, und haben in dem
Totenbuch, in dem Gedenkbuch, das es hier gibt, 13.161 Namen nachgewiesen. Das
Problem ist, dass der Nachweis sehr schwer möglich ist, weil zum Kriegsende die SS
nicht nur sich bemüht hat, viele Zeugen ihrer Verbrechen zu vernichten,
umzubringen, sondern auch viele Zeugnisse noch vernichtet hat.]
Ravensbrücklied:
Also Kopf hoch, bleibt stark, Kameradinnen
kühner singt, haltet durch bis zum Mai!
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Nur noch zwei, drei Torturen ertragen
und die Nachtigall fliegt schon herbei.
Sie wird öffnen das Tor in die Freiheit
von uns nehmen das Streifenkleid
und die Wunden des Herzens uns heilen
und uns trösten und stillen das Leid.
Antonia Bruha:
Es ist so gewesen im Lager, entweder ist man ein Mensch geblieben oder man ist
untergegangen. Und begonnen hat diese Vertrauenssituation mit dem, dass einer
dem anderen geholfen hat. Nicht zuerst im Großen, sondern im Kleinen.
Sprecherin:
Zahlreiche Frauen versuchten, ihre Menschenwürde und persönliche Identität auch
dadurch zu bewahren, dass sie sich kulturell oder künstlerisch betätigten. Sie
fertigten feine Schnitzarbeiten aus Holz oder kleine Plastiken aus Zahnbürsten an,
hielten den KZ-Alltag in Zeichnungen fest und arbeiteten auf ganz unterschiedliche
Weise an der Vermittlung kultureller Bildung. Seit 1941 organisierten vor allem
Polinnen – aber auch Frauen anderer Nationen – heimlich kulturelle Themenabende
mit Theateraufführungen oder Singspielen in den Baracken. Internierte Lehrerinnen
unterrichteten Mädchen und junge Frauen in verschiedenen Fächern und verhalfen
ihnen so zu einer gewissen Schulbildung. Immer bestand die Gefahr, entdeckt und
drakonisch bestraft zu werden. Für viele Frauen war dieser kulturelle Zusammenhalt
ein besonderer Ausdruck ihres Überlebens- und Selbstbehauptungswillens.
Diese Treffen dienten nicht nur der Ablenkung von den Qualen der Lagerwelt, sie
sollten auch auf die Zeit nach dem Lager vorbereiten. Sie waren Teil einer Utopie für
ein neues Leben, erklärt Constanze Jaiser, wissenschaftliche Mitarbeiterin der
Berliner Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas.
Constanze Jaiser:
Es gab sowohl heimliche Vorträge von Frauen, die eben bestimmte Wissensgebiete
abdeckten, als auch Unterricht. Und der Unterricht ist ganz verrückt im Grunde
genommen gelaufen, gerade bei den polnischen Frauen ist es überliefert, dass sie
dachten, wenn wir hier frei kommen, dann müssen unsere Mädchen ja auch n
Schulabschluss haben, damit sie in der Welt irgendwie Fuß fassen können. Und es
kam zu Kleinstgrüppchen, Unterrichtsgrüppchen zum Beispiel während des
Appellstehens.
Sprecherin:
Erstaunlich ist, dass in Ravensbrück vor allem das Schreiben, Rezitieren und
Überliefern von Gedichten den Lagerinsassinnen enorm viel bedeutete. Es spendete
ihnen Trost, ließ sie auf bessere Zeiten hoffen und ermutigte sie, weiter zu leben.
Trotz systematischer Entwürdigung durch die SS versuchten viele der Inhaftierten
immer wieder, sich ihrer Menschenwürde in einer der sensibelsten Formen
sprachlichen Ausdrucks zu versichern. [Mehr als 1.200 in Ravensbrück geschriebene
Gedichte von Frauen aus 15 Nationen konnte Constanze Jaiser bisher nachweisen.
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Constanze Jaiser:
Es war unmöglich, dass eine Frau allein n Gedicht retten konnte über die Lagerzeit.
Da mussten auch immer andere helfen. Es gab immer Mitwisserinnen, es gab
welche, die haben´s dann mal bei sich in die Wäsche gesteckt oder unterm Dach in
die Ritze geschoben. Nee, es war überhaupt nicht erlaubt, und es gibt Berichte, die
ich im Archiv gesehen habe, Prügelstrafe, wenn jemand mit einem Gedicht erwischt
wurde. Oder bei einer Frau ist überliefert, die kam in den sogenannten Bunker, das
lagereigene Gefängnis, Einzelhaft ohne Essen. Also, lebensgefährlich konnte das
sein.
Sprecherin:]
Den beiden Tschechinnen Vera Hozáková und Vlasta Kladiová gelang es, unter dem
Titel "Europa im Kampf 1939-1944" in Ravensbrück eine internationale
Gedichtanthologie zusammenstellen. Darin finden sich neben etwa 50 im KZ
geschriebenen Gedichten von Häftlingen aus 15 Nationen auch mehrere
Zeichnungen.
Vera Hozáková trug dieses kleine Buch über Monate unter ihrer Kleidung. Ein
lebensgefährliches Versteck, das die SS jedoch nicht entdeckte, so dass diese
internationale Gedichtsammlung nach der Befreiung des Konzentrationslagers als
wertvolles Dokument der Nachwelt erhalten blieb. Darin findet sich auch das 1943
entstandene Gedicht Die Traubenkirsche der Tschechin Anicka Kvapilovà.
Zitatorin:
Nein, hier blüht keine weiße Traubenkirsche,
der räudige Hund heult auf dem Kreuzweg der Qualen.
Wohin du auch gehst, abgekommen bist du von dem Pfad,
nein, hier blüht keine weiße Traubenkirsche
in der Einsamkeit der taufeuchten Wiesen.
Die verfaulten Lilien weinen in dem Sand der Wege,
Die Zeit tropft mit Blut langsam in das Moos,
die Sternenwasserfälle glühen vor Schmerz,
die verfaulten Lilien weinen in dem Sand der Wege
und saugen aus dem Winde Trost.
Ein verlassener Turm schlummert im Morast,
die Glocken sind erstickt vor Gram,
ich nehme dich an die Hand, wenn du magst.
Ein verlassener Turm schlummert im Morast,
und alle Türen sind zugesperrt.
*****
(Die Passagen in [eckigen Klammern] mussten aus Zeitgründen gestrichen werden.)
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