SWR2 Tandem - Manuskriptdienst Almanci Ein Einwandererkind

SWR2 Tandem - Manuskriptdienst
Almanci
Ein Einwandererkind wandert aus
AutorIn:
Nina Bust-Bartels
Redaktion:
Fabian Elsäßer
Regie:
Felicitas Ott
Sendung:
Donnerstag, 02.06.16 um 10.05 Uhr in SWR2
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Atmo 01 (Markt unten)
Regie: Marktschreier kurz frei stehen lassen, dann runter und Erzähler drüber
Erzähler
Berge praller roter Tomaten, leuchtende Clementinen, duftende Bündel mit frischen
Kräutern: Der Wochenmarkt im Istanbuler Stadtteil Beşiktaş ist berühmt für seine große
Auswahl. Dileks Blick schweift über die Stände. Mit ihren 28 Jahren ist sie jünger als die
meisten hier. Ihre langen braunen Haare fallen über ihren schwarzen Mantel.
Zielstrebig geht Dilek auf einen der Händler zu. Sie kennt sich aus, weiß bei wem die
Orangen besonders süß sind und wo sie kurz vor Feierabend das beste Schnäppchen
machen kann.
O-Ton 1
Dilek: Es wird vieles in der Türkei angepflanzt. Die Bananen sind von der Türkei. Da ist,
ich glaub, weniger etwas was ich jetzt vom Ausland hier sehe.
Erzähler
Dilek lebt seit 11 Jahren in Istanbul, aufgewachsen aber ist sie in Betzdorf in RheinlandPfalz. Ihre Großeltern waren unter den ersten der sogenannten Gastarbeiter, die in den
1960er Jahren nach Deutschland kamen.
Dilek ist eine Almanci, so heißen hier in Istanbul die Kinder, deren Eltern einst aus der
Türkei nach Deutschland gingen und die nun in die alte Heimat ihrer Eltern
zurückkehren. Almanci ist eine Wortschöpfung aus Aleman, dem türkischen Wort für
Deutsche, und Yabanci - Ausländer. Almanci wie Dilek sprechen türkisch, haben oft
türkische Namen und sind doch irgendwie deutsch, irgendwie Ausländer hier.
O-Ton 02
Dilek: Die erste Zeit, die ersten Monate, vielleicht das erste Jahr noch hat man’s auch
recht an meinem Türkisch gemerkt, dass ich aus dem Ausland komme und ich musste
dann immer schon dem Händler sagen, ich bin Einheimische, ich bin kein Tourist, bitte
keine Touristenpreise. Und jetzt die Jahre, kommt mir kaum noch vor, dass mir das
angemerkt wird.
Erzähler
Der Markt wird immer samstags in einem doppelstöckigen Parkhaus aufgestellt. Dilek
macht noch einen Abstecher auf das obere Deck. Hier gibt es Kleidung zu kaufen, und
die Kunden sind viel jünger als einen Stock tiefer. Dilek bleibt an einem Stand mit TShirts stehen.
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Atmo 02 (Markt oben)
O-Ton 03
Dilek: Also fünf Lira, das sind ungefähr keine zwei Euro, das kriegt man glaube ich nicht
mehr auf einem Wochenmarkt in Deutschland. Vor allem für die Qualität, also die haben
auch echt recht gute Qualität hier auf den Wochenmärkten, muss man gestehen, weil
die Menschen legen da schon Wert drauf.
Atmo 03 (Dilek spricht mit Verkäufer am T-Shirtstand)
Regie: Atmo 07 kurz frei stehen lassen
O-Ton 04
Dilek: Sehr viel Ware, die für Europa produziert wurde, aber dann doch nicht mehr
exportiert wurde. Deshalb kriegt man auch hier sehr gute Ware teilweise von
bestimmten Marken, die dann als Überproduktion gelten und die dann auf dem Markt
landen am Ende, weil sie halt nicht exportiert wurden.
Atmo 04 (Tee, Fans)
Erzähler
Als Dilek den Markt verlässt, schallt schon der Gesang der Fussballfans durch das
Viertel. Wie im Rest Istanbuls spielt auch hier in Beşiktaş ein Großteil des Lebens
draußen auf den Straßen. Heute spielt der berühmte Fussballclub des Viertels, an den
auch der ehemalige VfB-Stürmer Mario Gomez derzeit ausgeliehen ist. Fussball ist eine
leidenschaftliche Angelegenheit in Istanbul. Und so haben alle Cafés und Bars einen
Fernseher auf die Straße gestellt und die Fangesänge kommen nicht nur aus den
Lautsprechern, sondern auch direkt von den Bürgersteigen und aus den Cafés.
Bevor sie nach Hause geht, will Dilek noch einen Çay trinken und einen Blick auf den
Spielstand werfen. Auch sie interessiert sich für Fussball.
Dilek bewegt sich ganz selbstverständlich, hält hier einen kurzen Plausch mit dem
Kellner, scherzt da mit dem Straßenverkäufer. Es scheint, als wäre Istanbul ihre Heimat.
O-Ton 05
Dilek: Das ist eines der schwierigsten Fragen für mich in meinem Leben allgemein zu
beantworten, weil ich weiß es nicht, was meine wahre Heimat ist. Es ist in drei gespalten
durch die Kultur von der türkischen Minderheit, das in Deutschland geboren und
aufgewachsen zu sein, die deutsche Kultur und dann aus Griechenland allgemein die
Kultur. Speziell hier mag ich die Frage überhaupt nicht, wenn die Menschen mich
fragen, ah wo kommst du denn her, also aus welchem Teil von der Türkei? Und ich
muss dann immer sagen, ich komm nicht aus der Türkei. - Ja wie? Du sprichst aber
doch türkisch, aber du hast doch einen türkischen Namen.
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Atmo 05 (Tee bestellen)
Erzähler
Deutschland, Türkei und Griechenland. Dilek spricht drei Muttersprachen, hat drei
Heimaten. Ihre Großeltern gehören zu der türkischen Minderheit, die sich im 14.
Jahrhundert im europäischen Teil des Osmanischen Reichs ansiedelte und bis heute in
Griechenland lebt. Während ihrer Kindheit in Betzdorf in Rheinland Pfalz sprachen
Dileks Eltern mit ihr türkisch und untereinander griechisch. Mit Freunden, Nachbarn und
in der Schule sprach Dilek deutsch. Zwischen Sprachen hin und her zu springen,
verschiedene Kulturen zu verbinden, das war für Dilek schon immer Alltag.
O-Ton 06
Dilek: Wir sind viel weltoffener in Deutschland immer großgeworden, muss ich so sagen,
also dass wir auch unter mehreren Fremden groß geworden sind. Nicht nur türkische
oder deutsche oder griechische, sondern von aller Welt, das sich da Leute zusammen
gegeben haben und dort leben. Das ist eine große Vielfalt, man ist viel weltoffener und
die Einstellung ist recht anders.
Erzähler
In dieser Vielfalt fühlte Dilek sich wohl. Sie ist gerne in Deutschland aufgewachsen, hatte
eine glückliche Kindheit. Und doch war da immer dieses Gefühl, anders zu sein.
O-Ton 07
Dilek: Auch wenn ich ab und zu in den Schuljahren ein paar Diskriminierungen erleben
musste, aber ansonsten war’s im Allgemeinen immer recht freundlich. Das ist im
Unterbewussten auch eher, man gehört halt nicht dazu. Auch wenn ich mich wirklich
deutsch fühle, ich bin nicht deutsch. Es fängt schon ganz einfach mit dem Namen an,
also da muss man eigentlich gar nicht so weit gehen. (..) Der Name ist nicht deutsch,
das ist die erste Identität mit der man erkannt wird und dann geht’s weiter mit der
Familie und allem. Also, dass ich nicht wirklich sagen kann, ich gehöre dazu.
Erzähler
Aber hier in Istanbul kommt es trotzdem immer wieder: Heimweh. Nach Deutschland,
das doch eigentlich nie Heimat war. Wie kann das sein?
O-Ton 08
Dilek: Da dachte ich eher, dass ich mich wohlfühlen werde. Aber nachdem ich hier
hergekommen bin, habe ich doch eher gemerkt, wie fremd ich dem hier bin und was mir
eigentlich wirklich zum Leben dazu gehört, ist das das ich dort mein Leben lang gesehen
habe und erlebt habe.
4
Erzähler
Wenn das Heimweh kommt, geht Dilek am liebsten in eine Kirche. Sie ist Muslima, aber
Kirchen erinnern Dilek an Deutschland, an ihre Kindheit, wo sie mit ihrer Grundschule
manchmal in den Gottesdienst ging.
O-Ton 09
Dilek: Für mich Gotteshaus ist Gotteshaus, ob es die Kirche ist, ob es die Moschee ist,
es ist einfach Gottes Haus, da macht es für mich gar keinen Unterschied. Es tut mir gut,
auch ab und zu in die Kirche zu gehen. Wenn ich manchmal schlecht gelaunt bin und
hab ne Kirche auf dem Weg, dann sag ich, ok geh rein, mach ne Kerze an und fühl mich
danach auch viel besser wieder.
Atmo 06 (Raumpause Dilek)
Erzähler
Dilek wohnt in einer der ruhigen Seitenstraßen von Beşiktaş. Ihr Wohnzimmer hat sie mit
einer Freundin blau gestrichen, auf den Fotos an den Wänden strahlt Dilek mit ihren
Freundinnen aus der Kindheit in Deutschland in die Kamera. Männer sind nicht zu
sehen. Am Ende ihres Studiums war Dilek für ein paar Jahre verheiratet, inzwischen ist
sie geschieden und eigentlich auch noch viel zu jung, um sich schon festzulegen, findet
sie. Ihre Eltern unterstützen Dilek, in all ihren Entscheidungen. Das gibt ihr Kraft.
Dilek sitzt auf dem grauen Ecksofa, neben ihr Fatma, ihre Mutter: braune Haare, ein
rundes warmes Gesicht.
Musik (Sevemedim Kara Gözlüm)
O-Ton 10
Dilek: Es ist eines unserer meist geliebten Lieder zwischen uns beiden. Es heißt
sevemedim kara gözlüm und bedeutet: konnte dich nicht lieb haben, mein
Dunkeläugiger.
O-Ton 11
Mama ist für mich das einzige Wahre im Leben. (Fatma lacht) Auch wenn ich sie ganz
oft traurig mache, wenn ich mich nicht melde bei ihr und weiß, dass sie dann immer
sauer ist auf mich. Aber Mama ist das Unverzichtbare im Leben, also ich könnte auf
jeden anderen Menschen verzichten, aber nicht auf meine Mama.
Erzähler
Fatma schaut ihre Tochter mit liebevollem Blick an. Auch sie kann sich ein Leben ohne
ihre Tochter nicht vorstellen.
Als Dilek vor zehn Jahren - damals fast noch ein Kind - beschloss nach Istanbul zu
gehen, konnte Fatma es nicht ertragen, ihre Tochter so weit weg zu wissen.
5
O-Ton 12
Fatma: Dilek, wenn du Mama wirst, dann kannst du mich verstehen, wie Mama ist. Das
Mamaherz ist ganz anders.
Erzähler
Der Grund, wieso Dilek ging, ist kompliziert. Es hat viel mit dem unterbewussten Wissen
zu tun, nicht dazuzugehören, mit Gefühlen, die sich nicht auf konkrete Ereignisse
zurückführen lassen. Aber den Auslöser, den kennt Dilek ganz genau. Es begann mit
ihrer Leidenschaft für Medizin.
O-Ton 13
’
Dilek: Als Kind habe ich nicht Kinderbücher gelesen, sondern immer die Bücher von
Papas Studium die ganzen Bücher durchgekramt mit den ganzen Bildern und immer
gefragt, was ist das und was ist dies. Das war immer schon interessant für mich.
Erzähler
Und jetzt leuchten die Augen, auch heute noch. Dilek wollte immer schon
Krankenschwester werden. Nach ihrem Realschulabschluss bot ihr das Krankenhaus in
Siegen ein Langzeitpraktikum an - sechs Monate, Schichtdienst. So richtig früh
aufstehen. Aber Dilek wusste: das ist das, sie ich machen will.
Nach sechs Monaten unbezahlter Arbeit bewirbt sie sich für einen Ausbildungsplatz in
diesem Krankenhaus.
Sie wird abgelehnt.
Das Krankenhaus ist ein christliches. Dilek als Muslima darf hier nicht arbeiten zumindest nicht für Geld.
O-Ton
14
Dilek: Ich kann mich noch.. Die Absage kam als Brief nach Hause und ich… oh. Ich
habe Tage lang, das Wochenende war nur am Weinen, weil das hat mir so weh getan,
nach der ganzen Arbeit, die ich da geleistet habe. Es war wirklich nicht einfach, speziell
der Punkt, dass ich weiß, es kommt nicht von meiner Leistung her, weil ich gute
Leistungen gebracht habe, weil ich einen guten Schulabschuss hatte. Es war einfach
meine Identität, die das nicht erlaubt hat.
Fatma: Das war sehr schwer dann. Wie ich auch gesehen habe, dass meine Tochter
sich so gequält hat und geweint, da habe ich gesagt, ›ist ok, ich lasse es, jetzt kannst du
nach Türkei.‹
Erzähler
Bis heute kann Dilek nicht verstehen, warum ihre Religion ein Hindernis gewesen sein
soll. Im Gegenteil:
6
O-Ton 15
Dilek: Das war halt auch etwas, was sie eigentlich sehr gebraucht haben, weil ich hab
Tage gehabt, wo die mich von anderen Stationen die ganze Zeit hin und her gerufen
haben, weil die hatten Patienten, die kein Deutsch sprechen konnten. Ich hab eine
Patientin gehabt, die lebte seit 40 Jahren in Deutschland und konnte einer einfachen
Frage nicht antworten.
O-Ton
16
Fatma: Yavrum heißt mein Kind. Das ist mein Kind, mein Yavrum.
Erzähler
Fatma legt den Arm um ihre Tochter und zieht sie auf der Couch zu sich heran. Ihre
Hand streicht durch Dileks Haare.
h e , b ’12’’ Di l
)
Erzähler
Zwischen Dileks langen schwarzen Haaren versteckt sich eine blond gefärbte Strähne.
Regie: Atmo bei 0’12’’ kurz frei stehen lassen:
Fatma: Was hast du denn wieder gemacht, Dilekchen?
Dilek: Hab ich doch schon lange.
Fatma: Na dat war ja blau.
Dilek: Ja die Farbe ist halt nur weg, jetzt ists blond.
Fatma: Ach du liebes bisschen.
Erzähler
Wie alle Mütter, kennt auch Fatma diesen Punkt, an dem die Kinder eigene
Entscheidungen treffen. Entscheidungen, die man selbst nicht unbedingt gut findet.
O.Ton 17
Fatma: Wie Dilek sich vom Krankenhaus-Bewerbung hat die Absage gekriegt und dann
habe ich gesagt, ist gut mein Mädel. Ich drück meinem Herz einen Stein, schick ich dich,
aber war für mich schwer, war sehr schwer.
O-Ton 18
Dilek: Es war dann auch .. Die Mama hat das dann irgendwann auch wirklich gesehen,
mir geht’s dann nicht mehr gut, weil ich das nicht so einfach verarbeiten konnte und das
erste was wir abgemacht hatten, war ja nur für ein Jahr hierher zu kommen. So hatte ich
die dazu überredet.
Fatma: Ja so hat sie es gemacht.
7
Erzähler
Dilek fängt an zu studieren, sie fühlt sich wohl in Istanbul, wird selbständig – und
erwachsen. Fatma fährt in den folgenden Jahren immer wieder zu Dilek nach Istanbul –
sooft sie Urlaub bekommt, besucht sie ihre Tochter. Aber die Sehnsucht bleibt. Wenn
Fatma zurück nach Deutschland fährt, plant sie in Gedanken schon den nächsten
Besuch. – Und mit der Zeit werden ihre Besuche länger, die Abstände kürzer.
O-Ton 19
Fatma: Damals hat mir auch mein Mann gesagt, wenn du einen Monat Türkei Istanbul
verbringst, dann kommst du nicht nochmal zurück. Dann war’s auch so.
Erzähler
Fatma kündigt ihre Arbeit und beschließt zu Dilek nach Istanbul zu ziehen. Nach fast 40
Jahren in Deutschland will sie zurück in die Türkei.
Und Dilek? Wie findet sie es, dass ihre Mutter plötzlich vor der Tür steht und sagt »ich
bleibe«?
O-Ton
20
Fatma: Nicht gut.
Dilek: (lacht) Also ich hatte eine verdammt schöne Zeit an der Uni, halt wie das so ist als
Student, Familie finanziert, wohne alleine, muss nicht in einer WG oder muss nicht
irgendwie in einem Studentenwohnheim.. ja und hatte meine Freiheit, konnte Party
machen, was ich wollte, konnte mich einfach in Istanbul ausleben. Ja und dann auf
einmal sagte die Mama: ›jetzt komme ich und jetzt bleibe ich aber hier.
Fatma: Dann war aber schwer für die Dilek.
Dilek: Das war super anstrengend die erste Zeit vor allem, weil ich war einfach die
letzten drei Jahre frei, musste niemandem melden, wann ich nach hause komme,
musste nicht Bescheid sagen, wo ich hingehe, was ich mache, war einfach alleine. Und
auf einmal kam die Mama und die fragt dann jeden Tag ›wo gehst du hin? Wann
kommst du morgen von der Uni? Wer ist das, wer ist dies? Welche Freundinnen sind
das?
Erzähler
In der ersten Zeit wohnte Fatma bei Dilek, da blieben die Reibereien nicht aus. Dilek war
erwachsen geworden, hatte mehrere Jahre selbstständig in Istanbul gelebt und jetzt
sollte sie wieder in die Rolle eines Kindes schlüpfen? Mutter und Tochter mussten ihre
Beziehung neu verhandeln.
Mittlerweile hat Fatma aber eigene Wohnung und ihr eigenes Leben in Istanbul. Dilek
hat mit ihrer Entscheidung, nach Istanbul auszuwandern auch Fatma ermöglicht, ihr
Verhältnis zu ihren Heimatländern neu zu ordnen.
8
O-Ton 21
Fatma: Aber jetzt sage ich, gut dass Dilek nach Istanbul gekommen ist. Damals wollte
ich nicht, aber danach habe ich gesagt, Gottseidank gut dass du nach Istanbul
gekommen bist. Hier habe ich einen Chor und mir geht es sehr sehr gut. Wenn ich nach
Deutschland, da bin ich wieder wie eine schwarze Loch drin.
Regie: Gesang von 42 Atmo kurz stehen lassen
O-Ton 22
Fatma: Ich habe sehr viele Freunde hier gefunden. Ich kann mich mit allen auch sehr gut
verstehen und so erwarte ich, dass der Dienstag und Donnerstag schnell kommt, damit
ich auch hier hinkomme, das macht mich auch dann glücklich so.
Atmo 09 (Chor-Raum mit Gesprächen und Kanun)
O-Ton 23
Fatma: Also hier wenn du Sorgen, Probleme hast und bist unter den Leuten zusammen,
dann ist das alles weg.
Erzähler
Der Chor, in dem Fatma singt, probt im Vereinsheim eines lokalen Sportvereins. Der
Raum ist groß und kalt, in der Ecke liegen die Trikots der Fußballmannschaft und grelles
Neonlicht spiegelt sich in den Pokalen an der Wand. Für die Proben haben sie die
Tische an die Wände geschoben, die Stühle im Halbkreis aufgestellt. Fatma und die
anderen haben ihre Jacken angelassen. Während der Kanunspieler sein Instrument
stimmt, begrüßen sich die Frauen aus dem Chor. Ein Kanun ist ein harfenähnliches
Zupfnstrument, ein Vorläufer der europäischen Zither.
O-Ton 24
Fatma: Musik ist für mich auch ein Heimat, also in vielen Lieder, wenn ich singe das ist
für mich gedacht, wie mein Leben.
O-Ton 25
Fatma: Ich habe gerne noch mehr solches Lieder gesungen, wenn ich traurig bin und
wenn ich auch glücklich war, habe ich auch solche Lieder gesungen. Jetzt kommt die
Chor.
O-Ton 26
Fatma: Dieses Lied gefällt mir und ich singe auch sehr gerne. Und als Kind habe ich
auch gerne mit mein Bruder in Griechenland haben wir gerne gesungen. Und dann
haben wir mit meinem Bruder solches trauriges Lieder immer gesungen.
9
Erzähler
Für Dilek und Fatma ist es wichtig, dass jede ihr eigenes Leben und ihre eigenen
Hobbys hat. In den Jahren nachdem Fatma zu Dilek nach Istanbul zog, ist aus der
Mutter-Tochter Beziehung immer mehr eine Freundschaft auf Augenhöhe geworden.
Atmo 10 (Park)
’
O-Ton 27
Dilek: Das Mama-und-Kind-sein ist natürlich da, Mama möchte mich immer noch
heutzutage jeden Moment in Schutz nehmen und regieren teilweise, aber jetzt ist es
mehr, dass sie auch sieht, ich bin älter geworden, ich bin erwachsen geworden, treffe
meine eigenen Entscheidungen und sie vertraut mir auch mehr.
Erzähler
Dilek sitzt in dem Park in ihrem Viertel. Eigentlich würde sie gerne viel öfter hier sitzen,
aber Dilek muss wie in der Türkei üblich sechs Tage die Woche arbeiten. Sie arbeitet für
eine Firma, die online-Buchungssysteme für Fluggesellschaften programmiert. Aber
heute ist Samstag und einer der letzten schönen Tage im Jahr, obwohl schon
Dezember, die Istanbuler Sonne ist noch stark. Die Bank steht in der Sonne und Dilek
hat ihren Mantel geöffnet. Hinter ihr spielen Kinder Fußball.
Dilek kommt gerne hier her.
Dileks Vater lebt noch in Betzdorf, dem Ort in Rheinland-Pfalz, in dem Dilek
aufgewachsen ist. Erst vor ein paar Tagen war er noch zu Besuch in Istanbul. Seit
Fatma in die Türkei gezogen ist, kommt er häufig. Oder sie treffen sich in Griechenland
oder in ihrem Haus in Betzdorf. Dilek hat auch zu ihrem Vater eine ganz besondere
Beziehung.
O-Ton 28
Dilek: Mein Papa ist etwas ganz spezielles für mich, weil er immer auch als er uns
großgezogen hat wie ein Freund zu uns gewesen ist und egal was gefragt wurde.
Er hat uns immer Erklärungen gegeben, es gab nie die Antwort ›Nein, du kannst nicht.‹
Es wurde gesagt, wieso man nicht kann und das war immer so das Tolle mit Papa, dass
man so schön kommunizieren konnte.
Und wir haben es mit Papa geliebt, abends zu Hause zu sitzen und über die ganze Welt
und über Politik und alles mögliche zu diskutieren, uns auszutauschen. Er hat immer viel
Wert drauf gelegt, auf meine Meinung, auch wenn ich das Kind von ihm bin, war es
immer sehr wichtig für ihn, dass ich überhaupt meine Meinung äußern kann, was leider
ich sagen muss in der türkischen Gesellschaft überhaupt nicht der Fall ist. Dort haben
die Eltern immer recht und die Kinder dürfen gar nicht ihre eigene Meinung bilden. Das
was die Mama oder der Papa, vor allem der Papa dann sagt, gilt als Gesetz quasi
10
sozusagen und bei uns war das ein ganz großer Unterschied mit Papa, wir durften uns
über alles frei äußern, Papa war der der mich damals in der Grundschule aufgeklärt hat,
mit Papa konnte ich über alles reden und kann es immer noch.
Erzähler
Dilek ist ein politischer Mensch, in Deutschland war sie bei den Grünen aktiv. Das hat
sie von ihrem Vater.
O-Ton 29
Dilek: Und da hatten wir immer viel auch worüber wir mit Papa dann diskutieren
konnten, wo wir beide verschiedene Meinungen hatten und am Ende hab ich dann
eigentlich gewonnen, nachdem ich hierher gezogen bin, ist der Papa zu den Grünen,
hatte er rüber gewechselt und war auch wieder aktiv dort in der Stadtverwaltung als
Mitglied. Es war sehr schöne Zeiten und es ist auch etwas, was mit fehlt, politisch aktiv
zu sein, was nicht mehr so einfach möglich ist in der Türkei.
Erzähler
In den letzten zehn Jahren hat sich viel verändert in der Türkei, sagt Dilek. Das Land ist
viel polarisierter geworden. Das merkt Dilek auch im Alltag.
O-Ton 30
Dilek: In den ersten Jahre in denen ich hier hergekommen bin, konnte ich mich viel freier
kleiden und agieren, wie ich wollte, aber jetzt geht es immer weiter zurück und der
Druck, der politischen Situation heute ist viel stärker geworden, dass man.. entweder
hält man zu der Regierung oder der Partei oder man ist komplett dagegen und wird wie
ein Feind behandelt. Also es gibt hier kein grau, entweder ist es weiß oder schwarz.
Erzähler
Dilek zieht den Mantel wieder über ihre Schultern und steht auf. Die Sonne geht
langsam unter und dann wird es sehr schnell kalt. Außerdem will Dilek heute noch zu
ihrer Mutter fahren.
Auf dem Weg zur Bushaltestelle liegt eine deutsche Bäckerei. Die Inhaberin hat ihren
Meister in Mannheim gemacht und verkauft nun nach deutscher Backtradition Brote und
Kuchen in Istanbul.
Dilek vermisst das deutsche Vollkornbrot, Brezeln und Käsekuchen und kauft deswegen
gerne hier ein.
Atmo 11 (Bäckerei)
O-Ton 31
Dilek: Direkt an der Scheibe außen alles auf deutsch: helles Mischbrot, Bauernbrot. Das
riecht schon nach Deutschland, ja. Wunderschön. Haben sie auch wirklich Käsekuchen,
ja sieht schon recht nach Käsekuchen aus. Also ich könnte jetzt vor Freude in die Luft
11
springen, also ich kann mich jetzt gar nicht entscheiden, ich sehe den Käsekuchen, ich
sehe den Bienenstich, ich sehe hier so vieles, Streuselkuchen, das ist der Wahnsinn
gerade für mich. Jetzt schauen wir erstmal nach Brot. Ne ekmek nede var?
Atmo 12 (Bäckerei)
O-Ton 32
Dilek: Bienenstich ist die Lieblingstorte von der Mama. In der Schwangerschaft für mich
hat sie übertrieben viel Bienenstich gegessen. Bin jetzt gespannt, was ihre Reaktion sein
wird, wenn sie an ihre Schwangerschaft vor fast 28 Jahren erinnert wird.
Atmo 14 (Ankommen bei Fatma)
Erzähler
Fatmas Wohnung liegt in Çapa, dem Altstadt-Viertel von Istanbul. Dilek klingelt und läuft
die Treppen hoch - den Bienenstich in der Hand.
Fatma umarmt ihre Tochter. Die beiden sehen sich jede Woche. Und doch begrüßen sie
sich so herzlich, als hätten sie sich Monate nicht gesehen.
O-Ton 33
Dilek: Ich liebe das. Ich liebe zu Mama zu kommen und dann einfach hier nichts zu
machen, einfach auf der Couch rumzuliegen und Mamaessen zu haben. Weil es
schmeckt eben immer anders, also nichts ersetzt Mama seine Küche.
Atmo 15 (Raumpause mit Geschirrgeklapper)
Erzähler
Dilek hat sich auf eines der beiden Sofas im Wohnzimmer fallen lassen. Die Wohnung
ist hell und auf eine gemütliche Art und Weise vollgestopft, an den Wänden hängen
Familienfotos. Wie immer wenn Dilek kommt, hat Fatma gekocht. Es gibt Eintopf mit
Würstchen. Der Eintopf ist türkisch und die Würstchen deutsch. Immer wenn Fatma in
Deutschland ist, bringt sie ihrer Tochter Würstchen mit. Auch für Fatma sind die
Würstchen eine Kindheitserinnerung, denn sie ist mit 12 Jahren nach Deutschland
gekommen.
O-Ton 34
Fatma: Meine Eltern damals sind in Deutschland, weil brauchten Arbeit, brauchten Geld.
Deutschland brauchten Arbeiter und wir brauchten den Geld. Das war ja arme Land
damals - wie jetzt auch, jetzt Griechenland auch wieder.
12
O-Ton 35
Fatma: Ich hatte keine Unterstützung, weil meine Eltern konnten auch nicht richtig
deutsch. War für mich wie eine Hölle, war nicht gut, war nicht schön für mich.
Erzähler
Deswegen konnte Fatma auch verstehen, dass ihre Tochter mit 17 in die Türkei ziehen
wollte. Sie verstand, dass Dilek nicht mehr anders sein wollte.
O-Ton
36
Fatma: Wie ich damals in Deutschland Schule gegangen, meine Schulkameraden haben
Geschenke gekriegt, Ostern oder Weihnachten und wir Türken, also muslimische
Kinder, die kriegen ja so etwas nicht. Dann hat mich so innerlich getroffen, habe ich
dann gesagt, wenn ich später heirate und ich hab Kinder, ich werd mein Kinder egal in
welchem Land ich bin, ich werd mein Kinder an diesem Land passend großziehen. Ich
hab alles gemacht, an Nikolaus, die haben mir dann schöne Briefe geschrieben, unter
die Fußmatte hin draußen, und wie die morgens Tür aufgemacht haben, haben sie sich
dann so gefreut und haben auch in der Schule mit zusammen mit den anderen Kindern
erzählt. Und das war auch schön so. Aber wie ich damals das war net schön, ich habe
immer gesagt, mein Gott, warum ich, warum wir nicht so?
Erzähler
Die Erfahrung des Anders-seins teilen Fatma und Dilek. In den Jahren in Deutschland
haben sie die Erfahrungen gemacht, dass es durchaus einen Unterschied macht, ob sie
für Griechinnen gehalten wurden oder für Türkinnen.
O-Ton
37
Dilek: Der erste Augenblick war der Name, aber sobald das deutsche Umfeld das gehört
hat, dass wir griechisch sind, war es total anders, also wie die mit uns umgegangen
sind. Viel freundlicher, viel toleranter. Definitiv, muss ich sagen. Also wir hatten auch als
Familie den Vorteil, dass wir dann als griechisch gesehen wurden und behandelt
wurden.
Fatma: Ja, so war das.
Erzähler
Auf der Straße oder beim Einkaufen auf dem Markt werden Dilek und Fatma ganz
selbstverständlich für Türkinnen gehalten. Aber bei Freunden und Bekannten, sobald
man sich etwas besser kennt, sind sie die Deutschen. Dann werden ihnen ihre
Eigenschaften als deutsch ausgelegt.
O-Ton 38
Dilek: Da war ja immer schon, wir wurden immer schon da in Deutschland als Griechen
abgestempelt, jetzt werden wir hier als Deutsche abgestempelt quasi. Die deutsche
13
Dilek oder die deutsche Fatma.
Fatma: Ja ich komme von da, aber ich bin ja jetzt hier. Ich hab meine Name, die
brauchen nur Fatma sagen, nicht aber von Deutschland oder von Griechenland. Fatma.
Dilek: Es ist immer so ein Etikett welches an uns drangehangen wird, man wird’s nicht
los und deshalb kann man einfach sich auch nicht wirklich hier einheimisch fühlen, man
ist immer noch teilweise fremd, weil man immer damit auch abgestempelt und etikettiert
wird, dass man.. Also hier sind wir die deutschen und in Deutschland waren wir die
Griechen.
Erzähler
Dilek und ihre Mutter sind selbstbewusste und eigenständige Frauen. Sie wissen, was
sie wollen. Und machen es dann auch. Diese Eigenschaft wird ihnen häufig als sehr
deutsch ausgelegt. Dabei war auch schon Dileks Großmutter eine starke Frau - auch
wenn sie nicht in Deutschland aufgewachsen ist.
O-Ton 39
Fatma: Meine Mutter hat immer eins gesagt, ich hab das von meine Mama: Wenn ich
mein Kind unter zwanzig Männern rein lasse, ich weiß, wie mein Kind raus kommt. Wie
soll ich denn jetzt sagen, kannst du mir dann unterstützen, Dilek?Dilek: Die Mama will
einfach nur damit zum Ausdruck bringen, die Frau kann sich auch selber schützen, also
die braucht keinen Mann, der sie in Schutz nimmt, die Frau ist die Frau in sich selbst.
O-Ton
40
Dilek: Die Mama, die hat auch jahrelang, in denen sie gearbeitet hat sich auch immer
ganz gut durchgesetzt und das habe ich von der Mama gut gelernt, also ich habe damit
überhaupt gar keine Schwierigkeiten, mich auch gegenüber Männern durchzusetzen.
Das ist halt auch ein Punkt, hier wird auch oft gesagt für die Mama, das ist die, entweder
die deutsche Fatma oder die griechische Fatma oder die männliche Fatma - erkekFatma sagt man sehr oft. Und das kriege ich auch sehr oft zu hören, dass ich manchmal
zu männlich handeln würde, weil man einfach frei die eigene Meinung vertretet und
einfach selber frei entscheiden kann oder nicht permanent auf irgendeinen Mann
angewiesen ist.
Atmo 16 (Straßenlärm mit Moschee-Gesang)
Erzähler
Diese Selbstsicherheit hat Fatma ihrer Tochter mit auf den Weg gegeben. Als Dilek an
diesem Abend nach Hause geht, ist es schon dunkel. Sie läuft ganz entspannt durch das
Istanbuler Verkehrschaos, von den Dächern der Moscheen ruft der Muezzin zum
Abendgebet. Für Außenstehende wirkt sie aus wie eine Einheimische auf dem
Heimweg. Aber eine Almanci wird sie trotzdem immer bleiben.
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