No`zen, zusammengestellt von Wolfgang Teichert. Fotos: Rainer Pelka

No#zen,zusammengestelltvonWolfgangTeichert.Fotos:RainerPelka
GinsteraufSylt:Niesogelb,wiejetztimMai2016
WandernaufSylt,hießunserProgramm.Essindfast50Kilometergeworden.
Genusswandernalso,Spazierengehen,Spazierenstehen,aufdenSpurenThomasManns,
EmilNoldes,TheodorStormsundanderer,lautetederUnterKtel.„Wandernund
Philosophie“habendieLeutevonKlappholPaldarausgemacht.KünstlerundKäuze,lange
bevordieSchönenundReichendortgewesensind,habenwiraufunsereWeiseentdeckt.
Sylt,jedeundjederverbindetetwasmitdieserInsel.AberdieerstaunlicheFremdheitdes
Vertrautenwardannetwas,aufdaswirenpassant,imVorübergehenaufmerksamgeworden
sind.FreinachGoethesindwirsovorunshingegangenund„nichtszusuchen“,daswarder
Sinn,gefundenhabenwird,jedeundjederfürsichAnderesvonderAusterbiszum
Bernstein,vomSchweinswalbiszumSchnitzel.
ZuBeginn:Waswirerinnernodererwarten?
Entspannungsucheman,NaturundKultur,Langsamkeit,wieeinHeimkommenseies,nach
KlappholPalzureisen,besonderswennmanalsjungesMädchenhiergearbeitethat.Weit
zurückindieKindheitreichendieSyltErinnerungenderAngereisten:DerKontrastvonLu^,
KliffundHeide.Ja,eshabe„eineninnerenZwang“gegeben,sichanzumelden,erfuhrenwir
zuBeginnvonjemandem.UndmangehelieberandieNordsee,wennesdieWahlzwischen
OstseeundNordseegäbe.Manseinicht„freiwillig“hier,sonderneinfachvonderEhefrau
mitgenommen,nehmeesaber„sportlich“.
Nundenn:EinekleineInselphilosophieoderLebenskunst:DennSyltistnichtnur
symbolisch,sondernauchräumlicheinOrtdesRückzugs:vomFestlandabgelöst,allerdings
verbundendurcheinenDamm.
DieInselliegeaufdergleichenHöhewiederSüdzipfelAlaska.DerGolfstromhältsiewarm.
Sieseivor8000JahrenvomFestlandgetrennt.DochdiegrößtedeutscheNordseeinselist
seitJahrzehntenbedroht.Der"blankeHans"–wiediestürmischeNordseeimVolksmund
heißt–nagtvorallemamWestufer.EtwaeineMillionKubikmeterSandwerdenJahrfürJahr
durchAufspülungenwiederhergestellt.EinumstriPenes,weilsysiphusähnlichesProjekt.Zu
kostspieligundineffekKvsagendieeinen,notwendigundrePend,meinendieandern.
InzwischenhabedieInselnurnoch21.000Einwohner,abermehralsdoppeltsoviele
GästebePen.WährendvieleEinheimischeaufsFestlandflüchten,kämpfenanderefürdas
kleineParadiesmitrotemKliff,rauerBrandung,sKllemWaPundjedeMenge
Naturschutzgebieten.
WasderRahmenfüreinBildtut“,schreibteinPhilosoph,„indemeresausdemWeltkontext
ausschließt,dasleistetderIsolator,dasMeer,fürdieInsel.WennInselnWeltmodellesind,
danneben,weilsievomübrigenWeltzusammenhanghinreichendgetrenntist.
Rahmenalso,AusschniP.Wofür?
InselnspielteninderphilosophischenLiteraturnurineinerHinsichteineprägendeRolle:in
derutopischenLiteratur–beidenOrtendergroßenUtopien.Also:Utopoi(Nichtorte)selber
sindInseln.InBezugaufdasWasseristdieInseldasHerausragende,sieragtsozusagen
herausausderEinödedesüberallGleichen,desWassers.UndimBezugaufdasFestlandist
dieInselalsBilddasAbgetrennte,dasAbgelöste.Beide,dasWasserwieauchdasFestland,
sindvomBildherdas"ganzAndere".Wirhabenja,wennwirvoneinerInselSyltsprechen,
allesoforteinekonkreteVorstellungvondem,waseineInselseinkönnte.BlauerHimmel,
Strand,Reethäuser,einnichtallzugroßerFleckenLandimWasser,gebogenwieeinHaken.
Überschaubar,jedenfallsausderLu^.UndderTheologeMichaelvonBrückformuliertsogar
inseinemPhilosophie-ProgrammfürKlappholPal:„DieKüste,derÜbergangvomMeerzum
Land,istevoluKonsbiologischwieauchpsychologischeinbesondererZwischenraum,der
EntwicklungundAulruchsignalisiert.DieInselistgefährdeterOrt.Elementewirken
zusammen,umallesenergeKschzugestaltenundumzugestalten.Sogenannte„Kra^orte“
könnenzerstörenund/oderheilen,jenachdem,wiewirunsaufdieseUmgebungen
einlassen.DieInselSylthatinbesondererWeisegeomanKscherkennbareQualitäten,die
auchhistorischwirksamgewordensind“.
MenschlichesWahrnehmenistinselar#g.
UndFritzRaddatzhingegenschreibtetwasblumig:„.Syltisteinnichtendenwollendes,sich
ständigerneuerndessteteskleinesWunder:ObdiezartlilaDünenveilchen–winzige
Biedermeier-SMefmüNerchen–imvomSonnenglastausgedorrtenSand,...oderderbleiche
FingerdesLeuchNurmfeuers,derdurchdenNovembernebelstreiR,alswolleerdie
Dünengespensterherbeistreicheln.Manchmal,indenSommernächten,gibtein
schweigendesMeerweitdraußenSandrippenfrei,derWindschältFetzenvonderHautdes
Meeres,unddiewinzigenVögel,dieStrandläuferinihrerpossierlichenEmsigkeit,bildenein
flaNerndesHohlsaummuster;manchmalhängendieRegentropfenwieGlasperlenim
windgeschütztenDünengras(S.7fZitataus„MeinSylt“/FritzJ.Raddatz)DasMeerziehtden
SchmutzausderSeele.EinSpätnachmiNag,einfrüherAbendamunendlichscheinenden
KampenerStrand,kaumMenschen,nurWolken,späteSonneunddonnerndeBrandung–es
ist,alswürdederMenschinnerlichgewaschen,alskehrteerzurückineineVorexistenz.“
KleineRastundLesung
Zusammenfassendgesagt:DieInselheutewärezuauchzusehenalslebensnotwendigerOrt
desRückzugs,alsoalseinOrt,andemmanvondenNormendraußen,vonderständigen
sozialenKontrolle,entlastetistundetwasfürsichseinkann.Aberesstelltsichdannauchdie
FrageWaswürdeichdenntun,wennichwirklichalleinwäreaufdieserInsel?Würdeiches
überhauptaushalten?Ichvermute,diemeistenMenschenwürdenesnichtaushalten.Ein
WochenendewürdensieaufihreInselfahren,dannaberwiedergernezurückkommen.Das
menschlicheLebenhateinBedürfnisnachKommunikaKon.Dassessichnichtnacheinem
insularenLebenineinemengerenSinn,nacheinemFür-sich-SeinimstrengenSinnsehnt,
sondernnacheinemglücklichenMaßausMiteinanderseinundSelbstsein,dasmachtseine
DialekKkaus.DeshalbstelltsichdieFrage:WieweitgehtmanaufsWasser?Undwieweit
hineininsFestland?Undwieo^undwielangebleibtmansozusagenaufderInsel?Wer
darindasMaßgefundenhat,häPedieKunstdesLebensentdeckt.
DiegenauundgutvonRainerPelkavorbereitetenExkursionen(derenmarkantePlätze
immeramAbendzuvorperBildgezeigtwurdenzumWiedererkennen)haPe–beibestem
MaiwePermitleichtwarmerOstbriese–ihrenunterschiedlichenCharme,anerWestküste
vonKlappholPalbisWenningstedtundzurück,amWaPvonKampenbisKeitumund
schließlichamHimmelfahrtstagzumEllenbogen.DabeiimmeranderGrenzevonLandund
Meer.HingewiesenwurdeaufKliffundKliffende,aufrotesKliffundaufWaPebensowieauf
dieGeschichtederEigentumsverhältnissevonList,beginnendmitdenWikingernund
endendmitderAufregung,dassgenauimJahrhundertealtenPrivat-undNaturschutzgebiet
einSyltereinpompösesZeltaulauenlies,umdieHochzeitseinerTochterdortzufeiern.Es
mussteeswiederabbauen,ehedasFestaufWanderdüne,HeideundSalzwiesestaqinden
konnte.DieseExkursionenbildetenmitFundenvonBernstein,Austernunddurchbohrten
HolzplankensozusagendasRückgratderTagung.
AngereichertundmitHintergrundbildernundkleinenReferatenwurdedasThema1.Durch
denVortragWoNoldeseineWir,nmalte:EmilNoldeaufSylt:NoldeseiimfürdenSommer
1930nachKampeninsGästehausKliffendegezogen,einHausvomBerlinerBuchhändlerund
AnKquarHeinrichTiedemannamEndedesRotenKliffsseinerFrau,derSchauspielerinClara
Tiedemann(1891–1966),geschenkt.
HierbeherbergtesiePersönlichkeitenallerCouleur,wieThomasMann,ErnstRowohlt,aber
auchHermannGöring.UndnunimSommer1930warunterihrenGästenalsoauchEmil
Nolde.
InClaraTiedemanns„KampenerSkizzen“liestsichersteihreBegegnungmitdenNoldesso:
AmVormiNageinessonnigenHerbsNagessitzeichmitRenée
SintenisinmeinemBüro.InderoffenenTürstehtplötzlicheineDameundhinterihreinHerr;
ichmeinebeideschongesehenzuhaben.DieDame–klein,mitglaNemkurzgeschniNenem
Haar,schönenklugenAugen,sehrernst.
DerHerr–groß,mitsehrhellenAugen,ganzreserviert.
DieDamefragtnacheinemschönenEinbeNzimmer,möglichstgleich.Abernochistalles
besetzt,dasWeNerwarm,niemandwillabfahren.IchversprecheBescheidzugebenund
erhalteihreWesterländerAdresse.InderHaustürwendetsiesichum:„HabenSieein
Atelier?"„Ja,ichhabeeinAtelier."
Siesehensichan,lächeln,scheinensichzufreuen.
„Wirkommenwieder."
Damitverabschiedensiesich.Mensch,watsagste,hastedenndennichterkannt?"sagt
Renée.
„DetisdochderProfessorNolde."
SokamernachKliffende.
„WissenSie,FrauTiedemann",sagteNolde,alserwiederkam,„ichhäNeauchbeieinem
KunstmalerinWesterlandeinAtelierbekommenkönnen.AberwissenSie,wasersagte?“
SeineAugenblitzten.„Ersagte:HieristreichlichPlatz,ichhabehierdiegrößtenSchinken
gemalt.'Schinken!FrauTiedemann,diesWortwerdeichnievergessen!"
Errichtetesichhäuslichein.
FrauAdabatmichnochinständig,michseineranzunehmen.
„Siewerdenesgewissnichtglauben",sagtesielächelnd,„abererreistzumerstenMalallein.
Ichwürdegernbleiben,abersieverstehen,wennmanHandwerkerhat..."
UndnebenvielemberichtetCarlaTiedemanndennauchvomletztenAbendinKliffende:“
UndnunwillichSiemalen.“
„Mich?DasisteinguterScherz,HerrNolde.
DasistnunwirklichnichtsfürSie.
WennichsoanIhreexoMschenSchönheitendenke..“
Erantwortetnicht,siehtmichan,abwägend,abschätzend,diehellenAugenhalb
geschlossen:
„HeuteAbendumacht.“
So„sitze"ichdennabendsumacht,wasnütztdasStreiten.“
Noldealsomaltsiemehrfach.CarlaTiedemann:“DieStundengehenhin.WievieleBläNer
sindes?Zehn?Fünfzehn!„DasnächstegehörtIhnen,unddanndürfenSieallesehen.“Das
letzteBlaNistferMg.Erzeigtesmir.IchseheundstauneundkannmichnichtsaNsehen.“
ErhaPeihrdanneinBildversprochen,konntesichaberdennochnichtdavontrennen.
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AufeinerKampenerStelefandenwirvonCarlaTiedemanndiesZitat:„DieseprickelndeLu^,
dieserWind,dereinemständigindenOhrenpfei^,derschneeweißeStrand,dieseganze
Prachtohnegleichen.Kannsieirgendwoschönersein?“
2.DieInselSyltinderLiteratur:Seit2001vergibtdieS#Rungkunst:raumsyltquelle
alljährlichdas"Sylt-QuelleLiteraturs#pendiumInselschreiber".DieAusschreibungsteht
untereinemvonJahrzuJahrneuausgegebenenThemaundrichtetsichandeutschsprachige
Autor/innen,diebereitsinBuchformpublizierthaben,unabhängigvonAlter,Wohnsitzoder
Staatsangehörigkeit.IndiesemJahristesUweKolbe(1957geboreninOst-Berlin).Zwei
Gedichte,dieerMedaillonsnennt,wurdenvorgestellt:
Ankun^
AmTagderAnkun^,unbekannt,
sowiees,Vorsatz,bleibenwird,
demHauseunbekannt,dasHaus
bleibtfremd,dieReisehatkeinZiel.
MitKleingeldeingekau^,dashier.
DenEinsatzdannerhöht,
hinaufzurKronederDünen,
näherdemHimmelderWelt.
GoPhieltdorteineBankbereit,
derTischler,ichbildetemirein,
wirschautengemeinsamaufsMeer.
und
RantumBecken
DenNazibetonuntermFuß,zugehen
keinandererWeguntermNieselregen.
WaswarendieSchulland-unddie
Erholungsheime?Kasernen,Kasernen.
WaswardieseInsel?Festungwarsie.
Warumseheichnichtdavonab?
WeildasdaimWegsteht,ansteht
vonuntenundüberall.
AlszweitekamElsMoors,Schri^stellerinundLyrikerinausFlandern.SieistzurZeitderSylt
FoundaKoninRantum.Mitihren"Inselgedanken"hatsieunseinenaufDeutschverfassten
Textgeschickt.DarausdieseProbe:
lsMoors
Inselgedanken
WarumfühltessichaufSyltan,alswäreesdasersteMalinmeinemLeben,dassichauf
einerInselbin?DassKmmtgarnicht,ichbinschonö^eraufeinerInselgewesen.Ichschrieb
sogarmaleinBuch,"SehnsuchtnacheinerInsel",aberdakamichaufdenGedankenmitder
InselerstnachderEntscheidung,einemeinerHaupwigurensterbenzulassen,weileine
KokosnussihrenKopfzerschmePerthaPe.DieInselwarbloßeineIdee,unddannnichtohne
Ironie
BeiKlappholPal
Egedacht,dieIdeederperfektenundunerträglichenEinsamkeit,manholtsichseinEssenmit
einemHelikopterundgehtjedenTagschwimmen,undmitdenpaarLeuten,dieesaufder
Inselgibt,mitdenenmussmansichverständigen,weileskeineanderengibt.Allesist
begrenztaufeinerInsel,sogardieEinsamkeit.AbersolcheIdeen,entdeckeichjetztaufder
InselSylt,haben,auchwennsieausPhantasiegeborenwurden,immernochinteressante
BeziehungenzuRealität.RedeichhieraufSyltzumBeispielmitdemeinzigenBäckerin
Rantum,dergegenüberdemGoldschmiedlebtundmehrmalsproTagmiteinemBesendie
TreppezuseinemLadensauberhält,underzähleichihmbeimEinkaufen,dassessowindig
war,dassichmitdemFahrraddieletztensechsKilometerzuFußlaufenmusste,unddassich
dannspäter,alsichschonziemlichnervösgewordenwarvondieserintensivenBeschä^igung
mitdemdauerndenundsehrkrä^igenWind,auchinHörnumnachdemimFreien
verspeistenPflaumenkuchen(dieSahnewehtefastweg)undnacheinerTasseSylterTee
meineKePewiederaufsRadlegenmusste(währendichdasmachte,wurdemeinFahrrad
umgeblasenundmeineHändeundGesichtschwarz,unddannwurdeauchnochdas
Taschentuchweggeblasen)-daschienesderBäckerirgendwiepersönlichzunehmen,dass
ichmichinseinerAnwesenheitüberdenWindbeschwerenwollte.DiegroßarKgeMalerin
SarahBiggs,dienebenmirlebt,gestand,mitdemWindundmitdemWePerselberzureden,
staPmitdemBäcker.VomBäckerkau^eichdenWein,denichmitSarahgetrunkenhabe,es
wareinRieslingausderPfalz,daserinnertemichsofortanHolzundGeschützt-Werden,
Sachen,dieeshierkaumgibtaufSylt.AberwennplötzlichsoeinTannenwaldau^aucht,
dannsinddieBäumeganzkleinundstehendichtnebeneinandermitSandzwischenden
Wurzeln,underriechtfastaufunheimlicheWeisenachzuHause.KeinMini-Waldmit
TannenbäumenaberkanndieSensaKonvonMeerdirektlinksundMeerdirektrechtsund
sonstüberallwunderschönenDünenübertreffen.DasStückvonderInselSylt,wodieDörfer
RantumundHörnumliegen,isteigentlichnurnocheinschmalerStreifenLand.Man
bekommtgleichzeiKgsovielMeer,sovielLu^undsovielgeschwindigeZeit,diemitden
WolkenfließtundeinemTagwieheuteständigaufsNeuehelleSonnebringt,dassmansie
eigentlichganzgutbegreifenkann,diestrengeAntwortvomBäcker.“Aberwenn’skeinen
WindgegebenhäPe,wäredieLu^dochnichtsoblaugewesen!”AlsichinHörnumankam
waricherschöp^.AlsichdannaberandersrumnachHauseging,brauchteichnichtsmehrzu
tun,meinFahrradwolltevonalleinefahren.Unterwegs,sofliegendstaPfahrend,habich
michselbergescholten:DubistdochkeineMöwe!“
Esfolgtedie(unvermeidliche)LesungdesGedichts„PidderLüng“vonDetlevvon
Liliencron(1844-1909)derdorteinenSylterSagenstoffverarbeitet,vondemerstmalsCP.Hansen(1864)berichtethaPemitdemfriesischenAusspruch„LewwerduadüsSlaaw“
WolfgangTeichertlasdannnochThomasMansRomanZauberbergausdemKapitel„Schnee“
unddemKapitel„Strandspaziergang“zweiPassagen.MannhaPedieInseldreimalbesucht
undhaPevonderBrandunggeschrieben,„nachderenPrankenschlägenichmichdasganze
Jahrzurücksehnenwerde.“Diese„PrankenschlägehabensichdannimRomanlautmalerisch
niedergeschlagen,wiemanbesondersbeimLautlesenmerkt:„Waserabernichtgekannt
haPe,wardieNeigung,diesebegeisterndeBerührungdertödlichenNatur,soweitzu
verstärken,dassdievolleUmarmungdrohte…“
3.Käuze,Künstler,Kenner–wasManfredWedemeyerüberKünstleraufSylt
zuberichtenwusste.
RainerPelkabemerkteWerdiesBuchaufschlage,sähedasganzeliterarischeSchaffenvon
ManfredWedemeyerwieineinemBrennglas:„Naturfreude,Vogelkunde,Pflanzenkunde,
Biologie,ForschunginderVergangenheit.“SeitdiesemBuchseiManfredWedemeyerzum
Sylt-Autorschlechthinavanciert.Mehrals50BücherüberSylterThemenhabederAutorbis
zuseinemLebensendeverfasstoderherausgegeben,hinzukämenzahlreicheAufsätze.Eines
der50BücheristdaskleineBändchen„Käuze,Künstler,
Kenner–kaumgekanntesSylt“,auseinigeAusschniPevorgelesenwurden.Wedemeyerin
seinemVorwortvon
1986:„Ichweißnicht,obmanaufSyltverwegenerträumtodergarhellsichMgwird.
JedenfallsgibteshiereinInselgefühl,aufdasvieleBesucherundEinheimischereagiert
haben.EineReihevonÄußerungen,GeschehnissenundErlebnissen,diedenInselgeistund
dasPhänomenSyltbetreffen,habeichgesammeltundin66Geschichtendargestellt.Sie
möchtendenGeistderLandschaReinwenigbeschwören.DamitderInselgeist,dieses
unsichtbare,ätherischeWesen,nichtentweichenkann,habeichmitmeinerSammlung
versucht,ihngleichsamaufFlaschenzuziehen.SiekönnennuneineFlaschenachder
anderenentkorken,denInselgeistherauslassenundihnschluckweisezusichnehmen.
UndsowurdeneinigeGeisterentkorkt:VonJensUweLornsen(1793–1838)–warumdie
Uwe-DüneseinenNamenerhielt,überWulfManneDecker(1815–1880)–DasFaktotum
mitdemNoKzbuchundO]oJenner(1828–1884)derBadearzt,derdasNacktbaden
empfahl,PaulEbeNickelsen(1832–1894)–DaguerreotypistundTausendkünstler,Theodor
Storm(1817–1888)imStrandkorb–Warereswirklich?BisCarmenSylva(1843–1916),
diedichtendeKönigininWesterlandundendendmitChris#anMorgenstern(1871–1914)
undseinemBriefandenkleinenPhilippDeppeunddenplaPdeutscheDichterKlausGroth
(1819–1899)unddemvonihminListhäufigbesuchten
SeemannundLandwirtPeterFriedeauf,derdorteinenBauernhofbesaß.ZumAbschied
widmeteerihmeinPhotomitdiesemGedicht:
DenFriedenliebtjajederChrist.
IchselberliebedenFriedeaufList.
Demweih'ichdahermeinaltesGesicht
unddiesmeinjüngsteskleinesGedichtFrieseaufList
Achja,nichtzuvergessen:MarleneDietrich(1901–1992)–eine,dieSyltvergaß
4.kleineAnmerkung:Woichgehundsteh.
VomSpazier(stehen)gehen,erzählenundgenießenaufSylt.
EinfachlosgehenJackeüber,guteingecremtwegenderSonne,etwasfestereSchuheanden
FüßenundhinausandenStrand,andieGrenzezwischenLandundMeer.„DieGrenzeistder
eigentlichfruchtbareOrtderErkenntnis“,hatderTheologePaulTillichgesagtunddasmit
demGegensatzvonLandundMeerverknüp^,dersein„landscha^lichesUrerlebnis“
gewesensei.Dasverwundertnicht,dennTillichmachtevorderEmigraKongernemitseiner
FamilieaufSyltUrlaub.IneinergelehrtenZeitschri^(Merkur)haPeichzuvorgelesen,
SpaziergangseieineuntergehendeFormderBewegung.Frühergingdereinsame
Spaziergänger,soderAutor,los,umsichselbstundumderWeltzubegegnen.KeineBildung
ohneSpazierengehen,jedenfallsinderLiteratur.EinsamerSpaziergangbedeute
Selbsterfahrung,also–soführteerweiteraus–dereinsameSpaziergängerhabesichmit
seinenÄngsten,GedankenundTräumenkonfronKertgesehen.
ErmaganeinenberühmtenSpaziergängergedachthaben,dessenTräumereienebeneinen
„promeneursolitaire“zeigenwollten:„SobinichnunalleinaufderdieserWelt,habekeinen
Brudermehr,keinenNächsten,keinenFreund,keineGesellscha^,außermirselbst“.
(J.J.Rousseau).
AufgrundseinerlangsamenGehbewegung,dienebendemKörperauchdenGeistin
Schwungbringt,könneheutejedoch,sobelehrtderAutor,derSpaziergangalsFreizeitpraxis
fürjungeLeutenichtmehrmitaktuellenAkKvitätenwieJoggingoderFitnessangeboten
mithalten.Spaziergängekönntensomitaussterben,lasichnoch.
Neindenkeich:esgingeallesbesser,wennwirmehrgingen.Stammtauchnichtvonmir,dies
Zitat.EswareinemSpaziergängeraufgefallen,dervor111JahrenvonLeipzignachSyrakus
gelaufen;achtJahrevorseinemTod.Demgingesdamalswirklichbesser,alsereinfach
losgegangenist:„Manhatmichgetadelt,daßichunstetundflüchKgsei:mantatmir
Unrecht.DieUmständetriebenmich,undeshieltmichkeinehöherePflicht...Ichstehefür
alles,wasichselbstgesehenhabe,insofernichmeinenAnsichtenundEinsichtentrauen
darf…“.Spazierengehen,umfüralleszustehen,wasmanselbergesehenhat,eineMaxime,
dieinZeitendesgeliehenenSehens,sprichderTVKamera,ziemlichaktuellwerdenkann.
Eineeigene„Ansicht“sichbilden,hatmitselberHingehenzutun.Und-somein
Deutschlehrerdamals:Absichtslossollteman,„Spazierenschlendern“.Inspiriertwarer–in
denfünfzigerJahren–idealisKschvom„imWaldesovorsichHingehenundnichtszu
suchen“.Inzwischenweißman,dassderSpaziergängeranderIlm,seinenTextChrisKane
Vulpiusnach25JahreZusammenlebens,gewidmethat.„Gefunden“haPeersiebeim
Spazierengehen,alserüberdieBrückeüberdieIlminRichtungWeimarspazierte.Nocham
selbenTagwarensieeinLiebespaar!SoschnellkannSpazierengehensein.
Einschub______________________________________________________________
UndderHimmeldortoben
Himmelfahrtsdünenpredigt
Auchwennesheißt,derHimmelundallerHimmelHimmel(1.Könige8,18)könnenichtdas
fassen,wasChristen„GoP“nennen,begegnenwir,aufdemRückenliegend,denWolken
nachschauendvielleichtnichtihm,aberWeiteundvielleichtauchunsererVerlorenheit
angesichtsderWeite,sowieTrauernde,denenihrgeliebterErgänzerentschwundenist.
Himmelfahrtbedeutet,dasVerschwindendesgeliebtenErgänzers(Jesus).Esheißt:„Ichbin
dannmalweg“.Vonnunankönntemansagen:Heavenistnotaplace,butafeeling.Wasdie
Engländerheavennennen,maltendiemiPelalterlichenMalerinGoldgrund(wieinSt.Severin
inKeitum).Siebeschönigtendamitnichts:KreuzbleibtKreuz,SchmerzbleibtSchmerzund
TodbleibtTod.SoistdasindieserWelt;auchaufSylt.AberdieMalerwagenüberdiesem
alleneinengoldenenHimmelaufgehenzulassen.Esistnichtalles„Faktum“,sondernoffene
(goldene)Möglichkeit.DerRabbi,gebetendenUnterschiedvonHimmelundHöllezu
erzählen,weistaufdieLöffelgeschichtehin,beidersichimHimmeldieLeutegegenseiKg
ernährenundteilen,denndieLöffellasseneigeneszumMundführennichtzu.Daraufwar
maninderHöllenichtgekommen.ImHimmelalsointeressiertsichfüreinanderundsucht
nichtdumpfallenzuMahlzeiten.MenschlichesLebenenwaltetsichuntereinem
kooperaKvemPrinzip,wosichHimmelundErdeberührenwieinEichendorffsGedicht:Es
waralshäPderHimmel…
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Lernensolltenwirjedoch:SpazierengehenhabemitAbsichtslosigkeitzutun.
KannichmirAbsichtslosigkeitvornehmen?KeinZiel,wiebeimPilgern,keinZweckwiebeim
Einkaufen,keineÜbung,wiebeimSport?
Mirfälltein,dassichvoreinigerZeitgehörthabe,IndenWerkendesPhilosophenSpinoza
gebeesnureineeinzigeStelle,anderersichderMuPersprachedersephardischenJuden
bedient.EshandeltesichumeinePassage,inderSpinozaeineHandlungbeschreibenwollte,
inderakKvundpassiveinunddieselbePersonsind.UmeinBeispieldafürzufinden,sahsich
Spinozagezwungen,aufseineMuPersprachezurückzugreifen.Spazierengehenheißtin
jenemSpanisch,dasdieSephardensprechen,pasearse-sich-promenieren,alsoden
SpaziergangbegreifenalseinSich-spazieren-führen,einSich-gehen-lassen.
IchgeheSpazieren,ummichgehenzulassen..Wennwirspazierengehenundunsgehen
lassen,danngeschiehtallerdingsdochetwas,-sophilosophiertspazierendderTheologe
KlausHemmerle.Espassierevielleichtnichtsmitmir,derichabsichtslosmichgehenlasse,
wohlabermitderLandscha^,dieichbegehe;amStrandmitdenSpurenzumBeispielWenn
Dugehst,sagtHemmerle,dannwirddieserStrandwegeinedurchDichbegangene
Landscha^,Landscha^,dieDeineSpurenträgt–auchwenndieseSpurenäußerlich
verwischen.
Andersgesagt:IchlasseeineLandscha^entstehen,weilsiemeineSpurenträgt!Ichkann
später-wiejetzt-vondieserLandscha^erzählen,kannsiemalen,vermiPlevonihrein
neuesBild.Ichkannanderensagen,wiemansiedurchwandernsoll.BegangeneLandscha^
wirderschlosseneLandscha^.
SichgehenlassenalsohatFolgenfürdas,wasbegangenwird.
WirhabeneinanderbeimGehenSzenenunsererjeweiligenLebensgeschichteerzählt:Die
ersteaufregendeFreundinimnassenZeltaufderInsel:Helga.AbendsdannbeimWeindie
GeschichtevonGudrun,dienacktundüberraschendihremSchweizerProfessoram
KlappholPalerStrandindieArmegelaufenist...GeschichtenerzählenheißtErinnerungen
wieder-holen,präsentmachen.WieichschoneinmalhiergewesenbininKlappholPal,als
jungesMädchen,arbeitendmitKindernundtanzendabendsinList,woderMannfürsLeben
gefundenwurde.Allesdortoben,wodieGrenzeaufSeenichtganzklarverläu^zwischen
RastamEllenbogenzuHimmelfahrt
DänemarkundDeutschland,woman„pragmaKsk“„susammen„arbeitetundwomansich
beimSpazierengehennichtansieht,sondernnachvorneweist,aufdenSchweinswalzum
BeispieloderdasGinstergelb.Womangeneinsampicknickt,wenndieFüßeschwerwerden
undwomaneinfachgenießt,sozusagen„SinnundGeschmackfürs
Unendliche“(SchleiermacherherüberReligion)odereinfachSchmeckender
ScampisimTrubelvonList?GenusshatmitKnappheitzutun.FinaleSaPheitistseinFeind.
WerHungerleidet,fürdenisteinStückBrotdervollkommeneGenuss,weraberBrotgenug
hat,empfindetGenuss,wennereinenkaltenRieslingzumFischbekommt.DerKampf,den
daspuritanischeErbeheutegegendasRauchenführt,istwahrscheinlichauchein
(heimlicher)KampfgegendenGenuss.DerletzteTrost,derdemGenießetbleibt,istdie
Tatsache,dasser(odersie)währendsiegenießen,keinenSchadenanrichten,wasman
denen,dieunentwegtGutestun,nichtimmernachsagenkann.Dabeiwissenwirdoch,dass
GleichheitundGerechKgkeit–unseresowichKgenErrungenscha^en–grundsätzlichim
WiderstreitstehenmitdemBedürfniszugenießen.AberesliegtauchaufderHand,dasswir
MenschenunserLebennichtwiderspruchsfreilebenkönnen,wiejaauchdieBiographien
derergezeigthaben,diedieseInselbesuchthabenundbesuchen.Entscheidendfürdie
VerwerflichkeitdesGenussesscheintdasMaaßzusein.Aberwolegtes?„Esgibt´,so
GeorgesBataille,inunseine„Bewegung,dieunablässigüberGrenzenhinausdrängtunddie
immernurteilweiseeingedämmtwerdenkann.ÜberdieseBewegungkönnenwirim
AllgemeinenkeineRechenscha^ablegen.DasUniversum,dasunsträgt,antwortetaufkeine
ZwecksetzungderVernun^“.UnsereFähigkeitzugenießen,bestündealsoinderKunst,
schwindelfreizubalancierenzwischenAlltagundSonntag,VerbotundÜbertretung.Denn,
wernichtgenießt,istungenießbar.UnddasisthierindiesenTagenniemandgewesen,
soweitichsehe.Wannalsoau‚ören?WennesamSchönstenist.
WolkenundMaisKlleaufderWaPseite