Süße alte Zeit - WordPress.com

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Süße alte Zeit
Zu meiner Zeit gab es genau zwei Arten von Süßigkeiten: Zum einen die, die man sonntags,
wenn die Süßwarenläden geschlossen hatten, in der Drogerie kaufte. Und unter der Woche
dann diejenigen Marke Bunte Korrosion, die nach allen heutigen LebensmittelGütevorschriften im Schlund von 90 Prozent der damaligen Jugend einen Gärprozess,
giftgrün mit Lämpchen, hätten auslösen sollen.
Über die Sonntagsbonbons aus der Drogerie gibt es nicht viel zu sagen – die wurden sowieso
nur einmal die Woche gekauft, und auch das nur mangels besserer Alternativen. Auch war es
ihrem Geschmack nicht gerade zuträglich, dass sie, einem präparierten Blinddarm gleich, in
großen Gläsern ganz hinten im Laden bei der Medikamentenausgabe aufbewahrt wurden
und entsprechend immer einen Hauch von Salpeter oder Natron hatten.
Die wahre Orgie mit richtig guten, giftigen Süßigkeiten fand unter der Woche statt, und es ist
dieser Genusssucht zuzuschreiben, dass für die heutige Generation von Geschäftsleuten und
führenden Politikern Verdauungsstörungen gang und gäbe sind.
Vor allem die Erinnerung an das „Weinglas“ verfolgt mich heute noch: eine Waffeltüte aus
farbigem Zuckerguss, gefüllt mit einem üblen Gebräu, das einem nach dem Reinbeißen
übers Kinn rann und auf die Krawatte tropfte. Verschlossen war das Ganze mit einem
dubiosen Marshmallow, den man eigentlich hätte abbeißen sollen, um an das Manna im
Inneren zu gelangen. Doch schon beim ersten vorsichtigen Biss brach die ganze Struktur
gewöhnlich in sich zusammen, und so zierten verräterische Zuckerwasserspuren die Jacken
standhafter „Weinglas“-Konsumenten, und an kalten Tagen bildete sich eine dünne
Eisschicht auf ihrem Kinn. Was im Magen vorging, bleibt der Spekulation überlassen, doch
ausmalen sollte man es sich besser nicht.
Eine weitere Kuriosität war das nachgemachte Spiegelei im Pfännchen – ein klebriges Zeug,
das man eigentlich hätte auslöffeln sollen. Der kleine Blechlöffel jedoch verbog sich schon
beim Erstgebrauch stets so, dass man ihn wegwerfen konnte. Danach blieb einem nur, das
Pseudo-Ei mit den Zähnen aus dem „Bratpfännchen“ zu holen. Für eine bessere
Hebelwirkung setze man das Kinn fest am unteren Pfannenrand an. Auch dies hinterließ
seine Spuren am Stammkunden: Wer eine sehr kleine Nase hatte – der Regelfall –, war
manchmal bis zur Stirn hinauf verschmiert.
Die kleinen Herzchen mit so unterschiedlichen Sprüchen wie „Ich liebe dich!“, „Hau ab!“,
„Tritt mich!“ und „Schnell, küss mich!“ waren von der Anlage her wohl harmlos genug.
Transportierte man sie jedoch lose in der Tasche vom Laden in die Schule und durch die
ganze Stadt, so waren sie bald unansehnlich und mit Fusseln – also den kleinen
Stoffpartikeln ganz unten in der Tasche, die eigens dafür gemacht sind, an Bonbons
festzukleben, – bedeckt und damit für jedes Unterfangen, das einen gewissen
Schönheitssinn verlangte, völlig ungeeignet.
Am schlimmsten war jedoch das „Überraschungspaket“; eine aus altem Zeitungspapier
gedrehte Tüte, in der sich all das befand, was zum Ende des Tages noch übrig war – harte
Marshmallows mit genügend Fingerabdrücken, um den Süßwarenhändler zehnmal zu
überführen, jede Menge schales Popcorn, das irgendwann mal rosa war, komische kleine
Dinger aus grünem und rotem Zucker – und dann die Überraschung: entweder ein Stückchen
Blech, das in etwa wie ein Pferd geformt war, oder ein Anstecker mit der Aufschrift
„Zerschlagt die Konzerne“.
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German, First Prize
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14-May-16
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Und damit wage ich zu behaupten, dass die heutige Generation trotz aller Freiheit und trotz
ihres wilden Rufs mit Vierzig vom Magen her wohl in besserer Verfassung sein wird als ich,
denn Schwarzbrand, was immer seine Nachteile auch sein mögen, nimmt einem jenes
Verlangen nach Süßigkeiten, das meine Generation ins Verderben geführt hat.
Robert Benchley
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