PDF - Katholische Kirche beim hr

Pastoralreferent Stefan Herok, Wiesbaden
hr1-Sonntagsgedanken am 8. Mai 2016
Unsere Mütter – und andere 8. Mai-Erinnerungen
Einen schönen guten Morgen! Ich wünsche allerseits einen frohen und gesegneten Sonntag! Auf meiner „Liste der Nachdenklichkeiten“ stehen für den heutigen Tag eine hübsche
Menge Stichworte: Es ist zunächst ein ganz normaler Sonntag als Tag der Arbeitsruhe, des
Familienlebens und des Gottesdienstes. In meiner katholischen Kirche haben wir für Gebet
und Besinnung in diesen Maiwochen ganz besonders Maria, die Mutter Jesu, auf dem
Schirm. Dass Deutschland und die halbe Welt an diesem zweiten Maisonntag auch den
Muttertag feiert, hat trotz Marienmonat und „christlichem Abendland“ keine religiösen Wurzeln. Der Muttertag stammt zunächst aus der amerikanischen Frauenbewegung. In seiner
kommerzialisierten Form wurde er 1922 vom Verband der Blumengeschäfte begründet.
Und schließlich ist der heutige 8. Mai der Tag, an dem 1945 mit der Kapitulation der Wehrmacht der Zweite Weltkrieg endete.
Ich weiß, das alles zusammen ist ein bisschen heftig für den frühen Sonntagmorgen! Erst
recht, weil man sämtliche Sonntagsstichworte von der Arbeitsruhe, Familie und Religion
über den Muttertagskult bis zum nationalen Gedenken zurzeit als durchaus krisenhaft und
problembeladen beschreiben könnte. Vielleicht geht es mit Hilfe eines kleinen Gedichts von
Erich Fried:
Großmutter
Beim ersten und zweiten Mal
wenn du niesen mußtest
sagtest du „Helf Gott!“ zu dir
beim dritten Mal nur noch „Zerspring!“
Unsinn sagtest du
wenn du deine Hoffnung meintest
und Tanz statt Liebe
und elende Laune statt Trauer
Wie du
deinen Tod genannt hast
im Lager
das weiß ich nicht
Musik 1
Kurz vor seinem Tod 1988 setzt Erich Fried seiner Großmutter dieses literarische Denkmal.
Sie wurde 1943 in Auschwitz umgebracht. Er ist bei ihr aufgewachsen und hatte zu ihr wohl
eine tiefere Beziehung als zu seinen Eltern. Leicht amüsiert, aber auch voll Achtung erinnert er ihren eigenwilligen Sprachgebrauch. Soviel Lebenserfahrung, aber auch eine spür-
bare Balance von Schmerz und Humor spricht daraus, wenn Fried Großmutter die Hoffnung
so lapidar wie lakonisch „Unsinn“ zu nennen, die Liebe einen „Tanz“ und die Trauer eine
„elende Laune“. Ich höre hier aber auch schon den Erich Fried heraus, der über alle subjektiven Zuschreibungen hinweg, „es ist, was es ist“ über die Liebe sagt. Und auch wenn er
sich im Gedicht über die Großmutter ihres gebrochenen Begriffs von der Hoffnung erinnert,
die sie „Unsinn“ nannte, so klingt mir bei ihm selbst doch ein Hauch von Hoffnung durch:
Wird sie für das Unsagbare, dass ihr und so vielen „im Lager“ widerfahren ist, ein Wort, einen Begriff, einen Hauch von Begreifen und damit ein Stück Bewältigung gefunden haben?
So wie sie es vorher sehr eigenwillig für alles existentielle Schicksal gefunden hat?
Gegen allen gängigen Kommerz und die Romantik, Mama heute mal zum Essen einzuladen, bekommt der Muttertag am heutigen 8. Mai 2016 damit für mich ein Moment von
Großmuttertag. Er erinnert mich an das Kriegsende. Ich habe es nicht erlebt. Ich bin 1957
geboren. Meine Mutter und meine Großmutter haben für unsere Familie große Lasten des
Krieges getragen und des Wiederaufbaus danach. Ihr ganzes späteres Leben blieb dabei
auch von einer großen seelischen Spannung bestimmt: Das war einerseits die Last von
Schuld und Scham als Tätervolk und andererseits das subjektive Gefühl, persönlich Opfer
zu sein. Der 8. Mai bleibt dafür ein Symbol, weil er für uns Deutsche gleichzeitig Untergang
und Erlösung war.
Ebenfalls an einem 8. Mai, nämlich 1949 beschließt der „Parlamentarische Rat“, also unsere provisorische Regierung, das Grundgesetz für die neue Bundesrepublik. Es hat sich bei
uns eingebürgert für diese Nachkriegszeit und ihre Entwicklungen von den „Müttern und
Vätern des Grundgesetzes“ zu sprechen. Dankbare Erinnerung an sie, ihre Leistungen und
ihre Werte, auch das soll für mich heute eine Dimension von „Muttertag“ sein.
Musik 2
Der Sonntag ist für mich immer auch ein Gottesdiensttag. Ich habe es zu Beginn schon erwähnt. So will ich dieses Gedenken an unsere Mütter und Großmütter und an den Krieg, an
sein Ende und den Wiederaufbau Deutschlands heute auch vor Gott tragen.
Ich möchte das „Helf Gott!“ von Erich Frieds Großmutter, wenn sie niesen musste, auf all
das anwenden, wovon ich – mit Verlaub gesagt – zurzeit „die Nase voll“ habe, was mir
„stinkt“ und wie ich finde auch „zum Himmel“! Ich mache mir an diesem 8. Mai 2016 ausdrücklich Sorgen um Deutschland, um unser historisches Gedächtnis und um unsere soziale Verantwortung. Mich erschreckt das ungeheure Erstarken von Neonazi-Bewegungen in
den östlichen Bundesländern. Aber nicht nur dort. Mich erschrecken die Parolen und die
Demagogie von Pegida und AFD. Mich erschrecken die Personen, die sie vortragen. Mich
empört die Menschenverachtung und Geschichtsvergessenheit, die aus den meisten ihrer
Reden spricht! Besonders, wenn sie in diesen Zusammenhängen das „christliche Abendland“ erwähnen, sich gleichzeitig aber, wie ich es wahrnehme, alles andere als christlich
verhalten. Mich erschreckt auch der Aufwind für extrem rechte Parteien um uns herum, in
Frankreich, Polen, Ungarn, Dänemark!
Und plötzlich bin ich mir gar nicht mehr so sicher, wie ich mir lange war, dass wir heute gegen „Rattenfängerbewegungen“ wie bei den Nazis damals immun wären. Ich weiß, hier sind
in erster Linie politisches Bewusstsein und demokratische Aktionen gefragt. Und Zivilcourage, Rückgrat, Solidarität… Darum bemühe ich mich.
Gleichzeitig trage ich meine Sorge vor Gott und in die Kirche. Ich suche die Gemeinschaft
von Christinnen und Christen, die sich aktiv gegen diese Trends von Hass, Ausländerfeindlichkeit und Islamangst verbünden. Ich suche die Kraft und den Segen Gottes, dass unsere
Herzen stark werden und bleiben. Dass wir die Liebe und den Frieden durchhalten, den
Einsatz für Gerechtigkeit nicht aufgeben. Lange schienen der Hass und der Unfrieden zeitlich wie räumlich weit von uns weg. Jetzt müssen wir gegen ihn ankämpfen in unseren eigenen Familien, vor unseren Häusern, in unseren Städten und Bundesländern.
Ich möchte Sie, liebe Hörerinnen und Hörer, herzlich einladen, mich an diesem Muttertagssonntag am 8. Mai 2016 in diesem Anliegen zu unterstützen: Einerlei, ob Ihr persönlicher
Akzent heute eher auf dem klassischen Muttertagsgepräge liegt oder ob Sie sich mit mir
unserer Kriegsgroßmütter und der Mütter und Väter des Grundgesetzes erinnern mögen.
Auch ganz unabhängig von Ihrer Nähe oder Ferne zur Religion: Lassen wir die Hetze und
den Hass bei uns kein Land gewinnen und die Unmenschlichkeit nicht die Oberhand!
Bei einem amerikanischen Ursprung des Muttertages, dem „mother-friendship-day“ waren
Mütter eingeladen, sich über aktuelle Probleme auszutauschen. Dort bekam er schon Ende
des 19ten Jahrhunderts ein stark friedenspolitisches Moment gegen Krieg und Gewalt.
Diese Dimension möchte ich ihm am heutigen 8. Mai gerne ein Stück weit zurückgeben.
Schön, wenn Sie mir ein bisschen dabei helfen.