Statement Martin Litsch, Vorstandsvorsitzender AOK

Seite 1 von 3
Bundespressekonferenz
Thema: Gesundheitskompetenz in Deutschland
13. Mai 2016, Berlin
Statement von Martin Litsch
Vorstandsvorsitzender des AOK-Bundesverbandes
Vor knapp zwei Jahren haben wir das Thema Gesundheitskompetenz schon einmal genauer
unter die Lupe genommen. Damals hat unser Wissenschaftliches Institut, das WIdO, eine Kurzfassung des etablierten Fragebogens zur Messung von Gesundheitskompetenz eingesetzt. Unser WIdO-Monitor kam 2014 auch zu dem Ergebnis, dass über die Hälfte der Befragten eine
problematische bis unzureichende Kompetenz in Fragen zur Gesundheit aufweist. Wir haben
schon damals auf das Problem hingewiesen. Frau Professor Schaeffers aktuelle bevölkerungsrepräsentative Studie mit der Langfassung des Fragebogens hat den damaligen Befund nun
eindrucksvoll bestätigt. Sie unterstreicht die Relevanz des Themas noch einmal.
Dabei wird deutlich: Wir brauchen im Gesundheitswesen mehr zielgruppengerechte Angebote
für bildungsferne Schichten, aber auch für Senioren, Migranten und chronisch kranke Patienten.
Das gilt für die Gesundheitsinformation und die Gesundheitsversorgung gleichermaßen. Deshalb
ist es richtig, dass die Politik in dieser Legislaturperiode z. B. die Pflegeversicherung und ihre
Beratungsangebote gestärkt hat und die Verhältnisprävention in Kindergärten, Schulen oder
Betrieben großschreibt. Gerade weil es sich hier um zielgruppengerechte, nachhaltige Angebote
handelt, investiert die AOK schon seit Jahren ganz gezielt in diesen Bereichen.
Unsicherheit bei Informationen aus dem Netz
Wir wollen mit unserem Engagement in der Pflegeberatung oder in Kindergärten die Zugangsbarrieren abbauen, denn gesundheitliche Chancengleichheit ist uns ein echtes Anliegen. So
wurden über 85 Prozent aller sogenannten Settingmaßnahmen der gesetzlichen Krankenversicherung, beispielsweise in Schulen und Kindergärten, von der AOK durchgeführt. Mit 97 Cent
pro Versichertem hat die AOK in diesem Bereich fünf Mal mehr investiert als die anderen Krankenkassen mit 18 Cent. Dieses Geld ist gut investiert.
Gesundheitlicher Analphabetismus ist aber kein schichtenspezifisches Problem, wie man vielleicht
annehmen könnte, sondern es zieht sich durch breite Bevölkerungsschichten. Ob Akademiker
oder Hilfsarbeiter – Versicherte und Patienten haben generell Probleme damit, gesundheitsrele-
www.aok-bv.de I www.uni-bielefeld.de
Seite 2 von 3
vante Infos – zum Beispiel zu Krankheitssymptomen – zu finden und die Berichterstattung der
Medien oder Internetseiten zu Gesundheitsthemen zu verstehen. Ein großes Problem ist auch
die Vertrauenswürdigkeit dieser Informationen. Nicht nur, dass mit den medizinischen und
medialen Optionen die Unübersichtlichkeit wächst. Ein Gros der Befragten ist sich nicht
sicher, ob sie dem, was sie sich im Internet „ergooglen“, auch trauen können. Und das
Misstrauen ist durchaus berechtigt. Das zeigen nicht nur die vielen Internetseiten zu Gesundheitsthemen, hinter denen Pharmainteressen stecken. Auch das große Angebot von zum Teil
unsinnigen oder sogar schädlichen „individuellen Gesundheitsleistungen“ in Arztpraxen ist ein
Problem.
Außerdem gibt es große Unsicherheiten zum Beispiel bei der Frage, ob vor einer planbaren
OP eine Zweimeinung einzuholen ist oder nicht. Schon eine Entscheidung für oder gegen eine
Impfung überfordert viele Befragte. Und Nährwertangaben auf Lebensmittelpackungen werden
ohnehin kaum verstanden. In all diesen Dimensionen schneiden die Deutschen schlechter ab als
Niederländer, Dänen oder Iren.
Von einem „PISA-Schock“ in Sachen Gesundheit zu sprechen, ist vielleicht etwas übertrieben.
Aber aus Sicht von Krankenkassen, Verbraucherschutz und Wissenschaft ist dieser Befund bedenklich. Seit Jahren wird die Idealvorstellung vom mündigen Patienten gepflegt. Den Alltag
erleben die Menschen aber offenbar anders: In einem Meer von Gesundheitsinformationen,
medizinischen Angeboten und Formalitäten fühlen sie sich allein gelassen und überfordert.
Vom kompetenten Gesundheitsexperten in eigener Sache, der Gesundheitsinformationen findet, versteht, einordnet und dann umsetzt, sind wir meilenweit entfernt. Stattdessen gibt es im
deutschen Gesundheitswesen erhebliche Orientierungsprobleme.
Neue Ansätze: Faktenboxen & Co.
Beim Thema Gesundheitskompetenz zeigt sich die Abhängigkeit der Gesundheit von der Bildung. Kurz gesagt: Wer gesund werden oder gesund bleiben will, der muss Informationen zur
Gesundheit verstehen und erfassen können. Vor diesem Hintergrund haben wir gemeinsam mit
unabhängigen Experten die „AOK-Faktenboxen“ entwickelt. Das ist ein neues Informationsformat, um verfügbares medizinisches Fachwissen auf verständliche, kompakte Weise
zu vermitteln. Und das vorzugsweise im Internet. Faktenboxen können eine Kompassfunktion
im unendlichen Meer der Informationen übernehmen, wenn es darum geht, einen sicheren
Überblick über eine medizinische Fragestellung zu bekommen. Übrigens bieten sie nicht nur
eine verständliche schriftliche Vermittlung, sondern stehen auch für die Visualisierung von Informationen. Das bedeutet auch, dass wir jetzt Faktenboxen im Bewegtbild anbieten werden. So
erschließen sich die Informationen vielen Menschen schneller.
Auch unsere Navigatoren, Entscheidungshilfen und Apps tragen dazu bei, Patienten und Versicherten Orientierung zu geben und sie gut zu informieren. So stärken wir die Kompetenz der
Patienten mithilfe gezielter Informationen zu Nutzen und Risiken medizinischer Angebote. Der
Patient kommt so in die Lage, eine aktive Rolle in der Therapie von Erkrankungen, aber auch
www.aok-bv.de I www.uni-bielefeld.de
Seite 3 von 3
ganz generell als Akteur im Gesundheitssystem einzunehmen. Aus Studien wissen wir, dass
informierte Patienten einfach besser bei ihrer Therapie mitwirken, die Fachleute nennen das
Compliance oder Adherence.
Für die Faktenboxen arbeitet der AOK-Bundesverband mit ausgewiesenen Experten wie dem
Max-Planck-Institut für Bildungsforschung zusammen. Diese lehren uns einen angemessenen
Umgang mit Risiken und Unsicherheiten und stehen für das „Recht auf Einfachheit“. Und unsere „Faktenboxen“ zeigen: Laienverständlichkeit und evidenzbasierte Medizin schließen sich
nicht aus. Und das ist das Neue. Kommt beides zusammen, dann kann eine patientengerechte
Antwort auf Informationsflut und medizinischen Fortschritt geliefert werden. Zusammen mit
Wissenschaft und Ärzteschaft werden wir diesen Informationsansatz systematisch ausbauen
und noch in diesem Jahr eine Reihe weiterer Faktenboxen etwa zu den Themen Nahrungsergänzungsmittel oder Bluthochdruck veröffentlichen. Wir stehen für die Vertrauenswürdigkeit der
Inhalte und Darstellungen ein, der Patient kann sich darauf verlassen.
Schließlich wird auch deutlich: Die Stärkung von Patientenorientierung und Gesundheitskompetenz ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe. Neben den Akteuren aus dem Gesundheitswesen und der Wissenschaft sind hier Politik und Bildungssystem gefordert. Eine Schlüsselrolle
bei der Vermittlung von medizinischen Inhalten haben natürlich die Ärztinnen und Ärzte und alle
anderen Gesundheitsprofessionen. Wir sind deshalb froh, dass mit dem „Nationalen Aktionsplan
Gesundheitskompetenz“ nun ein Forum entsteht, das zentrale Akteure zusammenbringt, um
das Thema „Gesundheitskompetenz“ auf der Agenda von Bildungs-, Verbraucher- und Gesundheitspolitik weiter nach vorne zu bringen.
ANSPRECHPARTNER
Dr. Kai Behrens | Pressesprecher | 030 346 46-23 09 | [email protected]
www.aok-bv.de I www.uni-bielefeld.de