Kapitel 8: Eine brennende Frage - Freundeskreis Nationalpark

Kapitel 8: Eine brennende Frage
Wie naturnah oder naturfern wir uns verhalten spielt auch bei der Brennholzfrage
eine Rolle. In Kapitel 1 hatte ich beschrieben, dass die Sicherstellung der
Brennholzversorgung ein Kernthema bei der Bürgerbeteiligung war. Im Soonwald
schien es aus der Ferne betrachtet sogar das alles entscheidende Thema zu
sein, weshalb ich den Auftrag bekam zunächst einmal für die Soonwaldregion ein
Brennholzkonzept zu entwickeln. Das Ziel war klar: auch bei Ausweisung eines
Nationalparks sollte genügend Brennholz für die Bevölkerung zur Verfügung
stehen. Völlig unklar war mir zunächst, wie das zu bewerkstelligen sei. Viele
Lösungsvorschläge schwirrten durch die Luft - einer ungeeigneter als der andere.
Versorgung
aus
anderen
Landesteilen?
Jährlich
10.000 Kubikmeter
Brennholz aus dem Pfälzerwald oder aus dem Idarwald in den Soonwald
verfrachten?
Unmöglich!
Die
Errichtung
eines
Nationalparks
ist
ein
Leuchtturmprojekt des Naturschutzes. Und was fällt uns als erstes ein, wenn es
Schwierigkeiten gibt? Eine Fahrzeugflotte in Bewegung setzen, CO2 emitieren
und schon ist das Problem gelöst – wie immer mit Öl und mit Technik. Weniger
passend zum Nationalpark geht es kaum noch.
Brennholzversorgung aus den Nahehängen? Völlig inakzeptabel! Der
Soonwald hat viele fast ebene oder nur schwach geneigte Lagen. Die
Bevölkerung, die am Rand des Soonwaldes lebt, ist es gewohnt, an ihr
Brennholz ohne großen Aufwand heranzukommen. Für die Soonwälder wäre es
wohl kaum eine akzeptable Alternative gewesen, mit dem Traktor die fünfzehn
Kilometer runter zur Nahe zu fahren, um dann dort in den Steillagen ihr
Brennholz zu schlagen.
Versorgung aus dem Gemeindewald? Undenkbar! Der Gemeindewald gehört
der Gemeinde. Sie hat die Entscheidungshoheit hinsichtlich der Verwendung des
genutzten Holzes. Ich kann als Landesbeamter nicht daher kommen und einer
Gemeinde vorschreiben, dass sie aus dem Wald, der ihr gehört, alles Holz als
Brennholz verkauft.
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Ich bin zunächst etwas ratlos. Um eine Anregung zur Lösung des Problems
zu bekommen, studiere ich als erstes die IUCN-Schutzgebietsrichtlinien und
werde fündig. Unter Kategorie II: Nationalpark, „Weitere Ziele“ ist unter anderem
folgendes Ziel aufgeführt: „Berücksichtigung der Bedürfnisse der eingeborenen
Bevölkerung und lokaler Gemeinschaften einschließlich der Nutzung von
Ressourcen zur Deckung ihres Lebensbedarfs mit der Maßgabe, dass dies
keinerlei nachteilige Auswirkungen auf das vorrangige Managementziel hat;…“
Das ist es! Die lokale Gemeinschaft. Ich muss sofort an mein Heimatdorf denken.
Dort, genauso wie in den Nachbargemeinden, gibt es kein Bürgerhaus, sondern
ein Gemeinschaftshaus. Viele Erinnerungen kommen hoch. Erinnerungen an
Weihnachtsfeiern, an Wahlen, an den Leichenschmaus nach der Beerdigung
meines Vaters. Ich fühle mich von dem Ausdruck lokale Gemeinschaft sofort
angesprochen.
In den nächsten Tagen führte ich viele Gespräche. Mit Kollegen, mit Juristen,
mit Mitarbeitern anderer Nationalparks. Das Grundmuster des Gesprächsablaufs
wiederholte sich und ging in etwa so:
„Ich plane Brennholz aus dem Nationalpark zu gewinnen. Aus der Pflegezone.
Was hälst Du davon?“
„Brennholz aus dem Nationalpark? Wie kommst Du denn auf die Idee?“
„Es geht um die Einwohner der lokalen Gemeinschaften, die direkt am
Nationalpark wohnen. Sie benötigen die Ressource Holz, um ihr Haus im Winter
zu heizen.“
„Nein, nein, das geht nicht. Mit lokalen Gemeinschaften sind die Indios in
Brasilien gemeint. Das gilt nicht für Deutschland.“
„Und wo steht das?“
Nach dieser Frage trat in der Regel eine kleine Pause ein. Es steht halt
nirgendwo! Die Antwort lautete meist „Das kann man sich doch denken.“ Eben
das ist das Problem. Wir denken immer noch in unseren seit Jahrhunderten
eingeübten Kategorien. Die „da unten“, die „Edlen Wilden“, die sind auf die
natürlichen Ressourcen angewiesen. Die dürfen in den Wald gehen und
Brennholz sammeln. Aber wir doch nicht! Wir können ja mit Öl heizen, wenn ein
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Nationalpark die Brennholzversorgung beeinträchtigt. Oder eben Holz von
woanders herbeischaffen – wozu man auch wieder Öl braucht. Wir haben immer
ganz schnell eine Lösung zur Hand, die auf dem Schmiermittel unseres
Wirtschaftssystems beruht, dem Öl. Aber wenn wir Globalisierung wirklich ernst
nehmen, müssen die gleichen Regeln für alle gelten. Die Bürger aus dem
Hochwald haben diesen Gedankengang übrigens sehr gut nachvollziehen
können und sich nach der Vorstellung meines Brennholzkonzeptes scherzhaft
Hochwald-Indianer genannt. Auch wenn ich mich ausdrücklich auf die lokalen
Gemeinschaften bezogen habe und nicht auf die eingeborene Bevölkerung, habe
ich diesen Scherz gerne mitgemacht. Naturschutz muss ja nicht zwangsläufig
humorfrei sein. Doch auch die Bezeichnung lokale Gemeinschaft für die
Einwohner eines Hunsrück- oder Nahedorfes sorgte für sehr lebhafte
Diskussionen, die andauern und mit Sicherheit zukünftig weitergeführt werden.
Deshalb möchte ich erläutern, wieso ich diesen Begriff ganz bewusst verwende:
Naturvölker, Eingeborene, lokale Gemeinschaften, Ureinwohner, indigene
Völker, Ökosystem-Menschen und noch viele mehr. Allein die Fülle der
Bezeichnungen zeigt wie schwer uns der Umgang mit Menschen fällt, die nicht
unserem Kulturkreis angehören. Nach der internationalen Definition könnte ich
auch die Bayern als indigenes Volk sehen:
-
sie sind die relativ gesehen „ersten“ Bewohner die ein bestimmtes Gebiet
vor
der
Kolonisierung
(Reichgründung
durch
die
Preußen 1871)
bewohnten (Hier geht es schon los mit den Schwierigkeiten. Die
allerersten Bewohner waren ja wohl die Neandertaler, dann kamen viele
andere und die Bajuwaren setzten sich erst in der Völkerwanderungszeit,
also vor anderthalb tausend Jahren im Voralpen- und Alpenraum fest.
Dieses Problem, zu bestimmen wer denn nun die ersten waren, tritt
weltweit häufiger auf, deshalb steht in der Definition auch „relativ
gesehen“),
-
die Bayern verstehen sich bis heute als eigenständiges Volk (Wer könnte
daran zweifeln?),
-
sie haben eigene soziale, wirtschaftliche und politische Einrichtungen
100
und kulturelle Traditionen (Wobei der Rest der Welt begonnen hat,
zumindest Teile der kulturellen Traditionen der Bayern zu übernehmen.
Selbst die Chinesen feiern schon Oktoberfest und die Amerikaner
sowieso. Dieses Phänomen, dass die dominante Kultur Elemente der
Indigenen übernimmt, kommt allerdings häufiger vor. Auch ich trage einen
Ring, den ich mir bei den Navajos in Arizona gekauft habe.
Indigenisierung heißt der Fachausdruck hierfür.)
Wenn sie diesen kleinen Scherz allzu lächerlich finden, überlegen sie sich mal,
wie zum Beispiel die Inuit (früher Eskimos genannt) in Grönland leben. Meinen
sie wirklich, die fahren alle wie in alten Zeiten mit dem Hundeschlitten zur Jagd,
mit der Walknochenharpune in der Hand und bauen sich dann abends zum
Übernachten ihr Iglu? Auch die Inuit von heute benutzen Motorschlitten,
verwenden Schnellfeuergewehre und schätzen den Nutzen eines in kürzester
Zeit aufzubauenden Thermozeltes.
Worum es bei dieser Indigenen-Diskussion wirklich geht, wurde mir auf einer
Reise nach Chile bewusst. Ich besuchte einen befreundeten Förster, der nach
Südamerika ausgewandert ist und dort die multifunktionale Forstwirtschaft nach
deutschem Modell praktiziert. Eine große Herausforderung in einem Land, in
dem üblicherweise nur die Plantagenwirtschaft angewandt wird. In einer LiveMusik-Bar in Temuco trafen wir eines Abends eine Bekannte von ihm, eine
Mapuche-Indianerin, und es ergab sich ein für mich äußerst aufschlussreiches
Gespräch. Die Mapuche sind die indigene Bevölkerung eines südlich von
Santiago de Chile gelegenen bis nach Argentinien hinein reichenden Gebietes.
Sie sind schon alleine deshalb ein erstaunliches Volk, weil sie es schafften, sich
erfolgreich der Kolonisierung durch die Spanier zu widersetzen. Erst das von
Spanien
unabhängige
Chile
unterwarf
diese
Volksgemeinschaft
im
19. Jahrhundert und gliederte das von ihnen bewohnte Territorium dem
chilenischen Staat ein. Seitdem gibt es ein stetiges, heftiges Ringen um die
Ansprüche der Mapuche, welches zu teilweisen Landrückgaben geführt hat. In
der zum Teil hitzigen, in spanisch, englisch und deutsch geführten Diskussion
waren die Positionen schnell klar: Die Grundaussage unserer Gesprächs-
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partnerin war: „Zuerst raubt ihr uns unser Land und jetzt respektiert ihr noch nicht
mal unsere Kultur und unsere Lebensweise.“ Mein Freund hielt dagegen: „Aber
wozu führt denn Eure Lebensweise? Schau Dir doch das Land an, das Euch der
Staat zurückgegeben hat. Es ist total verwildert. Brennholz wird so lange
gehauen bis keins mehr da ist und dann ruft ihr nach neuem Land.“ Es war
ziemlich offensichtlich, dass hier zwei vollkommen unterschiedliche Kulturen
aufeinandertrafen. Einzeln betrachtet, konnte ich die Argumente beider Seiten
nachvollziehen. Schwierig wird es jedoch, wenn man die verschiedenartigen
Sichtweisen zusammenbringen will und überlegt, wie ein gemeinsames, von
gegenseitigem Respekt geprägtes Leben aussehen könnte. So fanden auch wir
an diesem Abend keine Lösung für dieses Problem, das sich aus der Geschichte
der letzten Jahrtausende ergeben hat. Der Mensch hat den amerikanischen
Kontinent, mit großer Wahrscheinlichkeit vor etwa 15.000 Jahren in Alaska
beginnend, nach und nach erobert. Von Norden nach Süden arbeitete er sich vor
und besiedelte innerhalb von nur wenigen tausend Jahren diese riesige
Landmasse. Da sich vorher keine anderen menschlichen Wesen dort befanden,
waren diese Neuankömmlinge definitiv die Ersten. Sie brauchten also keine
Ureinwohner zu bekämpfen und rotteten lediglich, wie in anderen Erdteilen auch
geschehen, ein paar große Säugetierarten wie das Wollnashorn und das
Riesenfaultier aus.
Der erste Versuch von Europäern auf dem amerikanischen Kontinent Fuß zu
fassen,
die
Besiedlung
von
Vinland
Jahr 1.000 nach Christus,
wurde
von
zurückgeschlagen.
der
Nach
durch
den
sogenannten
die
dort
Wikinger
lebenden
Entdeckung
durch
um
das
Indianern
Christoph
Kolumbus gab es aber kein Halten mehr. Amerika wurde europäisiert, was nichts
anderes bedeutete, als dass den Indianern ihr Land weggenommen wurde.
Europäer der Neuzeit respektieren Landansprüche nur, wenn ein Staat darüber
wacht und ein Katasteramt das Land vermessen hat. Die Situation ist jetzt heillos
verfahren und widersprüchlich. Einerseits regt sich bei uns das schlechte
Gewissen und in den letzten Jahrzehnten ist ein Bewusstsein entstanden, dass
es nicht rechtens ist, einem anderen Volk einfach das Land wegzunehmen
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(immerhin ist es ja schon eine Kulturleistung, dass wir die Indigenen nicht mehr
als Tiere betrachten, in Bergwerke stecken oder als Sklaven halten).
Andererseits sprechen wir immer noch voller Bewunderung vom großen
Feldherrn und Staatsmann Gaius Julius Caesar. Aber was ist eine der größten
Lebensleistungen von Caesar? Mit fadenscheiniger Begründung begann er einen
brutal geführten Angriffskrieg gegen die Gallier und eroberte innerhalb von
sieben Jahren das Gebiet zwischen Rhein und Atlantik. In unmittelbarer Nähe
des schon erwähnten keltischen Ringwalls von Otzenhausen wurde in den
letzten Jahren ein römisches Heerlager aus der Zeit Caesars entdeckt. Ein
Sinnbild dafür, was damals geschah. Keltische Siedlungsschwerpunkte wie der
bei Otzenhausen wurden aufgegeben oder versanken in der Bedeutungslosigkeit. Die Römer schufen neue Zentren wie Augusta Treverorum, das heutige
Trier. Denn auch wenn das eher eigenmächtige Vorgehen Caesars im
Machtzentrum Rom äußerst umstritten war, dachte nach der Ermordung Caesars
niemand im Traum daran, den „Indigenen“ ihr Land zurückzugeben. Die Gallier
wurden vielmehr gründlich romanisiert, das heißt sie durften die römische
Lebens- und Wirtschaftsweise annehmen. Eine aus Staatserhaltungssicht kluge
Vorgehensweise. Allerdings wurde damit die gallische Kultur zerstört.
Wenn wir konsequent denken würden, müssten wir die Vorgehensweise der
Römer auf schärfste verurteilen - und wir müssten allen indigenen Völkern ihr
Land
zurückgeben
oder
zumindest
ein
uneingeschränktes
Selbst-
bestimmungsrecht gewähren. Das fällt uns aber schwer, vor allem, weil sich in
den von ihnen bewohnten Gebieten meist allzu verlockende Ressourcen wie
Holz, Kohle, Öl, Gold oder sonstige Erze finden lassen. Die wollen wir natürlich
nutzen, doch so unverblümt wie Caesar oder die spanischen Konquistadoren
möchten wir nun auch wieder nicht vorgehen. So hangelt man sich mit einem
gewissen Entgegenkommen gegenüber den Indigenen durch. Ein kleines
Reservat hier, ein bisschen staatliche Unterstützung dort, vielleicht sogar ein
wenig Autonomie. Die „Drecksarbeit“, die Ausbeutung der Rohstoffe, überlassen
wir oftmals internationalen Konzernen. Über die können wir uns dann aufregen.
Das sind die Bösen. Damit haben wir eine reine Weste und können uns gut
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fühlen. Doch wer kauft letztendlich die Produkte der Konzerne? Wir alle, selbst
die Indigenen. Die dürfen dann auch mal mit dem Smartphone spielen und ein
bisschen Fernsehen gucken. Das ist das große Spiel, das gespielt wird und fast
ausnahmslos spielen wir alle mit. Es hat unter anderem dazu geführt, dass die
Mehrheit der mehrere hundert Millionen Indigenen (es ist schwer, deren genaue
Zahl zu bestimmen, weil die Grenze indigen/nicht indigen fließend ist) einem eher
westlich orientierten Lebensstil nachgeht. Daraus ergab sich gegen Ende des
letzten Jahrhunderts das Dilemma, dass man Naturvölker nicht mehr von
Kulturvölkern unterscheiden konnte. Das Wort Naturvolk wurde zumindest aus
der Wissenschaft verbannt. Es beinhaltet ja unterschwellig den Gedanken, dass
Naturvölker keine Kultur hätten, was definitiv nicht stimmt. Sie haben einfach nur
eine andere Kultur als wir. Deshalb werden heutzutage „die anderen“ in „indigene
Völker“ und in „lokale Gemeinschaften“ einsortiert. Bei den indigenen Völkern
geht es nicht um ihre Wirtschaftsweise, die durchaus konsumorientiert sein kann,
sondern darum, dass sie das von ihnen bewohnte Land als ihr Eigentum
ansehen und darüber bestimmen möchten. Bei den Bevölkerungsgruppen, die
als lokale Gemeinschaften bezeichnet werden, spielt das keine Rolle. Hier wird
gerade die Wirtschaftsweise betrachtet. Wenn eine Gruppe ausschließlich oder
überwiegend Subsistenzwirtschaft betreibt, wird sie als lokale Gemeinschaft
eingestuft. Subsistenzwirtschaft heißt, es wird nur so viel produziert oder erbeutet
(etwa als Jäger, Bauer, Fischer oder Sammler) wie für den eigenen Bedarf
benötigt wird. Ein möglicher Überschuss wird gegen anderes getauscht oder auf
dem nächsten Markt verkauft.
Die Definition der lokalen Gemeinschaften ist leider genauso schwammig,
missverständlich und unscharf wie die der indigenen Völker. So ist diese
Bedarfswirtschaft auch bei uns nicht mit dem Beginn der industriellen Revolution
schlagartig verschwunden. Vor allem auf dem Land finden sich entsprechende
Elemente bis heute. Noch in meiner Kindheit hielt jeder Bauer auch zur
Eigenversorgung die ganze Palette an Nutzvieh. Darüber hinaus fanden sich bei
vielen Nichtbauern Hühner oder ein Schwein zur Selbstversorgung im Stall hinter
dem Haus. Die für die Städter katastrophale Notzeit nach dem zweiten Weltkrieg,
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die zu unzähligen Hungertoten führte, überstand die Landbevölkerung relativ
unbeschadet. Nicht nur, weil ihr Land zur Verfügung stand, sondern weil sie über
das notwendige Wissen verfügte, wie man dieses mit einfachen Mitteln
bewirtschaftet. Brennholz hat man in den nahe gelegenen Wäldern geschlagen.
So ist auf dem Land selbst während des extrem kalten Winters 1946/47 kaum
jemand verhungert oder erfroren.
In den 1960er und 70er Jahren hielten dann die Segnungen der modernen
Welt Einzug. Als ich ein kleines Kind war, wurde das Haus, in dem wir wohnten,
nur mit Holzöfen beheizt. Die Milch holte ich jeden Tag in der blechernen
Milchkanne beim Bauern im Dorf. Die Beschwerden bei Erkältungen wurden mit
Heilkräutern gelindert. Dann zogen wir, wie viele andere, ganz stolz in ein Haus
mit Zentralheizung, der Arzt verschrieb gegen alles und jedes die passende Pille,
auch wenn es sich nur um Husten, Schnupfen oder Halsschmerzen handelte und
irgendwann kauften auch wir die Tetrapak-Milch im Supermarkt. Doch nach und
nach setzte eine Gegenbewegung ein und der eine oder die andere begann zu
zweifeln, ob das der richtige Weg war. Bei mir begann das während der
Studienzeit und damit, dass ich aufhörte, unsere Obstbäumchen jedes Jahr mit
dem Insektizid Lindan zu besprühen. Sie werden ja nicht gewerblich genutzt und
wenn jetzt in einer Zwetsche eine Made ist, ist halt eine Made drin. So wie das in
meiner Kindheit auch war. Und gegen Erkältungsbeschwerden gehe ich schon
lange wieder mit Kräutern und nicht mit Tabletten an.
Das Unbehagen darüber, alles Hergekommene über Bord zu werfen, haben
immer mehr Menschen. Dieses gewachsene Bewusstsein für überkommene
Werte, auch für den Wert unserer Kulturlandschaft, führte zum Beispiel zur
Rettung des Birkenfelder Rotäpfelchens. Das ist eine kleinwüchsige, regionale
Apfelsorte, die sich gut lagern lässt. Sie diente früher der Bevölkerung zur
Deckung des Eigenbedarfs. 2010 war nur noch eine einzige Streuobstwiese mit
dieser alten Sorte im Ort Mackenrodt bekannt. Das Rotäpfelchen war vom
Aussterben bedroht. Der Landschaftspflegeverband Birkenfeld nahm sich dieses
Kleinods an, aber die Rettung drohte zunächst an der EU zu scheitern. Brüssel
wollte mit einer Richtlinie durchsetzen, dass alle Obstarten ein umfangreiches
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Anmelde- und Prüfverfahren durchlaufen und in Sortenlisten erfasst werden
müssen. Das hätte das Aus für viele regionale Sorten bedeutet. Das
Rotäpfelchen wurde zu einem Symbol für den letztendlich erfolgreichen Kampf
gegen die geplante Richtlinie. Das Vorhaben wurde fallen gelassen und das
Rotäpfelchen ist dadurch über den Kreis Birkenfeld hinaus im wahrsten Sinne
des Wortes in aller Munde. Die Erhaltung dieser traditionellen Apfelsorte ist
mittlerweile gesichert.
Wenn auf internationaler Ebene von lokalen Gemeinschaften gesprochen
wird, werden gerne deren „traditionelle Lebens- und Wirtschaftsweisen“ erwähnt,
die unbedingt erhalten werden sollten. Das hört sich dann meist an, als gäbe es
so etwas nur ganz weit weg, irgendwo in Afrika oder Südamerika. Dieses
permanente Abgrenzen von traditionellen Völkern und Volksgruppen ist auch
eine Form der Diskriminierung. Ganz gleich, ob man die „ursprüngliche
Lebensform“ der „Ökosystem-Menschen“ anhimmelt oder auf sie herabschaut.
Wir diskriminieren damit die anderen und gleichzeitig uns selbst. In jeder
Gesellschaft gibt es Traditionen, Werte und Verhaltensweisen, die erhaltenswert
sind. Die gibt es auf anderen Kontinenten, aber genauso bei uns, direkt vor
unserer Haustür, mitten unter uns. Die Tatsache, dass wir nach wie vor
verschiedene Maßstäbe anlegen, zeigt, dass wir die Kolonialzeit immer noch
nicht
überwunden
haben.
Wir
sollten
aufhören,
die
Menschheit
in
Hochentwickelte und Sonstige zu unterteilen und uns dafür lieber Gedanken
machen, welche Werte und Traditionen uns wichtig und erhaltenswert
erscheinen. Wir sollten dort lernen, wo es etwas zu lernen gibt und das erhalten,
was uns erhaltenswert erscheint. Egal, ob in Afrika oder in Mackenrodt. Aus
diesen Gedanken heraus habe ich mich dafür eingesetzt, dass die lokale
Bevölkerung zur Selbstversorgung Brennholz aus den Pflegezonen des
Nationalparks Hunsrück-Hochwald erhält. Weil es eine jahrhundertelange,
erhaltenswerte Tradition ist, bei der pfleglich mit dem Wald umgegangen wird.
Die konkrete Lösung für den Nationalpark Hunsrück-Hochwald lässt sich
folgendermaßen darstellen:
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Zunächst wurde analysiert, wie viel Brennholz bisher aus der geplanten
Gebietskulisse an die Bevölkerung der angrenzenden Gemeinden geliefert
wurde. Das waren im Mittel der Jahre 2010, 2011 und 2012 annähernd
8.000 Kubikmeter pro Jahr. Es wird seitens des Landes garantiert, dass diese
Menge auch zukünftig zur Verfügung gestellt wird. In der Nähe der Ortschaften,
die im oder direkt am Nationalpark liegen, werden Pflegezonen innerhalb des
Nationalparks ausgewiesen, Hier werden bis zu 2.000 Kubikmeter Buchenholz
geerntet, welches an die lokale Bevölkerung verkauft wird. Außerhalb des
Nationalparks werden im Staatswald externe Brennholzzonen ausgewiesen. Hier
werden die restlichen 6.000 Kubikmeter eingeschlagen.
Das ist die materielle Lösung des Problems. Ganz wichtig ist mir dabei die
Tatsache, dass wir im Nationalpark Brennholz für die Bevölkerung vor Ort
gewinnen. Es ist der erste Nationalpark in Deutschland, in dem das so
gehandhabt wird. Wie soeben geschildert war das eine gezielte und bewusste
Entscheidung. Es soll Anlass sein, nachzudenken. Wir müssen Fragen stellen.
Ist es richtig, dass wir auf großen Flächen die Holznutzung aufgeben? Eine
Holznutzung, die nachhaltig erfolgt. Was ist der Mehrwert eines großen
Prozessschutzgebietes? Was haben wir davon?
Der „Brennholzwald“ kann diesen Denkprozess anstoßen. Auf mindestens 75 % der Nationalparkfläche ist das Ziel Natur Natur sein lassen. Es soll
nach spätestens 30 Jahren erreicht sein. Auf maximal 25 % der Fläche können
aber andere Ziele verfolgt werden, unter anderem, die lokale Bevölkerung
ortsnah mit Brennholz zu versorgen. Damit ist der Nationalpark in gewisser
Weise entgrenzt - und das ist gut so! Denn die Gefahr des Schubladendenkens
ist riesengroß. Im Nationalpark arbeiten die „guten Förster“, die die Bäume
umarmen und die Rehe streicheln und außerhalb tummeln sich die „bösen
Förster“ im Wald. Diejenigen, die Tiere totschießen und Bäume abhacken. Wir
sollten es uns alle zur Aufgabe machen, möglichst nicht in diese Denkweise zu
verfallen!
Ich stelle mir folgendes Szenario vor, welches ich in der Praxis schon
häufiger durchgespielt habe. Es führt fast immer zu sehr angeregten, oftmals
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kontroversen Diskussionen. Ich stehe in einer der Pflegezonen. Ich verweise auf
die Naturzone, die hinter mir liegt. Ich erkläre, dass es viele gute Gründe gibt,
einen Teil der Natur Natur sein zu lassen. Ich erläutere, dass wir hier in einer
Pflegezone
stehen,
einem
Teilgebiet
des
Nationalparks, in dem die Gewinnung von
Brennholz
für
die
lokale
Bevölkerung
gestattet ist. Die Betonung liegt dabei ganz
klar auf dem Wort lokal! Und dann verweise ich auf den Gegenhang, der nicht
zum Nationalpark gehört. Hier wird der wertvolle, nachwachsende Rohstoff Holz
gewonnen. Auch in diesem Wirtschaftswald wird in Deutschland Rücksicht auf
die Natur genommen. So liegen viele Naturschutzgebiete im Wald. Aber auch
außerhalb der Naturschutzgebiete werden alte, ökologisch wertvolle Bäume
(sogenannte Biotopbäume) geschont und nicht eingeschlagen. Landesforsten
Rheinland-Pfalz hat dies mit dem im Staatswald gültigen BAT-Konzept geregelt
(BAT steht für Biotopbäume, Altbäume, Totholz). In diesem Konzept steht
folgender bedeutsame Satz: „Es handelt sich um ein integratives Gesamtkonzept
mit segregativen Elementen“. Das ist eine der Kernaussagen zu der Art und
Weise wie wir Wälder bewirtschaften wollen. Doch worum geht es hier? Was
bedeutet dieser Satz? Darum geht es im folgenden Kapitel.
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