Diana Marschall - „Wenn ich an Reisen denke, denke ich an

Diana Marschall - „Wenn ich an Reisen denke, denke ich an Reisen in die Tiefe…
um besser zu begreifen, wo wir gerade stehen, und vertrauten Gefühlen noch tiefer auf den Grund
zu gehen“1 diese Zitat von Lucian Freud, dem Enkel von Sigmund Freud scheint für das Schaffen von
Diana Marschall zu stehen. Es geht im Folgenden noch weiter: „Ich meine immer, etwas mit >dem
Herzen zu kennen<, bietet uns Möglichkeiten, die tiefgründiger und wirkmächtiger sind als
diejenigen, die sich uns durch Betrachten neuer Sehenswürdigkeiten erschließen- so aufregend diese
auch immer sein mögen.“2
Diese Intention finden wir in den Werken von Diana Marschall wieder, die nach eigenen Aussagen
hinter die Fassade schauen möchte und in den Porträts tieferliegende Gefühle widerspiegeln möchte.
Sie selbst bezieht sich auf ihrer homepage auf eine Aussage, die Pablo Picasso zugeschrieben wird:
ein Maler arbeite intuitiv und diagnostisch, wie ein Arzt. Dies wäre eine Anspielung Picassos, wenn
auch unbewußt, auf die Entwicklung der Diagnose- und Analysetechniken der Wiener Medizinischen
Schule um Carl von Rokitansky, die um die Jahrhundertwende des vorigen Jahrhunderts nicht nur
Siegmund Freud sondern auch die Wiener Moderne um Klimt und Schiele stark beeinflusst hat. Eine
Zeit, die von Eric Kandel: Das Zeitalter der Erkenntnis genannt wird. 3 Von diesen Forschungen und
Entwicklungen sind im Folgenden Forscher und Künstler maßgeblich beeinflusst worden, auch
Picasso. Die Wissenschaftler der Zeit wollten unter die Oberfläche schauen, wie später die Künstler
des Kubismus, wie Picasso und Braque; die diese Kunstform als Ausdruckmittel und als Technik sogar
als Waffe oder Werkzeug verstanden haben, unter die Oberfläche des Individuums zu schauen oder
die Abbildung von der Darstellung zu befreien.
Marschall benutzt diese Technik nicht, sie bezeichnet sich als Realistin und möchte die Wirklichkeit
ohne Verzerrung zeigen. Beide bevorzugten Themengebiete Marschalls, Portraits und Meeresbilder
haben Gemeinsamkeiten, sie werden bipolar durch die maritimen Meeresbilder ergänzt. Sehen wir
uns die beiden Werke „La Romenia“ und „Schwere See“ an, scheinen diese allegorisch für den
gleichen Ausdruck im Gefühl und als Metapher für ein schweres, mühevolles Leben stehen zu
können. Die Stimmung „Schwere See“ finden wir in den Augen des Geigenspielers in „La Romenia“
wieder. Auch von der Farbgebung sind die beiden Werke ähnlich; beide in Braun-Beige-Töne
gehalten und etwas Blau eingearbeitet. Das Werk „La Romenia“ erinnert an die Musiker in den
Fußgängerzonen deutscher Städte, an das Schicksal von Fremdheit, Flucht, Vertreibung und prekäre
Lebenssituationen; an die Schwierigkeiten des Lebens, die umschifft werden müssen. In beiden
Werken können wir in der Tiefe lesen, welche Herausforderungen das Leben bietet, welche
Widrigkeiten einem Individuum begegnen können.
Dem setzt Marschall die maritimen Seebilder entgegen. In ihren maritimen Seebildern finden wir den
Entdeckergeist wieder, über den wir auch in Daniel Kehlmanns Roman: „Die Vermessung der Welt“
lesen dürfen. In diesem Roman, in dem es um die Verquickung der Biographien von Carl Friedrich
Gauss, und Alexander von Humboldt geht, schreibt Kehlmann im Kapitel „Das Meer“ folgendes:
„Alexander von Humboldt war in ganz Europa berühmt wegen einer Expedition in die Tropen, die er
fünfundzwanzig Jahre zuvor unternommen hatte. Er war in Neuspanien, Neugranada, Neubarcelona,
Neuandalusien und den Vereinigten Statten gewesen, hatte den natürlichen Kanal zwischen Orinoko
und Amazonas entdeckt, den höchsten Berg der bekannten Welt bestiegen, Tausende Pflanzen und
Hunderte Tiere, manche lebend, die meisten tot, gesammelt, hatte mit Papageien gesprochen,
Leichen ausgegraben, jeden Fluß, Berg und See auf seinem Weg vermessen, war in jedes Erdloch
gekrochen und hatte mehr Beeren gekostet und Bäume erklettert, als sich irgendjemand vorstellen
mochte.“4
Marschalls Bilder leben von der Bipolarität und der Spannung durch Gegensätze; die Widrigkeiten
des Lebens und die Technik und Können, diesem Unbill zu entkommen und zu überwinden.
In den anderen, leichteren Werken, den maritimen Seebildern, häufig auf Segeltuch gemalt, sehen
wir die Leichtigkeit in der Technik; lockere, schwungvolle Bilder in einer oberflächlichen Technik
gehalten verleihen Flügel. Als wolle uns Marschall hier Segel verleihen; die zum Davonsegeln
aufmuntern. Dazu kommt noch, dass die Werke auf gebrauchten Segeln gemalt sind, welche die
Seeluft geatmet haben und eine frische Brise in den Wohnraum bringen. Dieses Davonsegeln hat bei
Diana Marschall biographische Wurzeln; im Erzgebirge geboren hat sie bis zu ihrem sechzehnten
Lebensjahr in Ostberlin, damals Hauptstadt der ehemaligen Deutschen Demokratischen Republik
gelebt. Die Familie ist dann in den Westen geflohen. Diana Marschall hat in der Bundesrepublik
Deutschland ein Betriebswirtschaftsstudium absolviert, dann aber eine Ausbildung in Freier Malerei,
Akt und Grafik in Köln und Paris angeschlossen und mit dem Diplom der „Federation Nationale de la
Culture Francaise“ abgeschlossen. Sie kann mittlerweile auf eine rege Ausstellungstätigkeit im Inund Ausland zurückblicken, beispielweise 2010 in Shanghai, China und mehrere Male, zuletzt 2014,
auf der Messe Boot in Düsseldorf.
Marschall unternimmt den Versuch, uns hier Lösungswege an die Hand zu geben, schwierige
Lebenssituationen zu überwinden und sie sieht dazu Ansätze in einer Technik, eine Technik, die man
erlernen und ausprobieren kann. In Marschalls Werk schient als roter Faden folgende Aufforderung
zu liegen: auf zu neuen Ufern, Neues entdecken und folgende Botschaft: durch Technik, Üben,
Können und Wissen gelingt es, Klippen des Lebens zu umschiffen. Gleichzeitig läutet Marschall hier
eine weitere Episode ihres Lebensweges ein, eine Weiterentwicklung durch die Überwindung der Not
und Leiden hin zum Entdeckenwollen neuer Horizonte. Hier ist die Botschaft verborgen, Unbill,
Mühen und Schmerz zu erdulden, ein Risiko auf sich zu nehmen, um ein Ziel zu erreichen. „Du
verkennst mich, antwortete Humboldt. (seinem Bruder, d. Verf.in) Ich habe herausgefunden, daß der
Mensch bereit ist, Unbill zu erfahren, aber viel Erkenntnis entgeht ihm, weil er den Schmerz fürchtet.
Wer sich jedoch zum Schmerz entschließt, begreift Dinge, die er nicht… Er legte die Feder weg, rieb
sich die Schulter und zerknüllte das Blatt.“5
© Nana Aue
1)
2)
3)
Lucian Freud bei einer Ausstellung seiner Werke 2010 im L´Atelier Centre Pompidou, als Kommentar an seinen
4
Werken, hier bei Eric Kandel: Das Zeitalter der Erkenntnis, München 2012, S. 196
Lucian Freud, ebenda
Eric Kandel, Das Zeitalter der Erkenntnis, a.a.O., S. 36ff
4) Daniel Kehlmann: Die Vermessung der Welt, Hamburg, 32008, S. 19 „Kapitel Das Meer“, S.19
5) Kehlmann, a.a.O., S. 33