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FACHABITURPRÜFUNG 2015
AN DER BERUFLICHEN OBERSCHULE
(FACHOBERSCHULEN UND BERUFSOBERSCHULEN)
ZUM ERWERB DER FACHHOCHSCHULREIFE
Fach: Pädagogik/Psychologie
Dienstag, 19. Mai 2015, 9:00 – 12:00 Uhr
Aufgabenauswahl:
Die Schule legt den Schülerinnen und Schülern zwei Aufgaben zur Auswahl vor.
Es ist e i n e der vorgegebenen Aufgaben zu bearbeiten.
Aufgabe I: Fallbeschreibung „Lukas“
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Der sechsjährige Lukas lebt mit seinen Eltern in einer Kleinstadt in Bayern. Er kam
neun Wochen zu früh auf die Welt und hat sich von Anfang an etwas langsamer als
seine Altersgenossen entwickelt. Seine Eltern können diese Tatsache nur schwer
akzeptieren, zumal sie ihn ständig mit dem fast gleichaltrigen Sohn der Nachbarn
vergleichen.
Lukas besucht seit drei Jahren den Kindergarten und zeigt auch dort auffälliges
Verhalten sowie eine verzögerte Entwicklung. Dies äußert sich beispielsweise durch
motorische Probleme: Lukas kann die Schere noch nicht richtig benutzen und hat
Schwierigkeiten beim Ausmalen. Er braucht sehr lange für einfache Tätigkeiten wie
das Aufräumen eines Puzzles. Im sprachlichen Bereich hat Lukas ebenfalls Defizite:
Seine Sätze sind kurz, sein Wortschatz ist gering und er spricht bei verschiedenen
Anlässen, wie beispielsweise im Morgenkreis, nur äußerst ungern.
Die Erzieherin hat große Probleme im Umgang mit Lukas. Sie wird schnell
ungeduldig, empfindet Lukas und seine langsame Art als Belastung. In ihren Augen
braucht das Kind mehr Förderung als sie es im Kindergartenalltag leisten kann. Sie
sieht sich in diesem Zusammenhang einer zunehmenden Überforderung ausgesetzt.
Die Eltern von Lukas zeigen sich gegenüber den Schwierigkeiten ihres Sohnes
zudem wenig verständnisvoll und tolerant. Sein Vater bezeichnet Lukas oft als
„langsame Schnecke“. Während eines Wutanfalls gegenüber Lukas hat er schon
davon gesprochen, dass er kein Wunschkind gewesen sei und man Kinder ja leider
nicht mehr umtauschen könne. Lukas Eltern schämen sich vor ihren Nachbarn und
auch vor den Erzieherinnen im Kindergarten für ihren Sohn. Sie schärfen Lukas
immer wieder ein, wie wichtig es sei, nicht aufzufallen und keine Schwierigkeiten zu
machen, einfach „ein lieber Junge zu sein“.
Seit Beginn des neuen Kindergartenjahres ist Lukas stolz darauf, ein Vorschulkind zu
sein. Er freut sich sehr auf die Schule und bemüht sich, die Übungen für die
Vorschulkinder gut zu erfüllen. Lukas merkt aber selbst, dass die anderen Kinder ihre
Übungen viel schneller abschließen und wird zunehmend frustrierter, da er nicht mit
ihnen mithalten kann. Die Kinder bemerken dies und rufen ihm oft „lahme Ente“
hinterher. Zudem wird er immer wieder von anderen Kindern im Kindergarten
gehänselt, weil er angeblich noch „wie ein Baby spricht“. Diese Hänseleien machen
Lukas wütend. Wehren kann er sich aber nicht. Von der Erzieherin fühlt er sich
ungerecht behandelt, da sie den anderen Kindern viel mehr zutraut. Er spricht weder
mit seinen Eltern noch mit der Erzieherin über seine Gefühle, da er ja „ein lieber
Junge“ sein will. Lukas leidet sehr darunter und ist davon überzeugt, dass alle ihn
auch deshalb nicht mögen, weil er so langsam ist. Demzufolge zieht er sich sowohl
von den Kindern als auch von den erwachsenen Bezugspersonen immer mehr
zurück.
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Beim Elterngespräch empfiehlt die Erzieherin den Eltern, Lukas noch ein Jahr vom
Schulbesuch zurückstellen zu lassen oder gleich über den Besuch einer
Förderschule nachzudenken.
Die Eltern sind entsetzt über die Aussagen der Erzieherin. Der Vater poltert sofort
los, sein Kind gehe auf keinen Fall auf die „Sonderschule“. Lukas sei ja nicht
behindert und außerdem seiner Ansicht nach nur zu faul. Man müsse den Jungen
nur strenger erziehen und mit etwas Bestrafung werde er es schon in der „normalen“
Schule schaffen!
Die Mutter dagegen erinnert sich sofort an eine Nachbarin, die ihr vor kurzem davon
erzählte, dass man jetzt neuerdings immer häufiger alle Kinder in einer Klasse
unterrichte, egal, ob diese beeinträchtigt seien oder nicht. Man fördere dort jedes
Kind individuell nach seinem Leistungsstand. Die Nachbarin meinte, das sei doch
auch etwas für Lukas, da er dann nicht von seinen Kindergartenfreunden getrennt
wäre.
Lukas Eltern informieren sich am folgenden Tag über diese Möglichkeit an der
örtlichen Grundschule und melden ihn für eine solche Klasse an.
Teilaufgaben zur Fallbeschreibung „Lukas“:
1. Erklären Sie die Entstehung von Lukas Selbstkonzept sowie sein aktuelles
Verhalten (Rückzug vor Kindern und Erwachsenen) mithilfe relevanter
Annahmen der personenzentrierten Theorie nach C. Rogers.
2. Verdeutlichen Sie den Prozess des „Denkens als Entscheidungsfindung“ am
Beispiel der Entscheidung von Lukas Eltern bezüglich seines künftigen
Schulbesuches.
3. a) Erläutern Sie ausgehend von Lukas bzw. seiner Familie zwei
Aufgaben / Ziele einer sozialpädagogischen Institution.
b) Zeigen Sie in diesem Zusammenhang zwei mögliche Probleme der
erzieherischen Arbeit in dieser Institution auf.
Bitte umblättern zur Aufgabe II
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Aufgabe II:
Fachpraktische und berufliche Ausbildung haben an der Beruflichen Oberschule
einen hohen Stellenwert.
1. Erläutern Sie ein Gedächtnismodell (z. B. Mehrspeichermodell) am Beispiel
des Wissenserwerbs einer Praktikantin / eines Auszubildenden in der fachpraktischen / beruflichen Ausbildung.
Verdeutlichen Sie dabei eine mögliche Gedächtnishemmung.
2. Erklären Sie eine mögliche Kommunikationsstörung in der fachpraktischen
oder betrieblichen Ausbildung mithilfe relevanter Annahmen einer
Kommunikationstheorie (nach P. Watzlawick u. a. oder F. Schulz v. Thun).
Verdeutlichen Sie an diesem Beispiel ausgehend von der gewählten Theorie
eine Möglichkeit gelungener Kommunikation.
3. Erklären Sie mithilfe der sozialkognitiven Theorie von A. Bandura, wie eine der
in Teilaufgabe 2 beschriebenen Personen ein Kommunikationsverhalten
erwerben kann, das zu einer gelungenen Kommunikation beiträgt.
Beschränken Sie sich innerhalb dieser Theorie auf die Aufmerksamkeitsprozesse sowie die Kompetenz- und Ergebniserwartungen.
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