Abendprogramm «La bella maniera

Bahnhof für Neue Musik
Schwarzwaldallee 200 CH-4058 Basel
T 061 683 13 13 [email protected]
www.garedunord.ch
Freitag 11. April, 20 Uhr
Dauer: ca. 1 Stunde 15 Minuten
«La bella maniera»
Schola Cantorum Basiliensis
Schwerpunkt «Von Zeit zu Zeit»
Im Anschluss an das Konzert findet eine Podiumsdiskussion mit
Heidy Zimmermann (Paul Sacher Stiftung), Roland Moser und
Conrad Steinmann statt.
Durch die Gewohnheit des ständigen Wiedergebens der allerschönsten Dinge –
seien es nun Hände oder Köpfe, Körper oder Beine – entstand schließlich dieser
schönste der Stile, wobei durch das Zusammenfügen all dieser schönen Teile
die schönstmögliche Figur geschaffen wird, die dann in allen Werken und für
jede Figur zu verwenden ist: Dies ist der Grund, warum man ihn den schönen
Stil – la bella maniera – nennt.
So beschreibt Giorgio Vasari in der Einleitung zum 3. Teil seiner «Le vite dei
più eccellenti architetti, pittori et scultori italiani» von 1550/1568, was für
ihn den richtigen, den «schönen» Stil ausmacht: Das Zusammenfügen der
schönsten Elemente, mithin ein Überwinden oder gar Verbessern der Natur.
Etwas Vergleichbares lesen wir sinngemäss schon bei Sylvestro Ganassi in
seinem Blockflötentraktat La Fontegara von 1535: falls die Natur versagt,
dann soll die Kunst die Lehrmeisterin sein.
Ist für Vasari Michelangelo das grosse Beispiel der besten Malerei seiner
Zeit, so gehört auch der Florentiner Maler Pontormo zu den bewunderten
(und gleichzeitig heftig umstrittenen) Figuren: Schüler von Leonardo und
früh schon gelobt von Michelangelo, geliebt von seinem Schüler Bronzino
führt Pontormo ein Leben als Einzelgänger, der gleichwohl überhäuft wird
mit Aufträgen. Einer dieser Aufträge betrifft auch Fresken und Tafelbilder
für die Cappella Capponi in der von Brunelleschi erbauten Kirche S. Felicità.
Diese Werke bilden nun den Bezugsrahmen, den Roland Moser für seine
Musik zu Pontormo fruchtbar macht. Zahlreich sind die Anregungen aus der
Malerei, die zu musikalischen «Übersetzungen» führen, und auch zu
musikalischen «Manierismen». So etwa verbinden sich in die Länge
gestreckte Körper bei Pontormo zu musikalischen Harmonien, die im VII.
Satz der Musik zu Pontormo über zwei Oktaven gedehnt werden; oder:
schattenlose Figuren führen im selben Satz zu einem beinahe amorphen
Klangbild von acht gleichen (Alt-) Blockflöten.
Ein weiteres Bezugsfeld zum 16. Jahrhundert findet Moser in der damaligen
musikalischen Auseinandersetzung mit der Antike, wie wir ihr intensiv bei
Nicola Vicentino begegnen. Wesentliche Bausteine der Musik sowohl bei
Vicentino als auch in der hellenistischen Epoche sind sogenannte
Tetrachorde, Viertonfolgen verschiedener Couleur. Sind sie schon in Mosers
Solowerk Alrune strukturbildend, erfahren sie in seiner Musik eine
essentielle Wendung auch ins Harmonische. Es ist dies kein Versuch, ebenso
wenig wie bei Vicentino, griechische Musik zu restaurieren oder neu zu
etablieren. Tetrachorde bilden ein Bezugssystem, dem sich vielfältigste
musikalische Gedanken und Lösungen verdanken, ein Bezugssystem, das im
Jahrhundert von Pontormos Malerei verortet ist.
Roland Mosers neues Stück, eigens für dieses Konzert komponiert,
orientiert sich im Übrigen ein weiteres Mal an Tetrachorden, die in diesem
Fall ihren Ausgangspunkt in Claude Le Jeunes radikaler Komposition «Qu’est
devenu ce bel œil» finden.
Manierismus in der Musik: er ist kein musikeigener Begriff der Zeit. Er ist
eher eine heutige Formel, verschiedenen Aspekten der Musik der
Spätrenaissance gerecht zu werden. Virtuosität, überhitzte Chromatik,
ungewohnte Harmonien, gehäufte Zäsuren o.ä. lassen sich vielleicht unter
dem Begriff des «Manierismus» begreifen, wenn wir denn darunter Systeme
verstehen, die auf verschiedene Weise aus der Balance, aus dem
Gleichgewicht geraten sind. Es könnte ein Versuch sein, musikalischen
Formulierungen gerecht zu werden, die Ausgewogenheiten überschreiten,
sei es in melodischer, harmonischer oder kontrapunktischer Art. Die
Madrigale von Cipriano de Rore oder von Vicentino, die volkstümelnden
Villanellen eines Willaert oder auch virtuose Diminutionen sind Sinnbild
dieser Erscheinungen.
Conrad Steinmann
Programm
Roland Moser (* 1943)
Alrune (1979)
Nicola Vicentino (1511–1572)
Hierusalemme
Aus: L'antica musica ridotta alla moderna prattica,
Roma 1555
Cipriano de Rore (1515–1565)
O sonno
Aus: il secondo libro de madrigali, Venezia 1557, mit
Diminutionen von Girolamo dalla Casa, 1584
A la dolc'ombra
Un lauro mi diffese
Però più ferm'ogn' hor
Selve, sassi
Vier Madrigale aus: Sestina 1550,
diminuiert von dalla Casa
Pierre Regnault / Sandrin
(um 1490–1561)
Doulce mémoire
mit improvisierten Diminutionen nach
Sylvestro Ganassi
Roland Moser
Musik zu Pontormo
8 Sätze für 1–8 Blockflöten nach Bildern der Cappella
Capponi (1986)
I Fresko (Verkündigung) 1. Fassung,
Oktett: 6 Alt, 2 Tenor
II Zeichnung zum Tafelbild (Kopf der Maria)
Solo: Sopranino
III Ausschnitt aus dem Tafelbild (Hände)
Trio: 3 Bass
IV Zeichnung zum Tafelbild (Jünger Johannes)
Duo: 2 Sopran
V Fresko (Verkündigung) 2. Fassung,
2 Quartette: je 1 Alt, 3 Tenor
VI Zeichnung zum Tafelbild (toter Christus)
Trio: 3 Sopran
VII Tafelbild (Grablegung?)
Oktett: 8 Alt, später 5 Tenor, 3 Alt
VIII Ausschnitt aus dem Tafelbild (Kopf des Jüngers
Johannes) Solo: Bass
Cipriano de Rore
Calami sonum ferentes (1555)
Nicola Vicentino
Dolce mio ben
Aus: l’antica musica
Adriaen Willaert (um 1490–1562)
Vecchie letrose
O dolce vita mia
Sempre me ride sta
Aus: canzone, villanesche alla napolitana,
Venezia 1545
Claude le Jeune (um 1530 – 1600)
Qu'est devenu ce bel œil
(aus: Airs 1594)
Roland Moser
Rester deux fois avec Claude Le Jeune
(2014, UA)
I Rhétorique
II Lyrique
Claude Le Jeune
Qu'est devenu ce bel oeil
Roland Moser, Komposition
Roland Moser, 1943 in Bern geboren, studierte –
neben Klavier und Dirigieren – in Bern und
Freiburg im Breisgau Komposition bei Sándor
Veress und Wolfgang Fortner, danach ein Jahr
lang elektronische Musik in Köln. 1969 wurde er
Dozent für theoretische Fächer und Neue Musik am Konservatorium in
Winterthur. 1984–2008 war er Professor für Komposition, Instrumentation
und Musiktheorie an der Hochschule der Musik-Akademie Basel. In dem aus
Komponisten zusammengesetzten «Ensemble Neue Horizonte Bern» wirkt er
seit 1969 an zahlreichen Veranstaltungen mit, auch experimentelle Ansätze
des Spielens und Wahrnehmens von Musik erprobend.
Innerhalb des recht umfangreichen Œuvres mit über 60 Titeln kommt dem
Umgang mit Sprache im vokalen und instrumentalen Bereich eine besondere
Bedeutung zu. Ein grosses, offenes «Romantik-Projekt» steht seit 1970 im
Zentrum: «Heinelieder», «Lebenslauf» (Hölderlin), «Brentanophantasien»,
«Nach deutschen Volksliedern» (Wunderhorn), «Ritterfragmente» (nach
Johann Wilhelm Ritter), die abendfüllende Oper «Avatar» (nach Théophile
Gautier) und die Briefszenen «Rahel und Pauline» (Uraufführung am Lucerne
Festival 2007). Neben grösseren Chorwerken und zehn Arbeiten für ganz
verschiedenartige Orchester-Besetzungen gilt ein weiterer Schwerpunkt der
Kammermusik.
Schola Cantorum Basiliensis
Die Schola Cantorum Basiliensis – Hochschule für Alte Musik ist heute das
älteste, vermutlich das umfassendste und wohl das bekannteste
Ausbildungs- und Forschungsinstitut für Alte Musik. Zahlreiche jüngere
Hochschulen haben sich beim Aufbau entsprechend spezialisierter
Abteilungen in den letzten Jahren an ihrem Vorbild orientiert. Dabei wurde
die SCB 1933 als eine Art «Anti-Hochschule» ins Leben gerufen. Ihre
Gründer, allen voran der Basler Dirigent und Mäzen Paul Sacher (1906–
1999), waren daran interessiert, der von ihnen empfundenen «Krise des
romantischen Musikideals» mit der Verbindung von Lehre, Forschung und
Konzertpraxis unter einem Dach etwas völlig Neues entgegenzusetzen.
Ein Lehr- und Forschungsinstitut mit einem international
zusammengesetzten Kollegium von renommierten SpezialistInnen, das eine
eigene Konzert- und CD-Reihe unterhält, das neben professionellen
MusikerInnen in einer Allgemeinen Schule erwachsenen Laien und Kindern
Unterricht auf alten Instrumenten, vom Mittelalter bis ins 19. Jahrhundert
erteilt, dessen Forschungsabteilung praktische Editionen und
wissenschaftliche Publikationen herausgibt… all dies hat die SCB
international berühmt gemacht. Die Studierenden kommen aus der ganzen
Welt, mit je eigenen Interessen und Begabungen, und nicht wenige tragen
ihre Fertigkeiten zurück in die Welt: Sie werden zu tonangebenden
AkteurInnen der immer weiter wachsenden internationalen Alte MusikSzene, die von der SCB als ein wesentlicher Teil des zeitgenössischen
Musikschaffens verstanden wird.
Die Schola Cantorum Basiliensis wird seit 2013 von Prof. Dr. Pedro
Memelsdorff geleitet.
Besetzung
Blockflötenklassen
Katharina Bopp und Conrad Steinmann
Gamben-Consortklasse
Rebeka Rusò
Leitung
Conrad Steinmann
( R e n a i s s a n c e - ) B l o c k f l ö t e n Cheyenne Häni
Sarah Hennig
Hyeonho Jeon
Mira Gloor
Asako Ito
Lydia Pacevicius
Céline Pasche
Marc Pauchard
Fanny Schubnel
Tabea Schwartz
Conrad Steinmann
Amir Tiroshi
Renaissance-Gamben
Teódoro Baù
Alexandre Ducène
Marina Cabello de Castillo
Rebeka Rusò