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BRANCHEN
Gefrorener
Eis ist nicht gleich Eis. Bei „GelatoMio“ in C
produziere keine Süßigkeiten, sondern gesu
Der gute Ruf dieser zart schmelzenden Handwerkskunst schallt bis in
den Vatikan – als Komposition aus
Ziegenmilch,
Boskoop-Äpfeln,
Mandeln und Zimt eroberte das
Bioeis „manufaktum im Münsterland“ schon den Gaumen
des Papstes. Offenbar ein Genuss für Franziskus: Denn
über seinen Konvent ließ das
Kirchenoberhaupt den westfälischen Eismeistern telefonisch
ausrichten, dass ihm die Kostprobe aus Coesfeld gemundet
hat. Trotzdem soll dieser gefrorene Gourmet-Gipfelsturm aus
Schafsjoghurt mit leichter
Minzenote ein schnödes
Lebensmittel sein?
S
Stilechter Werbeträger: Den fabrikneuen Piaggio-Ape nutzen Rosie und Toni Manusé auch, um die Einkäufe bei
den Bio-Bauern der Region zu erledigen. .
Fotos: Maike Harhues
o
recht
nimmt das
Rosie Manusé keiner ab.
Zumindest
keiner, der ihr Ergebnis von Können und
italienischer Kreativität
gekostet hat.
Doch der lebenslustigen Sizilianerin ist es
eine Herzensangelegenheit: „Ich produziere keine Süßigkei-
ten, sondern gesunde Nahr
mit Rohrzucker, die gut tun.“
ihrem Eis finden sich nur rein
Bio-Zutaten aus der Region, k
liches Aroma, kein Milchpu
Pflanzenfette, keine Gesch
stärker. „Es ist wie beim Ka
Der kommt bei uns auch aus e
toffeln und nicht aus Pfanni
den Tisch“, verdeutlicht die
Und wenn die Konditorin un
terin nur an blaues Schlump
verzieht sie gar gequält das G
No-Go an ihren nostalgischen
in Coesfeld, Rosendahl, Bille
Münster und dem Eis-Fahrra
Bio-Markt am Domplatz in M
demnächst mit einem Franch
nehmer sogar in Stuttgart. „W
mit Anfragen für weitere De
von Cafés und Restaurants
bombardiert – aber es muss
Konzept passen. Sprich: We
cker mit 30 Filialen unser Eis
will, aber nicht ein Bio-Brot i
hat, dann passt das nicht zu
Toni Manusé klar. Eigentlich
Ehemann Rechtsanwalt: „Ab
Eissaison, da bin ich nur ein
Woche in meiner Kanzlei in
schmunzelt der 42-Jährige.
Der Sizilianer selbst stammt a
ten Eisdynastie, sein heute
Vater, ebenfalls mit Vorname
men aus der Region.
herstellt, italienisch sind: Die Zutaten stam
Eis
ihr
susé
Man
e
Rosi
n
dene
nach
n die Rezepte,
Handwerkskunst im Eislabor: Auch wen
Branche fehlt der Nachwuchs
OFFEN GESAGT
Im Münsterland sind nur noch 81 Gelaterien Mitglied der Handwerkskammer
E
D
ie Zahlen geben zu denken: Nur noch 81 Gelaterien sind Mitglied der
Handwerkskammer Münster für 78 Städte und Gemeinden des Münsterlandes, 2013 waren
es noch 83 und 2003 sogar noch 114.
Trotzdem bietet eigentlich jede Stadt
mehr als eine Eisdiele und manchmal
schon eine Gemeinde mit bloß 15 000
Einwohnern sogar zwei. Die Fassade
könnte aber täuschen: „Nicht an jedem
Eiscafé mit schönem italienischem Ladenlogo und Eismaschine in der Küche
wird das Eis auch nach italienischer
Machart handwerklich hergestellt“, stellt
Dr. Annalisa Carnio klar. Die Pressesprecherin von Uniteis (Union italienischer
Speiseeishersteller in Deutschland) gibt
zu bedenken: „Viele Betreiber sind Filialisten, kaufen also von Handwerksbetrieben zu.“
Die kostengünstigere und schnelle Alternative: „Basismix+Ihre Geschmackspaste+Eismaschine = Ihr Eis in nur acht Minuten, große Volumenzunahme, deklarationsfrei für Ihre 200 Sorten“ lautet das
Angebot der Privatmolkei Naarmann aus
Neuenkirchen bei Rheine an Großkunden.
Viele Betriebe stellten das Speiseeis in
dieser Art her, das sei dem Verband bekannt, dessen Mitglieder sich hingegen
für eine Qualitätsoffensive starkmachten. Denn wer bei Uniteis sei, füge seinem
Fruchteis selbstverpflichtend mindestens
20 Prozent frisches Obst hinzu, dem
Milcheis 70 Prozent Milch. Von den von
Uniteis geschätzten 9000 Eisdielen
Deutschlands sind allerdings nur 3300
Mitglied im Qualitätsverbund.
Nicht ausschließlich Italiener: „Als Berufsverband müssen wir uns anderen Nationalitäten öffnen“, weiß Carnio. Denn
die Branche plagten Nachwuchssorgen:
Die in Deutschland aufgewachsenen
Bambini der Gelatieri hätten oft einen
akademischen Abschluss . Diese Generation habe längst nicht immer Lust, den elterlichen Betrieb zu übernehmen.
Deshalb lautet die Devise: Mit einem exquisiten Produkt bei den Kunden punkten. Beispiel: „Unser Eis des Jahres 2015,
Erdbeere mit Balsamico, vereint ein Sym-
bol Italiens mit einer deutschen Frucht –
und lenkt die Aufmerksamkeit auf die
Qualität italienischen Speiseeises“,
glaubt Carnio. Gourmetanspruch im Zeichen der Schnecke: „Die Philosophie der
Coesfelder Eismanufaktur, keine Süßigkeit herzustellen, passt gut in unser Konzept“, betont Manfred Wöstmann. Zusammen mit Gleichgesinnten hat der Vorsitzende des Conviviums Münster, das
Unternehmen auf Herz und Nieren geprüft. „Die Slow-Food-Unterstützung ist
aber eine unternehmerische Selbstverpflichtung, wir kontrollieren nicht regelmäßig, ob noch alles so schön läuft wie
bei der Erstpräsentation“, schiebt der Havixbecker hinterher.
Ein wichtiger Schritt auf dem Weg, den
Beruf auch für die Jugend außerhalb der
italienischen Gelatieri-Familie attraktiv
zu machen, ist der seit 2008 in Deutschland anerkannte Ausbildungsberuf des
Speiseeisherstellers. Zehn Lehrlinge wurden seitdem im Münsterland ausgebildet. Gebüffelt wird in den Wintermonaten, um die Schüler in der Saison nicht
von den Betrieben fernzuhalten.
ma
Kein Einheitsschleck
ine Kugel schlecken beim Shopping, einen
Becher vertilgen beim Bummeln, eine kühle
Erfrischung beim Familienausflug – Eis beschert
schnellen Spaß. Genuss mit zumindest einer
Garantie: In der Waffel landet der allgemein
erwartete Einheitsgeschmack.
Die Frage nach Herkunft und Qualität der Rohstoffe kommt dabei meist gar nicht erst auf.
Wer sie (sich) dennoch stellt, der merkt rasch,
dass eine italienisch anmutende Fassade und
traditionelle Handwerkskunst aus der StiefelHalbinsel längst nicht immer zusammentreffen.
Schade, denn der Markt für Schmelz mit Anspruch ist da, wie die steile Nachfragekurve belegt, die die Coesfelder Manufaktur erlebt.
Doch die Zahl der Betriebe, die diese Nische
nutzt, bleibt vorerst winzig. Sie verpassen eine
Chance: Ihr Profil zu schärfen, indem sie sich
von dem Eiscafé abzusetzen, das sich beim Flanieren durch Innenstädte allenthalben findet.
Der höhere Preis pro „Bällchen“ dürfte viele
Kunden nicht abschrecken. Denn die Bereitschaft, weniger oft oder weniger viel zu naschen, dafür aber den Gaumen nachhaltig zu
kitzeln und echte Zutaten zu erschmecken,
setzt sich ebenso immer mehr durch wie die
Erkenntnis, dass wertvolle Lebensmittel
schlichtweg ihren Preis haben.
Maike Harhues
& BETRIEBE
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Gourmet-Gipfelsturm
Coesfeld wird dieser Satz gelebt. Dort kommen nur Bio-Zutaten in die Eismaschine. „Ich
nde Nahrungsmittel“, sagt Inhaberin Rosie Manusé. Und die schmecken sogar dem Papst.
rungsmittel
“ Sprich: In
ne saisonale
kein künstulver, keine
hmacksverartoffelbrei:
echten Kar-Pulver auf
e Gelatiere.
nd Eismeispfeis denkt,
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Münster und
hise-UnterWir werden
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im Angebot
uns“, stellt
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n Münster“,
italienisches Eis sogar schon in Australien zubereitet und verkauft. Der Senior
unterstützt die beiden Bio-Eispioniere
immer noch tatkräftig. „Natürlich gibt es
schon Bio-Eismanufakturen in Deutschland, aber wir sind die ersten, die Bioeis
nach original italienischen Rezepten
herstellen“, darauf pocht Manusé junior.
Das Rezept des Erfolges ist einfach:
„Das Geheimnis ist, dass es kein Geheimnis gibt. Unsere Küche ist praktisch gläsern.“ Mit einem augenzwinkernden Seitenhieb auf die Altvorderen
ihrer Branche, die viel Wind um jahrhundertealte
Familienrezepturen
machten und sich nicht in die Eisküchen gucken lassen wollen. „Um dann
unter diesem Deckmantel das Eis mit
Aromen, Wasser, Milchpulver und Farbstoffen zuzubereiten“, moniert die zweifache Mutter. Während sie dabei die
Aromen-Kataloge zückt, die sie zur Abschreckung und als Ansporn, dass die
wahren Handwerker es viel besser können, ebenfalls in ihren Eisseminaren
präsentiert.
Der Lackmus-Test ist im Grunde simpel:
„Wenn im Vanilleeis keine dunklen Stücke des Markes und im Zitroneneis keine
Zitronenstückchen sind, dann ist beides
nicht drin, und wenn das Erdbeereis
aus einer al- knallpink leuchtet, liegt das an den Farb85-jähriger stoffen.“ Das Erdbeereis von „Gelatoen Toni, hat Mio“ feiert gerade den Saisonstart –
„denn seit wenigen Wochen sind die ersten Bio-Erdbeeren im Münsterland reif“
– und der Schmelz kommt zartrosa mit
deutlich erkennbaren Erdbeerstückchen
daher. Leider ein Genuss für wenige Monate, denn außer frisch und saisonal
kommt bei den Manusés nichts in die nagelneuen Eismaschinen.
„Das Geheimnis ist, dass es kein
Geheimnis gibt. Unsere Küche
ist praktisch gläsern.“
Toni Manusé
Zum Glück sprudelt Rosie förmlich vor
Ideen: Wildfenchel-, Spargel-, Rosenund Lavendeleis, Sorten mit gerösteten
Pinienkernen oder Lakritze oder Rhabarber, Muskatnuss, Maronen oder Safran, Fruchtsorbets und viele Geschmacksrichtungen mit dem Vorzeichen „vegan“. Manchmal kommen die
Ideen extrem spontan: „Zum Abendessen wollte ich Artischocken dünsten –
schwupp, hat meine Frau sich das Gemüse geschnappt und bis in die Nacht hinein im Eislabor Artischocken-Eis kreiert“, kramt Toni Manusé eine der vielen
Unternehmensanekdoten hervor. Was
gewaltig gewöhnungsbedürftig klingt,
soll mit Crema di balsamico ein Hochgenuss sein. „Kann ich mir auch in einem
mehrgängigen Menü gut als Zwischengang vorstellen“, schwärmt der Gourmet.
Doch nicht nur kulinarisch sind die Manusés sehr anspruchsvoll: Ihre Rezepturen sind italienisch, doch die Bio-Zutaten nicht weit gereist. Milch und Sahne
von Söbbeke, Eier aus Gescher, die
Früchte aus Gelmer und Tecklenburg.
Rigorose Regionalität mit klitzekleinen
Ausnahmen: Bei Pistazien und Zitronen,
da gibt es keine, in denen mehr Aroma
schlummert, als die aus der Heimat Sizilien. Die Qualität hat seinen Preis: „Die
Pistazien aus Bronte sind in diesem Jahr
40 Euro pro Kilo teurer, auf einen Preis
von 130 € geklettert“, stöhnt Toni Manusé. Trotzdem hat er nicht vor, den Preis
von 1,60 € pro Kugel noch zu erhöhen.
Stattdessen produziert er einige Zutaten
selbst: Auf Sizilien baut der Jurist jetzt
seine Bio-Mandeln an, die Kräuter
wachsen zum Glück im Garten neben
dem Offizierskasino – vis-à-vis zu 30
grasenden Schafen des Naturschutzzentrums Coesfeld.
Doch nicht nur Schafe und Ziegen sind
der Eismanufaktur als Zutatenlieferanten ans Herz gewachsen: Unter dem Zeichen der Schnecke brüstet sie sich als
Slow-Food-Unterstützer. Und schrieb
hier besondere Erfolgsgeschichte: Die
Jury des „Feinschmecker“-Magazins hat
sich auf der letzten Slow-Food-Messe
nicht nur durch außergewöhnliche Sorten wie Quitte und Hokkaido-Kürbis
und Wildstachelbeere geschleckt und
die Qualität gecheckt: Nein, die Fachleute – beim Test selbstverständlich inkognito – haben die Handwerkskunst aus
der Coesfelder Manufaktur sogar zum
„Feinschmeeck
ker-E
Eis 2015“ gek
kürtt.
Ein großer Meilenstein in der
noch jung
gen Unternehmensgesch
hichte der Familie Man
nusé und
Motivation
n
zugleich, sicch auf
das zu besinnen, worau
uf es
der Chefin ankommt: „W
Was
ich hier seit
vergangeneem
Jahr tägllich
mache,
hat
einen
ho
ohen
Wert, auch wenn
er uns nich
ht reich
macht“,
unterstreicht diee gebürtige
Sizilianerin
n in der Küche
des ehema
aligen Offizierskasinos der alten Kaserne Coesfeld.
Konversion im Zeichen der Kulinarik:
Jetzt umfunktioniert zum kreativen
Eislabor, in dem Manusé ausbilden darf
und der jüngere Sohn Nicholas mit seinen elf Jahren gern in die Eiseimer
schaut. Als besonderes Kompliment für
ihre Arbeit empfindet sie, dass ihr älterer Sohn Christian Ökotrophologie studieren und in die Eismanufaktur mit einsteigen will.
Maike Harhues
Alles im Eimer: Joghurt, Eier, Rohrzucker
und Minze für den perfekten Schmelz.
Sparkasse ist, wenn man tut, was man versteht.
Und versteht, was man tut.
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