Ziyada Kemal Techema & Marc Furer Äthiopierin

Ziyada Kemal Techema & Marc Furer
Äthiopierin (in der Schweiz seit 2002) und Schweizer
Verheiratet seit 2012
Keine Kinder
Wohnort: Aarau
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Afäkïrïhalew
Ez te hezdikim
Te amo
Ich liebe dich
DA S M AGA Z I N 4 6/2015
In der Schweiz tanzt auf jeder
dritten Hochzeit ein Ausländer,
eine Ausländerin. Wir sind die
Europameister der Multikulti-Ehen.
Von Michael Hugentobler
Bilder Flurina Rothenberger
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—Ein hoher Anteil der Ausländer hat dieselbe Muttersprache wie die Schweizer, und im Gegenzug sind die Schweizer, verglichen mit dem europäischen Durchschnitt, eher mehrsprachig.
—Die Schweizer reisen gern, und einige kommen mit einem Partner heim.
In gewissen Fällen kommt der Partner wohl nur mit, weil
er sich in der Schweiz ein besseres Leben erhofft. Scheinehen
sind in den Medien immer wieder ein grosses Thema. Es gab
in der Vergangenheit sogar eine parlamentarische Initiative, die
Scheinehen unterbinden wollte. Aber niemand weiss, ob der
Aufwand überhaupt nötig ist. Es gibt nur eine statistische Erhebung, und das ist jene der Ungültigerklärungen, bei denen
die Scheinehen mit eingeschlossen sind. Im vergangenen Jahr
fielen in diese Kategorie landesweit 16 Fälle.
Und jetzt reden wir über Liebe.
Ziyada Kemal Techema & Marc Furer
Ziyada «Ich sass in einem Café in Aarau und hatte ein Bügeleisen dabei. Marc sass am Tisch nebenan und sagte: ‹Das ist
aber ein tolles Bügeleisen.›
Meine Eltern reagierten sehr gut, als ich ihnen von Marc
erzählte. Wir haben sie dieses Jahr zum ersten Mal besucht.
Sie waren sehr herzlich. Einmal hatte Marc Magenprobleme,
und mein Vater rannte mitten in der Nacht aus dem Haus, um
Medikamente zu beschaffen. Dass Marc eine andere Nationalität hat, war nie ein Thema.
Ich habe mir immer gewünscht, dass ich mal einen Muslim heiraten werde. Aus meiner Sicht hat die muslimische Ehe
mehr Ernsthaftigkeit. Ich fühle mich dann besser behütet und
habe das Gefühl, dass der Mann eher auf mich aufpasst und
mich mehr schätzt. Natürlich gibt es das auch: die Unterdrückung der Frau im Namen des Islam. Aber für mich hat das
mit der Kultur dieser Menschen zu tun und nicht mit der Religion. Ich wurde so erzogen, dass ich als Frau die gleichen Rechte habe wie ein Mann.
Ich kann mir nicht vorstellen, dass ein Mann sagt, er wolle nicht im Haushalt helfen. Er kann vielleicht sagen, Kochen
sei nicht sein Spezialgebiet, aber gar nicht zu helfen – das geht
nicht. Unsere Aufgaben sind aufgeteilt, das hat sich mit der
Zeit so ergeben. Wenn leere Biskuitpackungen herumstehen,
stellt Marc sie gleich weg. Er ist eher für das Aufräumen und
Waschen zuständig, ich für das Putzen.
Über grundsätzliche Dinge streiten wir uns nie, dafür zum
Beispiel, wenn wir im Auto unterwegs sind und ich eine Abkürzung vorschlage und er mich ignoriert. Das macht mich
wütend. Ich schweige dann ein paar Minuten, und dann ist
wieder gut. Wir haben oft unterschiedliche Meinungen, aber
es kommt nie so weit, dass wir uns anschreien würden. Bei
Problemen reden wir viel miteinander.
Bevor wir heirateten, konvertierte Marc zum Islam. Wir
gingen in die Moschee an der Hohlstrasse in Zürich. Ich wartete in einem Raum nebenan, während er mit dem Imam
sprach. Als er herauskam, küsste ich ihn. Ich hatte zwei Freuden: eine für ihn und eine für mich. Während unseres ersten
Ramadans kam er eines Abends nach Hause, ich sagte: ‹Schatz,
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Bei Varans im Garten wachsen die Gurken in quadratischen
Mulden, bei Wolfensbergers flitzen die Kinder im Bobbycar den
Korridor hinunter, bei Furers sieht es aus, als wäre hier soeben
eine Putzequipe aus der Tür gegangen, und bei Adelsbergers
werden die Pfirsiche auf dem Küchentisch mit einer Tellerhaube vor Fruchtfliegen geschützt. Alles fühlt sich schweizerisch an. Obwohl ihre Ehen zu den 35 Prozent dieses Landes
gehören, bei denen ein Partner einen ausländischen Pass hat.
Wir haben diese Paare besucht und sie über ihre Beziehung
ausgefragt.
Die Schweiz ist im europäischen Raum ein Unikum, denn
es gibt kein anderes Land, dessen Bürger so viele Ausländer
heiraten. Frankreich besetzt den sechsten Platz, Deutschland
den achten, Österreich den zehnten und Italien den zweiundzwanzigsten. Der Mann, der diese Rangliste aufgestellt hat,
heisst Giampaolo Lanzieri und arbeitet beim Statistischen Amt
der Europäischen Union. Er sieht einen direkten Zusammenhang zwischen der Anzahl gemischter Ehen und dem Integrationsgrad der ausländischen Bevölkerung. Binationale Paare,
schreibt er in einer Studie, würden Grenzen überschreiten, Verständnis für das Fremde fördern und Klischeevorstellungen
abschwächen.
Allen politischen Trends zum Trotz herrscht also zwischen
Schweizern und Ausländern eine grosse Anziehungskraft. Statistisch gesehen, ist diese Kraft bei den Zwanzigjährigen am
grössten und nimmt mit steigendem Alter ab. Schweizer Männer wählen dabei an erster Stelle deutsche Frauen, an zweiter
Stelle Italienerinnen, an dritter Stelle Thailänderinnen. Sie zeigen damit eine leichte Tendenz zum Exotischen und heiraten
auch mal eine Frau aus Burundi, Burma oder Papua-Neuguinea. Die Frauen sind konservativer, sie heiraten hauptsächlich innerhalb Europas: an erster Stelle die Italiener, an zweiter die Deutschen, an dritter die Kosovaren.
Für die Schweizer Statistiker ist ein Ausländer eine Person mit einem fremden Pass, egal, ob in der Schweiz geboren
oder nicht. Und ein Schweizer Ehepartner ist jemand, der zum
Zeitpunkt der Hochzeit einen Schweizer Pass besitzt, auch
wenn er ein Jahr vorher noch einen anderen hatte. Heiratet
also ein eingebürgerter Tamile eine Frau aus seinem Dorf in
Sri Lanka, gilt das als gemischte Ehe. Aber auch wenn man den
Massstab strenger anlegt, wie es EU-Statistiker Lanzieri tut,
und einen Ausländer als eine Person definiert, die im Ausland
geboren wurde – selbst dann gibt es in der Schweiz noch immer mehr multikulturelle Ehen als sonstwo in Europa.
Das Soziologische Institut der Universität Zürich hat herauszufinden versucht, warum das so ist. Eine Studie von Julia
Schroedter und Jörg Rössel kommt zu folgendem Schluss: Bei
Schweizern besteht eine überdurchschnittlich hohe Chance,
dass sie sich in jemanden verlieben, der nicht von hier stammt.
Aus vier Gründen:
—Das Land ist klein, man ist schnell über der Grenze bei
den Nachbarn, und die Nachbarn sind schnell hier.
—Der Ausländeranteil ist hoch, ebenso die Hürden für den
Schweizer Pass. Viele Ausländer sind nach Jahrzehnten in der
Schweiz noch immer Ausländer, während sie in Frankreich
oder Deutschland längst eingebürgert wären.
Yvonne & Erol Varan
Schweizerin und Kurde aus der Türkei
(in der Schweiz seit 2004)
Verheiratet seit 2004
Drei Kinder (10, 8 und 5 Jahre)
Wohnort: St. Gallen
wie war dein Tag?› Er sagte: ‹Es war gut, ich habe nur ein
bisschen Wasser getrunken.› Er sah das nicht so streng und
war sich nicht bewusst, dass er mit dem Wasser das Fasten gebrochen hatte. Das ist verständlich, denn er hatte noch wenig
Erfahrung, aber ich fand es trotzdem unglaublich lustig. Er
lernt jetzt all diese Dinge: das Fasten, das Beten, das Spenden.
Es gibt viel zu lernen.
Marc «Als ich Ziyada zum ersten Mal sah, war ich bezaubert,
aber ich liess mir nichts anmerken. Mir fiel dann auf, dass sie
ein Bügeleisen dabeihatte. Ich hatte noch nie im Leben ein so
kleines Bügeleisen gesehen. Also sprach ich sie darauf an. Danach sahen wir uns lange nicht mehr. Ich ging auf eine Reise
durch Südamerika, und als ich zurückkam, arbeitete sie in jenem Café, in dem ich sie zum ersten Mal gesehen hatte. Ab diesem Zeitpunkt konnte ich dort nicht mehr einfach so Kaffee
trinken, sondern wollte einen guten Eindruck hinterlassen.
Vier oder fünf Jahre vorher hatte mir mein Kung-Fu-Lehrer vom Sufismus erzählt. Ich fand das extrem faszinierend. Ich
hatte mein Leben lang keine Religion gehabt, und Gebete waren für mich Verse, die man auswendig aufsagt. Der Kung-FuLehrer erklärte mir, was ein Gebet wirklich ist: dass man sich
sammelt und die Ablenkung durch die Welt vergisst, eine
Meditation.
Am Anfang war es mir fremd, wenn Ziyada um drei Uhr
morgens aufstand und betete. Es wurde interessant, als ich
merkte, was ich daraus gewinnen kann. Ich wollte das in meinem Leben haben. Unsere Heirat war der Auslöser für mein
Konvertieren, es war allerdings nicht der Grund, das eine lief
irgendwie in das andere hinein.
Meine Eltern konnten mein Glaubensbekenntnis am Anfang nicht verstehen. Sie befürchteten, dass ihr Sohn in eine radikale Richtung gehen könnte. Es gab auch Freunde, die nur
noch den Kopf schüttelten. Man hat mich immer als frei denkenden Menschen gesehen, und als ich mich zu einer Religion
bekannte, wurde das als Hilflosigkeit aufgefasst.
Die Beziehung zu Ziyada ist einfacher als alle Beziehungen zuvor. Das ist wohl einer der Gründe, warum wir geheiratet haben. Es funktioniert einfach zwischen uns. Dass wir aus
fremden Kulturen stammen, ist kaum je ein Thema. Wir streiten uns sehr selten. Und wenn, dann sind es blöde Dinge. Zum
Beispiel, ob ein Film nun gut ist oder nicht. Beide wollen recht
haben, wir sind sehr stur.
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Yvonne & Erol Varan
Yvonne «Kurz vor unserer Hochzeit fragte Erol: ‹Denkst du,
das geht – du und meine Familie?› Ich fand das eine sonderbare Frage, denn ich heiratete nicht seine Familie, sondern ihn.
Als wir dann das erste Mal zusammen in der Türkei waren,
wurde mir alles zu viel. Überall waren Leute, sie schliefen sogar auf dem Balkon. Zog ich mich zurück, hatte seine Familie
das Gefühl, ich sei wütend auf sie. Ich sagte zu Erol, mir sei das
zu eng. Da wurde mir bewusst, dass ich sehr wohl auch mit
seiner Familie verheiratet war.
Wir haben uns auf einer Hochzeit kennengelernt. Meine
Eltern waren misstrauisch, als sie von dieser Beziehung hörten. So ein fremder Mann? Behandelt er unsere Tochter anständig? Schlägt er sie womöglich? Das machte mich traurig.
Mein Vater hatte in den Sechzigerjahren als Deutscher in die
Schweiz geheiratet, und meine Grosseltern waren ihm gegenüber genauso misstrauisch gewesen.
Erol hat viel mehr von meinem Leben angenommen als
ich von seinem. Aber es gibt noch immer Dinge, die für mich
selbstverständlich sind und er seltsam findet. Ich schicke die
Kinder schnell mal zur Bäckerei, die hundert Meter entfernt
liegt. Er findet, das sei verantwortungslos, was ich wiederum
übertrieben finde. Aber mich überrascht auch, wie offen er ist.
Als unsere erste Tochter zur Welt kam, wusste ich nicht, was
jetzt auf uns zukommt – denn er stammt aus einer Kultur, in
der die Jungen wichtiger sind. Ich hatte Angst davor, dass er
unsere Kinder nach demselben Muster erziehen würde. Aber
ich merkte schnell, dass die Angst unbegründet war.
Einmal kamen wir an eine Grenze, die ich nicht überschreiten konnte. Es ging um die Beschneidung unseres Sohnes. Für
Erol war es selbstverständlich, dass ein Junge beschnitten wird,
mir tat das weh im Herzen. Wir beschlossen, nicht mehr darüber zu reden. Als unser Sohn dann für eine kleine Operation
ins Spital musste, brauchte er eine Narkose. Von vornherein
hatten die Ärzte gesagt, man könne die Vorhaut auch gleich
wegoperieren, und darauf hatte Erol gesagt: ‹Entscheide du.›
Ich wusste nicht, was ich tun sollte. Unser Sohn sass auf der
Patientenliege im Operationssaal, und ich sagte zum Chirurgen, er müsse noch kurz warten. Ich ging hinaus auf den Korridor und rief Erol an und sagte: ‹Entweder wir machen es,
oder wir machen es nicht.› Ich wollte, dass er mir die Entscheidung abnimmt. Erol sagte nochmals: ‹Entscheide du.› Heute
bin ich ihm dankbar dafür, dass er sich so konsequent heraushielt. Damals fand ich das unerträglich. Ich entschied: Nein.»
Erol «Meine Familie war misstrauisch, als ich ihnen sagte,
dass ich eine Schweizerin heiraten werde. Sie befürchteten, es
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Soley & Alex Wolfensberger
Paraguayerin (in der Schweiz seit 2009)
und Schweizer
Verheiratet seit 2009
Vier Kinder (12, 5, 4 und 2 Jahre)
Wohnort: Villmergen AG
könnte sich um eine Scheinehe handeln und nicht um Liebe.
Das wäre nicht in Ordnung gewesen. Ich lebte in Deutschland
und war als politischer Flüchtling nach Europa gekommen. In
Deutschland hatte ich nur Kontakt zu Kurden. Ich wusste
nicht viel über Liebesbeziehungen in Westeuropa.
Unser erster Besuch bei meinen Eltern war schwierig. Als
sie uns sahen, verstanden sie zwar, dass es uns ernst war. Aber
ich hatte die Erwartung, dass meine zukünftige Frau offen ist
für meine Familie, und nach einigen Tagen bemerkte ich, dass
sie sich verschloss. Jeden Tag kamen vierzig Leute zu Besuch
und wollten uns sehen, Onkel, Tanten, Cousins, Cousinen.
Kaum ging jemand zur Tür hinaus, kam der Nächste herein.
Yvonne bekam einen roten Kopf. Ich nahm sie dann aus dem
Haus, und wir spazierten durch das Dorf, nur wir zwei. Ich
wusste, wir würden Zeit brauchen, um uns aneinander zu gewöhnen. Bis heute muss ich mich halbieren, im Geist bin ich
mal hier, mal da. Das schmerzt manchmal.
Ich war nie besonders religiös und stamme aus einer toleranten Familie – vielleicht ist das der Grund, warum es mir
keine grosse Mühe bereitet, mich in der Schweiz anzupassen.
Trotzdem gibt es noch immer vieles, an das ich mich gewöhnen muss. Als die Kinder in die Krippe kamen, fragte ich als
Erstes: Werden meine Kinder dort geschlagen? Yvonne fand
das sonderbar. Für mich war diese Frage die normalste der
Welt. Als ich sechs Jahre alt war, arbeitete ich halbtags bei einem Schneider. Machte ich etwas falsch, schlug er mich. Ich
fühle heute noch Wut, wenn ich daran denke. Das wollte ich
meinen Kindern ersparen.
Yvonne hat manchmal das Gefühl, ich würde unseren Kindern nicht genug Freiraum geben, und sie sieht das als Zeichen, dass ich nicht loslassen kann. Ich sehe das anders. In der
Türkei verschwinden jedes Jahr Tausende Kinder. Man begleitet dort seine Töchter und Söhne überallhin. Dieses Denken
kann ich nicht einfach ablegen. Einmal wollten unsere Kinder
im Garten hinter dem Haus campieren. Ich fühlte mich nicht
so gut dabei, stellte nebenan ein zweites Zelt auf und schlief
dort. In dieser Nacht irrte ein Betrunkener durch den Garten,
und die Kinder hatten grosse Angst. Das war die Bestätigung,
dass mich mein Gefühl nicht getäuscht hatte.»
Soley & Alex Wolfensberger
Soley «Eine gemeinsame Freundin sagte mir, Alex wolle mich
näher kennenlernen. Ich wusste, dass er hellblaue Augen hat,
und ich liebe hellblaue Augen. Ich arbeitete damals als Au-
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Ich bin ein schlechter Koch, und manchmal lässt sie einen
Spruch fallen, ich müsse auch einmal in die Küche. Ich bin zudem ein heikler Esser. Erstaunlicherweise hat es in der äthiopischen Küche nichts drin, was ich nicht mag, keine Pilze, Auberginen, Peperoni, Zucchetti. Ziyada kocht nach ihrem Gusto, so
scharf wie daheim, und ich liebe es. Rohes Fleisch esse ich erst,
seit wir zusammen sind. Als ich es das erste Mal ass, dachte ich,
ich kriege es nicht hinunter. Mittlerweile kaufe ich es kiloweise.»
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Alex «Eine Arbeitskollegin sagte zu mir, Soley wolle mich zum
Kaffee treffen. Ich sagte, nein, ich hätte kein Interesse. Ich
wollte keine Frau kennenlernen, von der ich wusste, dass sie
in ein paar Monaten die Schweiz wieder verlässt. Nach dem
fünften oder sechsten Drängen der Kollegin trafen wir uns
trotzdem. Und da entstand Liebe. Es kam ganz plötzlich, und es
kam auch eine Nacht, in der ich aus dem Nichts heraus zu wei­
nen anfing. Ich realisierte: Da habe ich endlich die richtige Frau
gefunden, aber sie kann nicht hierbleiben. Sie sagte: ‹Schatz,
ich komme wieder›, und dann war sie weg.
Das war Ende Januar 2009. Ich frage mich: Verlässt eine
Frau für mich ihre Familie und ihre Heimat? Zu dieser Zeit hatte
ich nichts, ich verdiente nicht viel Geld. Durch Soley wurde dann
später alles immer besser, denn ich wusste nun plötzlich, wofür
ich auf dieser Welt bin. Ich ging auf das Migrationsamt und erle­
digte die Formalitäten. In derselben Zeit wurde bekannt, dass
der Kanton Thurgau hart durchgreift bei vermuteten Schein­
ehen, und ich machte mir Sorgen, ob ich Soley je wiedersehe.
Am 13.Mai 2009 war sie zurück. Sie brachte nun ihren
Sohn mit. Ich kannte ihn nicht und konnte nicht mit ihm reden,
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aber ich wusste, dass er gern Fussball spielt. Darum nahm ich
einen Ball mit zum Flughafen. In der Ankunftshalle spielten
wir Pässe durch die Leute hindurch.
Mit meiner Schwiegermutter rede ich mit Händen und
Füssen und mit den paar spanischen Wörtern, die ich kenne.
Aber meistens übersetzt Soley. Ich denke, dabei entsteht eine
Distanz. Es ist schade, dass ich mich nicht selber ausdrücken
und wirklich erklären kann, wie ich die Dinge sehe. Oftmals
denke ich, ich wisse, was sie sagt, aber dann bedeutet der Satz
doch etwas ganz anderes. Ich sagte schon oft, dass ich jetzt mit
dem Lernen anfange, aber ich tat es dann doch nicht. Mal fehl­
te mir die Zeit, mal die Lust.
Dass Soley so gut in der Schweiz integriert ist, hat damit
zu tun, dass sie Schweizerdeutsch spricht. Mir war immer
wichtig, dass sie es beherrscht. Sie schreibt sogar SMS auf
Schweizerdeutsch, was allerdings seltsam aussieht, denn es
ist ihr ganz eigener Dialekt.
Wir reden oft darüber, dass wir in Zukunft gern einige Mo­
nate pro Jahr in Paraguay verbringen würden. Uns beiden ist
die Schweiz zu wenig lebhaft, und daran ändern auch südame­
rikanische Grillpartys mit Freunden nichts. Dazu müssen wir
nach Paraguay gehen. Spätestens dort lerne ich Spanisch. Das
gehört für mich zum Anstand.»
Rosie & Daniel Adelsberger
Rosie «Im ersten Moment konnte ich kaum glauben, dass er
Deutscher ist. Er sah so wenig europäisch aus, und ich tippte
auf Argentinien. Wir sassen auf einem hölzernen Steg am Meer
in Panama und redeten bis spät in die Nacht. Das war während
meiner Semesterferien 2005, danach sahen wir uns ein Jahr
lang nicht mehr. Dann kam er mit Freunden in den Jura, um
zu wandern, auf dem Heimweg fuhr er in Zürich vorbei, und
wir trafen uns auf einen Kaffee.
Ich sprach schon ganz zu Beginn Schweizerdeutsch mit
ihm. Er ist in Freiburg aufgewachsen, und mein Dialekt war ihm
nicht allzu fremd. Am Telefon gab es zwar öfter längere Pau­
sen, bis er antwortete, da er mich nicht recht verstanden hat­
te. Aber mir war wichtig, dass ich so reden kann, wie ich will,
und die Feinheiten meiner Muttersprache beibehalten kann.
Durch die Sprache wurde mir bewusst, dass sich Schweizer
und Deutsche zwar sehr ähnlich sind, dass es aber trotzdem
grosse Unterschiede gibt. Ich erinnere mich an eine Diskussion,
in der er plötzlich sagte: ‹Ach, halt doch den Ball flach.› Ich er­
schrak, denn ich glaubte, er habe mir soeben gesagt, ich solle
den Mund halten. Das verletzte mich, und wir bekamen Streit.
Ich glaube, er konnte die Schweizer Mentalität lange nicht
verstehen. Einmal gingen wir mit meinen Eltern im Restau­
rant Degenried essen. Daniel trug ein weisses Hemd, das er
kurz zuvor gekauft hatte. Die Serviertochter war sehr jung und
ein bisschen ungeschickt und schüttete Daniel einen Tropfen
Wein auf das Hemd. Ich merkte, wie er wütend wurde, und
sagte ihm, er solle sich zurückhalten. Für ihn war es unver­
ständlich, warum er sich nicht beschweren sollte.
Er zögerte lange mit der Entscheidung, in die Schweiz zu
ziehen. Ich dachte jeweils: Das kann doch nicht sein, ich habe
den einzigen Deutschen, der nicht hierherkommen will. Vor
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pair in der Schweiz und hatte einen Deutschkurs besucht,
aber immer, wenn ich dachte, ich hätte etwas gelernt, ging ich
auf die Strasse und verstand kein Wort. Durch Alex lernte ich
Schweizerdeutsch. Mir ist wichtig, dass ich Dialekt spreche,
denn ich will selbstständig sein.
Es dauerte etwa ein Jahr, bis ich ein Gespräch führen konn­
te. Ich erinnere mich genau an den Moment: Ich war im Spital,
unser erstes gemeinsames Kind war soeben zur Welt gekom­
men. Alex war bereits wieder am Arbeiten, und ich war nun al­
lein. Ich merkte: Das funktioniert ja. Sogar mit den Ärzten
konnte ich reden. Ich war richtig stolz.
Für meine Mutter war es schwierig, dass ich so weit weg
war. Als bei ihr Krebs diagnostiziert wurde, erzählte sie mir
nichts davon. Ich war hier in der Schweiz schwanger, und sie
wollte nicht, dass ich mir Sorgen mache. Ich telefonierte mit
meiner Tante, mit meinem Vater, meinem Stiefvater, aber nie­
mand erzählte mir von der Krankheit. Erst viel später erfuhr
ich es. Das machte mich wütend. Mittlerweile haben wir uns
arrangiert. Meine Mutter kommt jetzt regelmässig hierher und
bleibt für drei Monate.
Alex kann leider nicht mit ihr sprechen. Er spricht kein
Spanisch. Bis jetzt hat er es nicht lernen wollen. Ich weiss nicht,
warum. Verletzt bin ich deswegen nicht, aber ich will schon,
dass er meine Sprache lernt. Im Moment wohnt gerade wieder
meine Mutter bei uns, und ich muss alles übersetzen. Wenn
wir mit meinem Vater skypen, sagt Alex jeweils: ‹Hola! Que
tal? Todo bien?›, das ist dann alles. Er sagt, er verstehe mehr,
als man denke. Aber ich bin mir da nicht so sicher.
Mein Traum ist, dass wir nach Alex’ Pensionierung regel­
mässig nach Paraguay gehen, vielleicht einige Monate pro Jahr.
Spätestens dann muss Alex die Sprache lernen. Denn man muss
sich in einem Land verständigen können, sonst wird man sich
immer fremd fühlen. Aber natürlich werden wir hauptsäch­
lich in der Schweiz leben, denn unsere Kinder werden wohl
immer hier sein und die Enkel dann vermutlich auch.»
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Beschenkten, wo er sich seine Wünsche erfüllt. Die Geschenkkarte ist in jeder
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Rosie & Daniel Adelsberger
drei Jahren zog ich dann nach Konstanz, weil Daniel in der
Nähe arbeitete. Wenige Wochen später fand ich eine gute Ausbildungsstelle in Zürich und zog wieder zurück. Jetzt kam Daniel mit. Seither hat sich seine Sprache verändert. Es fliessen
viele schweizerdeutsche Wörter ein. Und er drückt sich vorsichtiger aus. Wir streiten uns nicht mehr wegen Ausdrücken
oder nur noch sehr selten. Ich merkte mit der Zeit auch, dass
seine direkte Art sehr charmant ist und die Leute gut darauf
reagieren. Ich denke, daraus kann ich etwas lernen.
Nun fühlt er sich wohl in Zürich – glaube ich zumindest. Wir
waren in den Flitterwochen auf den Philippinen, und als wir zurückkamen, sagte er: ‹Es ist schön, wieder zu Hause zu sein.›»
Daniel «Ich studierte in Costa Rica, während der Ferien
machte ich einen Roadtrip durch Zentralamerika. In einer Ortschaft namens Bocas del Toro in Panama ging ich in ein Hostel, wo mir Rosie über den Weg lief. Es war spät am Abend, sie
trug einen Pyjama und hatte eine Zahnbürste in der Hand. Ich
versuchte, sie zu überreden, mit mir in eine Bar zu kommen.
Sie sagte, wenn ich ihre beiden Herkunftsländer erraten könne, komme sie mit. Dass sie Schweizerin ist, hörte ich an ihrem Englisch-Akzent. Der andere Teil war schwieriger, aber
ich riet einfach drauflos: Philippinen. Manchmal braucht man
Glück im Leben, und ich hatte Glück.
Anfangs stritten wir uns oft. Einmal rief ich einen Freund
in Freiburg an und sagte, ich hätte wohl mit einem Hannoveraner mehr gemeinsam als mit einem Schweizer – obwohl die
Schweizer 45 Minuten von uns weg wohnen, und nach Hannover ist es eine Tagesreise. Ich streite mich nicht gern und
kam einfach nicht dahinter, warum wir uns so oft nicht vertrugen. Wir setzten uns dann hin und analysierten unsere Gespräche: Was habe ich gesagt? Was hast du verstanden? Was
bedeutet das in der Schweiz? Darf man das denn überhaupt
sagen? Rosie sagte oft: ‹Das könnten wir machen›, wenn ich
vorschlug, in den Zoo zu gehen oder an den See. Für mich war
das dann eine Option unter vielen, für Rosie war es eine Zusage. Und wenn wir dann nicht in den Zoo oder an den See gingen, war Rosie sauer, und ich war der Ansicht, wir hätten doch
gar nichts abgemacht. Nach einiger Zeit wusste ich das einzuschätzen. Ich begann dann zu sagen: ‹Du, dürfte ich mal einen
Vorschlag machen?›, und sie lachte, denn sie wusste, dass ich
mich jetzt extra schweizerisch gebe. Oder ich schlug etwas
vor, und sie stemmte die Fäuste in die Hüften und sagte: ‹Nein,
nein, nein!›, und ich wusste, dass sie jetzt eine Deutsche spielt.
Vor einigen Jahren gab es einen Moment, als ich von
Deutschland nach Zürich fuhr, beim Hauptbahnhof aus dem
Zug stieg und ein riesiges Plakat sah, auf dem eine Gruppe
weisser Schafe ein schwarzes Schaf über die Grenze bugsieren. Ich dachte: ‹Oh, ich bin in einem fremden Land› und war
mir nicht sicher, ob ich hier willkommen bin. Seit einem guten
Jahr mache ich Vaterschaftsurlaub, und die Tendenz geht dahin, dass wir in der Schweiz bleiben, auch wenn ich als Lehrer
in Baden-Württemberg dann aus dem Beamtenverhältnis entlassen werde. Noch bin ich zwar nicht mental zum Schweizer
geworden, aber ich passe mich an. Ich glaube, wenn ich aus einem anderen Kulturkreis komme und die Leute merken, dass
ich mir Mühe gebe, werde ich herzlicher aufgenommen.»
M ICH A EL H UGEN TOBL ER schreibt regelmässig für «Das Magazin»; [email protected]
Die Fotogtrafin F LU R I NA ROT H EN BERGER lebt in Zürich; www.flurinarothenberger.ch
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Schweizerin und Deutscher (in der
Schweiz seit 2013)
Verheiratet seit 2015
Ein Kind (1 Jahr)
Wohnort: Zürich