Eigen Herd und eigen Stert

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Eigen Herd und
eigen Stert ...
Engelchristine
Band 2
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Kartoffelernte bei Fredelsloh.
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Hanshenderk Solljer
Eigen Herd und
eigen Stert ...
Engelchristine:
Lebenserinnerungen
einer Landfrau aus dem Solling
Band 2
Mit einem Nachwort
von Ira Spieker und Wolfgang Schäfer
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Die Deutsche Bibliothek - CIP-Einheitsaufnahme
Ein Titeldatensatz für diese Bibliothek ist bei
Der Deutschen Bibliothek erhältlich
Herausgegeben von Ira Spieker und Wolfgang Schäfer
in Zusammenarbeit mit dem Geschichts- und Heimatverein Fredelsloh
ISBN 3-931656-76-4
Verlag Jörg Mitzkat, Holzminden
www.mitzkat.de
Für Informationen, Fotos, wertvolle Hinweise und Mitarbeit
danken wir:
Detlef Leonhardt
Gerd Borchert
Regina Löneke
Friedrich-Wilhelm Ehrenheim †
Rainer Müller
Harald Henne
Arno Schelle
Johannes Klett-Drechsel
Manfred Kraus-Schelle
Besonderer Dank gilt Elisabeth Fischer für die Übersetzungen aus dem
Plattdeutschen und die Auswahl der historischen Fotos aus dem Bild-Archiv
des Geschichts- und Heimatvereins Fredelsloh
Textgrundlage:
Maschinengeschriebene Abschrift des handschriftlichen Manuskripts von
August von Ohlen aus dem Jahre 1947 [s.S. 7]
Druck: Lönneker, Stadtoldendorf
und durch die
Frauenbeauftragte
des Landkreises Northeim
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Inhalt
Kapitel 1 - 39: Mägdealltag und Mädchenträume - Engelchristine:
Jugenderinnerungen aus einem Sollingdorf. Holzminden, 2000
Vorwort
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Warum ein Böttchermeister Steinhauerlehrling wurde
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„Luzeie”
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Wenn eine Braut im Hause ist
43
Wie wir zu einem Neste kamen
44
Als zwei liebe Sterne erloschen
45
Wie wir in unserer Heimat festen Fuß faßten
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Als ich einmal nicht wußte, was die Glocke geschlagen hatte
47
„Ümmeslag ernährt den Mann”
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Unsere Hochzeit
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Wie klein wir anfingen, und auf welch’ großem
Fuße andere lebten
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„As eck’ n betten raiker wurd” und doch einen
Sommer lang „Feldsluiter” spielen mußte
51
Von unserer uralten Dorfuhr
52
„De Preußen kuemet! De Preußen kuemet!”
53
„Zwei Mann Einquartierung!”
54
Wie unsere alte Dorfuhr zum Stillstand und
Hanfriech zu einer „Kuhzunge” kam
55
Das letzte Kranzjagen in Dießeloh
56
Der Große und der kleine Karl
57
Kinder machen Kinderaffären
58
Wie wir auf den Hund kamen
59
Der eine geht – der andere kommt. So ist es Gottes Gesetz
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Krieg und Frieden
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Unser eigen Herr!
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Eigen Herd und eigen Stert sind Goldes wert
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Kompanie ist Lumperie
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Unser erster Knecht
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Himpendrescher
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Trauer und Freude
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„Wie gefällt dir dein Nachbar?”
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Wie bei uns Bauernfrauen die Wochen und
Sonntage verliefen
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Von unsern und andern Kindern
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Wie „der babylonische Turm” erbaut wurde und
die Welt untergehen sollte
Was wir aus der Franzosenzeit zu erzählen wußten
Von Äpfeln, Immen und Kämpen
Wie eine Maus fünf Füchse fing, und wie es ihrer
einem ging
Wie wir steinreiche Leute wurden
Wenn einen das Heimweh faßt
„Es gibt nur ein Deutschland!”
Bergine
„Teufelswerk”
Vom Schätzegraben
Auf welch unerwartete Weise die Dießeloher einmal
zu Feld und Geld kamen
Wie mein Hanfriech umsattelte und dem Teufel
zu Leibe ging
Hier werden Steine reden
Eine Freundschaft, die an meinem Küchenfenster
anfing und auf dem Kirchhof endete
Mit zwei Bauernjungens auf dem Wege zur Schulmeisterei
Ein Kapitel mit wenig Worten, aber viel Tränen
Auf der Höhe
Es ist bestimmt in Gottes Rat ...
Was nun wurde
Es wird ein Schwert durch deine Seele dringen
In Nacht und Not
Ein Frühlingsanfang und Engelchristines Ende
Anhang
Engelchristine - ein Frauenleben auf dem Dorf
von Ira Spieker und Wolfgang Schäfer
Die Lebenswege von Ludwig und Christiane Hagedorn
von Rainer Müller
Literaturverzeichnis
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Vorwort
zum 2. Teil von „Heimekenbrinks Engelchristine”
Engelchristine hat nie etwas halb getan oder unvollendet gelassen. Darum
konnte sie auch mit der Erzählung ihrer Jugenderlebnisse, die vor 25 Jahren
im Widder-Verlag, Berlin, erschienen, schlechterdings nicht aufhören, sondern
mußte „den ganzen Faden ihrer Lebensspule abhaspeln”. Und ich habe
andachtsvoll dabeigesessen, die vollen „Binde” abgenommen und nachher
versucht, ein buntfarbiges Bild daraus zu weben. Die alte Spinnerin konnte es
leider nicht fertig sehen, ihre Augen waren die letzte Zeit ihres Lebens dunkel,
und als sie 84 Jahre zählte, „da klopfte der Hammer” – und die Spule war zu
Ende.
Jahrzehnte hat die Handschrift des zweiten Teils der Lebenserinnerungen
der Engelchristine in der Truhe gelegen: Krieg und Jahre voll Not und Unrast
beherrschten alle Gemüter.
1945 haben Enkel der Engelchristine 2 Abschriften der Handschrift angefertigt, und nun schreibt Fritz Dörries, ein Enkel des wackeren Langensalzakämpfers, dessen Bild im 53. Kapitel dieses Buches geschildert ist: „Ich
habe das Manuskript gelesen und bin begeistert davon. Aber für den Kreis
Menschen, die der Engelchristine nahestanden, sind 2 Exemplare zu wenig.
Ich will 20 bis 30 Abschriften davon anfertigen, damit mehr Freude und
Erbauung daran finden.”
Mag es geschehen! Bei Fritz Dörries ist die Sache in besten Händen. Ich
danke ihm herzlichst.
Im März 1947
Aug. v. Ohlen
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Postkarte aus Fredelsloh.
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Warum ein Böttchermeister
Steinhauerlehrling wurde
An einem schönen Maitage machte sich der alte Förster einmal auf den Weg
nach Dießeloh, um einen neuen Schleifstein zu bestellen, denn die Sensen
mußten für die Heuernte in Ordnung gebracht werden.
Als er zurückkam, tischte er uns „eine große Neuigkeit” auf: „Der Steinhauermeister Org Dörnte hat einen Meister als Lehrling angenommen.”
„Aber Papa”, erwiderte unser Fräulein, „du erzählst ja Jägerlatein!” „Gewiß
nicht”, sagte der Alte, „wenn morgen der Schleifstein gebracht wird, werdet
ihr’s schon hören.”
Am andern Tage fuhr ein Schiebkarren auf unseren Hof, und als ich
hinausging, dem Manne beim Abladen des Schleifsteins etwas behülflich zu
sein, stand mein Bruder Heinrich vor mir. „Junge, wie kommst du denn dazu,
uns den Stein zu bringen?” „Mein Meister schickt mich.” „Welcher Meister?”
„Na, Org Dörnte, bei dem ich doch seit Maitag in der Lehre bin.” „Aber du
bist doch schon Böttchermeister!” „Ich will auch noch Steinhauermeister
werden.”
Indem trat der alte Daak in die Tür und rief: „Na, mein Junge, nun komm
man erst einmal rein! Die wollen mir’s nämlich nicht glauben, daß du vorhast,
ein Doppelmeister zu werden.”
Heinrich mußte mit an den Kaffeetisch und nun beichten, was wir über
sein Vorhaben wissen wollten.
Er hatte ebenso wie unser Ludwig die Böttcherei erlernt und betrieb sie
bisher in einem Schuppen hinter unserm elterlichen Hause. Nun hatte er aber
allmählich eingesehen, erzählte er, daß er von diesem Handwerk allein nicht
leben oder gar eine Familie ernähren könne. Er wäre schon lange auf der
Suche nach einer Nebenbeschäftigung gewesen. Hausschlachter wie unser
Vater möchte er nicht werden, er brächte es höchstens übers Herz, ein Huhn
oder eine Gans zu schlachten, aber zur Steinhauerei hätte er wohl Lust gehabt.
So wäre er denn kurz entschlossen zu Meister Dörnte gegangen, und der hätte
ihn mit Genehmigung „der löblichen Gilde der Schleif- und Wetzsteinmacher
in Dießeloh” als Lehrling angenommen. „Und deine Böttcherei?”, warf ich
ein. „Die liegt solange still.” „Wie alt ist eigentlich Eure Gilde?”, fragte der
Förster. „Wohl nicht ganz so alt wie die der Töpfer, aber nach unseren Akten
hat sie 1769 ihr Reglement erhalten.” „Die Töpfer sind stolzer und sehen euch
nicht für ebenbürtig an”, meinte der alte Daak. „Ja, sie sind zahlreicher und
wohlhabender als wir”, entgegnete Heinrich, „aber Schleif- und Wetzsteine
sind oft nötiger als Topfgeschirr. Das haben die Topfhändler längst begriffen;
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denn sie tragen in ihren Kiepen die Erzeugnisse beider Gilden ins Land hinaus
und bekräftigen diese Eintracht auch mit ihrem Rufe:
„Pötte, Pötte, Näppe, Wettsteine!!”
„Da bist du auch wohl schon eingeschrieben?”, wollte ich wissen. „Ja,
vorigen Montag, mit dem vierzehnjährigen Stille zusammen.” „Du alter Kerl
mit so einem Jungen?”, rief ich. „Wenn diese Handlung vor der offenen Lade
nicht so ernst genommen würde, hätten die Gildemitglieder gewiß auch alle
über uns ungleiches Paar gelacht. So aber taten wir unser Gelübde, bezahlten
jeder 2 Taler 12 Gutegroschen Aufnahmegebühr und wurden nach Hause
geschickt, während Meister und Gesellen jetzt, da die Lade wieder geschlossen war, laut hinter uns her lachten und nun für unser Geld „zünftigen
Umtrunk” aus dem alten „Willkommen” hielten.
„Geht das da so streng her, daß man bei offener Lade nicht einmal lachen
darf?”, wunderte sich das Fräulein. „Sehr streng”, antwortete der Bruder, „wie
ich aus der Unterweisung unseres Gesellen entnehme. Daß Meister und Gesellen zu ihren Gildeversammlungen stets im Sonntagszeug, mit Hut, Stock und
Handschuh erscheinen müssen, obwohl diese Zusammenkünfte nur an Werktagen abgehalten werden dürfen, ist ja bekannt. Wer dagegen verstößt, wird
mit 1 Groschen 4 Pf. bestraft, ebenso wer bei solcher Tagung ohne Erlaubnis
des Altmeisters spricht, trinkt oder hinausgeht. Eine Prise bei geöffneter Lade
kostet anderthalb Groschen Strafe und einer muß den andern mit ,ehrbarer
Meister’ oder ,ehrbarer Mitgesell’ anreden, wenn’s auch der Vater zum Sohne
spricht oder umgekehrt.”
„Altes Handwerks Brauch und Gewohnheit”, nickte Vater Daak. „Wenn
nun aber einer widersetzlich ist und kehrt sich an die überkommenen Sitten
nicht?” „Die Gilde kann Strafen bis zehn Groschen verhängen, bei Sachen von
größerem Belang muß sie bei der Obrigkeit Hilfe suchen.”
„Nun gucke einer den Lehrling an, wie der schon in der Gilde Bescheid
weiß!”, lachte der Alte.
Als Heinrich gegangen war, sagte der junge Förster: „Dein Bruder hat uns
aber nicht verraten, daß er hauptsächlich deswegen in die Gilde eingetreten
ist, um desto leichter seinen Schatz, die Tochter des Töpfermeisters Behrens
zu kriegen. Der ist nämlich gegen diese Verbindung und will durchaus einen
zünftigen Meister zum Schwiegersohn haben.”
„Da hat ja der Heinrich noch allerhand Widerstände zu bewältigen, ehe er
seine Auserwählte heimführen kann”, meinte Vater Daak. „Nach dem Gildebrief muß einer auch erst noch Hausbesitzer und ,Reihemann’ sein, bevor ihm
die Meisterwürde verliehen wird.”
„Dann wird er das ebenfalls zu erreichen suchen”, erklärte ich, „denn für
seine Luise tut er alles.”