Der 7. Inklusionstag Baden-Würt

Pressespiegel / Inklusionstag Endlich nicht mehr nur anpassen müssen Von Susanne Müller (epd) Der 7. Inklusionstag Baden‐Württemberg sollte nach dem Willen der Veranstalter das Thema Inklusion mitten in die Gesellschaft bringen. Die Resonanz am Samstag war immens: Die Besucherplätze reichten nicht aus. Ludwigsburg/Köln (epd). Es ist noch ein weiter Weg, bis in Baden‐Württemberg Inklusion gelebt wird. "Hier starren alle auf das, was getan werden sollte ‐ und fangen einfach nicht an", machte Kirsten Ehrhardt ihrer in Jahrzehnten angestauten Frustration Luft. Aus der Projektleiterin der Landesarbeitsgemeinschaft "Gemeinsam leben ‐ gemeinsam lernen" sprach Empörung, als sie die Realitäten im Bildungswesen beschrieb: "Hier gibt es noch zwangsweise Einweisungen in Sonderschulen". Es gebe auch immer noch kein Schulgesetz, das der Inklusion die Wege öffne. Und insbesondre der Verwaltungsapparat lasse keine Veränderungen spüren, zürnt sie. "Inklusion bedeutet, zum Anderssein stehen zu dürfen und sich nicht anpassen müssen", sagte sie. Bisher mussten sich Menschen mit Behinderung an die Nicht‐Behinderten mit hohem Einsatz anpassen, dann wurden sie integriert. "Nein", sagt Ehrhardt. Es müsse mehr Vielfalt möglich sein. Und jeder Mensch sollte so, wie er ist, zu seinem Recht kommen. Professorin Kerstin Merz‐Atalik von der Pädagogischen Hochschule Ludwigsburg sagt, seit 15 Jahren nähmen die Schülerzahlen an Sonderschulen in Baden‐Württemberg zu statt ab. Das beginne schon mit Direkteinschulungen von Sonderkindergärten aus. Es heiße in den politischen Gremien, Eltern wollten die Sonderschulen als gute Fördermöglichkeiten erhalten. "Nein", widerspricht Kirsten Ehrhardt: "Die Eltern wollen ja nicht Sonderschulen erhalten, sondern passende Bedingungen für ihre Kinder ‐ aber keine Sonderwelt." Was Betroffene und Experten im direkten Umfeld Betroffener angesichts mangelnder Inklusion so aufbringt ist, dass es durchaus gute und finanzierbare Beispiele gibt. In Ludwigsburg berichtete Agnes Klein, die Dezernentin für Bildung der Stadt Köln, wie dort in einer Kombination aus klarer politischer Ansage des Rats der Stadt und einer breiten gesellschaftlichen Basis etwa bei den Eltern Inklusion praktisch vorangebracht wird. Die Quote beim Förderschulbesuch soll sich bis 2020 dort drehen: statt vorher 80 Prozent Kinder mit einer Behinderung sollen dann nur noch 20 Prozent Spezialschulen besuchen. "Die Haltungsveränderung ist der Kernpunkt", sagte Klein in Ludwigsburg. Das Thema Inklusion müsse in der Gesellschaft so "angesagt" sein, dass sich eine Schule beispielsweise gar nicht mehr traue, Kinder mit Behinderung abzuweisen. Gute Beispiele auch aus Baden‐Württemberg wurden beim 7. Inklusionstag ebenfalls gesammelt. So berichteten Professor Jo Jerg und Ulrike Faulhaber über die Studiengruppe Assistenz an der Evangelischen Hochschule Ludwigsburg. Dort wurden beispielsweise für blinde Mitstudierende Audioguides für das Hochschulgelände entwickelt. Die Studiengruppe treffe sich monatlich und entwerfe Hilfen, die Menschen mit, aber auch ohne Behinderung das Leben auf dem Gelände der Hochschule und der diakonischen Karlshöhe leichter machen. Alles, was Menschen mit Behinderung zugute komme, nütze auch Nicht‐Behinderten, betonte Jerg. Der Inklusionstag sollte dies deutlich machen. (2647/24.11.2013) Wortwahl Inklusion ist nicht barrierefrei ‐ (Zitat) – Ludwigsburg (epd). «Das Wort Inklusion ist auch nicht so ganz barrierefrei.» ‐ Hubert Hüppe, Beauftragter der Bundesregierung für die Belange behinderter Menschen beim 7. Inklusionstag Baden‐Württemberg in Ludwigsburg zum Thema barrierefreie «Leichte Sprache». Bundesbeauftragter: Nachteile für Behinderte ausgleichen Hilfen für Menschen mit Behinderung sollen künftig nicht mehr über Sozialhilfebudgets finanziert werden, sondern einen eigenen Rechtskomplex erhalten. Dies ist ein Ziel des amtierenden Beauftragten der Bundesregierung für die Belange behinderter Menschen, Hubert Hüppe. Die Hilfen müssten als Nachteilsausgleich verstanden werden, sagte er am Samstag in Ludwigsburg beim 7. Inklusionstag Baden‐Württemberg. Die Inklusion von Menschen mit Behinderung müsse von Politik und Gesellschaft gewollt sein, betonte Hüppe. Noch sei die Gesetzgebung mehr auf Trennung als auf Inklusion eingestellt. Wer Teilhabe verhindere, verletze jedoch Menschenrechte, warnte er. Hüppe sagte vor nahezu 300 Besuchern, dass Barrierefreiheit als Voraussetzung für Inklusion vielen Menschen helfe, nicht nur Behinderten. Vom Aufzug in Gebäuden über abgesenkte Bordsteine, leicht bedienbare Geräte bis zu Leichter Sprache mache Barrierefreiheit Menschen generell das Leben leichter. "Wenn auf einem Kirchentag 16.000 Menschen einen Gottesdienst in Leichter Sprache besuchen, dann sind darunter auch viele, die sich davon einfach mehr Verständlichkeit erwarten", sagte er. Der Beauftragte forderte, bei allen Planungen, seien es Bildungskonzepte oder Stadtentwicklungen, Betroffene mit Behinderung von Anfang an direkt zu beteiligen. Als ein Ergebnis der aktuellen Koalitionsgespräche auf Bundesebene rechne er mit einer Entlastung der Städte und Gemeinden bei der Eingliederungshilfe für Menschen mit Behinderung von etwa einem Drittel. Das entspreche etwa vier Milliarden Euro, sagte Hüppe. Professor Jo Jerg von der Evangelischen Hochschule Ludwigsburg sagte für die 13 Organisationen aus Bildungswesen, Kirchen und Gesellschaft, die am 7. Inklusionstag mitwirkten, das Thema brauche die Verortung in der gesamten Gesellschaft. Diese müsse erkennen: "Mehr Vielfalt ist möglich". Rechte: epd Südwest ,www.epd‐sw.de)