THEATER IN ASIEN: C) JAPAN

THEATER IN ASIEN: C) JAPAN
Das japanische Theater ist ein sehr vielfältiges Theater, da, aus unterschiedlichen Epochen, ein halbes
Dutzend eigenständiger Formen darstellender Kunst überlebt haben. In mythologischen Zeiten standen auch
hier Kulttänze Pate.
KAGURA
Etwa 1000 Jahre alt. Tänze, die zu Ehren der shintoistischen Naturgötter aufgeführt wurden.
Ursprung: Tanz der Göttin Aman o Uzume, die damit Amaterasu (Sonnengöttin, Urmutter des jap. Volks)
aus der Finsternis ihrer Höhle gelockt hat.
Elemente daraus haben sich bis heute in den Kagura-Spielen erhalten.
hyottoko
THEATER IN ASIEN - JAPAN
okame
1
GIGAKU und BUGAKU
Im 7. und 8. Jahrhundert (die buddhistische Ära Japans) aus China übernommen.
GIGAKU (auch Gagaku; „kunstreiche Musik“)
Prozession von Tänzern und Musikern, die in kurze pantomimische Szenen mündet. Mit Groteskmasken
(lange Nase, mächtiges Gebiss, hervorquellende Augen). Derb-obszön.
Beispiel: zwei Mädchen, in Andacht vor Buddha versunken, werden von einer mythischen Gestalt durch
eine Phallus-Pantomime belästigt, bis ein Beschützer auftaucht und dem Zudringlichen in einem burlesken
Tanz den Phallus ausreißt. AUTSCH.
Bald verschmolzen die Gigaku mit dem
BUGAKU („Tanz und Musik“)
THEATER IN ASIEN - JAPAN
Besonders am kaiserlichen Hof gepflegt. Oft im Freien aufgeführt. Der Tanz wurde dabei immer wieder
unterbrochen durch altjapanische Lieder und Rezitation von Gedichten.
Heute sind etwa noch zwei Dutzend Bugaku-Szenen lebendig.
2
http://www.flickr.com/photos/wallyg/5898053753/
http://www.utoronto.ca/jkcourses/mus200/images/bugaku1.jpg
DERAKU und SURAKU
SUGARAKU-Nō-Nō1
Das die unmittelbare künstlerische Vorstufe zum
1
Nō = “künstlersiches Können”
THEATER IN ASIEN - JAPAN
„Reisfeldmusik“ und „Affenmusik“. Spiele, die zwischen dem 12. und 14. Jahrhundert eine
Professionalisierung und ästhetische Verfeinerung erfuhren. Die Deraku im religiösen Umfeld, die Suraku an
den Höfen der weltlichen Machthaber. So entstand das
3
Nō-THEATER
SAMURAI:
Kriegerkaste, die in etwa zeitgleich mit dem europäischen Rittertum entstand.
Deren Ideale sind Selbstlosigkeit, Edelmut, Erhabenheit über den Tod, Verachtung
von Feigheit, Verrat und Gewinnsucht.
ZEN:
steht im krassen Gegensatz zum abendländischen Denken mit Ausrichtung auf den
Intellekt, rastlosem Streben nach Erkenntnis im Sinne des Fortschritts. Im Zen wird
nach Ruhe und Stille gesucht, nach der Erfahrung des Absoluten durch Meditation,
nach der „Erleuchtung“. Zwar von der Mystik geprägt führt es dennoch zu einem
dynamischen Aufbruch der Seele als wichtigstem Fundament geistig-künstlerischen
Schaffens.
SCHLÜSSELBEGRIFFE:
MONOMANE („Darstellung“/“Nachahmung“)
Unterschied zwischen bloßer Imitation UND getreuer Wiedergabe des inneren
Wesens einer Person. Der Realität abgeschaut soll der Schauspieler die Kennzeichen
auswählen, die bedeutungsvoll, wichtig und schön sind.
Zum Beispiel müssen die durchwegs männlichen Darsteller, um Frauen zu spielen,
studieren, wie Frauen gehen, sich setzen, oder ihren Fächer halten.
YŪGEN
Wenn ein Wahnsinniger, ein Alter oder Dämon dargestellt werden soll, so soll der
Akteur dennoch immer auf Anmut und Eleganz achten. Die Wirkung beim
Zuschauer wird dann Yūgen genannt. Dazu muss die benötigte Technik absolut
verinnerlicht sein. Und es ergibt sich eine feststehende Qualität.
HANA („Blüte“)
Eine sich verändernde Qualität. Die „zeitweilige Blüte“ (wie z.B. Jugend) und die
„wahre Blüte“ (durch andauerndes Training erlangt) werden unterschieden. Gleich
welches Hana, es muss den Zuschauer zugleich tief bewegen und überraschen.
THEATER IN ASIEN - JAPAN
gewesen ist. Als Ahnherren gelten der Sugaraku-Darsteller Kiyostugu Kanami und dessen Sohn Motokiyo
Zeami. Letzterer verfasste im 15. Jahrhundert äußerst wichtige Schriften fürs Nō-Theater (“Die neun
Stufen”, “Betrachtungen zum Schulungsweg des Nō“, „Das Sammeln von Perlen und das Erwerben von
Blüten“). Die Wurzeln des Nō-Theaters liegen tief in der Samurai-Kultur, die es als Propaganda-Medium
ansah, und im Zen-Buddhismus.
4
DRAMATURGIE &
SPIELWEISE:
äußerste Dichte und Konzentration. Jede Bewegung ist reduziert auf ein knappes
Zeichen. (z.B. Weinen: Schauspieler hebt ganz ruhig eine Hand, schiebt die Innen
fläche vors Gesicht, hält eine Augenblick inne und neigt dann ganz leicht den Kopf.)
Jede Geste ist verlangsamt. Das Gehen ist ein Schlurfen. Der Aktionsraum ist extrem
beschränkt. (4 Schritte in Folge nach vorne = höchste Erregung).
Persönliches Empfinden hat dabei nichts verloren, alles perfektionierte Körpersprache.
TANZ
harmonische Synthese mit Musik und Wort; ebenfalls reduzierte und kontrollierte
Bewegungen, die meist symbolische Bedeutungen tragen; man nennt diese
REQUISITEN:
Das wichtigste Requisit ist der Fächer! Mit ihm ist alles möglich:
Gefühle darstellen / Aktionen andeuten / Harakiri begehen / Essen und Trinken etc.
BÜHNE:
oft im Innenhof eines Tempels. Überdacht. Hölzerne Rückwand.
Ein Podium mit 5x5 Meter Fläche, 1 Meter hoch, von drei Seiten einzusehen
Sehr sparsam eingerichtet. 4 Stangen bedeuten z.B. eine Hütte, ein Blumengesteck
einen Garten.
Eine unsichtbare Linie teilt die Bühne in Spielfläche und Hinterbühne. Dort sitzen
vier Musiker (Bambusflöte, Pauke, kleine Trommel, große Trommel), sowie auch
der Bühnendiener, der z.B. Requisiten zureicht.
Die Chorsänger haben ihren eigenen Platz auf einer Veranda, die sich der
Spielfläche rechts anschließt.
Unterm gesamten Bühnenboden sind zur Schallverstärkung Tonkrüge aufgestellt.
Und schließlich gibt es einen bis zu 10 Meter langen, mit 3 lebenden Pinien
geschmückten Auftritts-Steg („Hashikagari“), der die Bühne mit dem sogenannten
„Spiegelzimmer“ verbindet (abgetrennt durch einen Vorhang in symbolischen Farben).
THEATER IN ASIEN - JAPAN
KATA
exakt festgelegt – und manchmal nur wegen ihrer Schönheit präsentiert.
5
6
THEATER IN ASIEN - JAPAN
KOSTÜME:
farbenprächtig und opulent; aber streng nach der Farbsymbolik und den
überlieferten Schnittmustern.
Gewand und Perücke ist für die (Standard-)Figuren genau festgelegt.
MASKEN:
alle sehr ähnlich und beinahe ausdruckslos. Allerdings trägt nur der Protagonist
(„Shite“) diese Maske – egal was er spielt; sein Partner („Waki“; erst später
eingeführt) tritt mit bloßem Gesicht auf; ebenso der Chor.
BESETZUNG:
SHITE: Seine Figuren kommen aus dem Jenseits; das vergangene irdische Leben
wird in Verssprache geschildert. Ein Konflikt mit dem
WAKI ist nicht möglich (s.o.), er ist nur Stichwortgeber und Kommentator (auch
Einleitung und Erläuterung der historischen Situation) in Prosasprache.
NEBENFIGUREN haben eine noch geringere Bedeutung; erscheinen diese z.B. mal,
entgegen der Regel, als hochgestellte Persönlichkeiten, so werden sie mit Kindern
besetzt, damit die Dominanz des Shite gewahrt bleibt.
THEATER IN ASIEN - JAPAN
http://www.the-noh.com/sub/jp/index.php?mode=db&action=e_index&class_id=1
7
STRUKTUR:
Fünfteiliges ICH-DRAMA, das die innere Welt und den geistigen Konflikt eines
einzigen Menschen darstellt
1. Teil: Waki führt ins Geschehen ein
2. Teil: Shite präsentiert sich
3. Teil: Wechselgespräch
4. Teil: Enthüllung des bis dahin in täuschender Verkleidung agierenden Protagonisten
5. Teil: nach einem Lied des Waki der wahre Shite
DRAMATURGIE:
Insgesamt sind etwa 2000 Nō-Spiele aus den Jahrhunderten erhalten. Das
„klassische“ Repertoire umfasst etwa 200 Nō-Spiele. Aufgrund der
unterschiedlichen Herkunft der Themen (jap. Mythen, chin. Mythen, Heldensagen,
buddh. Legenden) wird die Nō-Dramatik in fünf Gruppen unterteilt, aus denen je
eines – zumindest früher!!! – für das mehrstündige, oft schon vormittags
beginnende Programm ausgewählt wird.
1. Stück: GÖTTERSTÜCK (eine religiöse Begebenheit)
Intermezzo KYOGEN
2. Stück: KRIEGSSTÜCK (Geist eines Samurai)
Intermezzo KYOGEN
3. Stück: FRAUENSTÜCK (überirdische weibliche Gestalt)
Intermezzo KYOGEN
4. Stück: FRAUENSTÜCK (Leiden und Wahnsinn einer Frau; Mann/Kind stirbt)
Intermezzo KYOGEN
5. Stück: GEISTERSTÜCK (Geister und Dämonen)
ABSCHLUSSTANZ
KYŌGEN
THEATER IN ASIEN - JAPAN
Hat sich parallel zum Nō -Theater entwickelt; kommt aus den Sarugaku-Spielen. Aufgrund der
Wirkungsabsicht mit dem griechischen Satyrspiel zu vergleichen. Etwa 200 überlieferte Stücke. Die Figuren
der ernsten Stücke werden karikiert und menschliche Schwächen wie Dummheit, Eitelkeit, Besitzgier und
trunksucht der Lächerlichkeit preisgegeben. Dies geschieht aber ohne Grobheiten und ohne Obszönitäten.
Auch hier ausschließlich Männer als Darsteller. Maske nur in Ausnahmefällen (Tier, Dämon). Im Gegensatz
zum Nō mit seinem Zeitlupentempo wird hier natürlich agiert und gesprochen.
8
KABUKI
„Ka“ = Lied
„Bu“ = Tanz
„Ki“ = künstlerisches Können
Theatrales Gesamtkunstwerk aus Gestik, Bewegung, Tanz, Akrobatik, Sprache, Musik, Kostüm, Maske.
Und Bühnenbild!
Es entstammt der bürgerlichen Lebenswelt. Zu Beginn des 17. Jahrhunderts entstand nach einer langen Zeit
der japanischen Bürgerkriege vor allem in den Städten eine Gesellschaftsschicht, die sich aus
Kriegsgewinnlern, ehemaligen Bauern und Handwerkern zusammensetzte. Diese Schicht wurde schnell
reich – war aber nicht gebildet. Das Nō-Theater war außerhalb ihrer Welt und ihres Fassungsvermögens. So
entstand im Umfeld von Gauklern und Artisten, Puppenspielern und Tänzerinnen, Freudenmädchen und
Strichjungen das KABUKI-Theater. Zugeschrieben der Shinto-Priesterin Okuni.
Sehr sinnlich!
Okuni kombinierte ihre Tänze mit einfachen Spielszenen und gab dies mit angelernten jungen Mädchen
(Prostituierte) zum Besten. Der Zulauf war ihnen sicher. Teehaus-Besitzer witterten eine zusätzliche
Einnahmequelle und ließen Kabuki-Gärten anlegen. Die wachsende Zahl der Kabuki-Gruppen führte dazu,
dass, um die Gunst der Zuschauer für sich zu gewinnen, die Darstellungen immer freizügiger wurden. Zwei
Jahrzehnte nach der Entstehung wurde dieses Bühnenspiel der Frauen von den Behörden verboten. Die
Folge war, dass dieses Genre von Knaben übernommen wurde – und dadurch die Homosexualität gefördert
wurde.
Ab Mitte des 17. Jahrhunderts durfte Kabuki nur noch von erwachsenen Männern gespielt werden – und
sie mussten sich aller erotisch-sexuellen Anspielungen enthalten. Dadurch wurde eine künstlerische
Weiterentwicklung gefördert – und das Kabuki fand seine Literarisierung.
Es entstanden ausgefeilte Dramen. Meist von einem Autorenkollektiv verfasst. Themen waren: a) Konflikt
zwischen Pflicht und Neigung – b) historische Stoffe – c) tanzorientiertes Kabuki.
YORURI / BUNRAKU
Puppenspiel, das beim Bürgertum in hoher Gunst stand. Themen und oft auch ganze Stücke
wie beim Kabuki. Daraus ergab sich im 18. Jahrhundert zwischen den beiden (Kabuki –
Bunraku) ein produktiver Wettstreit.
Spielfläche und Zuschauerraum sind beim Kabuki nicht scharf voneinander getrennt, sondern durch einen
Steg („Hanamichi“ = Blumensteg; von den Zuschauern den Darstellern gespendete Blumen wurden darauf
abgelegt) miteinander verbunden. Dieser führt von einer kleinen Tür hinter den Zuschauern über deren
Köpfe hinweg zur Rampe, und kann durchaus auch mal zur erweiterten Spielfläche werden.
Der Zuschauerraum wurde schon früh für die Neureichen gestaltet: überdachte Logen.
THEATER IN ASIEN - JAPAN
Ein Erzähler vermittelt die Handlung in epischer Form.
Vorteile:
Sprünge in Raum und Zeit waren leichter zu bewältigen; interessante
Gestaltungsmöglichkeiten durch die Mechanik des Puppentheaters.
So übernahm das Kabuki z.B. Drehbühne (1685 von Namiki), Versenkung und
Hebevorrichtungen vom Bunraku – und verdrängte damit zugleich diese Konkurrenz.
9
THEATER IN ASIEN - JAPAN
Bis 1900 spielten dann nur die Männer Kabuki. Aber dann wurde der Einfluss der westlichen Kultur stärker
– und Ruf nach Frauen auf der Bühne nahm zu. Und so eröffnete 1907 Sadayakko die erste
Schauspielschule für Frauen.
1
0
Realismus in der Darstellung vermisst man auch bei dieser asiatischen Theaterform. Die Sprache wird in
eine Art Gesang transformiert und durch Musikinstrumente akzentuiert, deren Musiker an der hinteren
Bühnenwand sitzen. Zudem entsteht eine Einheit aus Klängen, Bewegung, Akrobatik, Tanz und Kampfsport.
Eine besondere Form der Konvention ergab sich bei der Darstellung der Frauenrollen:
mit leicht gebeugten und zusammengepressten Knien werden die charakteristischen Trippelschritte
erzeugt. Außerdem zeigt man sich nie frontal, damit die Silhouette schmaler (weiblicher) wirkt. Die Lippen
werden als roter Punkt geschminkt. Hinzu kommt eine überdimensionierte Perücke. Dadurch wirkt das
Gesicht klein. (Männergesichter hingegen werden großflächig in Symbolfarben bemalt.)
THEATER IN ASIEN - JAPAN
Heute gibt es etwa 350 Kabuki-Spieler, die einer großen Theatergesellschaft unterstehen, die ihrerseits für
die prächtigen, historischen Kostüme sorgt. Der äußere Glanz ist somit sicher gestellt. Die innere Kraft, das
Publikum zu fesseln, kämpft hingegen gegen die westlichen Kulturgüter im Theater.
1
1
http://youtu.be/eQVb2hPT9aM (Kagura)
http://youtu.be/q8cF76IzpKg (Bugaku)
http://youtu.be/ModfyW8wDvo (Doku über No-Theater)
http://youtu.be/T71ZAznVeLo (No-Masken)
http://youtu.be/6kn-6scFbas (No-Performance !!!)
http://youtu.be/4qQ7BQTNJRg (Kyogen)
http://youtu.be/67-bgSFJiKc (Kabuki-Doku)
http://youtu.be/MZ6_pxGKCks (Kabuki)
http://youtu.be/e_DCH48yQhk (Kabuki-Doku, Mehrteiler)
http://youtu.be/ABV86sCZ0FQ (Kabuki-Tanz)
http://youtu.be/vJT3hI-NeGs (Bunraku)
http://youtu.be/qCLl6Z9cc78 (Bunraku-Doku)
http://youtu.be/jmNwRakOoSA (Gagaku - nur Musik)
THEATER IN ASIEN - JAPAN
YouTube-Links
1
2