Die »Fundstücke-‐Ausstellung« als Methode mul sensorischen

Die »Fundstücke-Ausstellung« als Methode multisensorischen Lernens
Die »Fundstücke-­‐Ausstellung« als Methode mul9sensorischen Lernens Andreas Wendt, 2015 Ein Projekt des Ins/tuts für Kunstpädagogik der Universität Leipzig unter Leitung von Dr. Roland Meinel und Prof. Andreas Wendt – Leipzig 2011–2015 Methode Die »Fundstücke-­‐Ausstellung« versteht sich als Methode eines integra/ven, fächerübergrei-­‐
fenden, alle Sinne ansprechenden, die handwerklichen und medialen Fer/gkeiten schulen-­‐
den Unterrichts, der durch die Beteiligten ak/v neue Informa/onen erzeugt und diese mit Bild und Wort in realen und digitalen, interak/ven Ausstellungsräumen zugänglich macht. Die Wunderkammer hTp://studienart.gko.uni-­‐leipzig.de/wunderkammer verbindet einzelne Fundstücke-­‐Ausstellungen untereinander und ist ein virtuelles Museum im Sinne von »Arte-­‐
fakten der modernen Archäologie«. Die fünf Ausstellungen wurden von Studenten der Kunstpädagogik konzipiert – eine davon gemeinsam mit Schülern einer 11. Klasse – und sie wurden an verschiedenen realen Orten gezeigt. Wie es dazu kam Roland Meinel und Andreas Wendt entwickelten 2011 im Rahmen des von ihnen betreuten Moduls »Künstlerische Arbeit mit technischen Medien im Kontext der Kunstpädagogik« am Ins/tut für Kunstpädagogik Leipzig ein Ausstellungsprojekt, welches die digitale Praxis mit »Handgemachtem« zusammenbringen sollte. Anders formuliert: »Wir möchten gemeinsam eine thema/sche Objekt-­‐Ausstellung mit unseren eigenen Händen in einem realen Ausstel-­‐
lungsraum au[auen, sie parallel auf einer Webseite abbilden und Verbindungen zwischen dem realen und dem digitalen Ausstellungsraum schaffen. Durch Kommunika/on auf ver-­‐
schiedenen Kanälen wollen wir ein großes Publikum erreichen.« Anregung für ein buntes Gemisch von Fundstücken stellten dabei die Wunderkammern des Barock in der Umgebung von Leipzig und Sammlungen von Objekten im Internet, wie das »Museum der Dinge« des Werkbundarchivs, dar. Ak9ves Erzeugen neuer Informa9onen Die Ausstellung im Internet nimmt direkten Bezug auf das Medium Internet selbst. Die In-­‐
forma/onen zu den Fundstücken werden unter anderem an diesem Ort zusammengetragen. MiTels des künstlichen Gedächtnisses der Ausstellungswebseite werden die Informa/onen manipuliert weitergegeben, vermiTelt und archiviert. So wird der Auffassung Flussers ge-­‐
folgt, die Schule nicht mehr als einen Ort der Informa/onsvermiTlung, »sondern als einen Ort der Systemanalyse und Systemsynthese zu sehen.« (Flusser, S. 125) WerkstaB Die Gruppenarbeit am Projekt folgte dem Prinzip der Integra/on von Wahrnehmen, Denken und Handeln, von Theorie und Praxis. Die integra/ve Funk/on des ästhe/schen Unterrichts ist dabei in der Lage, die verschiedenen Wissens-­‐ und Erlebnisbereiche zusammenzufügen (vgl. Kahrmann/Bendixen 2010, S.235 ff.). Gearbeitet wurde nach dem Prinzip WerkstaT – mit Regeln wie der Selbstorganisa/on, der Arbeit in unterschiedlichen Tempi, der gemeinsamen Gruppenak/vität und der Rolle der Leitenden als mitarbeitende Experten (vgl. Kahrmann/Bendixen 2010, S.253 ff.). Die Werk-­‐
staTorien/erung mit ihren Wurzeln in der Reformpädagogik der 20er Jahre schätzt die handwerklich-­‐prak/schen Kompetenzen und Bedürfnisse aller Beteiligten und spricht sie an (vgl. Boysen-­‐Stern, S. 113). Die WerkstaT erlaubt es durch ihre Struktur, Wissen anzueig-­‐
nen, zu üben und die Arbeitsergebnisse zu steuern, die Form zu suchen, zu überprüfen und ständig zu verfeinern, um das hohe Maß an notwendiger Qualität in allen Teilen der Ausstel-­‐
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lung zu ermöglichen – kaum Geformtes wird nicht akzep/ert (vgl. Selle, S. 100). Das Prinzip WerkstaT wird auf die digitalen Bereiche erweitert. Alle Sinne Das Projekt »Wunderkammer« als »Synthese materialer und digitaler ästhe/scher Praxis« (Boysen-­‐Stern, S.47) zielt auf eine alle Sinne umfassende Wahrnehmung, um der zunehmenden Entsinnlichung in der Informa/onsgesellschai, der eingeschränkten Wahr-­‐
nehmungsfähigkeit und der Wahrnehmungsmanipula/on (vgl. Kahrmann 2004, S. 22 ff.) zu begegnen. Es gilt einen Weg auszuloten, in einer Projektarbeit das Wahrnehmen, Denken und Handeln zu verbinden. Sinnliche Wahrnehmung wurde im Projekt beim Spaziergang im StadTeil oder der Suche nach einem Objekt, dem Fundstück, geschult – die Geräusche der Straße, das spärlich Licht und der Geruch auf dem alten, selten gewordenen Dachboden, das Gefühl beim Betasten von Objekten mit unterschiedlicher Oberfläche usw. Die handwerklichen Tä/gkeiten beim Bau des Ausstellungssockels (der Dui beim Schleifen des Holzes), der Montage des Objek-­‐
tes und des gesamten Ausstellungsdisplays, die fotografische Arbeit im Studio – mul/senso-­‐
risches Lernen beim ständigen Wechsel unterschiedlicher Tä/gkeiten. Wahrnehmen, Denken und Handeln Das Objekt in der Hand und das Wahrnehmen seines Umfeldes, in dem es gefunden wurde, kann der Ausgangspunkt einer Reflexion über die Hintergründe, die Geschichte des Fund-­‐
stückes sein. Gibt es zuerst eine Idee für ein Objekt, bieten dessen Beschaffung oder Her-­‐
stellung allen Sinnen Raum, über die mit dem Objekt verbundene Geschichte zu reflek/e-­‐
ren, Fik/on und Realität zu verweben und glaubhaie Fäden für eine Story zu spinnen. Fundstücke Das Fundstück – Teil der objek/ven Wirklichkeit – wird als »Wurzelgrund, Rohmaterial und Reak/onsbasis der bildnerischen Tä/gkeit« (Regel, S. 58) betrachtet. Es beeinflusst die wei-­‐
tere bildnerische Tä/gkeit schon durch ihr bloßes Dasein (vgl. Regel, S. 58) und Finden wird zu einem Ausgangspunkt der Begabung (vgl. Selle, S. 95). Das lässt sich im Verhältnis vieler Künstler zu den Stücken ihrer Sammlungen auf unterschiedliche Weise beobachten: die Sammlung von Dingen aus der Natur bei Hermann de Vries (vgl. de Fries, S. 347), die Foto-­‐
grafiesammlung »Atlas« von Gerhard Richter, die »Sachen-­‐Sammlung« (Handke) von Anselm Kiefer oder die Sammlungen historischer Artefakte des Künstlers Ai Weiwei . In der Ausstellung wird das Fundstück zum Objet trouvé, zum Ready-­‐made, wenn dazu »besondere Wahrnehmungs-­‐ und Kri/kfähigkeit treten: der Blick für die gelingende Form« (Selle, S. 95 ff.). Auf Grundlage der gesammelten Fundstücke wurde sich in den ein-­‐
zelnen Ausstellungen mit einem aktuellen oder historischem Ereignis auseinandergesetzt (Erinnerungskultur vs. Eventkultur) und/oder StadTeilforschung betrieben. Die »Artefakte moderner Archäologie« präsen/eren in den Ausstellungen einen AusschniT der Produktkultur des 19. bis 21. Jahrhunderts seriös, dabei aber spielerisch und mit einem Augenzwinkern – kulturelle Bildung im Medienzeitalter. Die Story Ein Essay, eine Kurzgeschichte oder eine Interview zum Gegenstand bieten den Hinter-­‐
grund zum Fundstück. Formuliert wird eine Botschai, die mit den persönlichen Interessen der Ausstellenden, deren Vorlieben, Haltungen und Engagements zu tun hat. Dem Artefakt kann aber auch eine fik/ve Geschichte angedichtet worden sein, die ein Credo oder die persönliche Haltung zu einer Sache künstlerisch vermiTelt. Philosophische Hintergründe und Literaturverweise können die Beschreibung der Ausstellungsstücke abrunden. Ausge-­‐
hend von den gesammelten Stücken entsteht durch Text und Bild ein Panorama vielfäl/ger Erlebnisse, Eindrücke und Erkenntnisse. 2
Die »Fundstücke-Ausstellung« als Methode multisensorischen Lernens
Die Präsenta9on Reale Ausstellungsräume und das Internet wurden zu Demonstra/onsräumen. Orte, in de-­‐
nen alle produk/ven, rezep/ven und reflexiven bildnerischen Ak/vitäten zusammen fließen (vgl. Schulz, S. 331 ff.). Ausgehend von den gesammelten Stücken entsteht durch Text und Bild ein Panorama vielfäl/ger Erlebnisse, Eindrücke und Erkenntnisse. Um ein die Ausstellung verbindendes grafisches Erscheinungsbild zu gewährleisten, musste sich konsequent an die gemeinsam erarbeiteten grafischen Vorgaben gehalten werden. Die Ausstellung im Internet beinhaltet die kompleTen Informa/onen – ein Objekroto, ei-­‐
nen ausführlichen Text zum Fundstück mit weiteren Abbildungen, Hyperlinks zu weiterfüh-­‐
renden Ar/keln und zu den eigenen Visitenkarten der Autoren im Internet. Verschiedene Beiträge der Ausstellung wurden, wenn möglich, mit Links untereinander vernetzt. Die Fundorte in einer Karte dienen als Naviga/on. Fotos von der »echten« Ausstellung, der Ka-­‐
talog und die Plakate der einzelnen Fundstücke ergänzen die Webseiten. In den Ausstellungen im realen Raum wurde neben den Fundstück-­‐Plakaten der gedruckte Katalog ausgelegt. Eine Brücke zwischen den beiden Demonstra/onsräumen bildet der QR-­‐
Code an jeder Objektbeschriiung, der zum ausführlichen Beitrag der virtuellen Ausstellung führt. Erkenntnisgewinne, Erfahrungen und Fes9gung von Fer9gkeiten Die Beteiligten gelangten zu Erkenntnisgewinnen, Erfahrungen oder fes/gten ihre Fer/gkei-­‐
ten in verschiedenen Bereichen, z.B.: •
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Ideenfindung Suchen und Sammeln Spazieren und Entdecken Entwicklung und Formulierung einer Geschichte zu einem Thema Grundlagen der Fotografie Objekrotografie (frei und nach Vorgabe im Studio) Bildbearbeitung, Maßsysteme, Dateiformate Einführung und Grundlagen des Webdesigns, Einführung HTML Verwendung eines Publishing Systems Technologie QR-­‐Code und QR-­‐Scanner Erleben des abgesteckten Rahmens bei der Teilnahme an einem Ausstellungsprojekt Entwicklung eines Ausstellungs-­‐ und Raumdesigns Einhaltung von Gestaltungskonstanten (grafisches Erscheinungsbild) Farbmodelle im Grafikdesign Modellbau Werbegrafik (Plakat) für die Ausstellung und das Objekt Visualisierung einer eigenen Iden/tät und Umsetzung auf einer Website exakte Ausführung aller Teilaspekte rund um das Ausstellungsobjekt Grundlagen der Presse-­‐ und Öffentlichkeitsarbeit Bewerbung der Ausstellung über soziale Netzwerke, Kleben von Plakaten, Verteilen von Flyern Die »Fundstücke-Ausstellung« als Methode multisensorischen Lernens
Literatur Boysen-­‐Stern, Hans-­‐Jürgen: Mul/sensueller Kunstunterricht unter Einbeziehung der Compu-­‐
tertechnik. Disserta/on, Leipzig 2006 de Vries, Hermann im Gespräch mit Jocks, Heinz-­‐Norbert: Herman de Vries – Ich wandere also bin ich, in: Kunsrorum Interna/onal, Band 233/234, Köln 2015 Flusser, Vilém: Ästhe/sche Erziehung in:Zacharias, Wolfgang (Hg.): Schöne Aussichten? Äs-­‐
the/sche Bildung in einer technisch-­‐medialen Welt, Essen 1991 Handke, Peter: Anselm Kiefer oder Die andere Höhle des Platons. In: Die Zeit, Nr. 37/1999 (Zeit-­‐Online) Kahrmann, Klaus-­‐Ove: Wahrnehmen um die Welt wahr zu nehmen, in: Kahrmann, Klaus-­‐Ove (Hg.): Feuervogel. Das Prinzip WerksaT als Grundlage integra/ver ästhe/scher Erziehung, Bielefeld 2004 Kahrmann, Klaus-­‐Ove/Bendixen, Peter: Umkehrungen. Über den Zusammenhang von Wahr-­‐
nehmen und Wirtschaien, Wiesbaden 2010 Regel, Günther: Medium bildende Kunst. Bildnerischer Prozeß und Sprache der Formen und Farben, Berlin 1986 Schulz, Frank: Demonstra/onsräume als Medium und Produkt komplexer kunstpädagogi-­‐
scher Ak/vitäten. in: Lutz-­‐Sterzenbacher, Barbara/Schulz, Frank: Bild und Bildung, München 2014 Selle, Gerd: Gebrauch der Sinne. Eine kunstpädagogische Praxis, Reinbek bei Hamburg, 1988 Links Projekt Wunderkammer hTp://studienart.gko.uni-­‐leipzig.de/wunderkammer NaturalienkabineT Waldenburg/Sachsen hTp://www.museum-­‐waldenburg.de Kunst und Naturalienkammer der Fränkischen S/iungen Halle/Saale hTp://www.francke-­‐
halle.de/angebote-­‐v-­‐60.html Museum der Dinge – Werkbundarchiv hTp://www.museumderdinge.de Museum der unerhörten Dinge von Roland Albrecht hTp://www.museumderunerhoerten-­‐
dinge.de Art Maps: A Learning Perspec/ve. tate-­‐blog, 20 March 2012, By Rebecca Sinker hTp://be-­‐
ta.tate.org.uk/context-­‐comment/blogs/art-­‐maps-­‐learning-­‐perspec/ve WordPress (Publishing-­‐System) hTp://wpde.org Openstreetmap (Karte) hTp://www.openstreetmap.org Google Maps (Karte) hTp://www.openstreetmap.org QR-­‐Code-­‐Generator hTp://goqr.me 4