Lamento! Ein Ausflug ins Tal des Jammerns

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Sonntag, 09. August 2015 (20:05-21:00 Uhr) KW 32
Deutschlandfunk / Abt. Hörspiel/ Hintergrund Kultur
FREISTIL
Lamento! Ein Ausflug ins Tal des Jammerns
Von Bettina Mittelstraß
Regie: Rolf Mayer
Redaktion: Klaus Pilger
Produktion: DLF 2015
Manuskript
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Musik 1
Am Piano Bodo Wartke ‚Ja Schatz‘
(Songtext)
‚Ich liebe Sie nicht mehr. Sie behandelt mich wie Dreck.
Früher liebt’ ich nichts so sehr wie sie, jetzt will ich nur noch weg.
Sie meckert immerzu und quält mich bis aufs Blut.
Ganz egal, was ich auch tu, sie findet es nicht gut.
Sie ist ein wahrer Drachen, ein gemeiner und perfider.
Ich muss dem ein Ende machen, doch ich sage immer wieder:
Ja, Schatz.
Du hast natürlich Recht.
Ja, Schatz
Ja, ich weiß, das war schlecht.
Ja, Schatz
Nein, ich möchte keinen Streit.
Ja, Schatz,
es tut mir schrecklich leid.’
(Der Refrain ggf leise weiter, vervielfachen und versetzen - das Klavier bestimmt den Takt / Echo)
O-Ton 01
‚Jammerlappen‘ (alias Martin Reinl)
Ich jammer überhaupt nicht! Über gar nichts, am liebsten. Eigentlich jammer ich überhaupt nicht so
viel. Die anderen behaupten das. Ich seh' nur die Realität so wie sie ist - schrecklich!
Sprecher
Jammerlappen, deren Selbstbewusstsein zu Wünschen übrig lässt, empfiehlt der Ratgeber
„Jammern - aber richtig“ ein gezieltes Training: „Nehmen Sie bitte ein hartgekochtes Wachtelei und
einen Liter schwarze Farbe, damit sie dann darüber jammern können, dass die Fläche des Eis der
vielen Farbe nicht genug Platz bietet.“
Musik
1
ff
Bodo Wartke ‚Ja Schatz’ ff
„Das kann doch gar nicht sein, ich meine nein und sage ja.
Das war schon immer mein Problem, auch damals vorm Altar.
Der Teufel soll sie holen, sie bringt mich noch ins Grab.
Doch ein Freund hat mir empfohlen: Mensch, jetzt hak die Sache doch mal ab.
Ja, genau, die Idee ist genial, na warte - “
3
Ein Gong wie fürs Einleiten einer Meditation
Sprecher
„Setzen Sie sich bitte in einen unbequemen Sessel oder stellen sie sich barfuss auf einen kalten
Steinboden. (…) Lassen Sie sich nun von der jetzt erlebten Unbequemlichkeit zu anderen
Unbequemlichkeiten in Ihrem Leben tragen, erkennen Sie, dass Ihnen immer wieder etwas
Schlimmes passiert, Ihr Nachbar aber davon verschont bleibt.
Gehen Sie ganz in das Gefühl. (…) Begeben Sie sich mental in diese Landschaft und finden Sie Ihr
persönliches Jammertal.“
Sprecherin
Lamento! Ein Ausflug ins Tal des Jammerns. Ein Feature von Bettina Mittelstraß.
Straßen Umfrage (Material zum Bauen einer „Jammer-Gewabers“)
Musikvorschlag für Straße ‚extern‘ (Tenor - leise weinend im Hintergrund) AM_04
Dudelsack Musik,
O 02
O Ton junge Frau
Der Winter war zu lang, wir wollen die Sonne und im Sommer sagen sie, wir wollen den Winter
wieder, es ist zu warm (lacht) Damit fängt’s ja schon an.
O 03
O Ton Mann
Der Nachbar, das Umfeld, die lieben Kollegen.
O 04
O Ton Wienerin
Ja s’ Wetter und die Politik. E kloa, z’erst die Politik, mittlerweile zuerst die Politik, früher war es
das Wetter, die Preise, die Mieten, der Stau (Lachen) und wieder das Wetter und wieder die Politik
(lacht).
O 05
O Ton Schweizerin
Über die Ausländer, wenn man das so sagen darf, wird auch sehr viel gejammert. Gehört zwar nicht
zum guten Ton, aber wenn man genauer hinhört, ist das so.
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O 06
O Ton Schweizer
(Stöhnt) über die Kosten, weil alles zu teuer ist und naja..
O 07
O Ton junger Mann
Manchmal nur um des Jammerns willen, weil es auch so bequem ist zu jammern, weil man sich
dann auch immer ein bisschen so das Mitleid erjammert.
Musikvorschlag „Nervensäge - ‚Singenden Säge“
„Klangteppich“ „intern“
Sprecherin (wispern) (ggf . Bürogeräusche und Stöhnen dazu, leise, entfernt)
Auch das noch. Ja, wie soll ich denn -? Ich hab doch sowieso schon so viel. Wer will denn jetzt
schon wieder was von mir? Was, das auch noch? Wieso denn ich schon wieder? Ach, das klappt
doch eh nicht. Das wird nie was. Das haben wir doch schon tausendmal gehabt. Kann man
vergessen. Für wen soll denn das gut sein? Das hat doch noch nie funktioniert.
Sprecher (wispern) - ggf im „Duett“ mit Sprecherin
Das kann ja gar nichts werden. Der doch nicht. Aber mich fragt ja keiner. Die machen sowieso, was
sie wollen. Das wird immer schlimmer. Mit mir kann man es ja machen. Aber bitte, sonst macht es
ja keiner. Mach ich das eben auch noch. Es ändert sich doch eh nix. Ich bin ja hier sowieso nur der
nützliche Idiot.
(ggf wieder mit Dudelsack)
O 08
O Ton ältere Potsdamerin mit Mann
(Sie) Wir selber jammern. Naja, weil wir kurz vor der Rente stehen und uns die Jahre noch
unendlich vorkommen, deshalb jammern wir.
(Er) Sonst haben wir eigentlich keen Grund zum Jammern.
(Sie) Nö, sonst nicht, ne. Man will einfach nur noch Rentner werden, weil man von allem satt ist.
Einfach kaputt und fertig.
O 09
Einspieler Andrea Nahles auf dem 20. DGB Bundeskongress am 14.05.2014
Es reicht mir! Hört endlich auf ein hysterisches Gejaule in diesem Land zu machen, weil vielleicht
50.000 Menschen mehr abschlagsfrei in Rente gehen können!
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Musik 1
leise wie im „off“ wdh Refrain Bodo Wartke
Ja, Schatz.
Du hast natürlich Recht.
Ja, Schatz
Ja, ich weiß, das war schlecht.
Ja, Schatz
Nein, ich möchte keinen Streit.
Ja, Schatz, es tut mir schrecklich leid.’
O Ton 10
Tanja Köhler
Da drüben hängt ein Foto und da ist meine Oma drauf zu sehen, und meine Oma war die Jammerin
schlechthin für unsere gesamte Familie, und wir schmunzeln jetzt alle, weil dieses Jammern über
Sachen zieht sich über die ganze Familie mit durch.
Erzählerin
Tanja Köhler - bezeichnet sich selbst als ‚Trainerin für erfolgreiche Veränderungen‘.
O Ton 11
Tanja Köhler
Das hat angefangen vom ‚Die ganze Welt ist so schlecht‘ und ‚Alles wird immer schlimmer‘ von ‚Ihr
Kinder kommt zu wenig zu uns‘ und ‚Es gibt nichts zum essen‘ und ‚Alles wird wieder teurer‘ und
also die komplette Palette an Themen, die man sich nur aufmerken kann. Und sie lächelt uns hier
vom Foto mit an, ich hab mit ihr Frieden geschlossen, dass ich ihr Jammern auch akzeptiert habe
und gesagt habe: Ja, das ist ein Ausdruck für etwas. Du hast was gebraucht, was Du nicht
bekommen hast.
Erzählerin
Die Psychologin hat das Jammern auf ganzer Linie satt. Und so arbeitet sie auch beruflich gegen
das Jammern an. Sie bietet Coaching für Unternehmen.
O Ton 12
Tanja Köhler
Ich hab einen ganz großen Auftrag bei einer Firma bekommen, die ich über einen langen Prozess
begleitet habe und irgendwann mal habe ich für mich gedacht: Die nerven mich. Und dann hab ich
es für mich verbalisiert: Warum nerven die mich denn alle? An wen erinnern die mich denn? Und
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dann bin ich auf das Thema Jammern gekommen. Ja, die jammern alle hier irgendwie über
irgendein Thema rum und das erinnert mich alles an meine Oma Else. (lacht)
O Ton 13
Interview mit dem ‚Jammerlappen’ (alias Martin Reinl)
‚Was lachen Sie da jetzt so?‘
Entschuldigung (O Ton Autorin)
‚Obwohl es ist vielleicht das Beste, was man machen kann, wenn man ein bisschen Huuu-mor hat.‘
Oh, das geht Ihnen aber schwer über die Lippen. (O Ton Autorin)
‚Ja. Es ist so ein positives Wort.‘
O Ton 14
Martin Reinl
Man kann sich viel Geld für den Psychologen sparen, wenn man sich einfach ein paar Puppen
anschafft und seine schlechten Eigenschaften ein bisschen aussortiert.
Erzählerin
Martin Reinl - spielt mit Puppen. Bekannt ist der Komiker besonders nordrhein-westfälischen
Fernsehzuschauern unter anderem aus der „Wiwaldi Show“ im WDR Fernsehen, die Sendung läuft
jetzt auch in der ARD. Martin Reinl ist Vater und Stimme des ‚Jammerlappens‘.
O Ton 15
‚Jammerlappen’ (alias Martin Reinl)
„Ja - ich bin Handschuhgroß. Sie müssen mir das Mikrophon schon vor die Nase halten, wenn ich
Ihnen was sagen soll!“
O Ton 16
Martin Reinl
Im Grunde ist das nichts anderes als ein verfusselter, verfilzter alter Frotteelappen mit ein paar
Augen und einem Mund.
O Ton 17
‚Jammerlappen’ (alias Martin Reinl)
‚Was wollen Sie wissen? Es ist schrecklich. Ich kann Angela Merkel nachmachen. Das sieht man
jetzt im Radio schlecht, aber ich kann die Mundwinkel so weit runterziehen, dass ich fast drauf
trete!‘
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Sprecher
„Denken Sie immer daran: Ihr Körper muss sich im Einklang mit ihrer mentalen Einstellung
befinden.“
Erzählerin
„Jammern - aber richtig!“ Eine Anleitung. Von Franz Stowasser und Rudolf Kraus
Sprecher
Sie sollten sich (…) in der Regel folgende Körperhaltungen und Ausdrucksweisen erarbeiten:
Hängende Schultern. Leicht gesenkter, leicht schief gehaltener Kopf. Mundwinkel leicht abwärts auch bei einem selbstverständlich nur gequälten Lächeln. Leicht zitternde Lippen. Vertikale Falten
zwischen den Augenbrauen. Aufrechtes Sitzen, aufrechten Gang vermeiden.
Gong
Erzählerin
Tanja Köhler und Martin Reinl vermessen den typischen Jammertal-Bewohner - die eine von
Außen, der andere von Innen.
O Ton 19
Tanja Köhler
Ich bin dann durch diese Firma durch, die ist relativ groß, ist ein mittelständisches Unternehmen,
und hab mir die mal angeschaut: Was gibt es denn da für unterschiedliche Typen? Und über was
jammern die? Und wie jammern die?
O Ton 20
Martin Reinl
Man muss ein bisschen wissen, wie die funktionieren und .. um was die sich drehen. Also
tatsächlich: Beschäftigt er sich mit sich? Beschäftigt er sich mehr mit anderen? Wie ist sein
Verhältnis auch zu anderen Charakteren, anderen Figuren? … Vieles passiert automatisch aus dem
Bauch raus tatsächlich mittlerweile, aber man macht sich da schon mal so seine Gedanken oder
setzt sich auch mit einem Papier dahin und zieht Linien von einer Figur zur nächsten und stellt sich
auch so Fragen. Und wenn es nur so Kleinigkeiten sind wie: Duzt der den? Siezt der den? Mag der
den grundsätzlich oder findet der den gut und warum nicht oder warum?
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Musik Vorschlag - Singende Säge
O Ton 21
Tanja Köhler
Also da ist zum Beispiel der Apokalypse-Jammerer. (lacht) Mag ich total. Da ist der Weltuntergang
bei den kleinsten Sachen nicht weit weg - ‚Oh Gottogottogott!‘ - alles so schlimm, alles so schlimm.
…Singende Säge
O Ton 22
Tanja Köhler
Es wird was gesagt und dann ist - kurz Stille. Dann ein (Einatmen) ‚Oh Gott!‘ (Ausatmen). ‚Ha, das
geht ja gar nicht! Oh Gott!‘ - Also da wird die geliehene Macht ganz oft reingeholt von Oben, das
Höhere - ‚Das wird alles den Bach runter gehen!‘ … Und da sind auch so dramatische Pausen dabei.
Und der Weltuntergang wird mit diesen Worten und vor allem mit der geliehenen Macht ‚Oh Gott‘
herbeigerufen.
Umfrage Ausschnitt / Straße
O 23 (Mann)
Sicher gibt es so ne Miesepeter, die grundsätzlich - wo das Glas grundsätzlich immer halbleer ist.
(Frau) Ja genau. Bei uns ist es immer halbvoll. Genau!
O Ton 24
Jammerlappen (alias Martin Reinl) (brüllt rein)
‚Es ist völlig leer! Nicht mal zur halb - nicht mal zur Hälfte! es ist völlig ausgetrunken!‘
O 25
(Mann)
Wir jammern nicht. Wir sind Frohnaturen (sie lacht)
O Ton 26
Jammerlappen (alias Martin Reinl)
Ich jammer überhaupt nicht, über gar nichts am Liebsten!
O 27
(Mann)
Naja komm, du hast mir erzählt, du warst auch verzweifelt.
(Frau) Ich war völlig verzweifelt!
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O 28
(Zwei junge Männer)
Der jammert ganz gerne, der David!
Stimmt gar nicht
Oh doch, das stimmt schon
Ok, manchmal vielleicht.
O Ton 29
Martin Reinl
Jeder kennt einen anderen Jammerlappen! Ich weiß jemanden, der ist ein extrem großer
Jammerlappen als Person. Und wenn ich dem diese Figur zeige, dann sagt der: ‚Den finde ich
lustig! Der ist nämlich genau wie meine Tante!‘ Ja, nicht nur die Tante. Du bist es genauso!
Musik: James Last „ Morgens um Sieben ist die Welt noch in Ordnung“
Sprecherin (‚einfühlsame Werbung‘ / ironisch)
Wollen Sie auch ins „Mekka des Meckerns“? „Brüllt los!“, ihr seid schon drin, empfiehlt die
Frankfurter Allgemeine Zeitung. Informieren Sie sich und besuchen sie reclaboxcom ! Da werden
sie erhört.
Sprecher (wispernd) (ggf abblenden)
Paket wurde nicht zugestellt! Annahme - angeblich - verweigert! Keine Zahnstocher bei
McDonald’s! Keine Reaktion auf Beschwerde! Heimlich Kaufvertrag abgeändert! Busfahrer nimmt
Leute nicht mit! Gutschein abgelaufen - kein Entgegenkommen! Kleine mickrige Pflanzen für viel
Geld! Verkehrsschilder im Dunkeln nicht lesbar! Seit fünft Tagen ‚In Weiterleitung‘! S-Bahn
ausgefallen! Miserabler Kundenservice! Schon wieder keine Zustellung. Zumutung! Dreist!
Unverschämtheit! Nie wieder!
O Ton 33
Martin Reinl
Also der Meckerer, der meckert ja allgemein. Der meckert allgemein, dass da eine Baustelle steht,
die den Verkehr behindert. Der Jammerlappen meckert, dass da eine Baustelle steht, die ihn
behindert. So: der sagt ‚Uäääh, ich komm nicht weiter, weil da ist eine Baustelle’. Und der
Meckerer sagt: ‚Da ist ne Baustelle! Niemand kommt da durch!‘ So.
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O Ton 34
Tanja Köhler 2698 1’39
Der Abstands-Jammerer: ‚Hey Tanja! Ich würd das super gerne machen, aber ich hab jetzt grad
noch des auf dem Pin und des auf dem Pin und dann muss ich noch des machen. Danach geh ich
noch zu meiner Oma und…‘ ‚Oh ne, ich will dir gar nichts aufs Auge drücken…‘ Also dieses
Abstands-Jammern, also jemand auf Abstand halten, weil man eben schon so viel macht.
O Ton 35
‚Jammerlappen’ (alias Martin Reinl)
‚Ich hab mal versucht einen Kurs im positiven Denken mitzumachen. Das hat mir gar nicht
gefallen!‘
Oh Gott, was hat man denn da von Ihnen verlangt? (O Ton Autorin)
‚Positives Denken!!!‘
O Ton 37
Tanja Köhler
Dann habe ich einen, den ‚Wassollichdennallesnochmachen-Jammerer‘. (stöhnt) Der hat dann eher
dieses Thema, dass der kurz wie ein verschrecktes Eichhörnchen in die Gegend guckt. Dann auch
mit dem Kopf richtig die Geste nachmacht, einmal so einen Kreisumschlag und sagt: ‚Oh Gott - ja‘ und schon wieder geliehene Macht - ‚Oh Gott, was soll ich denn - noch alles - tun?‘ Also das ist so
ein (Kurzes Einatmen) verstecktes Reden, was man auch spürt und sieht an den Augen, man siehts
an der Stimme, der geht in Gedanken in einem 360° Karussell eigentlich mal um sich rum und
schaut: ‚Oh, da ist der Chef! Oh, da drüben ist die Produktion! Huu und dann will noch der Einkauf
was!‘ Und genau so spricht der auch, so Stakkato-mäßig.
Sprecherin
Nä - ne? Ey Leute - nicht euer Ernst. Das geht - gaar nicht..
O Ton 38
Bodo Wartke
Wenn wir sprechen, funktioniert das ja auch über Klang - über Schall. Und wenn wir meinen, was
wir sagen, färben wir unsere Worte in einer bestimmten Art und Weise ein.
Erzählerin
Bodo Wartke lauscht den Worten den Klang ab.
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O Ton 39
Bodo Wartke
Also je nachdem, welches Gefühl wir dabei empfinden, je nachdem auch wie ehrlich wir meinen,
was wir sagen, hat das, was wir sagen, haben die Worte ein bestimmtes Tempo, eine bestimmte
Lautstärke, eine bestimmte Tonhöhe - also musikalische Parameter.
Erzählerin
Als Kabarettist am Klavier interessiert sich Bodo Wartke genau für diesen Zusammenhang
zwischen Worten und Musik und Klang und Melodie.
O Ton 40
Bodo Wartke
Wenn ich halt ein Lied schreibe, ist oft erst der Text da und dann überlege ich mir: Welche Musik
passt dazu? Beziehungsweise - welche Musik ‚ist schon da‘? Also welche Musik wohnt den Worten
inne?
Erzählerin
Das Lied vom jämmerlichen Ehemann ist eines seiner erfolgreichsten Lieder, weil eigentlich jeder sagt der Liedermacher - jeder ganz genau weiß, was er da hört…
O Ton 41
Bodo Wartke
Eben wenn man es so sagt - verzagt, klein bei geben, hmm ‚ja Schatz‘, so ‚mm - mm‘, ‚da - da‘, da ist
das Intervall schon in der Stimme. So. Man muss gar keine Musik drauf pfropfen. Sie ist schon da.
Und das finde ich eben das Spannende: Wie klingt die Sprache, wenn man ihr die Musik ablauscht?
Sprecherin (stöhnen, jammernd, voller Verdruss.)
Ja Schatz. Ach ja. Immer ich. Was soll’s. Na gut. Muss ja. Eh egal. Sag nichts..
O Ton 42
Bodo Wartke
Die kleine Terz ist ja das, was das Tongeschlecht, also Moll in dem Fall anzeigt (spielt Klavier).
Wäre die Terz nur einen Tick höher, wäre es es eine große und wir wären bei Dur (spielt Klavier).
Und der Unterschied ist minimal und doch total groß. Denn wenn ich singe (Dur / spielt) ‚Ja Schatz‘
funktioniert es schon nicht mehr. Das ist ein völlig anderes Gefühl. So eine Winzigkeit in der
Intonation macht einen riesigen Unterschied.
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Musik 1
im „off“ wdh Refrain Bodo Wartke
Ja, Schatz.
Du hast natürlich Recht.
Ja, Schatz
Ja, ich weiß, das war schlecht.
Ja, Schatz
Nein, ich möchte keinen Streit.
Ja, Schatz, es tut mir schrecklich leid.’
O Ton 43
Bodo Wartke
Eine Sache ist mir selber grad noch beim Spielen aufgefallen. Was ich intuitiv mache (spielt) ist. Ich
singe halt zuerst in D Moll (spielt) ‚Ja Schatz, du hast natürlich recht. ja Schatz…‘ und dann das
gleiche Intervall in A Dur, also in der Dominante, und das ist einen Tick höher. Also ich singe erst
‚Ja Schatz‘, - ‚Ja Schatz‘ also wie auch im Streit. Man sagt es, man wiederholt das Gleiche, aber es
hat noch ein bisschen mehr Impetus, es ist noch mehr, es ist halt einen Tick höher und noch mehr
genervter. Also: ‚Du hast den Klodeckel oben gelassen‘, ‚Du hast den Müll nicht runter gebracht‘,
hm-hm, da würde man auch sagen: ‚Ja Schatz, ja Schatz’, also wieder bildet sich in der Musik das
ab, wie man es sagen würde, und ich habe es intuitiv so komponiert.
O Ton 44
Jammerlappen (alias Martin Reinl)
‚Naja… wenigstens etwas..‘
O Ton 45
Bodo Wartke 13’56
Wie ist überhaupt Sprache entstanden wie wir sie heute kennen? So also mit Grammatik, Syntax,
Satzbau, Worten, Begriffen. Das gab es ja so früher alles gar nicht. Also die Leute haben sich
nonverbal verständigt. Halt über Laute. Also im Grunde, wenn man so will über Musik. So also das
Gefühl wird immer deutlich, egal was man sagt.
O 46
Wdh im ‚Off“ - Einspieler Andrea Nahles (kürzen)
Hört endlich auf ein hysterisches Gejaule in diesem Land zu machen…)
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O Ton 47
Bodo Wartke Gespräch (jammert)
Hach ja, jabedijabedie ja, haidieganzeüberhauptdigaganzineiunennndaunnn … Das ist jetzt
vielleicht ein bisschen übertrieben. Es ist ja zum Beispiel auch ganz oft wenn, wenn so getratscht
wird, dann denkt man ja gerne auch mal so an Hühner, die auf einer Stange sitzen, die
boakboakboak und dann hat der und dann hat der kannst dir nicht vorstellen das boakboakboak!
Das finde ich halt wahnsinnig witzig solche Analogien herzustellen - man denkt so ‚Ja es ist genau
so. Das klingt genau so.‘
O Ton 48
Julia Fischer
Gerade im emotionalen Ausdrucksverhalten zeigt sich sozusagen unsere Natur sehr stark, zeigt sich
das, was wir als Primatenerbe mit uns rumschleppen oder als Tiererbe.
Erzählerin
Julia Fischer belauscht Affen. Zum Beispiel junge Bärenpaviane im Okawango Delta, wo der große
afrikanische Fluss im Nordwesten der Republik Botswana versickert.
Atmo Paviane
O Ton 49
Julia Fischer
Die müssen über eine große Wasserfläche rüber die Tiere, oder durch einen großen Fluss. Und die
großen Tiere sind halt alle schon vorgegangen und die Kleinen trauen sich nicht. Die haben Angst,
da können Krokodile drin sein. Und so weiter. Und dann sitzen die da alle am Flussufer und dann
machen die so ‚Hoammm‘ ‚Hoammm‘, und da ist jetzt nicht so richtiger Protest dabei, sondern das
ist eher .. so ein Ausdruck glaube ich doch des Unwohlseins. Und da musste ich sofort dran denken,
als ich das Wort jammern gehört habe. Da habe ich gedacht: ja genau, genau! Das ist Jammern!
‚Hoammm‘ (lacht) Wie die da sitzen!
Erzählerin
Eher passiv sitzen sie da - erzählt die Primatenforscherin -, sitzen und warten auf irgendeine
Lösung von Außen. Julia Fischer leitet die Abteilung Kognitive Ethologie am Deutschen
Primatenzentrum in Göttingen. Das Ausdrucksverhalten der Tiere ist sehr differenziert, sagt sie, und
Jammern - auf Englisch moaning - verweist vermutlich auch bei Affen auf einen unentschiedenen
emotionalen Zustand.
Musik Wartke: ‚Ja Schatz‘…
+ Affenlaute
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O Ton 50
Julia Fischer
Es gibt sozusagen zwei Übergänge. Und das eine ist, .. dass dieses ‚moaning‘ im Grunde in die
Begrüßungslaute übergehen kann. Das wäre am Anfang so Hoaaam, und dann werden die immer
kürzer, so hoam hoam ho ho und dann sind das eigentlich freundliche Begrüßungslaute. Oder aber
es gibt eben diese Variante, da kann dieses Jammern Hoaaam, Hoaaam, .. dann wird das irgendwann
Schreien. Also dann wird da sozusagen immer mehr Energie da rein gepackt und dann irgendwann
wird das ein richtiger unangenehmer Schrei. Und beides ist möglich. Ich finde das zeigt - wenn man
jetzt mal davon ausgeht, dass irgendwie die akustische Qualität was über den internen Zustand
aussagt -, dass das irgendwie so dazwischen hängt zwischen Kontakt haben wollen - was ja auch
irgendwie positiv ist - und .. es kann eben auch übergehen - wenn das nicht klappt - in Unglück,
Frustration und Protest.
Affenlaute Aufnahme
O Ton 51
Tanja Köhler
Ich erlaube mir in meinen Coachings in die Familiensysteme mit rein zu schauen und dann zu
sagen: Wo haben die denn irgendwann mal gelernt, dass sie Jammern auch zum Ziel bringt oder
Jammern auch eine Entlastung ist?
O Ton 52
Julia Fischer
Ganz selten hat man das mal gesehen, das kam durchaus vor, dass dann irgendwie meinetwegen
wirklich ein kleines Kind zurück geblieben ist, weil sich das absolut nicht getraut hat. Und dass sich
dann einer erbarmt hat von den Adulten, von den erwachsenen Männchen, und wieder zurück
gegangen ist und den dann noch auf den Rücken geladen hat. Aber oft haben wir gedacht: die sind
ganz schön kaltschnäuzig (lacht), da hat keiner Mitleid oder so (lacht), sondern die gehen halt los.
O Ton 53
Tanja Köhler
Wenn Kinder jammern und die Eltern sich sofort zuwenden, dann lernen die: ich habe gejammert
und es hat sich jemand zugewendet. Also pauschal gesagt.
O Ton 54
Jammerlappen (alias Martin Reinl)
Man kann sich die Welt schon so drehen, dass immer alles schlecht ist.
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Umfrage
O 55 (Frau)
Man findet immer was, wenn man was sucht.
O 65 (Mann)
Wir jammern auf hohem Niveau
O 57 (junge Frau)
So schlecht geht es uns Deutschen eigentlich gar nicht. Also ningeln auf hohem Niveau würd ich
sagen
O Ton 58
Joachim Küchenhoff
Es gibt ja so was wie einen Vorwurf: Du jammerst auf hohem Niveau.
O Ton 59
Jammerlapppen (alias Martin Reinl)
‚Im Restaurant. Erst mal sind es viel zu viele Angebote auf der Speisekarte. Ich bin völlig
überfordert. Ich weiß überhaupt nicht, was ich nehmen soll. Dann suche ich mir was aus, dann
heißt es: Ne, das haben wir jetzt grad nicht mehr da. Dann kommt es - schmeckt nicht. Fleisch ist
entweder zu weit durch, oder zu dings, zu blutig. Oder die Soße ist versalzen oder zu wenig Salz
drin. ..
O Ton 60
Joachim Küchenhoff
Das Jammern auf hohem Niveau ist ja eigentlich die Aussage: Du hast keinen Grund. Du hast doch
alles, was du brauchst. Und da ist möglicherweise - muss nicht so sein - etwas verbunden mit
diesem Jammern, wo ein Mensch nicht recht weiß, was er eigentlich sucht.
Erzählerin
Joachim Küchenhoff deckt gerne auf, was nicht gleich ersichtlich ist.
Umfrage
O 61 (Frau und Mann)
Das Gute sehen sie nicht, zu selten.
Sie haben viel. Also wir haben ja eigentlich alle viel in unserer Gesellschaft, aber -
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O 62 10’05 (Schweizerin)
Natürlich geht es uns sehr gut. Es ist auf hohem Niveau gejammert, nicht?
O Ton 63
Joachim Küchenhoff
Also es gibt durchaus ja auch ein Jammern, wo jemand sagt: ach nein, ich hab nicht genug Geld, ich
habe das nicht genug und das nicht genug. Und die therapeutische Aufgabe wäre zu gucken: Ist es
eigentlich, dass du mehr desgleichen brauchst? Brauchst du wirklich mehr Geld oder fehlt dir was
ganz anderes?
Erzählerin
Der Psychoanalytiker Joachim Küchenhoff ist Professor an der Universität Basel und Chefarzt der
Klinik für Psychiatrie Basel-Land in Liestal in der Schweiz.
O Ton 64
Joachim Küchenhoff
Und da wäre die Aufgabe, das Jammern ernst zu nehmen, aber zu sagen: Was ist es denn, was dich
antreibt? Doch offensichtlich nicht das, von dem du schon auf hohem Niveau oder im Überfluss
hast, sondern es geht um was anderes. Und das kannst du nicht richtig finden. Also das
rauszufinden, was der Gegenstand ist.
O Ton 65
Tanja Köhler
Die Leute kommen aus dem Jammern oft nicht raus. Ich glaube, Jammern ist eine Haltung dann
auch. Nur, dass ich aufdecke, dass jemand ein Jammerer ist, kann der ja von dieser Verhaltensweise,
von diesem Wesenszug nicht einfach umswitchen. Und ich glaube, es geht nur, wenn ich wirklich
an den Kern - um was geht es denn eigentlich wirklich? Und da bin ich oftmals in Themen, da darf
ich als Coach gar nicht rein. Also da habe ich nicht den Auftrag.
O Ton 66
Joachim Küchenhoff
Als Analytiker interessiert mich eigentlich zweierlei: Einmal die Beziehungsgestaltung - was
bewirkt der, der jammert, beim Gegenüber? Also auch bei mir als Therapeut? Und was ist das Ziel,
was er damit verfolgt? Also die beiden Fragen, die nicht identisch sind, die beschäftigen mich.
O Ton 67
Jammerlappen (alias Martin Reinl)
‚Ach, für die war ich doch alle nur ein Abenteuer. Wer geht schon mit nem Lappen ins Bett?‘
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O Ton 68
Joachim Küchenhoff
Auf der einen Seite ist das Jammern ja ein Ausdruck. Es sagt jemand etwas zu mir. Es ist auch eine
Aussage: ‚hör mal, mir geht es schlecht‘. Aber gleichzeitig sagt mir eben jemand, der jammert, nicht
‚aus den und den Gründen geht es mir schlecht‘ oder ‚ich leide‘ oder ‚ich habe wirklich etwas zu
beklagen‘, sondern er lässt mich gleichzeitig auch nicht wirklich dran.
O Ton 69
Jammerlappen (alias Martin Reinl)
Uahh jetzt bin ich schon wieder hingefallen. Ach ich kann gleich hier unten bleiben. Das wird eh
nichts mehr.
O Ton 70
Joachim Küchenhoff
Er lässt eine Hilfe nicht gut zu. Das finde ich ist im Jammern auch drin. Sodass ich dann auch
verstehen muss: Da sucht jemand meine Hilfe, aber so richtig annehmen kann er sie nicht. Und man
muss auch nicht verkennen: Das Jammern hat ja auch was Aggressives. Also ‚Mir geht es schlecht,
aber Du kannst mir schon gar nicht helfen! Ich kreise immer weiter in meinen Überlegungen oder
meinen Befürchtungen‘.
Gong
Sprecher
„Teilen Sie Ihren Körper gedanklich in vier Schwingungsebenen ein. Die erste Ebene wird mit dem
Laut ‚uuuhhh‘ verbunden - intonieren Sie laut, bis Sie Ihre Beine bis zu den Oberschenkeln in
Schwingung versetzt haben - die zweite Ebene mit dem Laut ‚ooooohhhhhhhhh‘ - die dritte Ebene
mit dem Laut ‚aaaaaccc cchhhhhh‘ - die vierte Ebene mit ‚ooohhhhhjjjjjeeehhhhm mmiiinnnnneeee
hhhhh‘“ (ggf mit Gongs)
O Ton 71
Bodo Wartke
Ich glaube, dass wir adaptieren, was uns umgibt. Ich glaube das ist ein Kulturphänomen. Und je
mehr Leute halt um uns herum jammern und lamentieren, desto mehr denken wir auch: ‚Ja, dann ist
es vermutlich so‘ und ‚um Himmels willen‘ und ‚man kann einfach nichts machen‘ und ‚das ist total
schlimm‘. Wir adaptieren halt auch den Klang, der uns umgibt.
O Ton 72
Julia Fischer
Das Interessante ist tatsächlich, dass wir ja auch in der ganzen Gehirnforschung immer mehr davon
ausgehen, dass die Sensorik, also das, was man erfährt, welche Reize man aufnimmt, ob man die
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hört, oder ob man Gesichter sieht, Gesichtsausdrücke sieht, dass das im Grunde sofort selber
gespiegelt wird innerlich. Also dass man gewissermaßen in einen ähnlichen Zustand versetzt wird,
einfach dadurch, dass man das repräsentiert, was man gerade gesehen hat.
O Ton 73
Jammerlappen (alias Martin Reinl)
Ich bin ja gelernter Hypochonder! Ja - erzählen Sie mir eine Krankheit, ich werd Sie bestimmt
haben.
Naja (O Ton Autorin)
Hab ich.
O Ton 74
Julia Fischer
Wenn man mit jemand spricht, der der irgendwie (düster) soo redet und ganz flach ist und
emotionslos (ende Stimme düster), dann evoziert das natürlich auch ein Gefühl und zwar einfach
dadurch, dass man das sozusagen repräsentiert, was man gerade gehört hat. Und diese
Verschränkung, die ist total spannend zwischen dem, was man aufnimmt und wie man sich selber
fühlt.
„Klangteppich“
Sprecher (wispern) - alleine oder im „Duett“ mit Sprecherin
Das kann ja gar nichts werden. Der doch nicht. Aber mich fragt ja keiner. Die machen sowieso, was
sie wollen. Das wird immer schlimmer. Mit mir kann man es ja machen. Aber bitte, sonst macht es
ja keiner. Mach ich das eben auch noch. Es ändert sich doch eh nix. Ich bin ja hier sowieso nur der
nützliche Idiot.
Sprecherin (wispern)
Auch das noch. Ja, wie soll ich denn -? Ich hab doch sowieso schon so viel. Wer will denn jetzt
schon wieder was von mir? Was, das auch noch? Wieso denn ich schon wieder? Ach, das klappt
doch eh nicht. Das wird nie was. Das haben wir doch schon tausendmal gehabt. Kann man
vergessen. Für wen soll denn das gut sein? Das hat doch noch nie funktioniert.
O Ton 75
Simone Kauffeld (über dem Wisper-Teppich)
Wir nehmen Meetings auf, Besprechungen, meistens ist das so eine Stunde, manchmal ist das auch
anderthalb Stunde, und nehmen dieses Video mit und zerlegen es Sinn-Einheit für Sinn-Einheit.
19
Erzählerin
Simone Kauffeld erkundet in Arbeitsumfeldern akribisch den „Jammer“-Modus.
O Ton 76
Simone Kauffeld
Eine Sinn-Einheit ist meistens so ein Satz. Und jedem dieser Sätze weisen wir dann eine Codierung
zu. Und das ist zum Beispiel ‚Lösung‘. Das ist zum Beispiel ‚Problem‘. Das ist zum Beispiel eine
‚Zustimmung‘, das ist zum Beispiel auch ‚Verlieren in Details und Beispielen‘ und das ist zum
Beispiel auch dieses ‚Jammern‘. Jede dieser Kategorien ist ausführlich beschrieben in einem
Handbuch, sodass halt - ja - Rater nennen wir die, also Beobachter, das dann auch erlernend
können, dieses Kategorien-System - .. dann halt ein Beobachter dann auch zu dem gleichen
Ergebnis kommt wie ein anderer.
Erzählerin
Die Vermessung von Meetings ist ein größeres Forschungsprojekt, das die Professorin für Arbeits-,
Organisations- und Sozialpsychologie an der Technischen Universität Braunschweig verfolgt.
Simone Kauffeld spürt dabei gefährliche Jammerspiralen auf - wenn alle einstimmen in die große
Jammerei.
O Ton 77
Simone Kauffeld
Teammeetings, wenn wir uns die genau angucken, ist es schon oft so, dass einer, zwei jammert, aber
wenn man sich dann fragt, was tun denn die anderen fünf, sechs, sieben. Und da ist es ganz oft so,
dass die da mit einsteigen und dann sagen ‚ja, recht hast du, genauso ist es, uns geht’s ja auch so
schlecht‘. Und was passiert dann? Dann kommt die nächste Jammeräußerung. Und so können wir
richtig Jammerspiralen dann auch identifizieren.
Jammerspirale
Singende Säge
Ziege, Hühner, Gänse, Hund, Katze
Sprecherin :
jaulen, maulen, heulen, seufzen, kläglich mäkeln, plärren, stöhnen, winseln, wimmern, jammern,
lamentieren
20
O Ton 78
Julia Fischer
Es gibt manchmal, wenn man mit den Pavianen unterwegs ist, (dann gibt es) eine Situation, wir
nennen das eine Welle des nervösen Grunzens gleitet einmal so durch die ganze Gruppe, oder
rauscht einmal durch die Gruppe. Und dann fängt halt ein Tier an und macht so Ho ho, dann kommt
der nächste, so ha ha, und sitzen am Ende alle da alle 30, 40 Tiere und machen hohohoha. Und da
hat man auch das Gefühl: okay, das ist einfach Ansteckung! Man kann sich das gar nicht anders
erklären.
O Ton 79
Simone Kauffeld
Wir finden auch, dass über verschiedene Hierarchieebenen hinweg durchaus ähnlich kommuniziert
wird, dass sich dort richtige Muster ergeben. Das heißt, wenn im Arbeitnehmerbereich, in der
Produktion viel gejammert wird, finden wir das ganz häufig auch in der Geschäftsführung noch,
wo dann gesagt wird ‚ja wir können noch nicht‘ und ‚es passiert nichts bei uns‘, und ‚wie sollen wir
denn nur?‘ Und wo man sich dann irgendwann fragt: ja wer soll denn in diesem Unternehmen
überhaupt, wenn nicht die Geschäftsführung zumindest? Also wirklich wo sich dann auch so
Jammerkulturen ausbilden und das natürlich extrem kritisch ist, wenn ich auf den Erfolg des
Unternehmens gucke.
O Ton 80
Julia Fischer 23’16 (drüber)
Das sehen wir jedenfalls in allen differenzierten sozialen Gruppen - Vielleicht ist das eine Funktion
von dem Gruppenzusammenhalt, dass wenn einer eben sozusagen ein Thema vorgibt, dass man sich
dann anpasst, einfach um auch zu signalisieren, wir gehören hier zusammen, wir sind jetzt auch in
diesem Leid verbunden. Das weiß ich nicht. Es kann auch sein, dass es eben ein Nebenprodukt ist.
Also durch diese Durchlässigkeit gewissermaßen von dem, was man aufnimmt, und wie man sich
dann selber fühlt, dass das eigentlich gar nicht so beabsichtigt ist oder ein Produkt der Evolution ist,
sondern einfach ein Nebenprodukt.
(Jaulen Ende)
Umfrage
O 82
O Ton Ehepaar
(Sie) Viele Jammern, weil es ihnen eigentlich auch viel zu gut geht.
(Er) Nein, manche haben sicher auch einen Grund.
(Sie) Doch.
21
(Er) Darf man nicht verkennen.
(Sie) Aber uns geht es doch allen eigentlich sehr gut.
(Er) Wenn du Harz IV Empfänger bist, dann hast du schon einige Gründe, um zu jammern.
(Sie) Ja, aber nicht mal die jammern so.
O Ton 83
Robert Pfaller
Es erscheint mir schon ein Phänomen zu sein, dass in Überflussgesellschaften herrscht. Ganz unten
in der Gesellschaft und ganz oben wird deutlich weniger gejammert als in der Mitte.
Erzählerin
Der österreichische Kulturtheoretiker Robert Pfaller erklärt in einem Wiener Kaffeehaus: Wir leben
alle in der Jammer-Kultur.
O Ton 84
Robert Pfaller
Was zum Beispiel Leute, die bei Gerichten arbeiten, bestätigen, ist, dass die Klage über
irgendetwas, was andere tun, und auch die Sachgebiete, auf die sich solche Klagen beziehen, in den
letzten 20 Jahren sehr vervielfacht haben. Also Leute stört alles an ihren Nachbarn. Dass die
Klavier spielen, dass die rauchen, dass die still sind, dass die Wäsche zum Trocknen auf dem
Balkon aufhängen - das sieht dann nach Armut aus -, es gibt die unterschiedlichsten Gründe, die
Menschen irgendwie in den Verdacht geraten lassen, irgendetwas zu machen, was stören könnte.
Atmo Straße
O Ton 85
zwei junge Männer
(1) Jammern im Vergleich zu anderen, das finde ich sehr deutsch, dass man darüber jammert, wie
Grün das Gras des Nachbarn ist im Vergleich zum eigenen.
(2) Ja, das würde ich so unterschreiben.
O Ton 86
Robert Pfaller
Da ich sozusagen als psychoanalytischer Kulturtheoretiker solche Dinge beobachte, scheint mir
eines wahrscheinlich: nämlich das, worüber sich die Leute am meisten beschweren und das, was sie
am meisten stört, ist eigentlich ein heimliches Glück des anderen.
22
Erzählerin
Es steckt auch Neid im Jammern. Wenn einer gerne laute Musik hört, sehen Umstehende nicht sein
Glück, sondern fühlen sich ihres Glückes beraubt.
O Ton 87
Robert Pfaller
Der andere ist offenbar zu einem Glück fähig, das mir fehlt und wozu mir auch die Fähigkeit fehlt.
und wahrscheinlich fehlt mir die Fähigkeit zu diesem Glück, weil der andere sie hat! Also der
andere ist sozusagen die Ursache meiner Kastration, psychoanalytisch gesprochen (lacht).
Erzählerin
Die Sensibilität für Jammern, Klagen und Beschwerden nimmt zu. Die Anlaufstellen für
verschiedene Wehwehchen werden mehr, sagt der Wiener Philosoph Robert Pfaller. Unsere Kultur
verändert sich messbar.
O Ton 88
Robert Pfaller
An amerikanischen Universitäten zum Beispiel dürfen Sie heutzutage gar nicht mehr parfümiert
kommen, weil da könnten Allergiker in der Vorlesung sitzen und die also etwas gegen Ihr Parfum
haben könnten. Na da werden wir das Parfümieren verbieten, damit Dir ja nicht was in die Nase
steigt, was du nicht erträgst.
Gong
Sprecher
„Sollten Sie einmal in der höchst unwahrscheinlichen Lage sein, zu meinen, dass Sie gar nichts zu
Jammern haben, empfehlen wir das Jammern über den Staat. Insbesondere auch Anfänger haben
hier die Möglichkeit, zu jeder Zeit das Mengenjammern zu üben.“
Sprecherin (wispern)
Man könnte meinen, ohne den Staat ginge nichts mehr. Wofür gibt der Staat eigentlich mein Geld
aus? Da sollte der Staat mal hinschauen! Die kriegen jede Menge Geld vom Staat. Und unsereins?
O Ton 89
Robert Pfaller
Ich glaube, was man heute auch deutlich sieht inzwischen, ist, dass diese verstärkte
Empfindlichkeit und die Sensibilität auch des Staates, auf Empfindlichkeiten zu reagieren, dass die
einher geht mit einem gewaltigen repressiv werden des Staates.
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Jede Empfindlichkeit schafft eine repressive Behörde, die also entweder bürokratisch oder
polizeilich gegen die Ursachen der Empfindlichkeit vorzugehen hat.
Kaffeehausatmo / Tassenklappern deutlich
Sprecher (leise, genervt, quengelnd)
Entschuldigung, aber geht das hier im Hintergrund auch ein bisschen leiser?!
Atmo leise Gänseschnattern
Also man wird ja wohl noch was sagen dürfen!
O Ton 90
’Jammerlappen’ (alias Martin Reinl)
Also wenn ich eins nicht ausstehen kann, sind das Leute, die sich beschweren! Immer diese
Jammerlapperei!
O Ton 91
Robert Pfaller 17’44
Wenn ich irgendeiner Minderheit oder irgendeiner Gruppe angehöre, hab ich hunderte von Stellen,
wo ich mich beklagen kann, dass irgendjemand mich so genannt hat und dann kann man auch
vorgehen gegen die Leute, die einen so genannt haben, man kann sie auch gesellschaftlich ächten „Was, du sagst noch so? Ich sag aber schon so..“ Das schafft auch so ein Deklassierungs-Spiel unter
Mittelschichten.
Musik: R. Wagner „Ritt der Walküren“
O Ton 92
Jammerlappen (alias Martin Reinl)
‚Die anderen Autofahrer fahren alle völlig idiotisch. Die fahren ja kreuz und quer durch die Gegend!
Dann blinkt einer nach links, fahr aber nach rechts oder gar nicht! Dann ist ständig jede Ampel rot
und überall sind Baustellen.’
O Ton 93
Robert Pfaller
Erstens berauben wir uns der Freiheit schon mal im Kleinen, weil diese Empfindlichkeit einer
Haltung entgegen steht, die eigentlich mündigen Bürgern zusteht, dass man sagt: Pass mal auf, das
ist jetzt vielleicht ein bisschen schmerzhaft, aber schließlich, du bist erwachsen, du wirst das
überleben. Dir kann noch wesentlich Schlimmeres passieren als dass jemand deine ethnische,
religiöse, sexuelle Gruppe irgendwie so und so nennt. Da kann noch ganz anderes vorkommen. Und
wenn du das nicht überlebst, ist es überhaupt schwierig im Straßenverkehr für dich. Zweites,
24
glaube ich, hat dieser Fokus auf die Empfindlichkeit dazu geführt, dass Menschen völlig abgelenkt
wurden von den wirklich entscheidenden und größeren Fragen.
Musik 1
Bodo Wartke ff ‚Ja Schatz‘
Ja genau, die Idee ist genial,
na warte - Frau, wenn Du mich wieder mal
mit deiner spitzen Zunge piesackst, hack ich die Sache ab
mit der Axt.
O Ton 94
Robert Pfaller 21’25
Zur Jammerkultur gehört es, dass wir die Probleme miniaturisieren und sie auf unser eigenes Leben
übertragen. Die Lösungsvorschläge werden wieder aufs individuelle, private Leben bezogen und
dann sagt jemand: ‚Was, du isst noch Fleisch? Aber das schädigt jetzt sicher die Biosphäre und die
Nachhaltigkeit, wie kannst Du das nur machen?‘ Und die Leute glauben tatsächlich, auf ihrem
Teller entscheiden sie das Schicksal der Welt.
Musik 1
Bodo Wartke ff ‚Ja Schatz‘
Auch wenn du dann Reue beteuerst, hahaha zu spät. Ich hol die Axt.
Das war das letzte Mal, dass du rumzukeifen wagst, weil
ich hab ein Beil.
Ich will, dass du winselnd in dir zusammen sackst,
wenn ich vor dir stehe mit der Axt,
weil du unentwegt an meinen Nerven nagst.
Mit der Axt, weil du mich mit plumpen Plattitüden plagst.
Mit der Axt, weil du alle meine Freunde mir verjagst,
weil die Axt das einzige ist, was da noch hilft, wenn du mich fragst.
O Ton 95
Robert Pfaller
In den 70er Jahren hat man gedacht: wenn die Leute das mal rauslassen dürfen, was sie wirklich
empfinden, dann ist das emanzipatorisch, dann müssen sie das nicht irgendwie verdrängen und
zurückhalten und dieses ganzen Groll in sich hinein fressen. Aber heute sieht man daran eigentlich,
dass auf diese Weise den Leuten ihre Eigenschaft als politische Bürger geraubt wird. Wenn man den
Leuten sagt ‚Jammern sie!‘, dann heißt das natürlich ‚Das hat überhaupt keinen Anspruch auf
Objektivität, was sie da sagen. Sie fühlen sich belästigt? Ja bitte, sagen Sie es ruhig, aber das ist
halt Ihr subjektives Gefühl.‘
25
O Ton 96
’Jammerlappen’ (alias Martin Reinl)
Oh ja. Und grundsätzlich stehe ich immer an der Schlange, die die längste ist und es dauert immer
ewig. Und immer wenn ich an der Reihe bin, ist Bonrolle leer!‘ Und vor mir ist immer irgendeine
Oma, die noch Kleingeld zusammenkratzt!
O Ton 97
Robert Pfaller
Da muss man sich empören. Was ja dann auch wieder eine Art von Glück ist. Also Sigmund Freud
hat eben festgestellt, dass das Glück immer da ist - nur nicht immer in der lustvollen Form. Und
Jammern ist eine dieser Formen, in denen eine bestimmte Lust gelebt wird - das ist ja eine
Leidenschaft. Allerdings ist sie für die Jammernden nur fallweise als lustvoll erfahrbar.
O Ton 98
Jammerlappen alias Martin Reinl
Ich glaube nicht, dass das machbar ist. Oder doch?‘
O Ton 99
Joachim Küchenhoff
Wozu dient dieses wiederholende, Repetitive im Jammern der Person?
O Ton 100
Joachim Küchenhoff
Das Jammern geht endlos. Hör auf mit deinem endlosen Jammern. Das ist etwas, was dann sich
auch im Kreise drehen kann. Und der zweite Punkt dabei ist, dass man Jammern mit der
Unfähigkeit oder dem Unwillen zu handeln verbindet. Ich mache nichts. Also ich ziehe keine
Konsequenzen aus dem, was ich be-klagen könnte, sondern ich jammere und jammere und jammere
und jammere und mache es immer so weiter. Und es folgt nichts daraus.
O Ton 101
Sigrid Weigel
Wenn wir heute vom Jammern reden, hat das ja immer eine negative Konnotation: Jammer doch
nicht so. Und der richtige Kern an dieser Geschichte ist, dass das Jammern in gewisser Weise eine
profanierte und banalisierte Form der Klage ist, die häufig eben aus geringeren Anlässen stattfindet.
Erzählerin
Sigrid Weigel beschäftigt sich mit der Klage in der Kulturgeschichte.
O Ton 102
Sigrid Weigel
Insofern gibt es eine große Fallhöhe zwischen der Klage und dem Jammern. In den Worten
verschwimmt das natürlich alltagssprachlich sehr häufig, weil wir ja auch sagen ‚jemand klagt‘ oder
26
‚jemand macht einen jammervollen Eindruck‘ und dann meinen wir das sehr ernsthaft. .. Also wenn
jemand vom großen Jammer überkommen wird, kann es einfach auch ein großer Schmerz sein.
Aber in der Alltagssprache werden diese Unterschiede verschliffen.
O Ton 103
Joachim Küchenhoff
Gerade diese Wiederholende hat auch so etwas wie ein Einlullen, also da hat man manchmal das
Gefühl, das Jammern ist dann so etwas, was einen wie eine akustische Hülle umhüllt. Gerade wenn
jemand einsam ist.
Musik Christian Zehnder ‚Chummer‘
O Ton 104
Joachim Küchenhoff
Also es ist gewissermaßen das, was man als Echo von anderen nicht bekommt, ist dann das
Jammern, das einen so mit der eigenen Stimme umfängt, wenn man das so konkret sagen will. Also
das muss man schon auch sehen. Es kann auch so etwas wie eine Selbstberuhigung auf eine
verquere Art und Weise haben.
Musik ff
O Ton 105
Joachim Küchenhoff 5’35 (drüber)
Es ist ja schon interessant, dass es zu wenig gesellschaftlich akzeptierte Formen der gemeinsamen
Klage gibt - in unserer Kultur. Es gibt ja Kulturen, die ganz anders damit umgehen, und wo die
öffentlich Klage einen Stellenwert hat. Ich meine, das Jammern muss man auch unter dieser
Perspektive sehen, dass das so etwas wie eine aufs Individuum zurück genommene Form der Klage
ist, weil wir haben keine Klagemauer! Hier, in Liestal oder so. Das gibt es da nicht. Und ich denke,
damit hat das Jammern auch zu tun.
O Ton 106
Bodo Wartke
Der Unterschied zwischen jammern und klagen ist interessant. Also ich glaube klagen ist profunder.
Klagen ist schlimmer. Also der Impetus ist größer und damit vielleicht die musikalische Wucht, mit
der es daher kommt.
Musik Zehnder Kopfstimme
O Ton 107
Sigrid Weigel
Man kann davon ausgehen, dass es eine quasi ritualisierte Form der Klage gibt, die entweder
zusammenhängt mit dem Tod, mit dem Beklagen des Todes, oder aber mit der Klage über
27
historische Katastrophen. Das sind die beiden Anlässe. Es gibt also, so könnte man
zusammenfassen, in der Tradition keine persönliche individuelle Klage, sondern sie ist in gewisser
Weise entweder geformt oder ritualisiert.
Erzählerin
Die Kulturwissenschaftlerin Sigrid Weigel ist Professorin an der Technischen Universität Berlin
und leitete 16 Jahre (bis sept 2015) das Zentrum für Literatur- und Kulturwissenschaften.
Atmo: Klagende Frauen aus kurdisch-alevitischem Kulturkreis
O Ton 108
Sigrid Weigel
Wir sehen heute häufig in den Nachrichten diese sehr ja extremen Trauerausdrucksformen in der
arabischen Welt. Und sehen Frauen, die sich auf dem Boden wälzen und schreien. Das ist für
westliche Augen und Ohren: wir empfinden es als unzumutbar. Das ist aber unsere eigene
Vorgeschichte. Das ist einfach die alte Tradition der Klage, die durch immer wieder Anstrengungen
von vor allen Dingen Stadtgesetzen reguliert, eingedämmt und verboten worden ist.
Musik: Monteverdi: Lamento d´Arriana
O Ton 110
Sigrid Weigel 12’29
Das ist auch das poetische Merkmal der Klagelieder, dass der Sinn zerfällt immer wieder in diesem
‚ach‘, dass das lautstarke sich-Äußern mit der Stimme, mit der menschlichen Stimme ohne ein Wort
zu artikulieren in der Modernisierung und Säkularisierung eigentlich zunehmend als unzumutbar
betrachtet wird. Das ist das Ergebnis von Anstrengungen die qua Gesetz auch durchgesetzt worden
sind.
O Ton 111
Sigrid Weigel
Das Lamento, wie es in die Musikgeschichte eingegangen ist, geht zurück auf Rituale der Klage
wie sie in verschiedenen Religionen verbreitet waren, aber auch in die Volkskultur eingegangen
sind.
Musik ff.
28
O Ton 116
Sigrid Weigel
Trauer, existentielle Trauer macht ja sprachlos. Und wenn die Tradition einem eine Form an die
Hand gibt, um das auszudrücken, dann ist das natürlich eine Möglichkeit, das auch zu bewältigen.
Insofern sind Rituale psychoanalytisch notwendig.
Musik Wartke instr.
O Ton 119
Simone Kauffeld
Dennoch würde ich immer sagen, man soll nicht per se rangehen und sagen: Jammern muss man
unterbinden! Jeder, der hier jammert, muss fünf Euro in eine Kasse tun oder sowas. Da bin ich mir
nicht sicher, ob das die richtigen Strategien sind. Sondern möglicherweise braucht es auch diese
Jammerräume in Organisationen - Klagemauern, wo man entsprechend Sachen lassen kann, aber
man muss wissen, wie man das gezielt einsetzt und muss dann sehen, dass man aus diesem
Jammermodus dann auch wieder raus kommt.
Erzählerin
Ein Jammertal zu durchschreiten kann wertvoll sein, nicht nur für die Seele des Einzelnen.
Manchmal entstehen dabei ganz neue kulturelle Schöpfungen. (aufstöhnen) Ach, welch ein Jammer
wäre das - würde man nicht das Jammern haben...
Musik: Christian Zehnder „Jodelgeschichte“
O Ton 120 Christian Zehnder (begleitet vom ‚jammernden’ Hackbrett) 3‘
Wissen Sie eigentlich, dass das Jodeln vom Jammern kommt? (Jodel)
Das ist kein Witz. Das ist bei uns in der Schweiz schon fast ein Initiations-Ritus, (zB hier
abblenden durch den wir Kinder, also in Kindeszeiten durchschreiten müssen. Das Einweihen in
das Jodeln. Das beginnt so mit sechs Jahren.)
Erzählerin
Der Schweizer Sänger und Stimmkünstler Christian Zehnder und die Hackbrettspielerin Barbara
Schirmer erzählen vom Aufstieg aus dem Jammertal
29
O Ton 120
Christian Zehnder ff
Auf einmal eines Morgens, eines Sonntagmorgens, wenn das Kind erwacht, liegen auf der Bettkante
neue strahlende rote Wandersocken bereit. (Lachen) U-uuhh! Und draußen vor der Tür wartet schon
der Onkel mit der Landkarte. Der hat sich einen ersten Gipfel ausgesucht. Nicht übertreiben. Man
muss sie angewöhnen, diese kleinen Schweizer und Schweizerinnen. Also erstmal 100 Höhenmeter.
U-uuh! Aber so einfach geht das natürlich nicht. Ein jedes Kind versucht sich da etwas einfallen zu
lassen, und merkt nicht, dass die Eltern genau das eben wollten. Üää-hä.. mamii-ii-ii Mag nöö-ööt! Uääh! Mamiii! Ua-hu - (beginnt zu Jodeln) … Mami.. jeä-hä-hä..
O Ton 121
Tanja Köhler (ggf über letzte Passagen der Musik mischen)
Das sind ja richtig körperliche Schmerzen, das sind ja auch Heultäler. Und dann kann man sagen:
so jetzt muss ich auch mutig sein und jetzt nehme ich das in Angriff. Ich nehm’s.
O Ton 122
Tanja Köhler
Bei diesen Menschen, die raus aus so einer Jammerhaltung kommen, die ändern in der Regel echt
radikal etwas. Sie befreien sich von etwas, sie nehmen einen neuen Job an oder sie geben zuhause
die Beziehung oder irgendwas auf. Und dann haben die auch wirklich körperlich eine andere
Haltung. Das ist spürbar.
O Ton 120
ff
… Mami.. jeä-hä-hä..
Christian Zehnder ff
(klatschen)
Ausschnitt SRF 3 drüber - „Jammerland Schwyz - am Mikrophon…“
Straße mit Fiaker
O Ton 123
eine Schweizerin
Die Schweizer sind auch wie am Jammern. Also eigentlich müsste man sagen, wenn wir ja in der
Schweiz wohnen, die Schweizer jammern schon bei jedem bisschen.
O Ton 124
ein Schweizer
Ja das gehört zu meinem Pflichtfach!
O Ton 125
Wiener
Mir müssen immer jammern in Österreich, weil mir auf unserer Fahne da ham mir ein Minus drauf,
die Schweizer ham ja a Plus - da sin mir am jammern, ne?!
30
O 126 (Frau)
Die Deutschen geben sich selten mit dem zufrieden, was sie haben und suchen eigentlich immer
Gründe, wie es besser sein könnte, anstatt mit dem glücklich zu sein, was sie haben.
Sprecherin
„Deutschland - einig Jammerland“?
O 127 (Mann)
Ja, weil der Deutsche ja eh relativ, ja, ich sag jetzt mal klein ins Detail und Detail verliebt und will
alles ganz genau machen und von daher wird das wahrscheinlich auch mit dem Jammern schon
irgendwie daher rühren. (... hängt noch was dran)
O Ton 130
Wiener
Der Österreicher is der typische Jammerer. Der jammert über alles. Der jammert, dass heute nicht
die Sonne scheint, der jammert, wenn’s regnet und der jammert, dass heute keine Kunden daher
kommen und dass der Wein zu warm ist und dass das Essen zu kalt is - der Österreicher muss
immer irgendwas sprechen, über irgendetwas, und da jammert er.
O Ton 131
Wiener
Wir sind die Nummer 1! Im Jammern (lacht)
Musik Lannermusik - Wiener Volksmusik „Malad“
O Ton 132
Walter Zeh
Ich bin gebürtiger Wiener und liebe diese Musik und es war immer mein Ziel oder das Ziel von
meinem Partner und mit, diese Lieder so authentisch als möglich zu singen.
Erzählerin
Walter Zeh singt das Wiener Lieder und sagt, die „Lannermusik“ ist immer ein bisschen
schwermütig und melancholisch, denn sie transportiert …
31
O Ton 133
Walter Zeh
… den Wiener, den wirklich Ur-Wiener, wo halt immer ein bisschen dieses Raunzen drinnen ist,
auch die Verbindung zum Tod. Der Wiener hat eine spezielle Verbindung zum Tod, die sich in diesen
Liedern auch oft herausstellt. Es gibt zum Beispiel ein Lied das heißt vom Titel her schon ‚Wann i
amoal stirb‘. Also er beschäftigt sich Zeit seines Lebens mit dem Tod. Auf der anderen Seite will er
aber möglichst lang leben und möglichst alles genießen - die Freuden des Lebens.
Erzählerin
Walter Zeh ist der künstlerische Leiter des Philharmonia Chors Wien. Jammern ist für den Wiener
eine große Kunst im „Dazwischen“.
O Ton 134
Walter Zeh
Er entscheidet sich nicht wirklich. Er hofft, ist Optimist, aber auf der anderen Seite ist immer so ein
Zweckpessimismus dabei, so unter dem Motto: wenn Zweckpessimismus dabei ist, dann kann es
eigentlich nur gut gehn.
O 134a
wdh O Ton Jammerlappen (alias Martin Reinl)
‚Naja… wenigstens etwas..‘
Kaffeehausatmo
O Ton 136
Robert Pfaller
Das ist bei allen Leidenschaften trübsinniger Art der Fall: der Zornige will nicht aus seinem Zorn,
der Eifersüchtige will nicht seiner Eifersucht beraubt werden, der Jammernde nicht des Jammerns.
Sigmund Freud hat das eben als neurotische Unlust bezeichnet. Das ist etwas, was in der
Psychoanalyse oft auftritt: Die Menschen klagen zuerst über ein Symptom und wollen das
loswerden und sind am Anfang willig sozusagen, die Kur zu bestreiten und kaum dass sich erste
Erfolge zeigen, kommen wahnsinnige Widerstände auf, weil die sozusagen ihr Symptom
verteidigen wie einen kostbarsten Schatz, weil eben in dem Symptom sich auch eine
Lustmöglichkeit verbirgt.
32
Musik 1
Wartke „Ja Schatz“
Ich schleich mich in ihr Zimmer
Da liegt sie tief im Schlaf
Auf ihrem Bett wie immer
und schlummert still und brav.
Der Wind bläht die Gardine
und ich freu mich gleich geschieht’s
da sagt sie mit verschlafener Miene
‚Tür zu! Hier zieht’s!‘
Ja Schatz, ich mach die Türe zu.
Ja Schatz, dann hast du deine Ruh. Was?
Ja Schatz, ich hab auch das Fenster zu gemacht.
Ja Schatz, ich geh schon. Gute Nacht.
naja, was soll’s
hack ich halt Holz.
Sprecherin
Lamento! Ein Ausflug ins Tal des Jammerns. Von Bettina Mittelstraß.
Sprecher Absage:
Eine Sendung mit dem Liedermacher Bodo Wartke, dem Puppenspieler Martin Reinl
und dem Jammerlappen, mit der Psychologin und Beraterin Tanja Köhler, der
Primatenforscherin Julia Fischer, dem Psychoanalytiker Joachim Küchenhoff, der
Sozialpsychologin Simone Kauffeld, dem Philosophen Robert Pfaller, mit den
Kulturwissenschaftlern Sigrid Weigel und Özkan Ezli, dem Stimmkünstler Christian
Zehnder, dem Chorleiter Walter Zeh und vielen anderen.
Es sprachen: Edda Fischer, Walter Gontermann und Hildegard Meier
Ton und Technik: Hendrik Manook und Kathrin Fidorra
Regie: Rolf Mayer
Redaktion: Klaus Pilger
33
O Ton 137
Autorin
Eine Sekunde, also Jammerlappen, ich wollte dich noch was fragen, und wo hab ich
denn…
Jammerlappen (alias Martin Reinl)
Das ist auch so ein Thema! Journalistinnen, die nicht richtig vorbereitet sind und noch
nicht mal die Fragen auswendig gelernt haben! Jetzt gucken Sie mal weiter in ihrem
Täschchen! (ist im anderen...)
Sprecher: Produktion: Deutschlandfunk 2015.
ENDE