Schweres Herz, bedrängte Seele: Psychische Belastungen in

Öffentliche Vorlesung
Schweres Herz, bedrängte Seele: Psychische Belastungen in seelsorgerischer
Perspektive
Vier Vorlesungen, jeweils Freitag, 1. Mai bis 22. Mai 2015.; 09.30 bis 11 Uhr; Katharinensaal
(Katharinengasse 11, im Stadtzentrum)
Vorlesung 2, 8. Mai 2015:
Verlust und Trauer
Inhalt:
Einleitung: Seltsam, im Nebel zu wandern…
2. Psychologische Perspektiven:
Phasen der Trauer, Reaktionen der Trauernden
3. Seelsorgerische Perspektiven:
Trauer als Prozess zur Verlustbewältigung - Rituale und ihre Funktion
- Resilienz: Widerstands- und Selbsttherapierungskräfte bei der Verlustbewältigung
- Folgerungen für die Seelsorge:
Abschluss: Stufen
Einleitung: Seltsam, im Nebel zu wandern…
Im Nebel (1905)
Seltsam, im Nebel zu wandern!
Einsam ist jeder Busch und Stein,
Kein Baum sieht den anderen,
Jeder ist allein.
Voll von Freunden war mir die Welt,
Als noch mein Leben licht war;
Nun, da der Nebel fällt,
Ist keiner mehr sichtbar.
Wahrlich, keiner ist weise,
Der nicht das Dunkel kennt,
Das unentrinnbar und leise
Von allem ihn trennt.
Seltsam, im Nebel zu wandern!
Leben ist Einsamsein.
Kein Mensch kennt den andern,
Jeder ist allein.
Hermann Hesse (1877-1962)
Psychische Belastungen in seelsorgerischer Perspektive
Vorlesung 2: Trauer
Die Trauer ist ein Zustand, in welchem Verschlossenheit und Empfindsamkeit zusammenfallen. So
wie der Wanderer im Nebel, der von vielem absorbiert ist, doch gerade in seiner Isolation sehr empfindsam ist für das Sichtbare und das Unsichtbare, und für seine Einsamkeit.
Seltsam, im Nebel zu wandern.
In der Verschlossenheit und Abgeschiedenheit des Traurigseins, mit der offenen Wunde eines Verlustes, eines Abbrechens, ist man einerseits abstumpft für manches, was einem sonst beschäftigt, und
zugleich empfindsam für vieles Andere. Oder man kann sagen: Begegnungen und Begebenheiten erhalten im Licht der Trauer eine neue, ganz eigene Bedeutsamkeit.
Als Pfarrer ist man von Amtes wegen häufig mit Trauerfällen beschäftigt und begleitet immer wieder
Menschen mit einer Verlusterfahrung. Als mein Vater starb war mir durchaus bewusst, dass dies eine
ganz andere Situation sein würde: ich stehe auf der andern Seite. Ich bin der Trauernde, von daher
nun derjenige, der die Begleitung und Dienstleistungen, die einem bei einem Todesfall angeboten
werden, in Anspruch nehmen darf. Ein Perspektivenwechsel, der für mich – bei aller persönlichen Betroffenheit – zugleich die Gelegenheit war für einen beruflichen Selbstversuch: was passiert da wirklich? Welche Wirkung haben die Trauerrituale? Und: hoffentlich macht die Pfarrerin die Abdankung,
die meine Eltern so sehr schätzen. Ich nahm mir vor, das zu tun, was ich selber Angehörigen empfehle bei Todesfällen, aber auch bei anderen Kasualhandlungen wie Hochzeiten oder Taufen: Macht
nur das Notwendigste selbst, alles andere überlasst den Personen, die dafür bestimmt sind. Bereitet
keine Reden vor, lasst andere für Euch sprechen. Lass dich tragen vom Ablauf der Ereignisse, sei ganz
bei dir.
Ich habe mir vorgenommen, ein mustergültiger Trauernder zu sein, in dem Sinne, dass ich nicht den
Profi raushängen lasse und anmassende Ansprüche stelle, mit der Absicht, den Frieden und die Ruhe,
die in dieser Zeit des Abschiedes so wichtig sind, zu bewahren. Ich war etwas nervös, ob mir das tatsächlich gelinge. Und es ergab sich somit eine ironische Situation, wie sie so typisch ist für diese Momente. Denn noch viel nervöser als ich, der ich unbedingt ein guter pflegeleichter Trauernder sein
wollte, war die Pfarrerin, die uns begleitet hat – die Pfarrerin übrigens, die wir uns insgeheim gewünscht hatten für diese Beerdigung: Der Sohn des Verstorbenen ist Pfarrer – und die Schwiegertochter ist Pfarrerin. Hoffentlich unterläuft mir bloss kein Fehler, hoffentlich wird das keine zu komplizierte Sache, so ihre Gedanken. Aber das stellten wir erst viel später fest. Und um es vorwegzunehmen: Sie hat uns alle sehr gut begleitet und geleitet durch diese Tage und Rituale des Abschiedes und
der Trauer.
Was mir bei diesem Selbstversuch am eindrücklichsten in Erinnerung geblieben ist, ist die Empfindsamkeit. Nicht etwa Empfindlichkeit. Sondern diese Offenheit zur Wahrnehmung so vieler sonst unbemerkter Vorgänge und Signale um einem herum. Es prägen sich so viele Sinneseindrücke ein, Beobachtungen, so dass ich das Gefühl habe, im Besitze eines Fotoalbums im Kopf zu sein, das ich
durchblättere bei der Erinnerung an diese Zeit, bei der Aufarbeitung der Ereignisse.
Der Moment, als die Todesnachricht eintraf, diese dumpfe, sorgenvolle Vorahnung beim Klingeln des
Telefons zu dieser ungewohnten Zeit. Dieser Schwebezustand, der sich danach einstellte – man steht
neben sich, man funktioniert, aber alles läuft rein mechanisch ab.
Der Anblick des Verstorbenen, auf seinem Bett, im Schlafzimmer, diese offensichtliche, nicht zu verleugnende Leblosigkeit.
Die Dankbarkeit für den Schwager, der sagt: Ich werde den Vater waschen und ihm seinen Jägeranzug anziehen. Du musst mir dabei nicht helfen.
Die Ankunft der Bestattungsfirma und die freundliche, warmherzige Professionalität der Bestatter.
Und wie zwei Enkel des Verstorben, die jungen Burschen, ihnen helfen mussten beim Transport des
Sarges, wie sie den Sarg ihres Grossvaters auf Grund der engen Räume im alten Bauernhaus aus dem
Schlafzimmerfenster mit viel Manövrieren und grosser Sorgfalt hinaus auf den Vorplatz hieven mussten.
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Pfr. Markus Anker, 29.04.2015
Psychische Belastungen in seelsorgerischer Perspektive
Vorlesung 2: Trauer
Die Abfahrt des schwarzen Leichenwagens vom Haus weg. Ein Kombi. Ein Mercedes. Mit einem bisschen mehr als Schrittempo fährt der Wagen in der Abendsonne vom Haus weg, so elegant, so gediegen, so sanft. Der erste Tag.
Der Tag der Beerdigung. Die nächsten Verwandten und Freunde im Haus, mit der Mutter, in der
Stube. Nochmals wird der ganze Ablauf Punkt für Punkt durchgesprochen, im Bewusstsein, dass es
ein langer Tag wird.
Der Gang auf den Friedhof – es ist schönes Wetter. Wir sind froh, dass wir – die Familie – zusammen
zum Friedhof spazieren können. Nie habe ich das Knirschen des Kiesweges unter meinen Füssen so
deutlich gehört, nie war das Zwitschern der Vögel so laut, nie das Grün der Bäume und des Friedhofrasens so grün und saftig.
Nie war ich so offen und empfindsam für diese Wahrnehmungen und Eindrücke. Und zugleich war ich
wie in einer Seifenblase. Die Traurigkeit über den Verlust bildete wie einen Vorhang um mich, hinter
dem ich vieles nicht hörte, nicht sah – wie durch einen Filter hindurch.
Und so kann ich mich beispielsweise nicht daran erinnern, was die Pfarrerin gesagt hat – am Grab
und später in der Turnhalle. Was sie gesagt hat, das weiss ich nicht mehr – vielleicht habe ich es gar
nie richtig gehört. Was ich hingeben noch sehr gut in Erinnerung habe: wie sie gesprochen hat. Die
Erinnerung an diese liebevolle, sanfte Stimme, ruhig und kraftvoll gesprochene Worte der Verständnisses, des Trostes, des Mitgefühls, der Ermutigung. Das tut gut, bis heute.
2. Psychologische Perspektiven: Phasen der Trauer, Reaktionen der Trauernden
Dimensionen der Trauer:
- Emotionaler Zustand: Das Gefühl der Traurigkeit und der Rückgang an Vitalität und Lebensfreude
bei einer Person als Reaktion auf einen Verlust (Tod; Gesundheitliche Einschränkung; Scheidung/Trennung; berufliche Veränderung).
- Bewältigungsprozess (Trauern; Trauerprozess): Seelische Abläufe zur Bewältigung eines Verlustes
- Rituale: Ritualisierte Prozesse und Verhaltensformen bei der Realisierung und biographischen und
systemischen Integration eines Verlustes.
Vier Phasen der Trauer nach Verena Kast
Kast, Verena (1990).Trauern. Phasen und Chancen des
psychischen Prozesses. Stuttgart: Kreuz.
Die Psychologin Verena Kast entwickelte durch die Beobachtung an Trauernden und vor allem durch die Betrachtung der Träume, die ihrer Ansicht nach den Trauerprozess einleiten und an welchen sie die Entwicklung
im Trauerprozess abliest, ein Modell von Trauerphasen
in Anlehnung an John Bowlby.
Das Modell der Trauerphasen begann mit dem Werk von Elisabeth Kübler Ross „Interviews mit Sterbenden“ aus dem Jahr 1969, die in ihrer Arbeit Frauen und Männer begleitet hat, die ihrem eigenen
nahen Tod ins Auge sehen mussten. Sie stellte dabei fünf verschiedene Phasen fest, die man dann
auch als Ausgangspunkt für die Phasen der Trauer bei Menschen genommen hat, die einen großen
Verlust erlitten haben. Daraus hat dann später Verena Kast im Jahr 1982 ein vierphasiges Modell entwickelt, welches gemäß ihrer Hypothese die Phasen der Trauer darstellt, die ein Mensch durchläuft,
um in der Trauer den Verlust zu bewältigen.
1. Verleugnung, Nicht-Akzeptanz
Die Nachricht des Todes löst einen „Gefühlsschock“ aus. Der Verlust wird geleugnet, kann
nicht realisiert werden und die eigenen Emotionen können nicht wahrgenommen werden.
Die trauernde Person scheint empfindungslos und fühlt sich oft selbst „wie tot“. Die körperlichen Reaktionen können alle Symptome eines Schocks (schneller Pulsschlag, Schwitzen,
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Pfr. Markus Anker, 29.04.2015
Psychische Belastungen in seelsorgerischer Perspektive
Vorlesung 2: Trauer
Übelkeit, motorische Unruhe) sein. Die Phase dieses Zustandes kann von einigen Stunden
bis zu etwa einer Woche andauern, im Falle eines plötzlichen Todes kann sie länger anhalten.
2. Aufbrechende Emotionen
In dieser Phase taucht der Trauernde in ein Gefühlschaos: Wut, Trauer, Angst, Zorn,
Schmerz, Niedergeschlagenheit, Schuldgefühle, etc. stellen sich ein. Welche Emotionen sich
mischen oder überwiegen, hängt stark von der Persönlichkeit des Betroffenen ab, so reagieren z.B. Ängstliche mit Angst, Choleriker mit Zorn, usw.
Diese Stimmungslabilität kann im Kontakt mit anderen schnell zur Schwierigkeit werden.
Die Ohnmacht des Menschen angesichts des Todes kann nur schlecht eingesehen werden;
es treten Schuldgefühle auf, weil man befürchtet, nicht alles getan, etwas versäumt oder
unterlassen zu haben, das den Tod hätte verhindern können oder es werden andere Menschen dessen beschuldigt.
Die Wut und die Aggression, die in dieser Phase entstehen, können sich gegen Dritte richten (Ärzte oder Pflegepersonal, einen Unfallverursacher etc.), bei gläubigen Menschen gegen Gott – „Gott, wie konntest du zulassen, dass mein unschuldiges Kind stirbt!“ -, gegen
sich selbst – „Warum habe ich nicht besser aufgepasst!“ – oder gegen den Toten, besonders
wenn dieser durch Suizid verstorben ist – „Wie konntest du mir das antun und mich verlassen!
3. Suchen, Finden, Loslassen
Beim Verlust eines geliebten Menschen suchen wir zum einen den realen Menschen (Aufsuchen von Orten,
die der Verstorbene mochte; in den
Gesichtern anderer Menschen nach
Zügen des Verstorbenen suchen;
Übernehmen von Gewohnheiten des
Verstorbenen) und zum anderen
Möglichkeiten, Teile der Beziehung
zu erhalten (Erzählungen und Geschichten über den Verstorbenen; innere Zwiegespräche mit dem Verstorbenen); eine innere Auseinandersetzung mit dem Verstorbenen findet statt.
Am Ende dieser Phase hat man sich im Idealfall mit dem Verstorbenen und seinem Verlust
ausgesöhnt, dieser ist vielleicht zu einem inneren Begleiter geworden, zu dem keine Spannungen mehr bestehen. Die Verbindung zu dem Toten hat sich verändert, die Wirklichkeit
ohne ihn wird jetzt bewusst wahr genommen. Dieses Suchen bereitet den Trauernden darauf vor, ein Weiterleben ohne den Verstorbenen zu akzeptieren, keineswegs aber ihn zu
vergessen.
4. Akzeptanz und Neuanfang
Im Verlauf der vorhergegangenen Phase wurden Wege gefunden, mit dem Verstorbenen
positiv umzugehen. Er wird zu einer Art „inneren Figur“, dies kann sich ausdrücken, indem
der Verstorbene als innerer Begleiter erlebt wird oder daran, dass der Trauernde Lebensmöglichkeiten, die zuvor an die gemeinsame Beziehung gebunden waren, in sein eigenes
Leben integriert hat. Die Gedanken und Handlungen des Trauernden kreisen nicht mehr
ausschließlich um den Verstorbenen, es wird wieder möglich das eigene Leben zu gestalten.
Selbstvertrauen und Bezugsfähigkeit wachsen, so dass neue Beziehungen eingegangen werden können und neue Lebensmuster entwickelt werden können, ohne dass der Verstorbene vergessen scheint.
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Pfr. Markus Anker, 29.04.2015
Psychische Belastungen in seelsorgerischer Perspektive
Vorlesung 2: Trauer
Der Durchlauf der Phasen kann nie stringent und idealtypisch verlaufen und auch nicht einer zeitlichen Begrenzung unterliegen, denn die Art und Weise der Trauerarbeit und Trauerbewältigung hängt
neben der Persönlichkeit des Trauernden auch von seiner Beziehung zu dem Verstorbenen und dessen Todesumständen ab.
Phasen der Trauer bei Yorick Spiegel, 1972:
• Die Schockphase
• Die kontrollierte Phase
• Die Phase der Regression
• Die Phase der Adaption
3. Seelsorgerische Perspektiven:
Trauer als Prozess zur Verlustbewältigung
Rituale und ihre Funktion
Resilienz: Widerstands- und Selbsttherapierungskräfte bei der Verlustbewältigung
Der klinische Psychologe George Bonanno ist einer der derzeit führenden Experten im Bereich der Trauerforschung (Die andere Seite
der Trauer: Verlustschmerz und Trauma aus eigener Kraft überwinden, 2012)
Der zentrale Punkt seiner Erkenntnisse aus seinen Studien und Forschungsprojekten ist die Erkenntnis, dass die meisten Menschen
auch bei Trauer oder einem Trauma sogenannte psychologische
Resilienz besitzen. Darunter versteht man die Fähigkeit des Menschen, eine Belastungsphase eigener Kraft bewältigen zu können, so
dass die psychische Gesundheit wieder hergestellt ist. Ein Trauerfall
weckt diese Widerstands- und Selbsttherapierungsfähigkeiten Menschen: Der Status Quo vor dem Ereignis wird wieder erlangt, oder
aber es zeigen sich zumindest keine negativen Effekte. Die Bewältigung einer Krise kann bei einem
resilienten Mensch eine Stärkung bewirken.
Wie George Bonanno belegt, sind Menschen gewöhnt, mit Verlusten jeglicher Art umgehen zu müssen und haben daher Mechanismen entwickelt, dies in effizienter Weise zu tun. So wird ein totaler
Zusammenbruch verhindert, und der Mensch kann schnellstmöglich wieder ein konstruktives Leben
führen.
Folgerungen für die Seelsorge:
1. Konsequenter, situationsangepasster Einsatz etablierter Trauerrituale in der ersten Phase der
Verlustbewältigung:
Trauerrituale sind institutionalisierte Verlustbewältigungsprozesse, die der Entlastung von Trauernden dienen:
- Unterstützung von Spezialisten (Bestattungsamt; Pfarrer; Bestatter; Verlagsmitarbeiter; Gärtner;
Musiker etc).
- Applikation bewährter und etablierter Prozesse und Abläufe (Kein Originalitätszwang; Verfahrenssicherheit; Transparenz).
- Im Idealfall bleibt individueller Gestaltungsspielraum gewahrt und kann situationsabhängig genützt
werden.
- Die Rituale rund um die Bestattung und Beerdigung sind speziell auf die ersten Phasen der Trauer
abgestimmt:
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Pfr. Markus Anker, 29.04.2015
Psychische Belastungen in seelsorgerischer Perspektive
Vorlesung 2: Trauer
Rituelle Bearbeitung von Verleugnen / Nicht-Akzeptanz: Öffentliche Proklamation des Todes; öffentlicher Abschied; Definition der Abwesenheit bzw. des neuen Aufenthaltsortes
des Toten (Beisetzung, Grabkreuz).
Rituelle Bewältigung der aufkommenden Emotionen: Kanalisierung und kontrollierte
Sichtbarmachung der Emotionen: Traurigkeit („Wir trauern um…“, „Wir sind traurig,
dass“); Wut und Unverständnis („Wir verstehen es nicht“, „Es ist nicht hinzunehmen“,
„Gott, warum?“); Dankbarkeit („Wir sind dankbar, dass“); Schuld und Schuldzuweisungen
(„Am Grab soll nichts offen bleiben“; Bitte um Vergebung, Versöhnung und Frieden; „Er
ruhe in Frieden.“); Akzeptanz („Unsere Zeit steht in deinen Händen“; „Er ruht nun bei
Gott“; „Der Herr ist mein Hirte“); Aufbruch in ein neues Leben (Worte zur Auferstehung;
Segen für die Hinterbliebenen; der Blick auf die neue Generation; Überleitung zum Leidmahl).
2. Förderung der resilienzbasierten Verlustbewältigungsprozesse bzw. der Selbsttherapierungsfähigkeiten in der Trauerbegleitung
Welche selbsttherapeutischen Prozesse laufen bei der Verlustbewältigung ab?
1. Die eigenen Ressourcen, das soziale Netzwerk und die Motivation, sein Leben erfüllt weiter zu leben, ermöglichen es resilienten Menschen, mit Verlusten und traumatischen Erfahrungen fertig zu
werden. Laut Bonannos Forschungsergebnissen können die meisten Menschen belastende Erlebnisse
wie ein Trauma oder den Verlust eines geliebten Menschen sehr gut ohne professionelle Hilfe bewältigen, diese ist nur in Einzelfällen notwendig.
2. Es gilt, den Verlust zu bewältigen, nicht die Trauer zu unterdrücken. Trauerprozesse sind Teil der
resilienzbasierten Verlustbewältigung. Trauer hilft, einen Verlust zu verarbeiten, es geht daher nicht
darum, sie schnellstmöglich abzuschliessen und hinter sich zu lassen. Zeit bzw. Schnelligkeit ist kein
Kriterium einer gelingenden Verlustbewältigung. Manche brauchen nur ein paar Monate dafür, den
Verlust zu bewältigen, andere Jahre. Einigen Menschen helfen Grabbesuche oder Gebete; manche
machen alles mit sich allein aus, vielen helfen Gespräche. Jeder trauert anders.
3. Wellen statt Phasen
Anstatt von Phasen spricht man bei der Trauer und Verlustbewältigung besser von Wellen. Die von
Kast beschriebenen Reaktionen treten nicht in strikter Linearität auf, sondern zum Teil übergreifend,
wiederholend und in unterschiedlichen Zeitabständen.
Der trauernde Mensch pendelt hin und her – Sehnsucht, Kummer, Leere und Schmerz sind verlustbezogene Prozesse, Ablenkung, kurzfristige Verdrängung, vorwärtsgerichtetes Denken und Momente
der Freude sind regenerative Prozesse.
4. Bleibende, neu definierte Verbundenheit statt Loslassen
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Pfr. Markus Anker, 29.04.2015
Psychische Belastungen in seelsorgerischer Perspektive
Vorlesung 2: Trauer
Oft wird als Ziel einer Verlustbewältigung das Loslassen von einem verstorbenen Menschen bzw. der
Beziehungsabbruch formuliert. Die alternative Sichtweise stellt fest, dass Menschen einen Verlust
bewältigen und zugleich die innerliche Beziehung mit dem verstorbenen Menschen aufrecht erhalten
können - auf andere Weise. Die sporadisch gefühlte Präsenz und Kommunikation ist in diesem Fall
keine Behinderung der Trauer, sondern Teil des fortschreitenden Bewältigungsprozesses. Trotz bleibender Verbundenheit mit einem Verstorbenen kann der Aufbau neuer Beziehungen möglich sein.
5. Temporäre Zurückstellung der Trauergefühle
Menschen sind in der Lage, Gefühle der Trauer temporär zurück zu stellen. Trotz Trauer gibt es Situationen, in denen man sich von seinen inneren Schmerz weg nach aussen richten muss. Trotz Trauer
muss die grundsätzliche Funktionalität des persönlichen Lebens und des Systems (Beruf, Familie etc.)
gewährt bleiben. Die Kinder brauchen ihr Elternteil, die Arbeit muss erledigt werden, Alltagsdinge
sind zu organisieren.
Abschluss:
Stufen (4.5.1941)
Wie jede Blüte welkt und jede Jugend
Dem Alter weicht, blüht jede Lebensstufe,
Blüht jede Weisheit auch und jede Tugend
Zu ihrer Zeit und darf nicht ewig dauern.
Es muss das Herz bei jedem Lebensrufe
Bereit zum Abschied sein und Neubeginne,
Um sich in Tapferkeit und ohne Trauern
In andre, neue Bindungen zu geben.
Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne,
Der uns beschützt und der uns hilft, zu leben.
Wir sollen heiter Raum um Raum durchschreiten,
An keinem wie an einer Heimat hängen,
Der Weltgeist will nicht fesseln uns und engen,
Er will uns Stuf' um Stufe heben, weiten.
Kaum sind wir heimisch einem Lebenskreise
Und traulich eingewohnt, so droht Erschlaffen,
Nur wer bereit zu Aufbruch ist und Reise,
Mag lähmender Gewöhnung sich entraffen.
Es wird vielleicht auch noch die Todesstunde
Uns neuen Räumen jung entgegen senden,
Des Lebens Ruf an uns wird niemals enden...
Wohlan denn, Herz, nimm Abschied und gesunde!
Hermann Hesse (1877-1962)
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Pfr. Markus Anker, 29.04.2015