Wenn sie Alphorn bläst, bleibt einem die Luft weg. Die 15

Dampf ablassen
Anna auf dem Weg zur Mehrzweckhalle Niedergösgen SO, wo sie beim
Wettbewerb «Folklorenachwuchs»
auftritt. Im Hintergrund dampft
das Kernkraftwerk.
Anna –
voll Rohr
Wenn sie Alphorn bläst, bleibt einem die Luft weg.
Die 15-jährige ANNA RUDOLF VON ROHR
aus Selzach SO ist ein Riesentalent. Und beweist,
wie exotisch Urchiges klingen kann.
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Fabrikareal statt Festwiese.
Anna zaubert überall
Asphaltierter Übungsraum
Vor ihrem Auftritt beim «Folklorenachwuchs» spielt sich Anna auf
dem Hinterhof einer Fabrik warm.
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Heimatklänge
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Textile Schalldämpfer
Bei schlechtem Wetter übt Anna
im Keller. Mamas aufgehängte
Wäsche schluckt die lauten Töne.
Zukünftige Bäuerin
Anna hilft auf dem Hof von Peter
Vögeli mit. Im Sommer beginnt sie
eine Lehre als Landwirtin.
Daheim in Selzach SO
Mutter Erna, 46, Vater René, 49.
Anna im Edelweiss-Hemd mit
dem Familienhund.
«Meine beste Schülerin»
Seit fünf Jahren besucht Anna
den Alphornunterricht bei Ruedi
­Bauriedl in Bettlach SO.
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Backstage
Anna kurz vor ihrem Finalauftritt,
hinter ihr wartet Handörgeler René
Reichmuth von Diä Gächä.
Der Folklorenachwuchs im
Wettstreit.
Fair wie Schwinger 44 SCHWEIZER ILLUSTRIERTE
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TEXT MARCEL HUWYLER
FOTOS KURT REICHENBACH
W
Hohes Gericht
Mitten im Saal, auf einem Holz­
podium, thront die Fachjury und
urteilt über die Jungmusikanten.
«Wa meinsch?»
Alphornexperte Peter Baumann (l.)
beurteilt mit einem JuryKollegen die Auftritte der Jungen.
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er so heisst,
braucht
keinen
Künstlernamen.
Anna Rudolf von Rohr.
Anna ist 15 und spielt Alphorn.
Virtuos, furios – einfach grandios.
Das ist der Final. «Folklorenachwuchs». Den ganzen Tag traten junge Formationen auf, jetzt
dürfen die zwölf besten nochmals
aufspielen. Das Publikum im Saal
applaudiert, Scheinwerfer blenden, auf der Bühne r­ agen Mikrofone in die Höhe, so zahlreich und
dicht wie Jungtännchen in einer
Baumschule. Radio SRF Musikwelle überträgt live, «willkomme
dihei am Radio und do im Saal»,
es ist Samstagabend, 20 Uhr, beste Sendezeit.
Anna Rudolf von Rohr.
Sie betritt die Bühne, Startnummer 9, «die isch s Zähni»,
raunt ein Zuschauer. Anna schielt
scheu zur Fachjury, die auf einem
Holzpodium hockt wie Jäger auf
dem Hochsitz. Sie umfasst ihr
Alphorn, schliesst die Augen und
spielt. Ihr Finalstück. «Uf em
Bettlestock». So atemberaubend
schön, auf so hohem Niveau, wie
sie das Stück interpretiert, müsste es «Uf em Everest» heissen.
Ein paar Stunden vorher.
Zehn Uhr am Morgen. Anna ist
übel, die Autofahrt von ihrem
Wohnort hierher plagt ihren Magen. Begleitet wird sie von ihrer
Mama, Erna Rudolf von Rohr, 46.
Vater René, 49, hütet daheim den
Hund (zum Final wird er dann
doch noch eintreffen). Anna trägt
eine Solothurner Tracht, man
­habe das gute Stück für hundert
Franken auf einem Markt erstanden, erzählt die Mama. Anna will
sofort den Saal sehen, wo sie
heute ihre Auftritte hat. «Doch,
ja, die Akustik ist gut.» Ein Ort,
wo man gewinnen kann? Sie lacht,
ist verlegen, windet sich, sagt:
«Die anderen sind auch gut.» Im
Laufe dieses Tages werden wir
lernen, dass grandioses Alphornspiel wohl eine ähnlich delikate
Herausforderung ist, wie Anna
süffige Interview-Antworten zu
entlocken.
«Folklorenachwuchs» ist so
etwas wie die Junioren-Schweizer-Meisterschaft für Jodel, Alphorn und Volksmusik. Das sind
reizende Worte für die einen, Reizworte für die anderen. Kaum eine
Musikszene wird von Unkundi­gen und Spöttern so gnadenlos
in die Heile-Welt-Schublade versenkt wie die Musik fürs Volk. Fast
könnte man meinen, die Organisatoren wollten mit der Wahl des
Austragungsortes trotzig einen
Kontrapunkt setzen: Niedergösgen SO, Industriegebiet, Mehrzweckhalle, am Horizont dampft
der Kühlturm des Kernkraftwerks
Gösgen. Auch das ist Heimat. Ein
Helfer am Dorfeingang stoppt jedes Auto und fragt: «Zum Trachtenfest?» Nicht jeder kennt sich
mit den Nuancen dieser Szene aus.
Anna stammt aus Thailand.
Familie Rudolf von Rohr mit ihren zwei Kindern lebte mehrere
Jahre nahe bei Bangkok, wo Vater
René für eine Schweizer Firma arbeitete. Anna ist drei Jahre alt, als
sie von der Familie adoptiert und
mit in die Schweiz genommen
wird. Beim Wandern, im Muotatal, hört die kleine Anna erstmals
Alphornklänge. Da ist sie fünf.
Fortan spricht das Kind von
nichts anderem. Zu ihrem zehnten Geburtstag bekommt Anna
eine Probelektion geschenkt bei
Alphornmeister Ruedi Bauriedl.
Der 72-Jährige aus Bettlach
ist Solist, Komponist, Juror und
Lehrer. Noch heute funkeln seine
Augen, wenn er erzählt, wie damals dieses kleine Mädchen mit
den schwarzen Zöpfen in seinem
Übungskeller stand und partout
Alphorn spielen wollte. Bauriedl
lehrt Anna, wie man mit der Zunge saubere Töne anstösst, erklärt
ihr das kindgerecht, «wie wenn
du Brotbrösmeli auf der Lippe
wegspuckst». Anna lernt schnell,
sie hat Ehrgeiz, Willen «und eine
Wahnsinnsbegabung», schwärmt
Bauriedl, «so eine Schülerin hatte ich noch nie».
Familie Rudolf von Rohr
wohnt in einem Haus am Jurasüdfuss, oberhalb Selzach, mit Blick
auf die Aareebene. Bei Sonnenschein spielt Anna am Waldrand,
wenns regnet im Keller zwischen
Hemden, Hosen und Leintüchern,
die da an der Leine zum Trocknen
hängen. Die Wäsche funktioniert
wie ein Schalldämpfer, schluckt
selbst brachialste Klänge. Etwa
Annas Grund-C, den tiefsten
Alphornton, der wie ein Dampfschiffsignal dröhnt. Anna beherrsche den perfekt, sagt Lehrer Bauriedl, «so schön tief und rein – ich
selber bringe den nie so hin».
In Annas Zimmer. Ein Plüschtier in Broccoli-Form, ein Kuhfell
als Teppich, und auf einem Poster
sind alle Viehrassen aufgelistet.
Im Sommer beginnt Anna eine
dreijährige Lehre zur Landwirtin.
Eine ungewöhnliche Berufswahl,
zumal die Eltern nichts mit Bauern zu tun haben, mal abgesehen
von Mutter Erna, die als Imkerin
15 Bienenvölker hegt. Die Schnupperlehre (nie war der Begriff zutreffender) absolvierte Anna im
Dorf auf dem Bauerngut Vögelihof. Wo sie seither mehrmals die
Woche mithilft. Bauer Peter Vögeli sagt, das Mädchen verstehe sich
besonders mit dem Vieh sehr gut.
Und Anna selber? Fährt am liebsten Traktor. «Mir gefällt die Arbeit
in der Natur und mit den Tieren,
und ich kann zupacken», sagt sie.
Früher trug sie ihr Haar lang, jetzt
hat sie es abgeschnitten: Beim u
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u Duschen, nach der Stallarbeit,
trockne kurzes Haar schneller,
sagt Anna. Wer in der AlphornSzene mit (breitbeinig) gestandenen Mannen mittun will, muss die
Dinge unkompliziert anpacken.
Zu jung, zu gut. Bisher durfte
Anna bei Alphornfesten zwar
mitmachen, wurde aber nicht
prämiert, das Reglement erlaubt
dies erst ab dem 15. Altersjahr.
«Dabei hätte sie früher schon
Spitzenplätze belegt», meint Alphornlehrer Bauriedl. Vor weni­
gen Wochen hatte Anna Geburtstag, nun darf sie sich offiziell mit
den Besten der Szene messen.
Der «Folklorenachwuchs» ist da
gewissermassen das Warmblasen
für künftige grosse Festanlässe.
Zuerst allerdings muss Anna die
Qualifikation überstehen. 27 Formationen jodeln, blasen, örgeln,
fiedeln und zäuerlen um einen der
zwölf Finalplätze. Punkt 11.28 Uhr
hat Anna auf der Bühne zu stehen
und zwei Stücke zu blasen. Vorher
spielt sie sich warm. Dazu braucht
sie Ruhe und viel Platz. Da ist es
ganz praktisch, dass die Mehrzweckhalle mitten im Industrie­
gebiet steht. Und so hallt kurz darauf Annas warmer Alphornsound im Hinterhof einer Fabrik
für Spritzguss-Kunststoffteile.
Mit leerem Magen könne sie
nicht spielen, sagt Anna. Während sie noch einmal die Musik­
noten ihrer beiden Qualifika­tions­
stücke studiert, knabbert sie an
einem kalten Wienerli. Dann
gehts um die Wurst. Runter in
den Keller, vorbei an der Garderobe des FC Azzurri, hinten hoch
zum Bühneneingang. 11.28 Uhr.
Anna spielt «Des Sennen Alltag»
und «Vor Blüemlismatt». Virtuos,
­furios – einfach grandios.
Anna, wie wars?
«Ich ha all Tön preicht.»
Reicht das für den Final?
«Frog d Jury.» (An der Medienarbeit muss sie noch feilen.)
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Annas exotische Klänge:
und Alpsegen
Freejazz
Mutterstolz
Geschafft! Die
Jury verkündet:
Anna ist im
­Final. Erna
­Rudolf von
Rohr herzt ihre
Tochter.
Nun heisst es warten. Anna
setzt sich ins Publikum zu ihrer
Mutter. Auch Caspar Riedi ist
da, er spielt mit Anna in der Alphorngruppe Echo vom Jura. Der
Mann ist 86. Das Mädchen sei fantastisch, phänomenal, ein Natur­
talent, sagt er. «Ich spiele seit
37 Jahren Alphorn, aber so wie
Anna bring ich das nie hin.»
Die Jury, sechs Experten, taxiert Tonkultur, musikalischen
Ausdruck, Blastechnik (Treff­
sicherheit, Beweglichkeit, Intonation), Interpretation (Dynamik,
Phrasierung, Artikulation, Me­
trik, Rhythmik, Agogik, Tempo).
Das Warten macht zapplig. Anna und ihre Mutter gehen spazieren. Unterwegs kaufen sie Nüsslisalat, Annas Lieblingssalat, sie isst
ihn nature, saucenlos.
Endlich. 17 Uhr. Die Jury entscheidet: Anna ist … im Final.
Erfolg macht sie verlegen, ver­
schämt verbirgt sie ihr Gesicht
hinter den Haaren und wehrt drohende Interviewfragen geschickt
ab, indem sie auf ihre Uhr deutet:
«Jetzt wär auf dem Vögelihof Zeit
zum Melken.» Auf ­ihrem Handy
zeigt sie zwei Fotos: ihre Lieblingskuh Winny, ihr Lieblingskalb
Wanda. Mutter Erna sagt, sie selber
höre SRF 3, die anderen Familienmitglieder seien auch nicht grad
Folklore-verrückt. «Erst Anna hat
uns diese Musik nähergebracht.»
Dann – der Final. 20 Uhr.
Vor Anna treten die Geschwister
Buri auf, nach ihr Diä Gächä.
Alle sind nervös. Man nickt sich
zu, wünscht Glück, reicht sich
die Hand. Fair wie Schwinger.
Anna auf der Bühne. 1,58 Meter wild entschlossene Zierlichkeit. Ihr Alphorn, Fichtenholz, mit
Peddigrohr umwickelt, 3,47 Me­ter
lang, Marke Berna­tone, jedes ein
Unikat, «Nr. 742» steht auf Annas
Schallbecher. Anna spielt. Anna
zaubert. «Uf em Bettlestock».
Alles wird zum Resonanzkörper,
die Bühne, das Publikum, die
ganze Mehrzweck­
halle Niedergösgen schwingt zu Annas Klängen. So exotisch kann Heimat
klingen: ­
erdige Töne, filigrane
Spielereien, neckische Klangflirts,
urchiger Groove, Freejazz und
Alpsegen, spannend, entspannend.
Anna Rudolf von Rohr. Voll Rohr.
Wow.
Anna, wie wars?
«De zwoitletscht Ton isch mir
abegheit.»
Reicht das für den Sieg?
«Einisch muesch z fride sii.»
Anna wird Zweite. Gewinnt
aber den zusätzlich verliehenen
Jury-Preis: einen TV-Auftritt,
«Viva Volksmusik», die Sams­
tagabend-Show von SRF Ende
Januar. Anna ist verlegen, stolz,
erleichtert, sie sagt «zufrieden».
Eigentlich bekäme sie in zehn
Tagen eine Zahnspange, man wartet nun bis nach der TV-Sendung.
Anna, warum Alphorn?
«Weil ich gern Alphorn höre.
Da ist es am einfachsten, wenn ich
die Musik gleich selber mache.»
Anna erhält 1000 Franken
Preisgeld, «für die musikalische
Weiterentwicklung», empfiehlt
die Jury. Anna spart das Geld,
für einen Same Dorado 70, ihren
Lieblingstraktor. 
Jetzt gehts um die Wurst
Während Anna noch einmal die
Noten studiert (Schwieriges
hat sie leuchtfarbig markiert),
isst sie ein kaltes Wienerli.
Mit viel Luft und Talent
Anna auf der Bühne. Überall
­stehen Mikrofone für die
Live-Übertragung im Radio.
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