Sexueller Kindesmissbrauch und Pädophilie

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Sexueller Kindesmissbrauch
und Pädophilie
Was lehren uns die Neurowissenschaften?
Tillmann Krüger
1 DIE RATIONALE
2 KLINIK
3 NEUROBIOLOGIE
4 BEHANDLUNG
Margo Kaplan Oct. 5, 2014
The New York Times
1
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Warum mit
Kindesmissbrauchern und
Pädophilie auseinandersetzen?
die Rationale
1.  Die Prävalanz von sexuellem Kindesmissbrauch liegt
zwischen 6% und 27% für Mädchen und zwischen 2%
und 8% für Jungen. BKA: 12.000 Delikte in 2011
2.  Prävalenz von Pädophilie
-  Geschätzt 1%
-  Deutschland: 250.000 Männer (18-75 Jahre)
3.  Zwei Deliktmuster:
-  Neigungstaten (40- 60%)
-  Ersatzhandlungen
DJI Impulse
3/2011
Engfer 2005
Stadler & Bieneck
Praxis der Rechtspsychologie 2012
2
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Sexueller Kindesmissbrauch
Kalkulierte Kosten
Lifetime cost per victim of nonfatal child maltreatment
in the USA: $210,000
Donato & Shanahan 2001
Am J Orthopsychiatry
Fang et al. 2012
Child Abuse & Neglect 36:156-65
Pädophilie und sexueller Kindesmissbrauch
Behandlung und Erforschung sind primäre Prävention
2500
2247
Berlin(Juli2005-September2015)
Kiel(März2009-September2015)
2000
Regensburg(Sept2010-September2015)
Leipzig(Okt2011-September2015)
Hannover(März2012-September2015)
1500
Hamburg(April2012-September2015)
Stralsund(Feb2013-September2015)
Gießen(Dez2013-September2015)
905
1000
Düsseldorf(Juli2014-September2015)
Ulm(Juli2014-September2015)
548
421
500
484
393
268
193
73
Mainz(Mai2015-September2015)
255
41
0
3
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Differenzierung von Pädophilie und
sexuellem Kindesmissbrauch
Sexuelle Präferenzstörung
Sexuelle Verhaltensstörung
Pädophilie/Hebephilie
Sexueller Kindesmissbrauch
exclusive & non-exclusive type
Pädophil
motivierte
Taten
Pädophilie
Kindesmissbrauch
Hellfeld
Sexuelle
Delinquenz
Dunkelfeld
Muster der sexuellen Präferenzstörung
Ein Kontinuum
Teleiophilie
Erwachsenes
Körperschema
Pädo-
Hebe-
teleiophilie
teleiophilie
Pädohebeteleiophilie
Hebephilie
Pädophilie
Präpubertäres
Körperschema
Pädo-
peripubertäres
Körperschema
hebephilie
4
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Diagnose anhand der “Tanner” Stadien
Die Ätiologie der Pädophilie
Theorien...
1.  Konditionierung
2.  Sexueller Kindesmissbrauch „abused abuser“
3.  Neuronale Entwicklungsstörung „Reifestörung“
• 
• 
• 
Dysfunktion des Frontalhirns
Dysfunktion des limbischen Systems
Alterationen in geschlechtsdimorphen Strukturen
Michael C. Seto 2008
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Neurobiologische Modelle der Pädophilie
1.  Frontal-dysfunktionales Modell
Sexuelles Interesse für Kinder (v.a. Mädchen ab der
Pubertät) besteht bei allen Männern, ist normalerweise aber
inhibiert
2.  Temporal-limbisches Modell
(Mikro-)Läsionen des Temporallappens und/oder der
Amygdala sind für eine gesteigerte Sexualität bzw.
emotionale Defizite verantwortlich
3.  Dual-dysfunktionales Modell
Intergration von beiden Modellen. Sowohl frontale und
temporo-limbische Areale sind für Entstehung und
Aufrechterhaltung pädophiler Präferenzen von Bedeutung
Ätiologie von sexuellem Kindesmissbrauch
Klinische Faktoren bei Männern mit Pädophilie und Ersatztätern
1 Pädophilie
•  Stärkster Risikofaktor für Kindesmissbrauch
2 Soziale Kompetenz
•  Unfähigkeit sexuelle und emotionale Bedürfnisse mit Gleichaltrigen umzusetzen
3 Einstellungen und Überzeugungen gegenüber Sex mit Kindern
•  Kognitive Verzerrungen und Denkfehler
4 Emotionale Dysregulation/psychiatrische Komorbiditäten
•  Probleme bei der Regulation von Emotionen, was Angst, Depression und Dystress
verstärken und Beziehungsaufnahme zu Gleichaltrigen erschweren kann
5 Enthemmung (Disinhibition)
•  Als dispositioneller (Persönlichkeit) versus situationaler Faktor (z.B. ausgelöst durch
Konsum von Drogen/Alkohol)
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Ätiologie von sexuellem Kindesmissbrauch
Klinische Faktoren bei Männern mit Pädophilie und Ersatztätern
6 Unsichere Eltern-Kind Bindung
•  Könnte sowohl den selbst erlittenen Kindesmissbrauch begünstigen (da Kind
verzweifelt Kontakt zu Älteren/Anderen sucht) als auch die Wahrscheinlichkeit
Kinder zu missbrauchen
•  kann Empathiefähigkeit und Perspektivübernahme beeinrächtigen
7 Sexuelle Entwicklung
•  Frühere und häufigere sexuelle Erfahrungen in Kindheit und Jugend bei
späteren Tätern z.B. durch Beobachten anderer beim Sex oder durch
Pornographie
8 Selbst erfahrener Kindesmissbrauch
•  Hat meist erhebliche psychosoziale und neurobiologische Folgeschäden
•  Kann zu Reinszinierungen führen i.S. eines pathologischen CopingMechanismus
Neuropsychologie
Paraphile Präferenzen nach Hirnschädigung
Burns et al 2003 Arch Neurol
Phineas Gage 1823-1860
Ortega et al. 1993
Frohman et al. 2002
7
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Die neuronalen Grundlagen von Pädophilie
und Kindesmissbrauch dekodieren
&
und damit Diagnostik, Prävention und
Behandlung verbessern
Common Trunk Approach
Single Site Approach
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NEMUP: Common trunk (all sites)
(Neuro-)
Psychology
Structural MRI
Functional
MRI
Imaging
Genetics &
Epigenetics
Endocrinology
Psychopathology
Grey Matter
Resting State
SCID-I & II
Volume, Density
SNP & VNTR analyses
Sexual
Assessment
White Matter
Preference
specific task
Promoter
methylations
Associations with
Imaging,
Genetics und
Psychology
SBIMS, BMS, CISS,
UCLA-LS, CTQ
Microstructural
Integrity, Structural
connectivity
Executive
Functions
Executive
Function
CANTAB
Go/No-Go
e.g. testosterone
Empathy / Theory
of Mind
MET, MASC
NEUROPSYCHOLOGIE
Diskrete Hinweise – aber kein schweres Störungsbild!
v  Pedophilie ist assoziiert mit (1) einem erhöhten Maß an
Impulsivität (greater error rates and faster response times
on tasks measuring impulsivity), wohingegen (2)
Missbrauch mit schlechteren Hemmfunktionen einhergeht
(inhibition performance)
v  Kein schwerwiegendes Defizite exekutiver Funktionen!
v  Alter: Erhöhte Impulsivität mit zunehmendem Alter,
wohingegen gesunde Kontrollen ein gegensätzliches
Muster zeigen
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Was können wir tun?
Was können wir tun?
3-Säulen-Modell
Kinder stark machen!
Kein Täter werden!
Opfer optimal behandeln!
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Therapieinhalte im Dunkelfeldprojekt
“Kein Täter werden”
Das 3-Stufenschema in der medikamentösen
Behandlung sexueller Impulse
1. Antidepressiva: (SSRIs)
2. Antiandrogene: Cyproteronacetat (Androcur)
3. Antiandrogene: Triptorelin (Salvacyl)
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Pädophile Störung und Hypersexualität
Intervention: Cyproteronacetat (Androcur®) 2 x 50 mg p.o.
70
60
50
40
prä
post
30
20
10
0
VAS
MGHSFQ
BDI
VAS Visuelle Analogskala
MGHSFQ Massachusetts General Hospital Sexual Functioning Questionnaire
BDI Beck Depressions Inventar
FAZIT
1.  Männer mit Pädophilie und Ersatztäter haben ähnlich
hohe Raten an psychiatrischen Komorbiditäten (Angst,
Depression, Persönlichkeitsstörungen)
2.  In der Bildgebung des Gehirns finden sich deutliche
Hinweise für Veränderungen von Funktion und
Struktur bei Tätern – nicht jedoch für das Vorliegen
einer Pädophilie
3.  Zukünftige Forschungsprojekte werden die Effekte
psychotherapeutischer und pharmakologischer
Interventionen untersuchen und neue Ansätze zur
Verbesserung von Kontrollfunktionen entwickeln
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Deutsche Netzwerke
NeMUP und “Kein Täter werden”
Kiel
Stralsund
Hamburg
Lüneburg
Osnabrück
Berlin
H a n n ove r
Magdeburg
Essen
Gießen
Düsseldorf
Leipzig
Mainz
Regensburg
Ulm
[email protected]
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