Zwei Freunde: Dante und Vergil Vortrag: Karlheinz Stierle

22.6.
Zwei Freunde:
Dante und Vergil
Vortrag: Karlheinz Stierle
Einführung:
Michael Krüger
Montag, 22. 6. 2015
Beginn 19 Uhr
Die Dante-Barke,
1822
Eugène Delacroix
(1798 -1863)
Musée du Louvre,
Paris
Dante Alighieri, dessen 750. Geburtstag die literarische Welt in diesem Sommer feiert, hatte keine
Freunde. In der Einsamkeit seiner prekären Existenz,
die ihn nach seiner Verbannung aus Florenz im Jahr
1302 von Ort zu Ort, von Hof zu Hof führte, war ihm
sein Lebenswerk, die Commedia Partner und Freund
zugleich. In der Commedia aber erschuf Dante sich
einen imaginären Freund in der Gestalt Vergils, der
seiner Zeit als größter antiker Dichter galt. Vergil ist
nicht nur Dantes Führer durch Inferno und Purgatorio.
Als Dichter ist er Dantes leuchtendes Vorbild. Vor allem aber verbindet Dante und Vergil die Schicksalsgemeinschaft des Exils. Vergil, der sich nicht rechtzeitig zum Christentum bekehrte, ist auf ewig in das Exil
des Limbo, der Vorhölle verdammt. Der Dante in der
Commedia sieht seinem Exil noch entgegen, das ihn
in Wirklichkeit schon ereilt hat. Die Erfahrung des
Exils begründet Dantes Sorge um Vergil ebenso wie
Vergils Sorge um Dante. Zwischen dem impulsiven
Dante und dem stoisch selbstbeherrschten Vergil entsteht so jenseits der asymmetrischen Rollenkommunikation von Lehrer und Schüler eine diskrete Sprache
des tiefsten Einvernehmens.
In Delacroix’ Bild der Dante-Barke wird die freundschaftliche und doch spannungsreiche Nähe der
beiden Dichter unmittelbar sinnfällig. K. S.
Karlheinz Stierle ist Romanist und Literaturwissenschaftler. Von 1988 bis zu seiner Emeritierung 2004 hatte er
den Lehrstuhl für Romanische Literaturen und Allgemeine Literaturwissenschaft an der Universität Konstanz inne. Zu seinen Forschungsgebieten gehören
u.a. die Formgeschichte der französischen und italienischen Literatur, einen Schwerpunkt seiner Forschung
bildet das Thema Dante und Petrarca zwischen Mittelalter und Renaissance. Karlheinz Stierle ist Honorarprofessor an der Universität Saarbrücken und
Mitglied der Heidelberger Akademie der Wissenschaften. Von 2003 bis 2005 war er Präsident des
Deutschen Romanistenverbands.