Tagungsbericht: Kompetenzfördernd beurteilen und bewerten

Tagungsbericht: Kompetenzfördernd beurteilen und bewerten
Im Zentrum der Tagung standen zwei Referate: Einmal berichtete Dr. Rita Stebler über ihre Studie zu
kompetenzorientierten Zeugnissen in Bezug auf die Volksschule. Dann vermittelte Dr. Sebastian Walzik,
mit der Perspektive auf die Leistungsbeurteilung auf der Hochschulstufe, welche Kriterien zur Gestaltung
von kompetenzorientierten Leistungsnachweisen es zu beachten gilt. Die beiden Referate markieren den
Start zu einer intensiven Arbeit in den Fachbereichen.
Drei Fragen beschäftigten die Schulen derzeit, wenn es um das Thema 'Beurteilen und Bewerten im
kompetenzfördernden Unterricht' gehe, so Prof. Dr. Klaus Joller in seiner Tagungseröffnung: „Wie kann eine
Kompetenzentwicklung sinnvoll bewertet werden mit einem Notensystem, welches primär auf die
Durchschnittsberechnung von Einzelprüfungen ausgerichtet ist? Was bedeutet die Einteilung der
Kompetenzentwicklung in Zyklen für die Vergabe von Semester- bzw. Jahresnoten? Und wird es künftig
überhaupt noch ungenügende Noten geben, wenn die Kompetenzorientierung davon ausgeht, dass eine
Kompetenz erreicht werden muss, bevor eine nächste Kompetenzstufe angegangen werden kann?“ Auf diese
Fragen erhofften sich die Tagungsteilnehmer Antworten.
Kompetenzorientierte Beurteilung in der Volksschule
„Auf diese Fragestellungen Antworten zu liefern ist die Aufgabe der Bildungspolitik, die wissenschaftliche
Auseinandersetzung hat jedoch bereits begonnen“, so Referentin Dr. Rita Stebler im Hinblick auf Jollers
Eingangsfragen. Die kompetenzorientierte Beurteilung in der Volksschule biete Herausforderungen und
insbesondere die Frage nach der Ausgestaltung von Zeugnissen sei ungeklärt. „Der Lehrplan 21 macht keine
Aussagen zur Regelung der Form der Leistungsbeurteilung. Es müssen auch nicht einmal alle Kompetenzen
beurteilt werden“, so Stebler weiter. Die Lehrpersonen würden entscheiden, welche Kompetenzen beurteilt und
bewertet werden sollen. Die Kantone, die Lehrerweiterbildung und die Lehrerinnen und Lehrer seien in der Frage
der Ausgestaltung eines Zeugnisses gefordert.
Die wissenschaftliche Recherche, die Stebler zusammen mit einem Team um Prof. Dr. Kurt Reusser an der
Universität Zürich vorgenommen hat, ging der Frage nach, ob und inwiefern in anderen Ländern Befunde zum
kompetenzorientierten Beurteilen und Bewerten vorliegen sowie ob kompetenzorientierte Zeugnisse in Kraft sind.
Dazu ergab die Recherche, dass solche noch kaum etabliert sind und sich alle Zeugnisse erst in Entwicklungsbzw. Implementationsphasen befinden. Die angetroffenen Beurteilungssysteme würden stark variieren, so
Stebler.
In Frankreich etwa begleitet die Schülerinnen und Schüler während ihrer Schullaufbahn ein Lernberichtsbüchlein
im Umfang von 20 Seiten. Darin werden erreichte Kompetenzen mit einem Stempel attestiert und mittels Datum
zeitlich festgehalten: „Wenn ein Kind sich selber die Schuhe binden kann, so wird dies in Form eines Stempels
bescheinigt.“ Erfüllt ein Kind einen ganzen Kompetenzbereich, so wird dies erneut abgestempelt. Stebler stellte in
ihrer Recherche fest, dass Länder wie Frankreich, die ein zentralistisches Schlussexamen kennen, im Vorfeld
mehr informelle, formative Beurteilungen vornehmen.
Ein anderes Beispiel aus Steblers Referat stammte aus Kanada. In diesem Zeugnis wird ausgewiesen, welche
Muttersprache ein Kind hat und ob eine Lernzielreduktion vorliege. In Form einer Prozentangabe taxieren die
Lehrpersonen die jeweilige Kompetenz, wobei 70 Prozent die Norm bildet. Diese Beurteilung nach der sachlichen
Bezugsnorm wird ergänzt mit einem Vergleich, wie gut diese Kompetenz im Kontrast zur Lerngruppe (soziale
Bezugsnorm) erreicht worden ist. Eine Besonderheit des kanadischen Zeugnisses besteht laut Stebler darin,
dass die überfachlichen Kompetenzen vor den fachlichen Kompetenzen ausgewiesen werden. Das Zeugnis wird
drei Mal jährlich erteilt.
In Belgien herrscht eine Kadenz von vier Zeugnissen pro Zyklus. Im Zeugnis wird ein Sockelniveau ausgewiesen,
was dem Grundanspruch entspricht. Das Fortgeschrittenen-Niveau und das Exzellenz-Niveau bilden weitere
Abstufungen. Anhand eines Formulars wird viermal eingetragen, wo das Kind zum jeweiligen Zeitpunkt steht, so
dass eine Entwicklungsdarstellung über den Zyklus hinweg einsehbar wird. Sonderbar mutete den
Tagungsteilnehmern an, dass neben der Fachnote und dem Mittelwert der Klasse auch der vom Schüler bzw. der
Schülerin erreichte Rang in der Klasse notiert wird.
Neuseeland kennt ebenfalls ein Zeugnis, welches die Entwicklung darstellt. Einerseits geschieht das mittels einer
Skala, andererseits ergänzt ein mündlicher Bericht die Darstellung. Der Bericht enthält u.a. Tipps für Eltern, wie
eine Förderung des Kindes zu Hause erfolgen könnte.
Generell zeigte der spannende Ländervergleich, dass weiterhin sowohl rein bilanzierende Zeugnisse ohne
Lernberichte zur Anwendung gelangen, als auch Zeugnisse mit umfangreicher Dokumentation eingesetzt
werden. Für den Einbezug der formativen Beurteilung in die Zeugnisse weist der internationale Vergleich eine
Vielzahl unterschiedlicher Formen (Raster, Skalierungen, etc.) und Ausprägungen (Berichte) auf. Allen
Zeugnissen gemeinsam sei der explizite Verweis auf die Kompetenzen im Curriculum, so Stebler.
Neben den allgemeinen Anforderungen an Zeugnisse betonte Stebler die besonderen Knackpunkte eines
kompetenzorientierten Zeugnisses. Zu klären sei etwa, in welcher Kadenz, also in welcher Zeitspanne die
Zeugnisse vergeben werden sollen. Ausserdem sei unklar, ob das Zeugnis rein bilanzierend ausgestaltet werden
soll oder ob ausserdem Lernberichte Einzug finden. Auch sei zu entscheiden, wie Fachkompetenzen gerastert
und gebündelt werden. Bei den überfachlichen Kompetenzen stellt sich ferner die Frage, ob diese Beurteilung
global, isoliert oder in die fachliche Beurteilung integriert zu erfolgen hat. Zwei besondere Herausforderungen
erkennt Stebler in der Übersetzung des Kompetenzerwerbs in einen Zuweisungsentscheid: „Mit welchem
Algorithmus gelangt man von den Kompetenzen zur Note und wie wird der Kompetenzerwerb an die Niveaus des
Schulsystems angegliedert?“ Diese Fragen blieben auch nach der getätigten wissenschaftlichen Recherche
weiterhin offen. Die Recherche könne jedoch konkrete Beispiele liefern, anhand derer die Diskussion geführt
werden kann.
Stebler plädierte abschliessend dafür, dass die Diskussion über die künftige Form des Zeugnisses
kantonsübergreifend geführt werden sollen. Ein vergleichbares Zeugnis in der ganzen Deutschschweiz würde
allen Nutzergruppen grosse Vorteile bringen.
Kompetenzorientiert prüfen an Hochschulen – Leistungsnachweise kompetenzorientiert gestalten
Der zweite Teil der Tagung bildete das Referat von Dr. Sebastian Walzik, der das Thema 'kompetenzförderndes
Beurteilen und Bewerten' an der Hochschule beleuchtete.
Bereits im Voraus macht Walzik deutlich, was er unter Kompetenzorientierung im Kontext der Beurteilung und
Bewertung an der Hochschule versteht. Einmal sollen die Lernziele in Form von Kompetenzen ausformuliert
werden, was bedinge, dass ein bewusstes Zusammenwirken von Wissen, Einstellungen und Fertigkeiten in der
Lehre stattfinden müsse. Die entsprechenden Lernziele sind dann auf die Lehrveranstaltung und insbesondere
auf die Prüfung hin abzustimmen. Walzik betonte hierbei, dass die Kompetenz auch die Prüfungsform bestimmen
müsse. Hier würde sich erschwerend auswirken, dass vielerorts die Prüfungsform durch das Prüfungsreglement
bereits vorgebeben sei. Aus diesem Grund sei dem Dreieck 'Kompetenz – Aufgabe/Problem/Fall – Kriterien'
besondere Aufmerksamkeit zu schenken. Mit Fokus auf das Beurteilen und Bewerten an der Hochschule
bedeutet dies erstens, dass die Kompetenzbeschreibung im Rahmen einer Studiengangsplanung darin bestehen
müsste, dass die zu erwerbenden Aspekte 'Wissen, Einstellung und Fertigkeit' den Kompetenzaspekten 'Selbst-,
Sach-, Sozial- und Methodenkompetenz' gegenübergestellt werden.
Zweitens müssen sowohl klare Kriterien für kompetenzorientierte Prüfungen, als auch für die Lösungen vorliegen,
bevor die Studierenden die Prüfung absolvieren. Die Punktezuordnung zur Lösung hat ebenfalls im Vorfeld, in
Form einer normativen Setzung, zu erfolgen, wenn Qualität statt Quantität gemessen werden will. Für Walzik ist
die Aufgabenstellung für die Kompetenzüberprüfung zentral, denn an ihr liegt es, ob der Rückschluss von
Performanz auf die Kompetenz zulässig sei. Abschliessend wies der Referent auf eine besondere
Herausforderung hin: „Die Prüfungsform an Hochschulen müsste sich in Situationen darstellen, in denen die
entsprechenden Handlungen effektiv vollzogen werden. Nur so lässt sich das Performanz-Kompetenz-Problem
umgehen“, so Walzik weiter. Dies würde heissen, dass im Rahmen der Lehrerinnen- und Lehrerbildung vermehrt
versucht werden müsste, Kompetenzen effektiv in der Praxis zu erfassen und zu beurteilen.
Kompetenznachweise, die im Rahmen einer Modulveranstaltung geschrieben werden, können die
Kompetenzanwendung in der Realsituation eben nur bedingt simulieren.
Startschuss zur vertieften Auseinandersetzung mit der kompetenzfördernden Leistungsbeurteilung an
der PH Luzern
Die Inputs der Tagung bilden zugleich die Grundlage für die Reflexion sowie allenfalls Überarbeitung und
Weiterentwicklung der bestehenden Leistungsnachweise und Beurteilungsraster in den einzelnen Fachbereichen
der PH Luzern. Erste Vorarbeiten wurden zum Schluss der Tagung in den Fachbereichen bereits an die Hand
genommen. Im Ausbildungs-Plenum 2016 werden die entsprechenden Arbeiten wiederum gemeinsam reflektiert.
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Zu den Personen:
Dr. phil. Rita Stebler ist wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Universität Zürich. Sie befasst sich aktuell mit Fragen der
kompetenzorientierten Zeugnisse.
Dr. Sebastian Walzik ist Lehrbeauftragter an der Universität St. Gallen und arbeitet als selbstständiger Trainer und Coach in
der Hochschuldidaktik. Seine Arbeitsschwerpunkte sind das' kompetenzorientierte Prüfen' und die 'Förderung sozialer
Kompetenzen'.