Pragmatik_HA9_Lösungen

Proseminar Pragmatik - HA9 - Lösungsvorschläge
1. Meibauer, S.117, Übung 3): Gibt es Indirektheit nur zwischen den verschiedenen
Sprechaktklassen, oder auch zwischen Illokutionstypen innerhalb von Klassen?
Indirektheit gibt es auch innerhalb mancher Sprechakt-Klassen.
Bsp. Assertive: keine Beispiele gefunden; womöglich liegt das daran, dass die einzelnen
Illokutionen in dieser Klasse einander zu ähnlich sind, als dass man die Indirektheit des Akts
überhaupt erkennen könnte?
Bsp. Direktive:
Chef zum Untergebenen: Bringen Sie bitte mal diesen Brief auf die Poststelle.
direkt (bitte): Bitte
indirekt: Befehl / Anweisung
Bsp. Expressive:
Chef zum Untergebenen: Ich wundere mich schon ein wenig, dass Sie schon wieder zu spät
sind.
direkt: Ausdruck der Verwunderung
indirekt: Ausdruck von Verärgerung (kann natürlich darüberhinaus auch als Aufforderung
genommen werden, nicht mehr zu spät zu kommen)
Bsp. Kommissive:
Ich rate dir, das nicht nochmal zu tun
direkt: Rat
indirekt: Drohung
(nb: Drohungen haben auch einen direktiven Aspekt, nämlich dann, wenn sie von der Art
sind, dass der S dem H in Aussicht stellt, eine bestimmte Handlung auszuführen, wenn der H
nicht eine bestimmte andere Handlung ausführt. Beispiel:
Wenn du nicht gehorchst [direktiver Aspekt] hau ich dir eine runter [kommissiver Aspekt].)
anderes Bsp. für einen indirekten Kommissiv: Das wirst du mir noch büßen, das versprech
ich dir.
Bsp. Deklarationen: keine Beispiele gefunden; womöglich liegt das daran, dass die einzelnen
Illokutionen in dieser Klasse zu verschieden voneinander sind, um erschließbare Inferenzen
zu ermöglichen. Es geht in dieser Klasse je nach Illokution um ganz spezifische Aktionen, die
in eine bestimmte soziale Institution eingebettet sind; deshalb ist es schwierig sich
vorzustellen, wie man einen Indikator aus dieser Gruppe dazu benutzen könnte, um eine
Deklaration durchzuführen, die in einen ganz anderen Zusammenhang gehört.
2. Nennen Sie jeweils mindestens zwei illokutionäre Akte, die durch die Äußerung der
folgenden Sätze vollzogen werden könnten. Falls dazu besondere kontextuelle Faktoren
notwendig sind, spezifizieren Sie diese.
a) Die Hausaufgaben werden spätestens zu Beginn des Tutoriums eingereicht.
b) Ich friere.
c) Ist Hannah daheim?
d) Unser Flieger geht um 15 Uhr.
e) Es kann hilfreich sein, vor der Klausur das Skript noch einmal durchzugehen.
a) Feststellung („Wie wird in Herrn W.s Seminaren im Allgemeinen denn so die Abgabe der
Hausaufgaben gehandhabt?“) oder Anweisung (vom Dozenten zu Beginn des Seminars
ausgesprochen)
b) Feststellung, oder Beschwerde (z.B. darüber, dass der Gastgeber die Heizung nicht
einschaltet)
c) Frage, oder Ausdruck der Verwunderung („Ist Hanna etwa daheim?!“)
d) Erinnerung, oder Ablehnung („Mami, darf ich nach dem Essen nochmal raus an den
Strand?“)
e) Feststellung, oder Empfehlung („Wie sollen wir uns auf die Klausur vorbereiten?“)
3. Entscheiden Sie für die folgenden Beispiele, ob es sich wohl eher um direkte oder
indirekte (welche?) Sprechakte handelt:
a) [Opfer eines Einbruchs zum Kommissar in seiner verwüsteten Wohnung:] Schauen Sie,
was die für ein Chaos hinterlassen haben!
b) [aufgebrachte Mutter zu Tochter:] Wie oft habe ich dir gesagt, dass du dein Zimmer
aufräumen sollst?
c) [aufgebrachte Mutter zu Tochter]: Du solltest dein Zimmer aufräumen.
d) [Stewardess im Flugzeug]: Genießen Sie Ihren Flug!
e) [gefeuerter Arbeiter zu seinem Chef]: Ach rutschen Sie mir doch den Buckel runter!
a) kann in der Tat als direkter Sprechakt aufgefasst werden: Der S will den H dazu bringen,
sich einen optischen Eindruck von der Situation zu verschaffen. Es kann sich aber auch um
einen indirekten SA (kurz ISA) handeln, etwa wenn der Kommissar sowieso gerade schon auf
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die Szene schaut. Dann hätten wir einen ISA, dessen primäre Illokution z.B. der Ausdruck
von Schock oder Ärger sein kann (also ein Expressiv statt einem Assertiv).
b) am wahrscheinlichsten ein ISA, der dazu dient, dem H einen Vorwurf zu machen / ihn zu
schelten. Der S erwartet nicht, dass der H tatsächlich eine Antwort auf die Frage parat hat,
und die Antwort interessiert auch normalerweise (in so einem Kontext) nicht.
c) am wahrscheinlichsten ein ISA, der dazu dient, eine Aufforderung oder eine Anweisung
auszusprechen (die Tochter weiß, dass die Mutter nicht „einfach so“ die Feststellung machen
wird, dass die Tochter ihr Zimmer aufräumen soll).
d) auf jeden Fall ein ISA, da eine Einleitungsbedingung für eine echte Aufforderung verletzt
ist: Der propositionale Gehalt muss nämlich eine Handlung beschreiben, die der H willentlich
ausführen kann. Man kann aber nicht willentlich etwas genießen. Es muss sich hier also
vielmehr um einen Wunsch handeln.
e) Durch diese Aussage wird eine Beleidigung getätigt, keine Aufforderung (wie die
imperativische Satzform nahelegen würde). Die Formel Rutsch(en Sie) mir doch den Buckel
runter ist idiomatisch, sie kann praktisch nur als Ausdruck der Verärgerung (und / oder als
Form der Beleidigung) verstanden werden. Es braucht viel Fantasie um sich eine Situation
vorzustellen, in der Rutsch(en Sie) mir doch den Buckel runter als wörtliche Aufforderung
verstanden werden soll. Insofern diese Wendung idiomatisch ist, kann man auch nicht sagen,
dass sie einen ISA darstellt – der H wird die Aussage gar nicht mehr als Aufforderung
verstehen, sondern direkt und als ganze als Beleidigung. Es ist also keine Inferenz von der
direkten zur indirekten Illokution mehr im Spiel.
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