Gott, Erdbeben, Kernenergie - Leibniz war kein Butterkeks

Gott, Erdbeben, Kernenergie
Auszüge aus „Leibniz war kein Butterkeks“ angesichts der aktuellen Ereignisse
in Japan
Die schrecklichen Bilder aus Japan haben weltweit Bestürzung und Solidarität mit den vielen Opfern
des Erdbebens und des anschließenden Tsunamis ausgelöst. Führende Repräsentanten der
katholischen und der evangelischen Kirche gaben angesichts der dramatischen Berichte bekannt, für
die Opfer beten zu wollen. Gleichzeitig jedoch geriet ihr religiöses Weltbild durch die
Naturkatastrophe unter Druck: Denn wie lässt sich die Existenz eines allmächtigen, allgütigen und
allwissenden Gottes angesichts solch offensichtlicher Mängel im „Schöpfungsplan“ rechtfertigen?
Seit Gottfried Wilhelm Leibniz ist die Frage nach der Rechtfertigung Gottes angesichts der Übel in der
Welt als „Theodizeeproblem“ bekannt. In „Leibniz war kein Butterkeks“ setzen sich Michael SchmidtSalomon und seine Tochter Lea unter anderem auch mit diesem Problem auseinander. Im Kapitel
„Gibt es einen Gott?“ entwickelt sich dazu folgender Dialog:
Michael: Christen glauben an einen allmächtigen, allwissenden, allgütigen Gott. Wenn ein
solcher Gott die Welt erschaffen haben soll, dann muss man sich doch fragen, warum es so
viel Leid und Ungerechtigkeit auf unserem Planeten gibt. Will der Christengott dieses Leid?
Dann ist er nicht allgütig, sondern ein Sadist. Will er das Leid nicht, dann ist er nicht
allmächtig, da er das Leid nicht beseitigen kann. Auf das sogenannte „Theodizee-Problem“,
also die Frage der Rechtfertigung des gütigen Gottes angesichts der Übel in der Welt, haben
die Theologen bislang keine befriedigende Antwort gefunden. (…)
Lea: Sagen die heutigen Theologen nicht, dass all das Leid, das es auf der Erde gibt, gar nicht
von Gott verursacht wurde, sondern von Menschen, die mit dem freien Willen nicht umgehen
können? Demnach wäre nicht Gott schuld an dem ganzen Elend, sondern wir Menschen
wären verantwortlich.
Ja, es gibt tatsächlich Theologen, die so argumentieren. Doch das Argument ist nicht
stichhaltig. Denn wie will man es beispielsweise auf menschliche Willensakte zurückführen,
dass ein kleines Kind an Leukämie erkrankt oder eine junge Mutter an Brustkrebs stirbt?
Welche menschlichen Willensakte sollen dafür verantwortlich sein, dass ein Erdbeben
ausbricht, das Tausende von Menschen unter sich begräbt? (…) Das Leid der Lebewesen
schreit seit Jahrmillionen zum Himmel, aber es gibt keinerlei Anzeichen dafür, dass je
irgendein „Gott“ eingriff, um dieses Leid zu mindern.
Na ja, nach christlichem Verständnis hat „Gott“ zumindest eine gewisse Form von
Anteilnahme gezeigt …
Du meinst, weil er angeblich die Gestalt eines Menschen annahm, der vor 2000 Jahren
gekreuzigt wurde?
Ich persönlich glaube das ja nicht, wie du weißt. Aber es ist doch nur fair, wenn wir diese
uralte religiöse Vorstellung berücksichtigen. Christen glauben schließlich nicht nur, dass Gott
die Welt inklusive aller Schmerzen erschaffen hat, sondern auch, dass er sich selbst diesen
Schmerzen ausgesetzt hat.
Stimmt! Aber ändert das irgendetwas an dem Leid in der Welt? Fällt es leichter, zuzusehen,
wie das eigene Kind qualvoll stirbt, wenn man überzeugt ist, dass „Gottes eingeborener
Sohn“ ebenfalls fürchterlich leiden musste? Sollte man von einem allmächtigen,
allwissenden, allgütigen Gott nicht eine bessere Lösung erwarten dürfen? Ich zumindest
finde es ziemlich absurd, an einen Gott zu glauben, der seine Schöpfung zuerst hoffnungslos
verpfuscht und dann, gewissermaßen als Ausgleich für den verursachten Schaden, einen Teil
seiner selbst ans Kreuz nageln lässt.
(Michael Schmidt-Salomon & Lea Salomon, Leibniz war kein Butterkeks, S.47ff.)
Zu den in Fukushima offensichtlich gewordenen Problemen der Risikotechnologie „Kernkraft“ heißt
es im Kapitel „Ist alles vergänglich?“:
Michael: Unser Vorgänger Homo erectus besiedelte die Erde fast zwei Millionen Jahre. Ob es
Homo sapiens, die vermeintliche „Krone der Schöpfung“, auch so lange geben wird, darf man
bezweifeln.
Lea: Wie kommst du darauf?
Je höher eine Zivilisation technologisch entwickelt ist, desto größer ist die Gefahr, dass sie
sich selbst zerstört! Schau mal: Wir Menschen spalten heute das Atom und kommunizieren
über Satelliten, aber besitzen wir auch die Reife, um mit dieser hochpotenten Technik
angemessen umzugehen? Da bin ich sehr skeptisch! (…) Wir verhalten uns wie Fünfjährige,
denen man die Verantwortung über einen Jumbojet übertragen hat! Von daher ist es
eigentlich nur eine Frage der Zeit, bis es richtig kracht.
Du meinst, wenn eine Gruppe von Fanatikern in den Besitz von Nuklear- oder Biowaffen
kommt?
Ja, beispielsweise. Es könnte aber auch sein, dass wir uns unfreiwillig selbst auslöschen, weil
wir fahrlässig mit unseren technischen Möglichkeiten, etwa der Nutzung der Kernkraft,
umgehen und die natürlichen Ressourcen zerstören, auf die wir so dringend angewiesen sind.
(Michael Schmidt-Salomon & Lea Salomon, Leibniz war kein Butterkeks, S.78)
Michael Schmidt-Salomon, der mit dem Zukunftsforscher und Atomkraft-Kritiker Robert Jungk („Der
Atomstaat“) befreundet war, formulierte seine Haltung zur Kernenergie in den 1990er Jahren wie
folgt:
„Alle Erfahrungen, die die Menschheit bisher im Umgang mit Risikotechnologien machen
konnte oder genauer: musste, sprechen dafür, jede Technologie zu vermeiden, die
menschliche Irrtümer, menschliche Unvollkommenheit mit nicht wieder gut zu machenden
Katastrophen bestraft. Schärfer formuliert: Es wäre grob fahrlässig, weiterhin auf
Technologien zu setzen, die das „Menschenrecht auf Irrtum“ negieren, zumal sich gezeigt
hat, dass das Festhalten an solchen Risikotechnologien die Entwicklung und Umsetzung von
risikoärmeren und damit menschenfreundlicheren Alternativen dauerhaft blockiert.“
(Michael Schmidt-Salomon, Erkenntnis aus Engagement, S. 420)
In einer kürzlich veröffentlichten Pressemitteilung warnte Schmidt-Salomon angesichts der Ereignisse
in Japan sowohl vor einer „hysterischen Panikmache, die die bestehenden Probleme verschärfen
würde“, als auch vor einer „weiteren ökologiotischen Verdrängung der Gefahren der
Atomtechnologie“. Es sei „ein Zeichen von Dummheit, eine Technologie zu nutzen, deren Risiken von
keiner Versicherung der Welt getragen“ würden: „Wären die AKWs auch nur halbwegs vernünftig
versichert, wäre Nuklearstrom so teuer, dass er keine Abnehmer mehr fände. Hieran erkennt man,
wie eng die Wahnsysteme Ökologiotie und Ökonomiotie miteinander verknüpft sind.“
Schmidt-Salomon hatte die Begriffe „Ökologiotie“ (ökologische Idiotie) und „Ökonomiotie“
(ökonomische Idiotie) erst vor wenigen Wochen in einem Gastbeitrag für das Lifestyle-Magazin
„Mind“ geprägt. Angesichts der aktuellen Vorgänge in Fukushima hat der humanistische Pressedienst
(hpd) nun Auszüge aus diesem Artikel veröffentlicht, siehe:
http://hpd.de/node/11296