Brücken bauen, Verletzungen

Predigt: Thema: Brücken überwinden Angst und Verletzungen.
Nehmet einander an, so wie Christus euch angenommen hat, zur Ehre Gottes
des Vaters! Röm.15,7
Wie fühlen Sie sich in der Kirche heute? Was hat Sie gefreut? Haben Sie schon
jemanden begrüsst, den Sie kennen, hat Ihnen schon jemand die Hand
gegeben? War das für Sie angenehm, oder haben Sie eher gemischte
Gefühle. Oder sind Sie heute schon in Gedanken in Rage gekommen, haben
sich gefragt, warum man einen Hellraumprojektor braucht im Gottesdienst,
oder vielleicht sind die Bänke zu hart, die Lieder unbekannt, jemand sitzt zu
nah oder zu weit weg, …
Wir haben unsere Kirchenkultur, aber nicht jeder fühlt sich wohl, nicht jeder
gleich wohl und nicht jeden Sonntag sind wir gleich bereit uns hier hinein zu
begeben. Ob wir uns auf diese Kultur einlassen, hängt von vielen Faktoren ab.
Dass Sie hier sind, zeigt aber, Sie möchten sich wenn möglich einlassen. Denn
jeder möchte doch dazugehören. Man möchte teilhaben dürfen am WirGefühl. Und hier beginnt unsere Kirchen-Not.
WIR sind die Kirche oder die Gemeinde und die anderen sind nicht die Kirche.
Wenn es hier ein WIR gibt, dann gibt es auch die ANDEREN die NICHT WIR
sind! Muss das wirklich so sein? Muss eine Gemeinschaft immer andere
ausschliessen? Geht es nicht ohne Dualismus?
Wir denken vielleicht: ja, das ist leider so, wer eine Gruppe begrenzt, grenzt
andere aus!
In Australien gibt es weite Steppen, so weit, dass die Bauern keine Zäune
gezogen haben. Weshalb laufen ihnen dann die Tiere nicht weg? Die Bauern
haben einfach in der Steppe einen Brunnen gebaut, und weil die Tiere nicht
ohne Wasser sein können, werden sie nie allzu weit weg vom Brunnen leben.
Auf diesen Weiden gibt es keine Grenzen, kein drinnen und draussen, sondern
nur Tiere, die näher oder weiter weg vom Brunnen sind, aber sie gehören alle
zum gleichen Brunnen, zur gleichen Weide.
Dieses Bild steht für eine Kirche, die vom Fokus ausgeht und nicht von einem
Status, den die einen haben und andere nicht. Jesus Christus ist nicht
gekommen um Weiden einzuzäunen, sondern um ein Brunnen mit
lebendigem Wasser zu sein für alle Menschen.
Ursprünglich hatte unsere Volkskirche die gleiche Absicht. Alle sollen als
Gottes Volk angesehen werden und dazugehören. Die Kirche und die Bibel
gehört doch allen, dachte man, taufte schon die kleinen Kinder möglichst
lückenlos und alle wurden als Christen angesprochen. Doch so ganz
funktioniert hat das leider nicht. Die Leute wurden mehr oder weniger zur
Kirche gezwungen, sie schmeckten den Duft des Wassers nicht, sondern
wurden bitter abgekanzelt und kontrolliert. Im Laufe der Jahrhunderte hat
man sich gegen eine solche Kirche gewehrt und die Menschen haben sich
weitgehend der Kirche entfremdet!
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Heute vertritt die Kirche nicht mehr das ganze Volk, sondern nur eine
Minderheit aktiver Kirchgänger. Auf einmal ist aus dem Brunnen in der Steppe,
der für alle offen ist, ein hoch eingezäuntes, schwer zugängliches Gebiet nur
für Eingeweihte geworden. Ja ein richtiger Munot mit Burggraben, wie
Matthias Küng am vorletzten Sonntag ausgeführt hat. Es ist ja ein Wunder,
dass die Kirche trotz dieser Geschichte überhaupt noch Mitglieder hat, aber
das muss wohl an der Gegenwart Christi liegen, die den Duft des
Lebenswassers doch noch durch alles Verkehrte durchströmen lässt.
Nun gibt es Versuche der isolierten Kirche, den Burggraben zuzuschütten und
die Welt in die Kirche zu holen, möglichst viele Kulturen der andern draussen,
Rockkonzert, Theater, Buisness, Unterhaltung unter der Kanzel, in der Hoffnung,
dass sich dann alle möglichen Leute, die jetzt draussen sind, dann wieder
wohler fühlen würden in der Kirche. Aber der Erfolg dieser Aktionen ist nur sehr
gering. Stimmt vielleicht etwas ganz anderes bei uns nicht?
Jesus hat den Gläubigen nicht aufgetragen: baut euch Kirchen, sondern er
hat zu ihnen gesagt: Gehet hin in alle Welt und machet alle Menschen zu
Jüngern. Also hingehen zu all den verschiedenen Kulturen, zu all den
verschiedenen Gruppierungen mit ihren eigenen Gesetzen. Hingehen,
Menschen erreichen, nicht hereinholen in unsern Pott, ist die Grundaufgabe.
Wir sind Gesandte als Christen. Wir haben eine Sendung Gottes! Jesus hat
einmal gesagt, wer an mich glaubt, der wird selbst zu einem Brunnen
lebendigen Wassers. Weil ja Christus in uns ist. Wer hat dieses Vertrauen? Du
gehst hin und bist eine Quelle für die Leute, dort wo sie sind, damit sie Jesus
Christus kennenlernen können, dort wo sie leben. Und sie kommen in Kontakt
mit der Quelle des Lebens, in ihren Verhältnissen. Denn die ganze Erde ist von
Gott geschaffen, und so gehört alles unserm Schöpfer, alles ist von ihm
ansprechbar. Dieser Brunnen in Jesus Christus gilt allen Menschen. Wenn wir
von der universalen Liebe Gottes ausgehen, dann fällt es uns nicht schwer,
menschliche Unterschiede aller Art zu überbrücken.
Nehmet einander an, so wie Christus euch angenommen hat, zur Ehre Gottes
des Vaters! Röm.15,7
In jedem Kreuzgang eines alten Klosters steht in der Mitte ein Brunnen. Der
Kreuzgang ist ein Geviert, das die Welt symbolisiert, gestaltet als ein Garten
unter freiem Himmel mit den vier Himmelsrichtungen und in der Mitte steht
dieses Brunnquell des Lebens. Kommt und trinket, die ihr durstig seid, es ist
umsonst, nehmt und trinkt. Der Kreuzgang ist offen. Und in einem Kloster ist
dieser Kreuzgang das Herzstück der Klosteranlage, die Kirche steht daneben
und wird auch fleissig gebraucht für die Gottesdienste, aber im Kreuzgang
meditieren die Mönche über ihr Leben, hier begegnen sie sich, hier tauschen
sie aus, hier findet das Leben statt. Sehen wir uns als Christen nur in der Kirche,
oder sehen wir uns auch im Kreuzgang der Welt?
Oft hindert uns die Angst vor der Welt, die so anders ist. Wie werden wir
Brückenmenschen ohne Angst? Ich finde in mir oft einen Widerspruch in
Gedanken und Gefühlen. Der erste Satz in mir heisst: So sehr hat Gott die Welt
geliebt, …, deshalb gehet hin in alle Welt. Der zweite Satz heisst: pass auf, die
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Welt ist böse. Steht nicht auch in der Bibel: habt nicht lieb die Welt noch was
in ihr ist?! Was stimmt jetzt, sollen wir die Welt lieben, so wie Christus sie geliebt
hat oder sollen wir sie hassen und meiden?
Leider liegt hier ein Missverständnis vor. Im Alten Testament gibt es den Begriff
der „Welt“ überhaupt nicht, es gibt nur die Schöpfung. Eine Erde, die Gott
geschaffen hat, Himmel und Erde gehören zusammen, alles ist auf Gott
hingeordnet und gehört ihm. Erst das Neue Testament spricht von „der Welt“.
Mit Welt ist aber nicht diese Erde oder die Natur, oder die Kultur der
Menschen gemeint, sondern eine Menschheit, die ohne Gott auskommt, die
sich nicht kümmert um Gottes Ordnungen, sondern noch ihrem eigenen
Gutdünken lebt, gemeint ist eine gottlose Welt. Und nun sagt die Bibel
zweierlei. erstens: Gott liebt diese Menschheit immer noch, obwohl sie sich
von ihm losgesagt hat und zweitens, wer in Jesus Christus lebt, ist nicht mehr
Teil einer Welt, die sich von Gott losgesagt hat, er lebt eigentlich in einem
neuen Zusammenhang, zwar immer noch in der Welt drin aber nicht mehr
von dieser Welt. Er muss nicht mehr sündigen!
Wenn wir dies nun ernst nehmen, dann heisst das, ein Christ soll sich nicht aus
der Natur des Menschseins entfernen. Ein Christ gehört in diese
Geschöpflichkeit der Welt hinein, wie jedes Geschöpf, er ist sogar einem
gesunden Körper, dem Sport, den Freuden am Schönen, der Vielfalt und der
Sinnlichkeit, den Blumen und Tieren, den Freundschaften und Kindern
besonders zugewandt. Er ist nicht lebensfeindlich, sondern lebensfreundlich,
denn Christus hat ihn ja dazu befreit. Zweitens, ein Christ unterscheidet
zwischen Kultur und Moral. Jede Kultur ist von Menschen geschaffen um auf
natürliche Bedürfnisse zu antworten. Es gibt die Kultur der thaiwanesischen
Küche und eine ganze Subkultur von Leuten, die dieses Essen lieben, es gibt
die Kultur des Modellbastelns und ein Club von Menschen, die sich als
Modellsegelflieger betätigen, es gibt die Kultur der Musik und unzählige
Subkulturen dazu. Keine Kultur ist an sich unmoralisch, sondern, wie wir mit
diesen Kulturen im einzelnen umgehen, das macht die Moral aus.
Als Christ leben wir in der Freiheit zu jeder möglichen Kultur, es ist uns alles
möglich, dem Jude ein Jude zu sein, dem Griechen ein Grieche sagt Paulus
und er meint damit, dass er keine Angst hat, zwischen heidnischen Tempeln
spazieren zu gehen, oder die jüdischen Gesetze zu halten, weil die Freiheit in
Jesus Christus in ihm lebte. Es wird Zeit, dass wir Kultur und Geist unterscheiden.
Manche Menschen meinen es sei geistlicher, Musik von Johann Sebastian
Bach zu hören als einen Jodelchor, oder Orgelmusik sei geistlicher als
Saxophon oder Schlagzeug. Doch da geht es nur um Kultur! Weil wir in der
Kirche gewisse Bräuche haben, halten wir sie für heiliger als andere Dinge.
Das ist Religiosität und reisst Gräben auf, verhindert Brücken, fördert die Angst
und die Verletzungen unter denen, die drin sind in der Kirche und denen die
draussen sind.
Wir müssen erkennen lernen, dass es nicht Gott ist, der solche Unterschiede
macht, sondern unsere Seele, die hat nämlich gerne eine gewohnte Kultur, in
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der sie zu Hause ist und sich wohl fühlen kann. Oft genug liebt unsere Seele
auch nur ihre fromme Kultur. Unsere Seele hat auch Angst vor fremden
Kulturen, die anders sind. Das müssen wir erkennen! Unsere Seele macht den
Dualismus.
Gott hat diese Angst nicht, Gott hat sich in Jesus Christus hineinbegeben in
unsere Welt, er hat seinen Platz im Himmel verlassen und ist zu uns gekommen,
ins Fremde. Und wir haben gehört, wie sich Jesus auch in Subkulturen hinein
begeben hat, da ging er zu den Fischern und steht in ihr Boot, ohne Angst vor
diesen anderen, vor dem was sie denken, wie sie leben. Dann geht er mit
ihnen fischen und fordert sie gleich heraus, ihm zu vertrauen, dass Gott noch
mehr über das Fischen weiss, als sie selbst. Und dann sagt er: kommt mit, ich
will euch zu Menschenfischern machen, ganz in ihrem Jargon sagt er das.
Keine Angst vor anderen Kulturen, aber doch auch nicht nur Anpassung, hat
Jesus gezeigt, sondern er blieb sich selber, ein Botschafter Gottes, er trug
dieses Neue zu ihnen: Hoffnung für die Menschen, Segen von Gott dem
Vater, einen Gott, der Menschen kennt und liebt, der sie annimmt und ihnen
neue Wege zeigt ein sinnvolles Leben zu führen – all das bringt Jesus mit sich
und trägt es in diese Fischer -Kultur hinein.
Wenn ich gesagt habe, dass wir Kultur und Ethik unterscheiden müssen, dann
geht es also um noch viel mehr als ein bisschen Moral, auch wenn wir gewiss
nicht als Christen bei allem und jedem ungesunden Zeug mitmachen werden,
auch diese Freiheit haben wir ja, wir müssen nicht mehr sündigen!
Wir haben vor allem als Christen den Auftrag, Brücken-Menschen zu sein im
Namen Jesu Christi, um diese Annahme, mit der Gott uns gefunden hat in
anderen Kulturen zu verbreiten, - und Christus hat ja in unsere Kultur
hineingefunden, er hat zu uns gefunden Als Brückenmenschen sind wir in Christus befähigt, Grenzen zu überschreiten
und Menschen aufzusuchen dort wo sie leben!
Nehmet einander an, so wie Christus euch angenommen hat, zur Ehre Gottes
des Vaters! Röm.15,7
Heisst das nun, liebe Gemeinde, dass wir unsere Kirchen nicht mehr
brauchen? Nein, ich bin froh um einen Versammlungsort wie diesen. Diese
Kirche ist unser Brunnenhaus, wo wir uns immer wieder der Quelle in Christus
versichern.
Doch unser eigentlicher Auftrag ist grösser, nämlich hinzugehen und die
Menschen anzunehmen, so wie Christus uns angenommen hat. Ich meine,
wenn wir hingehen und es leben, wird Kirche auf einmal dort stattfinden,
Heilung wird fliessen, die Quelle wird gebraucht, die Kirche wird mehr sein als
das hier.
Viele Menschen sind von der Kirche verletzt, die sie gefordert und abgestraft
oder auch ausgegrenzt hat. Umgekehrt lebt in vielen Gläubigen eine Angst,
als Christ verspottet oder verlacht zu werden, wenn man sich in
nichtkirchlichen Kreisen als fromm zu erkennen gibt. Hier sind wir gegenseitig
aneinander schuldig geworden. Und alle leiden dabei am Gleichen: nämlich
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an der Erfahrung, ausgeschlossen zu werden, ausgestossen, wie Christus, den
sie draussen vor der Stadt ans Kreuz gehängt haben.
In Christus können wir deshalb Begegnungen mit offenem Herzen wagen,
versöhnendes Aufeinander Zugehen. Prüfen Sie einmal sich selbst, wie Sie auf
Menschen in ihren Vorlieben und in ihrem Anderssein zugehen. Sind Sie
einfach höflich, aber distanziert? Sind Sie freundlich mit Taktik, damit der
andere dann auch Ihnen zuhört? Oder gehen Sie in eine andere Kultur hinein
mit offenem Herzen, mit der Liebe Christi, die uns selber angenommen hat?
Diese letzte Haltung allein, wird Frucht der Versöhnung bringen, diese Haltung
der Annahme mit offenem Herzen wird uns als Brückenmenschen brauchbar
machen für Gottes Botschaft.
Er sendet uns, liebe Gemeinde, die Kirchen öffnen ist gut, noch besser ist es,
wenn wir uns selber öffnen, ohne Angst und Verletzungen den Nächsten
herzlich annehmen, so wie Christus uns angenommen hat.
Amen.
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