Von verkannten Hunden bekannter Menschen und umgekehrt

Dana Horáková
101
Top
Dogs
Von verkannten Hunden bekannter Menschen und umgekehrt
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INHALT
WARUM DIESES BUCH? .............................................................................................................. 12
1. Am Anfang war das zarte Herz einer Frau..................................................................................16
Einer der Ersten / Eine Frau
2. Pharaos persönlicher Begleiter ins Jenseits............................................................................... 19
Abuwitiyuw / Tutanchamun
3. Katze oder Hund, das ist hier die Frage.................................................................................... 22
Archie / Andy Warhol
4. D
er Schutzpatron aller treuen Hunde....................................................................................... 25
Argos / Homer
5. Der intelligenteste aller Hunde................................................................................................. 28
Arpad / Heinz Rühmann
6. „Du Mensch!“......................................................................................................................... 31
Atman / Arthur Schopenhauer
7. T elefonate mit dem blinden Favoriten....................................................................................... 34
Baby Boy / Liberace
8. Trauern darf der Hund, nur nicht öffentlich.............................................................................. 37
Baltique / François Mitterand
9. M
it Schnaps am Hals oder doch eher ohne?............................................................................ 40
Barry / Augustiner Chorherren
10. Im Dauerkampf mit den „Hunden im Souterrain“.................................................................. 43
Bauschan / Thomas Mann
11. Der Don Quijote unter den Hunden........................................................................................ 47
Berganza & Cipión / Miguel de Cervantes
12. Die Head-Hunter des Königs.................................................................................................. 50
Biche / Friedrich II.
13. „An Bimberl 1000 Buserln“................................................................................................... 54
Bimberl / Wolfgang Amadeus Mozart
14. Ein Hundehaar fürs Poesiealbum der Verehrerinnen............................................................... 57
Boatswain / Lord Byron
15. Kopfgeld auf den Teufelshund des Kavaliers........................................................................... 61
Boye / Prinz Ruprecht von der Pfalz
16. Wie der Landseer zu seinem Namen kam............................................................................... 64
Brutus / Edwin Landseer
17. Wenn der Mensch zur Bestie wird, wird der Hund zum Wolf.................................................. 67
Buck / Jack London
18. Die spinnen, die Menschen.................................................................................................... 71
Charles le Chien / John Steinbeck
19. Männliches Modell einer lesbischen Malfürstin....................................................................... 74
Charlie / Rosa Bonheur
20. Hundgerechter Palast am Canale Grande............................................................................... 77
Celinda / Peggy Guggenheim
21. F euerprobe der Liebe............................................................................................................. 81
Diamond / Isaac Newton
22. Schottische Aristokraten in der Glut Afrikas........................................................................... 84
Dusk / Karen alias Tania Brixen
23. Die Schoßhunde des Old Shatterhand.................................................................................... 88
Engelchen & Seelchen / Karl May
24. Der erste Medienhund der Geschichte .................................................................................. 92
Fala / Franklin Roosevelt
25. Nicht ohne meinen Hund....................................................................................................... 96
Famous / Audrey Hepburn
26. A
us Liebe zum Hund – auf zum Weltfrieden!.......................................................................... 99
Fanfan / Émile Zola
27. „Dieser Hund war meine dritte Mutter“................................................................................. 102
Fido / Abraham Lincoln
28. Hochzeitsnacht zu dritt.......................................................................................................... 106
Fortune / Napoleon Bonaparte
29. Der Krieg der Burg-Hunde..................................................................................................... 110
Gyula / Václav Havel
30. D
er „Personal Dachshund“ des Medientycoons..................................................................... 114
Helen / William Randolph Hearst
31. Ein Unfugstifter als Stammvater Deutscher Schäferhunde ...................................................... 117
Horand von Grafrath / Max von Stephanitz
32. Schoßhunde? Nein, danke..................................................................................................... 119
Horseguard / Kaiserin Sissi
33. Der Song seines Herzens........................................................................................................ 123
Hound Dog / Elvis Presley
34. Der Hund, der auf beiden Polen Gassi ging............................................................................ 126
Igloo / Richard E. Byrd
35. „Böse Hunde gibt es nicht, nur unerfahrene Hundehalter“.................................................... 129
Jean / Barbara Woodhouse
36. Hunde am Arbeitsplatz? Never ever!...................................................................................... 132
Jenny / Steve Jobs
37. T herapiehund der ersten Stunde............................................................................................ 136
Jofi / Sigmund Freud
38. Spukt der Herr herum, geistert auch der Hund...................................................................... 140
Kabar / Rudolph Valentino
39. Der „Service Dog“ des blinden Mädchens............................................................................. 143
Kamikadze / Helen Keller
40. Verheiratet mit einem „Hund“............................................................................................... 147
Khina Markowna & Brom Isajewitsch / Anton P. Tschechow
41. Apotheke auf vier Beinen....................................................................................................... 151
Der Hund an sich / Hildegard von Bingen
42. Wunschlos glücklich wie ein Hund......................................................................................... 154
Kyon / Diogenes von Sinope
43. Geteilter Hot Dog, geteiltes Glück.......................................................................................... 157
Lady / Walt Disney
44. Ein Astro-Hund, allein im All.................................................................................................. 160
Laika / Olek Gasenko
45. Debüt mit Liz Taylor............................................................................................................... 163
Lassie / Eric Knight
46. Ein Hund mit der Lizenz zum Betteln...................................................................................... 166
London Jack / Mr. Wickins
47. Dreijährig im Auto um die Welt.............................................................................................. 169
Lord / Clärenore Stinnes
48. Ein Hund weiß alles, aber sagt nichts..................................................................................... 172
Lufthund / Franz Kafka
49. Ein Freund mit einem Schleifchen auf der Stirn....................................................................... 176
Lulu / Giuseppe Verdi
50. Der meist gekaufte Lump der Welt........................................................................................ 178
Lump / Pablo Picasso
51. Frankenstein auf Pfoten.......................................................................................................... 181
Lumpi / Michail A. Bulgakow
52. Ein Kunstkritiker, der markiert................................................................................................ 183
Männe / Max Liebermann
53. „Dogs never bite me. Just humans“....................................................................................... 186
Maf / Marylin Monroe
54. Von seinen eigenen Hunden verraten.................................................................................... 189
Maida / Walter Scott
55. „Keine Panik, unsere Beziehung war platonisch!“.................................................................. 192
Martha / Sir Paul McCartney
56. Vom Hundedieb zum Kultautor............................................................................................. 195
Max / Jaroslav Hašek
57. Der Hund der Zaren und des Star-Revoluzzers ....................................................................... 198
Maya / Lew Trotzki
58. Salonfähige Schoßhunde, immer noch lieferbar..................................................................... 201
Mimi & Inés / Madame Pompadour
59. Erst Souvenir, dann Accessoire – aber niemals mehr............................................................... 204
Minuccio / Sarah Bernhardt
60. Ein Kommissar mit dem Spürsinn eines Hundes..................................................................... 208
Mister / Georges Simenon
61. In der Luft mit dem Roten Baron............................................................................................ 211
Moritz / Manfred Freiherr von Richthofen
62. Der Einstein unter den Hunden.............................................................................................. 214
Munito I. / Castelli d‘Orino
63. Zwei Streuner mit Herz für Komik.......................................................................................... 217
Mutt alias Scraps / Charlie Chaplin
64. Wo Milz ist, ist Melancholie, ist Hund.................................................................................... 221
Unbekannt / Albrecht Dürer
65. Können Hunde Wunder wirken?............................................................................................ 224
Unbekannt / Margaretha von Cortona
66. Seine Exzellenz, der Schoßhund............................................................................................. 228
Unbekannt / Maria Theresia von Österreich
67. „
Ich bin ein Hund, ein Collie!“............................................................................................... 231
Sir Nickolson of Garelocheed / Glenn Gould
68. Von der Straße vor den Trichter............................................................................................. 234
Nipper / Francis James Barraud
69. Ersthörer von Wagners Meisterwerken.................................................................................. 237
Peps / Richard Wagner
70. Der treuloseste Hund aller Zeiten........................................................................................... 241
Pet / Liv Ullmann
71. Zottelige Zeugen der Anklage................................................................................................ 244
Peter / Agatha Christie
72. Namenspatron einer neuen Stadt........................................................................................... 248
Peritas / Alexander von Makedonien
73. W
er hat Angst vor Pinka, Flush & Co.? .................................................................................. 251
Pinka / Virginia Woolf
74. Egal ob Hund oder Mensch, Hauptsache dressiert.................................................................. 254
Plisch & Plum / Wilhelm Busch
75. Ein bisschen Mensch ist der Hund ganz gewiss...................................................................... 257
Polly / Charles Darwin
76. Drei vierbeinige Globetrotter auf drei Kontinenten................................................................. 261
Railway Jack, Owney, Bob the Railway Dog / Mr. Moore, Mr. Owen, Mr. Evans
77. V
on den Frontgräben nach Hollywood................................................................................... 264
Rin Tin Tin / Lee Duncan
78. Diesem Hund fehlte nur noch der Doktor-Titel....................................................................... 267
Rolf / Paula Moekel
79. D
er Pudel und der Schwarze Hund im Kampf um Churchill ............................................... 271
Rufus / Winston Churchill
80. Der einzige vierbeinige Heilige der Welt................................................................................. 275
Saint Guinefort / Ritter und Schlossherr
81. Mit „Hitch“ im Ehebett.......................................................................................................... 278
Sarah / Alfred Hitchcock
82. Das also war des Pudels Problem?.......................................................................................... 280
Schwarzer Pudel / Johann Wolfgang von Goethe
83. Ein nackter Hund statt Baby................................................................................................... 284
Señor Xolotl / Frida Kahlo
84. P olarhunde: Erschossen, verspeist, vergessen......................................................................... 287
Shakespeare / Frank Hurley
85. Der Sheriff und die Bestien.................................................................................................... 290
Sheriff / Friedrich Dürrenmatt
86. Das kleinste Braveheart der US-Army..................................................................................... 292
Smoky / Corporal Bill Wynne
87. „Glück ist ein warmer Welpe“ ............................................................................................... 295
Snoopy / Charles M. Schulz
88. Ganz der Papa, oder: Hundekopie aus dem Labor................................................................. 298
Snuppy / Woo Suk Hwang
89. Streng geheim: Die Hunde des FBI-Direktors.......................................................................... 300
Spee Dee Bozo / J. Edgar Hoover
90. „JEDER Hund ist besser als keiner“........................................................................................ 303
Stasi / Konrad Lorenz
91. Von Hunden, Sternen, Göttern und Hitze............................................................................... 306
Sirius & Prokyon / Osiris bzw. Orion
92. Der Star-Alkoholiker unter den Hunden.................................................................................. 308
Struppi / Prosper alias Hergé
93. Sergeant Stubby’s Heldentaten.............................................................................................. 310
Stubby / John Robert Conroy
94. Die Reichsdoggen des Eisernen Kanzlers................................................................................ 312
Sultan / Otto von Bismarck
95. Die ersten First Dogs Amerikas............................................................................................... 315
Sweet Lips / Georg Washington
96. Die Nacht des schwarzen Hundes ......................................................................................... 318
Tölpel / Martin Luther
97. Man hoffte auf ein Wunder – es kamen Schlittenhunde ........................................................ 321
Togo & Balto / Leonhard Seppala, Gunaar Kaasen
98. Seinetwegen duellierte sich der Doktor................................................................................. 324
Tom / Axel Munthe alias Puck Munthe
99. Duette mit der „La Divina“.................................................................................................... 327
Toy / Maria Callas
100. Kein weißer Hund, kein rosa Happy End............................................................................... 330
Twi-Twi / Barbara Cartland
101. A
ls Diplomat ungeeignet...................................................................................................... 333
Urian / Thomas Wolsey
Über die Autorin.......................................................................................................................... 335
Bildnachweis................................................................................................................................ 336
WARUM
DIESES BUCH?
„Es gibt eine andere Welt, aber sie ist in dieser.“
Paul Éluard
„Gib dem Menschen einen Hund und seine Seele wird gesund.“
Hildegard von Bingen
Fakt ist: Als Biche stirbt, weint Friedrich der Große bitterlich, öffentlich und lange. Auch die beiden Komponisten Giuseppe Verdi und Richard Wagner heulen geradezu ungehemmt, nachdem ihre Hunde Lulu und Peps das Irdische segnen
– nachzulesen in ihren Briefen. Über Abraham Lincoln – um einen weiteren der charismatischen Großen zu nennen, die
ihre Zeit und ihre Mitbürger prägten –, weiß ein Zeitzeuge zu berichten, dass er sich, wenn „von Sorgen übermannt,
einen kleinen Hund von der Straße holt und so lange mit ihm spielt, bis er wieder munter ist“. Mit Winston Churchill
erzählt ein anderer Entscheider in seinen Memoiren unumwunden, welche Rolle die Vierbeiner für den Erhalt seines
psychischen Gleichgewichts spielen und gesteht sogar, dass er sich in den Wochen nach Rufus‘ Tod bewusst von Orten
wie Bahngleisen oder Schiffsrelings ferngehalten hat, um dem „Schwarzen Hund“, wie er seine Depressionen nennt,
nicht nachzugeben, und aus einem Impuls Selbstmord zu begehen. Und noch eine historisch verbürgte Begebenheit:
Als Sigmund Freud merkt, dass sich Jofi verkriecht, um dem Geruch seiner offenen Krebswunden zu entkommen,
bittet er seinen Hausarzt, ihm das erlösende Morphium zu injizieren ...
Das sind Szenen, die – warum leugnen? – zunächst etwas seltsam anmuten, vielleicht sogar peinlich berühren, weil
sie so privat, ja intim sind und kaum zu jenen ehrwürdigen Porträts passen, die wir von den Protagonisten unserer
Kulturgeschichte vor Augen haben. Ist doch der Auslöser dieser ebenso irritierenden wie berührenden Situationen kein
Ebenbürtiger, sondern eben nur ein Hund.
Man stelle sich vor: Der „Eiserne Kanzler“ Bismarck, der vor seinem sterbenden Hund auf dem Boden sitzt und ihm
„liebkosende Worte zuflüstert und vor uns seine Tränen zu verbergen versucht“. Ist das nicht ein Bild, das haarscharf
an einer Herrschaftsbeleidigung vorbeischrammt? Oder ein Charles Darwin, der zu seiner Hündin, die ihre Welpen
verloren hat, „unglaublich zärtlich war, niemals Ungeduld wegen der Aufmerksamkeit, die sie verlangte, zeigte“,
und ihretwegen seine Arbeit an der Evolutionstheorie vernachlässigte? Sind diese, des Öfteren als Schwächeanfälle
abgestempelte Momente nicht unvereinbar mit dem Image eines Menschen, der sich seinen Platz in der Gesellschaft
dank seiner Disziplin und nachhaltigen Aufopferung im Dienste einer höheren Mission sicherte? Widersprechen sie
nicht jenem, didaktisch sicherlich wertvollen Bild, das mit jeder weiteren Festansprache bei wiederkehrenden Jubiläen
festgenagelt wird?
12
Ich denke nicht. Denn gerade diese Momente, in denen gemeinhin als „normal“ empfundene Leidenschaften wie das
Streben nach Ruhm und Ehre ruhen und alle Zweifel und familiären Zwänge für einen Augenblick vergessen sind, in
denen also allein der Hund zählt, gerade diese Momente verschaffen einen unverfälschten Einblick. Und erst wenn
man diese Szenen mit der exponierten Stellung, der Machtfülle und einer oft amtsbedingt emotionalen Härte dieser
Berühmtheiten zusammen denkt, hat man den ganzen Menschen. Und doch werden Hunde, die zwar nicht die Welt,
aber ganz sicher ihre Menschen veränderten, jenseits ihrer vier Wände immer noch kaum wahrgenommen, und ihr
Anteil an der Entstehung so mancher Erfindung, einer Heldentat oder eines Kunstwerks weder erkannt noch gewürdigt. Das möchte dieses Buch ändern.
Schließlich sind Hunde seit mindestens 15.000 Jahren, also seit die Menschen ihr Dasein auf diesem Planeten in die
Hand nahmen und gestalteten, allgegenwärtig. Der Hund ist unser ältestes Haustier. Und die paläoanthropologische
Forschung geht davon aus, dass sich Mensch und Hund in den fernen, dunklen Höhlentagen freiwillig zusammengeschlossen haben, und dass dieses gewinnbringende Zweckbündnis unsere Zivilisationsgeschichte maßgeblich markiert.
Wohin der Mensch geht, dahin geht der Hund: Kolumbus nahm Kampfhunde mit in die Neue Welt, Roald Amundsen
auf den Nord- und Südpol, Laika war das erste Lebewesen, das die Weltraumforscher ins All schickten, und die NASAAstronauten von Apollo 11 nannten ihr Mondlandegefährt sinnigerweise „Snoopy“.
Trotzdem findet man Hunde in keinen Geschichtsbüchern und noch seltener in dokumentarischen Filmaufnahmen.
Anders in der Kunst.
Hunde werden von Anfang verewigt, wie zum Beispiel in Südanatolien in der nach Auffassung vieler Wissenschaftler
ältesten und größten Steinzeit-Siedlung der Welt: An einer Tempelwand in Çatal Höyük malt ein Kreativer vor etwa
9.000 Jahren einen athletischen Mann, der, mit Pfeil und Bogen bewaffnet und einem Hund zur Seite, es ebenso
entschlossen wie furchtlos mit einem massigen Ur-Büffel aufnimmt.
Ein Hund war und bleibt eben der nicht selten einzige loyale Verbündete in Krisenzeiten und letzter Sozialpartner
eines einsamen Alters, unabhängig davon, ob sein Mensch ein Premierminister oder ein Penner ist, ob er im neuesten
Prada-Anzug daherstolziert oder in einem zerschlissenen Parka herumschlurft. Hunden sind Konten und Falten, Lügen
und Lobeshymnen, die ihre Menschen beschäftigen, bekanntlich egal.
Schon in der biblischen Parabel vom reichen Prasser und dem armen Lazarus sollen es Hunde gewesen sein, die Lazarus die Geschwüre leckten, bevor er von Engeln in das ewige Leben getragen wurde. Und es ist ausgerechnet ein Hund
gewesen, der als einziger Odysseus, den rechtmäßigen Herrscher über Ithaka, erkannte, als dieser zwanzig Jahre nach
dem Ende des Trojanischen Kriegs heimkehrte. So viel die Sagen.
Aber man trifft auf sie auch in altehrwürdigen Chroniken und zeitgerechten Tatsachenberichten: Ein Hund war vor
Ort, als Alexander der Große am 1. Oktober 331 v.Chr. bei Gaugamela in die entscheidende Schlacht gegen die Perser
zog und rettete sein Leben. Ein Hund wachte in der Nacht auf den 16. Oktober 1793 in dem feuchten, dunklen „Wartezimmer auf die Guillotine“ bei Marie Antoinette und wärmte sie. Franklin Delano Roosevelt, im Rollstuhl sitzend,
hatte in der Schicksalsnacht von 9. auf den 10. Mai 1940, als er aus sein Land in den Zweiten Weltkrieg führte, um
die Demokratie zu retten, im Weißen Haus seinen Hund als eine Art Kraftquelle stets in seiner Nähe. Ein Hund war
auch der einzige, der am 5. August 1962 Marylin Monroe in ihrem Bungalow abzulenken versuchte, bevor sie eine
Überdosis Schlaf- und Beruhigungstabletten mit Alkohol herunterspülte. Einen Hund, seinen Arzt und niemanden
sonst wollte Franҫois Mitterand bei sich haben, nachdem er im Sommer 1992 erfahren hatte, dass sein Krebs in die
finale Phase eingetreten war ... Unnötig zu erwähnen, dass unzählige weitere Beispiele berichten, wie ein Hund zum
heimlichen Alter Ego seines Halters wurde.
Wieso also wird der Verdienst des Hundes um den Erhalt unseres Seelenheils übersehen bzw. in das Reich der Anekdoten, des Hypothetischen, Nebensächlichen verbannt? Entspringt die archaische Sehnsucht nach einem zotteligen
Gefährten nicht dem Fernweh des Kulturmenschen nach dem verlorenen Paradies? Nach einem Einklang mit sich und
dem Universum? Aber vielleicht sind die meisten Biographen gar nicht erst auf die Idee gekommen, sich mit einem so
profanem „Ding“ zu beschäftigen, und einige Halter verschweigen schlicht ihre Liebe zu ihrem „Hundevieh“, um ihr
Image nicht zu gefährden. Verständlich, dennoch schade.
13
Und heute? Das moderne Leben wird immer komplexer und damit undurchsichtiger, die Single-Society anonymer, der
Umgang miteinander zunehmend virtueller. Also wächst der Wunsch nach lebendiger Wärme, nach einem zuverlässigen Verbündeten, der die Isolation etwas aufbricht, nach einem Kumpel, der bereit ist, den täglichen Klein-Kummer
bei einem Waldspaziergang, auf einer Wiese oder im Wohnzimmer wegzuspielen. Also entscheiden sich viele, die
aus dem Arbeitsprozess aussortiert werden, deren freundschaftliche Netzwerke zerreißen, die einen Partner verloren haben, immer häufiger für einen Hund, der mit der Zeit zu einem echtem Familienmitglied wird. Obwohl dieses
Bedürfnis gelegentlich als ein Begleitphänomen einer gesellschaftlichen Degeneration gewertet und die Beziehung
der Hundehalter zu ihren Hausgenossen zur peinlichen Gefühlsduselei herabgestuft wird. Eine Frau, die von einer
Parkbank aus verträumt ihren herumtollenden Hund betrachtet, wird doch von einigen ihrer gestrigen Mitmenschen
immer noch als eine arme „alte Jungfer“, die für ihr Schoßhündchen Söckchen strickt, hingestellt, und ein Mann, der
seinem Hund etwas zärtlich zuflüstert, als ein hoffnungsloser Looser abgestempelt.
Die ersten Anzeichen eines Umdenkens kommen – ausgerechnet! – von der Deutschen Friedhofsgesellschaft: Da „sich
die Rolle des Haustieres in der Gesellschaft verändert hat“, dürfen seit Mitte 2015 Mensch und Tier in einigen Friedhöfen in gemeinsamen Urnengräbern beigesetzt werden. Natürlich gibt es Kritiker, die dieses Angebot für pietätslos
halten und sich fragen, ob es überhaupt rechtens ist, da die Beisetzung von Hunden & Co. hierzulande (wie köstlich
sachlich!) unter das Beisetzungsgesetz für tierische Nebenprodukte fällt. Mir erscheint dieser Schritt vielmehr als eine
herzergreifende Referenz an jene Zeiten, als der Tod noch kein Tabu gewesen ist, als man offenbar auch für das Jenseits auf die Schutzkraft des treuen Begleiters vertraute und Hund wie Mensch ihre letzte Ruhe, wie archäologische
Grabungen bezeugen, in einem gemeinsamen Grab fanden.
Kurz: Das Kind des Wolfes, das sich an unserer Seite in den Canis lupus familiaris verwandelte, zieht uns mit seiner
nonverbalen Rhetorik nach wie vor magisch in seinen Bann. Und es ist uns im Laufe seiner Domestikation ähnlicher
geworden als so manche Primaten. Offensichtlich besitzt der Hund – und nicht etwa der Schimpanse! – eine oft unheimlich wirkende, sozialkognitive Fähigkeit, die es ihm ermöglicht, aus unserem Verhalten schlau zu werden. Eines
steht eh schon seit Urzeiten fest: Keiner versteht uns besser. Und das macht den Vierbeiner zu einem außerordentlich
wirksamen Antidepressivum, wie bereits die famose Nonne Hildegard von Bingen vor knapp tausend Jahren erkannte.
Müsste es also – nur ein Gedanke! – angesichts des alarmierenden Anstiegs von Psycho-Krankheiten Hunde nicht
endlich auch auf Rezept geben? Versuchen nicht immer mehr vernunftbegabte, von zwischenmenschlichen Enttäuschungen geplagte Erdenbürger ihren Gram zu verkraften, indem sie das warme Fell ihrer selbstlosen Begleiter an sich
drücken?
Der Homo sapiens und sein Hund – es ist einer der wundervollsten und geheimnisvollsten Vorgänge in der ganzen
Natur. Die Welt um sie hat sich geändert, die Beziehung zwischen den beiden hingegen kaum. Ich werde nie nachempfinden können, wie es auf einer Kaffeefarm in Afrika zuging, auf der Tania Blixen den Erzählungen der Einheimischen lauschte und ihre eigenen erfand. Auch die Etikettenzwänge des Wiener Hofs, denen die Kaiserin Elisabeth von
Österreich ausgeliefert war, bleiben mir verschlossen. Ebenso wie jenes Hochgefühl, das Audrey Hepburn während
der Standing Ovations bei der Oscarverleihung berauschte. Aber ich weiß, wie es sich anfühlt, um einen verschollenen
Hund zu bangen. Und meine Angst, wenn mein Hund krank ist, kann nicht wesentlich anders sein als die der 101
Hundemenschen in diesem Buch. Auch die Freude darüber, dass er mich nach einer einstündigen Abwesenheit mit
akrobatischen Luftsprüngen so enthusiastisch begrüßt, als wäre ich von einer Mondreise zurückgekehrt, wird sich
vermutlich so ähnlich anfühlen wie die der Stars und VIPs.
Das schafft irgendwie eine anregende Augenhöhe, die hilft, die fernen Helden, aber auch die heutigen Großen neu,
vielschichtiger zu verstehen. Sieht man eine Celebrity mit einem Hund im Arm, schmilzt plötzlich der imaginäre Podest,
auf den man ihn unbewusst stellt. Man wird offener für seine Entscheidungen, Fehler und Visionen. Und vielleicht
entsteht sogar eine Art neuer, toleranter Achtsamkeit sich selbst und anderen Lebewesen gegenüber, die helfen
könnte, sich auf jene Gemeinsamkeiten einzulassen, die nicht nur den eigenen Hund, sondern auch Menschen „aller
Rassen“ einschließt.
Es gibt schließlich keine deutschen, amerikanischen, tschechischen Hunde. Nur Hunde, die selig sind, wenn sie spüren,
dass sie ihren Menschen glücklich machen, und die Schmerzen empfinden, wenn sie verprügelt werden: „Hunde sind
14
auf der ganzen Welt Brüder geworden, die überall mit derselben Zärtlichkeit gestreichelt, nach demselben Rechtskodex behandelt werden“, schwärmt Émile Zola, einer der nüchternsten und politischsten Schriftsteller Europas, „Ist das
nicht der Traum von einem Ort, an dem das Glück für alle da ist? Wäre es nicht wünschenswert, dass sich die Menschheit von heute an dieser Internationalität der Hunde orientiert? Damit schließlich der Frieden über die Erde herrscht?“
Für die 101 Menschen in diesem Buch war ihr Hund jedenfalls ein ebenso unabdingbarer Bestandteil ihrer Biographie
wie ihre Karrieren, Niederlagen und Siege, er war ein Gefährte, ohne den sie womöglich anders gelebt, anderes geleistet hätten.
Richtig: Kein Hund wird je eine Oper komponieren, eine Schlacht gewinnen, einen Roman schreiben, ein Computerspiel programmieren. Aber warum sollte er auch, wenn all dies in den Kompetenzbereich seines Menschen fällt, was
ihm keineswegs entgangen ist?
Ich frage mich allerdings, ob Isaac Newton seine drei Axiome der Mechanik formuliert hätte, hätte ihm sein Hund
in den Monaten seiner „düsteren Verwirrung“ nicht geholfen, seine „vorige Geistesfestigkeit“ wiederzugewinnen?
Hätten die Amerikaner die Sklaverei abgeschafft, wenn nicht ein Hund Lincoln als Teenager das Leben gerettet hätte?
Hätte Agatha Christie ihre unvergleichlichen Krimis geschrieben, wenn ihr Hund, dem sie ihr erstes Buch nach ihrem,
heute mysteriösen Verschwinden widmet, ihr nicht die Kraft gegeben hätte, zurück an den Schreibtisch zu kehren?
Zu diesen Fragen schweigt die Geschichte. Oder ignoriert sie. Bislang jedenfalls.
Notabene: Die Hunde werden, da mir kein unaufgeregteres, demokratischeres Ordnungskriterium bekannt ist, in
alphabetischer Reihenfolge vorgestellt und die Namen der Fiktiven, bekannt aus Film und Literatur, in Anführungszeichen gesetzt. Gibt es eine Archivaufnahme mit dem einen oder anderen und seinem Frauchen oder Herrchen, wird
auf das YouTube-Filmchen hingewiesen.
Schließlich und endlich: Dieses Buch ist kein Lexikon, eher eine Sammlung von Geschichten. Und vor allem ein augenzwinkernder Versuch einer längst überfälligen Ermunterung, ein wenig von dem Applaus, den wir für unsere zivilisatorischen Errungenschaften einheimsen, an den Hund, diesen genügsamen Bodyguard unserer Seele, weiterzugeben.
Nur weil er keinen Anspruch auf einen Platz im Rampenlicht erhebt, heißt das noch lange nicht, dass er ihn nicht
verdient hätte.
Dana Horáková
Übrigens:
Mein Hund – ein Charmeur von Gottes Gnaden! – leistet meines Wissens nichts Weltbewegendes. Bis dato jedenfalls.
Dafür erquickt er mit seinen Einfällen nicht nur mich, sondern auch Menschen, die man so beim Gassigehen trifft.
Dutzende von Menschen, täglich. Menschen jeglichen Alters. Sie strahlen ihn selbstvergessen an, reden, spielen mit
ihm, im Sommer wie im Winter. Und so fürchte ich, dass ich in meinem ganzen langen Leben nicht annähernd so viel
Freude stiften konnte wie mein Hund in seinem kurzen.
15
1. Am Anfang war das zarte Herz einer Frau
Der Hund: Einer
der Ersten. Ein
Welpe. Lebt vor
rund 12.000 Jahren
im heutigen Israel,
gestorben mit etwa
fünf Monaten. Das
Jungtier hat einen
verkürzten Kiefer,
was Archäologen
für einen untrüglichen Beweis dafür
halten, dass vor Ort
die kanide Zivilisationsgeschichte ihren
L au f g e n o m m e n
hat.
S ein Mensch:
Eine Frau . Lebt
vor rund 12.000 Jahren in Ain Mallaha
im heutigen Israel.
Offenbar kinderlos
gestorben. Nackt,
ohne Beigaben begraben.
•••
Im Sterben liegend
streichelt diese Frau
vor et wa 12.0 0 0
Jahren einen Welpen. Ihr gemeinsames Grab wird erst
1954 entdeckt.
16
Zusammengerollt wie ein schlummernder Hund, die linke Hand beschützend, zärtlich auf einem etwa fünf Monate
alten Welpen gelegt – so haben die Archäologen diese Frau anno 1954 in israelischen Ain Mallaha, rund 25 Kilometer
nördlich vom See Genezareth, gefunden. Bestattet hat man sie vor rund 12.000 Jahren. Was blieb, ist ein stilles Bild
einer fernen Liebe ...
Wer ist diese Frau? Wieso streichelt sie – schon sterbend? – einen Hund? Wieso legt man den Hund in ihr Grab?
Aber vielleicht hat man ihn gar nicht reingelegt, vielleicht ist er zu ihr gesprungen. War sie krank? Hat man sie für ein
furchtbares Vergehen bestraft? Oder wurden die beiden einer uns unbekannten Gottheit geopfert? Aber vielleicht gehörte sie zu jenen mächtigen, kundigen „Hexen“, die seit eh über ein unheimliches Wissen verfügen und opferte sich
selbst, um böse Geister von ihrer Sippe zu vertreiben. Ist das überhaupt ihr Hund? Oder einer der herrenlosen Tiere,
das man loswerden möchte? Lebt der Welpe noch, als man sie beide mit schwerer Erde bedeckt? Werden sie beiden
lebendig begraben? Gesellt sich das Hündchen vielleicht sogar aus freiem Willen zu ihr, aus einem, uns heute noch
unbegreiflichen, aber für die meisten Hunde selbstverständlichen Mitgefühl mit den Einsamen ...? Fragen über Fragen.
Das Letzte jedenfalls, was diese Frau, die offensichtlich niemals Kinder gebar, auf Erden tat, war, liebevoll tröstend
einen Hund zu streicheln. Und schaut man länger hin, übermannt einen das Gefühl, ein voyeuristischer Eindringling zu
sein, einen unendlich intimen Augenblick zu stören. Aber zugleich erwacht die Erkenntnis, dass der Mensch, sobald er
sich auf seinen letzten Weg machte, bereits damals ausgerechnet einem Hund eine ganz besondere Rolle zugedacht
hat. Dass ein vierbeiniger Begleiter für sein Weiterleben im Schattenreich der Toten „überlebenswichtig“ gewesen ist,
jedenfalls, solange er ans Jenseits glaubte.
Es steht immer noch nicht fest, wann der archaische Homo sapiens beginnt, sein Dasein mit den Ur-Hunden zu teilen.
Aber vermutlich geschieht es zu jener Zeit, als er noch Sammler und Jäger ist, in kleinen Gruppen von Ort zu Ort
zieht und wahrscheinlich schon das Feuer kennt. Und wie es scheint, gebührt der erste Sieg des Menschen über die
Natur – die Domestikation des Wolfes – nicht dem Mann, sondern der Frau. Womöglich einer Frau wie jener, die in
Ain Mallaha lebte und gefunden wurde.
Denn es ist in der Tat der Mann, der Jäger, der die verwaisten Wolfswelpen an das heimische Feuer in die Höhle
bringt, nachdem er die Wölfin erlegt hat. Aber dann verliert er schnell das Interesse an den Kleinen, die ja nicht einmal
einen ordentlichen Braten hergeben. Die Frauen hingegen adoptieren sie, weil die pflegeleichten Wölfchen mit ihrem
eigenen Nachwuchs spielen, allerlei Unrat fressen und somit entsorgen, und sie in den kalten Nächten wärmen. Die
zutraulichsten Baby-Wölfe bleiben bei den Frauen auch nachdem sie erwachsen sind und paaren sich untereinander
... und in wenigen Jahrtausenden werden aus diesen halbwilden Hauswölfen anschmiegsame Haushunde.
Seither, meinen Experten, also seit etwa fünfzehntausend Jahren, leben Hund und Mensch zusammen und teilen
nicht nur die Höhlen und Hütten, sondern gelegentlich auch Gräber. Als 1914 zufällig, beim Schuttabfahren in einem
Steinbruch in der Nähe von Bonn, eines dieser Gräber gefunden wird, ist die wissenschaftliche Sensation perfekt: Der
Fund geht als das „Doppelgrab von Oberkassel“ in die Geschichte ein, denn die Knochen, die hier ans Licht kommen,
gehören drei Lebewesen: Einer etwa zwanzigjährigen Frau, einem rund vierzigjährigen Mann und einem Hund. Diese
„Kleinfamilie“ wurde vor ungefähr 14.700 Jahren gemeinsam (!) bestattet, was diesen Hund zu dem ältesten Familienhund macht, der bislang gefunden wurde.
Wohlgemerkt: Dieses Tier, vergleichbar mit einem kleineren Schäferhund, wurde getötet, um mit seinen Menschen
bestattet zu werden. Wieso? Hatte man ihn bereits damals, inmitten der Urwälder Germaniens, mit der Rolle eines
Begleiters ins Jenseits beauftragt? Sollte er für immer den Steinzeit-Jäger begleiten und seiner Gefährtin Augenblicke
entspannter, heiteren Ruhe bescheren?
Weitere Jahrhunderte später jedenfalls werden ausgerechnet Hunde als jene Wesen angesehen, die die Pforten zwischen der Wirklichkeit und der Unterwelt überschreiten können. Der Hund wird zum Todesboten, zum heulenden
Hellseher, zum Unterweltwächter wie Anubis im Ägypten (siehe auch Abuwitiyuw), Kerberos im Alten Griechenland
oder Garm in Europas Norden.
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Außerdem kommt – sobald der Mensch begann, sich seiner Endlichkeit bewusst zu werden –, ihm allein die Ehre zuteil,
treuer Begleiter und Beschützer diverser, vornehmlich weiblicher Gottheiten zu sein, die für den Übergang zwischen
Diesseits und Jenseits, für die Wegkreuzung zwischen den duftenden, von Winden durchwühlten Weiten und einem
Schattenreich ohne Eigenschaften zuständig gewesen sind.
Ein Hund wich, so will es die Überlieferung, nicht von der Seite der germanischen Totengöttin Nehalennia, der man
auf den Batavischen Inseln einen Tempel errichtete. Auch in deutschen Landen wurde Nehalennia, meistens in einen
weiten, alles umfassenden Schutzmantel gehüllt, auf nicht weniger als achtzehn Altären dargestellt. Ihr zu Füßen
lauerte Garm, der zwar hauptberuflich den Eingang ins Totenreich bewachte, aber gelegentlich den Götterchef Odin
ankläffte, sobald er sich seiner Herrin näherte.
Auch die griechische Göttin Hekaté, in deren Kompetenzbereich der Himmel, die Erde sowie die Unterwelt fielen,
wurde von ihrem oft dreiköpfigen Hund umgeben. Und dass die jungfräuliche Göttin der Jagd Artemis, die die Römer
unter dem Namen Diana kennen, durch die Wälder mit einer Hundemeute streift, versteht sich von allein.
Kurz: Der Hund, der als Protagonist archaischer Sagen die Pforten der Wirklichkeit und einem Parallelreich überschreiten kann und sogar den Weg aus der Unterwelt zurück zu den Lebenden findet, scheint sich für eine Frau als seinen
Begleiter ins Unergründliche entschieden zu haben. Als würde er ahnen, dass das „ewig Weibliche“, das zur lichten
Vernunft hinauf wie zum gefühlsbetonten Drängen hinab zieht, das zu pragmatischen Entscheidungen wie zärtlichem
Tun befähigt ist, über eine ganz besondere, ureigene Affinität für die Seelen der Hunde verfügt.
Zum Weiterschauen auf YouTube:
Der beste Freund des Menschen von Uni-Bonn (ab Anfang)
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2. Pharaos persönlicher Begleiter ins Jenseits
H alb W in d h u n d ,
halb Mensch: Der
Gott der Totenriten Anubis bereitet
den Pharao auf s
Jenseits vor.
Der Hund: Abuwitiyuw (lebt um 1360 v. Chr. in Ägypten, entdeckt 1922 im Grab seines Herrn). Windspielartiger Jagdhund, graziös. Höchstwahrscheinlich als Mumie erhalten. Ähnelt Anubis, dem altägyptischen Gott der Totenriten.
Sein Mensch: Tutanchamun (geb. um 1340 v. Chr. – gest. 1323 v. Chr. im Alten Ägypten). Als Pharao
unbedeutend, Schwiegersohn und Nachfolger des „ketzerischen“ Sonnenanbeters Echnaton. Mit etwa
zwölf Jahren auf dem Thron, acht Jahre später tot.
•••
„Man schor sich die Köpfe, und das Essen blieb unberührt“, berichtet, spürbar beeindruckt, der famose und viel
gereiste griechische Geschichtsschreiber Herodot (um 484 – 426 v. Chr.) nach seiner Rückkehr aus Ägypten in seinen
„Historien“. Des Weiteren erzählt er, wohl ein wenig von seinem hollywoodreifen Sinn für Dramatik beflügelt, dass
nach dem Tod eines Hundes „der ganze Haushalt in Trauer fiel.“ Während das tote Tier auf dem für Hunde reservierten
Grabfeld in die staubtrockene Erde gebettet wird, kommt es zu herzergreifenden Szenen: „Die Besitzer geißelten sich,
die Diener schluchzten.“ Geißeln sich! Schluchzen! Verglichen mit der Wucht dieser Trauerbekundungen – wie fade,
wie abgenutzt erscheinen doch alle künftigen Tränen (siehe auch Biche, Boatswain, Peps)!
Abschließend erwähnt der „Vater der Geschichte“, dass jeder, der es sich leisten kann, seinen geliebten Hausgenossen
zuvor mit wohlriechenden Salben einreiben und in feines Leinen wickeln, sprich: mumifizieren lässt. Ob man dem
Vierbeiner mit feinen Nadeln auch sein Hirn durch die Nase entnahm, wie es bei menschlichen Mumien der Brauch
ist, verschweigt Herodot, der seine „Geschichten“ sonst nur zu gerne mit allerlei bunten Details garniert, um seinen
Lesern die Sitten der Ägypter nachhaltig vermitteln zu können und sie zu unterhalten.
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Selbstredend, dass zu diesen Betuchten auch Ägyptens (heute) bekanntester Pharao, der glücklose Boy-King Tutanchamun zählt. „Tut“ soll es bereits als Thron-Anwärter genossen haben, zuzusehen, wenn sein anmutiger Hund beim
Anblick einer Gazelle aufgeregt herumsprang oder wenn er die degenerierten Palastkatzen aufscheuchte – glaubt
jedenfalls auch der Psychologe und Hundefreund Stanley Coren in seinem Buch über „Die Intelligenz der Hunde“.
Der Junge kommt 1332 v. Chr. auf den Thron und ist acht Jahre später tot, allem Anschein nach ermordet. Fest
hingegen steht, dass der Nachfolger des „ketzerischen“ Sonnenanbeters Echnaton eine Marionette in den Händen
der mächtigen Priesterschaft bleibt und seinen Ruhm einzig und allein dem britischen Archäologen Howard Carter
(1874–1930) verdankt, der sein nahezu ungeplündertes Grab anno 1922 im Tal der Könige entdeckt: „Wunderbare
Dinge!“ wispert er, als er erstmals in die Gruft blickt.
Carter (siehe auch Twi-Twi) steckt mit seiner Begeisterung die ganze Welt an und entfacht einen der ersten MedienHypes der Geschichte. Und die Mär vom Fluch des Pharao verwandelt den schmächtigen Toten, der seit Jahrtausenden
unter den Felsen und dem Sand der Sahara schlummert, in einen von Rätseln umwobenen Pop-Star. Denn „Tut“ wurde
keineswegs allein, vielmehr in Begleitung eines Hundes in die Ewigkeit entlassen, und zwar unter den wachen Augen
von Anubis.
Dieser altägyptische Gott der Totenriten ist ein seltsam geheimnisvolles Wesen: Ein schlaksiger Mann mit dem schmalen Kopf eines Hundes bzw. eines Schakals. Ob diese Darstellung als ein eindringlicher, künstlerischer Tribut an die
bemerkenswerte Fähigkeit der Kaniden, sich zu kreuzen, zu deuten ist? Schakale, Dingos, Wild- und Haushunde
können sich schließlich immer noch querbeet „verheiraten“ und lebenstüchtigen Nachwuchs zeugen. Und die alten
Ägypter haben uns sogar detaillierte Beschreibungen dieser Kreuzungen hinterlassen, die heute unter ihrer RassenBezeichnung Pharaonenhund bekannt sind.
In „Tuts“ Grabstätte jedenfalls wacht eine imposante Anubis-Statue gleich neben dem Eingang. Durchquert man den
Raum, entdeckt man in der nordöstlichen Ecke, unterhalb der Darstellung einer Begräbnisprozession, einen niedrigen
Zutritt zu der eigentlichen Sargkammer. Diese Öffnung ist nicht zugemauert, denn sie wird bestens bewacht: Aus der
Dunkelheit späht einschüchternd eine weitere, diesmal überlebensgroße Statue des Hunde-Gottes hervor.
Dass Anubis ausgerechnet an dieser Stelle Wache hält, bestätigt einmal mehr Carters Vorstellung von seinem Kompetenzbereich. Denn es war kein anderer als dieser Gott, der bereits den Prozess der Mumifizierung überwacht, die
Mensch wie Hund auf ihr neues Leben nach dem Tode vorbereitet. Ist die Mumie fertiggestellt, nimmt Anubis den
Verstorbenen an der Hand und führt ihn über die Schwelle zwischen Dies- und Jenseits. Er eskortiert den Verstorbenen
auch zum Totengericht und beaufsichtigt sogar das Verfahren, in dem das Herz des Menschen gegen eine Feder der
Göttin der Gerechtigkeit aufgewogen wird, um feststellen zu können, ob der Tote im „Paradies“ oder in der „Hölle“
landet. Ein Hund als Hüter des altägyptischen„Jüngsten Gerichts“? Was für eine humane Vorstellung vom Himmelsreich.
Wie sehr die Ägypter der Pharaonen-Zeit Anubis und folglich ihre leichtfüßigen Windhunde verehrten, beweisen die
omnipräsenten Hunde-Darstellungen und Grabbeigaben, und zwar nicht nur in „Tuts“Grabstätte.
In einem benachbarten Grab gibt es ein Wandrelief, das „Tuts“ Amme Mala mit dem Baby-Pharao auf dem Schoß
zeigt: Unter dem Stuhl, auf dem die würdevolle Kinderfrau ruht, hat es sich ein Windhund bequem macht. Auch im
Grab von Maiherperi (dem „Wedelträger zur Rechten des Königs“) – um nur ein weiteres Beispiel zu nennen – entdeckte man etliche Gegenstände, die den Stellenwert der Anubis-Hunde bezeugen, zum Beispiel ein Hundehalsband
aus feinstem Leder mit eingravierten Pferdesilhouetten.
Doch die prachtvollsten Beigaben befinden sich im „Tuts“-Grabstätte. Was gaben die Ägypter ihrem Pharao nicht alles
mit ins Totenreich: Fliegenklatschen, 418 puppenhafte Figürchen in Form einer Mumie, 35 Schiffsmodelle, Kanopenscheine, Amulette, Schilde, Spiele, Unterwäsche, Truhen, verziert mit Kampfszenen voller wunderschöner Hunde oder
einen Halter für Schmuckfeder, der die Hundejagd auf einen Strauß zeigt. Und jeder einzelne dieser Gegenstände, die
für den alltäglichen Gebrauch gedacht wurden, erzählt Geschichten, die zum Staunen und Nachdenken anregen, fast
mehr noch als die riesigen Ritualgefäße aus Gold, garniert mit Edelsteinen.
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Zu den rätselhaftesten Grabbeigaben gehören
nach wie vor drei weitere Mumien: Zwei Leichen von frühgeborenen Mädchen, die man
für „Tuts“ Töchter hält. Und eine weitere, ganz
in der Nähe des Sarkophags mit Tutanchamun
unter seiner schwarz-goldenen Totenmaske mit
der Kobrakrone: die Mumie eines Hundes. Sie
wurde offensichtlich von den gleichen Experten
hergestellt, die auch „Tut“ persönlich fürs Jenseits präparierten. Also muss es sich doch, die
Vermutung drängt sich auf, um Abuwitiyuw, den
Anubis-ähnlichen Lieblingshund des Pharao handeln, um einen Hund von solcher Grazie, dass
sein Anblick seinen Herrn auch im Jenseits für
immer erquicken sollte.
Nachkommen altägyptischer Palasthunde:
die rostbraunen Pharaonenhunde.
Tutanchamuns Totenmaske: rund 3.000
Jahre alt, 1922 im Tal der Könige entdeckt.
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©Jack Mitchell/Getty Images
3. K
atze oder Hund, das ist hier die Frage
Der King der Pop-Art
Andy Warhol mit seinem KurzhaardackelRüden Archie.
Der Hund: Archie (geb. vermutlich 1973 in New York – nach 1987 ebenda). Kurzhaardackel-Rüde, dunkelbraun. Journalistenerprobt, Gourmet. Befreundet mit hellbraunen Kurzhaardackel Amos (geb. 1975 in
New York – gest. 1987 ebenda).
Sein Mensch: Andy Warhol (geb. 1928 in Pittsburgh – gest. 1987 in New York). Der King der Pop-Art.
Macht Kunst zum Konsum-Gut. Gelernter Werbegrafiker. Katholisch, homosexuell. Ziel eines Attentats,
manischer Sammler.
•••
Bis 1971 ist Andy Warhol umzingelt von unzähligen Siamkatzen, doch dann, über vierzigjährig, entdeckt er die wahre
Liebe seines Lebens – den Dackel. Und das kam so ...
Die Katzen gehören seiner resoluten, aus der Tschechoslowakei stammenden Mutter Julia (1892-1972). Sie selbst
trägt bis ans Ende ihrer Tage ein Kopftuch und singt ihrem Jüngsten Andy tschechische Volkslieder vor, aber sie
lernt in der neuen Heimat auch zu improvisieren, um aus ihren drei Söhnen echte Amerikaner machen zu können.
Während der großen Depression, als der Familienvater mal wieder auf irgendeiner fernen Baustelle schuftet, beklebt
sie beispielweise alte Blechdosen (sic!) mit Papier, füllt sie mit selbstgebastelten Papierblumen und verkauft sie in der
Nachbarschaft.
Eines Tages schenkt ein Bekannter Julia Warhol ein Paar siamesischer Katzen. Sie ist froh, weil außer dem schmächtigen Andy keiner mehr da ist. Und nachdem sie auch ihn auf die Universität von Pittsburgh schickt, wo er Gebrauchsgrafik studieren soll, helfen ihr die Tierchen über die Einsamkeit hinweg. Von nun an vermehren sich die Katzen völlig
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ungehindert und schlummern tagein tagaus auf den Tischen, auf dem Fernseher oder in offenen Kommodenschubladen. Und auch die Dosen (sic!) mit dem Katzenfutter stapeln sich, wohin man schaut.
Wohlgemerkt: Die Siam-Katzen haben blaue Augen und sind farblich identisch (als wären sie in „Serien“ produziert),
obwohl ihre beige-braunen Flecken variieren können (wie die Farben von Andys Siebdrucken). Außerdem heißen Julias
Miezen allesamt – außer dem jeweiligen Favoriten, der Hester gerufen wird – Sam. Es liegt also auf der Hand, dass
Andy die beiden Markenzeichen seiner Art bei seiner Mama abgeguckt hat: Alltagsdinge in Kunstwerke zu verwandeln
und seine Werke in Serien zu produzieren.
1949 zieht der „Katzen-Clan“ in das Mekka des Werbervolks nach New York. Und Andy beginnt die Katzen an seine
Besucher zu verschenken. Julia duldet es, aber vermisst jede einzelne und mildert den Verlust, indem sie eine Reihe von
Katzenporträts malt. Andy, der von seiner Mutter nicht nur die künstlerische Ader erbt, sondern auch ihre Besessenheit
für alles, was mit Geld zu tun hat, erkennt das Potenzial der putzigen Katzen-Bilder und lässt sie 1954 veröffentlichen:
„Dieses kleine Buch ist für meine Hester, die jetzt im Miezenhimmel ist“, schreibt Julia im Vorwort von „Holy Cats by
Andy Warhol´s Mother“.
Andys eigene Bilder mit Dollarnoten, Revolvern, Schuhen, Cola-Flaschen und Campbell´s-Suppendosen prägen das
ästhetische Empfinden seiner Generation und verkaufen sich, millionenfach reproduziert, wie warme Semmeln: „Gute
Geschäfte sind die beste Kunst“, offenbart er, „und ich möchte reich und berühmt werden.“ Also produziert er, unermüdlich, behauptet jedenfalls Fred Lawrence Guiles in seiner Warhol-Biographie „Voyeur des Lebens“.
1959 ziehen die Warhols in das frisch erworbene Sandsteinhaus in 1342 Lexington Avenue um. Da mittlerweile reich
und berühmt, schreibt der Ex-Werber jetzt auch ein Buch mit dem Titel „Die Philosophie des Andy Warhol von A bis
B und zurück“. „Ich bin immer dann sehr beeindruckt“, heißt es darin, „wenn ich jemanden begegne, von dem ich
immer gedacht habe, dass ich nie mit ihm sprechen würde ... wie Charlie Chaplin, Paloma Picasso und Lassie“ (siehe
dort). Wobei es ihm an Begegnungen mit anderen VIPs nicht wirklich mangelt, denn sein „Atelier“, sinnigerweise
„Factory“ genannt, wird nicht nur zum Zufluchtsort für diverse Randfiguren der Gesellschaft wie Kokainfreaks, Transvestiten und Strichjungen, sondern auch zum Treffpunkt von Stars wie Dalí, Marcel Duchamp, Bob Dylan, Mick Jagger,
Jim Morrison und und und.
Am 3. Juni 1968 fängt die männerhassende Feministin Valerie Solanas den 39-jährigen Künstler ab und schießt auf
ihn. Andy kann gerettet werden, doch wird ein anderer Mensch. Das einst verspottete Armeleutekind hortet jetzt,
getrieben von seinen Existenzängsten, Antiquitäten, Edelsteine und Kunstwerke seiner Zeitgenossen. Andy kauft ArtDéco-Uhren, Mickey Mouse-Figuren, Kaugummiautomaten, platinblonde Perücken usw. Und er duldet keine Katzen
mehr um sich.
1973 – ein Jahr nach dem Tod seiner Mutter – ist Andy mal wieder verliebt. Sein Freund, der Designer und Filmregisseur Jed Johnson (1943-1996), schenkt ihm einen dunkelbraunen Dackel-Welpen, und Andy verfällt Archie auf der
Stelle. Er schleppt den Hund von nun an überall hin mit: zu Vernissagen, auf Geschäftsreisen, zu Fototerminen. Eines
Tages „wollte ich zu einer Auktion, aber man ließ mich nicht rein, weil ich meinen Hund dabeihatte, also musste ich im
Vorraum warten“, berichtet er leidenschaftslos, aber die Message ist unmissverständlich: Wer Archie nicht hineinlässt,
muss auch auf mich verzichten.
Also wird Archie auch in Andys Stammlokal Ballato´s in der Houston Street willkommen geheißen. Sein Besitzer besitzt einen Pudel namens Muffy. Und Muffy verliebt sich in Archie so bedingungslos wie Andy, und erniedrigt sich
ganz fürchterlich, um mit dem Dackel spielen zu dürfen. Vergeblich. Denn Archie muss auf Andys Schoss sitzen und
Häppchen zu sich zu nehmen, die ihm sein Herr reicht. Taucht mal unangemeldet ein Gesundheitsinspektor auf, wird
Archie unter Andys Serviette versteckt.
Der Dackel absolviert auch Dutzende von Interviews, und sobald Andy die eine oder andere Frage zu knifflig wird,
bittet er seinen Hund, sie zu „antworten“: „No comment“, soll dann Archie resolut gebellt haben. Und sein Herrchen
sagt sogar die Reise zu einer Groß-Ausstellung seiner Werke in London ab, weil er nicht bereit ist, den Dackel in eine
britische Quarantäne zu stecken (siehe auch Toy und Famous).
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Seinetwegen bricht der Pop-Art-King sogar sein ultimatives Daseinsprinzip: „In zwei Fällen halte ich mich nicht an
meine Restverwertungsphilosophie. 1. bei meinem Haustier, 2. bei meinem Essen. Ich weiß, dass ich mein Haustier
vom Tierheim hätte holen sollen, aber ich habe es mir gekauft. Das ist einfach so gekommen. Ich hab‘ s gesehen, ins
Herz geschlossen und gekauft. In diesem Fall waren meine Gefühle daran schuld, dass ich meinen Prinzipen untreu
werden musste“, erklärt er in „Von A bis B“ und meint seinen zweiten Dackel, den hellbraunen Rüden Amos.
Im Unterschied zu dem extrem kommunikativen Archie ist Amos ein eher normaler Hund und infiziert den SocietyDackel baldigst mit seiner frohen Natürlichkeit. Wenn daheim, jagen sich die beiden auf allen Etagen oder veranstalten
Scheinkämpfe, des Öfteren auch auf dem einen oder anderen Stapel von Andys Kunstwerken. Wie nicht anders zu
erwarten, sieht Andys Wohnung danach nicht selten aus wie seine Factory nach einer mehrtätigen Party. Aber Andy
loves it.
Seit Archie in sein Leben tappte, porträtiert Warhol nicht nur VIPs wie Marilyn Monroe (siehe Maf), Elvis (siehe „Hound
Dog“), Elizabeth Taylor (siehe Lassie), Mao und Lenin, sondern auch kanide Persönlichkeiten. Zum Beispiel Maurice,
den Dackel eines seiner wichtigsten Sammler, oder den Cocker-Spaniel Ginger des Zeitungsmagnaten Peter Brant.
Aber auch „No-Name-Hunde“, also jene Straßenköter, die er auf dem Broadway trifft und mit seiner Polaroid-Kamera
fotografiert. Gefragt, warum er sich mit diesen No-Name-Streunern abgibt, lässt er die Welt wissen: „Ich habe nie
einen Hund getroffen, den ich nicht mochte.“
Seine letzten Lebensjahre verbringt Andy mit seinen beiden Dackeln in seinem New Yorker „Townhouse“, umgeben
von unnützem Zeugs, kostbarsten Antiquitäten und rund 175 Hunde-Näpfen.
Übrigens:
Es ist wohl auch sein Verdienst, dass die Dackel in den 1960er und 70er weltweit angesagt sind: zu den bekennenden
Dackel-Fans gehören Brigitte Bardot, Jacques Cousteau, Doris Day, John Wayne, George Harrison, Picasso (siehe Lump)
usw. Und in Deutschland wird der Dackel „Waldi“ zum offiziellen Maskottchen der Olympischen Spiele von 1972.
Zum Weiterschauen bitte googeln:
Archive Andy Warhol walking his pug in New York City in 1986 Daily Mail (ab Anfang; den Mops den Andy hier ausführt, gehört nicht ihm, sondern höchstwahrscheinlich seiner Freundin und Künstlerin Brigit Berlin)
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4. Der Schutzpatron aller treuen Hunde
Der Hund: „Argos“ (gestorben im zwanzigsten Lebensjahr), Rasse unklar. Bekannt aus
dem Epos „Odyssee“ als Hund des Titelhelden
Odysseus, seinerseits mythischer König von Ithaka.
Sein Schöpfer: Homer lebte – falls überhaupt – um 850 v. Chr. irgendwo in Griechenland. Autor von „Ilias“ und „Odyssee“ und
somit der erste Dichter des Abendlandes. Blind.
Oft als Wandersänger in der Begleitung eines
Hundes dargestellt.
•••
Über Homer, den ersten Dichter des Abendlandes,
wissen wir so gut wie nichts: Zwanzig griechische
Städte streiten um die Ehre, als sein Geburtsort zu
gelten, gelebt hat er vermutlich im 8. Jahrhundert
vor Christi und soll blind gewesen sein. Offen bleiben auch die Fragen nach seiner finanziellen Situation, ob er Töchter hatte und ob er wirklich den
Großteil seines Lebens auf der Sporaden-Insel Ios
verbracht hat und ebenda gestorben ist. Sogar die
beiden Werke „Ilias“ und „Odyssee“, die erstmals
eben in „Homers“ Jahrhundert schriftlich als Versepen festgehalten werden, sind ihm, so heißt es
manchmal, lediglich zugeschrieben worden. All dies
wird übrigens bereits lange vor Geburt Christi diskutiert, und zwar kontrovers.
War er das Vorbild für Argos? Der Blindenhund, der
So viel jedoch ist unstrittig: Der Mann, der seinen
Homer auf seinen Wegen begletet – so, wie es sich
Odysseus, den mythischen König von Ithaka, auf
zumindest William Adolphe Bouguereau auf seinem
eine abenteuerlicher Irrfahrt schickt, muss ein GötGemälde von 1874 vorstellt.
ter-, Menschen- und Hundekenner gewesen sein.
Dieser Mann weiß aus eigener Erfahrung, wie Hunde
denken, wann sie leiden und warum sie lieben. Man
stellt schließlich schon damals Blinden Hunde als Helfer zur Seite. Also muss wohl auch Homer einen Hund gehabt
haben, dem er – wage ich zu glauben – in der Gestalt von Argos ein ergreifendes Denkmal gesetzt hat.
Doch nun zu Argos und Epos.
Als Odysseus es, rund zwanzig Jahre nach dem Ende des Trojanischen Krieges, schafft, in seiner Heimat anzukommen,
erwarten ihn schlimme Neuigkeiten: Seine im Grunde genommen treue Gattin Penelope wird von Freiern bedrängt,
die zwar auch sein Weib, doch vor allem seinen Thron begehren. Als Bettler verkleidet, sucht er Unterschlupf bei einem
Hirten, um seine Strategie im Umgang mit den Schurken zu überdenken, doch wird als erstes von vier Wachhunden
angegriffen.
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Hier die Szene, wie Homer sie erzählt:
Die Hunde rasen auf ihn zu, „aber Odysseus setzte sich klüglich nieder, und legte den Stab aus den Händen. Dennoch
hätt‘ er auch dort unwürdige Schmerzen erduldet; Aber der Sauhirt lief aus der Türe mit hurtigen Füßen hinter den
bellenden her, und warf aus den Händen das Leder. Scheltend verfolgt er die Hund‘, und zerstreute sie hierhin und
dorthin mit geworfenen Steinen; und jetzt sprach er zum König: Alter, es fehlte nicht viel, so hätten die Hunde mit
einmal Dich zerrissen, und mich hätt‘ ewige Schande getroffen!“
Weil ihm der betagte Hirt sein Incognito abkauft, beschließt Odysseus, die Lage vor Ort zu erkunden und schlendert
in seinen Palast. Auch hier nimmt kein Mensch den „Bettler“ wahr. Nur „ein Hund erhob auf dem Lager sein Haupt
und die Ohren, Argos: welchen vordem der leidengeübte Odysseus selber erzog“.
Damals umsorgten den königlichen Hund sogar etliche „Jünglinge“, die ihn „auf wilde Ziegen und flüchtige Hasen und
Rehe führten. Aber jetzt, da sein Herr entfernt war, lag er verachtet auf dem großen Haufen vom Miste der Mäuler und
Rinder, welcher am Tore des Hofes gehäuft ward, daß ihn Odysseus‘ Knechte von dannen führen, des Königs Äcker zu
düngen; Hier lag Argos der Hund, von Ungeziefer zerfressen. Dieser, da er nun endlich den nahen Odysseus erkannte,
wedelte zwar mit dem Schwanz, und senkte die Ohren herunter; Aber er war zu schwach, sich seinem Herren zu
nähern“ ... so beginnt die herzzerreißende Begegnung im 17. Gesang der „Odyssee“.
„Und Odysseus sah es, und trocknete heimlich die Träne, unbemerkt von Eumäos, und fragte seinen Begleiter: Wunderbar ist es, Eumäos, dass dieser Hund auf dem Miste liegt! Sein Körper ist schön von Bildung; aber ich weiß nicht,
ob er mit dieser Gestalt auch schnell im Laufe gewesen, oder so, wie die Hund‘ um der Reichen Tische gewöhnlich
sind; denn solche Herren erziehen sie bloß zum Vergnügen.“
Eumäos, der Hüter der Schweine, klärt den verkleideten Heimkehrer auf: „Dies ist der Hund des ferne gestorbenen
Mannes.Wär‘ er derselbige noch an Gestalt und mutigen Taten, als wie Odysseus ihn, gen Troja schiffend, zurückließ;
Sicherlich würdest du jetzt die Kraft und die Schnelle bewundern! Trieb er ein Wildbret auf im dichtverwachsenen
Waldtal, nimmer entfloh es ihm; denn er war auch ein weidlicher Spürhund. Aber nun liegt er im Elend hier.“
An dieser Stelle zählt der Schweinehirt jene auf, die an Argos‘ Elend schuld sind: „Die Weiber, die faulen, versäumen
ihn gänzlich. Das ist die Art der Bedienten: Sobald ihr Herr sie nicht antreibt, werden sie träge zum Guten, und gehn
nicht gern an die Arbeit.“
Argos indes interessiert das ganze Gerede herzlich wenig: „Aber Argos umhüllte der schwarze Schatten des Todes, da
er im zwanzigsten Jahr Odysseus wieder gesehen.“
Was für ein Hund! Argos, der Treue, erduldet all die Schmach, Hunger und Schmerzen, kämpft mit seiner Sehnsucht
nach dem friedlichen Jenseits und lässt den Tod so lange auf sich warten, bis sein Herr sicher nach Hause findet.
Glaubt er doch keinen Augenblick lang, dass Odysseus nicht mehr leben würde. (Mich erinnert, mit Verlaub, diese
Szene immer wieder an den Lobgesang des Simeon im Lukasevangelium 2, 29-32: „Herr, nun lässest du deinen Diener
im Friede fahren, wie du gesagt hast, Denn meine Augen haben deinen Heiland gesehen“, so betet der alte Prophet,
nachdem er, endlich, Jesus begegnet.) Und so ist Argos ist nicht nur die erste Hundepersönlichkeit der abendländischen Literatur, sondern auch ein Beleg dafür, dass Hundepsychologie keine Erfindung der Neuzeit ist.
Bleibt wohl die Frage nach Argos‘ Rasse, da er nicht nur über ein unglaubliches Gedächtnis verfügt, sondern auch
außergewöhnlich lange gelebt hat. Ist er ein Molosser wie Peritas (siehe dort), von dem unsere Ahnen angenommen
hatten, er wäre aus einer Verbindung eines Tigers mit einem Hund entstanden? Oder eher ein „lakonischer Hund“,
den Aristoteles (384 v.Chr.–322 v. Chr.) in seiner „Historia Animalium“ (Geschichte der Tiere) wie folgt beschreibt:
„Von den lakonischen Hunde lebt das Männchen zehn, das Weibchen zwölf Jahr; von den übrigens Rassen meistens
vierzehn oder fünfzehn Jahre. Daher finden es einige auch ganz richtig, dass Homer den Hund des Odysseus mit dem
zwanzigsten Jahre sterben lässt. Bei den lakonischen Hunde lebt die Hündin in der Regel länger als der Hund, wegen
der größeren Anstrengung des Letzteren.“ Also war Argos gar eine Hunde-Lady? Treuer fast als Penelope?
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Aristoteles spricht Tieren übrigens eine menschenähnliche Vernunft zu. Ebenso wie der philosophierende, dank seiner
Gleichung a² + b² = c² unvergessene Mathematiker sowie militante Tierschützer Pythagoras (um 570–um 510 v.Chr.).
Dieser Grieche glaubt an die Reinkarnation und fordert zweihundert Jahre nach Homer, dass jeder, der einen Hund
schlägt, bestraft und verurteilt wird, weil er sich an einer ehemaligen Menschenseele vergeht.
So weit wie Pythagoras würde Homer bestimmt nicht gehen wollen. Und doch weckt seine einfühlsame ArgosGeschichte womöglich mehr Verständnis für Tiere in Not als die Forderung eines kühnen Radikalen.
Übrigens I.
Argos ist nicht nur der erste kanide Held eines Literaturwerkes, sondern auch eine Art Schutzpatron aller treuen Hunde
– in meinen Augen jedenfalls. Als da wären, um nur die bekanntesten zu nennen:
* Der schottische Greyfriars Bobby (gest. 1872 in Edinburgh), ein Skye Terrier, der nach dem Tod seines Herrn siebzehn
Jahre lang an seinem Grab verbringt, auf seine Rückkehr wartend.
* Hachiko, ein Akita-Rüde (geb. 1923 in Japan–gest. 1935 in Tokio), der zehn Jahre lang nach dem Tod des Professors
Ueno, der den herrenlosen Hund 1924 adoptiert, zum Bahnhof rennt, um den Zug nicht zu verpassen, mit dem der
Professor aus der Universität heimkehrt. Hachiko schafft es auf die Titelseiten, sein Schicksal wird in einem HollywoodFilm mit Richard Gere verfilmt, und er selbst befindet sich heute (ordentlich präpariert) im Nationalmuseum der Naturwissenschaften in Tokio.
* Einer noch: Fido, der Italiener. Straßenhund (geb. 1941 in Borgo San Lorenzo in der Toskana – gest. 1959 ebenda).
Dieses „Findelkind“ ist einer der allerwenigsten Hunde, die zu Lebzeiten ihr eigenes Denkmal einweihen durften (siehe
auch Balto). Weil er, nachdem sein Herrchen, der Arbeiter Carlo Soriani 1943 während eines Luftangriffs getötet wird,
vierzehn Jahre lang tagtäglich an der Bushaltestelle auf den Menschen wartet, der ihn einst aufgenommen hat. Seine
letzte Ruhe findet er im Grab seines Retters Carlo.
Übrigens II.
Auch der zweitberühmteste Homer unseres Planeten, der
Vater des Simpson-Clans aus der kultigen Comic-Serie
„Die Simpsons“, hat einen Hund namens Knecht Ruprecht.
Dieser ist zwar ein Greyhound, doch weder schön, noch
besonders gehorsam. Dafür ein Nichtraucher, Lassie-Fan
(siehe dort) und schlauer als Stephen Hawking. Er trinkt
Bier, frisst Pansen und kann sprechen. Manchmal nervt er.
Dann ist auch Homer am Ende mit seiner Geduld: „Ich sage
... der Hund blablablabla muss weg blablablabla!”
Lebte, bis sein Herr Odysseus heimkehr te: Argos.
Eine Zeichnung von John
Flaxman aus dem Jahr 1805.
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5. Der intelligenteste aller Hunde
Der Hund: Arpad (geb. 1975
in Wien – gest. 1991 am Starnberger See). Puli. Rüde, schwarz: „Das
‘menschlichste‘ aller Tiere meines Lebens“ sowie „der intelligenteste aller
Hunde“, behauptet sein Herr.
Sein Mensch: Heinz Rühmann
(geb. 1902 in Essen – gest. 1994 am
Starnberger See). Einer der bekanntesten deutschen Schauspieler des 20.
Jahrhunderts. Sohn eines Hoteliers.
Hobby-Pilot, liebenswerter Träger unzähliger Auszeichnungen. Deutschlands Charlie Chaplin.
•••
Dass ein Hund unabdingbar zum Alltag
gehört, dass er in guten Zeiten verwöhnt
und in schlechten durchgefüttert wird, das
hat Klein-Heinz verinnerlicht, als er gerade
mal drei Jahre alt gewesen ist. Denn da
wird der Familienhund namens Bübele in
ein Foto-Atelier mitgenommen und starrt
in die Kamera ebenso selbstsicher wie die
drei rausgeputzten Rühmann-Geschwister.
Sechs Jahre später, als der Vater bankrott
ist und sich das Leben nimmt, reicht die
schmale Witwenrente gerade so fürs Notwendigste. Aber auf den Hund verzichten?
Ausgeschlossen: „Ein Leben ohne Hund
ist möglich, aber sinnlos“, beteuert Rühmann später. Und tatsächlich: Einen Hund
gibt es in seinem Leben immer – in einem
Leben, in dem sich das 20. Jahrhundert
mit all seinen Widersprüchen, Triumphen
und Brüchen spiegelt.
Hemmungslos in seinen Pulirüden Arpad verknallt: „Der liebenswerte „Charlie Chaplin der Deutschen“.
Rühmann ist „Der Mustergatte“, „Quax, der Bruchpilot“, einer von den „Drei von der Tankstelle“. Er verkörpert den
kleinen Mann von der Straße, einen parteilosen „Nobody“, der den unterschiedlichsten politischen Systemen zum
Opfer fällt. Rühmann brilliert in Leinwand-Klassikern wie „Die Feuerzangenbowle“ oder „Der Hauptmann von Köpenick“, die Kritiker vergleichen ihn mit Chaplin (siehe Mutt). Und er erhält sogar den Golden Globe, und zwar für seine
Lieblingsrolle, wie er in seinen Erinnerungen „Das war´s“ schreibt, für den „Braven Soldaten Schwejk“ (siehe Max),
„für diese faszinierende, geliebte Figur des schlitzohrigen Prager Hundefängers.“
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Wie allgemein bekannt, lassen viele Schauspieler in ihre Verträge eine Klausel aufnehmen, dass keine Tiere im Drehbuch vorkommen dürfen, was wohl weniger mit deren Angst vor Raubtieren, sondern eher mit ihrer Sorge zu tun hat,
ein Hund zum Beispiel könnte dem Star „die Schau stehlen“. Rühmann weiß es besser: „Die Zahl der Filme, in denen
ich mit Hunden spielte, ist Legion. Nicht selten habe ich mich so an die vierbeinigen Kollegen gewöhnt, dass ich sie
nach den Dreharbeiten mit nach Grünwald nahm und adoptierte.“
Und diese Zusammenarbeit mit dem einen oder anderen Hund beginnt bereits in jenen Tagen, als er sich noch als
Theaterschauspieler durchschlägt. So zum Beispiel 1928, bei der Münchner Aufführung von „Charleys Tante“. Da lässt
er eines Abends „Lumpi, meinen Dackel, bei der großen Jagd im zweiten Akt, wenn die drei verliebten Herren hinter
mir als Tante herjagen, mitlaufen. Es macht ihm einen Riesenspaß, mit uns durch alle Türen und Fenster zu springen,
begleitet von entsprechendem Gebell.“ Als die erschöpften atemlosen Herren hinter der Bühne etwas verschnauften,
setzt plötzlich ein lauter Szenenapplaus ein – obwohl sich doch keiner auf der Bühne befindet. „Später hörten wir,
dass es Lumpi mit der albernen Rennerei zu dumm geworden war, er blieb auf der Bühne allein zurück, trottete an
die Rampe und schaute ins Publikum. Dieses lachte zu ihm herauf, und das scheint ihn animiert zu haben, denn er
stolzierte zur Mitte und pinkelte an den Souffleurkasten. Brausender Applaus! Der richtige Hund für einen Komiker.
Ich war sehr stolz auf ihn.“
Auf Lumpi folgt der Drahthaarfoxterrier namens Herr Moser: „Auf das ‘Herr‘ bestand der Hund.“ Und seit 1934 belebt
den Rühmann‘schen Haushalt der Rauhaardackel Struppi (siehe auch dort). Die Pressefotos aus dieser Zeit zeigen den
stolzen Schauspieler vor seinem eigenen Flugzeug mit seinem Dackel, startklar auf einem Flügel stehend. (Ob Rühmann die berühmten Comic-Hefte kennt, ist nicht überliefert, aber nicht auszuschließen, da Struppi und Tim ebenso
flugbegeistert sind wie er, nachzulesen in Hergés „Flug 714 nach Sydney“.)
Am Kriegsende wird Rühmanns Villa am Berliner Wannsee bombardiert. Der Schauspieler, seine Frau Hertha und
sein Sohn überleben, aber das Haus brennt völlig ab: „Mit einem Handwagen, auf den wir unsere Habseligkeiten
aufgeladen hatten“, zieht er ins neue Leben. Und dazu gehört selbstverständlich ein Hund: Die Rauhaardackeldame
namens Ambrosia, der acht Jahre später 1953 die Ehre zuteil kommt, in Rühmanns Filmkomödie „Briefträger Müller“
mitzuwirken.
Die Geschichte ist schnell erzählt. Die exzentrische Tante des Briefträgers will ihr Vermögen jenem ihrer 127 Verwandten vererben, den die Sympathie ihrer Hundedame Ambrosia (sic) gewinnt. Ambrosias Wahl fällt auf den Briefträger,
der in seiner Sakkotasche, selbstverständlich ohne jeglichen Hintergedanken, ein Wurstbrot für die Heimfahrt aufbewahrt.
Nach dem Film kommt Fernsehen. 1977 liest Rühmann vor der Kamera Thomas Manns (siehe Bauschan) „Herr und
Hund“: „Ein kluges Essay über die Verbindung von Mensch und Tier. In der unvergleichlichen Sprache des Dichters.
Nach Tagen im Atelier folgten Außenaufnahmen, bei denen mich mein damals noch junger ungarischer Hirtenhund
begleitet. In seiner Liebe und Anhänglichkeit führte er getreulich aus, was das Manuskript von ihm verlangte.“
Und diesem anscheinend kamerafesten Hirtenhund widmet Rühmann in seinen Memoiren ein ganzes Kapitel: „Mein
hochwohlgeborener Ungar hieß Arpad, und zwar nach dem Fürsten, der als erster die magyarischen Stämme 700 bis
800 n. Chr. einigte. Mein Arpad war der einzige Rüde unter vier Schwestern, von denen er allerdings schon früh nicht
allzu viel wissen wollte. Er separierte sich, schlief allein im großen Hundekorb. Zur Mutter ging er nur ab und zu, meist,
um sich zu versorgen. Dann zog er sich wieder zurück, in Gedanken wohl bei seinem Vater, dem Weltchampion aller
ungarischen Hirtenhunde, der in Budapest lebte.“
Sieben Wochen nach der Geburt bittet ihn der „Zuchtwart“, den kleinen Kerl endlich abzuholen, um zu verhindern,
dass er zu frech und eigensinnig wird: „Arpad und ich reisten per Flugzeug nach München. Ein zitterndes, schwarzes
Etwas, das nicht aus seiner Hundetasche hinaussehen wollte. Wasser nahm er nur von meinem Finger. Das erste jedoch, was er nach der Landung tat: er leckte meiner Frau die Hand. Eine Art k.u.k.-Hirtenhund-Handkuss.“
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Arpad entpuppt sich als der „menschlichste“ unter allen Hunden, die Rühmann je hatte und kennt, und „natürlich
halte ich ihn für den intelligentesten aller Hunde. Ich habe sogar Belege für seine Intelligenz: das kleine Geschäft
machte er anfangs auf einen grünen Wollteppich, den er offenbar für Rasen hielt, und das große Geschäft versuchte
er hinter einem Paravent zu verstecken. Einmalig für mich ist jedoch, dass er sehr genau Butter von Margarine unterscheiden kann. Er ist für Butter. Er hat unsere Gewohnheit angenommen und sich unserem Zeitplan angepasst. Oder
wir uns dem seinen? Wird gelacht, kommt er sofort angelaufen, um sich mitzufreuen.“
Als Heinz Rühmann beginnt, seine zauberhaften Erinnerungen aufzuschreiben, weilt er mit seiner Frau an der Algarve.
Doch es gelingt ihm weder sich zu konzentrieren noch das Nichtstun zu genießen. Es drängt ihn nach Hause: „Wir
wollten es uns zwar nicht eingestehen und schieben immer andere Gründe vor – aber haben Sehnsucht nach etwas
Schwarzem, das bellt ... nach unserem Hundevieh.“
Im Dezember 1991, wenige Wochen nach Arpads Tod, schenken die Nachbarn Heinz Rühmann zu Weihnachten einen
Dackel-Mischling namens Anatol, und Anatol erinnert den Schauspieler an Bübele, den wackeren Familienhund seiner
Kindheit, an den Beistand, den er den Kindern nach Vaters „Verschwinden“ leistet, an seine Zärtlichkeit und seinen
Witz, aber wohl auch an jene stillen Momente, in denen Bübele einfach nur da war: „Wenn ich erstmal über die Tiere
meines Lebens zu erzählen beginne“, vermeldet der kleine große Schauspieler mit seiner unwiderstehlichen Selbstironie in einem seiner letzten Interviews, „werden meine Lebenserinnerungen wahrscheinlich zu einem Tierbuch.“
Zum Weiterschauen auf YouTube:
Briefträger Müller (Heinz Rühmann) – Bald
als DVD-Neuauflage! – Filmjuwelen (ab Anfang)
Heinz Rühmann in seiner Lieblingsrolle
auf einem Filmplakat von 1960: Als
„Der brave Soldat Schwejk“, seines Zeichens ein Prager Hundefänger.
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6. „Du Mensch!“
Der Hund: Atman (geb. um 1840 in Frankfurt – gest. 1849 ebenda). Weißer Pudel, Rüde.
Einer von mehreren gleichen Namens, gleicher
Rasse sowie gleicher Frisur. Unberührt von der
düsteren Weltanschauung seines Herrn.
Sein Mensch: Arthur Schopenhauer
(geb. 1788 in Danzig, Polen – gest. 1860 in
Frankfurt am Main). Philosoph, Pessimist, Misanthrop. Glaubt, dass im Universum das Irrationale, der Wille regiert. Als Teenager cholerisch.
Gesundheitsfreak und Junggeselle.
•••
Wenn ein Senior wenige Monate nach seinem 70.
Geburtstag seine große schöne Wohnung, in der er
seit knapp drei Jahrzehnten lebt, verlässt, muss es
für diesen Umzug einen schwerwiegenden Grund
geben. Und den hat Arthur Schopenhauer, als er am
1. Juli 1859 von der Frankfurter Schönen Aussicht
Nr. 17 in das Haus nebenan zieht: Er geht einen heftigen Nachbarschaftsstreit aus dem Weg, und zwar
aus Liebe zu seinem Hund. Denn die Bewohner der
Nr. 17 sind nicht gewillt, sich damit abzufinden, dass
er die Wohnung, den Hof und das Treppenhaus mit
seinem Pudel teilt.
Damals ist es eben noch nicht selbstverständlich,
dass Hunde wie Familienmitglieder behandelt werden, geschweige denn, dass sie wie Schopenhauers
Menschen mochte er kaum, seinen Pudel über alles:
Pudel mit ihren Menschen in einem so feinen ResArthur Schopenhauer, gezeichnet von Hundekenner
taurant wie dem „Frankfurter Hof“ Tag für Tag zu
Wilhelm Busch.
Mittag speisen. Also kommt es immer wieder zum
Gezänk und der alte Mann, der von Hunden eh
mehr hält als von Menschen, gibt nach: „Wundern
darf es mich nicht, dass manche die Hunde verleumden: Denn es beschämet zu oft leider den Menschen der Hund.
Woran sollte man sich von der endlosen Verstellung, Falschheit und Heimtücke der Menschen erholen, wenn die
Hunde nicht wären, in deren ehrliches Gesicht man ohne Mißtrauen schauen kann?“, notiert der grimmige Denker.
Schopenhauer geht als geistiger Wegbereiter der Psychoanalyse und als Pessimist in die Geschichte ein. Das Universum, behauptet er in seinem Hauptwerk „Die Welt als Wille und Vorstellung“, ist ein „Jammertal“ voller Leiden. Alles
Glück ist Illusion, alle Lust nur schlecht und böse. Jedes Lebewesen befindet sich im steten Kampf gegen das andere
(diese These macht Schopenhauer noch vor Darwin zum Darwinisten, siehe auch Polly). Der rastlos strebende Wille,
dieser ewige, unbewusste Drang ist durch nichts zu befriedigen, also muss man ihn „abschaffen“, um mit sich selbst
im Frieden sein zu können. Allein, die „Verneinung des Willens zum Leben“, also ein Verzicht auf die Befriedigung von
Trieben, bricht den Bann und stoppt den qualvollen Kreislauf von Leben, Leiden und Sterben. Doch dieses schaffen,
so Schopenhauer, lediglich buddhistische Mönche und manche christliche Heilige – nachzulesen auch in den meisten
der unzähligen Schopenhauer-Biographien.
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Hundebesitzer hingegen sind für ein Dasein in Wunschlosigkeit ungeeignet, da sie zu sehr an ihren Tieren hängen.
Schopenhauer weiß, wovon er redet. Denn er hängt an seinen Hunden dermaßen, dass er sich jedes Mal, wenn einer
stirbt, einen weiteren, identisch aussehenden Pudel holt, und ihn nach der neuesten Mode mit Bommelschwanz und
Fellsöckchen frisieren lässt. Als würde er den ewigen Kreislauf von Geborenwerden und Ableben durchbrechen und
seinem (jeweiligen) Atman eine Art Unsterblichkeit verschaffen wollen, als wäre jeder weitere Atman eine Reinkarnation seines Vorgängers. Also vermute ich, er würde heute seine Pudel klonen lassen (siehe auch Snuppy)...
Auf der Suche nach einer Antwort auf die Frage, wieso dieser Privatgelehrte, der bis zu seinem Tod vom väterlichen
Erbe lebt, den „Willen“ zu seinem philosophischen Leitbegriff macht, fällt einem unweigerlich Arthurs Mutter Johanna
(1766-1838) ein. Ihrerseits die berühmteste Autorin der Goethezeit, führt sie, kaum verwitwet, in Weimar den ersten
bürgerlichen Salon des Landes und hofiert den Geheimrat (siehe „Schwarzer Pudel“), der zu ihren Stammgästen zählt.
Als Mutter jedoch ist die Madame alles andere als salonfähig: „Alle Deine guten Eigenschaften werden durch Deine
Superklugheit verdunkelt und für die Welt unbrauchbar gemacht. Ich habe Dir schon immer gesagt, es wäre sehr
schwer, mit dir zu leben ... ich atme erst frei auf, wenn du weg bist“, gibt sie ihrem Sohn schriftlich, und das sind
noch die freundlichsten Worte, mit denen sie Arthur klarmacht, was sie von ihm hält. Und als er sich über ihren weit
jüngeren Liebhaber mokiert, stößt sie ihren Sohn, den Pessimisten, kurzerhand die Treppe hinunter, der prompt zum
Misogyn mutiert. Wohlgemerkt: Die Mama mag Katzen.
Bewundernswerte, eines idealen Menschen würdige Eigenschaften findet der streitsüchtige Querkopf also ausschließlich bei seinen Pudeln (und antizipiert mit dieser Weltsicht Sigmund Freud, der ihn kritiklos bewundert, siehe Jofi): „Ich
muss es aufrichtig gestehen, der Anblick j e d e s Tieres erfreut mich unmittelbar, und mir geht dabei das Herz auf;
am meisten der der Hunde. Gibt es Erfreulicheres als einen Hund, der dich morgens „mit seinem so eindrucksvollen,
wohlwollenden grundehrlichen Wedeln begrüßt?“
Übrigens: Dieser Philosoph, der seine (späte) Popularität vor allem seinen Aphorismen verdankt, gilt in der Philosophie
des 19. Jahrhunderts als Fortschrittsskeptiker und Illusionszerstörer, weil er sich weigert, an die Kraft der Vernunft und
an eine Entwicklung zum Guten zu glauben. Dennoch respektiert er schon als junger Mann ausgerechnet Immanuel
Kant und hält diesen Vernunft-„Anbeter“ sogar für den „vielleicht originellsten Kopf, den jemals die Natur hervorgebracht hat“. Wenn es aber um Kants Einstellung zu Tieren geht, nimmt Schopenhauer kein Blatt vor den Mund.
Denn Kant hält Tiere für vernunftlose Wesen, mit denen man nach Belieben schalten und walten kann. Schopenhauer
hingegen ist der erste westliche Denker der Neuzeit, der philosophisch begründet, warum Mensch und Tier sich nicht
absolut, sondern allenfalls relativ voneinander unterscheiden. In seiner „Preisschrift über die Grundlage der Moral“
greift er daher Kants Ethik explizit an: Seine These, „dass die vernunftlosen Wesen (also die Tiere, d.h.) Sachen wären
und daher auch bloß als Mittel, die nicht zugleich Zweck sind, behandelt werden dürften, beleidigt die echte Moral.
Ich finde solche Sätze empörend und abscheulich. Pfui!”
Zusammenfassend: Schopenhauer erkennt, dass großer Verstand keineswegs mit großem Mitgefühl einhergeht. Um
diesem Mangel an Herzenswärme gegensteuern zu können, konzipiert Schopenhauer eine mitreißende Mitleidsethik
und begrüßt enthusiastisch die Gründung von Tierschutzvereinen (wie sein anderer Bewunderer Richard Wagner,
siehe Peps).
Als Philosoph ein Schwarzmaler, ist Arthur als Privatier lebensbejahend und optimistisch. Mit etwas gutem Willen
könnte man ihn sogar zum Urvater aller Gesundheits-Gurus erheben. Um bis ins hohe Alter fit zu bleiben, empfiehlt
er „täglich zwei Stunden Bewegung in freier Luft, viel kaltes Baden und ähnliche diätische Maßregelungen“. Das sei
der einzige Weg zu Heiterkeit, die wiederum „allein gleichsam die wahre Münze des Glücks ist und nicht, wie alles
andere, bloß der Bankzettel“. Reichtum befriedigt zwar die „natürlichen Bedürfnisse“, aber hat wenig Einfluss auf
unser Wohlbefinden. Und was die Einsamkeit betrifft: In der Jugend würde man sie tatsächlich als Unglück, im Alter
hingegen als Erleichterung erfahren. Und mit dem einen oder anderen Atman an seiner Seite ist man eh nie ganz allein:
„Wenn es keine Hunde gäbe, möchte ich nicht leben.“
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Des Pudels Name Atman übrigens stammt aus dem Sanskrit und
bedeutet so viel wie Atem, Lebenshauch bzw. Seele. Aber Atman
wird der Hund ausschließlich in den eigenen vier Wänden genannt.
Draußen, wenn Menschen in Sicht, ruft er Schopenhauer seine
Pudel „Butz“. Und wenn er mal böse auf den Hund ist und ihn
rügen möchte, kennt er ein einziges Schimpfwort: „Du Mensch!“
Nach dem Umzug richtet sich der alte, störrische Herr in seiner
Wohnung richtig gemütlich ein. Soll heißen: Er behängt die Wände
mit 16 Kupferstichen, auf denen lauter Hunde abgebildet sind.
Schopenhauer mit Atman auf einem Holzschnitt von Johann
Ettling, der 1888 in der „Frankfurter Laterne“ erschien.
Zeichen einer Seelenverwandtschaft? Der Philosoph mit „Bommel-Frisur“.
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7. Telefonate mit dem blinden Favoriten
Der Hund: Baby Boy (geb.
1968 in Kalifornien – gest. um
1980 ebenda). Weißer Pudel,
blind. Elegant, einer von 26
Haushunden. Favorit.
Sein Mensch: Władziu
„Lee“ Liberace (geb. 1919 in
West Allis, Wisconsin – gest.
1987 in Palm Springs, Kalifornien). Er f olgreichs ter US Allein­e ntertainer der 1970er,
entthront erst von Elvis Presley. Wunderkind, Vegetarier,
homosexuell. Sein Vorbild:
Ludwig II. von Bayern. Besitzer
von u.a. 37 Konzert-Flügeln.
•••
Liberace wird gleich zweimal in
das Guinness-Buch der Rekorde
aufgenommen: Weil er auf einem
Klavier in nur zwei Minuten rund
6.000 Noten spielen kann, und
weil er seinerzeit der höchstbezahlte Musiker der Welt ist. Aber
vermutlich wäre ihm auch ein
Der Superstar der 50er Władziu „Lee“ Liberace mit einigen seiner
dritter Eintrag sicher, wäre er auf
Hunde: Links auf der Lehne sein Favorit, der blinde Baby Boy.
die Idee gekommen, ihn zu beantragen. Als Hundebesitzer. Denn
er hinterlässt 26 Hunde, die er
höchst persönlich hingebungsvoll
umsorgt und bespaßt hat, wie seine Haushälterin wiederholt betont. Alle 26? Schleichen sich da nicht leise Zweifel ein?
Was der phänomenale Entertainer, der mit seinem Faible für Märchenglanz keineswegs dem Schwanen-König Ludwig II. nachsteht, seinen Hunden auf alle Fälle bietet, ist Luxus: Halsbänder besät mit Edelsteinen, Näpfe aus Gold,
Mahlzeiten zubereitet von Sterneköchen und zum Planschen einen flachen Swimmingpool im Form eines Klaviers.
Aber vielleicht waren Hunde für ihn kaum mehr als eine weitere Facette seines beinahe obszönen Reichtums, vielleicht
sammelt er sie ebenso hamsterartig wie Häuser, Oldtimer und Schmuck?
Eher nicht, obwohl ich diese Vermutung nur mit einem einzigen Argument stützen kann: Liberaces Lieblingshund, der
elegante weiße Pudel Baby Boy, ist blind. Er kann also gar nichts von den kostbaren Utensilien würdigen. Baby Boy
ist es „Wurst“, ob er aus einem goldenen oder einem Blech-Napf trinkt; ob sein Herr in zerschlissenen Jeans oder in
einem dreihunderttausend Dollar teuren Schleppmantel aus weißem Fuchspelz herumläuft. Lee jedenfalls behauptet:
„Ich glaube nicht, dass ich meine Hunde verdorben habe. Es ist eher umgekehrt. Sie verwöhnten mich mit ihrer endlosen Loyalität, Liebe und Hingabe.“
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