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MROCZYNSKI, ROBERT: Grammatikalisierung und Pragmatikalisierung. Zur
Herausbildung der Diskursmarker wobei, weil und ja im gesprochenen
Deutsch. Tübingen: Narr Francke Attempto 2012. 254 S. (Tübinger Beiträge
zur Linguistik. 530). € 69,00
Vorliegende Arbeit ist die für den Druck leicht überarbeitete Fassung einer von
RUDI KELLER betreuten Dissertation, die 2011 an der Heinrich-HeineUniversität Düsseldorf angenommen wurde. Ihr Gegenstand sind Diskursmarker (hier: wobei, weil und ja), also ein Phänomen vor allem der
gesprochenen Sprache, das sich gegen wichtige Annahmen der klassischen
Grammatikalisierungstheorie sperrt. Letztere geht in ihrer von LEHMANN
(1995) geprägten Form davon aus, dass Grammatikalisierung mit einer immer
stärkeren Einbindung ehemaliger Lexeme in die Morphosyntax auf Satz-,
Phrasen- oder Wortebene einhergeht. Diskursmarker dagegen üben eine
diskursorganisierende Funktion außerhalb der Satzgrenzen aus, so dass sich bei
ihrer Herausbildung die "Fügungsenge" nicht vergrößert und der "strukturelle
Skopus" nicht verringert, sondern umgekehrt. Zudem handelt es sich
ursprünglich oft nicht um selbständige Lexeme, sondern um bereits grammatische Ausdrücke, die nun eine Funktion im Diskurs übernehmen. Diskursmarker können daher im Extremfall als Verletzung des Unidirektionalitätsprinzips bzw. als ein Fall von Degrammatikalisierung betrachtet werden.
Zwei idealtypische Antworten, die in der Literatur auf diese Herausforderung gegeben worden sind, finden sich im Titel der vorliegenden Arbeit in
Gestalt der Begriffe "Grammatikalisierung" und "Pragmatikalisierung" wieder:
Während manche Autoren den Grammatikalisierungsbegriff im Sinne der
Diskursmarker zu erweitern oder (wie etwa TRAUGOTT) stärker semantischpragmatisch zu akzentuieren versuchen, neigen andere dazu, Diskursmarker
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aus der Grammatikalisierungstheorie auszugliedern und ihre Entstehung als
"Pragmatikalisierung", d.h. als einen eigenständigen Vorgang der Herausbildung diskurspragmatischer Funktionalität, zu begreifen (so zuerst ERMAN /
KOTSINAS 1993). Diese Grundpositionen wurden bereits um die Mitte der
1990er Jahre formuliert und haben seitdem zu zahlreichen empirischen
Einzelstudien sowie zu einigen theoretisch begründeten Kompromissvorschlägen Anlass gegeben. Die vorliegende Arbeit weckt also Neugier:
Welchen Beitrag vermag eine Dissertation heute noch zu einem Thema zu
leisten, das schon eineinhalb Jahrzehnte lang ausführlich erforscht und
diskutiert worden ist?
Im Laufe der Lektüre wird schnell klar, dass der Autor für einen
eigenständigen Pragmatikalisierungsbegriff optiert und seine Aufgabe vor
allem darin sieht, Pragmatikalisierungsvorgänge nach dem Vorbild der
Grammatikalisierung zu parametrisieren und theoretisch innerhalb der
Invisible-Hand-Theorie nach KELLER (1994) zu verorten. In diesem Rahmen
sieht er bei Diskursmarkern einen Prozess der "zentripetalen Sinnkumulation"
am Werk, womit gemeint ist, "dass Diskursmarker nicht linear, sondern
vielmehr netzwerkartig entstanden sind" (S. 190) und ihr Funktionsprofil aus
allen anderen vorgängigen Verwendungsweisen zugleich gewinnen – ein
Gedanke, den er unter Rückgriff auf den netzwerkbezogenen Vererbungsbegriff der Konstruktionsgrammatik theoretisch zu fundieren sucht.
Die Gliederung des Buches besteht nach der Einleitung (S. 11–15) aus
sechs Kapiteln, deren erstes (S. 16–38) den Sprachwandelbegriff KELLERs
darlegt und diesen zur gesprochenen Sprache in Bezug setzt. Kapitel 2 (S. 39–
84) ist der Grammatikalisierung, Kapitel 3 (S. 85–124) der Pragmatikalisierung
gewidmet. Speziell gegen alternative Grammatikalisierungsbegriffe argumentierend, betont der Autor die Unfähigkeit aller bisherigen grammatikalisie-
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rungstheoretischen Ansätze, Diskursmarkern gerecht zu werden, woraus sich
das Desiderat einer eigenständigen Theorie der Pragmatikalisierung ergibt. Es
folgt das vierte und längste Kapitel (S. 125–189), dessen Gegenstand die
Herausbildung der Diskursmarker wobei, weil und ja ist, dann das fünfte
Kapitel (S. 190–211), das die "zentripetale Sinnkumulation" im konstruktionsgrammatischen Rahmen behandelt, sowie das sechste Kapitel (S. 212–233), wo
für jeden der drei behandelten Diskursmarker der "Kosten-Nutzen-Baum" (S.
217) durchgerechnet wird, um nachzuweisen, welche Vorteile die Herausbildung des betreffenden Diskursmarkers für Sprecher und Hörer mit sich
bringt. Auf das Fazit (S. 234–238) folgt das Literaturverzeichnis (S. 241–254),
dem noch die Transkriptionskonventionen für gesprochene Sprache nach GAT
(S. 239–240) vorgeschaltet sind. Über die Herkunft der zitierten Gesprächsausschnitte gibt Fußnote 1 (S. 11) Auskunft: Sie stammen größtenteils aus den
Korpora des Deutschen Spracharchivs (heute: Datenbank Gesprochenes
Deutsch) beim IDS, ansonsten aus der einschlägigen Literatur.
Der grundsätzlichen Originalität des verfolgten Ansatzes und mancher
Gedankengänge und Beobachtungen zum Trotz macht es der Autor dem Leser
von Anfang an nicht leicht. Das liegt u.a. daran, dass die empirischen Aspekte
der Herausbildung konkreter Diskursmarker erst im vierten Kapitel behandelt
werden, so dass die Diskussion der Grammatikalisierungs- und der
Pragmatikalisierungstheorie im Hinblick auf Diskursmarker in Kapitel 2 bzw. 3
weitgehend deduktiv, ja zuweilen spekulativ ausfällt. Obwohl in Kapitel 4
zeitweilig mehr authentische Gesprächsbeispiele zum Zuge kommen und so
immerhin ein überblickshaftes Bild der Funktionen der drei behandelten
Diskursmarker und ihrer Quellausdrücke entsteht, ändert sich an diesem Vorgehen im Verlauf der Arbeit substanziell wenig und wird dem sog. "Common
Sense", den im Anschluss an KELLER unterstellten "universalen Sprachwandel-
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gesetzen" usw. (u.a. S. 188) eine wichtige Rolle im Erkenntnisprozess zugewiesen, so dass das methodologische Motto der Arbeit, "Theorie fügt sich
der Empirie" (ebd. u.ö.), letztlich unglaubwürdig bleibt.
Schwer nachvollziehbar sind ferner Akzentsetzungen wie etwa im fünften
und sechsten Kapitel, wo der Autor im Zusammenhang mit der Konstruktionsgrammatik den potenziell hilfreichen Begriff der "Konstruktionalisierung" (u.a.
NOËL 2007) übersieht, sich gleichzeitig aber große Mühe gibt, KELLERs
bekannte Metapher des Trampelpfades im Hinblick auf die Herausbildung von
Diskursmarkern durch die Metapher des Kreisverkehrs zu ersetzen, um so die
von ihm postulierte "zentripetale Sinnkumulation" als Invisible-HandPhänomen zu erweisen. Letztere expliziert er konstruktionsgrammatisch mit
Hilfe des Begriffs der netzwerkbezogenen Vererbung, ohne den naheliegenden
Begriff der "Persistenz" (HOPPER 1991) heranzuziehen. Ebensowenig geht er
auf die Frage ein, wie die angebliche "Kumulation" mit der Tatsache vereinbar
sein soll, dass Diskursmarker den allergrößten Teil der Funktionalität ihrer
Ausgangsformen ja gerade nicht bewahrt, sondern aufgegeben haben. Auch
scheint die Vorstellung wenig plausibel, dass es im angenommenen Netzwerk
offenbar keinerlei Hierarchie der Nachbarvarianten mehr geben soll. So hat
z.B. der Diskursmarker wobei funktional wesentlich mehr mit dem relativen
wobei als mit dem interrogativen wobei gemein, auch wenn dies gewisse,
synchronisch oder diachronisch begründete Bezüge natürlich nicht ausschließt.
So sehr der Autor auch beteuert, historische Entwicklungen zu rekonstruieren
(u.a. S. 125) – tatsächlich führt die synchronische Einebnung der Bezüge
zwischen den Gebrauchsvarianten in seinem Ansatz unweigerlich zu einem
Verlust der historischen Tiefenschärfe und entbehrt es folglich auch nicht einer
gewissen Ironie, dass er mehrfach entschuldigend darauf hinweist, dass
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historischer Wandel in der gesprochenen Sprache mangels Daten nun einmal
nicht direkt beobachtbar sei (ebd. u.ö.).
Gewissermaßen das Pendant zum methodologischen Eklektizismus der Arbeit ist das Fehlen einer überzeugenden Auseinandersetzung mit den bisherigen
Versuchen zur Charakterisierung und Einordnung der Pragmatikalisierung.
Dass der Autor die grundlegende Darstellung des Traugott-Ansatzes in dem
Beitrag von TABOR / TRAUGOTT (1998) übergeht, mag angesichts seiner
Diskussion von TRAUGOTT (1995) noch zu verschmerzen sein. Unverständlich
ist dagegen, dass er mit keinem Wort das Problem der Degrammatikalisierung
erwähnt, das NORDE (2009) mitsamt Parametern ausführlich behandelt, und
auch nicht bemerkt, dass das Phänomen, das er provisorisch "Herausbildung"
nennt, in der interaktionalen Linguistik als "Emergenz" bekannt und sowohl
empirisch als auch theoretisch ausführlich reflektiert worden ist (siehe u.a.
AUER / PFÄNDER, Hg., 2011). Dies ist auch deshalb eine gravierende Lücke,
weil im Rahmen dieses Ansatzes von BARTH-WEINGARTEN / COUPER-KUHLEN
(2002) anhand des englischen though ein dritter Weg vorgeschlagen wurde, der
zwischen einer Erweiterung des Grammatikalisierungsbegriffs einerseits und
einer Auslagerung der Diskursmarker in die Pragmatikalisierung andererseits
liegt (siehe zum Überblick ONODERA 2011). Dieser Mittelweg besteht darin,
Grammatikalisierung als Prototyp zu betrachten und die Emergenz von
Diskursmarkern im Rahmen des Prototyps als einen (im doppelten Sinne)
peripheren Fall zu behandeln. Es wäre interessant gewesen, die Meinung des
Autors zu dieser Auffassung zu erfahren, drängt sich doch angesichts der von
ihm formulierten Pragmatikalisierungsparameter (S. 115) der Eindruck auf,
dass er ihr durchaus Sympathie abgewinnen könnte.
Insgesamt ist es angesichts der genannten Schwächen kein Wunder, dass
der Ertrag der vorliegenden Arbeit für die Profilierung der Pragmatikalisierung
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im Spannungsfeld mit der Grammatikalisierungstheorie enttäuschend ausfällt.
Dies gilt u.a. auch für die vier Pragmatikalisierungsparameter (Konfiguration,
Bedeutungsgehalt, Fügungsenge, Prosodie) samt deren jeweiliger Zuordnung
zu einem bestimmten Sprachwandelprozess (Diskursivierung, Polysemierung,
Entkoppelung, prosodische Emanzipation – beides S. 115), die der Autor als
eines der Hauptergebnisse seiner Arbeit betrachtet (u.a. S. 234), obwohl sie im
Grunde nur ein dynamisiertes Inventar jener Besonderheiten darstellen, welche
aus der kritischen Auseinandersetzung mit Diskursmarkern vor dem Hintergrund der Grammatikalisierungstheorie ohnehin schon bekannt sind. So kehrt
die LEHMANNsche "Fügungsenge" hier unter umgekehrten Vorzeichen wieder
(ergänzt um die Prosodie als separaten Parameter) und ist "Diskursivierung"
nichts substanziell anderes als das altbekannte Anwachsen des "strukturellen
Skopus". Von einem derart schwach profilierten Pragmatikalisierungsbegriff
ist kaum zu erwarten, dass er die Suche nach einem alternativen, diskursmarkerkompatiblen Grammatikalisierungsbegriff aushebeln kann. Wenn überhaupt, dürfte er sie eher noch weiter anspornen.
LITERATUR
AUER, PETER / STEFAN PFÄNDER (Hg., 2011): Constructions: Emerging and
Emergent. Berlin / Boston: de Gruyter.
BARTH-WEINGARTEN, DAGMAR / ELIZABETH COUPER-KUHLEN (2002): On the
Development of Final though: A Case of Grammaticalization? In:
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of ba' and you know. In: Studier i modern språkwetenskap 10, 76-93.
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HOPPER, PAUL J. (1991): On Some Principles of Grammaticalization. In:
HOPPER, PAUL J. / ELIZABETH CLOSS TRAUGOTT (Hg.): Approaches to
Grammaticalization. Volume 1: Focus on Theoretical and Methodological
Issues. Amsterdam / Philadelphia: Benjamins, 17-35.
KELLER, RUDI (1994): Sprachwandel. Von der unsichtbaren Hand in der
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LEHMANN, CHRISTIAN (1995): Thoughts on Grammaticalization. Munich /
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NOËL, DIRK (2007): Diachronic Construction Grammar and Grammaticalization Theory. In: Functions of Language 14, 177-202.
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ONODERA, NORIKO O. (2011): The Grammaticalization of Discourse Markers.
In: NARROG, HEIKO / BERND HEINE (Hg.): The Oxford Handbook of
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Discourse Markers in a Theory of Grammaticalization. Vortrag, ICHL XII,
Manchester, http://www.stanford.edu/~traugott/papers/discourse.pdf.
Gent/Belgien
TORSTEN LEUSCHNER