Fahrenheit – ebook - Linton Samuel Dawson

Florian Schuster
FAHRENHEIT
Novelle
1. Auflage
Copyright: © 2013 Florian Schuster
Umschlagfoto: Florian Schuster
Druck und Verlag: epubli GmbH, Berlin
www.epubli.de
www.lintonsamueldawson.de
Diese Geschichte ist frei erfunden.
Alle Namen, handelnder Personen, Orte und Begebenheiten
entspringen der Fantasie des Autors.
Jede Ähnlichkeit mit real lebenden oder toten Personen,
Ereignissen oder Schauplätzen wäre völlig
unbeabsichtigt und reiner Zufall.
At such times,
I conclude the soul
can only hang in the dark,
like a white bat
and let the darkness
have the day.
- Martin Amis
Jeder Mensch ist ein Abgrund,
es schwindelt einen, wenn man hinabsieht.
- Woyzeck
Was noch?
Mein Name?
Linton Samuel Dawson.
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Prolog
Der Holunder blühte bereits.
Wenn ich mich an diese Zeit zurückerinnere, fällt
mir als Erstes ein, dass genau an diesem Tag der Holunder anfing zu blühen. Und damit fing alles an.
Auch wenn es schwer zu sagen ist, wann eine bestimmte Sache überhaupt anfängt.
Zuerst will ich Ihnen etwas über mich schreiben.
Sicher möchten Sie wissen, mit wem Sie sich hier
einlassen. Ich arbeite in einer Firma, die – um die
richtige Terminologie zu verwenden – Leichtmetallräder für die Automobilindustrie herstellt. Ich bin in
der Vertriebsabteilung tätig und verkaufe diese Räder
an unsere Großkunden. Also Büro, Innendienst, seit
mittlerweile rund acht Jahren. Man könnte sagen, ich
hätte mich damit abgefunden. Es gibt wahrlich
schlimmere Arten sein tägliches Brot zu verdienen.
Ich werde dieses Jahr 33 Jahre alt und wohne mit
meiner Frau Eva, 32, in K.; einer kleinen Stadt in
einer gemeinsamen Wohnung etwas außerhalb des
Stadtkerns.
Ich lebe in einer mäßig glücklichen Ehe, die mit
Liebe begann und in einem Arrangement endete,
wenn Sie verstehen, was ich meine. Es ist das passiert,
was nach langer Zeit zwischen Paaren eben passiert,
man hat andere Interessen, man schläft nicht mehr
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miteinander – nicht mal mehr in einem Bett - kann
sich aber trotzdem gut leiden. Pure Gewohnheit eben.
Man lebt sich eben auseinander, so ausgelutscht dieser
Begriff auch ist. Sie kennen das sicher. Aber wir verstehen uns, darauf kommt es ja an, oder nicht? Ich
gehöre zu der Sorte Mensch, die das Leben eher bequem halten.
Ich stehe meistens jeden Tag gegen 7 Uhr auf.
Wenn ich dann mit dem Auto zur Arbeit fahre, brauche ich 13 Minuten. Es sei denn, die zwei Ampeln, an
denen ich vorbei muss, sind rot – und wenn, dann sind
es immer beide. In diesem Fall brauche ich 15 Minuten.
13 oder 15 Minuten, das ist die unausweichliche
Prämisse Tag für Tag.
Diese morgendlichen Fahrten mit dem Wagen haben sich im Laufe der Jahre zu einer Art Notwendigkeit entwickelt. Eine Schleuse, in der ich mich eine
Weile aufhalten kann, bevor ich bereit bin, mich in die
graue Welt und in die so genannte Wirklichkeit zu
begeben.
Man beschreibt mich zuweilen als angenehmen
Menschen, mit dem Hang zum Melancholischen und
Langweiligen. Eine ferne Bekannte verglich meinen
Charakter einmal mit einem alten Wohnzimmersofa.
Ausgesessen, stumm dastehend, nichts wollend, ohne
Ambitionen und mit dem Alter auch nicht gerade
schöner werdend. Wahrscheinlich ging deshalb auch
meine Ehe mit Eva in die Brüche.
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Meine Frau ist übrigens Oberkrankenschwester im
Zentralkrankenhaus in M. und daher nicht so oft zuhause, wogegen ich nicht im Geringsten irgendwelche
Einwände habe. Ich bin gern alleine. Ich löse gerne
Kreuzworträtsel, aber dazu später mehr; ich will Sie
nicht unnötig langweilen.
Ich benutze zu viele Worte, wie ich selbst merke.
Habe Probleme, wie so oft, für das hier eine Einleitung zu finden. Eigentlich war es gar nicht anders zu
erwarten, aber ich möchte Ihnen ja auch gern eine Art
Hintergrund geben. Eine kleine Ahnung zumindest,
auf was Sie sich hier einlassen. Die Grundpfeiler
sozusagen.
Wie ich es jetzt in dem noch nicht Geschriebenen
sehe, besteht natürlich das Risiko, das Sachen und
Dinge verwischen, unklar werden. Dass es mir vielleicht nicht gänzlich gelingt, alle Ereignisse und Zusammenhänge auseinander zu halten. Und dann ist es
natürlich eine gute Regel, wenn man sich an die
Chronologie hält, die sich sowieso anbietet. Auch
wenn ich – das ist zumindest meine Hoffnung – nicht
der Versuchung verfallen bin, mich, soweit es geht, in
der Zeit zurückzuverirren.
Wer kann sagen, wann etwas eigentlich anfängt?
Wer?
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Kapitel 1
Montag, 20. Juli
Begegnung
Es gibt diese Musik, die einen über sein ganzes Leben
begleitet.
Bei mir ist es schon seit Kindertagen „Die Moldau“
(bzw. Vlatava auf Tschechisch) von Bedrich Smetana. Im
Dezember 1874 in Prag für seinen Mein VaterlandZyklus aufgenommen, schildert diese Komposition den
Lauf der Moldau von ihrem Ursprung im Böhmischen
Wald bis zu ihrer Mündung in die Elbe. Eine meiner frühesten Kindheitserinnerungen ist damit verbunden. Ich
erinnere mich, dass meine Großmutter, aus Böhmen
stammend, eine Schallplatte mit Smetana-Werken besaß
und mir immer davon erzählte, wie schön es in ihrer
Heimat war, zu diesem Lied (und anderen SmetanaKompositionen) zu tanzen. Ich bekam diese Platte irgendwann als kleines Kind geschenkt. Es war meine erste
eigene (Schall-)Platte und sie lief so oft, dass ich die Melodie dieses, eigentlich recht kurzen, 12-minütigen Liedes auswendig mitsummen konnte (wahrscheinlich einfach aus dem einfach Grund, weil ich keine andere Platte
zu dieser Zeit hatte). Das Lied ist nun seit über 20 Jahren
ständiger Begleiter meines Lebens und auch wenn ich es
über eine längere Zeit nicht höre, kenne ich jeden einzelnen Abschnitt davon. Ich empfehle es ausnahmslos je14
dem. Die beste Methode, dieses Lied in sich aufzunehmen ist, die Augen zu schließen und an einen kleinen
Waldsee oder einen kleinen Fluss zu denken, der Rest
ergibt sich immer von selbst. Nach einem harten Tag im
Büro ist das mein Ausgleich.
Und nun, nach etlichen Jahren ist es als MP3 (hochkomprimiert natürlich) in meinem iPod mein morgendlicher Weckton. Jeden Morgen um 7.03 Uhr (ich habe die
Eigenart, mich nie zu geraden Uhrzeiten wecken zu lassen) höre ich diese Töne und lasse mich so wecken. Jeden verdammten Morgen.
Juli. Es war, wie schon erwähnt, Hochsommer. Die
schwerste Zeit eines jeden Jahres. Wochen, an denen einem so ziemlich alles schwerfällt, man nur mit Müßiggang zurechtkommt und froh ist, wenn die Dämmerung
einsetzt. Zumindest geht mir das so. Für andere Menschen wiederrum ist es das Highlight des Jahres, mit
Schwimmbadbesuchen, Eis essen im Freien oder FlipFlops an den Füßen. Für mich ist es eher die perfekte
Zeit, um mich daheim zu verkriechen.
An diesem noch unschuldigen Montagmorgen wachte
ich, wie die Tage vorher schon, mit Schweißperlen auf
der Stirn auf. Mein Rücken klebte am Laken und das
Außenthermometer zeigte schon kurz nach 7 Uhr 28
Grad im Schatten an. Es war eine regelrechte Qual. Ich
stieg, nachdem ich das tat, was man morgens immer tut,
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sich waschen, Zähne putzen, Toilette etc., in mein Auto
und fuhr zur Arbeit. Ich gehöre zu den Menschen, die es
bevorzugen, morgens nichts zu essen, da sonst ein unangenehmes Völlegefühl in meinem Magen einsetzt und ich
so nur schwer arbeiten kann. Auch kann ich morgens
keinen Kaffee zu mir nehmen, dagegen rebelliert mein
Magen sofort.
Als ich in meinem deutschen Firmenwagen saß, die
Klimaanlage am Anschlag, fiel mir ein, dass an diesem
Morgen eine wichtige Sitzung stattfinden würde und ich
wahrscheinlich zu spät käme. Zudem musste ich eigentlich noch etwas dafür vorbereiten. Säulendiagramme,
Statistiken und langweilige, mit Zahlen übersäte, Tabellen. Dazu blieb nun keine Zeit mehr. Auch egal.
Beide Ampeln waren rot. Also 15 Minuten. Ich kam
definitiv zu spät. Daran konnte ich nichts mehr ändern.
Wütend schlug ich auf das Lenkrad und fluchte.
Ich parkte auf unserem Firmenparkplatz, schloss mein
Auto ab und ging schnellstens durch die gläserne Eingangstür. Ich begrüßte die Empfangsdame an der Zentrale mit einem routiniertem und einstudiertem Nicken,
während sie mich mit einem etwas seltsamen „Guten …
äh … Morgen … Herr Dawson“ begrüßte (ich dachte zu
diesem Zeitpunkt noch, dass sie einfach meinen Namen
nicht wusste, sie war neu. Später wusste ich diese Reaktion besser zu deuten. Das werden Sie auch noch, glauben Sie mir). Ich lief den Weg in den ersten Stock und
merkte, dass es genau eine Minute nach 8 Uhr war. Gerade noch geschafft, die Anderen kommen auch immer
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zu spät, dachte ich mir.
Ich ging auf unser Sitzungszimmer zu, dessen Tür
einen Spalt offen stand, jedoch hörte es sich so an, als ob
es schon voll besetzt war. Wahrscheinlich warteten sie
nur auf mich, dachte ich mir. Wie lächerlich mir meine
damaligen Gedanken heute vorkommen, kann ich gar
nicht richtig in Worte fassen. Wie verdammt naiv ich
doch damals war.
Ich hörte die bekannten Stimmen meiner Kollegen und
eine komische, dennoch mir sehr bekannt vorkommende
Stimme, die ich aber nirgends einordnen konnte. Ich
streifte mein Hemd glatt, fuhr mir nochmal durch meine
Haare und öffnete die Tür.
Ich sah in einer Reihe von links nach rechts die Herren
van Wertel, Paslik und Dawson sitzen. Ja, so war es.
Das klingt jetzt unglaublich, ich weiß, aber da saß
ich schon. Ich sah mich. Ganz rechts außen.
Linton Samuel Dawson, im Besprechungsraum 107 im
ersten Stock meiner Firma, um 8.02 Uhr am 20. Juli. Ich
ging einen Schritt zurück und schloss die Tür, hoffentlich
hat mich keiner erkannt, dachte ich, unter Schock. Ich
blickte mich um, schloss geistesgegenwärtig die Augen
und strich mir mit der Hand über das Gesicht. Beruhig
dich Linton. Das ist nur ein Trugbild, du bist noch nicht
richtig wach. Ruhig bleiben. Das ist wahrscheinlich nur
Mauritz, mein Kollege, der mich an manchen Tagen aufgrund meiner ausladenden Gesten beim Präsentieren,
nachäfft und mir doch recht ähnlich sieht, gleiche Gesichtsform, Frisur und oft auch die gleichen Hemden.
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So ein Trottel. Ich schritt zur Seite, machte einen kleinen
Schritt zur Tür hin und linste noch einmal durch den
dünnen Spalt.
In der Tat. Ich sah mich von der Seite gerade heftig
mit meinem Chef sprechen und mit einem Stift auf die
Wand zeigen. „…Wir müssen das in Zukunft anders machen, sehen sie hier…“, sagte dieser Mensch, der aussah
wie ich, sprach wie ich und die gleiche Mimik und Gestik
wie ich besaß. Das war nicht Mauritz, der saß ihm - oder
mir - nämlich gegenüber und hatte sein immerwährendes
arrogantes Grinsen im Gesicht. Er, mit einem meiner
hellblau-gestreiften Baumwollhemden an, hatte - im Gegensatz zu mir - anscheinend sogar etwas vorbereitet und
trank aus meiner schwarzen Pink Floyd Tasse (ein Geschenk meiner Frau aus besseren Tagen). Er tat genau
das, was ich auch immer mache; mit dem Kugelschreiber
in der Hand meinen Kopf kratzen. Eine ungewöhnliche
Angewohnheit, ich weiß, bitte belehren sie mich nicht
darüber.
Ich will nicht leugnen, dass es trotzdem bereits vom
ersten Augenblick an einen gewissen intellektuellen
Zweifel gab. Mir war der Gedanke, mich selbst zu sehen
einfach fremd. Ich bin weiß Gott kein Mensch schneller
Entschlüsse, aber in meinem tiefsten Innern – im geschützten Raum der Gefühle – wusste ich natürlich, dass
ich mich in keiner Weise selbst belogen hatte.
Mir wurde plötzlich schlecht, so schlecht, dass mir der
Atem stockte und mein Magen zu knurren anfing. Meine
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Knie zitterten. Ich ginge leise von der Tür wieder weg
und ging auf die Toilette, setzte mich auf den Klodeckel
und schloss die Augen, wusch danach mein Gesicht und
sah mich im Spiegel an. Ich bin Linton Samuel Dawson.
Aber wer zum Teufel ist da drin?
Sie werden diese Reaktion sicher verstehen. Was hätten Sie getan? Sie müssen sich ab sofort in meine Lage
versetzen. Das ist von zentraler Bedeutung für die gesamte Geschichte.
Ich rannte hinunter ins Erdgeschoss, an der Zentrale
vorbei, die zum Glück gerade unbesetzt war, hastete wie
ein Blitz in Richtung Parkplatz, setzte mich in meinen
schwarzen VW Passat und fuhr direkt auf die Autobahn
in Richtung Süden. Ich fuhr auf der linken Spur, raste die
Straße entlang und stellte das Autoradio und die Lüftung
aus. Keine Musik, keine Moldau, keine frische Luft. Außer den üblichen leisen Motorgeräuschen war es mucksmäuschenstill. Tränen liefen mir seitlich über meine
Wangen.
Ich tat nichts. Ich schaute nur nach vorne. Mein Kopf
war leer.
Während ich so im Nachhinein versuche, meine Gedanken und meinen Gemütszustand an diesem ersten Tag
zu rekonstruieren, habe ich das Gefühl, das alles etwas …
unengagiert erscheint, oder? Geradezu leichtsinnig. Ist es
wirklich möglich, so könnten Sie sich fragen, dass ich
mich nach so einem Erlebnis einfach ins Auto gesetzt
habe und planlos davongebraust bin?
Wie hätten Sie selbst sich verhalten? Sie glauben, Sie
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wüssten es? Sich auf den Boden geworfen? Mit den Augen gerollt und Schaum vor dem Mund bekommen? Hätten Sie Hilfe gesucht? Wären zu einem Pfarrer gegangen? Zum Arzt? Oder zum Psychiater?
In dem Fall haben Sie nicht das hinter sich, was ich
hinter mir habe – zwei Krankenhausaufenthalte (wobei
ich bei Letzterem Eva kennenlernte).
Lassen Sie mich Ihnen einen Rat geben: Wenn Sie das
Gefühl haben, wahnsinnig zu werden – halten Sie es so
lange geheim, wie es nur irgendwie geht.
Vielleicht würden Sie versuchen, mehr über den Stand
der Dinge herauszubekommen? In der Arbeit anrufen und
nachfragen? Sind sie sich sicher?
Hand aufs Herz!
Das war ja auch genau das, was ich nach einer Weile
tat. Früher oder später wird das Bedürfnis, sich zu vergewissern, einfach zu stark.
Zu viele Worte?
Ich weiß, wir müssen in der Geschichte weiterkommen.
Nachdem ich also fast zwei Stunden in meinem Auto
gesessen hatte, spürte ich plötzlich, wie mich eine große
Müdigkeit überkam. Mir war klar, dass es Zeit für eine
Pause war, und genau in dem Moment tauchte das Schild
auf.
Café Weitwinkel
500 Meter
Ich blinkte, und eine halbe Minute später hatte ich die
Autobahn verlassen.
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Kapitel 2
Nike und das Café Weitwinkel
Ich stellte mein Auto ab, machte einige, sicher lächerlich
wirkende, Stretch-Übungen (mein Rücken lässt nichts
anderes zu als mich nach jeder halben Stunde zu strecken) und ging auf das Café zu. Es sah einladend aus,
sauber und gut sortiert. Es lag ein wenig abgeschieden im
Wald, umringt von unzähligen großen Kastanien– und
Ahornbäumen. Als ich die Türen öffnete sah ich einen
großen Raum mit Tischen, Bänken und Stühlen und eine
kleine Theke. Die Klimaanlage surrte und im Fernseher,
der über der Theke an der Wand befestigt war und einen
leichten Grünstich hatte, lief Lullaby von The Cure auf
einem ausländischen Musiksender. Die Wände waren
frisch gestrichen, der Fußboden blank geputzt, es war fast
schon zu sauber und steril für eine Autobahn-Raststätte.
Das Café war bis auf einen Tisch, besetzt mit einem Trucker-Fahrer der konzentriert eine Landkarte in polnischer
Sprache vor sich hatte, komplett leer. Umso besser.
Ich setzte mich und warf alibihaft einen Blick in die
Speisekarte, denn eigentlich hatte ich keinen Hunger. Die
Bedienung, eine Frau, geschätzt Mitte 20, groß, lange
schwarze Haare, gutaussehend, mit einem betörend guten
Geruch an sich, nahm meine Bestellung entgegen. Ich
bestellte einen Kaffee, schwarz mit viel Zucker und zwei
Rühreier mit gebratenem Speck. Geschmeckt hatte es
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nicht, was aber eher an mir lag, denn es war sehr gut gemacht.
Ich konnte einfach nicht zur Ruhe kommen und stopfte das Essen geradezu bauernhaft in mich hinein, trank
den Kaffee in zwei Schlucken aus, legte einen 10-Euro
Schein neben den Teller auf den Tisch, ging aus dem
Lokal und setzte mich im Schatten eines Kastanienbaums
erst mal auf die dortige, leicht ramponierte Holzbank. Ich
war zwar seit nunmehr drei Wochen Nichtraucher, was
mir aber aufgrund meiner Nerven in diesem Moment
absolut egal war. Ich kaufte mir eine Schachtel Marlboro
lights am Automaten, der zufälligerweise genau hinter
meiner Bank stand und steckte mir gleich eine an, währenddessen die Kellnerin mit einem Teller Salat auch
heraus kam und sich an den Tisch, mit der Blickrichtung
zu mir, hinsetzte.
Ich, der langsam wieder runter kam und sich allmählich durch das Nikotin besänftigen ließ, bot der Kellnerin
mit einer kleinen aber verständlichen Handbewegung
eine Zigarette an, was sie freundlich erwiderte und auf
mich zukam, sich eine Zigarette aus der Schachtel nahm
und sich neben mich stellte. „Gerne, danke, sehr freundlich von ihnen“. Warum ich das tat, weiß ich bis heute
nicht, wahrscheinlich wollte ich einfach ein bisschen Gesellschaft.
Ein leiser Wind wehte mir um die Nase.
Und so stand sie da, ich konnte sie nun genauer ansehen. Sie trug eine rote Schürze, blaue enge Jeans, und einen hellgrünen Seidenschal um den Hals, ihre Fingernä22
gel waren grün lackiert. Man würde sie ganz objektiv
wohl als hübsch bezeichnen. Aber ich hatte gerade ganz
andere Gedanken.
Wir saßen bzw. standen also da und rauchten. Stumm
nach vorne blickend, als mich ihre überraschend tiefe
Stimme aus den Gedanken riss.
„‘Tschuldigung, ich will nicht indiskret sein aber ich
habe Sie hier noch nie gesehen.“
„Naja, das ist auch eine Autobahnraststätte, da halten
sicher viele Menschen an.“, gab ich desinteressiert zurück, während ich einem Jogger hinterherschaute. Jogger
auf der Autobahnraststätte – manchen Menschen ist auch
alles egal.
„Aber bei einzelnen Männer sind’s meistens die gleichen paar, die hier ein- uns ausgehen. Darf ich fragen,
wie sie heißen? Wo kommen sie her?“, fragte sie. Ein
bisschen aufdringlich fand ich das im Nachhinein schon,
ließ es mir aber nicht anmerken.
„Ich heiße Linton und komme aus K.“, antwortete ich.
„Aha, Linton. Das ist aber kein üblicher Name hier.
Sind sie Amerikaner? Jude? Wie ist ihr Nachname?
Smith?“ – Wie sie auf Smith kam, frage ich mich heute
noch. Sehe ich aus wie ein Smith?
„Ich heiße Linton Samuel Dawson (als ich das sagte,
verspürte ich einen kleinen Stich in der Magengegend),
meine Eltern sind Engländer, mein Großvater mütterlicherseits war Jude, in der Tat.“
Die Frau nickte.
Der Höflichkeit halber fragte ich sie nach ihrem Na23
men, obwohl ich mich nicht dafür interessierte. Mein
Leben stand gerade Kopf, mir doch egal, wie die Frau
Heißt.
„Und wie heißen Sie?“
„Nike“, antwortete sie mir.
„Nike Johanna Münster, meine Mutter ist aus Dublin
mein Vater aus Frankfurt.“
„Ah, schöner Name, auch nicht gerade oft vergeben,
hm?“, sagte ich und zog an meiner Zigarette.
„Da haben sie recht, aber mir gefällt er sehr“.
Pause.
„Sie sehen verwirrt aus, mit Ihnen alles in Ordnung?“
„Nein.“, ich sah ihr dabei ins Gesicht, sie hatte wunderschöne blaue Augen.
„Nichts ist Okay.“
„Frauen?“
„Nein“
„Arbeit?“
„Teilweise.“
„Nun erzählen sie doch.“
„Nein, das geht sie nichts an. Warum arbeiten Sie eigentlich hier in so einer Kaschemme? Warum machen sie
nichts Richtiges?“
„Es macht mir Spaß und man lernt jede Menge interessante Leute kennen. Außerdem kann ich so mein Studium finanzieren.“ Ich hätte jetzt anspringen und fragen
sollen, was sie denn genau studierte, hatte aber keine
Lust, hatte generell keine Lust mehr Konversationen jeglicher Art.
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„Aha, entschuldigen sie, ich muss nun wieder weiter“
log ich. Mir war das Ganze zu viel. Ich musste weg.
„Auf Wiedersehen, Herr Dawson, nice to meet you“
„Ja ja ja, bye bye“, nuschelte ich ihr genervt hinterher.
Im Nachhinein muss ich zugeben, dass ich mein Auftreten an diesem Vormittag gegenüber Nike sehr bereue. Ich
hätte nicht so arrogant und abwesend reagieren sollen,
aber was hätte ich sagen sollen? Etwa „Liebe Nike Johanna, ich habe mich gerade selbst bei der Arbeit gesehen und habe das Gefühl, verrückt zu werden. Tut mir
leid, wenn ich gerade nicht zurechnungsfähig erscheine?“
Dann doch lieber flüchten. Sie halten mich doch nicht
etwa für verrückt, oder?
Es war mittlerweile 12 Uhr geworden, normalerweise
würde ich jetzt meine Mittagspause machen. Aber was
war an diesem Tag schon normal?
Ich fuhr zurück nach Hause. Meine Frau war nicht zu
sehen. Sie schrieb mir später eine SMS, sie wäre für irgendeinen geschäftlichen Termin in F.. Ich dachte mir
dabei, dass sie es mir doch auch gleich sagen könnte,
wenn sie mit anderen Männern vögelt. Warum immer
diese Ausreden? Sie, in F., nie und nimmer.
Ich lachte laut auf, goss mir ein Glas schottischen Single Malt ein, stelle Eric Saties Gymnopädien an und begann, den kurz vorher ausgedachten Plan, mich in den
Schlaf zu trinken, so schnell wie möglich in die Tat umzusetzen. Aus Wut und Verzweiflung – was es genau
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war, dürfen Sie sich aussuchen denn ich wusste es zu
dem Zeitpunkt selbst nicht - schmiss ich das auf dem
Wohnzimmertisch liegende Kreuzworträtselheft gegen
das Fenster und zündete mir eine weitere Zigarette an.
Ich war zwar mit Eva, die eine militante Nichtraucherin
war übereingekommen, nicht mehr in der Wohnung zu
rauchen, aber mir war das in solch einem Moment egal.
Ich schlief auf dem Sofa ein, während ich irgendwann
nachts durch die Heimkehr meiner Frau geweckt wurde.
„Ich bleib heute lieber auf der Couch“ rief ich ihr in
den Flur, „bisschen viel getrunken, sonst alles klar“. Es
war natürlich von vorne bis hinten gelogen. Aber ich
wollte sie in dieses Drama nicht mitreißen.
Es war nur ein Traum, dachte ich.
Ich heiße Linton Samuel Dawson.
Linton. Samuel. Dawson.
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Kapitel 3
Dienstag, 21. Juli
Erkenntnis
Ich wachte mit einem gewaltigen Kater auf und beschloss daher nicht zur Arbeit zu fahren – was mir ehrlich gesagt ziemlich recht war – entschied also, mich
krank zu melden. Doch bevor ich die Nummer meines
Chefs wählte, kam mir ein Gedanke in den Kopf, den ich
nicht mehr ausgelöscht bekam. Was ist, wenn ich, oder
diese Gestalt, die so aussieht wie ich, schon im Büro
sitzt. Was dann? Explodiert dann alles? Stecke ich in
Wirklichkeit in einer Zeitschleife fest? Bin ich Protagonist eines Christopher Nolan Filmes?
Meine Frau war schon auf der Arbeit, also steckte ich
mir als erstes an diesem, wieder einmal sehr heißen Morgen – es hatte sicher über 28 Grad - eine Marlboro lights
an, inhalierte kurz und stark, blies den Rauch aus meinen
Lungen und wurde von einem heftigen minutenlangen
Hustenanfall übermannt.
Ich überlegte lange und präzise. Versuchte so rational
wie möglich meine Schlüsse zu ziehen, so schwer mir
das auch fiel. Doch mir kam eine Idee. Ich nahm das Telefon und wählte meine Durchwahl im Büro.
Es klingelte. Nach dem achten Klingeln wurde abgehoben.
„Dawson?“ Mein Herz schlug mir bis zum Hals. Ich
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bekam kein Wort mehr heraus. Ich war im Schockzustand und merkte wie sich mein Magen zusammenzog.
„Dawson? Hallo?“ hörte ich mich sagen. Ich legte auf.
Wieder Tränen. Wieder Panik. Wieder weiche Knie und
dieses Zittern. Der Teufel und seine Großmutter.
Ich griff wieder zum Scotch (Jahrgang 1997 angeblich, er hatte einen unaussprechlichen gälischen Namen.
Ich bekam ihn vor ein paar Jahren von einem Kunden
geschenkt), der von letzter Nacht noch auf dem Tisch
stand und spülte meinen Mund damit aus. Dann schrie
ich ins Kissen.
Erneut erwachte ich. Ich musste also eingeschlafen
sein. Prämisse und Schlussfolgerung, kein Raum für einen Zweifel. Die Flasche war zur Hälfte ausgetrunken
und mein Körper fühlte sich muffig an.
Es kann nicht sein. Es geht nicht. Ich bin kein Physiker, aber es kann nicht sein, dass sich ein und dieselbe
Materie zu genau der gleichen Zeit an zwei verschiedenen Räumen aufhält. So viel weiß ich. Irgendwer
will mich an der Nase herumführen. Irgendwer hat sich
als mich ausgegeben, will sich meine Lorbeeren abholen.
Ich duschte mich, versuchte eine Kleinigkeit zu essen,
was aufgrund auftretender Übelkeit, misslang, trank
stattdessen noch ein Glas unaussprechlichen Whiskey für
den Mut und nahm wieder den Hörer in die Hand. Ich
rief bei meinem Kollegen Mauritz an, verstellte die
Stimme so gut ich konnte und fragte, ob ein Herr Dawson
anwesend sei und ob ich mit ihm sprechen dürfte. Er be28
jahte dies und stellte mich zu ihm - also mir - durch.
„Dawson?“
„Ja…äh…hallo…mein Name ist Andersen“, sprach
ich mit verstellter Stimme.
„Hallo Herr Andersen, was kann ich für sie tun“.
Er war tatsächlich ich. Er sprach mit meiner Intonation
und benutzte den gleichen Wortschatz und die gleichen
Formulierungen. Ich überlegte, ihn was zu fragen, was
nur ich wissen konnte.
„Herr, äh Dawson, ich habe eine etwas ungewöhnliche
Frage an sie“, fing ich an.
„Ja?“
„Sagen Sie, aus welchem Land kamen gestern zwei
beladene LKWs?“
„Warum möchten Sie das wissen?“, antwortete er, wie
ich es auch vermutete.
„Ach Verzeihung, ich vergas zu erwähnen, dass ich
Student in K. an der dortigen Universität bin und wir für
unser Projekt eine Umfrage bei Firmen machen, zwecks
Exportzahlen und so weiter, sie wissen schon.“
„Ach so – ja also aus Spanien war das.“ Es funktionierte.
„Und können sie mir sagen, wie viele Paletten das
waren?“
„Exakt 32. Was bringen ihnen denn diese Zahlen eigentlich genau?“
Ich legte auf. Das wusste keiner in der Firma außer
mir, da ich die Zahl der Paletten erst spät geändert aber
noch nicht weitergeben hatte und die ganzen Papiere zu
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diesem Zeitpunkt noch in meinem verschlossenen
Schrank lagen. Das konnte nur ich wissen. Ich blickte aus
dem Fenster. Es war nach wie vor eine nicht zu ertragende Hitze. Verdammte Hundstage.
Ich fasste den Entschluss nochmal zum Café „Weitwinkel“ zu fahren. Die Kilometer und der lange Weg
waren mir egal, ich hatte eh einen Firmenwagen und genug Zeit und ich spürte einen regelrechten Sog, der mich
dort hin zog. Zudem trieb mich das schlechte Gewissen
der jungen Nike gegenüber. Ich wusste außerdem nicht,
was ich sonst tun sollte. Ich verstand das alles nicht. Irgendein Unheil bricht gerade über mich herein, dachte
ich. Und anscheinend übernahm ein anderer jetzt meine
Arbeit. Was man, je nach Betrachtung, auch positiv werten könnte, so ehrlich muss ich Ihnen gegenüber sein.
Nach knapp drei Stunden - es war Stau - kam ich wieder im Café an. Ich stellte meinen Wagen an der gleichen
Stelle wie am Vortag ab, so dass ich ihn vom Lokal aus
beobachten konnte. Ich ging rein, setzte diesmal jedoch
ein übertriebenes „seht-her-mir-geht-es-so-gut-Lächeln“
auf. Ich kam mir in diesem Moment allerdings unheimlich lächerlich vor.
Nike stand hinter dem Tresen und füllte die Wasserschale für den Hund, einen Deutschen Schäferhund, der,
als er mich erblickte, direkt auf mich zu lief und eine
halbe Schrittlänge vor mir stehen blieb und anfing loszubrüllen. Ich erschrak leicht.
„Norton!“, brüllte sie, „Sitz! Das ist ein Freund!“
„Hallo Norton“, sagte ich zu dem Hund und winkte
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mit meiner Hand.
„Er beißt nicht, er wird bei Fremden nur immer ein
bisschen nervös, entschuldigen Sie. Sie müssen öfters
kommen, dann bellt er nicht mehr“, meinte sie mit einem
Lächeln im Gesicht. Ihr Duft war heute atemberaubend –
im wahrsten Sinne des Wortes.
„Schon OK, ich mag Hunde“, log ich um die Situation
zu entspannen. In Wahrheit kann ich Tiere nicht ausstehen.
Als Kind hatte ich einen Kater (ich glaube er hieß Lucky,
aber ich bin mir nicht mehr sicher, vielleicht verwechsle
ich es auch nur), den ich über alles in der Welt lieb hatte,
doch eines Tages war er plötzlich verschwunden. Meine
Eltern meinten, er wäre wohl entlaufen und man könne
nur noch hoffen, dass er irgendwann wieder den Rückweg findet.
Doch er fand ihn nie. Und ich kann mich erinnern, wie
ich jeden Abend aus dem Fenster sah, und hoffte, Lucky
sehen zu können oder ich jeden Morgen vor der Schule
einmal um unser Haus lief, in der Hoffnung, er wäre zurückgekehrt.
Im Sommer des folgenden Jahres fand ich die Überreste des Katzenkadavers beim Spielen im Garten. Mein
Vater hatte ihn eines Nachts beim Ausparken überfahren
und brachte es nicht übers Herz mir das zu beichten und
erfand diese Lüge. Ich weiß selbst heute nicht, ob die
Entscheidung meines Vaters mir gegenüber richtig war.
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Auf jeden Fall hasse ich seit diesem Moment jede Form
von Tieren. Doktor Schätzli, mein langjähriger Therapeut, meinte dazu, dass es meine Angst, verlassen zu
werden ist, weshalb ich diesen Hass entwickle. Nie wieder könnte ich die Nähe eines Menschen oder auch nur
eines Tieres an mich heranlassen. Auch diese Tatsache,
ist ein Grund meines Zerwürfnisses mit Eva. Ich muss sie
manchmal hassen, damit ich die nicht von ihrer Nähe
überfallen werde und wieder Angst haben muss. Ein Teufelskreis.
„Ach Herr Dawson, das ist aber schön, dass sie nochmals kommen, wollen sie nochmal das Gleiche wie gestern?“, sprach Nike zu mir.
„Nenn mich Linton. Hast du Kuchen?“, sagte ich zu
Nike.
„Erdbeer- und Marmorkuchen, selbst gebacken. Von
mir höchstpersönlich“, sagte sie mit stolzgeschwellter
Brust.
„Dann hätte ich gerne einen Erdbeerkuchen á la Nike
mit viel Sahne bitte und einen großen Kaffee mit viel
Milch und viel Zucker“.
„Da lässt sich’s aber jemand gut gehen heute, ha.
Kommt sofort“, sagte sie lächelnd und ging in die Küche.
Ich ließ mich an einem großen Tisch nahe der Theke
nieder, wobei ich Nike Johanna, wenn sie denn wirklich
so hieß - aber wer weiß das schon - beobachten konnte.
Sie war heute sogar noch hübscher als gestern aber vielleicht kam mir das nur so vor weil ich gestern noch unter
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Schock stand. Sie hatte ihre Haare streng zum Zopf geflochten, trug einen kurzen schwarzen Rock und keine
Schuhe. Ihre Fingernägel waren immer noch grün. Mir
kamen Gedanken in Bezug auf sie in meinen Kopf, die
ich gleich wieder beiseite schob. Ich versuchte irgendwie
den Tag zu genießen, nichts weiter, und holte mein Rätselheft und einen Stift aus der Tasche.
Griechische Siegesgöttin mit vier Buchstaben.
Nike stellte mir den Kaffee und den Kuchen mitsamt
Zuckerdose und Milchkännchen auf den Tisch. Während
sich unsere Blicke kurz trafen, blickte sie peinlich berührt
zur Seite.
Was mache ich eigentlich hier? Was mache ich generell auf dieser Welt? Wer bin ich?
Mein Name? Linton Samuel Dawson.
Niemand sonst. Es ist alles echt.
„Nike, hör mir zu. Ich wollte mich bei Dir entschuldigen, dass ich gestern so barsch war, das tut mir leid. Mir
ist vorher … naja … mir ist vorher etwas Blödes passiert.
Sagen wir‘s so.“, sagte ich in mitleidserregendem aber
ernstgemeintem Tonfall.
„Ist schon gut. Nicht schlimm. Magst du darüber reden?“, fragte sie mit besorgter Miene.
„Nein, das ist mir irgendwie peinlich, wenn du verstehst“. Sie nickte und zündete sich eine Zigarette an.
Natürlich verstand sie es nicht.
„Weißt du, es gibt Dinge auf der Welt, die kann man
33
nicht erklären. Einfach so passieren Dinge, die kein
Mensch auf Erden begründen kann. Das ist er Punkt, Linton. Das ist der gottverdammte Punkt, verstehst du? Ich
rede mit vielen Menschen, die hier ein- und ausgehen,
jeder hat was Bemerkenswertes oder Schicksalsträchtiges
erlebt, jeder hat seine Geschichte. Einer kam mal zu mir
und sagte, er würde im Traum mit seiner toten Mutter
sprechen, ein andere sagte, er hätte eines Tages einen
Mann überfahren der nun nachts in seinen Träumen rumspuckt. Und wieder ein anderer, ich glaube es war letzte
Woche erst, erzählte mir…“
„Ja OK, ich habe verstanden“, unterbrach ich sie.
„Also … ich meine, Vieles kann man davon einfach
nicht mit menschlichem Verstand erklären. That’s it. Und
das ist insgeheim auch der Grund, weshalb ich so gerne
hier arbeite.“
„So wird’s wohl sein“, sagte ich wieder einmal geistesabwesend.
„Gottes Wege sind unergründlich“, fügte Nike noch
dazu.
„Ich glaube nicht an Gott, Nike“, antwortete ich.
„Solltest du aber. Ich rate es dir von Herzen.“
„Hm“, murmelte ich und schaute verwirrt auf den Boden.
Wir redeten noch ein bisschen über die Gegend, was
ich mache, woher ich komme und weiteren sinnfreien
Smalltalk. Ich erfuhr, dass sie 23 war, schon seit drei
Jahren in diesem Café arbeitete, das eigentlich ihrem
Cousin gehörte, der aber momentan in Südafrika irgend34
was Humanitäres arbeitet (oder auch nicht, ich kann mir
solche Familienbeschreibungen immer sehr schlecht
merken). Ich bekam heraus, dass sie normalerweise in K.
Biologie studiert aber gerade sind Semesterferien und
daher kann sie hier arbeiten und ihr Studium finanzieren.
Dann verabschiedete ich mich von ihr und fuhr wieder
heim.
Gegen 18 Uhr kam ich wieder zu Hause an, legte mich
sofort ohne Umwege ins Bett und schlief auch gleich ein.
Es war ein Dienstag. Ich träumte. Lang und wirr. Von
weißen Pferden und Nike und ihrem Erdbeerkuchen. Als
ich wieder aufwachte – es war so gegen 22 Uhr - überlegte ich mir, wie sie wohl nackt aussehen würde. Ich masturbierte beim Gedanken daran und ging danach ausgiebig duschen.
Danach setzte ich mich wieder hin, rauchte meine
letzte Zigarette dieses Tages und trank ein Glas Whiskey
(allerdings nicht den letzten des Tages). Sie wissen
schon, zur Beruhigung. Sie müssen verstehen, ich bin
kein Trinker, ich trinke nur ab und zu, des Genusses wegen. Aber in der Situation, in der ich mich gerade befand,
würde doch jeder normale Mensch aus den Fugen geraten. Ich kam einfach nicht zur Ruhe. Ich war nervös, hatte Angst. Aber wem sollte ich davon erzählen? Ich hatte
seit einem halben Jahr keinen Therapeuten mehr, generell
keine Freunde und meine Frau… naja… wie gesagt, ich
wollte sie da nicht mit reinziehen. Ich war ratlos. Noch
ein Glas… und noch eins. Ich sank auf dem Sofa ein und
schlief bis zum nächsten Morgen durch.
35
In meinem Traum befand ich mich als Zuschauer in meiner eigenen Welt wieder. Ich sah mich in einer Glaskugel, inmitten von tausenden Federn. Es gab keinen Ausgang, ich war einfach in dieser Kugel gefangen. Außerhalb der der Kugel war nichts. Keine Farbe, keine Landschaft. Einfach nichts, ich weiß, man kann sich das nicht
vorstellen aber ich habe es gesehen. Es gab nur die Kugel. Und ich wurde von Minute zu Minute panischer.
Mir wurde die Luft knapp und ich erstickte.
36
Kapitel 4
Mittwoch, 22. Juli
Absturz
Ich nehme an diesem Leben nicht teil, ich beobachte nur.
Ich zitiere, weiß aber nicht mehr wen.
07:15 stand in grellen roten Zeichen auf meinem Wecker. Aus den Boxen klang wie jeden Morgen die wunderschöne Moldau von Smetana; etwas lange, ich musste
es nicht gleich gehört haben, es war schon bei Minute 8.
Meine Hand war taub, ich war darauf eingeschlafen. Ich
stand auf, zog mir etwas Frisches an und rasierte mich
erstmals seit drei Tagen wieder. Ich kam zu dem Entschluss, mich dem Ganzen zu stellen. Einfach in mein
Büro zu setzen, als ob nichts wäre. Es war auch nichts.
Es war nur ein Traum.
Ich heiße Linton Samuel Dawson. Bitte glauben Sie
mir, meine Leser, das ist sehr wichtig.
„Du siehst beschissen aus“, sagte Eva, als sie mich im
Bad mich rasieren sah.
„Ja, ich schlafe momentan sehr schlecht“, antwortete
ich.
„Und zu viel Hochprozentiges, hm?“, sagte sie spöttisch.
„Wie gesagt, ich schlafe schlecht“.
„Dann noch einen schönen Tag im Büro.“
37
„Werde ich haben, Eva, werde ich haben.“
Ich mag ihre Art, wenn sie so ist. Das war übrigens auch
ein Grund, weshalb ich mich in sie verliebt hatte.
Sarkasmus.
Ich fuhr mit einem Kloß im Hals los. Die Angst wurde
mit jedem Kilometer den ich fuhr mehr. Ich überlegte ob
es überhaupt richtig war, was ich vorhatte. Alle Ampeln
waren grün. 13 Minuten. Ich parkte, wo ich immer parke,
stieg aus dem Wagen und ging ins Gebäude. Die Frau an
der Zentrale begrüßte mich.
„Starke Rede gestern, ich bin immer noch verblüfft“,
sagte sie, als ich gerade an ihr vorbei lief.
„Hm, danke“ sagte ich, wusste aber nicht, worüber sie
sprach. Hat er, mein zweites Ich, vielleicht eine Rede
gehalten? Als ich darüber nachdachte, sah ich Kollege R.
aus der Personalabteilung an mir vorbeilaufen.
„Dawson, das war echt gut gestern, hast es den Leuten
vom Vorstand so richtig gegeben, echt großes Kino, Alter“. Ich nickte, verstand aber wieder nur böhmische Dörfer. Ich lief in den ersten Stock und stand vor meiner Bürotür mit der Nummer 137. Ich schaute sie an. Eine hellblaue Tür, wie man sie wohl in jedem neumodischen Bürogebäude finden würde, links daneben ein kleines Schild
an der Wand L. S. Dawson – Vertrieb/Marketing. Eigentlich ein Witz aus früheren Tagen. Ich wurde – eigentlich
- als Marketingberater in unserer Firma eingestellt, doch
leider erwies sich das, aufgrund meiner häufigen Fehlzeiten als eher suboptimale Lösung und man bat mir eine
Stelle als Vertriebsmitarbeiter an. Die Visitenkarten und
38
Türschilder blieben davon, wahrscheinlich aus Faulheit,
unberührt zudem bekam ich von einigen Kollegen den
Spitznamen „Marketingchef“, der ich aber nicht war.
Wie auch immer.
Die Tür war zu, wie immer morgens. Seit mir einmal
mein Laptop geklaut wurde, bin ich vorsichtiger geworden und verließ den Raum nur noch, wenn ich danach die
Tür verriegeln konnte. Ich blies meine Backen auf, steckte den Schlüssel ins Schloss, versuchte ihn zu drehen,
merkte jedoch, dass die Tür schon aufgeschlossen war –
vielleicht hatte ich es ja vom Vortag vergessen, ich atmete durch, öffnete die Tür - in dieser Zehntelsekunde hatte
ich den etwas schrägen Einfall, vielleicht vorher anzuklopfen - und trat in mein Büro.
Da saß Linton Samuel Dawson an meinem Schreibtisch.
Wir schauten uns an. Ich sah mich wieder selbst. Im gleichen Hemd, in der gleichen Hose und mit der gleichen
Frisur – strenger Seitenscheitel nach links - dasitzen und
auf den PC starren. Es waren sogar die richtigen Programme geöffnet, die ich normalerweise auch benötige.
Ich fragte, als ob es das Natürlichste der Welt wäre: „Wer
zum Teufel sind sie?“
„Linton Dawson und sie?“ kam zurück.
Wie versteinert sah ich ihn an. Er wirkte, auch wenn er
nichts sagte, ebenfalls ein bisschen überrascht, tat aber
so, als wäre es ihm egal – ich kenne diese Mimik ja. Ich
rannte wieder raus, lief zum Auto, schaffte es gerade
39
noch, die Tür aufzuschließen und mich hinzusetzen.
Es fing leicht an zu regnen.
Ich fuhr an den Straßenrand östlich von K. und tastete im
Licht des Armaturenbretts nach meinem Handy.
Das Rauschen von der Straße, der Geruch von Regen
in der Klimaanlage…
Vielleicht sollte ich die Nachrichten anhören, dachte
ich.
Oder einfach nur eine CD einlegen
Während ich eine Zigarette anzündete spürte ich diese
Empfindung in mir drin. Fühlte mich nicht allzu gut.
Ich dachte nach.
Wenn ich jetzt meine Augen schließe
Und auf diesem Parkplatz einschlafe, würde all das
nachlassen. Das Fieber kämpft sich den Tag über voran.
Ich ließ das Fenster herunter
Ein bisschen frische Luft sollte reichen.
Konnte nicht richtig atmen.
Schätze ich sollte nun weiterfahren.
Eva wartet daheim auf mich um mit mir Frieden zu
schließen. Um mir zu sagen, dass es ihr leid tut .
Und wie sie mich vermisst hat.
Ich vermute ich bin nur ausgebrannt.
Ich sollte ein wenig langsamer machen.
Ich bin völlig in Ordnung.
Ich muss mich nur ein wenig hinlegen.
40
Ich war unfähig weiterzukommen, im Denken wie im
Handeln, fasste mir an meine Brust und schlief ein.
Ich wachte wieder auf als es schon dunkel war. 21.18
sagte die Uhr im Auto. Ich musste über fünf Stunden
geschlafen haben, obwohl ich überhaupt nicht müde war.
Ich streckte mich und fuhr in den Klosterkeller, ein kleiner Pub in der Altstadt von K. Setzte mich dort still an
den Tresen und versuchte mir meine Gefühle nicht anmerken zu lassen.
Es bediente mich überraschenderweise Salís, seinen Vornamen hatte ich vergessen (ich glaube irgendwas mit F
oder N). Ein alter Studienkollege aus vergangenen Tagen. Er kam ursprünglich aus Frankreich und gab immer
damit an, in Paris und Lyon studiert zu haben, was mir
nie sonderlich imponierte und ich ihn gerade dafür für
ziemlich arrogant hielt. Einzig bei den Frauen hatte er
damit Erfolg, das ist mir in Erinnerung geblieben. Wir
hatten uns nie viel zu sagen, begegneten uns aber immer
höflich und respektvoll. Ich ließ mir seine Nummer geben und versprach ihm, mal zusammen mit unseren Frauen, was auch immer das bei ihm hieß, was essen zu gehen, er kenne da ein gutes Französisches Restaurant in
der Stadt. Ich log aber. Wir sprachen sonst kein Wort.
Und das war gut.
Was blieb mir anderes übrig? Nichts als in der Bar zu
sitzen und die Gedanken in Zaum zu halten.
41
Gegen Mitternacht, als fast alle Gäste gegangen waren
sah ich ein Heft mit dem Titel „de facto“ auf dem Tresen
liegen. Ich zog es an mich, blätterte darin ein bisschen
herum bis ich merkte, dass es sich dabei wohl eher um
ein unseriöses Esoterik-Magazin handelte. Ich wollte es
gerade wieder enttäuscht zur Seite legen, als mir der Artikel über die sogenannte Wolfsstunde ins Auge stieß. Ich
hatte vor ein paar Jahren schon einmal davon gehört, ich
glaube Eva erzählte mir davon, hatte das Ganze aber
schnell wieder vergessen.
Es ist die Zeit zwischen 3 und 4 Uhr nachts. In dieser
Zeit, so sagt man, ist der Körper am empfindlichsten gegenüber äußeren Kräften. Wer zu dieser Zeit aufwacht,
hat meist keine gute Gedanken über das Leben, alles erscheint feindlich, sorgenschwer und auch die Angst ist
für viele dann nicht weit weg. Es ist zumindest im
Volksglauben die schwerste Stunde des Tages wo laut
ihm die Albträume drücken und draußen die Wölfe heulen.
Einige Statistiken belegen, dass die meisten Menschen
während dieser Zeitspanne sterben. Wissenschaftlich
belegt ist allerdings nur, dass die Nacht dann am kältesten ist und der Körper die wenigste Aktivität hat, seine
Temperatur und Blutdruck sinkt und der Stoffwechsel am
niedrigsten ist.
Was ich jedoch noch nicht wusste, und das stand in
diesem, wirklich mangelhaften Zeitschriftenexemplar,
dass in unserem Organrhythmus auch die Leber bei42
spielsweise um 4 Uhr in der Nacht sehr aktiv und besonders empfänglich ist für Heilsames.
Ich riss die Seite leise und unbemerkt aus dem Magazin, faltete sie zusammen und steckte sie mir in meine
Hosentasche.
Ich trank zwei Bier und zum Schluss noch einen Cognac
bevor ich die kurze Strecke in meine Wohnung lief.
Dann verabschiedete ich mich bei Salís, der mir zum
Schluss noch einen schlüpfrigen Witz erzählte, den ich
jedoch aufgrund des Cognacs schnell wieder vergessen
hatte.
Zuhause traf ich meine Frau, wie sie gerade aus der Dusche kam. Sie hatte wohl Spätschicht. Ihr Duft strömte
aus dem Badezimmer durch die ganze Wohnung und
erregte mich so sehr, dass ich mich auszog und zu ihr ins
Bad ging als sie gerade ihre Haare trocknete. Ich stand
hinter ihr und küsste sie auf den Nacken.
In dieser Nacht liebten wir uns hart und brutal.
43
Kapitel 4
Donnerstag, 23. Juli
Fakten
Fakt 1: Es gibt eine Person, die so aussieht wie ich, in
meiner Firma, in meiner Position an meinem Schreibtisch
unter meinem Namen arbeitet und anscheinend den Job
auch noch gut ziemlich gut macht.
Fakt 2: Ich sitze hier in meiner Wohnung, lebend – Ich
schnitt mir mit der Messerspitze in den Zeigefinger, es
blutete. Ich fühlte den Schmerz.
Fakt 3: Niemandem außer mir scheint das alles aufzufallen.
Fakt 4: Ich heiße Linton Samuel Dawson. Da gibt es
nichts zu rütteln.
Ich brauchte Ruhe und musste überlegen, wie ich weiter
vorgehen sollte. Wieder einmal. Also fuhr ich erneut ins
Café Weitwinkel. Ich wollte kein Stammgast in diesem
Lokal werden, mir missfällt der Gedanke, mich an etwas
zu binden aber ich habe dort Abstand und es ist mittlerweile irgendwie vertraut, vielleicht das Vertrauteste, was
ich momentan habe. Und es arbeitete Nike dort, was auch
ein Grund war, soviel kann ich auch zugeben. Und ein
schlechter Grund keineswegs.
Gegen Mittag war ich dort. Diesmal war es ein wenig
voller aber Nike erkannte mich gleich und winkte mir zu.
44
Ich setzte mich und bestellte einen doppelten Espresso
mitsamt einem Erdbeerkuchen, dann holte ich mein
Kreuzworträtselheft mit einem Bleistift aus meiner Tasche.
„Na, wie geht’s uns denn heute?“ fragte Nike, als sie
die Bestellung aufnahm. Sie roch nach kaltem Zigarettenrauch, was mir ebenfalls ungeheure Lust auf eine Zigarette machte.
„Ich muss nachdenken“, antwortete ich leicht lächelnd.
„Wie immer wenn du hier bist, was? Geht das denn
beim Rätseln?“
„Nie besser“, antwortete ich.
„Ich bin in so was ja immer ganz schlecht und hör
nach zehn Minuten damit auf, weil ich nichts mehr
weiß.“
Ich grinste und hob entschuldigend meine Schultern.
„Na dann“ kommentierte sie und strich sich mit der
Zunge über ihre Lippen.
„Würde mich auch mal freuen, wenn du mal nicht,
nachdenklich hier reinspazieren würdest“
„Ja, mich auch“.
Ich schaute aus dem Fenster und ließ die letzten Tage
nochmal Revue passieren. Es ist so wie es ist, dachte ich.
C’est la vie.
Am Himmel sah es wieder nach Gewitter aus.
„Hier bitte schön.“
Nike kam mit einer vollen Kaffeetasse und einem schö45
nen großen Erdbeerkuchen an, ich glaube sie hatte sich
sogar umgezogen, als ich kam, trug sie etwas anderes.
Ich kann mich aber auch irren. Sie trug ein hellblaues
Kleid – welches mich irgendwie an Schiffe und Matrosen
erinnerte – mit einem ziemlichen mutigen Ausschnitt und
einer weißen Perlenkette. Zudem roch sie nun leicht nach
Rosen. Betörend gut um genau zu sein.
Sie blieb, nach dem sie das ganze hingestellt hatte
noch einige Sekunden stehen und meinte :
„Übrigens, ich habe heute Nacht von Dir geträumt.“
„Ach was?“ sagte ich. Das war nicht sonderlich originell, dachte ich sofort.
„Ja, aber zweimal. Es gab dich zweimal. Haben sie
einen Zwillingsbruder?“ Ich zuckte zusammen.
„Nein, also nicht mehr, er starb bei seiner Geburt.“
„Oh, das tut mir leid.“
„Schon gut, ich hab ihn ja nie kennengelernt. Erzähl
doch mal, was genau passiert ist, das interessiert mich
sehr.“
„Wir ritten auf drei großen Schimmeln an einer Wiese
entlang. Einer von euch beiden fiel hin weil das Pferd um
sich schlug und brach sich das Bein. Der andere hielt an,
stieg ab und schlug ihn mit den bloßen Fäusten tot. Oder
vielleicht erwürgte er ihn auch, ich konnte nicht hinsehen, weil es so schrecklich war. Danach schliefen wir auf
dem Feld miteinander – mit eben einem von euch.“ Sie
grinste.
„Das war gut aber gruselig“, fügte sie nach einer kurzen Pause hinzu.
46
„Das ist interessant“ sagte ich. Hat sie irgendwas mit
der Sache zu tun? Weiß sie irgendetwas?
„Naja, Träume eben, ich komm später nochmal vorbei, bis dann, ich lass dich jetzt mal nachdenken – über
was auch immer.“
Ich nickte und starrte kurz zum Fenster hinaus während ich nachdachte und mich dann meinem Kreuzworträtsel widmete. Fluss in Sibirien mit zwei Buchstaben.
Es war irgendwann am Nachmittag, ich hatte nunmehr
jegliches Zeitgefühl verloren, als ich mich aufmachte um
heim zu fahren. Das einzige was ich mir sicher war, dass
es viel zu heiß war. Für mich. Ein Gewitter kam leider
nicht.
Ich zahlte die Rechnung, wünschte Nike noch einen
schönen Tag und stieg wieder in mein Auto zurück. Ich
hatte das Gefühl, etwas tun zu müssen. Re-agieren zu
müssen.
Ich fuhr schließlich in meine Wohnung zurück, schloss
auf und hörte Geräusche aus dem Schlafzimmer, was sich
nach genauerem Hinhören als Schreien entpuppte.
Ich schlich mich heimlich mit leisen Tritten an die Tür
des Schlafzimmers heran, da ich von dort diese Schreie
orten konnte, während ich feststellen musste, dass ich
mein Herz vor Aufregung am Hals spürte. Ich drückte die
Klinke sachte nach unten und öffnete die Tür einen kleinen Spalt.
Ich sah einen Mann zwischen den Beinen meiner Frau
hockend, vertieft ins Geschehen, während Eva ihre Au47
gen geschlossen hatte und von mir anscheinend nichts
mit bekam – was auch nicht verwunderte, bei dem Anblick. Ich schaute genauer hin. Das war tatsächlich wieder ich. Wie kommt er oder ich hier hin. Wer ist er?
Nimmt er mir jetzt auch noch meine Frau? Er hob seinen
Kopf und drehte ihn zu mir rum. Er erschrak und schrie.
„Was wollen Sie hier? Wer sind sie?“.
„Verzeihung“ murmelte ich reflexartig und verschwand aus der Tür. Ich habe mich dafür entschuldigt,
dass muss man sich im Nachhinein einmal vorstellen. Ich
hätte ihn wegreißen und ihn in den Magen treten müssen.
Aber ich war zu schockiert um rational zu denken. Also
reagierte ich als ob ich zwei Menschen heimlich beim
Geschlechtsakt beobachtete, was ich ja auch tat. Zweifelsohne.
Ehe Eva etwas sagen konnte, rannte ich also aus dem
Haus, stieg in mein Auto und fuhr wieder zurück zu Nike. Merken Sie, wie ich versuche, das Café mit Nike zu
personifizieren? Ich wollte nicht ins Café, ich wollte
diesmal nur zu Nike. Wollte ihren Duft einatmen, ihre
Nähe genießen, ein freundliches Lächeln von ihr erhaschen und hoffte, dass sie zu dieser Zeit, es war gegen 21
Uhr, noch dort arbeitete.
Ich stieg aus und sah sie gerade einen Tisch abwischen.
Ich rannte durch die Tür, ging schnurstracks auf Nike zu,
umarmte sie blitzartig und saugte ihren Duft in mich auf.
Sie nahm die Umarmung dankend entgegen, sagte kein
Wort und ließ mich stumm zurück. Das gefiel mir. Ich
48
bestellte leisen Wortes ein Bier und einen Cognac und
sah mich im Café um. Nike stellte keine einzige Frage.
Ich betrachtete den Flipperautomaten in der Ecke mit
seinen hypnotisch blinkenden Lichtern. Draußen wurde
es dunkel und es fing an leise zu regnen. Der Wetterbericht sagte, es sollte diese Nacht wieder gewittern.
Langsam, nach meinem dritten Bier (und zweitem Cognac) beruhigte ich mich wieder. Zuerst klaut er mir die
Arbeit, jetzt nimmt er mir auch noch Eva weg - kam mir
in den Sinn. In was für ein Theaterstück bin ich da geraten? Wer schrieb dieses unterirdisch schlechte Drehbuch?
Und vor allem, warum halten sie sich Schauspieler nicht
an ihre Rollen?
Fakt 5: Er hat meine Frau.
Fakt 6: Ich kann nicht mehr nach Hause.
Das waren die Fakten. Unumstößlich. Ich befand mich
auf einer Abwärtsspirale. Ich warf einen Blick ins Leere
als plötzlich Nike wie aus dem Nichts neben mir stand,
ihre Hand auf meine Schulter legte und die gespenstische
Stille im Café unterbrach.
„Wir haben hier auch ein kleines Gästezimmer“.
„Was?“ Ich wachte aus meinem Traumzustand auf.
„Ich sagte, wir haben hier ein Gästezimmer, Linton.
Eigentlich war das für Maxi bestimmt, der früher mal
hier gearbeitet hatte, aber wir haben es umfunktioniert zu
einem Gästezimmer.“
Sie setzte sich neben mich, nahm meine Hände und
49
zeigte auf eine Tür neben der Bar.
„Oh…“
„Magst du hier bleiben? Ich kann dich heute unter
keinen Umständen heimfahren lassen. Versteh‘ mich
nicht falsch aber du wirkst abwesend. Und als Kellnerin
und quasi Besitzerin dieses Lokals habe ich eine gewisse
Verantwortung für meine Gäast, das verstehst du sicher.
Und heute siehst du aus, als ob du den Teufel persönlich
gesehen hättest.“
„Vielleicht habe ich das sogar, Nike.“
Der Teufel und seine Großmutter sogar.
Sie nahm sich sichtlich allen Mut zusammen, beugte
sich über den Tisch, drückte meine Hand und gab mir
einen Kuss auf die Stirn. Ich erwiderte nichts. Ich wusste
rückblickend nicht, was ich stattdessen hätte machen sollen. Ich bin ein verheirateter Mann. Mir war es trotz der
Zuneigung sehr unangenehm, ich schämte mich sogar ein
wenig. Dann setzte sie sich mir gegenüber und sah mit
mir gemeinsam nach draußen.
Man weiß, dass man jemand ganz besonderen gefunden hat, muss ich im Nachhinein sagen, wenn man einfach für einen Augenblick den Mund halten und miteinander schweigen kann. Das möchte ich an dieser Stelle
einfach noch einmal lautstark betonen. Das sind diese
Verbindungen, die Menschen zusammenführt. Oft auf
seltsame Weise.
„Hier ist der Schlüssel. Wenn du was brauchst, mein
Zimmer ist nebenan, ich mache jetzt Feierabend.“ Sie
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legte den Schlüssel auf den Tisch, stand auf und schloss
die Türen des Cafés hinter sich zu.
„Du wohnst hier?“, fragte ich sie, bevor sie verschwand. Eine Sache, die ich bisher noch nicht wusste
und mich auch noch nicht interessierte.
„Ja, ich habe ein kleines Zimmer hier. So spar ich mir
die Anfahrt und die Miete.“ Sie deutete mit ihren zierlichen und gut gepflegten Händen in Richtung einer dunkel gestrichenen Eichenholztür, die einen Spalt offen
stand.
„Klingt gut“, sagte ich, „danke“.
„Ich mach‘ jetzt Schluss, Linton. Leg dein Glas, wenn
du fertig bist, einfach auf den Tresen, ich mach‘ das
morgen früh dann weg. Und mach‘ bitte das Licht noch
aus. Schlaf gut und ... ach und, pass auf dein Herz auf, du
brauchst es noch“. Den Satz schrieb ich mir mit meinem
Stift auf den Arm.
„Danke. Gute Nacht, Nike“, rief ich ihr zu, doch sie
hatte die Tür ihres Zimmers schon geschlossen.
Ich gähnte, streckte mich und trank meinen Cognac
mit einem letzten Schluck aus, stellte das leere Glas auf
dem Tresen ab, knipste das Licht aus und ging, wobei
torkelte der bessere Begriff dafür wäre, durch die Tür mit
der Aufschrift PRIVAT und stieg die Treppe hoch. Ich
zählte die Stufen. Meine Müdigkeit war gigantisch.
In ging in das kleine Kämmerlein am Ende des Ganges. Das Zimmer war nicht sonderlich groß. Die Wände
waren hellblau bestrichen und es roch sanft nach Vanille.
Das ganze Interieur bestand aus einem Doppelbett, einem
51
großen IKEA-Wandschrank, einem kleinen Waschbecken mit Handtuch, einem Stuhl und einem verbleichten
Bob Dylan Poster Live at the Royal Albert Hall 1966, das
irgendwie schräg an der Wand hing. Es war nicht unbedingt das schönste Zimmer der Welt aber es erinnerte
mich deutlich an mein eigenes Zimmer in meiner Jugend,
es hatte etwas Gemütliches, Ruhiges. Genau das, was ich
brauchte. Die Rückfahrt mit dem Auto hätte ich wirklich
nicht mehr geschafft. Ich legte mich angezogen wie ich
war ins Bett und schloss die Augen.
Ich dachte an das schiefe Poster an der Wand als
plötzlich eine Textzeile eines bekannten Dylansongs anfing in meinem Kopf herumzuspucken. Leider kam ich
nicht auf den Namen dieses Liedes.
To be without a home
Like a complete unknown
Ich gehe nie wieder zurück, dachte ich. Nie wieder.
Ich heiße Linton Samuel Dawson, der fiktive Erzähler
des fiktiven Publikums. Welch ein Schauspiel.
52
Kapitel 5
Freitag, 24. Juli
Jakob Winter
Kreuzworträtsel befreien mich. Bei kleinen bis mittleren Stressattacken bringen mich diese wieder runter.
Sie haben immer eine gewisse Magie an sich. Ich
setze mich vor ein leeres Blatt mit zig Fragen und fülle
eine nach dem anderen aus. Dabei kommt es nicht darauf an, alles zu wissen sondern es ist eher ein Gedächtnis-Training, da ein normales Schwedenrätsel in
der Regel immer die gleichen Fragen stellt. Es sind,
immer die gleichen Begriffe, die man als Mensch mit
durchschnittlicher Intelligenz, eigentlich nicht wissen
kann. Es ist ein spezielles Wissen, eher ein Auswendiglernen. Vielleicht seit meiner Kindheit mein einziges
Hobby, was mich durchgehend begeistern kann.
Es klopfte an der Tür. Poch–Pochpoch. Zweimal im
gleichen Takt. Ich öffnete meine Augen und musste
mich erst einmal zurechtfinden.
Wo war ich? In wessen Bett schlief ich? Welches
Datum haben wir heute, welches Jahr? Und wer klopfte
an der Tür? Und wer bin ich?
„Linton, bist du wach?“
Am tiefen Timbre der Stimme wurden mir innerhalb
von Sekundenbruchteilen alle meine Fragen beantwortet.
53
Nike Johanna Münster. Café Weitwinkel. Da war ich
also.
Meine Erinnerungen kamen mir wieder zurück.
„Also ich komme jetzt rein.“
„Ja, ich bin wach“, krächzte ich in Richtung Tür und
bekam einen mittelschweren Hustenanfall.
Mir fiel ein, dass ich mit meinen gesamten Kleidern
eingeschlafen war, dementsprechend verknittert sah ich
aus, was mir sehr peinlich war, Nike aber offensichtlich
nicht interessierte. Immerhin war ich nicht nackt.
Nike betrat das Zimmer, sie trug einen weißen Bademantel – sie musste gerade geduscht haben, sie roch
nach Kokos und ihre Haare waren noch nass - und
brachte mir ein Tablett mit einem belegten Sandwich,
einem großen Glas Orangensaft und einem Croissant.
Es duftete herrlich, doch zuerst musste ich mich
waschen. Ich fühlte mich dreckig und hatte einen
enormen Kater.
„Vielen Dank, das wäre nicht nötig gewesen. Sag,
hast du eine Dusche? Ich meine….“
„Ja, du kannst in meinem Zimmer duschen“, antwortete sie, ohne mich ausreden zu lassen.
„Wie hast du geschlafen?“, fragte sie mich.
Ich überlegte kurz, während sie sich neben mich auf das
Bett setzte. Ihre langen nassen Haare strichen mir dabei
über meine Arme und Hände.
„Ich weiß nicht, ich glaube, ich habe bis jetzt durchgeschlafen, ich war sehr müde. Vielen Dank, für das
54
Bett, das hat mein Leben gerettet.“ Das war sicher ein
wenig übertrieben, aber meine innere Stimme befahl es
mir, genau das zu sagen. Es rettete mir das Leben. Wer
weiß, was passiert wäre, wenn ich am Abend zuvor
noch nach Hause gefahren wäre. Wer weiß, ob ich
überhaupt dort angekommen wäre.
Nike lächelte und nahm meine Hände in die ihren
und drückte sie ein wenig.
„Jetzt geh dich mal duschen, Linton. Wo mein
Zimmer ist, weißt du ja.“
„Ja, das ist eine gute Idee, ich glaube, heute wird ein
schöner Tag.“
„Bestimmt“, meinte Nike.
Ich stand auf, zog die Gardinen zur Seite, merkte dabei,
wie irgendetwas in meinem Kopf anfing zu pochen,
öffnete das Fenster und atmete die frische Lust ein. Ich
bekam sofort gute Laune und lächelte leicht.
Dann ging ich in ihr Zimmer. Es war durch die Dusche im Raum etwas eng aber sehr freundlich und hell,
es musste frisch gestrichen worden sein, die weiße Farbe sah noch sehr neu und sauber aus. Ich schaute mich
kurz um. Im Raum stand ein Doppelbett, ein Fernseher
und eine Stereoanlage mit einem CD-Regal inklusive
einer beträchtlichen Auswahl an (guter) Musik, wie ich
feststellen konnte, zudem, wie gesagt, eine Dusche.
Außerdem roch es nach diesem Kokosduft, einem
Shampoo oder Duschgel, oder etwas in der Art. Alles
war sorgfältig aufgeräumt, kein Anzeichen von Staub
oder Unordnung – ob sie wohl am Tag unserer ersten
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Begegnung geahnt hatte, dass ich mal hier stehen würde?
Ich ging auf den Balkon, wo ich die aufgegangene
Sonne erblickte und Nikes Wäscheständer mit ihrer
noch zu trocknenden Wäsche sah. Ich strich mit meiner
Hand über die hängenden Unterhosen und BHs. Stellte
mir vor, wie es wär, ein Teil davon mit zu nehmen, als
Andenken sozusagen, aber ließ von dem kindischen
Gedanken schnell wieder ab. Ich zog mich aus und
stellte mich unter die Dusche.
Ich duschte lang und heiß. Es war vielleicht die beste Dusche meines Lebens. Ein Gefühl der Freiheit
umgab mich und ich bekam das erste Mal seit vier Tagen wieder annähernd richtig gute Laune.
Während ich mich gerade einseifte vernahm ich ein
langes Quietschen, wie von einer Tür oder einem
Schrank. Ich dachte, dass ich vielleicht vergessen hatte,
die Tür zu schließen und diese eben aufgegangen war.
Ich ignorierte es und duschte mich weiter. Ich stellte
den Hahn ab und öffnete die Duschwand und mir fiel
ein, dass ich gar nicht wusste, wo eigentlich die Handtücher lagen. Ich drehte mich in Richtung Bett als ich
sie plötzlich sah.
Sie lag auf ihrem Bett, die Haare nass aber gekämmt
lagen zu beider Seiten über ihren, doch recht großen,
Brüsten, den Bademantel hatte sie seitlich aufgeschlagen und ihre Hände hatten ein großes hellblaues Handtuch in der Hand mit dem sie ihre Scham bedeckte.
„Suchst du ein Handtuch?“
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„Nike“, ich war etwas perplex, wusste nicht, was ich
sonst sagen sollte.
„Vielleicht solltest du mit dem Abtrocknen noch
kurz warten, meinst du nicht?“
Ich wusste, auf was es hinauslaufen würde, hatte aber
nichts dagegen. Im Gegenteil sogar.
Ehe ich etwas sagen konnte, stand sie auf, so dass
der Mantel ihr vom Körper rutsche und warf sich an
mich. Sie drückte mich gegen die Wand und wir küssten uns mit eigenartiger wilder Theatralik. Als ich meine Erregung kaum mehr verbergen konnte, und mir dies
auch etwas peinlich war, drückte ich Nike von mir weg
und sie fiel nach hinten in ihr Bett, wo sie sich gleich
bäuchlings hinlegte und mir befahl „mach schon“. Ich
hörte auf sie und begann nach kurzem Zögern mich ihr
hinzugeben.
Ich weiß nicht, wie lange es gedauert hatte, ich weiß
auch nicht mehr was alles genau passiert war. Ich wusste nur, dass ich nackt in Nikes Bett lag, sie mit ihrem
Kopf auf meiner Brust döste und im Radio More than a
feeling von Boston lief. Ich rieb mir meine Augen, versuchte ganz sachte aufzustehen, ohne Nike zu wecken was nicht gelang, denn sie murmelte etwas Unverständliches - und mich nochmals zu duschen, denn ich
schwitzte schon wieder am ganzen Körper. Bei diesen
Temperaturen Liebe zu machen gehört verboten, dachte
ich scherzhaft.
Als ich wieder aus der Kabine kam, war Nike ver57
schwunden. Das Bett war leer aber wieder ordentlich
gemacht.
Ich ging wieder in das Zimmer, in dem ich die Nacht
verbachte und nahm mein Tablett, das Nike mir zubereitete, setzte mich unter den Kastanienbaum vor das
Café und aß das Sandwich und trank den Saft. Den
Croissant hob ich mir für später auf. Ich hatte das Gefühl, mich mit der Situation so langsam angefreundet
zu haben. Ich bin froh, dass ich weg bin. Bin froh, nie
wieder in diese Firma gehen zu müssen, nie wieder
diesen überaus bescheuerten Job machen zu müssen,
nie wieder meinem Chef in seine unerträgliche Visage
blicken zu müssen… nur um Eva trauere ich ein bisschen, dass muss ich zugeben.
Aber nichts destotrotz musste ich etwas tun, dachte
ich. Ich kann so nicht mehr weiterleben. Mein altes
Leben war seit Montag vorbei. Ich war nun ein anderer
Mensch, ohne dass ich dafür was getan habe (zumindest dachte ich das immer) aber ich habe kein Zuhause
mehr. Ich musste jetzt reagieren. Den Angriff abwehren. Ich war nun am Zug. Und ich hatte noch alle meine
Figuren.
Und Sie müssen mir zustimmen, dass es nur eine
Möglichkeit gab. Es gab zu diesem Zeitpunkt keine
anderen Alternativen mehr. Ich musste weg. Weit weg.
Ich stand auf, ging wieder zurück ins Café um mich bei
Nike zu verabschieden, doch das Lokal war wie leergefegt. Die Parkplätze waren leer, die Stühle standen noch
58
auf den Tischen obwohl es schon fast Mittag war. Nur
aus dem kleinen Radio auf der Theke war ganz leise
Waterloo von ABBA zu hören. Nike allerdings war
nicht zu sehen, auch nach ein paar Rufen fand ich sie
nicht. Genauso als ich in jedes der wenigen Zimmer des
Cafés ging um sie nochmals zu sehen, fand ich sie nirgends. Nur Norton, ihr Hund, sah ich schlummernd vor
dem Eingang sitzen. Es war fast so, als hätte sie nie
existiert. So kann man es ausdrücken.
Ich stieg in mein Auto, tankte an der Tankstelle neben an noch einmal meinen Wagen voll, kaufte mir ein
Kreuzworträtselheft und die lokale Tageszeitung und
verließ diesen fast schon mystischen Ort, mit der Vorahnung, ihn nie wieder zu sehen.
Ich kutschierte zurück nach K. zu meiner Bank, hob
mein gesamtes Vermögen ab, was den Bankmitarbeiter
etwas verdutzt schauen ließ und fuhr nach kurzer aber
reiflicher Überlegung nach A.. Bescheid sagte ich keinem, es würde mich ja eh niemand vermissen.
Abhauen. Sich davonstehlen. Am Abend in einer fremden Stadt sein. Das gesamte Geld vom Konto abheben,
in einem verborgenen, aber sauberen Hotel unterkommen. Am Abend im Speisesaal bei einem schweren
Wein sitzen und auf das Essen warten, während man
die Abendzeitung überfliegt… oder die rothaarige Frau
beobachtet, die allein ein paar Tische weiter sitzt.
Ich gehe davon aus, dass Ihnen diese Gedanken vertraut sind. Wenn Sie sich so etwas nie überlegt haben,
59
dann weiß ich nicht, ob ich sie bedauern oder auslachen
soll. Die Frage ist dabei doch nur, welche Bedeutung
und welche Schwere wir ihnen geben.
Ich war das letzte Mal im Winter vor vier Jahren in
dieser kleinen Stadt, ich glaube, ich war mit Eva und
ihrer Freundin namens Helene auf dem dortigen Weihnachtsmarkt. Und schon damals wusste ich, dass ich
irgendwann in diesen Ort zurückkehren würde. Das
weiß ich noch, denn mir gefiel diese Stadt mit ihrem
engen Gassen und gleichzeitig großen Plätzen sehr.
Viel mehr als der eher peinliche Weihnachtsmarkt, wie
ich fand.
Nach etwa drei Stunden kam ich in A. an. Ich muss
zugeben, dass ich einen kleinen Umweg fuhr, da ich
keine Lust auf die große und schnelle Autobahn hatte.
Ich bevorzugte den Charme einer weniger befahrenen
Landstraße im Sommer bei offenem Fenster und aufgeknöpftem Hemd. Ich wollte meine Zeit einfach genießen. Wer sollte mich schon daran hindern können? Es
war bereits früher Nachmittag gewesen, der Holunder
stand immer noch in seiner vollen Blüte, die Temperaturen waren seit Tagen über 28 Grad und es war über
die ganzen letzten Tage eine bemerkenswerte, selten
bekannte Leichtigkeit bei den Menschen zu spüren.
Die Unterkunftssuche gestaltete sich anfangs als nicht
gerade einfach. Im Hotel Vier Jahreszeiten und im Metropolis, den, nach Auskunft in der dortigen Tourismuszentrale, bekanntesten Hotels der Stadt, waren aufgrund
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eines internationalen philosophischen Kongresses in
der Stadt schon alles ausgebucht, wie ich anhand von
Plakaten in der ganzen Stadt ablesen konnte. Aber ich
bekam den Tipp, es mal im Hotel am Marktplatz zu
probieren, die sollten noch freie Plätze haben, hieß es.
Sie hatten. Das Hotel lag in einem ruhigen Akademikerviertel der Stadt, was mir sehr angenehm erschien.
Ich bekam ein kleines Zimmer mit Fenster zur Nordseite hin mit herrlichem Blick über den gesamten
Marktplatz und ins angrenzende Tal. Ich bezahlte für
eine Woche im Voraus und schrieb mich unter dem
Namen „Jakob Winter“ ein. Ein Name der mir spontan
einfiel. Reine Prävention. Dann legte ich mich für ein
paar Stunden ins Bett. Ich musste mich unbedingt ausruhen. Ich war erschöpft und schlief sofort ein.
Rückblickend muss ich sagen, dass sich seit Montagmorgen, als es passierte nur noch müde und schläfrig war, was auch immer noch anhielt. Wenn ich mich
in solchen Momenten nicht sofort hinlege wird mir
schwarz vor Augen und ich bekomme das Gefühl, in
Ohnmacht zu fallen.
Um 19 Uhr wurde ich durch die Glocken der Petruskirche aus meinem verspäteten Mittagsschlaf gerissen.
Mir schoss eine Szene eines Spielfilmes in den Kopf, in
dem es so heiß und schwül war, dass sich die Tapeten
eines Hotelzimmers von den Wänden lösten und Mücken rücklings auf dem Fensterbrett verendeten. Ich
weiß den Namen des Filmes nicht mehr, aber ich weiß
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noch, dass ich ihn während meiner Schulzeit mit meinem besten Freund im Kino gesehen habe.
Ich duschte, machte mich frisch und spazierte anschließend durch die Gassen von A. - nichts zu suchen,
das war mein Sinn - und aß schließlich im Lohmann’s
zu Abend. Ein kleines gemütliches Restaurant, das ich
im Vorbeigehen entdeckte, mit landestypischen Gerichten und günstigen Preisen. Ich bestellte mir einen
Hackbraten mit Kartoffelbrei und dazu ein kleines Bier,
ließ meine Gedanken wieder kreisen und spülte sie anschließend mit einem Cognac (angeblich selbstgebrannt) hinunter. Ich bekam Lust auf Schach, wie früher mit Schneider und Rossmann in K., rauchend und
in Gespräche verfangend.
Gegen 22 Uhr ging ich leicht angetrunken wieder
zurück ins Hotel, machte den Fernseher an - eine ungemein dumme Angewohnheit, ich weiß, aber so hatte
ich nicht das Gefühl, alleine zu sein - duschte mich
abermals, dachte nochmal an Nike und das Café zurück
und schlief ein.
Ich erinnere mich nicht daran, etwas geträumt zu
haben.
62
Kapitel 6
Samstag, 25. Juli
Aomame und Arthur Winckler
Es gibt Ideen, die bekommt man schon als kleines Kind.
Und sind sie noch so profan, bleiben sie einem im Gedächtnis. Ich bin der Meinung, eine Idee, die man einmal
in seinem Kopf hatte, bekommt man nie wieder heraus.
Egal ob es was Unrealistisches oder was Kinderleichtes
ist. Manche Ideen verstauben in der Hinterstube des
Kleinhirns, manche werden zu realistischen Gedanken
und ausführbar geformt.
Diese eine Idee hatte ich seit meiner ersten Begegnung
mit ihm. Genauer gesagt, als ich ihm das Erste Mal begegnete.
Fassen wir zusammen: Es gab zu diesem Zeitpunkt
nur noch zwei Möglichkeiten, was ich hätte tun können.
Entweder musste er weg, oder ich.
Es gab keinen Platz für uns beide.
Und da ich noch einiges auf dieser Welt vorhatte, entschied ich mich für Ersteres. Und während ich alle Möglichkeiten abwog, fiel mir auf, dass ich mich auf einem
Weg befand. Einem langen Weg und den musste ich bis
zum Ende gehen. Wie Caine in „Kung-Fu“. Ich konnte
nicht mehr zurück. Es war unmöglich.
Ich beschloss also an diesen Morgen, dem 25. Juli, ihn
mir vom Hals zu schaffen. Genau diese Wortkonstellati63
on, ihn vom Hals schaffen, kam mir in den Sinn – nicht
töten oder umbringen, oder Gott bewahre, liquidieren
und ich wunderte mich selbst, wie ich auf so einen Ausdruck gekommen bin. Hatte das irgendeine Art von Signifikanz? Katzen, Kanarienvögel oder anderes Gesocks
schaffe man sich vom Hals, oder etwa nicht? Sich einen
Menschen vom Hals schaffen bedeutet nicht nur, dass
man ihn tötete, man nahm ihm außerdem noch seine Bedeutung. Man erkannte ihm das grundlegende Recht ab,
ein Mensch zu sein, jemals einen Wert gehabt zu haben.
Oder etwa nicht?
Sich vom Hals schaffen
An diesem Morgen kaufte ich ein. Eine Hose, zwei neue
Hemden und jede Menge Unterwäsche und Socken. Meine Schuhe waren noch recht neu, da bestand kein Bedarf.
Zusätzlich kaufte ich mir ein eine lokale Tageszeitung,
welche ich nie lesen würde. Ich musste wenigstens gut
aussehen und mein Geld sollte wohl dazu auch langen.
Eigentlich war das Geld für einen Trekkingurlaub in
den Anden geplant, mit Eva und eine ihrer Freundinnen
aus dem Krankenhaus, deren Namen ich schon gar nicht
mehr weiß. Ich konnte die meisten, ihrer Bekanntschaften
aus der Arbeit eh nie richtig leiden. Überhaupt kann ich
mit dem Beruf der Krankenpfleger, Schwestern und Ärzte nichts anfangen. Seit meiner vielen Aufenthalte hege
ich für diese Berufe nichts als Abscheu. Aber das ist ein
anderes Thema. Wie auch immer, ich wusste schon seit
Längerem, dass diese Reise wohl nie zustande kommen
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würde, man hat es nur nie ausgesprochen, das Geld wurde trotzdem weiterhin gespart, geschadet hat es ja nicht,
wie man nun sieht.
Ich überquerte die Straße am Markt und ging weiter den
Kirchenweg entlang. In der Ortsmitte von A. ging ich ins
Kino Apollo. Der Nachmittagsfilm lief bereits eine Weile
aber ich hatte ihn schon einmal gesehen. Ascenseur pour
l'échafaud. Abgesehen von der Musik von Miles Davis
ist er auch nicht gerade gut.
Aber Sie müssen doch verstehen.
Ich brauchte einfach einen Ort wo ich mich hinsetzen
konnte. Wo ich in der Dunkelheit und Einsamkeit sitzen
konnte.
Das angekündigte Gewitter zog auf. Es fing an zu donnern und zu blitzen und die Straßen wurden allmählich
immer leerer. Die Temperatur sank drastisch. Ich lief an
die gegenüber meines Hotels stehende Telefonzelle und
schlug das dort liegende Telefonbuch auf. Es gab nur
zwei Personen, die ich in diesem Moment hätte anrufen
können. Arthur Winckler oder Theodor Kielmann. Zwei
nähere bis ferne Bekannte, die ich auf etlichen Fortbildungsseminaren kennengelernt habe, wobei das Wort
„Bekannte“ wahrscheinlich auch noch zu gut formuliert
wäre. Zwei zwielichtige Gestalten, mit denen ich zu einer
Art Gruppenarbeit verdammt wurde und somit über ihre
Geschäfte und Nebeneinkünfte einiges mitbekam. Ich
notierte mir die Namen damals, weil ich dachte, dass es
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gut sei, jemanden zu kennen, der sich … naja… in diversen Kreisen auskennt. Ich hatte jedoch nicht ihre Telefonnummern, wusste aber, dass sie in A. oder im Umkreis von A. wohnten – zumindest damals. Ich probierte
es zuerst bei Kielmann, der mir einen Funken sympathischer erschein, dort meldete sich aber lediglich die Mailbox. Also Arthur Winckler. Zu Winckler muss ich sagen,
dass ich ihn und seine Art wirklich nicht ausstehen konnte, aber es ging nicht anders; und zur Not, naja, sie wissen schon. Im Telefonbuch fand ich seine Nummer.
„Ja?“, schrie es schlecht gelaunt aus dem Hörer.
„Hallo, spreche ich mit Arthur Winkler?“
„Ja, wer ist da?“
„Hier ist Dawson… wir kennen uns von früher, Exportkurse im THG, weißt du noch?“
„Hm, ja kann sein. Was gibt’s? Schnell ich hab’s eilig.“
„Machst du noch…naja wie soll ich sagen…machst du
noch Geschäfte?“
Stille.
„…Ja….“ kam nach ein paar Sekunden zögernd.
„Können wir uns treffen?“, fragte ich.
„Um Punkt 17 Uhr vor dem Brunnen am Marktplatz.“
„Alles klar.“
Wir legten auf.
Was habe ich gerade getan? Bin ich verrückt geworden?
War das eine richtige Entscheidung? Hätte ich nicht lieber doch noch eine Nacht drüber schlafen sollen?
66
Das war der Weg. Und die nächste Abzweigung kam in
etwa vier Stunden. Ich hatte also noch ein wenig Zeit.
Ich war verwirrt und beschloss erst mal wieder zu Lohmann’s zu gehen und etwas zu essen. Ich entschied mich
für ein Spiegelei auf Toast mit Bohnensalat. Ich hatte
nicht viel Hunger. Das Lokal war angenehm gefüllt ohne
Platzangst zu bekommen. Eigentlich ein schöner Tag
heute. Eigentlich.
Um meinen Kopf ein bisschen frei zu kriegen, spazierte ich nach dem Essen ein bisschen durch die Gassen der
Stadt, ging am Flussufer entlang, rauchte ein paar Zigaretten und machte kurz Rast auf einer kleinen Wiese in
der Nähe des Bahnhofs, legte mich ins Gras, betrachtete
die hochgewachsenen Kastanien und dämmerte nach wenigen Sekunden weg.
Der Markplatz von A., mit seiner Kirche, dem Rathaus,
den vielen kleinen belebten Cafés und vor allem, der sehr
bekannte Springbrunnen mit seinen Verzierungen, das
Wahrzeichen der Stadt, der eine Szene aus dem dreißigjährigen Krieg darstellt – fragen Sie mich bitte nicht,
nach dem genauen Hintergrund. Wahrscheinlich irgendwas mit Ehre, Stolz und Patriotismus, nichts, was mich
sonderlich interessiert hätte. Die Filigranität (falls es das
Wort überhaupt gibt) der Bronzefiguren jedoch fand ich
durchaus ansprechend. Viele Künstler haben dieses pittoreske Werk schon versucht in anderen Orten nachzubauen, kamen jedoch nie ans Original auch nur annähernd
heran.
67
Ich stand also an diesem Brunnen, las die Inschriften und
die Informationstafeln davor – doch gewissermaßen war
dies nur ein Alibi, ich wartete eigentlich auf Winckler
und schlug nur die Zeit tot. Ich tauchte, zur Abkühlung
meine Arme in den Brunnen, was mir zeitgleich ein paar
Jugendlich nachmachten.
„Entschuldigung“ hörte ich jemanden sagen, ich drehte mich um und sah einen Mann, Mitte 30, groß und
drahtig, Augen wie eine Schildkröte und allgemein in
keinem wirklich guten Zustand, an der Seite des Brunnens lehnen.
„Winckler?“, fragte ich ihn.
„Ja, was brauchst du genau“, flüsterte er mir zu.
„Eine … Pistole.“
„Kann ich machen.“
„Um einen Menschen zu erschießen?“
„Das möchte ich jetzt nicht sagen.“, entgegnete ich
empört.
„Solltest du aber, sonst gebe ich dir eine schwächere
Maschine oder eine, mit dem du Elefanten töten könntest
– mir ist das egal. Also sag mir wofür, Herrgott!“
„Also, ja, ich habe es vor.“
„Gut, gib mir 400 jetzt und 400 morgen. Dann treffen
wir uns um diese Zeit wieder genau hier und ich gebe dir,
was du brauchst.“
„Was sagt mir, dass ich mich auf dich verlassen
kann?“
„Nichts“, bekam ich als Antwort zurück. Das war
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deutlich und konsequent.
Ich dachte nicht lange nach, ich hatte auch keine andere Möglichkeit, gab ihm die 400 und wir gingen getrennte Wege. Ich benötigte jetzt ein Bier. Über die genaue
Vorgehensweise dieser Aktion hatte ich mir noch keine
Gedanken gemacht. Aber so etwas braucht Zeit und die
hatte ich zu Genüge.
Im Hotel angekommen, ein Kreuzworträtsel in der
kleinen Hotellobby lösend kam mir der Gedanke doch
mal zuhause anzurufen. Mal hören, wie es so geht, ob er
abnimmt oder ob mich jemand sucht oder gar vermisst.
Die Neugier trieb mich dazu.
Ich nahm mein Handy, unterdrückte meine Nummer
und wählte meine Nummer von Zuhause, aber es ging
nur Eva dran.
„Dawson?“
Ich legte auf. Was ich in diesem Moment dachte, weiß
ich leider nicht mehr, aber ich glaube, ich war irgendwie
besorgt. Um Eva natürlich.
Ich wählte die Nummer meines Büros.
Kollege Mauritz meldete sich.
„Mauritz.“
„Guten Tag, Müller mein Name, könnte ich mit Herrn
Dawson reden?“
„Der ist momentan in Zürich. Irgend so ein Meeting.“
„Oh, dass wusste ich nicht, wann kann man denn wieder mit ihm rechnen?“
„Erst wieder nächste Woche, glaube am Mittwoch
69
oder Donnerstag. Soll ich…“ Ich legte auf ohne mich zu
verabschieden. Ich erinnerte mich an diesen Termin. Mit
Unwohlsein, hatte ich diesem Meeting im Frühjahr zugesagt. Auch so eine Eigenart, ich kann einfach nichts ablehnen, nicht nein sagen. Aber bis nächste Woche warten,
das war mir zu spät. Das musste ich beschleunigen.
Ich legte mein Handy neben mir auf den Tisch und fing
ein neues Rätsel an.
Fluss in Peru, mit drei Buchstaben.
Mir kam eine neue Idee um das Prozedere zu beschleunigen. Ich griff erneut zum Handy, unterdrückte
wieder die Nummer und rief nochmals meine Frau an.
Sie meldete sich.
„Dawson?“
Ich verstellte meine Stimme und hielt mir zusätzlich die
Nase zu, um unter keinen Umständen aufzufallen:
„Hallo Frau Dawson, sie müssen mir jetzt genau zuhören, ich wollte Ihnen nur sagen, dass ihr Mann sie mit
einer anderen Frau betrügt.“
„Wer sind sie? So ein Quatsch!“
„Eva, ich kenne ihren Mann, ich kenne Linton Samuel
sehr gut. Er betrügt sie.“
„Sind sie ein Arbeitskollege? Mit wem denn?“
„So in der Art, mit Frau Quast, der Chefsekretärin.“
„Frau Quast? Das glaube ich Ihnen nicht, sie lügen.“
„Er hat mit ihr ein Zimmer in Zürich. Sie wissen doch
sicherlich, dass er in Zürich ist, oder?“
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„Ja, aber … warum erzählen Sie mir das?“
„Weil ich sie schützen möchte, Eva.“
„Wer sind sie?“
„Hören sie auf mich, er ist nicht das, was er zu sein
scheint“
Ich legte auf.
Ich glaube, das war die dreistete Lüge die ich je zu irgendwem gesagt habe. Und gleichzeitig war es das
Schlimmste, was ich Eva je angetan habe. Aber es musste
sein. Ich musste mich schützen und dadurch löste ich
vielleicht etwas aus. Meine Idee war, dass mein Zweites
Ich, wie ich es jetzt nannte, vielleicht durch diesen Anruf
ein wenig früher nach K. zurückkehren könnte, damit ich
meinen Plan in die Tat ausführen könnte. Nur so funktionierte es. Auch wenn mir Eva in diesem Moment mehr
als Leid tat. Sie hatte das nicht verdient.
Ich löste mein zweites Kreuzworträtsel an diesem Tag,
trank einen Gin Tonic, der hier in der Lobby wirklich
besser schmeckte als sonst wo und ging noch eine Runde
spazieren bevor ich vor einem japanischen Restaurant
namens „Edo“ stand und die dortige Speisekarte studierte. Ich bekam unheimlich Lust auf Fisch, kein Sushi,
sondern richtig guten, gegrillten Fisch. Gerne auch etwas
teuer, ich hatte genug Geld dabei. Ich schaute durch die
Fenster, des Lokals und mir gefiel sofort, was ich sah.
Abgedunkelte Räume, Séparées, spärlich gekleidete
Frauen, exquisites Essen. Es erklang langsame Synthi71
Musik mit angenehmen sanften Bässen. Es spielte auch
eine Band, soweit ich das sehe konnte, im Dunkel. Ich
ging rein, wurde von halbnackten weiblichen Bedienungen begrüßt und umgarnt, bekam ein Séparée, saß auf
dem Boden und bekam so ziemlich jeden Wunsch erfüllt,
den ich an diesem Abend hatte. Ich ließ es mir gut gehen
und genoss den Abend. Ich hatte wieder das Gefühl der
Kontrolle über mein eigenes Leben.
Ich lernte eine Frau namens Aomame kennen, was auf
Japanisch so viel heißt wie Kleine Erbse. Anfangs war
sie nur meine Kellnerin, die sich mit lasziven, zum Takt
der Musik passenden, Bewegungen mein Essen servierte.
Ich bekam Gebratenen Seewolf und gegrillten Tintenfisch mit gebratenen Nudeln und Jakobsmuscheln und
natürlich jede Menge Reis. Es schmeckte fantastisch.
Je später der Abend wurde, desto mehr machte sich
Aomame einen Spaß daraus, mich zu füttern. Und als sie
sah, dass ich mich darauf einließ, fing sie an, sich langsam vor mir auszuziehen.
Ich schubste sie ein paar Mal weg von mir, natürlich
nur zum Spaß, als sie sich plötzlich auf mich warf und
sich auf meinen Schoß setzte und ihr Becken an meines
rieb. Ich versuchte natürlich noch weiter zu essen, aber
ich ließ mich gehen und ab diesem Moment verwandelte
sich die Nacht in einen einzigen Rausch von Alkohol,
energiegeladener Musik, einer Japanerin auf Speed und
dem besten Sex meines Lebens.
72
„Wie heißt du“, flüsterte mir Aomame, während sie
mich ritt, ins Ohr.
„Linton Samuel Dawson.“
„Ich heiße Linton Samuel Dawson.“
„Warum wiederholst du das?“
73
Kapitel 7
Sonntag, 26. Juli
Georg Weihrauch
Ich wachte auf als ich merkte, dass eine schwarze Katze
auf meiner Brust saß. Ich konnte mich an nicht mehr viel
vom Vorabend erinnern. Ich hob meinen Kopf und sah
mich im Zimmer um. Überall waren leere Bier- und Sektflaschen verteilt. An der einen Wand stand eine imposante, mannshohe Ritterrüstung, an den Wänden hingen vergilbte Comic-Art Poster und neben mir lag eine nackte
Frau und schlief wie ein Baby. Sie sah schön aus, wie sie
so da lag. Man konnte ihre Tätowierung sehen, ein altes
japanisches Schriftzeichen, ich glaube, es war aus dem
Hiragana und bedeutete so viel wie Sehnsucht ich kann
mich aber auch irren. Ich schubste die Katze beiseite und
versuchte aufzustehen, bekam aber Schwindelgefühle
und setzte mich wieder auf die Bettkante. Aomame
wachte in diesem Moment auf.
„Na, wie geht’s?“, lachte sie mich mit verschlafenem
Blick an, „darf ich dir vorstellen, Tengo, mein Kater“.
„Guten Morgen Tengo“, sagte ich zu ihm der sich
wieder neben mich ins warme Bett gesetzt hatte, und
strich ihm übers Fell.
„Du gehst schon? Ich dachte, wir frühstücken zusammen?“
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Ich sagte nichts und suchte meine Kleidung, die überall
im Zimmer verteilt war und zog mich an.
„Mach‘s gut“ sagte ich in den Raum hinein, ohne zurück zu blicken und ging durch die Tür. Ich weiß, dass
ich ihr wohl sehr wehgetan habe und wahrscheinlich hatte sie sich mehr erhofft als eine Nacht, aber ich wollte
nicht. Es war besser so.
Es war gegen 11 Uhr als ich von Aomame ging, ich rief
mir ein Taxi, da ich absolut bis auf den Straßennamen
keine Ahnung hatte, wo ich war und ließ mich zurück ins
Hotel fahren.
Bis 17 Uhr hatte ich noch etwas Zeit. Hunger hatte ich
keinen, also kaufte ich mir einen Block mit Stift und ging
in die Humboldt-Bibliothek am Stadtrand. Ich hatte vor,
diese Geschichte, diese ganzen Erlebnisse aufzuschreiben. Und was böte sich besser an, als in einer alten Bibliothek, an einem späten Nachmittag sich einen Platz in
einer ruhigen Ecke zu suchen und zu versuchen, seine
Gedanken in Einheit auf Papier zu bringen. Ich versuchte
so, das alles irgendwie zu verstehen, das Ganze in eine
Form zu bringen, es verständlich zu machen. Vielleicht
versteht es der Leser ja besser als der Erlebte, wer weiß?
Ich suchte mir einen Platz am Fenster, bediente mich
am Kaffeeautomaten und versuchte zu schreiben. Doch
während ich so nachdachte und nach den passenden Worten suchte, fiel mir ein älterer Mann mit Hut auf, der drei
Tische neben mir saß. Es sah so aus, als ob auch er etwas
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schrieb, jedoch begegneten sich unsere Blicke immer mal
wieder bis er aufstand und sich zu mir hin bewegte. Er
war klein gebaut, schlank und hatte ein Leuchten im Gesicht. Er trug Sportschuhe, eine Jeans, ein etwas zu eng
sitzendes graues Hemd und auf der Nase eine Nickelbrille. Er kam mir bekannt vor. Ich wusste, dass ich diese
Gestalt schon irgendwo mal gesehen hatte.
„Guten Tag, mein Name ist Weihrauch, Georg Weihrauch. Sie wohnen im gleichen Hotel wie ich, glaube ich.
Ich habe sie dort öfters rein und raus gehen sehen. Darf
ich mich zu Ihnen setzen?“ sagte er mit leicht schlesischem Akzent, „natürlich nur wenn sie nichts dagegen
haben, ich möchte sie ungern bei ihrer Arbeit stören.“ Er
sah auf mein leeres Blatt Papier, als er das sagte.
„Ja gerne, Dawson, Linton Samuel Dawson, angenehm“ erwiderte ich und gab ihm die Hand. Er hatte einen sehr festen und entschlossenen Händedruck. Mir fiel
es wieder ein. Ich sah ihn eines Morgens beim Frühstück.
Aber das Einzige was mir von ihm in Erinnerung geblieben war, war, dass er sich an jenem Morgen bei der Bedienung des Hotels beschwerte, warum sie nicht die Erdbeerkonfitüre anbot, die angeblich im Keller läge – ich
hatte mich damals schon gefragt, woher er das wusste,
kümmerte mich allerdings auch nicht länger als notwendig darum. Warum ich ihm gleich einen Platz anbot,
wusste ich nicht, aber irgendwie kam er mir sympathisch
vor.
Aber auch auf eine bestimmte Art geheimnisvoll.
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„Wie weit sind sie mit ihren Gedanken, Herr
Dawson?“, sagte er plötzlich.
Ich erschrak.
„Wie meinen sie? Welche Gedanken?“
Ich tat, als wüsste ich nicht, worüber er sprach.
„Nun“, sagte Weihrauch, „ich sage es ihnen lieber
gleich, ich weiß, das hört sich etwas komisch an, aber ich
kann ihre Gedanken lesen.“
„So?“, ich tat absolut unüberrascht. Als wäre es das
normalste der Welt.
„Ja, das ist kein schönes Gefühl, glauben Sie mir, und
ich versuche auch weitestgehend alle Gedanken auszublenden, die ich vernehme, weil es eben Unmengen davon sind, aber bei Ihnen bin ich plötzlich hängengeblieben. Ich weiß nur nicht ob es sich bei ihrer Geschichte
um einen Roman oder um eine echte Angelegenheit handelt. Falls es nicht fiktiv ist, dann ist das sehr interessant,
verstehen sie? Ich habe aber den Anschein, dass sie das
wirklich erlebt haben.“
„Wovon schreiben sie denn?“, fragte ich ihn, um ihn
vom Thema abzulenken.
„Lenken sie doch nicht ab, Herr Dawson“.
Ertappt! Er kann es also tatsächlich. Ich errötete leicht.
„Ich mache mir nur Notizen von meinen Patienten. Ich
arbeite unter anderem als Psychotherapeut in einer Klinik
nicht weit von hier. Und hier in der Bibliothek, habe ich
die Ruhe und Muse, solche Arbeiten zu machen.“
„Ich mag darüber eigentlich nicht sprechen, sie wissen
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ja eh schon alles“, entgegnete ich ihm.
„Ich finde das Ganze nur so ungeheuer interessant,
was da passiert und würde gerne mehr darüber erfahren.
Natürlich nur wenn sie auch daran interessiert sind. Ich
kann Ihnen gerne auch von meinen Fähigkeiten erzählen,
wenn sie möchten.“
Er räusperte sich und fuhr weiter fort, „ihre Geschichte
klingt so unglaublich. Ich musste einfach mit ihnen Kontakt aufnehmen. Nur leider muss ich jetzt gehen, ich habe
noch einen Termin und bin schon etwas spät. Im Alter
verliert man oft das richtige Gefühl der Zeit, wissen sie.
Aber vielleicht könnten wir unser Gespräch heute Abend
bei einem Glas Wein oder einem gutem Mahl fortsetzen?“
Warum eigentlich nicht, dachte ich mir, obwohl ich
durch seine Aussage, er könne Gedanken lesen, etwas
irritiert aber gleichzeitig sehr interessiert war. Ich fühlte
mich zwar überrumpelt aber spontan, ohne lange nachzudenken stimmte ich ihm zu.
„Eigentlich keine schlechte Idee“, sagte ich zu ihm,
„ich könnte ein bisschen Gesellschaft brauchen.“
„Ich bin nicht oft in A., wissen sie vielleicht eine geeignete Lokalität?“
„Wir könnten ins Lohmann’s gehen“ schlug ich vor.
„Lohmann‘s, ja, ich glaube ich weiß wo das ist, das
freut mich sehr, dass sie dieses Angebot annehmen.“
„Sagen wir um Acht?“
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Der richtige Mann zur richtigen Zeit.
Der Satz beschreibt es ganz gut. Allerdings würde sich
das erst zu einem späteren Zeitpunkt herausstellen. Er
nahm seine Akten, verabschiedete sich höflich und ging
ruhigen Schrittes aus dem Saal.
War das ein Zeichen, dass alles wieder gut werden würde? Oder vielleicht mehr. Dass ein dünner Lichtstreif
versuchte, sich mit all dem Dunklen zu vermischen?
Zwei Tropfen Milch in einen schwarzen, sehr schwarzen
Kaffee, wie hieß das noch? Macchiato?
Ich klappte meinen Schreibblock unbeschrieben wieder
zu, packte meinen Stift ein und stand auf um mir meine
Waffe abzuholen.
Nike, Winckler, Aomame, Weihrauch.
Aus diesen Worten bestand mein derzeitiges Leben.
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Kapitel 8
Die Glock
Ich erinnere mich noch gut an meinen ersten Blackout.
Ich öffnete meine Augen und saß auf einer alten, verbleichten Holzbank im Zentralpark von K. und erinnerte
mich an nichts mehr. Es war ein Sommerabend, Kinder
spielten Fangen, Jogger liefen keuchend vorbei und ich
saß einfach auf der Bank und wusste nicht, wie ich dort
hinkam.
Ich konnte auch nicht aufstehen, da mich irgendeine
Kraft auf der Bank sitzen ließ. Ich war ungeheuer schwer
und war nicht in der Lage, einmal meinen Arm bewegen,
geschweige denn meinen Kopf. Ich blinzelte einfach nur
vor mich hin. Ich saß dort sicher über eine Stunde ohne
eine einzelne Regung. Vielleicht auch noch länger, ich
hatte kein Zeitgefühl mehr. Ich versuchte krampfhaft
mich an das vorherige zu erinnern, aber ich kam nicht
drauf. Meine Erinnerungen an das Vorherige waren
komplett gelöscht. Das letzte, das ich wusste, war, dass
ich zur Arbeit gefahren war, wie immer, wie jeden Morgen. 15 Minuten diesmal. Als eine gefühlte Ewigkeit
verging, ließ diese Verkrampfung nach und ich konnte
mich erheben und rief das erste Mal Herrn Doktor
Schätzli an, ein Schweizer Psychiater, den mir meine
Frau empfohlen hatte und mich nun seit mittlerweile drei
Jahren mal mehr mal weniger betreut. Ein sehr kompe80
tenter Mann. Er gab mir immer den Tipp „schreiben sie,
Dawson, schreiben sie auf, was ihnen wiederfährt“.
Doktor phil. Reto Schätzli, Familienvater von 5 Kindern, so las ich es heute in der lokalen Tageszeitung, hatte sich letzten Dienstag im Dachboden seiner Wohnung
erhängt. Seine Beerdigung fand heute im Friedhof von K.
statt.
Therapie, dachte ich lange Zeit brauche ich keine. Warum auch? Ich hatte Angst vor dem Erkanntwerden.
Angst davor, mein Innerstes nach außen zu kehren, komplett entblößt zu sein. Angst vor Ratschlägen die man
nicht hören will. Angst davor, sein komplettes Weltbild
in Frage zu stellen. Angst vor sich selbst.
Aber nach meinem Zusammenbruch vor drei Jahren
wurde er mir per Gesetz zugeteilt. Hätte ich das nicht
gemacht, wäre ich heute arbeitslos oder vielleicht - die
schlimmere Variante - tot.
Die Sonne stach mir ein gefühltes Loch in meinen Kopf,
nirgends war Schatten. Ich hätte was zu trinken mitnehmen sollen, fluchte ich lautlos. Ich hatte einen riesen
Durst. Auf einem großen freien Platz, wie hier war es
menschenleer, eigentlich kein guter Ort für solch einen
Transfer, aber Winckler war der Chef, nicht ich. Ich wartete geduldig am Brunnen, meine Knie waren weich und
ich hatte ein Gefühl, mich gleich übergeben zu müssen.
Ich war kurz davor wieder weg zu rennen. Einen Rückzieher zu machen, den Schwanz einzuziehen. Und wie
gesagt, diese verdammte Hitze.
81
„Dawson“, hörte ich es von der Seite, kaum hörbar
flüstern. Wieder kam er überraschend. Ich sah ihn vorher
nicht, wie macht er das nur, fragte ich mich. Er gab mir
eine neutrale Stofftasche in die Hand.
„Hast du das Geld?“
Ich nickte und gab ihm den Umschlag mit dem fehlenden
Geld. Er stecke ihn, ohne nach zu zählen ein.
„Willst du nicht nachzählen?“, fragte ich.
„Ich glaube nicht, dass du mich bescheißt, dazu bist du
nicht der Typ.“
„Also pass auf, Linton: Das ist eine Glock 17, 9mm,
Halbautomatik mit 19 Schuss, nicht registriert. Alles
klar?“
„Ja, danke“
„Ich kenne dich nicht, und dieses Treffen hat nie stattgefunden.“
„Klar“, erwiderte ich.
„Klar“, erwiderte Winckler
Und Winckler war genauso und scheinbar wieder verschwunden, wie er gekommen war.
Ich glaube, in meinem ganzen bisherigen Leben hatte ich
noch nie so fest eine Tasche umklammert, als ich schnellen Schrittes ins Hotel lief, an der Rezeption vorbei –
freundlich grüßend auf mein Zimmer ging um erst mal
ein Glas Whisky zu trinken.
Ich machte die Schuhschachtel auf und, packte die
Waffe aus der Plastikverpackung und legte sie erst mal
auf den Tisch und sah mir sie an. Das letzte Mal als ich
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so etwas in der Hand hielt, war in meiner Zeit In der Armee. Wobei sie mir damals in die Hand gedrückt wurde,
ich hatte nicht danach verlangt und mein Respekt vor
diesem Gerät war riesengroß.
Ich betrachtete sie ganz genau, sah mir den Verschluss
und den Lauf genau an. Sie war perfekt, hat keine Kratzer, keine Makel. Die Munition war in einem extra Päckchen, das ich jedoch noch verschlossen ließ.
Glock 17, 9mm, Halbautomatik, 19 Schuss
Ich schrieb mir diese Zeile etliche Male untereinander
auf meinen Block. Sie hatten etwas Unheimliches und
Bedrohliches an sich. Ich riss den Zettel vom Block, zerknüllte ihn und warf ihn in die Ecke des Zimmers.
Es war bereits 19 Uhr, ich hatte ganz vergessen, dass
ich mit Herrn Weihrauch zum Essen verabredet war. Also machte ich mich fertig und lief ins Lohmann’s wo
meine neue Bekanntschaft schon an einem Fensterplatz
sichtlich gut gelaunt auf mich wartete und, als ich reinkam, aufstand um mich zu begrüßen mit einem herzhaften Händedruck.
„Guten Abend“ begrüßte ich ihn und schüttelte seine
Hand.
„Einen wunderschönen guten Abend Herr Dawson.
Wirklich sehr nett hier. Ich muss gestehen, ich war seit
ich hier lebe – und das sind nun schon einige Jahrzehnte
– noch nie hier zu Gast.“
„Das Essen ist gut und günstig“, antwortete ich ihm.
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Wir setzten uns.
„Ich muss sagen, ihre Geschichte gefällt mir, zumindest das, was ich bisher weiß“, fuhr er fort. „Aber zuerst
mal die Frage nach dem Essen. Ich war schon ein wenig
früher hier und habe schon mal die Karte studiert. Wollen
Sie einen Käseteller mit mir teilen?“
„Gern“.
Ich bot ihm eine Zigarette an und eine Weile rauchten
wir schweigend und warteten auf unser Essen. Während
diesen Sekunden sah ich, wie er in die Köpfe anderer
Menschen ging und deren Gedanken versuchte zu entschlüsseln. Er wirkte konzentriert und gleichzeitig hellwach.
„Seit wann können Sie Gedanken lesen, Herr Weihrauch? Wann haben sie das erste Mal davon Kenntnis
genommen?“, waren meine Einstiegsfragen. Was hätte
ich sonst fragen sollen? Er grinste. Wohl weil er vermutete, dass zu hören?
„Ich merkte es schon als Kind, als ich eines Nachts die
Gedanken meines Bruders hörte und er zeitgleich auch
meine. Aber er starb bei einem Unfall vor circa neun Jahren. Wir waren mit dem Fahrrad unterwegs und tauschten
gegenseitig unsere Gedanken aus, als ich ihn irgendwie
verärgerte und dumme Sachen über ihn dachte, was er
natürlich vernahm. Ich weiß es ehrlich gesagt nicht mehr
so genau aber ich habe ihn durch diesen kindlichen Spaß
so sehr geärgert, dass er vom Rad fiel und ein vorbeifahrendes Auto ihn leider erwischt hatte. Jetzt muss ich mit
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dieser Bürde alleine weiterleben. Es ist manchmal sehr
lästig“.
„Das ist schrecklich. Fühlen sie sich schuldig am Tod
ihres Bruders?“, fragte ich ihn interessiert.
„Es gibt keine Schuld, Herr Dawson, es gibt nur verschiedene Stufen von Verantwortung, merken sie sich
das, das ist wichtig wenn man das weiß.“
Ich nickte und verstand.
„Haben sie auch Geschwister?“, fragte er mich.
„Ich hatte einen Zwillingsbruder, der starb aber bei der
Geburt.“
„Lassen sie mich raten, Herr Dawson. Der eine sollte
Linton, der andere Samuel heißen, richtig?“
„Ja, genau.“ Ich lächelte verwegen. Der Mann ist gut.
„Genau so hatte es meine Mutter vor, sagte sie mir
später einmal. Und daher weiß ich nicht mal, welcher
Name ursprünglich für mich vorgesehen war.“, fuhr ich
fort.
Auch wenn ich natürlich gern eine Kostprobe von Herrn
Weihrauchs behaupteten Fähigkeiten erlebt hätte, schien
es mir etwas plump, ihn direkt darum zu bitten. Stattdessen führte ich einkreisende Manöver aus.
„Können Ihre Eltern das dann auch?“, fragte ich.
„Sie streiten dies ab, aber ich bin mir nicht sicher, sie
haben ihre Gedanken sehr gut im Griff. Sie haben wohl
im Laufe der Zeit gelernt, damit um zu gehen. Aber
glauben Sie mir, ich wünschte, ich hätte es nicht, es ist
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wirklich sehr belastend und manchmal wäre ich froh, ich
würde nicht wissen, was bestimmte Personen denken.“
„Glaube ich“, sagte ich und nickte ihm zu. Obwohl ich
mir nicht sicher war, es vielleicht doch nicht verstanden
zu haben.
„Aber nun zu Ihnen, Herr Dawson. Wie geht es
Ihnen?“
„Wissen sie das nicht?“ gab ich etwas schnippisch
zurück.“
„Ich kann lesen, wie sie denken, nicht wie sie fühlen,
das dürfen sie nicht verwechseln.“
„Um ehrlich zu sein, weiß ich nicht, wie es mir geht.
Auf der einen Seite geht es mir sehr gut, ich bin in einer
fremden Stadt, habe mein Geld dabei, bin unabhängig
und alleine, auf der anderen Seite habe ich mein altes
Leben hinter mir und muss nun versuchen das Beste daraus zu machen. Und eben diese eine Sache, sie wissen
schon.“
„Ich verstehe“ nickte Weihrauch mir zu und schnitt
sich ein Stück Bergkäse ab.
„Finden Sie den Weg, den sie gehen, richtig?“
„Was bleibt mir sonst übrig? Ich muss diesen Schritt
gehen, es gibt keine Alternativen mehr.“
„Ich verstehe“.
„So?“, fragte verwundert zurück
„Nun, es ist ja so, dass ich mich sehr gut in ihre Lage
versetzen kann. Auch wenn ich nicht das gleiche erlebt
habe, so habe ich in meinem bisherigen Leben schon so
einiges Verrücktes gesehen und gehört. Ich bin Psychia86
ter, da kriegt man so einiges mit. Und ich verstehe ich es
sehr gut, wenn man der Welt abhanden kommt.“
Ich nickte und verstand.
Wir prosteten uns zu und ließen uns einen außerordentlich reifen Brie schmecken. Dazu tranken wir beide
einen trockenen französischen Rotwein aus der Bretagne
und schwiegen eine Weile.
„Sind sie verheiratet“, fragte ich ihn, „haben sie Familie?“
„Nein. Für Beziehungen scheine ich nicht geschaffen
zu sein. Aber ich muss dazu Eines sagen, Es ist nicht
empfehlenswert so zu leben, das gebe ich zu, aber es ist
für mich die einzige Möglichkeit, quasi alternativlos. Ich
bin lieber alleine, ertrage nur sehr wenig Nähe. Und die
zwei-drei Mal im Monat, in denen ich gerne zu zweit
wäre, kriege ich auch so rum. Wie steht es mit ihnen?“
„Ich bin verheiratet“, sagte ich und war gespannt ob er
was hinzufügte.
„Ja, dachte ich mir, aber wohl nicht gerade glücklich,
oder? Hängt das mit dem Vorfall zusammen?“
„Nein, es ist eher ein allgemeiner Zustand. Ich kann
sie nicht mehr leiden, ich wünschte sie wäre … weg, aber
scheiden lassen will ich mich auch nicht.“
„Verstehe“, sagte er, „ich hatte mal eine Patientin, mit
Eheproblemen, der ich riet, sich von ihrem Mann zu
trennen, die sagte einmal zu mir ‚ich könnte meinen
Mann töten, aber mich nie von ihm scheiden lassen‘“.
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Vielleicht war das das Schlauste, was je ein Mensch zu
mir je gesagt hat, dachte ich und nahm einen großen
Schluck von meinem köstlichen Rotwein.
„Danke, dass sie das denken“, sagte Weihrauch.
Ich nickte und versuchte ab sofort meine Gedanken eher
im Zaum zu halten.
„Was tun sie hier in dieser Stadt?“, fing ich an ihn zu
fragen.
„Ich spreche im Philosophenkongress vor.“
„Ach, da habe ich was darüber gelesen. Überall in der
Stadt hängen Plakate. Über was reden sie, wenn ich fragen darf?“
„Nun, ich muss ehrlich sein. Ich bin nicht gerade sehr
beliebt bei den ganzen Bartträgern. Ich bin für viele das
schwarze Schaf, wissen sie. Viele davon halten sich für
Wunderheiler, für Gedankenleser, Seher, dabei sind das
fast alles Quacksalber. Alles Scharlatane. Sie verdienen
Geld damit. Aber eben nur mit der Theorie, nicht mit der
Praxis, verstehen sie?“
Ich nickte und verstand.
„Naja, und darüber rede ich“, fuhr er fort.
„ Sie sind echt.“, sagte ich zu ihm.
„Ja“, nickte er mir bestätigend zu während er sich auf
die Suche nach einer Zigarette machte.
Er strich sich mit der Hand übers Kinn und richtete
den Blick auf etwas hinter meinem Rücken. Ich weiß, es
klingt ein wenig affektiert, doch etwas grub in meinem
Kopf. Jemand wühlte darin herum, und es bestand kein
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Zweifel daran, wer hinter diesen Attacken steckte.
Er vergewaltigt mich, dachte ich in diesem Moment.
„Verzeihung“, sagte er unvermittelt. Er errötete
leicht.
Der Druck ließ nach.
„Danke“, sagte ich erleichtert.
„Wissen sie, Herr Weihrauch, ich fühle mich manchmal so, als würde ich nicht existieren. Ich kann es nicht
gut beschreiben. Ich fühle mich manchmal so, als würde
alles, jeder Mensch, jede Person, die ich in meinem Leben bisher kennenlernen durfte, nie wirklich existiert
hätte. Kennen sie das Gefühl?“
„Es ist ganz gleich“, fasste er zusammen, „es spielt
wirklich keine Rolle. Ich habe schon seit langem, vielleicht schon mein ganzes Leben lang das Gefühl, ich wäre nur Fiktion.“
Ich nickte und dachte, dass das Leben so voller beunruhigender und schrecklicher Ereignisse besteht, dass es
vollkommen ausreicht, daneben zu stehen und zuzusehen.
„Ich kann ihnen nur viel Glück wünschen, sagte er und
probierte erneut ein flüchtiges Lächeln. Ich wünschte, ich
könnte ihnen helfen, aber ich bin nur ein Gedankenleser.
Ich kann ihre Gedanken genau so studieren wie sie selbst.
Für die Lösung ihres Problems, kann und will ich ihnen
keinen Ratschlag geben. Da muss ich sie leider alleine
lassen.“
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Wir saßen noch eine Weile zusammen, aßen vom Käseteller und tranken den Rotwein aus. Er schlug mir vor
dem Schlafengehen einen kürzeren Spaziergang vor, aber
mein Alkoholpegel war schon zu hoch, deshalb dankte
ich ihm für die Gesellschaft und wünschte ihm eine gute
Nacht. Bald lag ich wieder im Bett und als ich die Augen
schloss, spürte ich, wie das Zimmer sich langsam um
mich drehte.
Ich erkannte einen feuchten Fleck an der Decke, wie mir
jetzt auffiel. Ungefähr so groß wie eine Handfläche . Die
Form erinnerte an ein Gesicht im Profil. Ein paar Minuten lag ich da und betrachtete ihn. Ich versuchte heraus
zu bekommen, was für eine Art Gesicht das wohl sein
könne, aber ich kam nicht weit. Wahrscheinlich ist es
auch so, dass fast alles zu einem Gesicht werden kann,
wann man nur den richtigen Blickwinkel einnimmt. Mit
diesen Gedanken schlief ich ein.
Ich träumte von Weihrauch, der aus dem Fenster seines Hotelzimmers stieg und zu den Sternen flog. Das war
das Merkwürdige. Und sie werden bald wissen, wieso.
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Kapitel 9
Montag, 27. Juli
Der Mann der aus dem Fenster stieg und verschwand
Ein kurzes Intermezzo mit der Polizei
Heute vor einer Woche begann es. Eine ganze Woche ist
dies schon her, mir kommt es vor, wie ein ganzer Monat.
Aber es waren 7 Tage, es waren 168 Stunden, es waren
genau 10.080 Minuten, als ich letzten Montag in mein
Auto stieg und zur Arbeit fuhr.
Als noch alles gut war.
Doch an diesem Morgen wurde ich nicht mit Smetanas Moldau geweckt sondern durch ein lautes Hämmern
an meiner Hotelzimmertür.
„Herr Winter, sind sie da? Hier ist die Polizei von A.,
bitte machen sie auf .“
Ich schreckte auf. Polizei? Was soll die Polizei? Habe
ich etwas verbrochen? Eine Rechnung nicht bezahlt?
Einen Beamten beleidigt? Und wer zur Hölle ist Herr
Winter? Sie haben sich sicher an der Tür geirrt, dachte
ich und schloss meine Augen wieder.
„Herr Winter, bitte öffnen sie!“ Der Ton wurde aggressiver und mir fiel ein, dass ich ja unter falschem Namen hier eingecheckt war.
„Ja, Moment. Ich zieh mir nur kurz was über“, schrie
ich die Tür an.
Ich öffnete.
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Zwei Männer in Uniform standen vor meiner Tür. Ein
dicker, schwitzender Mann mit Ausweis in der Hand,
„Gestatten, Hauptkommissar Eduard Jelinek, das ist
mein Kollege Michail Barin“ er zeigte auf den Mann
hinter ihm. Ein schlanker, Einmeterneunzig großer Mann,
russische Gesichtsform stechender Blick und lichtes
Haar. Er nickte mir zu.
„Dürfen wir reinkommen?“
„Ja gerne“ entgegnete ich, „kommen sie rein.“
Mein Schädel brummte. Hatten wir gestern so viel
getrunken? Ich wusste bis auf die Käseplatte nichts mehr
vom vergangenen Abend. Demzufolge sah auch mein
Zimmer aus. Meine Kleider waren überall im Zimmer
verteilt, der Stuhl lag auf dem Boden und meine Bettwäsche war total durcheinander. Ich hätte vorher in den
Spiegel sehen sollen, dachte ich nur.
„Gefeiert gestern, hm?“ sagte der Dicke mit rotem
Kopf.
„Ja, ich glaube schon“, antwortete ich ihm.
„Wie kann ich ihnen helfen?“
Der Dicke lief ans Fenster und sofort verdunkelte sich
der Raum. Der Dünne musterte meinen offenstehenden
Kleiderschrank und ging wieder zur Tür. Wohl um sicher
zu gehen, dass ich nicht fliehe. Ich erkannte, dass Barin
einen durchsichtigen Plastikbeutel mit einem schwarzen
Gegenstand in der Hand hielt. Konnte ihn aber nicht genau erkennen.
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„Kennen Sie einen gewissen Doktor Georg Weihrauch?“, fragte Jelinek.
„Ja. Wir waren gestern zusammen essen.“, antwortete
ich, wobei mir einfiel, dass ich bis zu diesem Zeitpunkt
gar nicht wusste, dass er einen Doktortitel hatte.
„Wo?“, frage der Kommissar.
„Im Lohmann’s“, antwortete ich.
„Und dann?“
„Dann haben wir uns verabschiedet und sind auf unser
Zimmer, denke ich“
„Denken sie…“
„Ja.. ich muss sagen, ich weiß nicht mehr viel, wir
haben wohl sehr viel getrunken. Schwerer Rotwein, sie
wissen schon. Aber was ist denn? Ist ihm was passiert?“
„Nun, Georg Weihrauch wurde heute Morgen tot vor
dem Hotel gefunden.“
Mir verschlug es die Sprache.
„Tot?“, fragte ich ungläubig und musste husten.
„Er ist wohl aus dem Fenster gefallen“.
„Vielleicht auch unfreiwillig“, sagte Jelinek und
schaute dabei in den Spiegel gegenüber meines Schreibtisches.
„Oh!“ sagte ich. Ich bekam einen Magenkrampf. Alles
zog sich in mir zusammen.
„Und wie kommen sie nun auf mich?“, obwohl ich es
mir ja schon denken konnte, warum sie jetzt in meinem
Zimmer standen.
„Sie wurden gestern mit ihm als letztes gesehen“ fügte
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der Dünne hinzu und legte seine Tüte auf den Tisch.
„Kennen Sie diesen Schuh?“, fragte er mich in strengem Polizeiton.
Er zog einen schwarzen Halbschuh aus der Verpackung und wedelte damit vor meiner Nase rum.
„Das ist mein Schuh“, sagte ich. Ich erkannte ihn sofort, dunkelbraunes Wildleder.
Ich lief an mein Bett und hob den linken Gegensatz
dazu auf und legte ihn zu dem anderen auf den Tisch.
„Wo haben sie den her?“, fragte ich den Dünnen.
„Er lag bei Weihrauch in der Wohnung“, sagte Jelinek
vom Fenster aus.
„Aber wie kam er dort hin?“, fragte ich entsetzt, mein
Herz klopfte bis zum Hals.
„Nun, sehen sie, genau das wollten wir eigentlich gerne von Ihnen wissen.“
„Ich … weiß nicht … hm“. Ich fing an zu zittern.
„Könnte ich bitte ihren Ausweis sehen.“
„Ja klar“, ich sah mich um und suchte meine Hose.
Doch mein Portmonee war weg. Zum Glück hatte ich das
Geld in den hoteleigenen Safe gelegt.
Ich schaute in der der Tasche nach. Kein Geldbeutel, kein
Ausweis.
Ich fing an zu fluchen.
„Tut mir leid, ich finde meine Geldbörse nicht. Ich
muss sie verloren haben oder irgendwo verlegt. Oder ich
wurde beklaut. Ich weiß nicht mehr viel vom gestrigen
Abend. Ich war mit Weihrauch im Lohmann’s, wie gesagt Herr Hauptkommissar, aber wie wir ins Hotel zu94
rückgekommen sind, weiß ich nicht mehr. Verzeihung.
Wir hatten zu viel Wein getrunken.“
„Das ist schlecht, “ sagte Jelinek ohne jegliche Mimik
im Gesicht.
„Dann müssen wir sie leider mit aufs Revier nehmen
um ihre Identität festzustellen.“
Ich begleitete, nachdem ich mir etwas Richtiges angezogen hatte, die Herren aufs Revier. Dort angekommen
ging mir der Satz von Jelinek nicht mehr aus dem Kopf.
Dann müssen wir ihre Identität feststellen
Ich war äußerst angespannt. Wer einmal auf einem Polizeirevier saß und wartete, dem kommen Minuten wie
Stunden vor und man fühlt sich wie ein Schwerverbrecher. Auch wenn man unschuldig war. Was ich ja auch
war. Dachte ich.
Oder?
„Herr, Winter, oder wie auch immer sie heißen, haben
sie jemanden bei dem wir anrufen können um uns ihren
Identität bestätigen zu lassen, haben sie vielleicht eine
Frau oder Kinder?“
„Ich habe eine Frau. Eva Dawson“
„Dann geben sie uns doch bitte ihre Telefonnummer.“
Ich gab sie ihm. Und fügte dazu, „aber ich sollte ihnen
dazu etwas sagen?“
„Was?“
„Nun, verstehen sie bitte, ich heiße in Wirklichkeit
nicht Jacob Winter, sondern Linton Dawson.“
95
„Ach?“, Jelinek war sprachlos und seine Augen weiteten sich.
Ich fuhr weiter fort. „Ja, ich habe mich im Hotel mit
falschem Namen eingecheckt, damit mich keiner sucht,
ich, wir … ich meine, ich und meine Frau haben zur Zeit
ein wenig Probleme, sie wissen schon, kleinere bis mitteschwere Eheprobleme. Ich hielt es einfach nicht mehr
zuhause aus und musste quasi fliehen. Damit mich niemand sucht oder vermisst, dachte ich mir eben einen anderen Namen aus. Ich hoffe, das ist nicht schlimm.“
Was hatte ich für eine Wahl, ich musste es ihm sagen.
Es war ja schließlich nicht verboten.
„Danke“, er blickte mich nicht an sondern ging
schnurstracks wieder in sein Büro. Ich musste weiterhin
im Gang warten. Ich schaute den anderen Polizisten bei
ihrer Arbeit zu und kam zu dem Entschluss, dass Polizisten Arschlöcher sind.
Kurze Zeit später kam Jelinek wieder aus dem Büro.
„Herr Dausen, oder wie war der Name noch gleich?“
„Dawson, Herr Kommissar, D-A-W-S-O-N.“
Ich buchstabierte ihm meinen Namen.
„Wie auch immer, es tut mir leid, aber bei Ihnen zuhause meldet sich niemand. Haben sie die Nummer ihrer
Arbeit?“
Ich gab ihm auch diese.
„Bitte warten sie noch hier“.
Ich tat dies.
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Es dauerte. Ich trank in dieser Zwischenzeit fast vier Tassen schwarzen Kaffee, wobei mich der letzte vor Übelkeit mich fast übergeben lies. Zum Rauchen durfte ich
nicht, ich könnte ja flüchten. Na gut. Also setzte ich mich
wieder auf die kalte grau Eisenbank im Flur und betrachtete den leeren Gang des Polizeireviers von A.
Nach einer gefühlten Ewigkeit kam Jelinek wieder aus
seinem Büro. Der Schweiß hatte ganze Arbeit geleistet
und sein ehemals hellblaues Hemd in ein dunkelblaues
gefärbt. Er kam auf mich zu mit der neutralsten Miene,
die man nur haben kann.
Dann verschwand jede Erinnerung.
Ich fiel in einen Traum. Ich schrie, schlug wild um mich
und um mich herum war alles hell und weiß erleuchtet.
Es gab kein Fenster und keine Tür, alles weiß.
Wo bin ich, was tue ich. Ich hatte die Orientierung verloren.
Träume ich überhaupt? War das schon real?
Ich erwachte verdreht und wund. Lag wie ein KafkaKäfer auf dem Rücken und spürte sofort das wachsame
Auge im Guckloch. Ich war unfähig mich zu bewegen.
Ich öffnete meine Augen. Jelinek stand vor mir. Um
mich herum überall Polizisten. Ich merkte, dass ich festgebunden auf einer Bahre lag. Mein Oberkörper war
übersät von blutenden Wunden, Kratzern und Beulen.
Meine Arme waren verbunden. Alles tat weh. Ich schrie.
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„Was haben sie mit mir gemacht, Jelinek, sie
Schwein!“, brüllte ich ihn an. Er stand jedoch nur da und
zog genüsslich an seiner Zigarette.
„Wir haben Schutzmaßnahmen eingeleitet. Beziehungsweise eher einleiten müssen. Zu ihrer und unserer
Sicherheit. Haben sie das schon mal erlebt?
„Was, schon mal erlebt? Von was reden sie? Schutzmaßnahmen? Was für Schutzmaßnahmen? Jelinek, sie
Scheißkerl, ich bring‘ sie um“, schrie ich ihn an.
„Diese Anfälle“, führte der Polizist in ruhigem sonorem Ton aus, „sie schlugen wild um sich, fingen an, wirres Zeug zu reden und ständig ihren Namen zu wiederholen. Dann gingen sie auf unsere Polizeikollegen los,
schrien sie an und versuchten handgreiflich zu werden.
Daher hatten wir keine andere Wahl als sie in Gewahrsam zu nehmen. Sie bekamen auch ein kleines Sedativum
gespritzt, aber keine Angst, nichts Schlimmes.“
„Nein“ schrie ich ihn an. „Ich bin nicht verrückt!“
Jelinek und die anderen Beamten drehten sich rum und
verließen den Raum. Ich war alleine, gefangen wie ein
Panther im Käfig. Festgebunden. Mir liefen die Tränen
und ich musste an Eva denken. Ihre weichen Brüste und
ihr duftendes Haar.
Oder war es Nike?
Nach einer Weile – fragen sie mich nicht, wie lange das
gedauert hatte, ich hatte jegliches Zeitgefühl verloren,
wusste nicht mal ob Abend oder Morgen war – ging die
Tür wieder auf. Plötzlich kam mir die Erinnerung wieder,
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dass ich ja eine Waffe gekauft hatte. Wurde sie gefunden? War dies das Ende der Geschichte? Versuchter
Mord, unerlaubter Waffenbesitz, Beamtenbeleidigung…
Jelinek stand vor mir. Er sah ziemlich kaputt aus. Die
Hitze hatte ihm zu schaffen gemacht. Er räusperte sich.
„Zum allerletzten Mal. Wer. Sind. Sie?“
„Ich heiße Linton Samuel Dawson, ich wurde am 11.
August 1980 in K. geboren. Ich bin verheiratet mit Eva
Dawson, geborene Berg, meine Eltern… „
„Ja, das langt“, unterbrach mich Jelinek wieder.
„Sind sie Jude?“
„Nein!“, schrie ich ihn an.“
„Bindet ihn los“, befahl er den anderen Polizisten, die
gerade in den Raum kamen.
„Sie können gehen.“
„Wie bitte?“
„Ja, gehen Sie. Unterschreiben sie bitte das Entlassungsformular draußen und dann hauen sie bitte ab.“
„Dürfte ich fragen, warum? Haben sie meinen Chef
oder meine Frau erreicht?“ sagte ich mit krächzender
Stimme.
„Nein aber wir haben etwas gefunden.“
„Was haben sie gefunden?“, schrie ich weiter.
Jelinek, ein Profi, das merkte man sofort, holte sein Zigarettenpäckchen aus der Brusttasche seines verschwitzen
Hemdes, nahm sich eine Zigarette heraus und zündete sie
mit einem silbernen Sturmfeuerzeug an, zog genüsslich
daran, inhalierte den Rauch und blies in wieder nach
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oben aus seinen wohl schon tiefschwarzen Lungen nach
draußen. Er räusperte sich, und zog sich seine Hosen
nach Oben.
„Einen Abschiedsbrief von Herrn Weihrauch. Er lag
unter dem Schrank in seinem Hotelzimmer. Die Spurensicherung hat ihn erst jetzt entdeckt. Damit ist der Fall
klar. Er hat sich umgebracht und sich selbst über den
kleinen Balkon gestürzt. Er hatte schwere Depressionen.
Wir wissen zwar nicht weshalb wir ihren Schuh in seinem Zimmer fanden, aber das hat nun keine Bedeutung
mehr. Also machen sie, dass sie Land gewinnen, Herr –
wie auch immer.“
„Als ich ihn gestern getroffen hatte, wirkte er nicht
gerade depressiv und todessehnsüchtig. Kann ich mir
nicht erklären“, sagte ich zu Jelinek als ich aus der Tür
des Polizeireviers ging.
„Hauen sie ab, Dawson. Ich kann ihr Gesicht nicht
mehr sehen“, kam nur zurück.
Ich war wiedermal eine Stufe verwirrter.
Nike, Winckler, Aomame, Weihrauch, Jelinek.
Mein Weg ging weiter.
100
Kapitel 10
Nancy
Ich heiße Linton Samuel Dawson und ich habe eine Geliebte, die Nancy Goertz heißt.
Wenn man einen Scherz machen möchte, kann man
sagen, dass Nancy nur zwei hervorragende Eigenschaften
hat und das sind ihre Brüste.
Das ist natürlich übertrieben, aber dennoch ist ein
Körnchen Wahrheit darin. Auch wenn es sicher Männer
gibt, die sich eine Geliebte wegen ihrer intellektuellen
Fähigkeiten halten, so gehöre ich nun einmal nicht zu
ihnen. Auf jeden Fall ist Nancy ein liebes, freundliches
Mädchen, und ihm Bett übertrifft sie die meisten. Zumindest die meisten, mit denen ich zu tun gehabt habe,
was einiges heißen will, aber nicht alles.
Wir lernten uns während meines ersten Krankenhausaufenthaltes im Winter 2005 in K. kennen. Es war eine sehr
erotische Geschichte. Ich weiß, dass sie immer noch ab
und zu einige Drogen nimmt, doch das hat sie unter Kontrolle und ich bin keiner der moralisiert. Womit sie Geld
verdient weiß ich nicht aber ihre hauptsächlichen Einnahmen kommen wohl von ihren Liebhabern, wenn sie
verstehen, was ich meine.
Wir sind vier Stück an der Zahl. Es ist mir schon klar,
dass es einige unter ihnen geben wird, die so ein Arrangement nach ihren eigenen Werten beurteilen, aber ich
101
bitte sie dieses eine Mal ein wenig großzügig zu sein.
Ich treffe Nancy also jede zweite oder dritte Woche, und
genauso tun es die Anderen. Insgesamt geht Nancy also
mit ihren Liebhabern sechs oder vielleicht sieben Mal im
Monat ins Bett. Wie ich finde, eine normale Quote.
Worauf ich hinaus will: Mir kam der Gedanke, dass es
vielleicht besser gewesen wäre, wenn ich Nancys Nummer angegeben hätte. Irgendwie schien sie mir zuverlässiger als Eva, meine Ehefrau. Ich weiß nicht, woher mir
diese Idee kam, und ich weiß auch nicht, ob das ein neuer
Gedanke war oder ob er bereits die ganze Zeit vorhanden
gewesen und mir erst jetzt auf Grund meiner kritischen
und ungewöhnlichen Lage gekommen war. Dass ich
Nancy mehr vertraute als Eva, meine ich.
Nancys Haut ist immer warm, müssen sie wissen, und
manchmal wenn wir uns lieben, habe ich die Empfindung, dass sie eigentlich mehr vom Leben weiß als jeder
andere Mensch, den ich kenne. Ich glaube sogar behaupten zu können, dass ich niemals einen bösen Gedanken
über sie gedacht oder zu ihr ein böses Wort gesagt habe.
Das ist doch etwas sonderbar, finden sie nicht auch?
Auf diesen Schreck mit der Polizei hin, brauchte ich
eine kleine Abwechslung. Ich ging in eine Bar neben
dem Revier, Jimmy’s Inn, es war zwar erst 11 Uhr, aber
ich hatte große Lust mich hoffnungslos zu betrinken. In
dieser Kneipe saßen drei Männer mittleren Alters. Sie
hatten keinen Kontakt untereinander, ganz im Gegenteil,
102
sie saßen jeweils mit zwei Stühlen zwischen sich, den
Rücken dem leeren Lokal zugewandt, den Blick auf die
Flaschenbatterie in der Bar. Der Barkeeper, ein um einiges jüngerer, muskulöser Mann in weißen T-Shirt und
mit Pferdeschwanz, stand auch allein da, rauchend, und
in einer Art verwaschener Aufmerksamkeit seinen Blick
auf die stummen Bilder eines Boxkampfes auf einem
kleinen Fernsehapparat gerichtet, der unter der Decke
hing. Der Kampf war eine Wiederholung von letzter
Nacht, ich erinnere mich, die Werbung dafür gesehen zu
haben. Einer der Boxkämpfer kam angeblich hier aus der
Gegend.
Ich bekam Blickkontakt mit dem Kellner und bestellte
mir einen Malt Whiskey.
„Mit Eis?“
„Für wen halten sie mich?“, antwortete ich mit genervtem Blick.
Ich ließ mich neben einem der drei Männer nieder –
da die Anzahl der Barhocker auf sieben begrenzt war,
gab es keinen Platz mehr für Einsamkeit - und bekam
mein Glas. Trank es in zwei Zügen aus und bat um ein
neues.
Ich blickte nur starr nach vorne. Ins Leere.
Ich hatte bis zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht richtig realisiert, dass Weihrauch gestorben war. Selbstmord
also. Er hat auf mich so ruhig und mit sich selbst im Reinen gewirkt. Aber die Wahrheit zeigt sich eben nicht
immer auf den ersten Blick.
Wie auch immer.
103
Ich bestellte mir, angetrunken wie ich nun war, eine extrem scharfe Gulaschsuppe (der Kellner warnte mich sogar), ließ sie aber stehen, weil ich von dem Geruch mich
direkt auf der Toilette übergeben musste. Ich bezahlte
und lies mich mit dem Taxi zum nächsten Supermarkt
bringen, sagte dem Fahrer, er solle kurz warten. Kaufte
eine Flasche schottischen Whiskey, eine Stange Zigaretten und eine Rätsel2000-Zeitschrift, mit eine der besten,
wenn auch teuersten Rätselzeitschriften unseres Landes.
Als ich am Hotel ankam, dem Taxifahrer ein üppiges
Trinkgeld daließ und in mein Zimmer ging, war es plötzlich aufgeräumt. Ich erschrak. Rannte runter zur Zentrale
und fragte:
„Entschuldigung, war während meiner Abwesenheit
jemand auf meinem Zimmer“
„Nur die Putzfrau“ antwortete die freundliche Dame
am Empfang.
„Ach so, ja, Entschuldigung.“
Ich fasste mir an den Kopf. Natürlich.
Die Schuhe, jetzt wieder komplett, nebeneinander vor
dem Bett stehend, der Stuhl am Tisch stehend, das Bett
frisch gemacht. Schön! Ich öffnete den Safe, meine
Glock lag noch genauso jungfräulich darin, wie ich sie
tags zuvor reingelegt hatte.
Ich setzte mich auf den Stuhl, goss mir ein Glas Whiskey ein und schlug meine Rätsel2000 auf und fing gleich
an. Wolle lieferndes Kleintier mit 15 Buchstaben.
104
Als es dunkel wurde und ich Hunger bekam ging ich
raus. Ich wusste, dass es morgen soweit sein würde.
Morgen. Die Luft war klar. Es kühlte ein bisschen ab. Ich
holte mir ein Eis (Vanille und Erdbeere mit Sahne) und
trank einen Kaffee in einem italienischen Café um die
Ecke, dessen Namen ich mittlerweile allerdings vergessen hatte. Ich verspürte keine große Lust, etwas zu essen,
ging jedoch hinein und bestellte mir einen Cappuccino.
Zwei Vorstadtfrauen kamen und tranken grüne Drinks
mit langen Strohhalmen. Ich rauchte zwei Zigaretten. In
der Ferne waren erste Blitze zu sehen und die Temperatur
kühlte sich an diesem Abend merklich ab.
Wieder im Hotel zog ich den Collegeblock aus meiner
Tasche, zückte meinen Stift, dann goss ich mir ein Glas
Whiskey in ein Glas und begann zu trinken und zu
schreiben. Beides maßlos.
Der Holunder blühte bereits, waren meine ersten
Worte. Ich hatte immer noch das Gefühl, meine Erlebnisse seit Montag letzter Woche festhalten zu müssen. Die
Ereignisse nötigten mich regelrecht dazu, zu schreiben.
Und diesmal fiel mir auch ein wenig ein.
Ich schrieb meinen Namen ein paar Mal auf ein Stück
weißes Papier.
Ich heiße Linton Samuel Dawson.
Linton Samuel.
Später, es war schon finstere Nacht, duschte ich mich und
schlief sofort ein.
105
Um 3.14 Uhr wachte ich auf. Ich musste von Nancy geträumt haben, denn ich spürte tierisches Verlangen nach
ihrer Gegenwart und ihrem engelsgleichen Körper. Ich
wählte ihre Nummer, die ich in meinem Handy als Notrufzentrale abgespeichert hatte, bekam aber ein mulmiges
Gefühl, da es mitten in der Nacht war.
Sie hob ab.
„Goertz“, krächzte eine gerade durch mich erwachte
Nancy mir entgegen.
„Hier ist Linton, hey Nancy...“
„Herrgott, Linton, was willst du? Es ist drei Uhr in der
Früh.“, unterbrach sie mich.
„Darf ich heute Abend mit einer Flasche Bordeaux zu
dir kommen?“, unterbrach ich sie, angeheitert durch den
Whiskey.
„Heute Abend?“, erwiderte sie verwundert. „Aber du
warst doch erst gestern hier.“
Es war 3.17 Uhr.
Wolfsstunde.
106
Kapitel 11
1991
Schuld und Sühne
Ein Erlebnis meiner Kindheit.
Ich wuchs als Einzelkind in einem wohl behüteten Elternhaus auf, meine Eltern gingen jeden Sonntag in die
Kirche und in mir wuchs ein sehr starker Gerechtigkeitssinn auf. Ich erinnere mich sogar, dass ich in meinen ersten sieben Lebensjahren den dringenden Wunsch hatte,
Pfarrer zu werden, vielleicht auch Richter. Es lag mir
etwas an dieser Macht. Wie gesagt, mein Gerechtigkeitssinn was aufs Prächtigste entwickelt. Das Gute bekommt
eine Belohnung, das Schlechte eine Strafe. Dass so etwas
wie Ungerechtigkeit überhaupt existieren könnte, hielt
ich nicht nur für unwahrscheinlich, sondern gar für unmöglich. Zumindest in unserem Teil der Welt.
Das war mein Kinderglaube, und der reichte bis zu
einem gewissen Herbsttag in meinem zehnten Lebensjahr.
Mein damaliger treuer Freund und Gefährte Erik, ein für
sein Alter sehr großer Junge, ein Ass im Sport spielte mit
mir nach der Schule des Öfteren ein bisschen Fußball vor
dem Lehrgebäude. Einen richtigen Bolzplatz wurde erst
viele Jahre später gebaut, also spielten wir im Innenhof
der Schule. Vielleicht auch deswegen damit uns die
Mädchen, die Nachmittagsunterricht hatten, beobachten
107
konnten und wir uns sportlich attraktiv zeigen konnten.
So war der Deal. Meine damalige Freundin Juliana hatte
ich dadurch zum Beispiel kennen gelernt. Doch irgendwann änderte sich alles. Es begann alles mit einem harmlosen Fehlschuss Eriks.
Es war Winter, unsere Knochen waren kalt und irgendwie hatten wir auch nicht recht Lust zu spielen, aber
Eriks Mutter, die ihn normalerweise von der Schule abholen sollte, hatte mit ihm ausgemacht, dass er 5-10 Minuten warten solle, sie müsse noch was erledigen. Also
spielten wir. Wir knobelten zuerst die Seite aus. Ich gewann, also bekam ich die Seite, in der das Tor die Eingangstür der Schule darstellte, der Verlierer, in diesem
Fall Erik, musste sich sein Tor selbst bauen, aus Ästen,
Tannenzapfen, Manchmal auch seinen eigenen Schuhen
– das war unsere Regel.
Nach etwa zwei Minuten dribbelte mich Erik gekonnt,
wie er es im Sportverein gelernt hatte, aus und zog ab.
Ich sah nicht nach hinten, weil ich mir sicher war, er
würde das Tor treffen, doch er traf es nicht. Es ließ einen
lauten Knall und als ich mich zum Tor hin umdrehte lag
die ganze zwei Meter große Scheibe, des Fensters neben
dem Tor in Tausend Einzelteile auf dem Boden. Erik
hielt die Hände über den Kopf und ich erkannte Tränen
in seinen Augen. Ich schrie ihn an.
„Komm, weg hier.“ Wir rannten die Straße hinunter
wo schon seine Mutter auf uns wartete. Wir stiegen ein
und sagten auf der ganzen Fahr kein Wort.
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In unserer kindlichen Naivität dachten wir uns natürlich,
dass niemand diesen Unfall bemerkt hatte und am nächsten Morgen die Scheibe wieder wie neu in den Fugen
hängen würde. Aber leider hatte uns unsere Biologielehrerin beim Spielen gesehen, nur wusste sie nicht, wer den
Schuss abgab. Sie kam morgens zur ersten Stunde ins
Klassenzimmer und fragte, wer dies gewesen sei. Erik
wollte gerade aufstehen und sich melden, als ich ihm zu
vorkam und sagte „Ich war‘s“.
Unsere damalige Klassenlehrerin Lehrerin, Frau Schiller, schickte mich zum Hausmeister, dass ich mich bei
ihm entschuldigen sollte. Ich fragte, ob ich noch jemanden mitnehmen durfte, als Beistand.
„Aber sicher doch“, sagte Frau Schiller und deutete
auf Erik.
Erik war schockiert. Und fragte mich, warum ich das
getan hatte, wobei er doch der Schuldige war.
„Lass mich nur machen Erik“, antwortete ich ihm darauf.
Wir gingen in den Keller, und traten in die Werkstube
unseres Hausmeisters ein. Der ganze Raum roch nach Öl
und Metall und der Hausmeister selbst, wie immer unrasiert und dreckig, eine Mischung aus Klapperschlange
und Adolf Hitler, hatte man damals immer gesagt, legte
seine Feile beiseite.
„Da seid ihr ja, ich habe schon auf euch gewartet.“
Die Pfeife hing ihm im Mundwinkel und ich war der
Meinung, noch nie in meinem Leben etwas Schreckliche109
res gesehen zu haben. Ich spürte wie Eriks Hand nach
meiner Griff und sie anfing zu zittern..
„Nun?“, bellte er uns an. „So, wer war das? Wer hat diese Scheiße hier angestellt?“, raunzte er uns zu.
Während rieb er sich die Hände an seiner blauen Latzhose trocken.
„Einer von uns hat die Scheibe zerschlagen“, sagte
ich.
„Einer von euch?“ Er räusperte sich und fuhr weiter
fort, “und wer von euch Bengeln?“
„Na, das war wohl ich“, sagte ich und lächelte. Eriks
Blick sprach Bände, es war, als wäre er in diesem Moment zu Eis erstarrt.
„Das glaube ich gern.“
„Leg dich auf den Tisch.“
Er drehte sich und kramte nach den Lederriemen aus einer seiner unzähligen Schubladen.
Als er gerade anfangen wollte, seine Strafe an mir zu
verüben schrie ich.
„Stopp!“, schrie ich.
„Was zum Teufel…“
„Ich war es nicht. Ich habe nur Spaß gemacht, er war
es.“
„Verdammt noch mal, was…“
Ich grinste und nickte Erik aufmunternd zu. Aber dann
traf das ein, was meinen Kinderglauben auf einmal zerstörte.
Vielleicht ahnen sie es schon.
110
Erik fing fast an zu heulen, als ihn der Hausmeister anschrie.
„Stimmt das?“
„Ja“, winselte Erik und schaute dabei auf den Boden.
Das ganze endete damit, dass wir beide unsere Strafe
bekamen. Er, weil er das Fenster zerbrochen hatte und
ich, weil ich geschwindelt hatte. Zudem bekam ich 2
Wochen Putzdienst aufgedrückt.
Er bekam 15 Schläge. Ich ebenso viele dafür.
Und während ich von der Polizei abgeführt wurde musste
ich an den Hausmeister denken. Aus Dankbarkeit. Zwar
war es so, dass ich einem Missverständnis zum Opfer
gefallen war aber welchen Grund hatte ich, irgendein
Vertrauen zu verspüren. Welche Argumente gab es
schon, die dafür sprachen, dass die Dinge wirklich aufgeklärt wurden?
Keine. Die Welt – das hatte ich gelernt, ist eine verdammt gutgläubige Geschichte, und die einzigen, die
einigermaßen zurechtkommen, sind die, die sich auf das
Schlimmste gefasst machen. Wenn sie einmal überlegen,
dann bin ich mir sicher, dass sie mir diesbezüglich Recht
geben, auch wenn ihr eigenes Leben bis zum Rand mit
Trost und Positivem angefüllt ist. Wenn sie zu denen
gehören, die die Ausnahme bilden, meine ich. Doch früher oder später, glauben sie mir, da fallen sie auch unter
die Regel.
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Kapitel 12
Dienstag, 28. Juli
Vorbereitungen
Fakt 6: Nancy also auch.
Ich musste mich vorbereiten, so viel stand fest. Ich
wusste zwar noch aus meiner Armeezeit, wie man mit
einer Schusswaffe umging, aber der beste Schütze war
ich nie. Eher einer der schlechtesten, was zugegebener
Weise an meiner wackeligen Hand lag. Mitte Zwanzig
schon anfangen zu zittern, ist kein gutes Zeichen für spätere volle Gesundheit, aber ich schweife ab. Mal wieder.
Ich muss sagen, mir ist es auch nicht wohl dabei, davon
zu erzählen, aber es muss sein, verstehen Sie?
A man’s gotta do what a man’s gotta do.
Über die Vorgehensweise dieses Handelns wusste ich
schon alles (nur fehlt mir noch ein passender Begriff. Als
meine größte Schwäche ist es nämlich immer noch, manche Dinge einfach beim Namen zu nennen). Es kam mir
gestern vor dem Einschlafen. Ich kenne den Weg, den er
läuft, wenn er auf dem Heimweg ist, ich kenne jeden
Zentimeter dieser Gegend.
Er wird sein Auto in der Ringstraße abstellen, und die
kleine Abkürzung über die Böttchergasse nehmen, ein
kleiner Weg, aber es spart einem fast 50 Meter.
Dort wird es passieren.
112
Ich fuhr früh morgens mit der Buslinie 23b raus ins Naturschutzgebiet, lief ein paar Schritte in den Wald hinein,
der dort, nach vorigen Auskundschaften sehr dicht bewachsen war und suchte mir einen geeigneten Platz.
Auf einem der Baumstümpfe mitten im dichten Gehölz packte ich alles aus. Pistole, Munition, Magazin und
natürlich den Cognac, Zigaretten und Streichhölzer. Die
Sonne war gerade dabei, aufzugehen und man konnte die
morgendliche Wärme schon spüren. Auch den Tau sah
man noch. Wäre ich Fotograf gewesen, wäre das sicher
ein gute Motiv gewesen. Ich war der einzige Mensch auf
diesem Fleckchen Erde und es war, bis auf irgendwelches
Knistern und Rascheln in den Büschen mucksmäuschenstill. Doch diese Ruhe würde nicht lange Bestand haben.
Ich setze die Patronen in die Hülse, zielte ins Nichts und
drückte ab. Der Rückstoß riss mir die Arme hoch, und
einen Moment fühlte ich mich eher als Zielscheibe denn
als Schütze.
Ein ohrenbetäubender Knall durchbrach die Ruhe des
Waldes. Ob man diesen Knall bis nach A. gehört hat?
Oder gar noch weiter? Und wenn schon, es gibt hier ja
auch Jäger. Schweiß ronn mir von der Stirn. Ich probierte
es nochmal. Ich ging etwa 15 Meter von einem Baum
entfernt nach hinten – die Entfernung sollte passen – und
schoss nochmal. Meine Ohren hatten sich nun daran gewöhnt. Das Projektil traf in den Baum und blieb stecken.
Ich bekam ein leichtes Grinsen ins Gesicht. Geht doch,
dachte ich mir. Ich hatte mein Ziel getroffen.
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Ich kam zu den Entschluss, das Töten eine ziemlich
einfache Sache ist. Oder nicht? Obwohl das Leben so
überwältigend in seinem jahrelangen Verlauf ist – beendet durch einen einfachen Klick.
Ich packte mein Werkzeug wieder ein und fuhr mit
dem Bus, in dem immer noch der gleiche Busfahrer saß,
wieder zurück ins Hotel. Ich versuchte so unauffällig wie
möglich zu sein, aber insgeheim wusste ich, dass das der
falsche Gedanke war.
Kennen Sie die Situation, spät nach Hause ins Schlafzimmer zu kommen und so leise wie nur möglich zu sein,
damit man die Ehefrau nicht aufwecken will und gerade
deshalb - natürlich völlig unbeabsichtigt – die Blumenvase, mitsamt Inhalt, umstößt und sich das Bein anstößt,
weil man auch kein Licht machen will? Ja ich bin mir
sicher, dass Sie diese Szenerie auch so gut kennen. Deshalb ist es besser, so zu tun, als wäre alles wie immer.
Blieb nur noch den Zeitpunkt festzulegen. Ich musste
wissen wann er kam. Ich wollte natürlich nicht umsonst
warten und unverrichteter Dinge zurückfahren müssen.
Und an welchem Tag? Ich dachte über viele Faktoren
nach, die eigentlich gar nicht so relevant in diesem Zusammenhang sind: den Stand der Sonne, die Anzahl der
Menschen auf den Straßen, den Busfahrplan … entscheide mich schließlich für Freitag, vielleicht weil heute
Dienstag ist und ich keine Eile habe von hier fort zu
kommen. Überhaupt keine Eile, um ganz ehrlich zu sein.
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Ich zähle die leeren Seiten. Es blieben mir nur noch fünf.
Fünf Tage und Fünf Seiten. Vielleicht ist das ein guter
Fingerzeig.
Freitag also.
Keine weiteren Ablenkungen.
Nur noch die endgültige Lösung.
115
Kapitel 13
Mittwoch 29. Juli
Inferno in der Böttchergasse
Es war genau 9 Uhr. Ich rief in meinem Büro an und
fragte nach mir.
„Ja der ist da, einen Moment. Wie darf ich sie vorstellen?“, fragte mich die Frau am Empfang.
„Ich bin Herr Sommer, Firma Reichelmann AG aus
München, es geht um etwas sehr Wichtiges.“
„Einen Moment bitte, ich stelle sie durch.“
Es dauerte einen kurzen Moment bis ich seine Stimme
hörte.
„Dawson?“.
Ich legte auf. Er war am Arbeitsplatz. Es war so wie immer. Er würde um 16 Uhr das Gebäude verlassen. Und
13 oder 15 Minuten später - je nach dem - zuhause bei
Eva, meiner Frau, in K. sein.
Oder auch nicht.
Alles geht seinen Weg.
Ich packte meinen Koffer, schaute ein letztes Mal über
den prächtigen Marktplatz und stieg in den Bus nach A.
ein.
Punkt 16 Uhr stieg ich an der Haltestelle „St. Florian
Kirche" aus. Ich hatte noch eine knappe Viertelstunde
Zeit um mich vorzubereiten.
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Ich lud das Magazin ganz auf. Ich werde nur eine Kugel
benötigen dachte ich mir zwar, aber sicher ist sicher. Ich
sah mich noch einmal um. Es war kein Mensch auf der
Straße. Die Sonne brannte vom Himmel, es war eigentlich kaum aufzuhalten, so heiß war es.
16.10 Uhr. Ich machte mir einen Spaß daraus zu überlegen, ob er in drei oder in fünf Minuten kommen würde, je
nach Ampelschaltung. Ich tippte auf fünf. Erfahrungsgemäß.
Nach exakt drei Minuten sah ich den schwarzen VW
Passat einparken. Wie immer. Immer der gleiche Parkplatz. Er stieg aus, schloss ab, überprüfte nochmal alle
Türen – Sicherheitsfanatiker, ich weiß - und lief dann auf
die Böttchergasse zu.
Ich versteckte mich hinter einem Altglascontainer, als
ich bemerkte, wie die Übelkeit langsam in mir hochstieg.
Jetzt bog er ein und ging geradewegs auf mich zu.
Meine Finger lagen über dem Abzug und ich lud die
Glock durch. Ich zählte von fünf bis null und machte
dann den entscheidenden Schritt in sein Sichtfeld.
117
Kapitel 14
Erwachen
Ich hörte unterschiedliche, dennoch mir bekannte Stimmen.
„Er öffnet seine Augen, sehen sie.“
„Herr Dawson?“
Ich öffnete die Augen und sah auf den ersten Blick
vier Menschen um mich herum stehen, es sah nach Krankenhaus aus und es roch nach Desinfektionsmittel.
Ich erkannte einen Arzt und eine Krankenschwester
im weißen Kittel und die Polizisten aus A., Jelinek und
Barin. Das erste Gefühl, an das ich mich erinnerte, waren
unerhörte Schmerzen und dass ich meinen rechten Arm
nicht mehr spürte.
„Sind sie wach?“, fragte mich der bärtige Mann im
weißen Kittel.
„Können Sie mich hören?“
Er fuchtelte mit seiner Hand vor meinem Gesicht herum
und ich blinzelte dabei.
„Ja“, krächzte ich. Meine Stimme war eingerostet und
ich bekam einen Hustenanfall.
„Sie wurden von einem Passanten niedergeschossen,
können sie sich an irgendetwas erinnern?“
„Nein, nur dass ich von der Arbeit nach Hause kam.
Ich weiß noch, wie ich aus meinem Fahrzeug stieg und
eine Abkürzung nahm. Ich hörte wie mir irgendwer ir118
gendetwas zurief. Dann fehlt mir jede Erinnerung.“
„Wir wurden durch einen anonymen Hinweis darauf
aufmerksam gemacht, dass jemand vorhatte, sie umzubringen, deshalb waren wir schnell auch am Tatort.“,
sagte Barin.
„Wer war es?“, fragte ich mit brüchiger Stimme in die
Runde.
„Wir kennen seinen Namen nicht, er hatte keine Papiere bei sich, aber er hatte verblüffende Ähnlichkeit mit
ihnen“, sagte Jelinek.
„Wir mussten auf ihn schießen, da er wild um sich
geschossen hatte und auch noch dabei war, andere Passanten zu bedrohen. Es sah nach einer Art Amoklauf
aus.“
„Hm“, murmelte ich und nickte.
„Als wir sie fanden, hatten Sie einige vollgeschriebene
Blätter unter dem Arm. Schreiben sie ein Buch?“, fragte
Jelinek?
„Ach“, sagte ich, „das ist nur ein Hobby. Ich schreibe
gelegentlich Geschichten. Haben sie das gelesen?“
„Nur ein wenig herum geblättert als wir hier gewartet
haben während sie operiert wurden. Wir sehen uns. Machen sie es gut, Herr Dawson.“
Sie verabschiedeten sich und verließen gemeinsam mit
dem Arzt und der Krankenschwester das Zimmer. Draußen sah ich sie angestrengt mit dem Doktor gestikulieren.
Ich verstand aber keine Silbe und trank einen Schluck
Wasser.
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Epilog
Ich schließe die Augen.
Lasse mich in die Kissen fallen und hole ein paar Mal
tief Luft. Spüre plötzlich eine große Dankbarkeit. Eine
Erleichterung darüber, dass jetzt wohl alles vorbei ist.
Vorsichtig betaste ich meine verletzte Schuler. Der
ganze Arm ist unbrauchbar, da gibt es keinen Zweifel.
Ich suche in der Aktentasche. Finde einen Stift. Fange an
zu schreiben. Es ist mühsam mit der falschen Hand…
sieht auch nicht schön aus, aber es wird schon gehen.
Diese Abgründe. Dieses schwarze Loch.
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