Christvesper Heiligabend 2014, Martinskirche Predigt zu Lukas 2,1

Christvesper Heiligabend 2014, Martinskirche
Predigt zu Lukas 2,1-20, Pfarrerin Regina Reuter-Aller
Jesu Geburt
1 Es begab sich aber zu der Zeit, dass ein Gebot von dem Kaiser Augustus ausging, dass alle
Welt geschätzt würde. 2 Und diese Schätzung war die allererste und geschah zur Zeit, da
Quirinius Statthalter in Syrien war. 3 Und jedermann ging, dass er sich schätzen ließe, ein
jeder in seine Stadt. 4 Da machte sich auf auch Josef aus Galiläa, aus der Stadt Nazareth, in
das jüdische Land zur Stadt Davids, die da heißt Bethlehem, weil er aus dem Hause und
Geschlechte Davids war, 5 damit er sich schätzen ließe mit Maria, seinem vertrauten Weibe;
die war schwanger. 6 Und als sie dort waren, kam die Zeit, dass sie gebären sollte. 7 Und sie
gebar ihren ersten Sohn und wickelte ihn in Windeln und legte ihn in eine Krippe; denn sie
hatten sonst keinen Raum in der Herberge.
8Und es waren Hirten in derselben Gegend auf dem Felde bei den Hürden, die hüteten des
Nachts ihre Herde. 9 Und der Engel des Herrn trat zu ihnen, und die Klarheit des Herrn
leuchtete um sie; und sie fürchteten sich sehr. 10 Und der Engel sprach zu ihnen: Fürchtet
euch nicht! Siehe, ich verkündige euch große Freude, die allem Volk widerfahren wird; 11
denn euch ist heute der Heiland geboren, welcher ist Christus, der Herr, in der Stadt
Davids. 12U nd das habt zum Zeichen: Ihr werdet finden das Kind in Windeln gewickelt und
in einer Krippe liegen. 13 Und alsbald war da bei dem Engel die Menge der himmlischen
Heerscharen, die lobten Gott und sprachen: 14 Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf
Erden bei den Menschen seines Wohlgefallens.
15 Und als die Engel von ihnen gen Himmel fuhren, sprachen die Hirten untereinander: Lasst
uns nun gehen nach Bethlehem und die Geschichte sehen, die da geschehen ist, die uns der
Herr kundgetan hat. 16 Und sie kamen eilend und fanden beide, Maria und Josef, dazu das
Kind in der Krippe liegen. 17 Als sie es aber gesehen hatten, breiteten sie das Wort aus, das
zu ihnen von diesem Kinde gesagt war. 18 Und alle, vor die es kam, wunderten sich über das,
was ihnen die Hirten gesagt hatten. 19 Maria aber behielt alle diese Worte und bewegte sie
in ihrem Herzen. 20 Und die Hirten kehrten wieder um, priesen und lobten Gott für alles,
was sie gehört und gesehen hatten, wie denn zu ihnen gesagt war.
Liebe Gemeinde,
I.
Was für ein Kind kommt da zur Welt im Stall von Bethlehem? - „3500g schwer und 50 cm
lang“? Wenn ein Kind geboren wird, wird es zunächst einmal gewogen und gemessen.
Jedenfalls ist das heutzutage so. Man reagiert auf das Wunder mit Zahlen. Als wenn das
Wunder damit fassbar und greifbar und beherrschbar würde.
Kaiser Augustus in Rom hat auch zählen lassen. Nämlich seine Untertanen in seinem ganzen
römischen Weltreich. Alle Welt sollte „geschätzt“ werden.
Wurde das Jesuskind mitgezählt?
Und wenn ja, welche Nummer hatte es?
Oder hüpfte es aus der Reihe?
Entspricht es vielleicht der Zahl Pi: 3,14 15 92 65 … usw.?
Oder war er das Ergebnis einer Sternenkombination und exakter astronomischer
Berechnungen, wie sie die Weisen aus dem Morgenland anstellten?
Wer die Zahlen hat, hat die Macht. Oder meint sie zu haben.
Aber die Zahlen geben wenig her über sein Leben.
Allzu viele gibt es sowieso nicht
30 Jahre alt geworden, 40 Tage Fasten in der Wüste.
1 bis 2 Jahre Tätigkeit als Wanderprediger,
6 Stunden am Kreuz.
3 Tage im Grab.
Während der Kaiser die Welt durchnummeriert und damit seine Macht sichern möchte, wird
Gott ein Mensch und nimmt einen Namen an. Jesus. Ein Name statt Zahlen! Und eine
Freude, keine Zwangsbeglückung, eine Freude, die „allem Volk“ widerfahren soll. Und wenn
denn ein Zahlzeichen auf dieses Kind zutreffen sollte, dann eine liegende 8, das Zeichen für
„unendlich“. Das Zeichen für die Unfassbarkeit, für die unermessliche Liebe für das Wunder,
das im Neugeborenen in der Krippe ansichtig wird. Gott misst die Welt nicht. Er liebt sie.
Und damit sollte damals gesagt sein: „Friede auf Erden“ kommt nicht vom Kaiser in Rom;
„Friede auf Erden“ kommt von Gott, der ein Mensch wird in diesem Kind. Friede kommt
vom verheißenen jüdischen Messias. So geht Gottes Königsweg.
Und was soll für heute gesagt sein? Das gleiche. Vertraut im letzten auf keine weltliche
Macht und ihre Heilsversprechen! Friede auf Erden im umfassenden Sinn wird kein Obama,
kein Putin, kein Assad, kein Kim Jong und wie sie alle heißen, noch ein anderer Potentat
geben können. Friede wird nicht in Drohgebärden und Muskelspielen, nicht in der
Selbstbehauptung, im Ausgrenzen und Kleinmachen oder gar Ausschalten der Gegner.
Friede wird im Miteinander und in gegenseitiger Achtung: Wenn die Menschlichkeit siegt für
Christen und Muslime, Angehöriger anderer Religionen, Humanisten und Atheisten. Einfach
für Menschen. Das soll an jedem Ort sein. Das kann an jedem Ort sein. Die
Weihnachtsbotschaft kann jedenfalls nicht dazu instrumentalisiert werden, Menschen
auszugrenzen, schon gar nicht Menschen, die als Flüchtlinge und traumatisiert zu uns
kommen und einen sicheren Ort suchen.
II.
Die Menschlichkeit ist Gottes Weg. Gott hat genau diesen Königsweg gewählt. Gott wurde
ein Mensch. Und was für einer?! Ein Kind!
In Windeln gewickelt, in einer Krippe. Drei mal berichtet der Evangelist Lukas in seinem
Evangelium, dass Jesus einfach da liegt: in der Krippe, als die Engel sangen und die Hirten
kamen; später im Boot, 8,22, als der Sturm tobte und die Jünger um ihr Leben ruderten; und
dann im Grab, 23,53, als die Feinde triumphierten und die Frauen trauerten.
Mit ein wenig mehr Engagement, Glanz und Glamour und etwas gewaltiger stellt man sich
einen König schon vor, oder? Besonders in den Situationen, wenn man fragen muss: Warum
unternimmt denn Gott nichts gegen … Warum verhindert er nicht …Warum tut er nicht …
???
Die Antwort, die von Kind in der Krippe herkommt, lautet: Sieh hin! Er ist da! Ganz nah.
Ganz präsent und ganz gegenwärtig: In der Krippe, an all den armseligen Orten ist er da. In
den Stürmen des Lebens ist er da. Ja selbst bei den Toten ist er da.
Und ist das nicht etwas vom hilfreichsten was es überhaupt geben kann, wenn einer oder
eine da ist und zur Stelle ist und nicht weicht? Der Retter in der Not. Die Ruhe im Sturm.
Ein lebendiges Zeugnis trotz dem vielen Tod? Der Name des Kindes in der Krippe sagt es:
Jesus, auf hebr. Jeschua. Das bedeutet: Gott rettet.
Wenn die Not am Höchsten ist. Dann sei Gott am nächsten, sagt ein altes Sprichwort.
III.
Eine Geburt kann ja auch zu so einer Notsituation werden:
Einer der großen Chansoniers, (nicht Udo Jürgens, es war Reinhard Mey) dichtete über den
Tag seiner Geburt, seinen Geburtstag 21. Dezember 1942
Den ersten hab‘ ich verschlafen, so hat man es mir erzählt.
Als die ersten Bomben fielen, kam ich grade auf die Welt,
Als es splitterte und krachte, alles hastete und schrie.
Ich sah aus, als ob ich lachte, happy birthday to me!
„Happy birthday to me.“ So singt er freilich Jahre später.
Was wäre das für ein Weihnachten, wenn die heute und in diesen Tagen geborenen Kinder
einmal rückblickend auf ihr Leben sagen könnten. „Happy Birthday to me.“
All die Kinder in der Kälte des Nordiraks, in den Flüchtlingslagern in Jordanien, in der
Unsicherheit in der Ukraine, im Sudan. Die Ebolawaisen und Aidswaisen in den Ländern
Afrikas. All die Kinder, die an den vielen unwirtlichen Orten auf unserer Erde das Licht der
Welt erblicken und aufwachsen müssen.
„Happy birthday to me.“ Oder wie das so beliebte Weihnachtslied Stille Nacht, heilige Nacht
vom Jesuskind singt: „Gottes Sohn, o wie lacht, …“
Gott machte keine Ausnahme mit seiner Geburt: Alles war auf den Beinen in jener Zeit.
Überall war Hast und Eile, Hektik und Betrieb mit Volkszählung und überfüllten Gasthäusern.
Es blieb nur eine Notunterkunft im Stall, nicht gerade komfortable Voraussetzungen für eine
Erstgebärende. Und dann wurde es doch noch eine „stille Nacht“. Es wurde eine Stille und
ein Friede, wie wir sie vom Anblick eines schlafenden Kindes kennen. „Gottes Sohn, o wie
lacht….“. Romantik pur kann damit nicht gemeint sein!
IV.
Die biblische Geschichte geht ja anders. Da sind Furcht und Schrecken, als der Engel den
Hirten erscheint und der Himmel über sie hereinbricht. Furcht und Schrecken über die
überwältigende Größe Gottes, die nur Gott selbst nehmen kann, indem er spricht: „Fürchtet
euch nicht. … denn euch ist heute der Heiland geboren“, sagt der Engel.
Dieses Kind ist also „für euch“. „Für Euch“ – das waren die Hirten, das war und ist alles Volk,
das sind wir heute. Dieses Kind ist also „für euch“. Das ist uns gesagt, auch das „Fürchtet
euch nicht:“ Wer dieses Wort aufnimmt wird um sein Leben nicht mehr diese tiefe letzte
Angst haben. Das Leben ruht weder in der eigenen Hand, noch in der Hand eines anderen –
damals nicht in der Hand des Kaisers in Rom, heute nicht in der Hand eines aktuellen
Weltenherrschers. Es ruht auch nicht in der Hand der Götter in Weiß, der Ärzte noch in der
Hand anderer, von denen man meint sie hätten die Macht über einen Das Leben ruht allein
in Gottes Hand. „Fürchtet euch nicht. Euch ist heute der Heiland geboren.“
Das Ende der Furcht ist der Anfang der Freiheit.
Die Hirten glaubten den Engeln und verließen die Herde und fanden das Kind. Es gibt kaum
eine Krippendarstellung, auf der nicht die Hirten knien und das Kind in der Krippe anbeten.
Ehrfurcht heißt das. Ehrfurcht ist die einzig angemessene Form der Furcht Gott gegenüber.
Die Hirten knien vor dem Kind. Mit ihrer Haltung sagen sie: „Man muss Gott mehr
gehorchen als den Menschen.“ Apg. 5,29.
Die Hirten, Maria und Josef knien vor dem Kind in der Krippe. Vor Christus, dem Herrn. Eine
wahrhaft weihnachtliche Szene!
So wird Weihnachten, wenn ein Mensch nicht mehr vor einer falschen weltlichen- oder
religiösen Machtinstanz mehr in die Knie geht oder in die Knie gezwungen wird.
So wird Weihnachten, wenn ein Mensch allein aus Gottesfurcht, aus Ehrfurcht vor Gott und
Ehrfurcht vor dem Leben, das er geschaffen hat, in die Knie geht.
Wenn ein Mensch allein die Macht der Liebe anbetet, wie sie sich im Kind in der Krippe und
in seinem späteren Leben offenbart: in seiner hingebenden Liebe zu den Kranken, den
Armen und an den Rand gedrängten. Zu den Schuldiggewordenen und aus dem Leben
Verstoßenen.
V.
Wollen wir davon singen und sagen?! Auch heute. So wie die Engel oder so wie die Hirten!
Erst sangen die Engel „vom Himmel hoch“. Dann sangen die Hirten und breiteten das Wort
aus, das ihnen von diesem Kinde gesagt war. Vielleicht sangen sie wenig schön mit ihren
brummigen und rauen Stimmen. Vielleicht sprachen sie ungelenk und gar nicht gelehrt und
fein oder gar ausgewogen. Wie es eben ist, wenn man hin und weg ist und ganz ergriffen.
Aber sie taten es sicher ganz wunderbar. Wunderbarer selbst als die Engel. Nicht als
Wutbürger, sondern erfüllt von Freude. So dass man spürte, es kommt von Herzen. Merken
Sie etwas? Die Hirten wurden selber zu Engeln, zu Boten. Denn dieses Kind war ein Geschenk
des Himmels für sie.
Und wo sie heute unterwegs sind, die Hirten oder die Weihnachtsboten, gehen sie an den
Flüchtlingsunterkünfte, den Krankenhäuser und den Gefängnissen und den Armen und
Elenden nicht vorbei. Überall soll Bescherung sein!
VI.
Christsein heißt, sich etwas schenken zu lassen, habe ich gelesen – und natürlich sofort
gedacht, aber man muss doch auch etwas tun. Sicher, es gibt viel zu tun.
Aber das Leben und den Glauben kann man sich nur schenken lassen.
Im letzten sind wir Beschenkte. Das befreit von der Machbarkeit und der Berechenbarkeit
des eigenen Lebens. Meistens kommt es eh anders, als man denkt und plant. Mit den
Geschenken, mit der Stimmung heute Abend. Mit dem ganzen Fest. Perfekte Weihnachten
gibt es sowieso nur in der Werbung und in schlechten Filmen. Auch sonst im Leben findet
man selten das, was man dachte. Maria nicht. Josef nicht, die Hirten nicht, die Weisen aus
dem Morgenland nicht. Aber es befreit, wenn man das Empfangene als gut und schön aus
Gottes Hand annehmen kann.
Mal ehrlich, wäre es besser geworden, hätte Maria dem Engel bei der Ankündigung der
Geburt geantwortet: „Ach Gabriel, das wäre doch nicht nötig gewesen. Ihr sollt euch
meinetwegen nicht solche Mühe machen.“
Und als das Kind da war, hätte sie da sagen sollen:
„Eigentlich wäre mir ein Mädchen lieber gewesen.
Am liebsten eine Miriam.“
„Und wenn schon der Retter der Welt, dann bitte nicht im Stall.“
Und als die Weisen aus dem Morgenland ihre Geschenke brachten sagte sie auch nicht:
„Oh, wie nett, danke, ich pack das später aus.“
Maria sagte: „Ich bin die des Herrn Magd; mir geschehe, wie du gesagt hast.“
Christsein heißt sich etwas schenken lassen. Können wir das mitsprechen und Gottes
Geschenk annehmen. Ja! So soll es sein! Ja und Amen!
Amen